C’est la vie

Seit zwei Tagen kühlt es nachts nicht mehr ab. Tagsüber bis zu 28°C, gefühlte 29°C sagt das Handy. 32°C im Auto. Wir leben überraschend schon mit geschlossenen Fensterläden, stetes Indoor-Halbdunkel, wie sonst nur im Hochsommer. Als ich heute Morgen um halb Neun die Haustür öffnete, um zum Schwimmen zu gehen, schwappte mir schon warme Luft entgegen. Uff. Wir haben Sommer, und das Ende Mai, einfach so. Dabei war uns schlechtes Wetter vorhergesagt worden, Regen und Gewitter. Es regnet nicht. Im Bergdorf ist die Quelle versiegt, aus der das Dorf seit Jahr und Tag gespeist wurde. Wir haben dort oben jetzt “alarme secheresse”, müssen Wasser sparen, dürfen tagsüber nicht gießen, das Auto nicht waschen (das machen tatsächlich die Zweitwohnsitzler aus Monaco gerne hier oben, deshalb muss man es wohl ausdrücklich verbieten), der Brunnen, der, wie in jedem Bergdorf, auf dem Dorfplatz fröhlich plätscherte, ist abgestellt.

Wir müssen Wasser für alle zur Verfügung haben, auch für die Schäferfamilie, ihre Schafe und die fromagerie, die ein bisschen außerhalb leben und arbeiten. Am ersten Wochenende ohne Wasser, es war das erste Wahlwochenende und ein Maximum an Dorfbewohnern war im Dorf, ließ die Bürgermeisterin kurz entschlossen einen Lieferwagen voll stillem Mineralwasser hochfahren. Jeder Haushalt durfte sich zwei oder drei der 6-Packs an Wasser nehmen. Ein paar der Zweitwohnsitzler schrien Skandal. So haben sie sich das Landleben nicht vorgestellt. Ein Mann aus dem Gemeinderat begleitete die jungen unbedarften Männer der Wasserverwaltung aus der Stadt zur Quelle, wo kein Wasser mehr fließt. Tja, sie kratzen sich am Kinn. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, auf jeden Fall ist es Freitagabend, stellen sie mit einem Blick auf die Uhr fest, sie haben jetzt Feierabend und fahren zurück in die Stadt. Immerhin hat der Mann aus dem Gemeinderat so viel Autorität, dass er sie zwingt, mit seinem privaten Werkzeug (die jungen Männer hatten nichts, nicht mal eine Rohrzange dabei! Sie kamen den langen Weg aus Nizza völlig unbedarft hochgefahren, nach dem Motto: “Wir machen einen Ausflug in die Berge und schauen uns das erst mal an”) von einer anderen Quelle provisorisch eine Abzweigung zur bestehenden Wasserleitung zu basteln. Daran hat sich bis heute nichts geändert. So haben wir, seit ein paar Wochen schon, wenigstens etwas Wasser im Dorf. Man stellt in den Gärten und unter Regenrinnen Wassertonnen auf, um Regenwasser zu sammeln. Allein, es will auch nicht regnen.

Ok. Hier ist das Filmfestival gleich zu Ende, wir sind bei der Schlusszeremonie, gerade werden die Preise vergeben; dass Zelensky bei der Eröffnung gesprochen hat, ist schon Geschichte, dass kurzfristig der Film Mariupolis 2 des litauischen Filmemacher Mantas Kvedaravicius – nicht im Wettbewerb – gezeigt wurde, wissen Sie vermutlich auch schon. Ich habe ihn nicht gesehen, ich habe überhaupt nichts gesehen dieses Jahr; normalerweise fällt bei unserem Kinoverein immer mal eine Karte ab, aber dieses Jahr nada, niente, nix. Ich bin auch ziemlich desinformiert und käme ja nun sowieso zu spät mit allem Klatsch, das wollen Sie jetzt auch nicht mehr wissen. Als Top Gun, irgendsoein zweiter Teil eines Flieger-Spektakels, Teil 1 ist vor sechsunddreißig Jahren mit dem jungen Tom Cruise gedreht worden, und das Erstaunliche daran ist, dass nicht nur der Film sich nicht verändert hat, auch Tom Cruise sieht sechsunddreißig Jahre später noch so jung aus wie damals: keine Falte und kein Gramm Bauchspeck! Tom Cruise ist so alt wie ich. Ich habe mich verändert in sechsunddreißig Jahren. Insbesondere seit der Menopause. Grrr. Wie macht Tom Cruise das? (Mal abgesehen davon, dass er keine Menopausen-Körperveränderung erleiden muss. Es ist so ungerecht!) Legt er sich zwischen den Filmdrehs immer in einen Gefrierschrank? Nun, ich habe den Anfang des Satzes verloren – als dieses Fliegerspektakel im Palais des Festivals gezeigt wurde, gabs den überraschenden Einsatz einer Kampf-Fliegerstaffel, die zweimal über Cannes donnerte und rot-weiß-blaue Kondensstreifen in den Himmel malte. Ganz schön. Französischer Stolz eben. War aber natürlich ‘ne Überraschung, die nur von den Zuschauern vor Ort allenfalls geschätzt wurde, da sie sahen, was passierte. Ich hingegen saß zuhause und dachte einen Herzschlag lang, wir hätten Krieg. Ich möchte nicht wissen, was Tetiana dachte. Hier werden jeden ersten Mittwoch im Monat Punkt 12 Uhr die Sirenen getestet. Am ersten Mittwoch im April, als der Alarm losging, rannte ich so schnell ich konnte, die Treppen runter, um unsere kleine Familie zu beruhigen: “Test!” sagte ich. “Ist nur ein Test!” Tatsächlich gibt es auch eine Sirene auf der Insel Ste. Marguerite, wie ich jetzt weiß, die während unserem Ausflug (erster Mittwoch im Monat) Punkt 12 Uhr losquäkte. Auch wenn das Geräusch ziemlich penetrant und unangenehm ist, dieses Mal zuckte niemand mehr mit der Wimper. In Nizza wird jeden Mittag, auch hier Punkt 12 Uhr (JEDEN Mittag!), ein Kanonenschlag abgefeuert. Gibt so Traditionen, die ich im Moment weniger schätze.

Wir haben endlich ein neues Gouvernement und eine Frau als Premierministerin, Elisabeth Borne, die ehemalige Arbeitsministerin, wissen Sie natürlich auch schon; nett fand ich, dass sie in ihrer kurzen Ansprache bei der Amtsübernahme sagte, die kleinen Mädchen von heute sollten sich in ihren Träumen kein Limit setzen! So etwas Ähnliches könnte der neue Bildungsminister den Einwanderern Frankreichs auch zurufen, Pap Ndiaye, bisher sehr geschätzter Historiker, hat einen senegalesischen Vater und eine französische Mutter und ist kein Kind reicher Eltern. Er sehe sich selbst als Symbol der “Meritokratie”, also des Aufstiegs durch Leistungsbereitschaft (mériter, etwas verdienen), wie ihn die französische Schule verspricht, sagt er. Und auch als Symbol der “Diversität”.

Die Bewegung von Emmanuel Macron hat sich umbenannt. Das ist echt eine Marotte der Franzosen, ständig alles, vor allem die Namen politischer Parteien und Verwaltungsorgane umzubenennen. Wir Deutschen mögen so etwas ja nicht so gern. Meine Generation ist ja immer noch von der Schokoriegel-Kampagne “Raider heißt jetzt Twix” verwirrt. Die Franzosen nehmen das alles klaglos hin. En marche, heißt jetzt verheißungsvoll Renaissance, Wiedergeburt. Man will sich den Anstrich von Veränderung geben, hat aber doch ein paar Minister auf ihren Posten gelassen, ein Zeichen von Kontinuität und Effizienz.

Was noch? Hier kam überraschend und mit etwas Verspätung ein riesiges Paket voll Schweizer Schokolade für die kleine Familie an, die damit ein zweites Mal Ostern feierte. Gleichzeitig gab es eine große Spende, die mich und auch Tetiana umhaute. An dieser Stelle noch einmal von Herzen Dank! Im Moment geht es ihnen finanziell gut, auch dank Ihrer aller Spenden, und zusammen mit den Nahrungsmitteln vom Resto du coeur kommen sie damit hin. Sie machen keine kostspieligen Sachen, gehen quasi jeden Tag an den Strand, das ist kostenlos, und sie genießen das Meer, den Strand und die Sonne und sind alle drei braungebrannt wie noch nie in ihrem Leben.

Ha! Gerade (21.48 Uhr) wurde die Goldene Palme vergeben: Triangle of Sadness. Passender Film für Cannes ;-) Hier nur einer der drei Trailer.

Ich habe gerade einen langen Teil dieses Blogbeitrags gelöscht und damit auch leider die Pointe, die zur Überschrift dieses Textes geführt hat. Es war eine sehr nette Geschichte, aber beim Schreiben war es mir plötzlich unwohl. Ich will nicht mehr so detailliert über Tetiana und die Kinder schreiben. Es ist ein bisschen voyeuristisch und ich will sie nicht ausstellen, wie Tiere im Zoo. Bitte verstehen Sie das.

Ausatmen. Achselzucken. C’est la vie.

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8 Responses to C’est la vie

  1. Ich verstehe das sehr wohl.
    Ganz allgemeine Infos zu Tetjana genügen.

  2. Claudia Pollmann sagt:

    Bei uns regnet es aktuell immer mal wieder. Bin sehr froh darüber – in anderen Teilen Bayerns sieht das nicht so rosig aus. Und wir hatten aktuell schon Waldbrandgefahr. Der Wald war knochentrocken. Das ist jetzt wieder besser. Trotzdem sinken die Grundwasserspiegel. Auf Dauer werden wir uns alle wohl umstellen müssen.
    Sie sind viel attraktiver als der gute Tom …. und Männer bekommen auch Menoprobleme – man spricht nicht drüber – ist aber so. Der liebe Gatte ist aktuell sehr geplagt und versteht mich umso besser.
    Schöne Grüße aus dem Allgäu

    • dreher sagt:

      Danke liebe Claudia, das ist Balsam auf meine Seele :-)
      Ja, hier im Nachbardepartement Var hat es auch schon gebrannt. Es ist definitiv zu trocken.
      Liebe Grüße ins grüne Allgäu!

  3. Caroline Bahri sagt:

    Vielen Dank, liebe Christiane, dass du meine Gedanken gelesen und reagiert hast. Ich wollte es dir schon schreiben, wollte dich aber nicht kritisieren. Aber ich hatte das Gefühl, uneingeladen bei deinen Gästen durchs Fenster zu schauen und habe mich gefragt, ob sie das wissen, ob du es ihnen erzählst, dass du über sie schreibst, ihnen deine Texte übersetzt hast und sie einverstanden sind. Nun ist es schön, dass ich darüber nicht mehr nachdenken muss. Liebe Grüße

    • dreher sagt:

      Danke Caro! Ich dachte anfangs, ich erzähle es Ihnen und übersetze es, aber ich fand nie den richtigen Moment und die Kommunikation ist bisher immer noch nur sehr reduziert möglich. Es ist besser so.

  4. Sunni sagt:

    Liebe Christiane,
    wie schön, dass so viele helfen wollen und können. Das wärmt doch das Herz. Was das Schreiben angeht, so fand ich es bisher nicht irgendwie bloßstellend oder zu “genau”, aber man hat das ja im Gefühl, ob und wie man das möchte. Und jede Ihrer Entscheidungen ist doch richtig und gut.
    Ja, es ist viel zu warm und zu trocken, hier auch. Wir haben zwar nur wenige Pflanzen, die direkt versorgt werden müssen, aber ohne Gießen geht gar nichts. Für morgen ist Regen angesagt, aber wieder nur Starkregen, der spült alles ins Tal an Erde und teilweise Bepflanzung und hilft nicht, schon gar nicht der Landwirtschaft. Hoffen wir,dass es noch besser wird. Liebe Grüße und alles Gute für alle! Sunni

    • dreher sagt:

      Dankeschön! Liebe Grüße, etwas Wasser von oben und ALLES Gute auch zu Ihnen!