Chronik trüber Tage

Heute also erster Tag des zweiten Confinements. Wir hatten einen Banktermin, der auch stattfand, und füllten zum ersten Mal wieder die Attestation de déplacement dérogatoire aus und machten unser Kreuzchen bei Convocation administrative, also eine Art „Verwaltungsvorladung“. Ich hatte den Termin, als ich ihn ausgemacht habe, extra auf 11 Uhr gelegt, weil wir danach in der Stadt hätten Essen gehen können. Tja, Pech gehabt. Hätten wir gestern nochmal machen sollen, aber gestern gab es, schnellschnell, so viel anderes zu erledigen, dass wir nicht dazu kamen. Unter anderem waren wir beim Baumarkt, um eine Duschvorhangstange und einen Duschkopf zu erwerben. Beim Baumarkt war es so voll, dass wir draußen Schlange stehen mussten und erst dann wieder Kunden eingelassen wurden, wenn welche den Baumarkt verlassen hatten. Alle wollen die kommenden Wochen der Ausgangssperre nutzen, um irgendetwas zu renovieren, scheint es. Man muss sich ja beschäftigen. Nicht nur der Baumarkt war voll, alles war voll, die Straßen, die Läden. Nein, ich habe keinen Großeinkauf gemacht, einen zweiten Laden voller genervt-hysterischer Menschen und mutmaßlicher Coronaviren wollte ich vermeiden. Wir essen, was eben da ist, und einen Teil dessen, was wir brauchen, werde ich morgen auf dem Markt einkaufen. Ich habe stattdessen nachmittags eine Freundin besucht, die ich seit März nicht mehr gesehen habe und wir waren spazieren! Ein Luxusvergnügen in diesen Tagen. Dann war ich noch schnell in der Mediathek, kurz bevor sie ihre Tore für die Zeit der Ausgangssperre schloss, und habe zehn Filme und einen Stapel BD’s ausgeliehen. Unter anderem werde ich „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Proust lesen, ein Wälzer auch als BD, ich dachte, das ist ein passendes Lese-Vorhaben. Ein anderes ist weniger lustig, die Geschichte eines Mitarbeiters einer NGO, der im Kaukasus gekidnappt wurde und als Geisel monatelang eingesperrt war. Passt vom Thema. Und ein etwas heiteres BD: Les Grands Espaces. Eine Frau erzählt ihre Kindheit mit ihren Aussteiger-Eltern, die einen alten Hof umgeben von viel Weite gekauft haben. Das als Gegenthema. Passt auch.

Ich durfte doppelt so viele Filme ausleihen als sonst und hätte auch unlimitiert Bücher mitnehmen dürfen, aber naja, die besten Filme waren schon ausgeliehen und mehr Bücher, die ich wirklich lesen wollte, habe ich auf die Schnelle nicht gefunden. Beim Rausgehen, ein feuriges Sonnenuntergangsgspektakel gesehen, das mein Handy leider nicht annähernd farblich wieder geben konnte. Hier nur ein Foto zweier junger Bibliotheksbesucher. 

Ich lasse mir übrigens seit der letzten Ausgangssperre die wöchentlichen Literaturtipps der Büchergilde in Wiesbaden schicken, eine Buchhandlung, die wiederholt als eine der Besten ausgezeichnet wurde. Zu Recht, wie ich finde, schon allein für diese wöchentlichen Literaturtipps, einschließlich der Hinweise auf Literatursendungen im Hörfunk und im Fernsehen! Danke dafür, auch wenn ich in dieser Spagat-Situation bin, und weder etwas von neuer deutscher noch französischer Literatur wirklich mitkriege, geschweige denn lese.

Die privaten Buchhandlungen in Frankreich kämpfen darum, während der Ausgangssperre öffnen zu dürfen. Unverständlich ist, dass in manchen Städten die Buchhandelskette Fnac geöffnet ist und man generell auch in Supermärkten wie Leclerc Bücher kaufen kann. Manche Buchhändler hatten heute deshalb aus Protest geöffnet.

Ganz schnell war ich morgens auch noch am Palais des Festivals, um den leeren roten Teppich des Mini-Filmfestivals aufzunehmen, hier auch mit unbekannten jungen Starlets.

Im Palais des Festivals können Sie jetzt, wie früher Kaugummis, Masken aus einem Automaten ziehen.

Später wurde über den roten Teppich symbolhaft ein schwarzer Teppich gelegt und man flaggte (am Hôtel de Ville) auf Halbmast. Sie wissen es schon. Gestern Morgen wurden in der katholischen Kirche Notre Dame in Nizza, die an der zentralen Einkaufsstraße Avenue Jean-Médecin liegt (die Buchhandelskette Fnac liegt schräg gegenüber, ein beliebtes Café nebenan), drei Menschen getötet. Enthauptet, erstochen. Der (mutmaßliche) Täter stammt (genauso mutmaßlich) aus dem islamistischen Milieu.

Gestern Abend konnte ich dazu nicht schreiben. Heute auch nicht wirklich.

Hier ein Link zu France 3.

Wir sahen dann einen der Filme, die ich ausgeliehen habe: Costa Gavras Adults in the room. Die Adaptation eines Buches von Yanis Varoufakis. Die Zeit, in der Griechenland versuchte, in Verhandlungen mit den europäischen Staaten, der europäischen Zentralbank etc. einen anderen Weg aus der Krise zu finden. Vergeblich, wie wir wissen. Guter Film, aber auch kein amüsantes Thema. Ich las dann noch ein paar Seiten in Les Grands Espaces. Sehr wohltuend.

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5 Responses to Chronik trüber Tage

  1. Caroline Bahri sagt:

    Coucou, wir waren gestern zur Mittagszeit noch eben bei Lidl in Vallauris, und ich war erstaunt, dass fast nichts los war. Die Regale waren noch gut gefüllt, nur Eier gab es keine mehr. Wir haben auch ganz normal eingekauft. Dieses Mal will ich mich nicht in Panik versetzen lassen. Dann mußte ich erst einmal ein kleines Video von diesem spektakulären Sonnenuntergang vom Balkon filmen. Kleine Freuden! Also ist jetzt für die nächsten Wochen ausschlafen, putzen, kochen, lesen, Serien gucken, Scrabble, Petanque im Garten spielen angesagt. Hört sich nicht so schrecklich an! Bis vor Weihnachten verhalte ich mich ganz ruhig und dann will ich nach Deutschland, um endlich meine Kinder wieder zu sehen!
    Ich wünsche dir eine ganz ruhige Nacht ohne Autoverkehr vorm Haus.

  2. Roswitha sagt:

    ich wünsche kraft um diese schwere zeit gesund und gut zu überstehen.

  3. Ulla Brümmer sagt:

    Ich freue mich auf jeden deiner neuen Texte. Haltet durch und bleibt gesund!

  4. Sunni sagt:

    Hallo von hier, wie sich die Bilder gleichen, wenigstens das verbindet: Bücher, CDs, ein wenig einkaufen an Lebensmitteln, nichts, was wirklich fehlen würde. Wie schrieb ich neulich: Ich fühle mich wie eine Handy mit nur noch 5% und weit und breit keine Steckdose. Voila, es geht uns wohl allen so.
    Wir hörten von den schrecklichen Angriffen. Ich mag , genau wie Sie, nicht darüber schreiben…Es ist einfach ein Grauen.
    Hier heute Nachmittag Großdemo mit Querkarierten und speziellen Parteianhängern. Und die gerichtliche Entscheidung, dass sie keine MNS tragen müssen. Ich bin nahe dem Punkt, alle Internetverbindungen und Handykontakte zu kappen, ich ertrage es nicht mehr.
    Noch ein Hinweis zum Lesen, sehr spannend, interessant, aufregend und gut geschrieben: „Metropol“, Eugen Ruge.
    Bleiben Sie beide gesund, so gesund, wie man in diesen Zeiten nur bleiben kann. Herzlich, Sunni

  5. Beate sagt:

    … ich bin zur stummen Mitleserin geworden. Mir verschlägt es bisweilen die Sprache. Aber ich freue mich, hier in der „community“ Gleichgesinnte zu „treffen“. Es ist wohltuend, dass Christine uns weiterhin mit Texten und Fotos versorgt, die von Herzen kommen und zu Herzen gehen. Es ist tröstlich, dass keiner in dieser Situation allein ist mit seinen Ängsten und Ärgernissen.
    Milles mercis an euch alle, bleibt gesund und versucht, euch nicht die Laune verderben zu lassen.
    Herzlich, BEATE