Gesehen und gelesen

Heute morgen haben wir den Film “Zone of Interest” gesehen, er hatte letztes Jahr während des Filmfestivals in Cannes von sich reden gemacht und den “Großen Preis der Jury” gewonnen, Sandra Hüller spielt die weibliche Hauptrolle als Hedwig Höss, die Frau des Auschwitz-Lagerkommandanten Rudolf Höss, die in unmittelbarer Nähe des KZ Auschwitz, ein gemütliches und gastfreundliches Haus führt und einen wundervollen Garten angelegt hat, der von der Lagermauer begrenzt wird. Man würde die Mauer aber noch begrünen, “damit man sie weniger sieht”, erzählt sie ihrer Mutter, die sie dort besucht und “das Paradies” lobt, das ihre Tochter geschaffen hat. Die Mutter reist dann aber doch überraschend ab, weil sie nicht ausblenden kann, was der Rest der Familie weder hört noch sieht; auch wir Zuschauer sehen es nicht, wir hören es aber: das Brüllen, das Hundegebell, Schreie und ein stetes düsteres Tönen.

Ich konnte mir, die ich den Film während des Festivals 2023 nicht gesehen, sondern nur die Kritiken gelesen habe, lange nicht vorstellen, was das Besondere dieses Films sein sollte, kann man über Hedwig Höss’ Blumen- und Gemüsegarten wirklich einen beeindruckenden Film machen? Bis vor kurzem gab es auch keinen Trailer, nur ein Foto eines sommerlichen Picknicks am Fluss. Es blieb mir ein Rätsel. Nun, man kann, oder sagen wir Jonathan Glazer kann es. Mit einer Filmmusik einem Soundtrack von Mica Levi (ich habe extra auf den Abspann gewartet, um den Namen zu finden!). Ich bin, das wissen Sie, wenn Sie hier viel mitlesen, hochsensibel, mir gehen (Film-)Bilder nah, Gerüche ekeln mich schnell und mein Alltag ist anstrengend, weil ich alles, und alles gleichzeitig, höre. Die Musik Der Soundtrack des Filmes geht mir von der ersten Sekunde an in den Körper, vibriert und tönt in mir, wie auch die ganze Geräuschkulisse dessen, was hinter der noch ungenügend begrünten Gartenmauer geschieht, was aber bis auf den Feuerschein in der Nacht und ein paar dunkle Wolken, nicht gezeigt wird. Mir gehen die Töne buchstäblich “dans les tripes”, wörtlich “in die Eingeweide”, durch und durch, am Ende ist mir schlecht und ich könnte mich zeitgleich mit Rudolf Höss, der unablässig damit beschäftigt ist, wie man die “Lieferungen” effizient vergasen und dann verbrennen kann, im Treppenhaus übergeben.

Es ist ein wichtiger Film. Hier die deutsche Version einer französischen Kritik aus “Sortir à Paris”. Wir waren froh zu sehen, dass in dem zu einem Drittel gefüllten Kinosaal auch viele jüngere Menschen saßen.

Wir bleiben im Thema, in gewisser Weise zumindest. Denn ebenso frisch erschienen ist die Graphic Novel “Lebensborn” von Isabel Maroger, die sich mit der norwegischen Herkunft ihrer Mutter, die als kleines Mädchen von einem französischen Paar adoptiert wurde, beschäftigt. Ihre Mutter wurde 1944 in einem privaten norwegischen Entbindungsheim geboren, es war eines der Lebensborn-Heime, in denen von deutschen Soldaten geschwängerte junge Frauen anonym entbinden konnten; was sich im ersten Moment wie Mütterfürsorge anhört, war jedoch Plan einer nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik; “arisch” aussehende Kinder sollten später von SS-Familien adoptiert werden und mit zum Aufbau einer deutschen “Elite” beitragen.

Isabel Maroger erzählt die Spurensuche aus ihrer Sicht, ihre Mutter hatte bereits 2008 ihre Geschichte veröffentlicht: Les racines du silence.

Die Geschichte ist erschütternd, wird aber durch die charmante Darstellung aller Personen, die sämtlich auffallend große Augen haben, abgemildert und erträglich. Dass in der norwegischen Ursprungsfamilie so viel Liebe für die “verlorene” Tochter existiert, die sie und ihre Familie warmherzig in die Arme schließt, ist tröstlich. Ich habe die Graphic Novel in einem Rutsch durchgelesen, ich konnte einfach nicht aufhören, und ging in einer berührten aber heiteren Grundstimmung aus dem Buch. Wie gut, wenn alte und generationsübergreifend wichtige Geschichten aufgearbeitet werden können und in gewisser Weise “gut ausgehen”.

Ich hatte im vergangenen Sommer “Der Silberfuchs meiner Mutter” von Alois Hotschnig gelesen. Es ist eine ähnliche, gleichwohl viel düsterere und tragische Geschichte: eine schwangere norwegische junge Frau kommt im Heimatdorf und in der Familie des deutschen, in dem Fall österreichischen (Soldaten-) Freundes an, wird dort aber keinesfalls mit offenen Armen aufgenommen. Zurück kann sie auch nicht, ihre eigene Familie hat sie verstoßen, in Norwegen ist sie nun eine Kollaborateurin und die “Deutschen-Hure”. Die Spurensuche, hier die des Sohnes, der versucht aus den mageren Worten seiner schweigsamen Mutter, ihr und damit sein Leben zu rekonstruiren, konnte ich nur in kleinen Häppchen verkraften.

Und last, but not least, habe ich auch “Stay away from Gretchen” von Susanne Abel gelesen – erst hatte ich keine Lust, ich weiß vielleicht zu viel über das Leben während und nach dem Zweiten Weltkrieg, dachte ich zumindest, und wollte keinen seichten Roman darüber lesen. Wenn Romane oder Filme schnell zu viel Erfolg haben, werde ich ja auch eigenartig widerstrebend-widerständig und finde erst Jahre später zu ihnen oder auch überhaupt nicht. Ich folge auf Instagram aber ein paar literarisch engagierten Französinnen, die in Deutschland leben, und der Hinweis sowohl auf “Stay away from Gretchen” als auch “Lebensborn” verdanke ich der Besprechung von @cecilemrnt. Merci an dieser Stelle! Da “Stay away from Gretchen” in großen Teilen in Heidelberg und Köln spielt und zudem noch andere Themen enthält, die mich gerade stark beschäftigen, kam mir das Buch sehr nah und ich habe es auch fast in einem Rutsch gelesen.

Noch eine Mandelblüte für etwas douceur …

… wird fortgesetzt

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Responses to Gesehen und gelesen

  1. iris sagt:

    darf ich hier auf den kleinen aber feinen instagram account https://www.instagram.com/thelebensbornproject/ verweisen? falls der magen noch mehr verträgt…

  2. Ute sagt:

    Du schreibst so eindrücklich von “Zone of Interest”, dass ich jetzt, anders als bisher, auch darüber nachdenke, ihn anzusehen.
    Es gibt übrigens auch noch einen “Nachfolger” von “Stay away from Gretchen”, ähnlich seicht und ähnlich in einem Rutsch zu lesen

    • dreher sagt:

      Danke dir Ute! Der Film ist wichtig, großartig und außerordentlich, toll gemacht und bleibt einem im Gedächtnis! Mehr kann ich hier nicht dazu sagen.
      Ja, von dem Nachfolgeband weiß ich, der wurde mir aber nicht empfohlen.

  3. Pingback: Bunt vor bunten Buden - Buddenbohm & Söhne

  4. Marion sagt:

    Erinnert so stark an die Zustände in einem Nebenlager von Auschwitz unter A. Göth, dargestellt in “Schindlers Liste”.

    • dreher sagt:

      Das hat Monsieur auch gesagt, als er aus dem Film kam, ich erinnere mich leider gar nicht an den Film, obwohl ich weiß, dass ich ihn gesehen habe :-(

      • Marion sagt:

        Ist ja auch schon 30 Jahre her. Ich hatte mich wieder mit dem Film beschäftigt, nachdem ich auf einer Lesung der Enkelin von Göth war. Ich berichtete. Es lohnt sich, den Film unter diesem Gesichtspunkt nochmal zu sehen, und auch, das Buch von Jennifer Teege “Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen” zu lesen.

        • dreher sagt:

          Danke dir!

        • dreher sagt:

          Ich erinnere mich, dank dieses Buchhinweises, wieder an die Filmszene mit Amon Göth. Ich habe mir das Buch von Jennifer Teege jetzt bestellt. Danke dir! Und irgendwo habe ich gefunden, dass die Frau von Amon Göth sich als “Königin” sah. Das sagt Hedwig Höss in dem Film auch: Sie sei die Königin von Auschwitz.

  5. Trulla sagt:

    Leider läuft der Film noch nicht in Hamburg, aber er ist vorgemerkt. Ich habe schon Kritiken darüber gelesen, und Ihre Beschreibung des Gesehenen hat mich nur weiter bestärkt. Gut zu lesen, dass auch jüngere Menschen am Film interessiert sind. Etwas Sorge hatte ich nämlich immer, dass mit dem – altersbedingten – Ableben der letzten Zeitzeugen das Wissen über und das Interesse an der schrecklichen Zeit abnimmt und die Gefahren von Rechts deshalb künftig nicht wahrgenommen werden. Umso erfreulicher sind gerade die aktuellen Demonstrationen so vieler aufrechter Demokraten, die dazu beitragen, uns der Anfänge zu wehren.

    • dreher sagt:

      Ja, unbedingt ansehen!
      Wir waren enttäuscht, dass der Saal nur drittels voll war – das Kino bietet drei Vorstellungen pro Tag im großen Saal an, ich wünsche mir, dass andere Vorstellungen besser besucht sind. Dass aber von dem mageren Drittel dann wiederum ein Drittel jüngere (nicht ganz junge) Menschen sich den Film ansehen, war tröstlich! Es ist natürlich auch Frankreich und nicht Deutschland, hier denkt man ja gerne, dass man “damit” nichts zu tun hat.
      Und ja, die Demonstrationen sehe ich auch mit so viel Erleichterung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.