Ein Freund

ist gestorben. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Ich habe es heute während des Mittagessens erfahren. Seitdem weine ich. Es ist der Freund und Kollege aus Buchhändlertagen, von dem ich neulich noch erzählt habe. Er war chronisch krank, litt schon lange an einer schweren Form von Rheuma und an etwas, was ich in seiner Komplexität nie verstanden habe, sagen wir der Einfachheit halber Autoimmunerkrankung, vielleicht stimmt es nicht, aber es war kompliziert und schmerzhaft, und seit Jahren bewegte er sich mühsam und immer mühsamer aber tapfer an Gehstöcken durch die Welt. Letztes Jahr hatte man ihm gesagt, er sei „austherapiert“. Alles, was es gab, hatte er schon durch, selbst Therapien, die noch im Erprobungsstadium waren, hatte man bei ihm angewandt und jetzt gab es nichts mehr. Die Medikamente, die er schon seit zig Jahren nahm, hatten seinen Körper nicht nur verändert, sondern auch krank gemacht und geschwächt. Man kämpft gegen x und dabei gehen langsam a-z in die Knie. Wir haben uns im November noch einmal gesehen, ich wollte ihn, den Buchhandelsleiter und die Buchhandlung noch einmal besuchen, bevor sie die Buchhandlung schließen mussten. Es war das erste Mal, dass ich die geballte Schwere seines Lebens, die zusätzlichen Sorgen mit den alten Eltern, die dement wurden, und anderes, von dem er mir stakkatoartig erzählte, fast nicht aushalten konnte, und ich unterbrach ihn, brauchte eine Pause. Ich schämte mich, denn er lebte das Unterträgliche, nicht ich, und ich ertrug nicht mal, dass er mir davon erzählte. Es war das erste Mal, dass ich ihn in einer Art Verzweiflung erlebte. All die anderen Jahre war er positiv, optimistisch, mit einer fatalistischen Heiterkeit, die Endlichkeit immer im Blick, so ist es, na und, und ja, es ist schwierig, aber glücklich war er trotzdem mit seiner Frau und den beiden Mädchen. Ich kenne niemanden, der so voller Optimismus, Tatkraft und Tapferkeit war. Es gab nichts, was er „nur wegen dieser Krankheit“ nicht gemacht hätte. Und er war tief gläubig. In einer seiner letzten Mails schrieb er mir: „Das einzige, was ich sicher sagen kann, ist, dass ein Mensch, der sich als Teil eines grösseren Zusammenhangs versteht, anders handelt, als der, der das nicht tut. Das gilt auch für das Leid…..und ja, das heute zählt, der nächste Schritt…denn nicht die Zeit verstreicht, sondern wir in ihr.“ Die letzten Jahre waren mühsam und die letzten Wochen unerträglich schmerzhaft, habe ich indirekt erfahren. Jetzt wurde er wegen etwas anderem operiert und er hat die zweite OP zum selben Problem nicht überlebt. Vielleicht ist er erlöst. Lebwohl Udo.

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8 Kommentare zu Ein Freund

  1. Caroline Bahri sagt:

    Mein Beileid. Ich fühle mit dir, aber vor allem mit deinem Freund und seinem schmerzhaften Leben. Bin ich doch seit mehr als 40 Jahren an Multipler Sclerose erkrankt und genau so austherapiert. Autoimmunerkrankungen sind Scheiße, weil dagegen noch kein wirkliches Medikament gefunden wurde und nur „probiert“ werden kann. Dein Freund hatte recht: man muss das Heute genießen. Es kann morgen vorbei sein. Fühle dich gedrückt von nebenan. Caro

  2. Eva sagt:

    <3
    Ich denke an Dich!
    Alles Liebe,
    Eva

  3. Vinni sagt:

    Das tut mir sehr leid. Ich wünschte, ich wüsste etwas tröstendes zu sagen…

    Liebe Grüße
    Vinni

  4. Sunni sagt:

    Ach, es gibt wenig, was da trösten kann. Vielleicht der Gedanke, dass er selbst es kommen sah und seinen Weg unbeirrt ging. Autoimmunkrankheiten sind Dreck, ich leide seit fast 2 Jahren an einer, und sie betrifft die Augen. Man kann wenig tun…Man kann sie höchstens eine Zeit lang begrenzen, dann geht es weiter.Ich hoffe noch auf eine lange Zeit ohne Beeinträchtigung der Sehnerven, es reichen die wahnsinnig schmerzhaften Augenmuskeln. Ich brauche mein Sehen, nicht oder am wenigsten für mich…Ach, ich weiß nichts Tröstendes zu sagen. Behalten Sie einen gute Erinnerung an gemeinsame Zeiten. Herzlichst, Sunni

  5. Marion sagt:

    Fühle Dich umarmt…

  6. Ute sagt:

    Liebe Christiane,
    danke, dass Du auch das schreibst!
    Dass Du Dich geschämt hast, weil Du eine Pause brauchtest…Ich kann nur ahnen, dass es noch viel schwerer sein kann, zu sehen, zu hören und zu fühlen, wie es schlecht es einem lieben Freund geht, das zu ertragen und nichts tun zu können, als wenn es einem selbst so ginge.
    Fühl Dich gedrückt!
    Ute

  7. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Liebe Christiane , es ist immer traurig wenn ein geliebter Mensch stirbt. Und es fehlen einem oft die richtigen Worte. Ich fühle mit dir, Elli

  8. Croco sagt:

    Was für ein kluger Mann!
    Wer sich von einer Krankheit nicht in die Knie zwingen lässt, sondern ihr offen begegnet und sie annimmt, ist ein ganz Großer.
    Und es ist wunderbar, so einen Menschen gekannt zu haben, trotz all der Trauer um den Verlust.