Corona Tagebuch – Tag 32

Heute Morgen um 5 Uhr wachte ich auf, weil plötzlich so viele Autos durch die Straße rauschten. Um 5 Uhr ist das nächtliche Ausgangsverbot, couvre-feu, zu Ende und alle waren gleichzeitig in unserer Straße unterwegs. So schien es mir zumindest. Ich schlief dann noch ein bisschen ein, aber es blieb ein Montagsgefühl wegen dieses Autolärms, diesem „es geht wieder los nach dem ruhigen Wochenende“. Wir sind früh am Morgen eine Stunde unterwegs gewesen, liefen im Ein-Kilometer-Radius über den Suquet bis ans Meer und zurück. Das Wetter ist nur so halb sonnig und es ist etwas frisch. Es sind insgesamt deutlich mehr Autos und mehr Menschen unterwegs als die letzten Male, auch wenn das auf den Fotos nicht so ausssieht. Und wir sehen Polizei, die am Hafen die Autos kontrolliert.

Wie Sie sehen, sind die Straßen überall noch nass von der Desinfektion. Ich habe mich an den Geruch schon so gewöhnt, dass ich ihn kaum noch wahrnehme. Das Geräusch der einzelnen Autos, die herumfahren oder manchmal auch drei und vier, empfinde ich hingegen als wahnsinnig laut.

Die Gullideckel bekommen Sie vermutlich morgen. Eilt ja nicht. Wir haben ja noch ein paar Tage.

Hier gibt es Petitionen von Eltern gegen die geplante Schulöffnung am 11. Mai; angeblich sind 90% der Eltern und Lehrer dagegen und sprechen sich für eine Rückkehr zur Schule erst im September aus. Die Restaurateure fordern hingegen, die Restaurants zu öffnen, da man dort sehr gut Abstand halten und nur jeden zweiten Tisch besetzen und maximal zwei Personen an einem Tisch akzeptieren könnte.

Ich warte auf die Petition der Senioren, denn es ist weiterhin im Gespräch, dass die über 70 Jährigen und die Menschen mit Vorerkrankungen weiterhin zuhause bleiben sollen. Ich finde das vernünftig, auch wenn gerade die Senioren, die „ihr Leben davonlaufen“ sehen, es nicht drin halten wird. Monsieur ist über 70 und Risikopatient und er sieht der Öffnung mit gemischten Gefühlen entgegen. Und wo kann ich hingehen, ohne ihm das Virus mitzubringen? Zum Friseur? Wenn die Friseurin und ihre Kundinnen nicht getestet sind? Ich werde also aus solidarischen Gründen ebenso auch längerfristig zuhause bleiben, rester confiné, wie es hier heißt. 

Im Commissariat der Police Nationale sind 34 von 160 Polizisten positiv getestet; die Gewerkschaft der Polizei fordert das Gebäude in Quarantäne zu nehmen und 14 Tage zu schließen, da die Zahl der COVID-Fälle täglich zunimmt. Innerhalb der Marine sind knapp 700 Soldaten positiv getestet worden; angeblich hat man die ersten Fälle auf dem Flugzeugträger Charles de Gaulle nicht ernst genommen und die kranken Soldaten zurück in ihre Kabinen geschickt, anstatt sie zu isolieren. Andere durften ihre Familien besuchen und haben dort den Virus weiterverbreitet. Innerhalb einer Woche sind die Zahlen von 50 positiv getesteten Soldaten auf 680 angestiegen.

In der Zeitung gibt es heute eine Doppelseite über Menschen, die das Positive des Zuhausebleibens herausstellen und ein un confinement heureux leben. Da werden Fotos und Dias aus 50 Jahren Reise sortiert, gescannt und bearbeitet. Fotobücher werden gemacht. Jemand zeichnet die Blicke aus seinen Fenstern. Andere stricken und häkeln. Ein Engländer nimmt einen Intensiv-Onlinekurs zum Französischlernen. Und eine Dame macht einen Onlinekochkurs.

Beim Podcast Agnes trifft geht es um Musik und welchen musikalischen Impuls wir heute gehabt haben. Bei mir war es heute Christophe, ein französischer Sänger, der gerade gestorben ist. Ich wusste zunächst nicht, wer er ist, auch als ich das Foto des verlebten Mannes mit dünnen langen Haaren sah, war ich keinen Deut schlauer. Seine Songs, zumindest einen Teil derer, die heute den ganzen Tag liefen, kannte ich aber schon. Christophe ist vielleicht in Deutschland gar nicht bekannt, aber seine Songs werden in französischen Radiosendern häufig gespielt. Hier gibt es ja die Verpflichtung, einen gewissen Anteil französischer Musik bei der Musikauswahl zu berücksichtigen.

So viel für heute. Ich hoffe, Sie hatten einen guten Tag. Wir lesen uns morgen wieder, gesund, so hoffe ich, und drinnen!

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6 Kommentare zu Corona Tagebuch – Tag 32

  1. Reiner Wadel sagt:

    Ach Gott, Christoph ist gestorben? Sein Lied „Aline“ war überhaupt mein erster französischer Schlager, den ich bewusst als Jugendlicher wahrgenommen – und laut und sehr falsch mitgesungen habe.
    Sehr traurig.

    • dreher sagt:

      Ich glaube Aline muss man laut singen : et j’ai crié, CRIE-EE Aline…
      Die Franzosen sind auch traurig.

  2. Eva sagt:

    Danke für die tollen Bilder. Die dreieckigen Balkone haben es mir besonders angetan!
    Grüße und Küsse,
    Eva

  3. Mumbai sagt:

    wettermaessig sieht es bei uns ebenso aus. Was aber auffaellt ist, dass wieder viel mehr Autos die Strassen entlang fahren, somit wieder mehr Laerm, aber zero Polizeikontrollen. In unserer Wohnanlage bemerke ich auch, dass „Neuzugaenge“ immer mehr werden, d.h. Wo bisher 2 Menschen wohnten kamen ueber Nacht weitere 2 dazu. Wie geht das, wenn man ueberhaupt nicht rauss darf ? Bauarbeiter duerfen auch wieder ihren Beitrag leisten, die Kueste noch mehr zu verbauen und so schliessen sich gleich viele andere Betriebe an (mehr Autos s.o.) Ausgangssperre bis 30.4. verlaengert. Also was daraus sich noch alles entwickeln wird?

  4. Croco sagt:

    Danke für die schönen Häuser.
    Und ich habe festgestellt, dass ich Christophes Lieder kenne, aber ihn nicht. Seltsam.
    Liebe Grüsse