Nicht ohne meinen Ventilator

Dass Cannes im Hochsommer eine Qual ist, schrieb ich letztes Jahr um diese Zeit auch schon mal. Es riecht überall nach lauwarmem Urin, ob von zu viel Hund oder ihren Herrchen, ist ungewiss. An den Kreuzungen wabert aus den unterirdischen Müllcontainern lauwarmer Müllgeruch an die Oberfläche, obwohl, das muss auch gesagt werden, der Müll hier täglich, nach Bedarf sogar sonntags geleert wird. Cannes soll ja schön sauber sein.

In Cannes gibt es nämlich noch nicht so sehr lange ein halbwegs ordentliches Müllsystem – Mülltonnen gab es lange gar nicht, jeder stellte einfach irgendein Säckchen auf die Straße.

Dann wurden an Kreuzungen Müllschlucker eingerichtet, so wirft man in vielen Vierteln an irgendeiner Straßenecke alles, Klappe auf, Klappe zu, nach unten in einen unterirdischen Container, der zum Leeren dann hochgefahren wird. Bisschen kompliziert, sieht aber, wenn’s nicht gerade überquillt, sehr ordentlich aus. Fängt aber an zu stinken, wenn die Sonne den ganzen Tag drauf knallt. Die Steigerung ist jetzt die Mülltrennung in gelben und blauen Mülltonnen für einzelne Häuser. Es wird aber nur ungefähr so getrennt wie in Deutschland, so dass ich mich oft kritisieren lassen muss, was mich ein bisschen giftiggelb wie die Plastiktonne werden lässt. Da werde ich, die ich bereits in den achtziger Jahren Aludeckelchen und Weinkorken zu Sammelstellen gebracht habe, von so Mülltrennanfängern kritisiert, „na Danke schön, lernt ihr erst mal Müll trennen“, möchte ich zischen – zumal die Mülltrennanlage – haha – aus lauter regionalen Streitigkeiten (Müll ja, aber bitte nicht bei uns!) bislang noch nicht mal existiert. Der so getrennte Müll wird weiterhin getrennt in die Nähe von Marseille gefahren und dort auf eine riesige Müllhalde wieder zusammengeworfen. Schön, oder? Aber irgendwann wird es sie geben die Mülltrennanlage, daher üben wir das jetzt alles unter Androhung von Strafe schon mal, damit es, wenn es soweit ist, auch klappt. Mir ist es aber daher manchmal ziemlich wurscht, ob ich Styroporverpackungen in die gelbe Tonne werfe, wo ich sie logisch finde oder in den Hausmüll, wo sie hier anscheinend hingehören (dreimal wanderte das grosse Styroporteil wieder aus der gelben Tonne zurück in die blaue und umgekehrt, bis ich klein beigab).

Und wenn ich gehofft hatte, dass ich mich, nur weil ich neuerdings im Sommer in den Bergen friere, gleichzeitig an die sommerlichen  Temperaturen an der Côte d’Azur gewöhnt hätte, habe ich mich geirrt. Ja, klar, toll, man kann, muss geradezu, abends ohne Jacke rumlaufen. Nur wird man dabei von gierigen Moskitos aufgefressen. Es ist heiß, gerade ist es 23 Uhr und wir haben noch schlappe 28°, aber viel schlimmer ist, dass es vor allem so schwülfeucht ist, wie in einer dieser lauwarmen Saunen, in der man erst nach zwanzig Minuten schwitzt. Dann aber läuft der Schweiß nur so. Man macht gar nichts und es fließt. So ist es hier. Außerdem ist die Haut ununterbrochen feucht. Ich hasse das. Man zerfließt geradezu, duscht sich, ist etwa eine Sekunde erfrischt, trocknet sich ab und ist im gleichen Augenblick schon wieder schweißnass.

Zum Abkühlen geht man daher am Besten zum Shoppen, es ist nämlich Ausverkauf und die Läden sind natürlich schön runtergekühlt. Der Temperaturwechsel beim Rein und Raus zwischen Läden und Straße ist aber mindestens genau so anstrengend wie echte Sauna. Danach schleppen Sie sich gerade noch in eine kühle Bar und trinken ein Perrier Menthe oder Perrier Rondelle (mit einem Scheibchen Zitrone). Oder einen sehr kühlen Rosé mit sehr viel Eis. Danach rufen Sie schlapp den Chauffeur an, damit er Sie nach Hause fährt. Im klimatisierten Wagen ins klimatisierte Haus und zum Swimmingpool. Ach, haben Sie alles nicht? Pech für Sie, aber machen Sie sich nichts draus, ich auch nicht.

Bei mir sind weder Auto, noch Büro, noch die Wohnung klimatisiert, ich sags Ihnen, das ist hart an der Grenze des Erträglichen. Ich telefoniere mit einer Bekannten und klage ihr mein Leid, dass die schwüle Hitze mich erschöpft, dass ich kaum was auf die Reihe kriege, dass mir das extrem schlechte Laune macht und dass ich tagsüber im Stehen einschlafen könnte. Sie sagt, „Na, dann schlaf doch, so ist das eben im Sommer! Mittagspause zwischen zwölf und vier.“ Man arbeitet einfach nicht so viel im Sommer. Viel zu heiß. Geht nicht anders. Im Sommer ist alles auf eingeschränkten Betrieb eingestellt. Man arbeitet morgens ein bisschen und spät abends, dazwischen muss man sich ausruhen. Hitzefrei für alle (außer den armen Menschen, die in Hotels, Restaurants und Cafés arbeiten, aber da ist es immerhin klimatisiert). So ist es. Ganz normal. Nur eine komische Deutsche nimmt im Sommer genau so viele Aufträge an und glaubt, in dieser Sauna noch effizient am Laptop arbeiten zu müssen. Das ist das umgekehrte Lied der Berge, wo im Winter bei Schnee nichts geht. Ist einfach so. Es schneit. Bleiben wir also zu Hause vorm Kamin und trinken einen warmen Tee. Gibt so Momente, wo ich die Franzosen liebe, muss auch mal gesagt werden!

Ich sitze also morgens früh und abends spät neben einem Ventilator, der mich und meinen PC runterkühlt, und versuche in wenigen Stunden, trotz allem unausgeschlafen und unkonzentriert, doch irgendwie viel zu arbeiten. Tags begleitet mich der Ventilator dann quasi überallhin und bläst mir zartkühle Luft in den Nacken. Seit einigen Nächten schlafe ich auch mit Ventilator, was mir leider zusätzlich einen steifen Hals beschwert hat. Zu viel kühle Luft auf erhitzte Halswirbel ist eine ungesunde Mischung. Beim Autofahren habe ich immer eine hässliche Kühlbox im Auto, in der ich mein Wasser und meine brumisateure kühle, mit denen ich mich ständig innerlich und äußerlich benetze. Einkaufen geht auch nur noch mit Kühlbox, ansonsten wird der Mozzarella schon auf dem Weg nach Hause sauer. 

Die Katzen können auch nicht mehr. Pepita liegt nur noch im kühlen Bidet, sie ist sowieso der Ansicht, dass diese kleine Badewanne extra für sie gemacht wurde und Cachou liegt zur Zeit am liebsten im kühleren Treppenhaus. Gejagt wird hier nur noch in Ausnahmefällen, etwa wenn eine Maus oder eine Eidechse so leichtsinnig ist und direkt vor der anscheinend so träge dösenden Katze vorbeihuscht. Dann ist der Jagdinstinkt immer noch stärker …

Laut ist es auch. Jeden Abend gibt’s irgendwo Electro-Plage, die gigantische Fortsetzung vom schönen Bal à la Plage, und die Elektroklänge wummern großzügig durch die Sommernacht. Genauso beschallen uns all die offenen Autos, in denen das Autoradio bis zum Anschlag aufgedreht ist. Musikfetzen quäken noch durch die Luft, wenn das Auto schon wieder weg ist. Bummbummwummerwummer. Für vergnügungssüchtige Urlauber gibt’s hier alles. Alle anderen müssen sehen, wie sie über die Runden kommen oder sie flüchten.

Das Meer ist badewannenwarm, der Strand ist schon morgens  voll, und selbst auf dem freien Strand, dort, wo nicht Liegestühle stehen und gemietet werden müssen, beginnt das Platz reservieren mittels ausgebreiteter Handtücher…  nee, Kinners, das macht alles keinen Spaß mehr. Nur weg hier, ab in die Sommerfrische…  es wird hier vielleicht ein bisschen ruhiger, die näxten zwei, drei Wochen in Ermangelung eines Internet-äh- Netzes, ich versuche mein Möglichstes, versprechen kann ich nix, aber keine Sorge, la rentrée kommt auch dieses Jahr und spätestens dann lesen wir uns wieder. Bis dahin wünsche ich einen frohen himmelblauen Sommer und immer ein leichtes Lüftchen um die Nase – nach überallhin, und besonders nach Audun-le-Tiche, wo man mich auch liest! Wow! Ich sehe ja alles, alles! Jeden Tag hab ich ein paar Menschen mehr auf meinem Blog. Das ist fein! Und ich sehe, wer sich wie oft in Cannes einlinkt, n’est-ce pas, oder in Chicago yeah, und eben auch in Audun-le-Tiche… dort fand mein erster Kontakt mit Frankreich statt, vor, öh, mehr als vierzig Jahren … :)

Salut! À bientôt! Wenn Sie wollen, nehm ich Sie ein Stück mit nach oben in die Berge, mit dem Motorrad durch die Gorges de Daluis – festhalten, wird ein bisschen kurvig…

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