Corona Tagebuch – Tag 31

Vielen herzlichen Dank für alle Ihre Kommentare zum letzten Tagebucheintrag und den erläuternden Gastkommentar von Wolfram, der die Situation in Frankreich grundsätzlich beleuchtet.

Ich wollte gestern nicht so betrübt klingen, wie es wohl den Anschein hatte. Ich kann nur wiederholen, was ich schon ganz zu Anfang der Ausgangssperre schrieb: wir sind in einer privilegierten Situation; wir haben eine ausreichend große Wohnung, haben Strom und warmes Wasser und Internet (das allerdings und insbesondere abends schwächelt, grrr, aber grundsätzlich ist es da), wir sind gesund, bekommen eingekauft und vertragen uns. Für mich persönlich hat sich gar nicht so viel geändert, ich saß schon immer die meiste Zeit drin und am Esstisch und schrieb, selbst bei bestem Wetter. So auch jetzt. Der pensionierte Gatte war auch vorher schon zu Hause. Die Katze hat es sowieso am liebsten, wenn wir alle da sind und zu ihrer Verfügung stehen (Fressen, Streicheln). Ich habe nur grundsätzlich das Thema, diese Zahlenhysterie und das Gezänk überall satt. Alle wissen alles besser, meckern über die Maßnahmen, die „natürlich“ nicht angemessen sind und über die Politiker, über „die da oben“ und vor allem über Macron (siehe Kommentar von Wolfram). Und diese Verschwörungstheoretiker, die glauben, dass es diesen Virus nicht gibt, und dass die Ausgangssperre nur ein Test ist, um zu sehen, was man mit uns noch alles machen kann. All das habe ich satt. Vier weitere Wochen zuhause, die werden wir hinkriegen. Der Ein-Kilometer-Radius, erscheint mir nicht so dramatisch, weil er uns immerhin bis zum Meer führt. Ansonsten rudere ich jetzt neuerdings auch im Hinterhof.

Gerade aber wird im Fernsehen erörtert, dass die Menschen über 70 zu ihrem eigenen Schutz bis Ende des Jahres zu Hause bleiben sollen! Wenn sie das hier durchsetzen, das stelle ich mir dann tatsächlich anstrengend vor.

Im Internet bin ich heute gleich zweimal über den Aufruf zur deutsch-französischen Grenzöffnung gestolpert. Die Deutschen, die an der französischen Grenze leben, aber wollen das nicht. Da gibt es Handgreiflichkeiten, man wirft Eier auf die Franzosen und beschimpft sie, sie sollten in ihrem Corona-Land bleiben.

Bei Herrn Buddenbohm bin ich heute über eine amüsante Geschichte über das „wer drückt auf den Ampelknopf in Zeiten von Corona“ gestoßen. Das würde ein guter Comedie-Akt, wenn ich hier je so etwas machen möchte: Deutsche an der Ampel. Franzosen an der Ampel. Ich hatte da schonmal drüber geschrieben, aber ich finde es nicht mehr, aber Franzosen an der Ampel gibt es so gut wie gar nicht. Oder nur kurzzeitig, dann sind alle schon losgelaufen, ohne auf irgendwelche Knöpfe zu drücken. Und von wegen „Nur bei Grün der Kinder wegen!“ – ich war häufig die einzige, die wegen irgendwelcher Kinder stehenblieb, während deren Mutter sie schnellschnell bei Rot hinüberscheuchte. In Frankfurt hat man Monsieur und mir empört hinterhergerufen, dass es „Hallo! So aber nicht gehe“, als wir bei Rot die Straße überquerten. „Was wollte er?“, fragte Monsieur. „Dass wir nicht bei Rot gehen sollen“, erklärte ich. „Quoi?“ Monsieur wollte es nicht glauben.

Croco und ich, wir haben gestern (unabgesprochen und jede bei sich) „Drei Tage in Quiberon“ gesehen, ein Film über ein Interview mit Romy Schneider. Croco findet Marie Bäumer nicht überzeugend, Monsieur schlief sogar dabei ein. Nur ich, die ich den Film hier schon seinerzeit im Kino gesehen habe, bin auch zum zweiten Mal davon gefangengenommen.

Croco schreibt dann, wie sehr sie die zugebaute Côte d’Azur schockiert hat, die sie in den von mir verlinkten Filmen gesehen hat. Mich hat das Mitte der Achtziger Jahre schon schockiert, als ich zum ersten Mal an der Côte d’Azur war. Ich dachte, auch darüber bereits geschrieben zu haben, aber auch das finde ich gerade nicht mehr. Mitte der Achtziger reiste ich mit meinem damaligen Freund langsam von Dorf zu Dorf und von Campingplatz zu Campingplatz und peu à peu in den Süden. Wir paddelten auf der Ardèche mit einem Klepper Faltboot herum und da waren damals schon viele Menschen und dennoch war es wundervoll. Wir wanderten durch die Gorges du Verdon und saßen auf lauschigen Platanenbestandenen Plätzen in kleine Dörfern herum. Und ich wollte von Anfang an nur an die Côte d’Azur. Ans Meer! Mir ging es nicht schnell genug, auch wenn ich unseren Urlaub durchaus mochte. Und dann waren wir endlich da und ich war entsetzt. Das Meer war privatisiert, nur an ein paar hässlichen Ecken war es ohne Liegestuhlzwang zugänglich. Es war voll und laut, die Buchten eng, das Essen teuer und die Kellner unfreundlich. Das ist die vielgepriesene Côte d’Azur? Das Mittelmeer? Ich heulte vor Enttäuschung. Bei Bandol (das war uns damals noch als Geheimtipp angepriesen worden) fanden wir endlich einen Platz auf einem Campinggelände. Auch dort war es voll, es war ein Bikerwochenende und Motorräder überall. Und ein lautes Ambiente auf dem Platz. Am nächsten Tag standen wir auf der Küstenstraße stundenlang im Stau. Ich hatte extrem schlechte Laune. „Da hast du doch so unbedingt hingewollt“, sagte der Freund ein bisschen süffisant. „Ja, aber jetzt will ich weg hier“, maulte ich. Wir fuhren erneut landeinwärts und schon 15 Kilometer hinter der Küste war es wieder ruhig, die runde Besitzerin des kleinen Restaurants, auf dem erneut im Schatten einer Platane liegenden Platz, so herzlich, das Essen üppig und nicht zu teuer, alles so wie man sich klischeemäßig das ländliche Frankreich vorstellt. Nie wieder Côte d’Azur, sagte ich damals.

Ich habe heute Gullideckel fotografiert, die kriegen Sie vermutlich morgen. Der gesenkte Blick nahm auch all die Hundehaufen wahr. Schrecklich. Niemand nutzt mehr die Tüten, scheint es. Die Haufen fotografiere ich Ihnen aber nicht, auch wenn das ebenfalls sehr französisch ist.

Kein französisches Lied, aber so voller Nach-Corona-Hoffnung. Ich finde viele Musikstücke übrigens via Vonny Marshall-Edwards.

Die Katze maunzt, der Gatte lief auch schon nervös an mir vorbei. Qu’est-ce qu’on mange? steht unausgesprochen im Raum. Ich eile in die Küche. Einen guten Abend zuhause! Passen Sie auf sich auf! Bis morgen!

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6 Responses to Corona Tagebuch – Tag 31

  1. Croco sagt:

    Was für ein netter Zufall, das mit dem Film.
    Herr croco war sehr angetan von Frau Bäumer, mehr als ich.
    Was gut getroffen war, war die Stimmung während des Interviews.
    Ich glaube, ich muss nochmals nach Quiberon.

    Wir hatten damals ein Zimmer im Hinterland und sind nur nach vorne an die Küste nach Cannes und Nizza gefahren. Ich fand es damals halt etwas altmodisch, so ein bißchen Brigitte Bardot und Gunther Sachs. Zeugs lag immer rum, aber daran hatte ich mich in Frankreich gewöhnt. Schade, dass das mit dem Hundedreck immer noch so ist.

    • dreher sagt:

      Na, ich fand Frau Bäumer höchstens ein bisschen zu mager im Gesicht. Als der Film anlief hat der Stern nochmal die schönen Fotos von Robert Lebeck veröffentlicht (er ist schon verstorben) und der Journalist, der noch lebt, hatte auch zig Jahre später das Bedürfnis zu sagen, dass er nicht „so ein Arschloch“ gewesen sei, wie der Typ im Film. Wers glaubt. Mich erinnerte er sehr an den ersten Journalisten, mit dem ich es zu tun hatte.
      In Quiberon war ich noch nie.

      • Croco sagt:

        Der Journalist Michael Jürgs lebt seit letztem Sommer auch nicht mehr. Diese Jounalistenfragen jenseits allen Anstandes passen doch zu dieser Zeitschrift. Es würde mich wundern, wenn es nicht so war.

  2. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Hallo Christiane, du sprichst mir aus dem Herzen, ich kann auch diese Verschwörungstheoretiker nicht mehr lesen. Am Anfang habe ich noch dagegen argumentiert, aber irgendwann hat es mir gereicht. Ich habe jetzt fast 2 Wochen nichts mehr davon gelesen. Auch wir haben es hier gut. Ich bin eh seit 2 Jahren in Rente und ich vermisse fast nichts, keiner meckert im Dorf. Alle sind sehr hilfsbereit. Mein Mann muss Montag wieder in die Schule, obwohl es noch gar nicht klar ist, ob wieder Unterricht ist. Mein 14 jähriger Enkel hat auch noch keine Nachricht. Mal sehen, Grüße nach Cannes, Elli

  3. lihabiboun sagt:

    Ha ha ha, die Franzosen an der Ampel – am schlimmsten ist es in Nice, die gehen GRUNDSÄTZLICH bei Rot … mein Man und ich sagen inzwischen schon „die kommen sicher aus Nizza“ wenn einer bei Rot geht ….
    @Frau Croco: Fahren Sie nach Quibéron, unbedingt. Fahren Sie in die Bretagne, da ist es soooooo wunderbar!

  4. Mhs sagt:

    Hihi, die rote Ampel! Wir eine dt Familie mit längeren Frankreichaufenthalten stehen an einer roten Ampel, kein Verkehr, also Beschlußfassung “A la française?“ und nickend traben alle los…
    LG
    M.