Corona Tagebuch – Tag 45

Singapur  – New-York – Los Angeles – Cancún … gar nicht so einfach, viele von Ihnen haben es aber geschafft :)

Marianne Q. hat rausgefunden, dass es sich um Werbung der SNCF, der französischen Bahn handelte – deren Marketing-Abteilung für einmal übersprudelnde Phantasie bewiesen hat – im Sinne von „die Welt ist ein Dorf, und alles ist erreichbar“. Nachzulesen hier (französisch). Die „französisierten“ Dorfnamen (es gibt noch ein paar andere), sind natürlich reine Phantasie (och!) und man hat sie in die Schilder hineinkopiert.

Heute war es grau, feucht und schwül. Es regnete heute Nachmittag, aber jetzt (19 Uhr) scheint die Sonne. Die Luft roch nach Schwimmbad. Auf dem Weg zum/vom Bäcker habe ich ein paar Häuser mit offenen/geschlossenen Fensterläden fotografiert. Susanne fragte neulich danach, ich zitiere: Obwohl das Wetter doch gerade (nicht) schlecht ist, sieht man so viele geschlossene Fensterläden. Die Leute müssen aber ja zu Hause bleiben. Hocken die nun den ganzen Tag in den dunklen Wohnungen oder werden nur die Läden nach hinten raus geöffnet, die man von der Straße aus nicht sehen kann?

niemand zu Hause
hier ist jemand
hier auch, nur ganz oben ist niemand

Ich finde die Frage gar nicht banal, die Antwort ist nämlich komplizierter, als man vielleicht denkt, deswegen greife ich es nochmal auf und beantworte es nicht nur im Kommentar. Erstens, wir sind in Cannes. Cannes ist ein Ferienort, sehr viele Menschen haben hier eine Ferienwohnung oder gar ein Ferien-Haus (das kann durchaus ein altes Haus sein, das der Familie gehört, die vielleicht aus Cannes stammt, aber in Paris oder anderswo arbeitet) wo sie aber nur ein paar Wochen im Jahr verbringen und die sie nur manchmal wochenweise, zu den großen Kongressen, wie etwa dem Filmfestival, untervermieten. Diese Wohnungen in alten oder neuen Appartmentanlagen, in alten Häusern, oder auch komplette Häuser haben in acht bis elf von zwölf Monaten die Fensterläden fest geschlossen, weil einfach niemand da ist. Je nach Stadtviertel kann es dort monatelang komplett ausgestorben sein, weil es reine Ferienwohnungsviertel sind.

Cannes liegt im Süden, hier ist es im Sommer sehr hell und sehr heiß. SEHR heiß! Im Sommer sehen die Häuser dann auch geschlossen aus, OBWOHL die Menschen nun da sind, weil man die Fenster und Fensterläden gegen die Hitze und das gleißende Licht geschlossen hält. Man verbringt seine Tage im Sommer drinnen tatsächlich in einem steten Halbdunkel. Es gibt im Sommer aber Varianten. Häufig (wenn man nicht gerade an einer sehr lauten Straße wohnt) öffnet man nachts das Fenster, hat aber die Fensterladen dennoch geschlossen. Es gibt auch eine Variante, die Fensterläden vor den offenen Fenstern „gesperrt“ oder halb geöffnet zu haben. Es kommt auf diese Art ein bisschen Luft und Licht hinein, aber es ist trotzdem eher geschlossen.

Und die dritte Variante: Im Frühjahr oder Herbst, jetzt, zu „normal“ warmen Jahreszeiten, hat man die Fensterläden, dort wo jemand wohnt, geöffnet, schließt sie aber, zumindest im Schlafzimmer, mittags zur Sieste. :D Und ja, es gibt auch die Variante, dass man nach Hinten oder zum Garten geöffnet ist und zur Straße geschlossen, weil die Fensterläden auch Lärm abhalten.

Also kurz gefasst: Im Winter ist alles verbarrikadiert, weil keiner da ist, und im Sommer ist alles verbarrikadiert, weil es so hell und heiß ist (und drinnen ist es dann wirklich ein stetes Halbdunkel).

Zum Sommer in Cannes: Bei der Riviera-Zeit auf Facebook fand ich heute den Hinweis auf einen Film, der am 4. Mai im ZDF ausgestrahlt wird. Une Fille facile heißt er auf Französisch. Ein leichtes Mädchen der deutsche Titel. Er wird dort mit einer vernichtenden Kritik angekündigt und nur wegen seiner Bilder von Cannes doch halbherzig empfohlen. Aber der Film ist nicht so schlecht. Ich habe ihn letztes Jahr auch mit gemischten Gefühlen angesehen und finde aber, er zeigt gut und realistisch die zwei Seiten der Champagnerwelt an der Côte d’Azur: die, die ihn trinken und die, die ihn servieren. Und man sieht wirklich viel von Cannes im Sommer. Und da es ja gar nicht so sicher ist, ob man dieses Jahr überhaupt und schon gleich hierher reisen kann, so können Sie wenigstens virtuell etwas Côte d’Azur einatmen. Ich gebe Ihnen hier eine gute Kritik des Films, erschienen in der Süddeutschen Zeitung, und die Vorschau.

Morgen ist der 1. Mai und es gibt dieses Jahr keine Maiglöckchen zu kaufen! Ich weiß nicht, ob es das schonmal gegeben hat. Unser Bäcker hat dennoch Maiglöckchen im Angebot: aus Stoff die Blüten, das Töpfchen ist aus Schokolade! Immerhin etwas.

Maiglöckchen sollen Glück bringen, deswegen schenkt man sie sich und je mehr Glöckchen man geschenkt bekommt, desto glücklicher soll man werden. Ich habe drei Glöckchen verschenkt und diese hier selbst behalten. Man ist für sein Glück (auch) selbst verantwortlich ;)  Viel Glück für Sie und Gesundheit und alles, was Sie gerade brauchen in diesen Tagen! Bis morgen!

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10 Responses to Corona Tagebuch – Tag 45

  1. Ursula Weber sagt:

    Viel Glück🍀🌷🍀🌷🍀🦋

  2. Sunni sagt:

    Viel Glück Ihnen und den Ihren für jetzt und lange danach! Die Maiglöckchenidee ist wunderschön. Ich wollte hier welche besorgen, es gab kein einziges. Im Garten sind sie noch viel zu klein. Aber irgendwann…Herzlich, Sunni

  3. Croco sagt:

    „Wenn Du eine gefährliche Frau werden willst, musst Du den Mund aufmachen. Den Mund halten, sich verstecken, ist einfach. Sieh mich an!“
    Der Film klingt interessant. Bin gespannt, ob er hier mal in unserere Ecke landet.

    • dreher sagt:

      ZDF, 4.mai, 22.15h wenn ich es richtig erinnere 😊 der Film ist nicht so schlecht und realistisch, was Cannes und das Gewerbe angeht. Und schöne Bilder gibt’s auch.

      • Croco sagt:

        Oh, danke.
        Bin gespannt.
        Meine Mutter hat nächste Woche Geburtstag. Doch leider ist sie unbesuchbar in der Reha. So wird es das ersten Jahr seit ewig sein ohne Maiglöckchen.
        Liebe Grüsse

  4. Marion sagt:

    – Die Kritik ist wirklich differenziert. Ich werde mir den Film ein 2. Mal anschauen.
    – Habe den 1. Maibaum entdeckt, beim Blick aus dem Fenster heute morgen, und freue mich. Ich mag diese Tradition sehr und freue mich über ein Stück „Normalität“.
    – Heute vor 20 Jahren fuhr ich nach Paris und bekam von meinem Date am Bahnhof einen Strauß Maiglöckchen überreicht. Unvergessen.

  5. Evelyn Kerry sagt:

    Ich schicke Dir die Maiglöckchen aus meinem Garten, leider klappt das mit dem Duft nicht so recht. Und das mit den Fensterläden fand ich am Anfang hier auch befremdlich, hab’s aber der Hitze wegen schnell integriert. Unser Dorf unten ist außer der Ferien und and langen Feiertagswochenenden, wenn die Franzosen ‚Lee Pont‘ machen, auch ein ziemliches Phantomdorf, ich schätze die Hälfte der Häuser stehen leer. Was ich total lustig finde ist, dass viele Leute Wellblech vor die Haustür stellen, wenn sie nicht da sind. Nun gibt es hier in der abgelegenen Ecke der Ps nur wenig Kriminalität, wir schließen unser Haus meistens nicht ab, selbst wenn wir in die Satd fahren, aber das mit den Blechen finde ich dann doch eine Einladung zum Tanz! Etwa: Hey, Leute, wir sind nicht da, schaut doch mal rein, ob ihr was brauchen könnt!

  6. Susanne sagt:

    Danke Christine für die ausführliche und aufschlussreiche Antwort. Natürlich halte ich meine Läden auch im Hochsommer tagsüber geschlossen aber abends und wenn mal ein Regentag dazwischen ist, reisse ich alles auf und sorge für Durchzug.
    Herzliche Grüsse von
    Susanne

    • dreher sagt:

      Ja, das kann man sich nicht vorstellen, aber Regentage oder Durchzug gibt es hier im Sommer nicht mehr. Ich will auch immer aufreißen, aber draußen ist es schlimmer als drin, weshalb man frühzeitig im Jahr alles schließt, damit die Hitze möglichst spät eindringt. Luft gibt es im Sommer nur gegen vier Uhr morgens und auch das ist relativ, der Sommer ist eine dreimonatige bleierne Hitzezeit. Und das Licht ist jetzt, Anfang Mai, schon so hell und aggressiv, dass wir jetzt schon zeitweise die Fensterläden schließen (dort, wo die Sonne jeweils ist).

  7. Wolfram sagt:

    Ich war mal einen Monat in Saint-Paul-Trois-Châteaux. Nachts 28° im Schatten, tags über 40. Da hab ich nachts alles aufgerissen im Obergeschoß (an Hanni hätte sich niemand vorbeigetraut), und tags alles zu.
    Zum Glück steht das Haus zwischen vielen Bäumen, so daß das Erdgeschoß quasi gar keine Sonne bekommt.

    Hier ist es ähnlich. Die alten, dicken Mauern aus Kalkstein halten das Haus bis weit in den Juli hinein kühl, wenn man denn daran denkt, tagsüber die Läden geschlossen zu halten. Zum Glück sind es noch richtige Holzläden. Allerdings ohne Luftschlitze: vom Atlantik können ziemlich heftige Stürme kommen, und außerdem isoliert geschlossenes Holz noch besser.

    Ach ja, und ein augenzwinkernder Musikgruß.
    https://www.youtube.com/watch?v=hgl6doQlGqY