Autokino in Cannes

Wenn ich gedacht hatte, aufgrund des unübersichtlichen Reservierungssystems käme keiner zum Autokino, Ciné-Drive heißt das hier in bestem Französisch, so habe ich mich getäuscht. In nicht mal vier Stunden waren alle fünf Séancen ausverkauft. Und es wird eine weitere Woche Autokino geben, dieses Mal auf dem riesigen Parkplatz des Stadions Coubertin in Cannes La Bocca. Nicht so schön dort, aber mehr Platz. Denn die COVID-Regeln sehen vor, dass auch zwischen den Autos Sicherheitsabstand gehalten werden muss, so dass wir schachbrettartig geparkt werden und nicht sehr viele Autos Platz fanden. Monsieur hingegen, der übrigesn seinen Bart abrasiert hat und mir merkwürdig fremd vorkam, ich ging aber trotzdem mit ihm aus, er fand, es sei lächerlich ganz früh da zu sein, so dass wir, bis wir ankommen schon im hinteren Drittel stehen. Lustigerweise winkte uns vom Rücksitz des Autos neben uns eine Freundin zu. Coucou! Wir sind unter Cannois, die Autos sind auch alle eher unspektakulär und klein.

Der Platz wurd beschallt und da es weder Wind noch Wellen gab, hatten wir auch ohne Radioempfang im Auto gute Hörqualität. Ich hatte extra die Autoscheibe gewischt, so dass wir auch streifenfrei sehen. Ich weiß nicht, wie es für die Anwohner ist, die vermutlich den Film gut hören können, aber nicht sehen. So ist es ja immer, die Freude der einen ist das Ärgernis der anderen. Vermutlich ist bei dem niedrigen Eintrittpreis (6,50€/Person) kein wirkliches Geschäft mit dem Autokino zu machen. Aber es ist wie ein Aufatmen. Ein Zeichen. Es geht wieder was. Unter dem Hashtag #cannesrepart versucht Cannes langsam den Handel und die Außenaktivitäten wieder anzukurbeln: Der Bürgermeister hat eine Plakataktion gestartet, um den lokalen Handel zu unterstützen,

aber wir machen das ja sowieso, zumindest im Rahmen unserer Bedürfnisse und Möglichkeiten. Die Einkaufsstraße Rue d’Antibes ist vorübergehend zur Fußgängerzone erklärt worden, damit die Menschen sich beim Shoppen besser ausweichen können. Parken ist in der Innenstadt derzeit kostenlos. Shoppen ging ich hier aber schon früher nicht gerne und das muss jetzt für mich auch nicht sein. Wozu auch? Die Hochzeitsfeier, zu der wir im Juni eingeladen waren, wurde auf nächstes Jahr verschoben. Ich hoffe, dass die Läden trotzdem überleben.

Cannes versucht ebenso sich vorsichtig für den Tourismus zu öffnen. Die Betonung liegt auf vorsichtig, wir wenden uns an eine andere Zielgruppe und empfehlen andere Aktivitäten: „l’exotisme local“ steht im Mittelpunkt, das „andere“ Cannes, das ich ja schon immer propagiere, das langsame und provinzielle, wird in Zeiten der Not (wieder)entdeckt. Spazierengehen in der Croix des Gardes, Boules spielen auf der Place de l’Étang oder Paddeln mit dem Kanu auf die Inseln. Spricht sicher nicht mehr das Glanz und Glamour suchende Jetsetpublikum an und auch nicht das junge schicke Publikum, das gerne an luxuriösen und angesagten Orten feierte. Die, die sich auf das Cannes im Dornröschenschlaf einlassen wollen, bekommen in den Hotels vier Nächte für den Preis von drei.

Der Strand ist derzeit auch noch kein Ort zum Sehen und Gesehenwerden, noch ist alles „dynamisch“ und es wird von Politessen kontrolliert, dass man sich dort nicht zu statisch verhält. Zu dynamisch allerdings geht auch nicht, all die Strandvolleyballer dürfen den Ball noch nicht übers Netz pritschen oder schmettern. Wir sind üblicherweise nur sehr früh morgens am Strand, da sind insgesamt nur wenige Menschen dort, besser so. Wir sind wie gewünscht dynamisch, laufen im Wasser und … SCHWIMMEN! Hurrah!

Social Distancing Swim

Nur das Herumliegen auf dem Handtuch danach ist untersagt, es gibt auch derzeit noch kein Wasser, um sich abzuduschen oder die sandigen Füße abzuspülen, vermutlich, um den Aufenthalt etwas weniger komfortabel und dadurch kürzer zu gestalten. Die Restaurants und Kioske sind auch alle noch geschlossen. 

Zurück zum Autokino. Wir warten und sehen dem Sonnenuntergang zu. Aussteigen und Fotos machen darf man nicht. Es gibt auch kein Popcorn, kein Eis und auch keine Toiletten. Letzteres hatte mir am meisten Sorgen gemacht, aber alles ging gut!

Wir bekommen zunächst einen kurzen Vorfilm, der glamouröse Schnipsel aus den Filmfestivaljahren zeigt, so wars all die Jahre, seufz, dann begrüßt uns per Video der Filmemacher, der uns eine gute Séance wünscht. Und dann geht los. Der Film ist gut, Isabelle Huppert ist klasse in ihrer Rolle, in der sie sich mal amüsieren darf und es offensichtich auch tut, und nicht nur eine blasierte, kalte und distanzierte Frau geben muss.

Das Buch (ein Krimi, spielt im Pariser Drogenmilieu) ist gleichwohl komplexer, zynischer und gibt der Rolle der Polizei-Dolmetscherin (Isabelle Huppert) mehr Gewicht (und viele sprachliche Finessen) gefiel mir etwas besser. Aber der Film ist dennoch gut. Acht von Zehn gab ich. Sieben von Zehn Monsieur. Danach wurde als Zeichen des Beifalls gehupt und geblinkt und wir fuhren durch das nächtliche, ungewohnt stille, Cannes wieder zurück.

Hier ein Video der Stadt, den schönen Blick aus der Vogelperspektive hat man selbst natürlich nicht.

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8 Kommentare zu Autokino in Cannes

  1. Ute sagt:

    Monsieur ohne Bart und Du gingst trotzdem mit ihm aus…sehr schön :-)
    Passt weiter gut auf Euch auf!
    Liebe Grüße
    Ute

  2. Ursula Weber sagt:

    Danke für den interessanten Bericht🤗😘🌺🍀

  3. Sunni sagt:

    Toller Bericht. Ich bin sicher, das andere Cannes würde uns sehr gefallen und social distancing Schwimmen auch. Pefekt, wenn denn… Autokino hier auch, winzig kleiner Platz, 25 Autos, aber es lief wohl alles ganz gut. Ein zweiter Durchgang kam aber wohl nicht zustande. Haben Sie es gut mit dem ohne-Bart- Mann! Bis bald, Sunni

  4. Caroline Bahri sagt:

    Coucou, danke dir für den Hinweis auf „unseren“ Bouleplatz. Leider kann ich das Foto nur sehr undeutlich sehen und nicht lesen. Wir haben heute gespielt und es war rappelvoll! Aber immerhin spielen fast alle mit Maske und respektieren die Abstandsregeln. Geht beim Petanque ja auch gut. Jeder darf übrigens spielen, der Platz ist ja öffentlich. Nur wer bei den täglich durchgeführten Turnieren mitmachen möchte, muss Mitglied im Verein (BCBE Boule Club Bouliste de l‘Etang) sein. Kann man als Tourist auch nur für einige Tage werden. Im Moment werden keine offiziellen Turniere angeboten, aber wir hoffen, dass es ab 15. Juni von der ffpjp (Federation Francaise Petanque Jeu Provencal) wieder erlaubt wird. Bisous

    • dreher sagt:

      Das ist eines der Fotos der Campagne der Stadt, ich habe es auf der FB-Seite Ville de Cannes gefunden, finde es aber gerade nicht mehr, schon ein paar Tage her. Ich habe es extra für euch gewählt! :-)
      Ich habe dabei auch den Ausdruck „etre Fanny“ gelernt ;-)

  5. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Toll,Autokino finde ich super. Und eine tolle Auswsicht auch noch. Eine Freundin von mir aus Lorgues hat Fremdenverkehr studiert und sie hat mir letztes Jahr einiges vom anderen Cannes gezeigt. Ich war begeistert. Und Boule spielen liebe ich. Wir haben hier auch einen Platz. Aber es will niemand spielen. Wir vom Dorfgemeinschaftsverein haben uns überlegt, ein Turnier zu veranstalten. Dabei kann man ja sogar super die Sicherheitsabstände einhalten. Bleibt gesund, Elli

  6. Croco sagt:

    So charmant klingt das alles, dass ich meine Forbehalte gegen Autokinos schwinden sehe. Der Monieur hier hat gerade gelacht, als ich ihm erzählte, dass es lächerlich ist, zu früh in Kino zu kommen. Er ist nämlich auch so und wir sehen nie den Vorfilm und jagen immer Leute hoch.

    • dreher sagt:

      Es war in einigen Autos ziemlich gute Stimmung mit Champagner und Sushi und Bier und Chips – aber da ich ja immer so schnell „muss“ wollte ich nichts verzehren und genoss nur das zarte rosafarbene Licht und wie der Himmel rot wurde. Beim ersten Mal ist ja alles noch spannend :-)
      Einen Tick früher und damit eine Reihe weiter vorne wäre meiner Kurzsichtigkeit durchaus entgegengekommen –

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