Die goldene Palme

Es ist zwei Uhr morgens. Ich komme gerade aus dem Film, der mit der Goldenen Palme gekürt wurde – dieses Privileg hat man als Einwohner von Cannes, am Tag nach dem Festival dürfen wir alle, so wir wollen, den höchstpremierten Film sehen, der quasi nur für „uns“ den ganzen Tag läuft. Man muss sich vorher zwar auch anstellen, und man bekommt Karten zugeteilt, ob mittags, abends oder ganz spät kann man sich nicht (immer) aussuchen, aber es ist sozusagen garantiert, dass man den Film sehen kann, kostenlos ist es auch. Letztes Jahr kamen wir mittags in den Genuss The Tree of Life anzusehen, ein Film, der meines Erachtens nicht wirklich die Welt erschüttert hat. Dieses Jahr hatten wir Karten zur Gala-Zeit um 22 Uhr. Tenue de soirée ist angesagt, Abendgarderobe, um würdig die Stufen zu erklimmen, monter les marches, wie das hier heißt. Ich finde das ja alles ein bisschen albern, dass man im langen oder kurzen Abendkleid respektive Frack und Propeller doch ziemlich blöd auf der Straße ansteht, um dann einen Kinofilm zu sehen. Irgendwie fehlt mir da ein Glamour-Gen. Außerdem habe ich gar keine wirklich würdige Abendgarderobe, mit der ich dann einmal quer durch die Stadt stöckeln könnte. Nun ja.

Ich hatte ja befürchtet, dass ich mir De Rouille et d’Os nochmal ansehen würde, den ich nun bereits ganz normal im Kino gesehen habe. Doch der Film mit Marion Cotillard bekam keine Palme gar nirgends, leider – obwohl es ein starker Film ist, wie ich finde. Kein Mitleidskino. Im Gegenteil, ziemlich brutal eigentlich. Und sehenswert –

Aber nein, Liebe ist es geworden, oder L’Amour wie er hier heißt, von Michael Haneke. Haneke ist Österreicher, aber der Film ist sehr französisch, spielt in Paris mit drei großen französischen Schauspielern: der verstrubbelte Jean-Louis Trintignant (ich war erschrocken, dass er nicht nur im Film so … äh … alt aussah, ich dachte, sie hätten ihn für den Film zurechtgeschminkt, aber nein, so sieht er aus, der Herr Trintignant – ich habe irgendwie den Moment verpasst, in dem er so alt geworden ist sich so verändert hat – wie toll fand ich ihn noch mit Fanny Ardant in Vivement Dimanche!, aber das ist auch schon 30 Jahr her… oh Mann… ich fürchte, ich bin auch dreißig Jahre älter geworden…), Trintignant also, Emmanuelle Riva und Isabelle Huppert. Ich freute mich, dass kein wirrer, abgefahrener Film prämiert worden ist, der nur von Insidern geschätzt und von mir intellektuell vermutlich wieder nicht verstanden worden wäre. Liebe, das wissen Sie wahrscheinlich, ist ein Film über das Alt werden, Krankheit und Sterben. Das versteht jeder, geht irgendwann auch jeden an, aber will das deshalb auch jeder wissen? Geschweige denn sehen? Wer einmal im echten Leben einem geliebten Menschen mit einer Schnabeltasse Wasser eingeflößt, vorsichtig aber beherzt seine Windeln gewechselt und seine Hand gehalten hat, während er starb, muss sich nicht nochmal fiktive Pflege- und Sterbeszenen im Kino antun, auch wenn sie realistisch sind. Das ist zumindest meine Meinung. Ich befürchtete, dass mein sorgfältig aufgetragenes Augen-Make-up vor lauter Rotz- und-Wasser-Heulen verlaufen würde, denn selbst hartgesottene Journalisten sollen mit Tränen in den Augen gesehen worden sein. Ich stopfte daher extra drei Packungen Taschentücher in meine Slipeinlagenflache Clutch, die immerhin habe ich mir in weiser Voraussicht mal geleistet, man weiß ja nie in dieser Glamour-Stadt, und sie wartete seit Monaten auf ihren Einsatz. Gestern abend also. Es passte dann nichts anderes mehr hinein, vor allem kein Regenschirm – sehr bedauerlich, denn es stand zu befürchten, dass es abends mal wieder regnen würde…

Es hat dann nicht geregnet, man stand mehr oder weniger schick draußen Schlange, dann, bei Öffnung der Türen gab es kurz ein Hauen und Stechen, denn die Plätze innen sind nicht nummeriert – da drängelt man sich dann, schick hin, schick her, ganz ungalant nach vorne.

Der Film ist realistisch und sehr distanziert gedreht, es gibt viele harte Schnitte, und ich habe keine einzige Träne geweint. Die Schauspieler sind beeindruckend. Und doch weiß ich, einen todkranken Menschen über eine lange Zeit zu begleiten ist in der Realität noch viel anstrengender. Bis man die richtigen Handgriffe gelernt hat, ohne dem anderen weh zu tun, ist schon wieder etwas anderes nötig. Alles ändert sich so schnell und alles macht man zum ersten Mal. Und die Traurigkeit, die man in sich trägt und nicht zeigen darf, wiegt schwer auf den Schultern. Ebenso die Verantwortung, wenn man den Kranken zu Hause pflegt. Das alles macht der immerhin auch schon betagte Ehemann, Trintignant, geradezu vorbildlich. Sehr sachlich nimmt er die Dinge wie sie sind. Er bricht nicht zusammen, er weint nicht, er klagt nicht und er kann alles. Er hat seiner Frau versprochen, sie zu Hause zu behalten, und das tut er, auch gegen den Vorwurf der Tochter, dass es nicht das „Beste“ für die Mutter sei. Er wirft eine inkompetente freche Krankenpflegerin raus, aber auch die anderen sind in all ihrer Tüchtigkeit brutal, angesichts des schwachen kranken Körpers seiner Frau, dem alles nur noch weh tut. „Mal, mal…“ ist alles, was sie am Ende noch sagen kann. Es tut ihr alles weh.

Nun, es ist ein sehenswerter Film, aber er wird, auch mit goldener Palme, nicht die Massen anziehen. Immerhin ging niemand aus dem Saal, und es gab einen kurzen Applaus. Aber eigentlich ist es doch wieder nur ein Intellektuellen-Film, den sich nur wenige antun werden. Wer sich darauf einlassen kann, wird sicher nicht enttäuscht, der Film hakt sich ins Gedächtnis, man diskutiert und denkt vielleicht über sein eigenes Ende nach – ich befürchte, sehen wollen das nur ganz wenige. Für junge Menschen ist die Thematik viel zu weit weg, für alte Menschen jedoch schon zu nah dran, denn je näher das Ende des Lebens kommt, desto weniger will man es sehen. Und wenn einem Alter und tödliche Krankheit im wirklichen Leben passieren, ist es doch wieder ganz anders, und dann schaut man es sich nicht nochmal im Kino an…

Um ein Uhr morgens kamen wir aus dem Palais… Cannes war wie leergefegt. Die Festivaliers sind alle wieder weg… oh, wie ruhig kann diese Stadt sein…

PS: Im Nice Matin wurde gestern die Frage gestellt, ob man sich den Film Liebe ansehen würde… heute gab es die Antwort: 14% der Leser sagten „ja“, 86% hingegen „nein“.

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3 Kommentare zu Die goldene Palme

  1. Gerd Ziegler sagt:

    Na – der wird später sicherlich in arte gezeigt. Den schaue ich mir dann an. Der Trailer sieht schon mal interessant aus.

    Neulich schauten wir uns im Kino „Ziemlich beste Freunde“ an. Zwischen den komischen Szenen war sehr viel Ernst verpackt (wenn man es denn sehen wollte).
    Der norwegische Film „Elling“ spielt ebenso ein soziales Thema mit einer komischen Note an.
    Vielleicht ist es auch besser, ein ernstes Thema mit Komik zu kombinieren. So manch andere sozialkritische Filmproduktion vergeht in Selbstmitleid, endlose Tragik und apokalyptischem Gejammer. Es muss ja nicht gleich ein „Brüller in Breitwand“ sein, oder sonstiger Mainstream-Nonsens, aber der eigentliche Sinn sollte schon erkennbar bleiben.

    Nach der Beschreibung ist „L’amour“ ja das genaue Gegenteil von dem was mich erwartet. Ohne hilfsreiche Komik…
    Jedenfalls bin ich auf „L’amour“ gespannt.

    Ach – und meine Abendgarderobe? Je nach Uhrzeit, in Schlafanzug und Schluffen.

    Grüße aus dem Rheinland
    Gerd

    • dreher sagt:

      Nein, keine Komik, gar keine. Sehr sachlich, sehr realistisch. Ich will nicht vorweggreifen – aber hier haben die Leute, die ihn gesehen haben viel diskutiert – aber auch kritisiert, dass man diese Thematik doch sowieso „zu Hause“ habe und es „so“ nicht nochmal sehen müsste. Der Anspruch des (und vielleicht nicht nur des überalterten Cannes-) Publikums ist vielmehr, Kino soll nicht die Realität abbilden, sondern träumen lassen, man will im Kino kleine Fluchten aus dem tristen Alltag erleben, …

  2. Pingback: Blau ist eine warme Farbe | Au fil des mots

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