Neues von der Côte d’Azur

„Il reste pour toujours le Magnifique“ twitterte Macron gestern. Eine Anspielung auf den Filmtitel „Le Magnifique“ – der im Deutschen weniger gelungen „Der Teufelskerl“ heißt, meint, er bleibt für immer der großartige wundervolle räusper nunja „Teufelskerl“. Jean-Paul Belmondo, Bébel, wie ihn die Franzosen liebevoll genannt haben, ist gestorben. Nachrufe gibt es überall, auch in der deutschen Presse, da muss ich Ihnen nichts verlinken. Aber Frankreich trauert. Nicht nur Macron, alle haben sich geäußert, auch unser Bürgermeister hat einen langen Text auf Facebook veröffentlicht, Belmondo war viel und häufig an der Côte d’Azur, hat hier Filme gedreht und mit seinen Kumpels und Familie seine Urlaube verbracht. „Bébel éternel“ titelt heute Nice Matin und bringt acht Sonderseiten mit den Erlebnissen Belmondos an der Côte d’Azur. Das Fernsehen hat das Programm der gesamten Woche umgeworfen und alle Kanäle zeigen nun Belmondo-Filme und Dokumentationen.

Alles kann man nicht sehen, wir entschieden uns gestern Abend für „Le Magnifique“ – der Film switcht zwischen einer Art James-Bond-Handlung und dem ärmlichen Alltag des Autors, der sie schreibt, hin und her. Ziemlich viel, von dem, was der Autor erlebt, fließt in die Krimihandlung ein. Ich musste sehr lachen, als er den „plombier“, den Installateur, in seiner Handlung auftauchen und erschießen lässt. Der plombier ist eine geradezu mythische Gestalt im französischen Alltag. Gibt es ihn wirklich? fragt man sich oft, denn er kommt so gut wie nie, kaum ist er da, ist er auch schon wieder weg, und das, was er anfasst, funktioniert schon Stunden später nicht mehr. Ich hatte in diesem arbeitsreichen Sommer ebenso das Vergnügen, darüber wird es zu gegebener Zeit auch eine Kolumne geben. Auf jeden Fall fühlte ich mich Belmondo in seiner Krimi-Autor-Rolle gestern sehr nah. (die plombiers im Film fahren übrigens Vélo Solex! Das ist vermutlich auch etwas, was Sie von mir noch nicht wissen: ich hatte mit 16 eine Vélo Solex! Und das aufm Dorf, wo damals alle, die etwas auf sich hielten, eine Herkules M5 fuhren; mein Weg nach Frankreich war vorgezeichnet!)

Die Krimiautorin hat ihr Manuskript übrigens abgegeben, und nicht, wie Belmondo am Ende des Films, aus dem Fenster geworfen.

Mir persönlich ist Belmondo als Vierzehnjähriger in „l’Animal“ zum ersten Mal erschienen. „Ein irrer Typ“ heißt der Film auf Deutsch. Ich ging damals nicht oft ins Kino. Gefühlt einmal im Jahr vielleicht. Ich lebte in einem Dorf und für Kino musste man „in die Stadt“ fahren. Diesen Film habe ich mit meiner katholischen Mädchengruppe (Frohschar IV, was einem alles wieder einfällt!) gesehen. Ich fand es damals ein bisschen unerhört, für einen Film mit diesem Titel überhaupt Geld auszugeben. Aber dann war ich hin und weg, schockverliebt sagt man heute. So etwas Freches und Charmantes und Lustiges hatte ich vorher noch nie gesehen. Und ich fand Belmondo hinreißend gut aussehend, ohlàlà!

Vermutlich ist mir Belmondo zeitlich sogar schon früher begegnet. In „Die tollen Abenteuer des Monsieur L.“ nämlich (ich erspare Ihnen den französischen Titel), den es vor kurzem auf arte zu sehen gab und den es jetzt auch wieder zu sehen gibt. Es war einer der Filme, den ich aus meiner Kindheit erinnere, ohne dass ich Titel oder Schauspieler hätte benennen können. Aber die Geschichte des lebensmüden reichen Mannes, der erst dann wieder Lust am Leben verspürt, als ihm, von ihm selbst angeheuerte, Killer nach dem Leben trachten (ok, etwas verkürzt, das ist in etwa das, was ich erinnerte, und außerdem abenteuerliche Szenen, in denen rasant schnell von Boot zu Boot gesprungen wurde), hat sich mir ins Gedächtnis gegraben, und als ich ihn neulich eher zufällig sah – „Les tribulations d’un chinois en Chine“ sagte mir nämlich nichts, womit Sie den französischen Titel jetzt doch bekommen, war ich ganz aus dem Häuschen. „Das ist er, der Film, den ich schon so lange mal wieder sehen wollte!“, rief ich Monsieur ekstatisch zu. Bedauerlicherweise finde ich ihn heute weniger amüsant als seinerzeit als Kind, und weniger schnell auch, die Zeiten ändern sich.

Immer noch gerne sehe ich „Le professionnel“ (Der Profi) oder auch „L’alpagueur“ (Der Greifer) mit dem sehr jungen Bruno Cremer, der dort einen so kalten Killer spielt, dass ich ihm in seinen späteren Film-Rollen nie einen „guten“ Kommissar abnahm. Sehr viel besser als früher gefällt mir heute hingegen „A bout de souffle“. Kein Wunder eigentlich. Belmondo aber sagte, dass er sich in den Action-Filmen viel mehr amüsiert habe, als in den sogenannten Autoren-Filmen. Er wäre auch gerne Sportler geworden und konnte sich nicht so richtig zwischen Film und Sport entscheiden, und mit dieser Art von Filmen, in denen er seine Stunts in der Regel selbst spielte, konnte er beide Seiten ausleben und amüsierte sich zusätzlich großartig, und das französische Publikum liebte ihn dafür! Dass Belmondo am Donnerstag eine nationale Ehrung zuteilwird, ist für Frankreich selbstverständlich.

Themenwechsel. Bei Herrn Buddenbohm gab es heute Links, unter anderem zum Wahlomat. Was es alles gibt, nicht wahr. Ich wähle nicht mehr in Deutschland, obwohl ich es könnte, aber ich folge der deutschen Politik nicht mehr ausreichend, um etwas Sinnvolles zu wählen. Ich habe den Wahlomat für die Bundestagswahl nämlich ausprobiert und wissen Sie was rauskam? Inhaltlich stehe ich dem Südschleswiger Wählerverband am nächsten. Und bevor es mich zu den „etablierten“ Parteien verschlägt, steht eine lange Liste von anderen Kleinparteien dazwischen. Gut, nicht die AfD, das hat mich beruhigt. Der Südschleswiger Wählerverband setzt sich als nordische Minderheitenpartei für eine dezentrale und bürgernahe Politik ein, heißt es. Vielleicht eine andere Alternative? Seien Sie froh, dass ich in Deutschland nicht wähle!

Gerne gelesen habe ich auch einen anderen dort verlinkten Artikel „Kaufen Sie kein Elektroauto“. Spricht mir aus der Seele.

Und noch ein eleganter Themenwechsel. Die Autorin, die sich zwar in einen mittleren körperlichen Behindertenstatus geschrieben hat, wird demnächst nach Deutschland fliegen (mit Betreuungsdienst am Flughafen, so weit sind wir schon), denn, tatatatammm, sie wurde als eine der Teilnehmerinnen des diesjährigen Hermann-Kesten-Stipendiums im Rahmen der Städtepartnerschaft Nürnberg – Nizza ausgewählt! Dort werde ich also zwei mit Kultur und Begegnungen vollgestopfte Wochen erleben, und darauf freue ich mich riesig! Ich werde sogar eine Lesung geben. Ganz in echt UND virtuell, eine Hybrid-Veranstaltung sozusagen, keine Ahnung, wie das funktionieren wird, aber ich lade Sie zu beidem ein, am 14. September, um 19 Uhr entweder ganz in echt ins Zeitungs-Café Hermann Kesten, Wespennest 4, in Nürnberg oder via ZOOM. Ich lese allerdings wieder aus „Lange Schatten über der Côte d’Azur“, das haben Sie möglicherweise schon einmal erlebt – darüber hinaus lese oder erzähle ich auch aus meinem französischen Leben, für die, die vor Ort sind, die Krimilesung schon erlebt haben, mich und mein Leben aber noch nicht kennen. Solls ja geben. SIE wissen das natürlich alles, gähn. Wählen Sie sich trotzdem ein, oder noch besser, kommen Sie hin, wenn Sie in der Ecke leben und Zeit haben, ich freue mich so sehr auf echte (und klar, auch virtuelle) Begegnungen! Anmelden müssen Sie sich aber schon, schicken Sie, wie beim letzten Mal, eine Mail an den Veranstalter Hier lesen Sie mehr! oder hier. (Anmeldeschluss am Vortag!)

Meine derzeitige Lektüre ist aus gegebenem Anlass dieses sehr schön gemachte und leider schon vergriffene Buch aus dem Nimbus Verlag.

Hier noch ein bisschen Belmondo. Iesch wähle die franssöhssische Version, niescht wahr.

Ok, hier die deutsche Version, der französische Trailer hat eine miserable Qualität (aus heutiger Sicht, sehr ähm klamaukig)

à bientôt!

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6 Responses to Neues von der Côte d’Azur

  1. Egon B. sagt:

    Ach du lieber Himmel, das Velosolex hatte ein Chance aufm deutschen Dorf damals doch noch bekommen?! Schön mutig! :-)
    Oh je, Le Bebel, OK, ist nicht mehr der jüngste von uns gewesen… schad‘ trotzdem… war ein echt irrer Typ, nicht wahr? :-)))
    Oue, L’Animal – bleibt immer noch original französisch, frisch, frech et drôle… dazu noch ein paar Ero-Szenen mit der in ihren besten Jahren RWelch… magnifique !
    Et Le professionnel – war sein wundervoller Reifestreifen, solide, ernst und kunstvoll… Reschpekt!
    Habe mir gestern den „Un singe en hiver“ wieder reingezogen, herrlich!
    Obwohl, der „Außer Atem“ – war, vielleicht, sein erster Lebensdreh…
    Ach was, heute Wählen gehen… verstehe, Du Chris hast die aufrechte Angst vor Dir selbst… ist das nicht der Beweis, daß Du immer noch eine echte Deutsche bist? :-)) Also, ich bin gar nicht froh, daß Du nicht mehr für Deutschland votest… :-) Tja, E-Auto oder keiner? Wer sich nicht informiert – kauf so ein Gefahrgut (brennt besonders gut beim Laden am eigenen Haus, OK, nur manchmal :)

  2. Sunni sagt:

    Ach, Le Bebel…Ich kannte ihn als wunderbaren jungen Mann, der einen sofort erreichte als junges Mädchen, DAS Gesicht, DER Körper…DIE AKTIONEN..Man war hin und weg. Schade, dass nun so langsam alle großen Figuren des Films verschwinden, was bleibt…ist Schweigen.
    Wählen. Nie schwieriger als diesmal. Unglücklich, zutiefst unglücklich sind wir beide dabei. Das Licht schwindet, das da Hoffnung gibt. Auch der Wahlomat gab da keine Hilfe, in etwa auch SSWählerverband…
    Oh, Sie sind in Nürnberg? Schade, dass das auch doch noch weit ist…Zu gern hätte ich da mal „face to face“ die Lesung erlebt. Passen Sie gut auf sich auf gesundheitlich! Herzliche Grüße, Sunni

  3. Caroline Bahri sagt:

    Ich habe mir 1969 in Vaals in Holland (ich komme ja aus Aachen) eine gebrauchte Velo Solex für 50 Mark gekauft. Man mußte noch wie ein Fahrrand antreten und dann den Motorblock auf den Vorderreifen fallen lassen. Ich habe sie geliebt!

  4. Marion sagt:

    Eine gute Zeit in Deutschland wünsche ich dir! Der Bericht kommt bestimmt 🙋

  5. Reiner Wadel sagt:

    Wow, sie kennen noch die Herkules M5 dem Namen nach? Respekt.
    War es bei Ihnen nicht so: Die Gymnasiasten fuhren Velo Solex, die Lehrlinge Mofas wie Herkules M5?

    • dreher sagt:

      So ähnlich – ich war ja Zugezogene UND Gymnasiastin; die anderen Gymnasiasten, originär aus dem Dorf, fuhren selbstverständlich AUCH Herkules M5 (oder etwas in der Größenordnung) und die Gesamtschüler und die Lehrlinge auch, klar. Die wussten auch warum, über die Hügel des Odenwaldes kam man nämlich nicht (so einfach) mit der Solex.

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