Gelesen und gehört

Hier ganz schnell ein paar Lesetipps, viel Zeit habe ich nicht. Daher nur zwei Fotos und ein paar knappe Sätze.

„Trümmermädchen“ von Lilly Bernstein war ein Lesetipp von Marion. Ich habe es gern gelesen, weil es mir Köln, die Kriegs- und Nachkriegszeit sehr nahe gebracht hat. So nahe, dass ich manchmal ein Tränchen verdrückte, was bei mir zwar schnell vorkommt, aber das ganze Buch hat mich doch bei den Gefühlen gepackt. Ich hatte Köln, als ich dort lebte, nie so richtig gemocht, weil ich die Stadt, gerade die Innenstadt, so furchtbar hässlich fand. Ich fand keinen Lieblingsort. Durch dieses Buch, in dem man einmal mit den Protagonistinnen im Luftschutzkeller sitzt (sehr eindrückliche und beklemmende Szene) und die Zerstörung der Stadt „direkt“ miterlebt, habe ich mich Köln sehr angenähert.

ps: Leider liegt das Lesen von „Trümmermädchen“ schon so lange zurück, dass mir die Hälfte dessen, was ich dazu erzählen wollte, gestern entfallen war. Es hat mich sehr angerührt, es liest sich leicht, ist aber keinesfalls seicht, und ich konnte so sehr mit den Kindern mitfühlen, die sagen „ich will es nicht mehr kalt haben“ und „ich habe Hunger“. Ich bin auch gefühlt mit Anna und Marie weite Wege durch Köln gelaufen; ich erinnerte mich, dass ich einmal an Karneval in Sülz gelandet war, dort aber mitten im Getümmel einer Kneipe schlagartig hohes Fieber bekam und im Nieselregen bis nach Deutz nach Hause lief -fuhr ja keine Straßenbahn- ich zitterte und fror und heulte und fühlte mich schwach und lief und lief. Daran musste ich denken, als Marie jeden Tag so weit zu Bülls Backstube laufen musste.

Ebenso in Köln spielt das dokumentarische „Sieben Heringe“. Es ist das sachlich-intellektuelle Gegenstück zu „Trümmermädchen“. Jürgen Wiebicke dokumentiert das späte Erzählen über Kriegs- und Nachkriegszeit (das Organisieren, „Fringsen“, nach dem Kölner Kardinal Frings, in Notzeiten „erlaubtes Stehlen“, kommt in beiden Büchern vor) von Mitgliedern seiner Familie. Ich lese diese Art von Büchern gerne, aber ich bin froh, dass ich auch „Trümmermädchen“ gelesen habe und mich einmal gefühlsmäßig und nicht immer nur streng intellektuell diesem Thema angenähert habe.

Anne Weber, „Annette, ein Heldinnenepos“, war ein Lesetipp und (in der Büchergilde-Ausgabe) ein Geschenk von Wiebke. Schon lange wollte ich etwas von Anne Weber lesen, eine deutsche Autorin und Übersetzerin, die in Paris lebt und die es schafft, ihre Bücher immer zeitgleich in einem deutschen und in einem französischen Verlag erscheinen zu lassen. Wir sind immer noch im selben Thema: Anne Weber erzählt das unwahrscheinliche Leben der Anne Beaumanoir, die erst in der französischen Résistance und später im algerischen Befreiungskrieg agiert hat. Einmal wird sie als Heldin gefeiert und später landet sie als „Terroristin“ im Gefängnis. Hat mich beeindruckt!

Ein BD/Graphic Novel über Beate und Serge Klarsfeld. Nicht viele Worte. Ein Muss geradezu.

In Juan-les-Pins steht seit Jahrzehnten die Bauruine eines alten Grandhotels „Le Provençal“. Lutz Hachmeister entpuppt sich als „intimer“ Kenner nicht nur der Geschichte dieses Grandhotels, sondern der gesamten Côte d’Azur. Nicht so amüsant wie ich hoffte, aber ein Insiderschmöker. Das Buch war ein Geschenk von Frau Ackerbau. Über Herrn Ackerbau kam ich (indirekt) zu diesem Musiktipp bzw. zu dem Album „The French Mademoiselle“ von Jacqueline Taieb, die gerade mal 14 oder 15 war, als sie diese Songs schrieb und sang. Ein zu Unrecht vergessenes Album aus den Sechzigern. „7 heures du mat“ kannte ich, ohne es zu kennen, es wurde mehrfach in Werbespots verwendet. Ich hoffe, das Video ist in Ihrem Land abspielbar.

„111 Lieux à Toulouse à ne pas manquer“ verfasst von Hilke Maunder, der Autorin des für Frankreich unumgänglichen Blogs „Mein Frankreich„, gibt es auch in Deutsch, ich habe es aber aus familiären Gründen in Französisch erworben. So verstehen wir alle was wir lesen, wenn wir das nächste Mal in Toulouse sind, denn dort lebt Monsieurs Sohn. Sehr schöner Insider-Reiseführer, der eher Unbekanntes und Abwegiges in der rötlichen Backsteinstadt vorstellt. Ich habe oben einen Toulouse-Artikel von Hilke verlinkt; dort gibt es auch die Bestellmöglichkeiten für beide Ausgaben. Wenn Sie über die angegebenen Links bestellen, erhält Hilke zusätzlich ein paar wenige Cents.

Ein anderes Insider-Büchlein ist „Menschen in Paris“ des Hamburger Fotografen Stephan Gabriel (von dem meine letzten Autorinnenfotos stammen), ein in BoD hergestellter kleiner Bildband, den ich als ehemalige Buchhändlerin als Geschenkband für ParisliebhaberInnen empfehlen würde, vereint, wie der Titel verspricht, eine Menge kleiner Porträts besonderer Menschen in Paris: der Imker, der auf den Dächern von Paris Bienenstöcke aufgestellt hat und dort den unter dem unromantischen Namen „miel béton“ bekannten Honig produziert. Eine deutsche Kneipe, ein deutscher Tante Emma-Laden, eine deutsche Köchin werden vorgestellt, Frankreichs erste weibliche Barbierin bekommt ein Kapitel, ein Regenschirmreparateur (was mich so an die Comédie Musicale „Les parapluies de Cherbourg“ erinnert), ein Kioskbesitzer, der Nachbarschaftshilfe anbietet, und noch ein paar andere. Das Porträt, das mich besonders berührte, ist das der Concierge im 11. Arrondissement, die am 13. November 2015, beim Anschlag auf das Bataclan, die sonst fest verschlossenen Türen zum Hof und zu ihrer kleinen Concierge-Wohnung öffnete, damit Menschen sich in Sicherheit bringen konnten. Der Band kann beim Autor bestellt werden, und wird, auf Wunsch mit Widmung, gut verpackt und umgehend versendet.

Und hier ein weiterer Link zu einem wunderbaren Literatur-Podcast, der im Moment ausschließlich über das Regionalradio Okerwelle, gehört werden kann. In Zeiten, in denen Literatursendungen bei den großen Sendern weggekürzt werden, ist es wohltuend zu erleben, dass diese Literatursendung neu geschaffen wurde. Eine knappe Stunde sprechen Julia Bekurs und ihre Kollegin Britta Schinke im Podcast mit dem Titel „Der erste Satz“ freundlich, engagiert (und mit sympathischen Stimmen) über Bücher, die sie lesen, gelesen haben oder lesen werden. Die vorgestellten Bücher bekommen viel Raum, es geht nicht nur um den ersten Satz, in der letzten Folge wurden ganze Seiten vorgelesen, und häufig kommt auch der Schutzumschlag „zu Wort“, der hin und wieder ein Anreiz gewesen ist, das Buch zu wählen! Trotz der angenehmen Ruhe, mit der in diesem Podcast gesprochen wird (Langsamkeit würde es nicht treffen) schaffen beide Frauen es, viele und ganz unterschiedliche Titel vorzustellen. In der letzten Folge ist mir persönlich Mirna Funk „Winternähe“ sehr nah gekommen und wird ein Lesewunsch. Die Krimireihe der Autorin Christine Cazon wird übrigens ab etwa Minute 24 vorgestellt.

Einen schönen Lesesommer wünsche ich Ihnen! Für mich ist und bleibt es, wie jedes Jahr, ein Schreibsommer. À bientôt!

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8 Responses to Gelesen und gehört

  1. Sabine sagt:

    Ich möchte mich auch einmal für einen Musiktipp von Ihnen bedanken. Sie haben vor einiger Zeit ein Video von Christophe Maé verlinkt (und den Titel auch an den Anfang des letzten oder vorletzten Buches gesetzt, wie ich letztens feststellen konnte, sehr schön). Ich kannte ihn vorher nicht, aber ich liebe diese Musik und habe sie eine Zeitlang rauf und runter gehört.
    Darüber bin ich auf einem Streamingdienst auf andere französische Musik gestoßen und habe mich zB auch an Raphael Haroche erinnert, von dem ich aus früheren Zeiten einige CDs besitze. Wirklich schön, dieser Anstoß!

    • dreher sagt:

      Oh, vielen Dank, da freue ich mich! Christophe Mae hab ich viel gehört, Raphaël Haroche musste ich erst googeln, er heißt hier nur Raphaël, kenne aber zu meiner Schande nix von ihm. Hab aber gerade bisschen kreuz und quer reingehoert. Ist doch toll, wenn wir uns gegenseitig inspirieren. Ich liebe das Internet!

  2. Marion sagt:

    Danke für das Vorstellen von „Trümmermädchen“. Das Buch von Anne Weber habe ich auch schon lange hier liegen, aber wie Du so schön sagen würdest, „man kommt ja zu nix“. „Luft und Liebe“ von ihr habe ich gern gelesen, ist schon lange her… Deine anderen Tipps sind auch sehr interessant. Gerade lese ich „Daheim“ von Judith Hermann, habe eigentlich alles von ihr gelesen, aber auch hier komme ich nicht in den Fluss. Habe nämlich ab nächsten Montag einen neuen Job und bin total mit Vorbereitungen beschäftigt… Sehnsuchtsvolle Grüße wie immer nach Frankreich und einen produktiven sommerlichen Schreib-Flow wünsche ich Dir!

    • dreher sagt:

      Leider liegt das Lesen von „Trümmermädchen“ schon so lange zurück, dass mir die Hälfte dessen, was ich erzählen wollte, gestern entfallen war. Es hat mich sehr angerührt und ich konnte so mit den Kindern mitfühlen, die sagen „ich will es nicht mehr kalt haben“ und „ich habe Hunger“. Ich bin auch gefühlt mit Anna und Marie lange Wege durch Köln gelaufen; ich erinnerte mich, dass ich einmal an Karneval in Sürth gelandet war, dort aber mitten im Getümmel einer Kneipe schlagartig hohes Fieber bekam und im Nieselregen bis nach Deutz nach Hause lief -fuhr ja keine Straßenbahn- ich zitterte und fror und heulte und fühlte mich schwach und lief und lief. Daran musste ich denken, als Marie jeden Tag so lange zur Bäckerei laufen musste. Ich werde das vielleicht oben im Text noch ergänzen (I did!)
      Danke für deinen Lesetipp und toitoitoi für den Job!

      • Marion sagt:

        Oh ja, von Sürth nach Deutz ist echt weit 😣

        • dreher sagt:

          Es war gar nicht Sürth, sondern Sülz 🙄 pardon, bin schon so lange weg… aber weit war es trotzdem.

          • Egon B. sagt:

            Eigentlich Sölz, oder? Sonst, wenn Sülz – dann geht’s nur ums Kochen, nicht wahr? :-)) Paßt gut zu einem Kurzdinner in Begleitung von was kräftigerem, wie Basaltfeuer, oder? Sante ! :-)))