Rück- und Ausblicke

Schreib etwas, fordert mich das Layoutprogramm auf, dann schreib‘ ich eben was.

Dies ist ein Initialbuchstabe, hübsch, was? Wir probieren jetzt mal alles durch, was mir an Neuigkeiten so angeboten wird. Frohes Neues Jahr übrigens und dies ist ein frohes neues Layout. Vielleicht finden wir so auch die verlorenen Kommentare wieder. Auf der Suche nach den verlorenen Zeit, was für eine schöne Überleitung, heißt, das wissen Sie vermutlich, dieses mehrere tausend Seiten umfassende Werk von Marcel Proust, das ich mir kürzlich in Form einer (sehr gewichtigen) bande dessinée als Lektüre für den zweiten Lockdown ausgewählt hatte. Ich sah mich schon Madeleines backen und Lindenblütentee trinken und nachmittags endlich dieses Buch verschlingen. In gezeichneter Form schaffe ich selbst Albert Camus, aber an Proust bin ich erneut gescheitert. Ich habe es versucht, aber vermutlich lag es daran, dass ich leseunterstützend keine Madeleines gebacken habe, ich fand sie langatmig und mühsam, alle diese Geschichten aus der französischen Bourgeoisie mit ihren komplizierten Gesellschaftsregeln, sie wurden auch nicht amüsanter in Bildchenform. Aber vielleicht schaffe ich es doch noch: Jetzt gibt es nämlich gleich Marcel Proust als Podcast! Man liest ihn uns vor! Der Schauspieler Peter Matic (hier fehlt ein Sonderzeichen, das ich nicht einsetzen kann, Matitsch muss man ihn wohl aussprechen, er war übrigens die Synchronstimme von Ben Kingsley) hat die 329 Folgen in acht Jahren eingelesen! Was für ein Mammutprojekt! Es beginnt am kommenden Montag. Das wär doch was, oder? Den Hinweis auf diesen Podcast verdanke ich Herrn Buddenbohm.

Der Streetart-Künstler Ernest Pignon-Ernest hat die heutige Ausgabe von Nice Matin gestaltet
Der Streetart-Künstler Ernest Pignon-Ernest hat die heutige Ausgabe von Nice Matin gestaltet

Ein guter Plan für das nächste Jahr könnte ebenso ein Tagesplaner und Terminkalender mit dem gleichlautenden Titel sein. Ich bekam ihn genialerweise geschenkt, kannte weder den Kalender noch den Verlag, der von zwei jungen Menschen gegründet wurde, die beide schon einen Burnout hinter sich haben und „achtsames Leben“ in ihren Alltag integrieren wollten. Ich weiß, das „Achtsamkeitsthema“ ist schon durchgenudelt bis hin zum Kalauer. Aber Sie haben vielleicht mein letztes Buch gelesen und wissen, dass ich die eine oder andere Therapiestunde und das eine oder andere Online-Seminar hinter mir habe, und Spaß beiseite, ich weiß, von was die Rede ist. Der Kalender ist schön gestaltet (und sogar vegan, das hat mich etwas irritiert, aber ok, kein Ledereinband) und beinhaltet einen ganzjährigen Do-it-yourself-Kurs in Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Aber man muss es auch und selbst machen.

Der Rest vom Fest

In diesem Zusammenhang könnte ich Ihnen von meinem Umgang mit dem französischen Essen zu den diesjährigen Jahresendfesten erzählen. Sie wissen es, die Tische in Frankreich biegen sich in dieser Zeit unter der Last der fetten Gänselebern, der gefüllten Kapauns, der Dutzenden von Austern, dem Lachs, den Jakobsmuscheln, dem cremigsten Käse, der Buttercremigen Bûche de Noël und all der kakaobestäubten Schokotrüffel, des Champagners und der Grand Crus. Niemand hat mehr Hunger und doch wird immer noch ein Gang aus der Küche herangetragen. Man reiche mir eine Feder. Jedes Jahr um diese Zeit befiel mich die sogenannte Leberkrise, eine nur in Frankreich bekannte Krankheit, die ganz schlicht auch „Kotzeritis“ heißen könnte, weil man sich von dem zu Viel an Luxusgenüssen unter Jammern und Klagen, Fiebrigkeit und kaltem Schweiß und letztlich konvulsischen Zuckungen über der Kloschüssel wieder befreit. Und dieses Jahr? Dieses Jahr nicht! Viele von Ihnen, die mein Buch gelesen haben, haben mich gefragt, ob ich das mit dem Essen über diesen intuitiven Ansatz dauerhaft in den Griff bekommen habe. Ja, habe ich. Es ist ganz großartig! Es war mein Projekt für das vergangene Jahr. Es gab zwar kein Word of the Year, das mich begleitete, aber ich wollte dieses zwanghafte Essen, dieses Hungern und Überessen, dieses ständige Diät-Halten und trotzdem zunehmen, das mich fast mein ganzes Leben behrrschte, loswerden, frei davon sein, normal essen können. Ich habs geschafft. Ich esse normal, und außerdem alles, was ich will, aber ich will gar nicht mehr alles essen, das ist das Besondere. Ich lebe hier derzeit mit ungelogen fünf Kilo Schokolade in Form von Schokotrüffeln, Pralinen und „normaler“ Schokolade in weihnachtlicher und weniger weihnachtlicher Geschmacksrichtung, alles sehr fein, ich habe hier und dort geöffnet und probiert, aber ich esse sie nicht. Also ich esse sie, aber ich esse sie nicht mehr einfach weg. Früher habe ich Schokolade eingesaugt wie ein Staubsauger. Der regelmäßige Griff in die Pralinenschachtel oder der Gang zum Schrank, wo ich versuchte, die Schokolade „unsichtbar“ aufzubewahren, waren an der Tagesordnung. Jetzt nicht mehr. Ich achte auf meinen Hunger und wenn ich Hunger habe, will ich etwas „Richtiges“ essen. Schokolade gibts danach, aber mit einem Stück oder mit zweien ist es gut für den Rest des Abends. Sie steht vor mir und ich will sie nicht. Die Schokolade im Schrank vergesse ich. Das hat es noch nie gegeben. Abgenommen habe ich ganz nebenbei auch. Keine dramatischen Zahlen, aber ich bin ganz glücklich damit. Essen ist normal geworden. Großartig.

Ich kann das Thema gerne, falls es Sie weiterhin interessiert, noch einmal ausführlicher behandeln, schreiben Sie mir eine Kontaktmail und was Sie wissen wollen, Sie müssen sich hier nicht in den Kommentaren (selbst wenn man sie derzeit nicht sehen kann) outen.

Das vergangene Jahr war zwar wahnsinnig anstrengend, aber in persönlicher Hinsicht sehr erfolgreich. Und ich bin darüber sehr glücklich. Glücklich, genau. Das spüre ich auch mehr und mehr. Schön, was?

Al Fresco Dining

Glücklich machend und schön sind auch die Bilder von Susie Lubell, einer amerikanisch-israelischen Künstlerin, der ich seit ein paar Jahren in ihrem Schaffen folge und von der ich zwei weitere Bilder erstanden habe. Eines, weil ich ein Bild von diesem eigenartigen Jahr haben wollte, das ausdrückt, was ich fühle. Und eines (mein Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk), weil ich mich darin verliebt hatte. Sie sind vorgestern angekommen und ich bin wirklich ganz begeistert von ihrer Farbigkeit, ihrer Frische, ihrer Energie, die unser Heim wohltuend aufpeppen. Erste improvisierte Installation vor ungemachtem Bett, weil die Farben so toll passen!

Improvisation vor ungemachtem Bett
Sequencing

Auch schön sind all die Bücher, die hier angekommen sind, und denen ich gerne etwas mehr Raum geben möchte, zuvor müssen sie aber gelesen werden. Vielleicht komme ich jetzt dazu, wenn es, immer frei nach Karl Valentin, nach der stillen Zeit endlich wieder ruhiger wird.

Lesen!

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14 Responses to Rück- und Ausblicke

  1. Gwen sagt:

    Liebe Christine,
    vor kurzem erst bin ich über 7 Ecken über deinen Blog gestolpert und spicke jetzt oft hier rein – kann ich doch so meiner alten Provenceliebe ein wenig frönen ;)
    Und was lese ich heute? Intuitives Essen? Das funktioniert?
    BITTE – ich will da dringend mehr drüber wissen! *händering
    Wie Abnehmen funktioniert, weiss ich. Dass ich dann irgendwann, mit Anlauf und Wumms, wieder in die Schokoladen- und Chipsschüssel falle, ist Gesetz. Und frustriert mich.
    Also bitte ich neugierig im Infos aus erster Hand.
    Mit lieben Grüssen aus der Ferne
    Gwen

    • dreher sagt:

      Liebe Gwen,
      freue mich, dass Sie meinen Blog gefunden haben und hier lesen, und Danke für die Offenheit zum Ess-Thema. Ich werde alle Fragen dazu, die hier und auf anderen Kanälen bei mir ankommen, sammeln und dann einen Beitrag dazu machen! Versprochen! Sie sind damit nicht allein, damit Sie das schonmal wissen. Wir sind leider viele, die sich mit dem Diät-Ding herumquälen.
      Ohne, dass das zu einer Verkaufsstrategie werden soll(te) – ich habe, wie ich finde, alles bereits in „Von hier bis ans Meer“ aufgearbeitet und dort auch lebensverändernde und lebensrettende Links mitgegeben. Ich kann aber trotzdem noch etwas dazu sagen.
      Liebe Grüße!

  2. Sunni sagt:

    Voila! Das klingt alles richtig gut. Die neuerworbenen Werke strahlen Kraft und Freude aus, genau richtig. Und sehr schön mit der besonderen Lampe daneben. Für Proust…müssen wir alle wohl noch 20 Jahre älter werden, dann geht es vielleicht. Für alles Anstehende viel Glück, Kraft und Humor, denn ohne ein Lächeln kommt man oft schlecht über den Tag! Herzlich, Sunni

    • dreher sagt:

      Haha, Proust mit Achtzig, ich behalte das im Kopf! Und Danke für den Rest! :-) Für Sie alles sehr herzlich zurückgewünscht!

  3. Marion sagt:

    Du musst nächstes Mal unbedingt mal Fotos vom Weihnachtsmahl einstellen, hattu noch nie gemacht… Außerdem frage ich mich, wo Du generell eigentlich die ganzen Bücher unterbringst, die Du so angesammelt haben musst? Das Bild des frz. Künstlers auf der Titelseite bleibt mir ein Rätsel… Ich esse Schokolade auch so weg, versuche, nicht zu viele Vorräte im Haus zu haben… Mir hilft der Lockdown, etwas abzunehmen (wenigstens etwas Positives), da man nur unter Mühen unterwegs Essen kaufen kann und bis man alles ran geschleppt und selber gekocht hat, da verzichte ich einfach manches Mal…
    Bonne année 2021 !!!

    • dreher sagt:

      Bonne année, Marion, danke, wünsche ich dir auch!
      Beim Weihnachtsmahl bin ich leider hoch unter Stress, vor allem, weil/wenn ich wirklich alles alleine machen muss, ich bin in dem Fall schon so nervös, dass alles rechtzeitig fertig ist und nicht zu wenig oder zu viel gekocht, auch wenn sich alles hinzieht – und ich bin dann keine Meisterin im Anrichten, ich knalle es auf den Tisch, bedient euch! Fotos schaffe ich dann nicht auch noch, und da die Eingeladenen nicht aus der Social-Media-Generation sind, fotografiert auch niemand anders das Essen.
      Die Bücher – es sind ja noch so viele mehr – ich habe ein Foto gemacht, erinnere mich, wenn ich vergesse, es demnächst zu posten.
      Und das Bild des Künstlers ist tatsächlich schwer entzifferbar – ein Kind auf der kopflosen Statue Nikaia, die Nizza verkörpert – hat viel mit ihm zu tun, er war ein etwas verwahrlostes Arbeiter/Straßenkind und stammt aus Nizza.

  4. Mumbai sagt:

    Baudelaire, le Bon, Eco … um neben Proust und Camus nur weitere zu nennen, die mir
    ein Sisyphuslesen bescherten und ich es dennoch nie zur letzten Seite schaffte bzw. so
    richtig verstand. Denn Lesen bedeutet fuer mich verstehen, sich hineinfuegen u. mehr …
    da half auch Schokolade nicht. Persoenlich fand auch ich 2020 nicht so arg wie es manche Menschen beschrieben. Diese lockdowns haben mir u.a. eine andere Lebensmoeglichkeit aufgezeigt, mit der ich mich nach einigen Wochen angefreundet habe und so kann ich sagen, ich fuehle mich pudelwohl und bin zufrieden. Aber vielleicht liegt’s an den Jahren.

    • dreher sagt:

      Das tröstet mich, dass Sie es auch nicht schafften, Proust (und andere) bis zum Ende zu lesen! Monsieur liest selbst Unverdauliches bis zur letzten Seite, ist mir ein Rätsel, wie er das schafft. Ganz ohne Schokolade ;-)
      Für mich war das Lockdown-Jahr auch nicht so dramatisch wie für andere – und ich habe wirklich viel im (persönlichen) Innen gearbeitet, anstatt draußen herumzurennen, das war ganz klar ein Gewinn!

  5. Ute sagt:

    Liebe Christiane,
    ich freue mich so sehr, so viel von Dir zu lesen in letzter Zeit.
    Dass Du uns teilhaben lässt an Deiner Weihnachtszeit, dem Jahreswechsel in Cannes und allem anderen, was Du schreibst!
    Arme, Kopf und Rücken sind dazu hoffentlich wieder vollständig genesen…:-)
    Schön, dass es trotz aller Anstrengungen und finsterer Zeiten ein gutes und erfolgreiches Jahr für Dich war :-)
    Vielen Herzlichen Dank für Deinen wunderbaren Blog und für Dein Buch, das ich im Spätsommer so verschlungen habe!
    Sehr gerne schreib doch noch mehr über das Thema Essen.
    „Staubsauger und Schokolade“ hat mich doch sehr lachen lassen, kommt mir auch bekannt vor…
    Und über Beschreibungen, was Du wie kochst, freue ich mich auch immer wieder (wie wäre es mit einem Kochbuch, mal so zwischendurch? ;-))
    Hab ein wunderbares Jahr, und passt gut auf Euch auf!
    Liebe Grüße
    Ute

    • dreher sagt:

      Liebe Ute, sehr vielen Dank! Ich freue mich, wenn du mein Buch gern gelesen hast und darüber, dass du eine so treue Blogleserin bist!
      Über das Essen schreibe ich nochmal – ich bekam und bekomme viele Rückmeldungen, auch weniger offiziell, wir sind so viele!
      Die Kochbuchidee finde ich sehr schmeichelhaft :-D
      Ein wunderbares Jahr auch für dich!
      Liebe Grüße!

  6. Croco sagt:

    Liebe Christiane,

    Das Männchen auf dem neuen Bild ist allerliebst. Er erinnert mich an das X-chen von Paul Klee, eines meiner Lieblingsbilder. Und an Giovanni Vetere, den ich sehr mag https://www.galerie-incontro.de/giovanni-vetere
    Ich habe Dein Buch sehr gerne gelesen. Und bin dankbar für Deine Offenheit, sie tut richtig gut. Das intuitive Essen ist was wunderbares. Ich mach das schon ne Weile. Die Freude am Leben kehrt zurück. Alles Gute Dir und viel viel Greude an den Bildern

    • dreher sagt:

      Liebe Croco,

      das „Männchen“ ist eigentlich ein verschnörkelter (französischer) Gartentisch mit Tassen und einer Blumenvase und bezieht sich auf das „draußen-Essen“ (Al Fresco Dining) oder zumindest habe ich es so verstanden, aber jetzt sehe ich ständig ein Männchen darin und das mag ich auch :-) Kunst ist Kunst ist Kunst.
      Und ich habe Klee angeschaut und Giovanni Vetere kennengelernt! Danke dafür!
      Danke, wenn du mein Buch gern gelesen hast!
      Genau, die Freude am Essen kehrt zurück. Ich finde alles so lecker! Und nerve Monsieur ständig mit „Schmeckt es nicht super? Ist es nicht total lecker?“ :-D
      Alles Gute für dich/euch ebenso!

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