Corona Tagebuch – Tag 29

Tag 29. Ich hoffe, das stimmt so, ich muss das gleich nochmal überprüfen. Neunundzwanzig Tage schon! Und wir kriegen nochmal vier Wochen Verlängerung, nochmal 28 Tage. Der 11. Mai ist jetzt als vorläufiges Ende der harten Ausgangsbeschränkungen festgesetzt worden. Sie wissen das natürlich schon, Präsident Macron hat es gestern Abend verkündet und es war sogar gestern schon in den deutschen Medien. Wenn Sie es ein bisschen ausführlicher, wenn auch auf Französisch haben wollen, dann klicken Sie hier. Er gibt zu, dass Frankreich nicht gut vorbereitet war auf diese Krise, und dass es Fehler und Unzulänglichkeiten gegeben habe. Sein Ton ist nicht mehr so kriegerisch, er bemüht sich väterlich zu sein, bedankt sich bei den Franzosen, dass sie, obwohl sie als undiszipliniert gelten, dieses Mal diszipliniert seien. Auch wenn es eine leichte Besserung der Situation gebe, so sei die Lage im Großraum Paris und dem „Osten“ Frankreichs, also dem Elsass, noch immer angespannt, weshalb die Ausgangssperre aufrechterhalten werden müsse. Es sei nicht leicht, gibt er vor zu wissen, vor allem, wenn man zu mehreren in einer kleinen Wohnung bleiben müsse. Er spricht von häuslicher Gewalt, aber auch von Einsamkeit und Schmerz und davon, dass es möglich werden soll, Sterbende wieder besuchen und von ihnen Abschied nehmen zu dürfen.

Am 11. Mai sollen zunächst Schulen und Kindergärten wieder öffnen, weil zu viele Kinder in prekären Situationen vom Homeschooling nicht erreicht werden; sie weder die Mittel haben noch von den Eltern Unterstützung erfahren. Alles andere, Bistros, Cafés, Restaurants, Hotels, Museen und Kinos bleiben vorläufig noch geschlossen. Konzerte und Festivals soll es nicht vor Juli geben. Auch die Hochschulen werden erst zum Herbst wieder geöffnet. Aber immerhin ist der 11. Mai der Tag, an dem endlich genug Tests und Masken vorrätig sein werden, um zumindest die Menschen, die Symptome zeigen, testen zu können. Masken werden sukzessive zugeteilt und Maskentragen in öffentlichen Verkehrsmitteln zum Beispiel wird Pflicht. Risikopatienten sollen jedoch auch nach dem 11. Mai noch nicht wieder ungeschränkt hinausgehen.

Dann spricht Macron von Hilfen für Arbeiter, Arbeitnehmer und Unternehmer, die gewährt werden sollen, unbürokratisch und schnell; er bittet darum, dass Banken und Versicherungen kooperativ seien; er werde darüber wachen. Außerdem gibt er zu, dass die Menschen, die gerade am schwersten arbeiten, am schlechtesten bezahlt werden, und dass man das überdenken müsse. „Erfinden wir uns neu“, sagt er. „Ich als erstes.“

Diese Kehrtwendung zum Sozialen ist das Ungewöhnlichste. Wir erinnern uns alle an Situationen, in denen Macron mit einer gewissen Arroganz Krankenschwestern, die sich über die kaputtgesparte Arbeitsituation in Krankenhäusern beschwert haben, abgekanzelt hat, und einem Langszeitarbeitslosen sagte, er solle „einfach die Straßenseite wechseln, es gebe dort Arbeit“. Aber es sind „nur Worte“ heißt es heute überall. „Schöne Worte“. Man müsse abwarten, was davon wirklich umgesetzt werde.

In einem Artikel in der Zeitung Marianne (politisch links) wird die Länge der Rede Macrons kritisiert. Wahre Staatsmänner reden kurz, heißt es. De Gaulle habe einen, zwei oder drei Sätze gesagt. Die Queen habe gerade mal vier Minuten gesprochen. Wahre Autorität zeige sich in der Kürze. Die 27 Minuten von Macron werden ihm als Schwäche ausgelegt: „Je mehr man rede, desto weniger Tat gebe es“.

 

Auch unser Bürgermeister kritisiert offen die Entscheidung des Präsidenten (er gehört nicht derselben Partei an, logisch), er findet die Schulöffnung problematisch, und hat einen offenen Brief an alle Bürgermeister der Region verfasst, damit ihre Stimmen gemeinsam gehört werden, um die Entscheidung Macrons rückgängig zu machen. Deutlich wird hier auf jeden Fall wieder das Problem der Zentralisierung und der Dezentralisierung Frankreich, die nicht bis zum Ende gedacht wurde; die Schulen gehören heute in den Verantwortungsbereich der Gemeinden, aber die Entscheidungen werden national, von Paris aus gefällt. Was aber für Paris richtig ist, ist es nicht unbedingt für den Süden oder für den ländlichen Raum.

Der Bürgermeister versucht ebenso eine Entschädigung für sämtliche Hotels und Restaurants zu erwirken, denn in Cannes leben 80% der Bevölkerung vom Tourismus.

 

Etwas anderes, ich habe gestern ein sehr schönes Video von Christine Frischmuth gesehen, Sie erinnern sich, das Mode-Label vom Bodensee. Ich befürchte, es ist außerhalb von Facebook nicht abrufbar. Sie sprach so voller Liebe und Herzblut von ihrer Arbeit, es war sehr berührend. Sie wisse von jedem Knopf, jedem Garn und jedem Reißverschluss in ihrer Produktion, wo er herstamme, sagt sie und sie zeigte einen der schönen Jaquardstoffe (mit Federmuster), die in Frankreich noch richtig gewebt werden (und nicht etwa bedruckt). Ihre Einstellung, weniger und langlebigere Mode herzustellen, wird jetzt auch von den Größeren aufgenommen: Giorgio Armani sagte in einem Interview mit der Zeitschrift Vogue und in einem Brief an WWD, eine kommerzielle Zeitschrift der Modeindustrie, er wolle so wie bisher nicht mehr arbeiten, es sei unmoralisch. Er habe immer an zeitlose Eleganz geglaubt und er finde die Schnelllebigkeit absurd und unmoralisch. Die Modeshows findet er Geldverschwendung, unangebracht und sogar vulgär. Auch er sagt, es sei Zeit sich neu zu erfinden; die wichtigste Lektion dieser Krise sei, zu verlangsamen und zu eine menschliche Dimension zurückzufinden. (gefunden auf FB bei Gina Beltrami via Katrin Weinstock-Aroldi) Ich hoffe, es sind auch bei ihm nicht nur Worte.

Zeitlose, nachhaltige Mode zu machen und das unter fairen Arbeitsbedingungen sind etwas, was Christine Frischmuth mit ihrem Label schon seit 15 Jahren lebt. Ich bin mehr denn je entschlossen, bei frischmut.de etwas zu erwerben.

 

Hoffen wir, dass Dalida nicht Recht behält.

Sie verzeihen die heutige Form, ich habe wiederkehrend ein Internetproblem. Ich bin gerade sehr genervt.


Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Kommentare zu Corona Tagebuch – Tag 29

  1. Reiner Wadel sagt:

    Bei mir kommt der Post dreifach an. Da läuft wirklich was schief mit dem Intetnet oder so.

    • dreher sagt:

      Oder so. :D Danke für die schnelle Rückmeldung.
      Fehler durch Zeitüberschreitung immer und immer wieder bei jedem Speichern, das Video ließ sich nicht einbetten, ich kopiere zwischen und schließe, ich öffne und kopiere aus der Zwischenablage und das alte WordPresssystem übernimmt und alles sieht grauenhaft aus. Ich lösche (glaube ich) und kopiere … usw. nervig

  2. Croco sagt:

    Ich LIEBE dieses Lied. Danke.

  3. Caroline bahri sagt:

    Aber schau dir die Models bei Frischmuth doch mal an: keines trägt über Größe 36! Wer passt da denn rein? Also ich nicht und 240 € ist mir für ein Kleid einfach zu viel Geld.

    • dreher sagt:

      Über die fehlenden Größen habe ich ihr geschrieben; ich finde ihre Mode für mich auch nicht tragbar, ich brauche andere Farben und Schnitte, das nimmt ihrer Arbeitsweise aber nichts.

    • Marion sagt:

      Mir ist ebenfalls aufgefallen, dass es nur bis Gr. 42 geht. Ich trage Gr. 46 bzw. XL (bin außerdem sehr groß). Den Stil von frischmut finde ich auch hübsch und feminin, aber es ist frustierend, wenn sich Labels (zumal mitteleuropäische) sich nicht ebenso an Körperform und -größe normaler Frauen orientieren. Hochpreisig sind sie auch. Aber selbst hier in D habe ich oft wenig Auswahl, seufz…

      • dreher sagt:

        Vielleicht gibt es ein anderes deutsches Label, das vom Stil und den Größen besser zu uns passt, ich bin nun aber mal bei ihr hängengeblieben und frischmut ist nur ein Beispiel, eines kleinen Unternehmens und für andere Arbeitsweise und Nachhaltigkeit; für diese „neuen“ Ideen wird Giorgio Armani gerade als „König“ gefeiert, bei dem ich übrigens auch nichts zum Anziehen finde.
        Christine Frischmuth ist selbst eine schmale, mädchenhafte Frau, und hat vermutlich entsprechende Frauen im Kopf beim Entwerfen.
        Ich habe letztes Jahr „Boden“ entdeckt, ein englisches Versandhaus. Not too bad.

  4. Mumbai sagt:

    Wuerde das in Zukunft umgesetzt werden, was Macron und andere Politiker spaet aber doch erkennen, waere das wirklich eine schoene neue Welt. (ich meine nicht die von
    A.Huxley) .Aber sprechen tun ja jetzt alle viel. Vor allem versprechen. Da faellt mir Konfuzius ein…die, die reden wissen nicht, die die wissen, sprechen nicht. Wie auch immer ein Umdenken ist absolut notwendig sonst koennen wir das Klimaproblem aber auch die Wirtschaft nicht mehr auffangen.
    Wenn ich jedoch lese ….dieses Jahr -7% aber 2021 + 1.2% meine ich, dass wir alle von dem „nochmehrhabenwollen“ weil es anscheinend noch immer nicht genug ist, nicht wegkommen wollen. Koennen ja, aber es waere Opferbereitschaft, Verzicht und Vernunft notwendig. …Was die Mode egal von Fr.Frischmuth oder Armani betrifft, so sollten wir auch ueberlegen, was und wieviel man braucht. Bin aber dafuer, dass man bessere aber daher auch wenigere Waren anschaffen sollte. Nachhaltigkeit….moechte zu all dem noch viel sagen, aber …reden ist Silber, schweigen Gold. Letzteres ist auch nicht immer angebracht. …uebrigens bekomme ich Ihre tgl. Beitraege ohne Problem.