Vier Tage im Hinterland

Sospel

Wie Sie wissen, sieht die südfranzösische Welt nur knapp zwei Stunden entfernt von Cannes und der Côte d’Azur ganz anders aus. Die Rede ist vom Hinterland, dem Arrière-Pays, das ich sehr liebe und das ich der Journalistin nahebringen wollte. Wir ließen also die Goldene Palme den anderen und kurvten zunächst hinauf ins Roya-Tal, über Sospel, Saorge, La Brigue und Tende. Hier war ich das letzte Mal vor fünfzehn Jahren.

Eigentlich hatten wir den kleinen Wintersportort Casterino in der Nähe von Tende als Ziel gewählt, von dem aus man im Sommer zu diversen Wanderungen starten kann. Das gewählte Hotel (ein hübsches Chalet mit einem gewissen Standard), in dem ich schon im März versucht hatte, Zimmer zu reservieren, hatte sich allerdings weder auf meine Reservierung, meine Anrufe noch meine Mails gemeldet. Das Office de Tourisme vor Ort, das ich irgendwann zurate zog, entschuldigte sich, sagte, das Hotel öffne etwas später im Jahr, und versprach mir, dass es bestimmt noch klappen würde. Ich hinterließ immer wieder Nachrichten auf dem Anrufbeantworter und vertraute auf die südfranzösische Spontanität. Aber eine Woche vor unserer Abreise war das Hotel immer noch geschlossen. Das Office de Tourisme sandte mir freundlicherweise eine Auswahl anderer Übernachtungsmöglichkeiten im Umkreis. Ich rief sie der Reihe nach an, nur um festzustellen, dass unser gewähltes Wochenende das Pfingstwochenende war und die Auberges und Hotels so gut wie ausgebucht waren. Dem Wirt der Auberge in La Brigue, der sagte, er habe noch zwei Zimmer frei, bin ich quasi durchs Telefon um den Hals gefallen.

La Brigue wird also unser Quartier. Zunächst besichtigen wir jedoch Saorge, ein langgezogenes Dorf, das am Berg klebt, und dessen parallel zum Berg verlaufende enge Gassen sich ineinander verflechten. Dazwischen führen Treppen nach oben und unten. Alles wird hier zu Fuß transportiert, die Autos bleiben außerhalb des Dorfes stehen.

In Saorge gibt es sogar eine Buchhandlung, in der man auch Brot bestellen kann – vermutlich, weil es keinen Bäcker gibt (ich habe zumindest keinen gesehen). Denn ja, der Mensch lebt nicht vom Buch allein. Eine der vielen Kirchen wird als Stadtbibliothek genutzt. Ein besonderer Arbeitsplatz, der aber nur im heißen Sommer wirklich angenehm ist. Die restliche Zeit sitzt die Bibliothekarin immer dicht an der Heizung, wie sie uns erzählt. Ich finde es rührend, dass die Kinderbücher vor dem Marienaltar angeordnet sind. Die Krimis und Erwachsenenliteratur befinden sich im hinteren Teil der Kirche und sind zusätzlich durch einen Vorhang getrennt.

In dem ehemaligen Franziskaner-Kloster am Ortsende (mit wunderschönem Garten) können Schriftsteller und Künstler für vier Wochen in Ruhe arbeiten.

Selbstverständlich muss man sich dafür bewerben und ist während des Aufenthalts dazu verpflichtet, dem Kloster und den Dorfbewohnern etwas von seiner Arbeit zu zeigen – entweder, indem man aus seinem Text vorliest, oder indem man ein Kunstwerk zeigt: In den Tiefen des Klosterkellers hat der Künstler Georges Rousse einen goldenen Kreis, eine Lux Aurea geschaffen.

Die (das?) „Lux Aurea“ besteht aus vergoldeten Kupferblättern, die an den Wänden, Böden und Gewölben des Raumes angebracht sind. Befindet sich der Betrachter an einem ganz bestimmten Blickpunkt, nimmt das Werk die Form eines goldenen Kreises an, der zugleich an den Heiligenschein des Heiligen Franziskus und an die Sonnenscheibe erinnert.

Wir essen eine Kleinigkeit im Bistro der Petite Épicerie und fahren dann weiter nach La Brigue. Tende, das eigentliche Highlight des Tages, zumindest halte ich es bislang dafür, sehen wir nur kurz von außen an. Es sind, das merke ich schon, zu viele Dörfer für die Journalistin.

Blick aus dem Rückspiegel auf Tende

La Brigue liegt abseits der kurvigen Bergstraße und ist ander als Saorge noch ein richtiges Auto-Dorf. Auf allen Plätzen des Dorfes parken Autos, wir stellen unseres dazu. Vor fünfzehn Jahren haben wir hier nur kurz gehalten, und ich habe noch italienische Inschriften an Hausfassaden entdeckt, die jetzt kaum noch vorhanden sind.

La Brigue und die anderen Dörfer des Royatals liegen nah an der italienischen Grenze. Sie waren während des letzten Kriegs umkämpft und von Italien besetzt. La Brigue blieb bis 1947 italienisch, danach wurde in einer Volksabstimmung entschieden, dass man wieder zu Frankreich gehören wolle.

Das sehr nette Paar, das die Auberge führt, ist auch binational, sie ist Italienerin, er Franzose, er kocht mit italienischem Einfluss und macht seine vielfältige Pasta selbst. Die Auberge liegt an einem der Plätze des Dorfes, man hat drei mittelalterliche Häuser zusammengefügt und zu den Zimmern geht der Weg durch enge Flure und Türen von einem Haus ins andere und steile Treppen hinauf. Die Zimmer sind einfach, aber groß, haben ein eigenes Bad und die Betten haben guten Matratzen.

Blick aus dem Fenster vom Bett aus

In La Brigue, das im Reiseführer als ein Dorf voll bröckeliger Fassaden beschrieben wird, finden sich nicht nur überraschend viele Autos sondern auch Menschen, Einheimische und Touristen. Es ist eine sehr lebendige Stimmung in der Abendsonne auf dem Platz vor der Auberge und entlang des kleinen Flusses, wo ein alternatives Lädchen kleine Speisen und von Prosecco über Bio-Limonaden allerhand Überraschendes anbietet.

Und ja, es gibt graue und bröckelnde Fassaden, manches Haus gleicht einer Ruine, gleich daneben aber gibt es zu bunten Schmuckstücken herausgeputzte Häuser, und man ahnt etwas vom Reichtum und der großen Zeit dieses Dorfes, das an der Salzroute liegt und seinerzeit Geld mit den besonderen La Brigue-Schafen und ihrer Wolle erwirtschaftet hat. Im ganzen Dorf hängen Fotos von früher, und schon allein die Tatsache, dass es so viele Fotos vom Dorf, von Festen, der Arbeit und den Menschen gibt, zeigt, dass es ein reiches Dorf war.

Zum Vergleich: Von “meinem” Bergdorf gibt es ein einziges Foto von “früher” – ein paar Frauen stehen um den Brunnen – und niemand weiß, wer die Frauen sind, von wann das Bild stammt und wer es aufgenommen hat.

Oberhalb des Dorfes gibt es eine Burgruine und dahinter erstrecken sich die Gärten der Einwohner.

So viel für eben. Am nächsten Tag machten wir eine Wanderung.

Ich hoffe, dass ich davon morgen noch berichten kann, denn am Montag fliege ich wieder nach Deutschland – aber ich will versuchen, die kleine Reisebeschreibung fortzusetzen.

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