Weil Sonntag ist …

… und weil ich Ihnen eigentlich noch den Artikel zu den bises, den Küsschen, schulde, schreibe ich dann noch einen Text. Auch wenn ich übrigens dieses Heft ganz nett zu lesen finde, muss ich meinem Unmut darüber Ausdruck verleihen, dass ich die elektronische Variante des Heftes nie erhalten habe. Zwei Euro neunundneunzig ins Medien-Nirwana geschickt. Ich hoffe, es ist gut fürs Karma. Das ist vermutlich die Steigerung der schlechten oder auch nur schlechtbezahlten Programmierer, wir programmieren einen elektronischen Abo-Account, der Geld einzieht und nichts liefert. Nein, ich habe keine Lust, mir diese zwei Euro neunundneunzig mittels eines langatmigen Briefwechsels zurückerstatten zu lassen. Sparen wir uns die Energie.

Der Text liefert eine kleine Kulturgeschichte des (Begrüßungs-)Küssens, aber schon gleich nach dem Judaskuss konzentrieren wir uns schnell auf Frankreich. Die Begrüßungs-Küsse waren, wie so viele kulturgeschichtliche Errungenschaften (Essen mit der Gabel z.B. vgl. etwa Norbert Elias Über den Prozess der Zivilisation), einstmals den Adligen vorbehalten und dienten der Abgrenzung zum einfachen Volk; erst im Laufe der Jahrhunderte wanderten die Küsse zu den niederen Schichten, weshalb sie dann im Umkehrschluss von den Adligen und der Bourgeoisie abgelehnt wurden. Sich auf der Straße drei oder viermal abzuschmatzen, wurde vulgär, machten nur noch die niederen Schichten und schlecht erzogenes Personal. Die distinguierten Herren hoben nun den Hut, die Damen neigten huldvoll den Kopf. Pas de bise. Ausgeschlossen. Genau wie das „bon appetit“ wünschen. Machte la Haute Societé irgendwann nicht mehr. Wie vulgär. Meine verstorbene Schwiegermutter zuckte immer zusammen, wenn ich bon appetit sagte. Diese kleine Deutsche ohne Kultur, wie schrecklich. Sie selbst wünschte nie bon appetit. Ein herzhaftes „piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb, guten Appetit“ auch noch mit fröhlichem Händeschütteln – undenkbar in (gewissen Kreisen in) Frankreich. Dass die Küsse wieder den Weg nach oben in die Gesellschaft geschafft haben, hängt wohl mit den 68ern zusammen. Ein revolutionärer Wind wehte durch die erstarrten Gesellschaftschichten und rüttelte die überkommenen Moralvorstellungen auf. Es  begann in den Gymnasien und an den Universitäten. Das lässige Jungsein wurde sympathisch und plötzlich küssten sich alle. Alle? Natürlich nicht. Die Schwiegermutter nahm alle Küsse, selbst die der Urenkel, entsprechend zurückhaltend entgegen. Und überhaupt bleibt es kompliziert mit den Küssen. Wann? Wieviele? Von welcher Seite beginnend? Wem? Kommt drauf an, sage ich nur. Sehr witzig zeigt es der englische Comedien Paul Taylor.

Zeitverschwendung sei es zudem auch, findet die eine oder andere französische Bürgermeisterin oder Chefin, die mitteilen lassen, dass sie fürderhin nicht mehr 422 Angestellten an 250 Tagen in x Jahren zur Begrüßung und zum Abschied je zwei bises geben wollen.

Die Autorin des Artikels fürchtet, dass es für die bises nach Corona nicht gut aussieht, es wird Befürworter geben, vor allem aber Gegner und Menschen, die lieber die asiatische Art sich zu begrüßen (Kopf neigen, Hände zusammenhalten) bevorzugen. Sie hofft allerdings, dass wir in Zukunft unser Gegenüber nicht nur noch als potentielle Gefahr einschätzen und dass die kusslose Distanz nur vorübergehend sei.

Für das deutsche Pendant, den Erhalt des Händedrucks spricht sich auch Jens Jessen aus. Ich konnte den Beitrag bedauerlicherweise nicht lesen, weil er sich hinter einer Paywall verbirgt. Ich wollte es aber dennoch zur Kenntnis gebracht haben.

Vor ein paar Tagen kam Un homme et und femme im Fernsehen. Ich hatte ihn tatsächlich noch nie gesehen. Ein sehr französischer Film.


Den Film kannte ich nicht, die Filmmusik aber wohl … dabadabada … dabadabada … dabadabada hier nochmal das Original.


Anders, vielleicht noch schöner, vor allem mit den Szenen aus dem Film, ist die jazzige Version.

Es gibt einen Nachfolgefilm, un homme et une femme zwanzig Jahre später, den ich auch noch nicht kenne. Das französische Kino hat doch immer noch Überraschungen für mich.  Ich habe aber nur diesen englischen Trailer gefunden

Claude Lelouch, der Filmemacher, war, als er diesen, seinen ersten, Film drehte, erst 26 Jahre alt. Sie hatten kaum Geld und haben bei vielen Szenen (die Bahnhofsszene am Ende) improvisiert. Hier ein Interview mit ihm in Cannes auf der Croisette während des Filmfestival 2016, fünfzig Jahre später. Er wollte immer positive Filme machen, auch wenn die negativen Filme bessere Kritiken bekommen, sagt er. Und, meine Güte, sage ich, was für ein distanzloses Gedrängel …

Da sagte er noch nicht, dass er noch einen dritten Film mit Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée drehen wollte. 2019, zweinundfünfzig Jahre später, lässt er beide sich noch einmal wiedersehen. Les plus belles annés d’une vie. Wie schön! Kenne ich auch noch nicht. Herrjeh! Hier Filmausschnitte und etwas „Making of“.

Schönen Sonntag! Bon dimanche!

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7 Responses to Weil Sonntag ist …

  1. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Mit den Küsschen ist so eine Sache. Schwierig für uns Deutsche. In unserem Freundeskreis ist es üblich sich ein Küsschen zu geben. Aber welche Seite? Fange ich rechts an, ist es falsch, fange ich links an ist es falsch. Einige geben 2, eine andere, die lange in der Türkei gearbeitet hat, gibt 3. Gott sei Dank konnte ich bei meinen Freunden in der Provence keinen Unterschied feststelllen. Alle fingen links an, und jeder gab 3. Da passierte das nicht, dass man mit den Nasen gegeneinander haute. Bin ja mal gespannt, wie es weiter geht mit den Bises. Hier und in Frankreich. Unsere Freunde haben wir auch schon seit Februar nicht mehr gesehen.
    Liebe Grüße Elli

  2. Sunni sagt:

    Ahaaa, „Ein Mann und eine Frau“!!! Wegen mir und diesem Film ließ meine Großmutter in einem miefigen Kleinstadtkino den Fim anhalten und mich ausrufen, die ich mich heimlich durch die Alterskontrolle gemogelt hatte. Es half nichts, ich musste gehen und bekam den Kommentar (ich war 14, gerade): „So etwas schaust du nicht an, das ist nichts für dich. Basta, keine Diskussion!“Soviel ich weiß, gab es damals zwei Teile, jeweils nach Mann und Frau getrennt. Schade, ich habe ihn nie zu Ende sehen können. C´est la vie! Sunni

    • dreher sagt:

      Ach jeh, ich bin hier zwischen Lachen und Weinen, das ist ja tragisch! Sie haben ihn nie zu Ende gesehen … vielleicht finden Sie den Film irgendwo als DVD, er ist es wert!

  3. Marion sagt:

    Den Film kannte ich auch noch nicht. Trintignant war ja hübsch als junger Mann. Heute Abend kommt um 21:45 auf Arte „Les choses de la vie“, den ich mir (nochmal, ich hatte ihn nicht vollständig oder unkonzentriert gesehen) anschauen werde, nachdem Du hier vor kurzem daran erinnert hast, auch an Piccoli.
    Die bises haben wir immer 2x gemacht, links, rechts, ab und zu 3x (z.B. bei besonderer (Wiedersehens-)Freude). Ich habe das in D vermisst.
    Noch nicht abzusehen, wie antisozial unser Leben in Zukunft sein wird und vor allem welche gesellschaftlichen Verwerfungen das mit sich bringen wird. Ich merke nur, dass ich sehr schlechte Laune habe. Macht alles keinen richtigen Spaß mehr, Biergarten, Eisdiele… konnte es schon ausprobieren…
    Die alten Zeiten… ich wüsste nicht, dass sich z.B. in D in bestimmten Kreisen Ehepartner früher gesiezt hätten, so wie in F. Müsste man mal forschen.
    Die Überheblichkeit Deiner Schwiegermutter war schon gemein, zumal ihr Sohn Dir ja nun nicht gerade ein Luxusleben beschert. Die „kleine“ Deutsche. Unglaublich. So hätte ich mich nicht behandeln lassen.

  4. Mumbai sagt:

    Gute Idee von Ihnen mal die bises anzusprechen. Persoenlich mag ich es nicht, wenn mir nicht oder nur wenig bekannte Leute ihre Kuesschen geben, es ist mir zu vertraut (habe absichtlich das Wort *intim* nicht verwendet, weil es m.M.n. noch die Steigerung ist).
    Da ich einige Jahre in Asien gelebt habe finde ich deren Begruessung viel respektvoller
    aber auch hygenischer, ausserdem die elegante Haltung dabei. Kurz gesagt, mir fehlen die Kuesschen nicht. Spanien , wo ich dzt. lebe, so wie alle suedl. Laender begruessen sich ja auch so „unnatuerlich ueberschwenglich“.
    ….Ein Mann und eine Frau, ein toller Film mit grossartigen Schauspielern. A.Aime war und ist immer noch eine schoene interessante Frau. Ich mag die franz. Filme ohnehin sehr gerne, weil sie Tiefe haben oder wirklich koestlichen Humor.

  5. Karin Penteker sagt:

    In der Romandie gibt man drei Küsschen und hält die rechte Wange hin, ausser man trifft auf Franzosen, die dann in der Regel von überall in Frankreich kommen können, man ist ja international in Genf, nicht wahr, also geht das Kuddelmuddel los. Ich bin sehr touchy-feely, habe also nichts gegen Umarmungen mit mir bekannten Menschen, aber die Küsserei, vor allem von totalen Fremden, ist mir bis heute nicht zur zweiten Natur geworden. Da bin ich vermutlich in den Augen der Franzosen die steife Deutsche mit Berührungsängsten, aber das macht mir nichts aus. Hilft nämlich auch gegen allzu übergriffige ältere Kollegen, die sich aus jedem Weihnachten und Neujahr und Geburtstag und Abschied und und und … ein Fest machten.

  6. Trulla sagt:

    Wenn ich jemanden mag, bin ich schon Berührungen nicht abgeneigt. Damit meine ich, in der Begeisterung eines Gesprächs, einer Situation, die Hand des Gegenübers zu ergreifen, den Arm auf die Schulter legen, auch ein Bise zu geben. Kommt natürlich auf den Grad der Vertrautheit an.

    Ansonsten mag ich die Zeremonie des links, rechts, links, oder zwei-bis dreimal in die Luft gehauchten Küsschen mit engem Körperkontakt nicht wirklich. Mir reicht eigentlich ein freundlicher Gruß auf Abstand.
    Da ich mich aber regelmäßig viele Monate auf den Kanaren aufhalte, habe ich mich natürlich auch diesem Ritual unterworfen. Es gehört eben dahin.

    Irgendwie grotesk aber war für mich die Situation, dort zufällig einen früheren Kollegen aus Hamburg zu treffen. Jahrzehntelang waren wir per Sie (konservative Umgangsformen) und plötzlich wurde ich links und rechts beküsst von diesem. Privat stellte er sich übrigens später als ein sehr lockerer Mensch heraus.
    Vielleicht ist an dieser Zeremonie ja doch was dran, ich weiß es nicht…