Zwischenruf: Parlaments-Wahlen

Wir waren schon wieder in den Bergen zum Wählen. Dieses Mal wählen wir (ebenfalls in zwei Wahldurchgängen, der nächste folgt schon gleich nächsten Sonntag) die Parlamentszusammensetzung. Im Vorfeld habe ich so viel Papier zugeschickt bekommen von umbenannten und unbekannten Gruppierungen und Parteien, darauf ebenso unbekannte Gesichter, es war völlig verwirrend. Vermutlich hat eine der Tierschutzparteien deshalb ein Entchen als “Kandidaten” gewählt, das ist einprägsam und man versteht, um was es geht.

Das Entchen fehlte aber in meinem Wahl-Papierberg: Keine Tierschutzpartei in meinem Wahlkreis, dafür aber ein “Rassemblement Rural” – eine Art ländliche Wählergemeinschaft. Wir wählen in den Bergen nämlich in einem anderen Wahlkreis, der sogenannten 2. Circonscription, Cannes jedoch ist die 5. Cirsconscription und hat andere Kandidaten, das Entchen wie gesagt. Ich erspare Ihnen und mir, all die kleinen Parteien vorzustellen und konzentriere mich auf die größeren, die natürlich, schon wieder alle anders heißen als eben noch bei der Präsidentschaftswahl!

Jean-Luc Mélenchon zum Beispiel hat es geschafft, alle linken Gruppierungen, einschließlich der klassischen PS, der Sozialistischen Partei, hinter sich zu vereinen (das hat Mitterand seinerzeit zur Präsidentschaft verholfen!), und nennt dieses Bündnis nun NUPES. Nouvelle Union populaire écologique et sociale. Sie wissen nicht, wie Sie NUPES aussprechen sollen? NÜP vielleicht? Nüpès? Oder Nüps? Machen Sie sich nichts draus, das wusste gestern im Fernsehen auch niemand. Klar ist, der Zusammenschluss hat sich ausgezahlt, es gibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Macron, dessen Partei auch nicht mehr En Marche heißt, sondern Renaissance (wir berichteten), bei der Parlamentswahl jedoch überraschend unter EC Ensemble Citoyens läuft. Ich fand den dazugehörigen Kandidaten in meinem Papierberg nur, weil dort kleingedruckt in etwa stand “offizieller Kandidat des Präsidenten”. So machen das irgendwie alle, es wird dadurch nichts klarer. Dritte Kraft ist, wen wundert’s, das Rassemblement National, ex-Front National, und damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, ist Marine Le Pen sicherheitshalber neben ihrem Kandidaten mit abgebildet. Das immerhin ist deutlich.

Wir haben auch bei der Parlamentswahl weiterhin kein Verhältniswahlrecht, sondern Mehrheitswahlrecht und wählen daher nächste Woche erneut (und ich hoffe, mit einer höheren Wahlbeteiligung! Die lag nämlich nur bei etwa 50%!) und zwar unter den Kandidaten der Parteien, die mehr als 25% erreicht haben, alle anderen fallen unter den Tisch. In meinem Wahlkreis geht es um einen Kandidaten des RN oder EC, sprich, entweder zieht ein Kandidat von Extrem Rechts oder einer von Macrons Partei ins Parlament ein. Es ist so knapp dieses Mal, dass es selbst ohne Verhältniswahlrecht passieren kann, dass Macrons Partei im Parlament erstmals nicht die absolute Mehrheit erhält und zukünftig Kompromisse machen muss. In Deutschland kennt man das, in Frankreich nicht. Hier eine deutsche Einschätzung.

Mélenchon, der sich schon als zukünftigen Premierminister sieht, kündigte gestern schon kämpferisch an, als Erstes die Rentenreform zu kippen (er will die Rente mit 60!), außerdem wird alles erhöht, die Rente, der Mindestlohn (SMIG), es gibt mehr Stipendien für Studierende und zuguterletzt will er 800.000 neue Beamtenstellen schaffen. Wie er das alles finanzieren will, ist nicht ganz klar, interessiert seine WählerInnen auch nicht. Im Zweifelsfall besteuern wir die Reichen.

Es bleibt schwierig.

Sie verstehen das französische System nicht? Keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Glücklicherweise ist bei Wikipedia jemand aktiv und zudem tagesaktuell.

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6 Responses to Zwischenruf: Parlaments-Wahlen

  1. Karin sagt:

    Ich verfolge ja – so halb – die Ereignisse in Frankreich und sehe mir regelmässig das französische Frühstücksfernsehen an, aber die Liebe der Franzosen zu Umbenennungen und Abkürzungen (vor allem die, da stehe ich da wie der Ochs vorm Berg) werde ich nie verstehen. Das verkompliziert doch alles, oder? Oder etwa nicht? Oder kommt da nur mein deutscher Intellekt, der sowas ja nicht gewohnt ist, nicht hinterher? Leider liebt man auch in der Romandie die Abkürzerei: Ich finde das macht das Lesen von Zeitungsartikeln nicht gerade einfacher und habe daher schon mal eine Ausrede (“gute” will ich nicht sagen), keine Lokalzeitung zu lesen.
    Bei den Wahlversprechungen wird einem ganz schwindlig und man möchte dem Wahlvolk am liebsten zurufen “wer soll das denn bezahlen?”, aber denen ist das vermutlich ziemlich wurst, genau wie den Parteien. Wenn sie erstmal gewählt sind, wird man sehen und die Mehrzahl der Versprechungen wird eh nicht eingehalten werden können, aber egal…
    Liebe Grüsse aus Genf, auch hier werden die Rollos runtergelassen, knapp 30°C sind vorhergesagt

    • dreher sagt:

      Ja, es verkompliziert alles. Das finden alle, scheint aber traditionell so zu sein. Ich hasse die französischen Abkürzungen, die sich mir nicht erschließen, auch.
      Hitze-solidarische Grüße! (Hier über 30°C)

  2. Marion sagt:

    Dann schauen wir mal, wie es in Frankreich weitergeht…

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