Eine Stunde, fünf Kilometer …

Gab ich letzte Woche beim Deutschlandfunk in der Sendung Lebenszeit („Wie leben die europäischen Nachbarn mit dem Virus“ – Die Sendung dauert über 70 Minuten, um Frankreich geht es etwa nach 40 Minuten) noch ein eher positives Statement zur Lage der Nation, immerhin lautete die Schlagzeile von Nice Matin gerade großspurig Des bonnes nouvelles („wir sehen das Licht am Ende des Tunnels“) – die erste positive Schlagzeile seit einem Jahr – so sind wir heute doch wieder beim dritten confinement, wenn auch erstmals nur und ausschließlich in unserem lieblichen Departement. Ich bete Ihnen mal nur die Inzidenzahlen runter, die ja jetzt gerne herangezogen werden, dann verstehen Sie warum: die Inzidenzzahl für den größten Teil Frankreichs liegt bei 201,7, in unserem Departement jedoch bei 583,2 und in Nizza jenseits von 700. Die Intensivstationen in unserem Departement sind mit über 101 Prozent aus – nein, überlastet. Wenn Sie also morgen schlimm krank werden oder einen Autounfall haben und ein Intensivbett brauchen, lässt man Sie im Krankenhausflur liegen. Nein, natürlich nicht, vermutlich werden Sie in ein Krankenhaus in einem anderen Departement transportiert. Dennoch kein wünschenswertes Szenario.

Der Gesundheitsminister Olivier Veran hat sich am Wochenende nach Nizza begegeben, um vor Ort zu verstehen, was hier passiert, und die Maßnahmen, die ergriffen und uns gerade mitgeteilt wurden lauten: 3. confinement an den kommenden (Ferien-)Wochenenden, von Freitagabend 18 Uhr bis Montagmorgen 6 Uhr, in allen Orte von Menton bis Théoule, die an der Küste liegen (und ein bisschen dahinter). Das heißt, arbeiten dürfen wir, ausgehen nicht, schon gar nicht am Wochenende, dann gilt wieder die Regel: eine Stunde am Tag und in einem Umkreis von immerhin fünf Kilometern dieses Mal, und natürlich müssen wir wieder die Ausgangsbescheinigungen ausfüllen, seufz. Es ist ein Elend.

Warum ist das hier so? Keine Ahnung. Überaltertete Bevölkerungsstruktur, zusätzlich touristische Gegend, es sind Ferien in Frankreich und alle reisen ans Meer. Der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, wollte deshalb schon (vergeblich) verbieten lassen, dass Ferienunterkünfte vermietet werden dürfen. Er bekam es gerichtlich nicht durch. Aber er sagt offen in jedes hingestreckte Mikrofon, dass er (in einer Stadt, die vom Tourismus lebt!) derzeit keine Touristen will. So die Lage.

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19 Responses to Eine Stunde, fünf Kilometer …

  1. Sabine sagt:

    Oh Schreck, das ist echt traurig 😢 Ich wünsche Dir gute Nerven, mach‘ was aus Deinen fünf Kilometern und bleib‘ vor allem gesund!
    Ich denke mal, dass sich auch unser Frankreichurlaub dieses Jahr erledigt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das in den nächsten vier Monaten so enorm verbessern wird und wir geimpft sind. Leider, leider, ich bin sehr traurig. Aber noch trauriger bin ich über Eure Situation. Auch wenn es nur für zwei Wochenenden ist, so ein confinement ist doch wesentlich strenger als ein deutscher Lockdown, abgesehen von ein paar wenigen Ortschaften, die auch einen radikalen Lockdown haben / hatten.
    Bonne chance 😘

    • dreher sagt:

      Danke Sabine!
      Es ist zum ersten Mal, dass nur ein einzelnes Département einen Lockdown (wenn auch nur am Wochenende) verpasst bekommt – bislang galt immer „alle oder keiner“, was für viele Départements einer Bestrafung gleichkam, weil es bei ihnen nicht so dramatisch aussieht.
      Die Situation bei uns ist schon seit Wochen so – und es wird nicht besser. Die Menschen haben es satt und keine Lust mehr drin zu sein und aufzupassen. Der Lockdown dient dazu, die Wochenendausflügler zurückzuhalten und die Touristen etwas abzuschrecken (also, dass du nun nicht kommst, ist, auch wenn es der Branche wehtut, mit Teil der Strategie). Wir Einheimische sind leider auch bestraft, dabei sind wir vermutlich die Vernünftigsten.

      • Sabine sagt:

        Da hast Du Recht! Aus diesem Grund „freue“ ich mich auch, Teil der Strategie zu sein. Das macht dann wenigstens Sinn, auch wenn es mir persönlich sehr weh tut. Ich mache mir auch Gedanken um die ganzen Menschen da unten. Wir haben im Laufe der Jahre schon so viele kennengelernt. Die ganzen Inhaber der kleinen Lädchen. Wir fragen uns halt auch, wie es denen geht. Haben sie gesundheitliche und geschäftlich überlebt? Was macht der nette Mensch aus dem Keramikladen in Vallauris, bei dem wir jedes Jahr sind und der uns sogar auf der Straße erkennt und bisous rechts und links 🤔 Oder der Bäcker, bei dem mein Mann, der kein französisch kann, morgens immer einkauft und sich trotz allem wunderbar „unterhält“. Madame aus dem Zeitschriftenladen, die sich immer wundert, dass mein Mann die L’Equipe kauft, obwohl er doch der Sprache nicht mächtig ist. Die Inhaber des kleinen Supermarktes, mit denen wir schon so viel Privates ausgetauscht haben (nur keine vollständigen Namen und Adressen. und und und. Wir würden sie schon alle gerne wiedersehen. Gesund und munter! Dafür beiße ich auch in den sauren Apfel und bleibe dieses Jahr auch zu Hause.

        • Sabine sagt:

          Das war 2019 ein allseits fröhliches „á l‘année prochaine“. Und nun wird es 2022 😢

        • dreher sagt:

          Das tut mir ja nun auch leid, denn ich vermute, dass nur die eher „vernünftigen“ Feriengaeste jetzt wegbleiben und die eher unvernünftigen kommen… Vielleicht überlegt ihr es euch noch?

          • Sabine sagt:

            Zu den unvernünftigen Feriengästen zu mutieren 😉
            Nein, das Thema ist durch. Es kann ja auch mal irgendetwas anderes sein, mit dem man dann das französische Gesundheitswesen zusätzlich belastet. Außerdem bin maximal ich bis dahin geimpft und sollte (und die Möglichkeit besteht ja durchaus) sich mein Mann dann den Virus holen und womöglich noch in ein französisches Krankenhaus müssen, er kann kein / rudimentär französisch und ich dürfte dann nicht zu ihm….das muss ja nicht sein. Lassen wir dieses Jahr nochmal den Verstand sprechen und nächstes Jahr nur noch das Herz 🇫🇷.
            Außerdem würde ich mich wahrscheinlich auch zu sehr über die Touris aufregen, die die Maske unterm Kinn tragen, keinen Abstand halten… da ärgere ich mich zu Hause schon genug beim wöchentlichen Einkauf. Also in diesem Sinne: à l’année prochaine 🥰

  2. Ursula Weber sagt:

    🙊Das erschüttert mich, zu hören. Ich wünsche Euch sehr, dass Ihr gut durch diese schwierige Zeit kommt❣️🍀🍀🍀 Herzliche Grüße und gute Gesundheit 😘

    • dreher sagt:

      Danke liebe Uschi. Für uns persönlich ist es leichter, weil wir zum Beispiel heute Mittag spontan am Meer waren und dort ein Eis gegessen haben. Für die Menschen, die arbeiten, ist es schwerer. Hier ist jeden Tag um 18 Uhr Sperrstunde und jetzt können sie nichtmal am Wochenende raus – also zumindest nicht länger als eine Stunde.
      Wir sind weiterhin vorsichtig! Gute Gesundheit auch für dich!

  3. Claudia+Pollmann sagt:

    Oh wie schrecklich ich hoffe es wir irgendwann mal besser. Kempten hat einen Wert von unter 35 und nun fürchten sich alle vor der Nordischen Ski WM in Obersdorf.
    Es wird zwar keine Zuschauer geben aber viele Sportler. Und die könnten das Virus im Gepäck haben. Daher ist die Stimmung eher für die Absage des ganzen.

  4. Marion sagt:

    Ach, so ein Mist! Hier liegt die Inzidenz bei 69, bin aber immer noch sehr vorsichtig. Bin heute in Köln beim Arzt – große Ausnahme! Alles Liebe!

    • dreher sagt:

      69 ist ja gar nix … keine Ahnung, wann wir in den letzten Monaten mal unter 500 waren … pass trotzdem weiterhin auf (darfst du deine Mutter besuchen?)

      • Marion sagt:

        Danke, mach‘ ich. Mutter besuchen geht theoretisch wieder, aber wir „Älteren“ (+50) sollen uns noch zurückhalten, also geht vorläufig nur mein Bruder (-50). Aber unsere Mutter ist trotzdem nur noch unzufrieden und wir können das mit all‘ unseren eigenen Sorgen kaum noch aushalten. Was soll’s, ein neuer Tag und heute strahlt wieder die Sonne… Liebe Grüße, bleibt stark!

  5. Mumbai sagt:

    Marbella …894 und alles ist offen. Ob es so richtig ist, ich weiss es nicht aber es tut mir
    leid, dass Alpe Maritime wieder so eingelockt ist, noch dazu Ferien und schoenes Wetter.
    Aber….durchhalten ist die Devise, was kann man sonst tun?

  6. Caroline Bahri sagt:

    Hallo meine Liebe,
    Kurze Bemerkung zum Beitrag im Deutschlandradio: eine hervorragende, unterhaltsame und informative Sendung, die ich ohne deinen Tipp wohl verpasst hätte. Danke auch für den Link und die Erwähnung des Bouleclubs 🤗
    Bisous Caro

    • dreher sagt:

      Danke dir! Und danke dir für deine Informationen zum Bouleclub! Wir kamen heute durch Cagnes und dort war der Platz auch voll, alle Felder bespielt und die Masken teils auf Halbmast …

  7. Sunni sagt:

    Oh, schlimm! Droht uns hier auch, wir sind seit Wochen führend oder an 2.- 4. Stelle in D. Hier machen es die vielen Leugner, Besserwisser, Hobbyvirologen und Impfgegner aus, da wird der Kampf immer brutaler. Für mich völlig unverständlich , denn der Lockdown war nie auch nur annähernd wie in F oder I. In nichts. Aber die Auflehnung ein Vielfaches.
    Wir versuchen weiter uns an alles zu halten. Gestern erfuhr ich, dass die Mitarbeiterin meiner Physio (Leugnerin seit eh und je) mit 39 nach Infektion, ITS, Beatmung, Herz-Lungenmaschine, Luftröhrenschnitt, Koma und nicht rückholbar aus dem Koma gestorben ist…Mir fiele so viel ein dazu, so unendlich viel. Durch unsere Familie stehen wir mitten in den medizinschen Bereichen, man kann sich nicht vorstellen, was geleistet wird. Und auf der anderen Seite durch Leichtfertigkeit und Unverständnis aufs Spiel gesetzt…Alles Gute!!! Durchhalten! Und Eis am Meer muss einfach sein! Herzlich, Sunni

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