Flow – Über das Glück zu fotografieren

An diesem Text schrieb ich, als sich gestern schon wieder Corona in den Vordergrund schob. Ich wollte das nicht unerwähnt lassen, aber ich will nun auch nicht tagelang über die super hohen Inzidenzzahlen und Hygienemaßnahmen schreiben. Daher jetzt zu etwas völlig anderem:

Ein anderes Buch, das ich vorstellen wollte, liegt auch schon lange hier. Dabei hatte mich der Titel geradezu angesprungen „Fotografieren als Glückserlebnis“ – und als Pia Parolin mich fragte, ob ich es vorstellen wollte, war ich Feuer und Flamme. Aber dann war da, Sie wissen schon, meine Müdigkeit, mein Energieloch. Es ging gar nichts. Jetzt ist sie zurück, meine Energieflamme, noch nicht lodernd, aber es geht schon was. Heute habe ich mir das Buch noch einmal ausführlich angesehen, und heute hatte ich dann auch den Eindruck, es ist eigentlich für mich geschrieben. Es ist eine Ermutigung zur Fotografie, zur Kreativität, zum Flow und zum Glück. Und all das kann man lernen. Boah!

Fangen wir mal von vorne an. Pia Parolin kennen Sie, weil ich von ihrer ersten Ausstellung Promenade Moments im CCFA, dem Kulturzentrum in Nizza, „blown away“ war, wie man auf Neudeutsch so sagt. So begeistert war ich, dass ich die Fotografin angesprochen habe und darum bat, über sie auf meinem Blog schreiben zu dürfen. Hier geht es noch einmal zu der Ausstellung von 2018, falls Sie einen Blick darauf werfen wollen.

Ihre wundervolle Ausstellung wurde im Anschluss international gezeigt, und seitdem springt Pia von einem Foto-Event zum nächsten, ist Mitglied in namhaften Foto-Vereinigungen, und sie hat selbst Street-Art-Fotografie-Workshops mit herausragenden Street-Art-Fotografen in Nizza ins Leben gerufen. Pia ist ursprünglich habilitierte Biologin, aber jetzt ist sie auch Fotografin und Autorin.

Die Fotografie habe ihr in und aus einer schwierigen Lebenssituation geholfen, sagt Pia. Ich zweifle das nicht an, aber ich sehe Pia, seit ich sie kenne, stets strahlend, gut gelaunt, dynamisch, voller Energie und immer hat sie ein neues Projekt, eine Ausstellung oder ein Buch in Arbeit. Es scheint, als habe sie das Glück beim Fotografieren gefunden und als sei sie mit allem, was sie tut, ständig im Flow. Es wundert mich nicht, dass sie darüber nun ein Buch geschrieben hat.

Foto: Pia Parolin

Aber Pia ist im Herzen auch und zuerst Wissenschaftlerin, und ihr Buch Flow -Fotografieren als Glückserlebnis ist ein Sachbuch, ein wissenschaftliches Buch gar. Das Wort flow, zum Modewort avanciert, ist nicht einfach so dahingeschrieben, sondern Pia wendet die Flow-Theorie, denn ja, die gibt es wirklich (vielleich wussten Sie das schon, ich wusste es nicht), entwickelt von einem Ungarn, mit dem (zumindest für mich) unaussprechlichen Namen Mihaly Csikszentmihalyi, auf die Fotografie an. Ein wissenschaftliches Buch also, und es ist, vor allem, wenn es um das Konzept von Mihaly Csikszentmihalyi geht, anspruchsvoll, aber keineswegs trocken. Es ist aber auch ein sehr persönliches Buch, Pias Begeisterung für das Thema ist spürbar und sie erzählt in einer angenehmen Art von sich und ihrem fotografischen Erfahrungen, so dass man von einem Kapitel ins nächste „fließt“. Sowieso schaut man von einem großartigen, den Text unterstützenden Foto, mit einem immer sehr persönlichen und manchmal amüsanten (making-of) Bildtext, zum nächsten (keine Seite ohne Abbildung) und alles ist verständlich und geradezu im flow. Es gibt keinen Zweifel am Flow. Das hat mich überrascht und gleichzeitig beruhigt. Flow gibt es. Einen Flowzustand, also fließende Energie, in der man wie in Ekstaste schöpferisch tätig ist, Zeit, Raum und alle körperlichen Bedürfnisse vergisst, hat sicher jeder schon einmal erlebt. Tatsächlich hatte ich beim Lesen meine Zweifel, ob ich besonders viele Flow-Momente kannte, aber dann erinnerte ich mich daran, dass ich gerade einen winzigen Flow-Moment erlebt hatte – als ich vor ein paar Tagen versuchte, Möwen am Strand zu fotografieren.

Und einen weiteren, als ich auf einer Mauer herumkletterte, um die Mandelblüte aufzunehmen. Da war ich wirklich ganz im Hier und Jetzt, konzentriert und vergaß tatsächlich die Zeit. Ehe ich mich’s versah, war eine halbe Stunde um, und ich wollte doch nur schnell ein Foto machen. Gut, über das Ergebnis meiner fotografischen Ausbeute kann man diskutieren. Und ich erkenne mich in der etwas planlosen Knipserin wieder, die Pia in ihrem Fotografie-Flow-Modell ganz unten angesetzt hat. Ohne Fleiß kein Preis, hätte Pias Großmutter dazu gesagt. Übung macht den Meister, ein anderes Sprichwort. Denn ja, Flow hin und Kreativität her, es ist wichtig, die Technik des Fotoapparates zu beherrschen, wenn man wirklich etwas besonderes fotografieren will.

Ich möchte schon immer anspruchsvoll fotografieren. Ich hatte vor Jahren, noch zu Zeiten der Spiegelreflex-Kameras, einen Foto-Kurs belegt. Die Schuld lag sicher nicht nur am leidenschaftslosen Kursleiter, aber ich wusste von der Technik meiner Spiegelreflexkamera nach dem Kurs genauso viel wie vorher, nämlich nichts. Dass ich mir gerade noch eine klassische Spiegelreflexkamera gekauft hatte, obwohl es schon Digitalkameras gab, war auch eine komische Verirrung, das aber nur am Rande. Ich habe so gut wie nie wirklich mit dieser Kamera fotografiert, weil ich sie technisch nie verstanden habe und weil ich nie die Energie aufgebracht habe, mich wirklich damit auseinanderzusetzen.

Dann reiste ich nach Frankreich und kaufte ich mir fürs leichte Reisegepäck meine erste klitzekleine digitale Kompaktkamera. Sie war simpel und genial. Ich habe sie geliebt und hatte das Gefühl, wir verstanden uns „ohne Worte“, und ohne viel Technik machte ich Makro-Aufnahmen, von denen ich teilweise heute noch beeindruckt bin. Leider behandele ich meine Dinge nicht immer sehr pfleglich, nach ein paar Jahren funktionierte sie nicht mehr und niemand wollte so eine kleine simple Kamera reparieren (nein, auch nicht im Repair-Café). Ich erwarb eine andere, die gerade hochgelobt wurde, und ärgerte mich vom ersten Tag an. Ich kam mit ihr nicht klar. Also fotografierte ich zunehmend mit dem Smartphone. Warum auch nicht. Aber dann regte mich dieses Display auf, auf dem ich bei Sonnenschein nichts sehe und erstand nun, Jahre später, ein Nach-nach-nach-nach-Nachfolgemodell meiner ersten kleinen Kamera (mit einem schnell verkratzten und verfärbten Display, aber auch mit einem Sucher), doch nein, ich mochte den großen Bruder meiner verstorbenen kleinen Kamera auch nicht. Resigniert fotografiere ich seither mit dem Smartphone – ärgere mich über die breiigen und unscharfen Fotos, die ich oft blind mache, weshalb ich natürlich zu viele knipse, was langes Aussortieren nach sich zieht, und finde mich damit ab. Aber, während ich Pias Buch lese, passiert etwas, ich stehe auf, suche diese letzte, kaum benutzte Kompaktkamera und ihr Ladegerät in einer Schublade und stöpsele sie ein. Zwanzig Seiten, bevor Pia mir in ihrem Buch genau das vorschlägt. „Steh auf, nimm deine Kamera und leg los“, schreibt sie. „Sei kreativ und wenn du dich mit der Technik nicht auskennst, dann suche dir nur eine einzige Funktion und probiere sie aus. Sieh dir Tutorials im Internet an oder lasse dir die Kamera von jemandem (professionellen und gegen Geld) erklären.“ Nur, wenn man die Technik der Kamera wirklich verstanden hat, kann man in dem Augenblick, auf den es ankommt, ein gutes, wenn nicht sehr gutes und vor allem ein besonderes Foto machen. Ansonsten sucht man verzweifelt den richtigen Knopf, die Blende, überlegt hin und her, wie jetzt? So? Oder lieber so? Und während man noch zappelig herumhantiert, ist der Augenblick schon vorbei. Fotografieren ist so ähnlich wie Autofahren, das man auch lernen musste, und dass man irgendwann ohne darüber nachzudenken, richtig beherrscht.

In diesem Buch erfahren wir also, wie wir es schaffen, in einen Flow zu kommen, (es geht im Buch, um das noch einmal deutlich zu sagen, nur um den Flow beim Fotografieren, aber man kann alles auch durchaus auf andere Lebensbereiche anwenden, ich dachte oft genug ans Schreiben) und welche Schwierigkeiten einem manchmal den Weg dorthin verstellen – und vor allem, dass man in einen richtig guten Glückshormone freisetzenden Flow nicht ohne Vorbereitung, Technik, Disziplin und Übung kommt. Denn leider, er fliegt einem nicht zu, der Flow, auch wenn man das meinen könnte, und auch, wenn es solche Ansätze, bei Kindern etwa, gibt.

Foto: Pia Parolin

Das letzte Drittel des Buches enthält eine Sammlung großartiger Anregungen und Aufgaben, wie und was man sich als Foto-Projekt vornehmen könnte und wie man dann mit seinen Bildern weiter verfährt. Am Ende des Buches findet sich noch ein Literaturverzeichnis mit weiterführender wissenschaftlicher Literatur und (nicht nur wissenschaftlichen) Podcasts.

Als ehemalige Herstellerin möchte ich gerne noch anmerken, dass es ein sehr schön gemachtes Buch ist, das sich angenehm anfasst, mit schönem Papier, Lesebändchen und Fadenheftung (!) und unzähligen Fotos in so unterschiedlichen Formaten, meine Güte, ich weiß, wie aufwändig so eine Doppelseiten Gestaltung ist! Der Text, es ist viel Text in diesem Fotobuch, täuschen Sie sich nicht, ist trotz der kleinen Schrift gut lesbar. Der Verlag ist der Fachverlag für Fotografie – weshalb auch die Qualität und Farbigkeit der Abbildungen perfekt sind, für die sie dieses schöne Bilderdruckpapier gewählt haben. Leider ist das Buch dadurch etwas schwergewichtig, aber man wird es nicht auf seinen Fotospaziergängen mitnehmen, sondern es vorher gelesen haben, um gut vorbereitet zu sein auf seinem Weg zum Flow und zum Glück mit der Fotografie.

Pia Parolin: Flow. Fotografieren als Glückserlebnis. Glücklich fotografieren und fotografierend glücklich werden. dpunkt.verlag.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Responses to Flow – Über das Glück zu fotografieren

  1. Marion sagt:

    Du hattest mich damals schon mit Deiner Begeisterung für Pias Fotoarbeiten angesteckt. Ich glaube, es ist wichtig, sich mit solchen Überfliegern nicht messen zu wollen und sich nicht unter Druck zu setzen. Vielleicht hat man dann irgendwann auch mal sein eigenes Flow-Erlebnis, in einem entspannten Moment. Diesem Gefühl muss ich jetzt auch nochmal „nachspüren“. Thanks for sharing.

    • Pia Parolin sagt:

      Hallo Marion, wenn ich das richtig interpretiere mit dem „Überfliegern“ – ich bin keine solche, sondern habe Schritt für Schritt den Weg in die kunstvollere Fotografie, weg vom Knipsen, gemacht. Mit vielen Frusterlebnsisen und im Kreis drehen, aber wann man/frau dran bleibt, wird es immer besser. Tennis lernt man auch nicht vom Kneten eines Tennisballes auf dem Sofa, sondern vom regelmässigen Spielen, üben, herumalbern, ernst trainieren. Und es ist auch nicht nötig, die Kameratechnik völlig zu beherrschen – ein bisschen die 3 wichtigsten EInstellugen verstehen reicht schon: Tiefenschärfe, Belichtungsdauer, Iso. Und scharf stellen :-)

      • Marion sagt:

        Sorry Pia, wollte Dir nicht zu nahe treten, mit „Überflieger“ waren nicht nur Deine Fotoarbeiten, sondern auch Deine beruflichen Leistungen gemeint, also das Gesamtpaket, das ja doch sehr beeindruckend klingt. Es stimmt ja, dass ein Erfolg auch oft mit Rückschlägen und Umwegen einher geht. Beste Grüße!

  2. Mumbai sagt:

    Verstehe Null von den wirklich tollen Kameras. Habe daher schon meine 2. Lumix und selbst diese fand ich schon kompliziert aber ich mache meine Fotos nach dem Motto
    „probieren geht ueber studieren“ , versuche also verschiedene Einstellungen , irgendeine passt dann und somit meine Zufriedenheit auch.

    • Pia Parolin sagt:

      An probieren geht über studieren gibt es nichts auszusetzen. Auch ich habe genau so das Fotografieren gelernt. Aber: irgendwann kommt der Moment, da weiss man zuviel fürs Herumknipsen aber noch zu wenig um etwas mehr aus den eigenen Fähigkeiten zu machen. Als ich an dem Punkt war, langweilte ich mich und dreht mich im Kreis. Das ist jetzt vorüber, weil ich gesehen habe, dass Planen und ein Projekt, eine tiefere Idee verfolgen, anspruchsvoller und spassbringend ist. Für mich jedenfalls. Zufriedenheit ist das höchste Gut bei einem Hobby, aber wenn sie nachlässt, hilft es eine Stufe höher zu klettern, dazu kann das Buch Anleitung geben :-)

  3. Pia Parolin sagt:

    Danke danke danke für diesen tollen Artikel, wow, diese Person die du da beschreibst möchte ich glatt mal kennenlernen, hahaha! Ich habe das Buch mit viel Freude geschrieben, weil ich für mich endlich einen Weg gefunden habe, mehr aus meiner Fotografie zu machen – und das wollte ich gerne teilen. Dass es gleich ein so tolles Buch voller gut gedruckter Bilder wird habe ich heimlich gehofft und nicht zu glauben gewagt… nun ist es da! Schön dass es dir gefallen hat Christiane!! Pia

    • dreher sagt:

      Man spürt deine Freude und Begeisterung, Pia, das macht es auch so schön zu lesen. Es ist, wie ich andernorts schon schrieb, eine Ermutigung, fotografisch mehr zu wagen (ich bin auch da, wo ich mich langweile und nicht weiterkomme) du machst aber eben auch deutlich, dass man es nicht mit einem Fingerschnipsen schafft. Ohne Fleiß kein Preis, wie deine Großmutter sagen würde :-) ich mochte sehr die kleinen persönlichen und sehr anschaulichen Geschichten, wie auch die von deiner Gemüseanbauenden Cousine …

  4. Croco sagt:

    Was für schöne Fotos! Das Buch klingt sehr interessant.
    Ich habe immer schon fotographiert, weil ich das Gefühl hatte, so sehen zu lernen.
    Nie für andere. Ab und an gelingt ein gute Foto.
    Deine Tauben und die Fotos von Pia Parolin aber sind magisch.

    • dreher sagt:

      Es war eine lohnende Lektüre und es ist ein schönes Buch 😊
      Danke für das „magisch“ 😊 Pias Fotos finde ich auch sehr besonders, mein Foto ist durch hektisches Rumhampeln entstanden, ich finde es amüsant, aber nicht magisch. Danke trotzdem 😘

  5. Michael Chevalier sagt:

    Ein sehr interessanter Beitrag. Ich bin aber der Ansicht, dass darin viel zu sehr auf die Technik der Kamera eingegangen wird, die meiner Erfahrung nach für den normalen fotobegeisterten Menschen völlig überbewertet wird.
    Ich habe vor über 60 Jahren meine erste Camera bekommen – einen kleinen schwarzen Plastikkasten mit dem Namen Bilora Boy. Da gabe es keine Technik, sondern nur den Sucher, mit dem man das Bild gestaltet. Und das ist auch heute noch der entscheidende Punkt: Das Auge entscheidet, was die Camera festhält. Und wenn das Auge nichts Richtiges findet (und wenn das Gehirn nicht den gewünschten Ausschnitt und Effekt steuern kann), dann nützt auch die beste Technik nichts.
    Und bei zwei der abgebildeten Aufnahmen meine ich sehr viel Laborarbeit – analog oder digital, das sei dahingestellt – zu sehen. Das geht über das Thema Kameratechnik weit hinaus.
    Also: macht die Augen auf und seht – und haltet diese Augeblick fest, wie auch immer!
    (Im Kommentarfeld FB 2 Bilder aus den 50er Jahren als Beispiel hierzu).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.