Corona Tagebuch – Tag 30

Ach. Eigentlich habe ich keine Lust mehr auf das Thema. Ich habe auch diese meckrigen Kommentare in den sozialen Medien so satt. Ich mag da gar nicht mehr hinklicken. Die Zahlen sind auch schrecklich. Wir haben etwa genauso viel Fälle wie in Deutschland (da wir aber nicht testen aus Mangel an Tests, kann es auch viel schlimmer sein), aber wir haben definitiv fünfmal so viel Tote wie Deutschland. Weswegen Sie gleich viel mehr dürfen als wir. Wie wir noch weitere vier Wochen Ausgangssperre aushalten, wurde ich heute gefragt. Ich weiß auch nicht. Jeden Tag nur diesen einen Tag bewusst leben und nicht in die Zukunft abdriften, die sowieso „flou“ ist, unsicher, vage. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Aber es geht weiter. Und vermutlich wird es gar nicht sehr viel anders sein wie vorher auch. In Nizza werden schon wieder Handtaschen und Halsketten gestohlen. Von irgendwas muss man ja leben. Auch die Kleinkriminalität erlebt eine Flaute

Es wird kein Filmfestival geben dieses Jahr, kein Jazz in Juan les Pins, kein Theaterfestival in Avignon, die Tour de France soll immerhin nur verschoben werden auf Ende August. Der Bürgermeister sagt, dass es ihm derzeit wichtiger ist Menschenleben zu retten, als Schauspieler über den roten Teppich laufen zu sehen, fordert aber dennoch einen „Marshallplan“ für die Côte d’Azur, denn der Tourismussektor bricht gerade zusammen. Das betrifft in der Region über 600 Hotels, 87 Ferienzentren und knapp 6000 Restaurants; davon sind 75000 Arbeitsplätze direkt betroffen und ebensoviele indirekt. 11 Millionen Touristen haben wir jährlich in unserem Departement (zusammen mit Monaco), über die Hälfte davon aus dem Ausland. Von mir aus könnte das ruhig alles deutlich weniger sein, ich glaube, auch in Venedig vermisst niemand wirklich die vulgären Kreuzfahrtschiffe. Aber nun ja, man hat sich hier auf den Tourismus eingeschossen. Als wir neulich über die stillen Pfade durch Cannes liefen, sagte ich zu Monsieur, dass mir Cannes so wirklich gut gefiele. Er seufzte. „So war es noch vor 50 Jahren“, sagte er. „Vor 50 Jahren war das Leben in Cannes wirklich angenehm.“

Hier können Sie in drei Minuten über das ausgestorbene Cannes fliegen.

Oder einmal in Echtzeit mit dem Rad über die edle Croisette, vorbei am Hotel Majestic, Carlton und Martinez und zurück über die ausgestorbene Rue d’Antibes. Sehr trist, weil auch das Wetter trüb war. Ich komme da nicht hin, das sieht mein 1km-Radius nicht vor, aber ich werde sicher noch ein bisschen irgendwo rumlaufen. Hab ja noch vier Wochen Zeit. Lerne deine Stadt kennen.

Rumlaufen tun auch andere, derzeit vor allem an eher unbevölkerten Orten. In Köln läuft ja auch Niels schon seit ein paar Jahren alle Straßen ab. Das Projekt „Ganz Köln“ wollte ich damals kopieren, mir kamen aber die Attentate und die damit verbundenen extremen Sicherheitsvorkehrungen und die plötzlich sehr misstrauischen Leute dazwischen. Und dann schlicht das Leben, und die Arbeit, die immer mehr wurde.

Ich lasse es für heute mal damit bewenden. Ein kleines Konzert noch zum abendlichen Ausklang.

Ich hoffe, Sie hatten einen guten Tag. Passen Sie auf sich auf! Bis morgen!

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13 Kommentare zu Corona Tagebuch – Tag 30

  1. Birgit sagt:

    Liebe Christiane, ich freue mich jeden Tag auf deinen „Lagebericht“. Es ist wirklich frustrierend in dieser Zeit. Alle hoffen, dass wir schnell wieder etwas Normalität leben können. Die Zahlen in Frankreich sind erschreckend und Eure Ausgangsbeschränkungen auf einen Kilometer sind deprimierend. Das ist bei uns natürlich besser. Wir können uns in einem Radius von 15 Km bewegen, aber alles außer Lebensmittelgeschäfte und Apotheken ist geschlossen. Wir kennen jetzt in Dresden jeden Stein. Meine Mutter, die im Pflegeheim lebt, kontaktiere ich nur per Skype, was natürlich ihrem Alter (93) geschuldet sehr schwierig ist. Die Schwiegermutter lebt nebenan, sie müssen wir mit versorgen, sie lässt keine Fremden in die Wohnung. Die Enkel haben wir auch schon seit Februar nicht mehr gesehen. Unser Urlaub ans Mittelmeer ist in weiter Ferne. Da wir nun auch schon über 70 sind, fehlt uns nun die Freiheit. Wir wissen ja nicht, wie lange wir noch unserem Hobby Camping frönen können. Heute haben wir von unserer Regierung die Verlängerung der Einschränkungen bis Mai und länger verkündet bekommen. Wir werden das mit Rotwein wegspülen. Hoffen wir, dass wir gesund durch die Zeit kommen.
    LG Birgit aus Dresden

  2. Reiner Wadel sagt:

    Vielen Dank für ihre tägliche „Lifeschaltung“ aus Cannes.
    Ich wundere mich immer noch über die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland (auch Österreich) bei den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.
    Während in Frankreich es quasi eine Ausgangssperre gibt und die Maßnahme bis Mai verlängert wurde, fährt die österreichische Regierung die Kontrollen zurück und auch in Deutschland denkt man daran, langsam die Restriktionen zu lockern.

    Dabei hat es Frankreich trotz der scharfen Ausgangsbeschränkungen kaum weniger Infektionen gegeben als in Deutschland, aber erheblich mehr Todesfälle.
    Der Stand von heute 17:00 Uhr laut Johns Hopkins University:
    Infizierte F: 130 253 D: 132 321
    Todesfälle F: 15 729 D: 3502
    “Mir will es net in de Kopp enei”, würde der Hesse sagen.

    • dreher sagt:

      Danke fürs tägliche Lesen!
      Das mit den Zahlen sagte ich doch genau so, oder?
      Österreich steht sehr viel besser da! Deswegen können die auch schon lockerer werden.
      Guhde nach Hessen!

    • Wolfram sagt:

      Statistiken sind immer nur so gut wie die Zahlen, auf denen sie beruhen, und die Grundlagen, auf denen die Zahlen erhoben werden. Das heißt konkret, man kann Deutschland und Frankreich nicht vergleichen, weil in beiden Ländern nach völlig verschiedenen Maßstäben getestet wurde und wird. Aus dem einfachen Grund, daß Frankreich heute noch viel zu wenig Test-Kits hat und produziert, um mit Deutschland auch nur ansatzweise Schritt halten zu können.
      Neulich las ich einen Artikel darüber. Der beschrieb auch, wie anders man – nicht zuletzt wegen der Testmöglichkeiten – in Deutschland mit dem Virus umgehen kann. Da wird getestet, wer mit Infizierten in Kontakt war, und wird ab positivem Test beobachtet. Und schon bevor die Symptome eine Intensivbehandlung nach französischem Maßstab notwendig machen, wird in Deutschland ins KH eingewiesen und kann anders behandelt werden, als wenn die Patienten zuhause sind. Dadurch sind viele Erkrankungen anders verlaufen als in Frankreich, wo seit Jahren die KH kaputtgespart werden und „zuhause hospitalisiert“ wird. Wenn man mal bedenkt, daß allein Baden-Württemberg fast so viele Intensivbetten hat wie ganz Frankreich…

      Dazu kommt, und das bedingt den anderen politischen Umgang mit der Pandemie, eine ganz andere Volksmentalität. Die Bundeskanzlerin hält eine Ansprache, in der sie den Menschen erklärt, was es bedeutet, wenn je Infiziertem eine oder 1,1 oder 1,2 Neuinfektionen kommen. Es wird sachlich dargelegt, auf Verständnis gebaut – und das klappt (einigermaßen). In Frankreich geht das nicht. Hier wird gar nichts erklärt, es würde auch keiner zuhören, es wird Emotion durchs Land gescheucht. Emotion hat aber noch nie vernünftiges Verhalten erzeugt. Also muß mit Verboten gearbeitet werden. Dazu kommt, daß die Franzosen seit dem Ancien Régime ihre Einstellung zur Regierung nicht wesentlich verändert haben. Es sind immer noch „die da oben“, die „uns hier unten“ regieren. Nur daß an die Stelle des Erbadels die ENA, die Ecole Nationale d’Administration getreten ist. Und daß man alle fünf Jahre mal den König wählen darf.
      Macron war angetreten mit dem Anspruch, dieses System zu revolutionieren. Aber das Volk ist dafür nicht bereit; es sucht lieber Leute, die ihm sagen, was gut ist. So wie Marine Le Pen. Und so wie ein Gymnasiallehrer mir vor Jahren aus seiner Abiturklasse erzählte: er hatte ein Gedicht vorgestellt, und die Schüler haben von ihm erwartet, daß er ihnen sagt, ob das Gedicht schön ist.
      (Daß das System der Education Nationale genau diese Unmündigkeit fördert und sich gegen jede Reform wehrt, weil man dann ja selbst in Frage gestellt würde, steht auf dem nächsten Blatt. Aber wenn ich das aufschlage, reesch isch misch uff. Wie man in Hessen sagt.)

      • Croco sagt:

        Danke, das erklärt so vieles.
        Christian Drosten hat erklärt, warum wir eine relativ niedrige Todesrate gaben. Erstens haben wir mehr Infizierte, weil wir immer die Kette entlang testen. Anderswo gibt es die auch, aber die Infektion ist nicht nachgewiesen.
        Zweitens hatten wir recht junge Erstinfizierte, sportliche Skifahrer halt, und die haben die Infektion gut überstanden. Das Durschnittsalter betrug 43 Jahre zu Anfang.
        Weiß man, warum sich im Elsaß und in Lothringen so viele infiziert haben?

        • dreher sagt:

          Das würde ich auch gerne Wolfram erklären lassen ;)

          Offenbar gab es Mitte Februar im Elsass eine Versammlung einer evangelikalen Vereinigung „La porte ouverte“, dort trafen 2000 Jugendliche aufeinander, darunter ein paar die infiziert waren und die nicht nur die „Gute Nachricht“ sondern auch den Virus großzügig verteilten, den dann alle später zu sich nach Hause (auch nach Korsika!) trugen.
          Ein (anderer) evangelischer Pfarrer hat das Virus offenbar aus dem Elsass in die Hautes Alpes getragen.
          Es heißt, das viele religiöse Versammlungen / Menschen an Pilgerorten den Virus verbreiten halfen.

          • Croco sagt:

            Was bei uns Starkbier und Karneval war, ist bei Euch die Religion. Aber jetzt verstehe ich, warum die Evangelikalen hier so reagieren. Die Mennoniten und die Baptisten verbingen ja das ganze Wochenende in Großgruppen in ihren Zentren. So gab es im Bergischen Land vor ein paar Wochen Masernfälle genau in dieser Gruppe.

  3. Beate sagt:

    Hallo Christiane, ich gehe nie ins Bett ohne nachzulesen, was es bei dir neues gibt. Aber du hast Recht, allmählich wird das Thema ermüdend. Ich will einfach nix mehr darüber hören, ich will dass es vorbei ist!
    Die Fotos und Videos aus den ausgestorbenen Städten sind surreal, wie nach (oder vor) einem Atomschlag ? Man kann es nicht begreifen, es ist so unnatürlich, weil ungewohnt. Und die täglichen Zahlen-Updates (Leichenzählen) finde ich enorm belastend.
    Dennoch müssen wir durchhalten – egal wie lange es noch dauert. Bitte schreib weiter, so fühle ich mich mit dir verbunden. Letztlich sitzen wir alle imselben Boot.
    Guts Nächtle und LG vom Bodensee

  4. Caroline Bahri sagt:

    Danke dir für die schrecklich schönen Videos der leeren Straßen. Wo findest Du nur immer so wunderbare interessante Sachen?
    Guck doch auch mal bei Ulla Popken nach Mode. Die haben auch ein Geschäft in Nizza. Wenn alles vorbei ist, können wir da ja mal hin, ich habe bestimmt zugenommen, so ohne viel Bewegung… – manger bouger ist gerade nicht
    Außerdem habe ich mich bei Duval fest gelesen. Echt spannend!

    Bisous

  5. Claudia Pollmann sagt:

    Hallo Christiane, danke für dein tägliches Update. Da wir ja einen größeren Bewegungsradius haben genieße ich die täglichen langen Wanderungen und die absolute Ruhe. Die wird mir nach der Krise tatsächlich fehlen. Ein leeres Allgäu – irgendwie herrlich …..
    LG Claudia

  6. Reiner Wadel sagt:

    Danke! Jetzt wird mir vieles klarer.

  7. Sunni sagt:

    Ach, ja, es ist schon erschreckend und frustrierend. Wir sind eigentlich nicht so froh über Lockerungen hier, denn da ich 3 Leute direkt in der Familie in sehr, sehr verantwortungsvoller medizinischer Stelle mit Einsicht über den eigenen Erlebnisrand weit hinweg habe, weiß ich: Es hört sich relativ gut an, es ist aber eben auch nicht so gut, wie man meint.Das Gesundheitswesen hier funktionierte gut, die Tests allerdings unzuverlässig und getestet wurde nicht mal jeder mit Verdacht. Man munkelt in Medizinerkreisen, dass die Infektionszahl mal 10 zu nehmen sei, mindestens, denn viele mit relativ der Influenza vergleichbaren Symptomen wurden nicht getestet, es ging mir selbst so, der einen Tochter, dem Enkelkind….Also Zahlen sind überall wohl eher Schall und Rauch. Meine andere Tochter sitzt alleinerziehend seit 6 (erst 2 Wochen eigene uarantäne trotz zweier negativer Tests, dann die Schulschließungen) Wochen mit 6 jüngeren Kindern (7 und 10) zuhause und muss täglich mindestens 8 Stunden homeoffice absolvieren.Gestern schrieb sie zum ersten Mal:Ich mag nicht mehr, ich will mal mit einem Erwachsenen reden, eine Tasse Kaffee trinken…Ich kann sie so gut verstehen. Da Grundschulkinder und die 5.-8. Klasse wohl noch mindestens 5-6 Wochen warten müssen, wenn dann überhaupt die Schule beginnt, bleibt die Situation unverändert, dazu kommen finanzielle Sorgen, da der Vater der Kinder in Italien seit 6 Wochen nichts verdient, also auch an Unterhalt in jeglicher Form nicht zu denken ist, aber ein sehr beträchtlicher Kredit zu zahlen ist. Ich mache täglich mit der Großen 2-2,5 Std homeschooling per Telefon, damit die Tochter einigermaßen in Ruhe wichtige gerichtsverwertbare Gutachten schreiben kann, zwischendrin Haushalt, Essen, mit den Kindern mal in den Garten, sie spielen lassen….Und noch ist ja keineswegs klar, ob uns nicht eine 2. Welle droht, denn die Fälle von Wiederansteckung sind bisher unklar. Wir zwei „Alten“ versuchen so „zufrieden wie möglich“ zu leben, mit den ganz normalen Dingen im Haushalt, Lesen, Reden, Aufräumen und manchmal murmeln „Was für ein verdammter Mist“. Ich denke, unsere Situationen gleichen sich alle irgendwo. Und ob nun großzügigere Lockerungen wirklich der rechte Schritt sind…Wer will es wissen? Drücken wir uns die Daumen, halten wir uns fest an dem, was wir haben : solch ein schönes Frühjahr, Essen und Trinken, viele einen/e Partner(in), Medien zum kommunizieren, Telefone…und die Musik! Herzlichst und mit besten Wünschen, Sunni