Corona Tagebuch – Jour J

Le Jour J oder D-Day – meint DER Tag oder auch der Tag X. Unser erster „freier“ Tag nach der Ausgangssperre.

Um 5.01 Uhr fuhr das erste Auto vorbei. Gerade so, wie während der nächtlichen Ausgangssperre. Ich war schon wach, das ist ungewöhnlich. Lag im Bett und konnte nicht mehr einschlafen, so als wollte ich den Wiedereinstieg dokumentieren. Lauschte dem Regen, denn es regnet, gestern Abend schüttete es, das Wasser rauschte wie eine Wand runter, laut und dicht. Heute früh regnet es wieder normaler, der Wind weht die Tropfen an die Fensterscheibe. Ich stehe auf, trinke ein Glas Wasser, füttere die Katze, mache mir eine Wärmflasche für den Rücken, setze mich an den Esstisch und zähle die Autos. Es werden mehr. Die Katze auf den Knien schnurrt. Ich danke Ihnen allen für Ihre Glückwünsche zum Buch, und dass Sie das tägliche Lesen im Blog schätzen und dort gerne weiterhin jeden Tag etwas Neues lesen wollen, schmeichelt mir ungemein, aber ich bin nicht sicher, ob ich das in dieser Art und Weise durchhalten kann. Sie möchten ja was Nettes lesen, so wie die ganze Zeit. Wenn ich aber arbeitend schreibe, wird es nüchtern, ich konzentriere mich auf Dinge, die ich Ihnen nicht erzählen kann. Und meine Lust, im Internet herumzulesen und Amüsantes zu suchen, geht in der Regel auch gegen Null.

Es schüttet wieder. Noch ist es total dunkel, nur die kalte weiße Straßenbeleuchtung vor dem Fenster wirft Licht. Die anderen Lampen sind Orange, warum die hier vor dem Fenster ausgrechnet so kalt und weiß sein muss, frage ich mich.

5.38 Uhr Die Autos werden mehr und mehr. Die Müllabfuhr ist schon durch. Monsieur schleicht sich aus dem Schlafzimmer, um mich nicht zu wecken und starrt mich überrascht an, weil ich schon da bin. Die Katze maunzt jetzt ihn an. FUTTER! Monsieur macht sich an den Abwasch. Es schüttet wieder, uiii.

Es donnert. Mamertus, der erste „Eisheilige“, war übrigens Franzose, wenn man nach heutigen Länderzuordnungen gehen würde.
Zeitlich vor den Eisheiligen, den Sainte-Glaces, noch im April, gibt es sogar noch die Cavaliers du Froid, die Ritter der Kälte. Gefunden in Hilke Maunders Artikel zum Wetter in Frankreich.

6.08 Uhr das Straßenlicht ist ausgegangen, hell ist es noch nicht. Dunkelblau. Schwarz zu Blau fällt mir ein. Schon zehn Jahr alt. Der Regen rauscht wieder. Die Autos auch, aber ich sehe sie nicht. Die Fensterscheibe ist nass vom Regen.

In einem Kommentar zu diesem Video heißt es, dass die Texte von Peter Fox im Französischunterricht eingesetzt würden. Ich habe gerade (mit Erstaunen) über P. F. gelesen, dass er eine französische (baskische) Mutter hat und selbst eigentlich Pierre Baigorry heißt (obwohl das auch schon ein Künstlername zu sein scheint); außerdem war er auf einer französischen Schule in Berlin. Ich erinnere mich, dass meine Freundin Tine, als sie Assistant Teacher in London war, damals die Texte von Ideal für den Englischunterricht eingesetzt hat. Kriegen Sie jetzt beides. Zweimal Musik aus Berlin. Dazwischen liegen nur etwa 30 Jahre.


Die Achtziger. Zwischen Muttis Mikrowelle und Punk. Hier was zu Annette (und Inga) Humpe, nur falls Sie gerade so einen Nostalgieflash bekommen.

6.58 Uhr. Plötzlich ist es hell. Zumindest hellgrau. Es regnet. Autos fahren. (Noch) nicht so viele wie früher, aber doch deutlich mehr als die letzten Wochen.

Peter Fox hat übrigens eine halbseitige Gesichtslähmung, die er einer nicht rechtzeitig erkannten Viruserkrankung verdankt. Wir sind immer noch im Thema. Es ist alles noch nicht vorbei, auch wenn ich das so ein bisschen Aufatem-mäßig heute so empfinde. Immer noch diese Masken. Die wird hier im Sommer kein Mensch tragen, es ist viel zu heiß dafür und sie werden in Sekunden durchgeschwitzt sein. Es sei denn irgendjemand erfindet einen kühlenden Stoff.

Wir sind noch im Thema. Und doch müssen wir wieder normaler werden, sagt (übrigens nicht nur) Herr Bonelli. Aber er ist natürlich auch jung und gesund und in Österreich ist die Lage auch schon lange entspannter.

Das hatte ich heute schon sehr früh geschrieben. Dann nochmal einen Kaffee. Mails losgeschickt und beantwortet. Überlegt, nachgedacht, ein Dokument angelegt. Spät geduscht. Monsieur ging um zehn Uhr, während einer kurzen Regenpause, Brot holen. Er habe nicht mehr Menschen gesehen als sonst auch, sagt er. Nur die Autos sind alle wieder da. Es gibt hin und wieder noch Lücken, der Verkehr ist noch nicht ganz so dicht, aber keine Rede mehr davon, sich in die Mitte der Straße zu stellen, um zu fotografieren. Es gibt ebenfalls ein paar Lücken im Regen. Aber insgesamt war/ist es ein sehr nasser Tag.

Zum Mittagessen gibts Spaghetti Bolognese. Die Katze hat den geriebenen Parmesan aufgefressen, kriegt geschimpft und kein Mittags-Fressi und klagt nicht mal das 17 Uhr Fressi ein, so satt ist sie oder vielleicht schämt sie sich auch. Während der Sieste ruhe ich nicht nur, sondern schlafe, 5 Uhr Aufstehen entspricht nicht so meinem Bio-Rhythmus. Nachmittags telefoniert: einen Arzttermin (Monsieur) ausgemacht, morgen früh bekommt das Auto einen Ölwechsel. Eine Besichtigung für Mitte Juni organisiert (vorher ist es nicht erlaubt), Literatur gesucht, rumgelesen. Jetzt koche ich Milchreis fürs Abendessen.

Keine Ahnung wie es heute in der Stadt aussah. Ich war genauso drinnen, wie die letzten acht Wochen auch. Trotz all der neuen Liberté

ps: gerade hat mich Croco verlinkt (dankeschön!) und nennt mich in einem Atemzug mit den wirklich Disziplinierten, den Jeden-Tag-BloggerInnen, das ehrt mich, aber so jeden Tag, das ist glaube ich nicht wirklich meins – also zumindest nicht, wenn ich auch etwas anderes (zum Geldverdienen) schreiben möchte. Obwohl ich, genau wie Croco auch, erstaunt war, wie mir in den vergangenen sechzig Tagen jeden Tag aufs Neue die Themen und die Inspiration zugeflogen sind. Nun, schauen wir mal.

Morgen nochmal. Versprochen. Liebe Gedanken an alle Kranken!


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13 Kommentare zu Corona Tagebuch – Jour J

  1. Reiner Wadel sagt:

    Chère Madame,
    ich lese immer sehr gerne ihren Blog und fände es sehr schade, wenn Sie die Berichte aus Frankreich nicht fortführen würden. Natürlich verstehe ich gut, dass dies einen enormen Druck und viel Arbeit bedeutet. Ich könnte also wiederum verstehen, wenn sie kürzer treten. Wäre das eine Lösung: einmal wöchentlich? Denken Sie doch bitte an all die Frankreich-Liebhaber, die dieses Jahr in ihren Urlaub nicht im Nachbarland verbringen können.

    Eine Notiz zum Thema Deutsche Pop-Musik und Frankreich:
    Einige Sommer lang bin ich in den 70er und Anfang der 80er Jahre regelmäßig mit Frau und später auch Kind in Soulac, damals noch ohne Zusatz „sur mer“, wenn ich mich recht erinnere. In der Nähe gibt es einen weitläufigen Campingplatz ‚Le Gurp‘, der besonders bei deutschen Campern – jung, alternativ, aus dem Rhein-Main-Gebiet – beliebt ist. Der Atlantik ist nah, der Strand unendlich lang, die Sonne heiß, man zeltet im Schatten unter Pinien, deren Äste in der Hitze knacken, und im Juni, zum Beginn der Saison, hat man noch unglaublich viel Platz.
    Baguette, Croissants, Milch und Joghurt gibt es am Platz. In Soulac kauft man größer ein, besucht die Cafes und die Markthalle. Dort höre ich im Supermarkt zum ersten Mal in Frankreich einen deutschen Hit über die Lautsprecher: „Da, Da, Da“ von Trio. Von da an ist mir klar, dass Deutschland auch in der Popkultur in Frankreich angekommen ist.
    Tage und Wochen voll Unbeschwertheit, Erholung und Sonnenbrand. Ich denke gerne an Soulac zurück.
    Und von ihnen wünsche ich mir: Bleiben Sie uns treu!

    • Na das ist ja (k)eine Überraschung, das mit Soulac. Dort waren wir auch, allerdings in L‘ Amélie Und dann auch erst in den Neunziger Jahren. Davon schwärmen unsere, jetzt sehr erwachsenen, Kinder immer noch.
      Gruß aus Oberschwaben.

    • Caroline Bahri sagt:

      Da hätten wir uns treffen können! Ich kann mich auch gut an Le Gurp Ende der 70er/Anfang der 80er erinnern und weiß, wovon du sprichst und woran du dich erinnerst… Auch wir Bremer hatten diesen Campingplatz für uns entdeckt und ihn zum „Bremer Strand“ gewählt. Jetzt lebe ich seit 12 Jahren in Cannes und das nicht ohne diesen (Hinter)Grund.

    • dreher sagt:

      Cher Monsieur,
      Danke für Ihr Entgegenkommen! Ich tue, was ich kann, aber auf ein wöchentliches verpflichtendes Schreiben, kann ich mich bedauerlicherweise nicht einlassen. Es braucht, wie anderswo schon gesagt, Zeit, Muße und Muse, die, wenn sie mich küsst, sicher zu einem häufigeren Ausstoß an Text und Bildern führen kann, aber manchmal vielleicht eben auch nicht. Das müssen wir in den kommenden Wochen flexibel handhaben. Ich bin mir bewusst, dass Sie alle (vorerst) nicht nach Frankreich reisen können, pas de soucis, ich wünsche mir, dass Sie meine Situation auch verstehen und mir wiederum treu bleiben!

      Schön, dass sich hier eine Untergruppe Camping in Soulac gefunden hat :D

  2. Gestern hat einer der Söhne beim Mittagessen „ich fühl mich gut“ gesagt und sich gewundert, dass die Entgegnung „ich steh auf Berlin“ kam.

    Ich habe mich gestern beim Lesen über die geöffnete Promenade des Anglais und über die Keuchhustendiagnose gefreut.

    • dreher sagt:

      :-) Ich kann (fast) alles von Ideal auch noch komplett auswendig!
      Dankeschön! Sehr nette Recherche über die Feile im Kuchen! :D

  3. Croco sagt:

    Alles kann, nichts muss.
    Ein Blogbeitrag braucht Zeit und Muse. Und der Teil des Lebens, der Geld bringt, geht halt vor. Ich merke auch, dass die Zeit knapp wird, seit wieder Schule ist.
    Danke für‘s Verlinken 😊.

    ( Liberté steht in meinem Land nicht zur Verfügung. Und all das zu Peter Fox war mir völlig neu, danke).

    • dreher sagt:

      Ach Mensch, keine Liberté in Deutschland, und Sie sind die einzige, die mir das sagt?
      Schade, schönes Staraufgebot – das Lied ist eher so làlà.
      Danke für das Verständnis, ja, Zeit und Muße und auch noch Muse, das ist optimal. Nicht immer vorhanden.

  4. Karin sagt:

    Gerne würde ich deinen Blog täglich lesen, aber mir ist bewusst, was für ein grosser Aufwand das sein muss, schon allein die Länge der Beiträge und dann die Sorgfalt mit der du die Worte wählst. Mich kostet ein normaler Brief manchmal schon ungemein viel Zeit und da möchte ich mir nicht vorstellen, wieviel Zeit du in deine Blogbeiträge investierst. Oder gelingt es dir „frei Schnauze“ so unterhaltsam zu schreiben? In beiden Fällen: bravo und vielen Dank.
    Eine Frage hätte ich noch: hast du immer schon gerne und einfallsreich gekocht? Oder kam das in Frankreich? Zweimal täglich kochen, oft noch mit kleiner Vorspeise und/oder Nachspeise, da gingen mir im Handumdrehen die Ideen aus. Das Gute an Corona Homeoffice ist tatsächlich, dass ich mich mehr mit Kochen beschäftigen muss/kann. Normalerweise esse ich mittags in der Kantine, Tochter im restaurant scolaire, und ich koche fürs Abendessen, meistens etwas einfaches. Im Moment sind wir beide zu Hause und ich habe viel mehr Lust, Neues zu entdecken und Rezepte auszuprobieren. Das ist zwar zeitaufwändig und unterbricht den Arbeitsfluss, ist aber sehr befriedigend.
    Liebe Grüsse aus Genf, hier schüttet es auch, es ist etwas kühl und windig.
    Karin

    • dreher sagt:

      Danke Karin, ja es ist ein großer Aufwand – vor allem, wenn ich Fotos mache und aussuche und bearbeite und einfüge. Das Schreiben geht mal schneller (je nach Thema und Inspiration) mal langsamer. Insgesamt schreibe ich aber langsam und da ich auch nach hundert Jahren noch nicht gescheit tippen kann, muss ich auch immer alles nachkorrigieren.
      Wegen des Kochens – da musst du wirklich die ausführliche Version im zukünftigen Buch lesen, es ist ein großes Thema! Die Kurzform: es hat mich 15 Jahre Arbeit und Verzweiflung gekostet ;-)

  5. Mumbai sagt:

    Was, um 5 h aufgestanden? Da liege ich noch im Tiefschlaf ueberhaupt bei dem regnerischen Wetter, welches sich auch in Andalusien ausgebreitet hat. Dass Sie nicht taeglich Zeit und Lust zum Schreiben haben kann ich gut verstehen. Es soll ja Spass machen und kein Zwang sein. …und es gibt so viel Anderes, was man tun moechte bzw. getan werden muss. Also ….take it easy und bleiben Sie weiterhin gesund und kreativ.

  6. Beate sagt:

    … aus lauter Vorfreude auf den 20.8.20 hab ich mich noch mal nach Châteauneuf D’Entraunes „gebeamt“ und bin total in den Erinnerungen versunken – Libérez les betteraves und Le Jour du Cochon. Kaum zu glauben, dass das schon so lange her ist. Damals hab ich voller Begeisterung aus brigitte.de deine Blogtexte kopiert und Seitenweise ausgedruckt. Hatte ja keine Ahnung, dass daraus mal ein Buch werden würde… Ich hab zum Glück noch 2 Exemplare ;-) Ich glaub, dass darin dein erstes Intensiv-Koch-Training lag, oder?
    Toll, dass dein 1. Buch neu aufgelegt wird! Und ich freu mich auf die Fortsetzung.

    • dreher sagt:

      Oh, so viele „alte“ Fans 😊 wie toll! Freue mich sehr!
      Das eigentliche intensive Kochtraining begann mit Monsieur, aber im Prinzip begann alles schon auf dem Hof…
      Ich freue mich auch, dass das erste Buch eine zweite Chance bekommt 😊

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