Blau ist eine warme Farbe

Eigentlich sind sich alle einig. Also zumindest in der Presse gibt es nur positive Stimmen für den Film, der die goldene Palme erhielt: La vie d’Adèle, dessen englischer Titel mir besser gefällt, da der Film programmatisch von der Farbe Blau durchzogen ist: Blue is the warmest colour. Der Film wurde bei seiner Uraufführung von den anwesenden Journalisten und Filmschaffenden mit stehenden Ovationen gefeiert. Und die Entscheidung der Jury, einen Film zu prämieren, der eine Liebesgeschichte zweier junger Frauen zeigt,

…  während quasi zeitgleich in Paris mal wieder wütende Menschenmassen gegen die mariage pour tous, das vom Parlament verabschiedete Gesetz zur Ehe gleichgeschlechtlicher Partner, demonstrierten, wurde schon x-Mal als weise, mutig und kühn gelobt. Die politische Aktualität des Films kommt sogar bei der Bild-Zeitung zur Sprache, die dieses Mal sogar hin- und hergerissen ist, zwischen den üblichen reißerischen Überschriften wie „Lesben-Drama gewinnt die Goldene Palme“ oder „12 Minuten Lesbensex“ und einem erstaunlich sachlichen Kommentar. Man spricht gar von einem stark gespielten Porträt, einer Identitätssuche und einer großen universellen Liebesgeschichte. Wenn sogar die Bild-Zeitung das sagt, müsste ich also wirklich nichts mehr hinzufügen.

Ich habe mich entschlossen, nun doch auch etwas zu schreiben, weil ich das Publikum, bei der Vorstellung heute Nachmittag im Palais des Festivals teilweise unsäglich fand. Dass die Einwohner von Cannes das Privileg haben, am Tag nach der Verleihung der Palme den prämierten Film zu sehen, habe ich ja bereits früher erzählt (hier zum Beispiel). Nun, Frankreich ist ein konservatives Land, wie man bei den homophoben Ausschreitungen der Gegendemonstrationen zur sogenannten Homo-Ehe sehen kann. Das überalterte Cannes ist noch einen Zacken konservativer. Ein „Skandalfilm“ wurde gemunkelt. Extrem lange deutliche Sexszenen sollen zu sehen sein. „Und die Kamera hält voll drauf“, titelt entsprechend die Bildzeitung. Na, also bitte, MUSS das sein? Während wir auf den Einlass warteten, kamen wir an einem Warnschild vorbei: Achtung! Viele Szenen können möglicherweise den sensiblen Zuschauer schockieren. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt. Ich wurde dann doch neugierig.

Da sitzt man dann aufgehübscht (ich sags Ihnen, diese Art, am hellichten Tag operettenmäßig aufgetakelt einen Film zu sehen, befremdet mich immer wieder) im Grand Auditorium und wartet auf schockierende Bilder. Sie wollen nicht kommen. Der Film dauert drei Stunden und ist langsam erzählt. Auch hier eine Coming-of-Age-Geschichte: Eine Schülerin, heterosexuell konditioniert, verliebt sich nach anfänglichem Geplänkel mit Jungs in eine junge (offen lesbische) Kunststudentin. Beide sind stark voneinander angezogen, nähern sich jedoch ganz langsam an, und dann haben sie, rummmms, leidenschaftlichen Sex. Und er dauert. Ja doch, ich habs zwar nicht Bildzeitungsmäßig mitgestoppt, aber die Szenen sind lang. Und ja, es sind mehrere. Auch wenn die erste die längste ist. Und falls Sie sich je gefragt haben, wie Frauen miteinander schlafen, dann wissen Sie’s jetzt vielleicht. Wenn Sie nicht, wie ein Teil des Canner Publikums, demonstrativ den Saal verlassen haben. Das will man dann doch nicht sehen. Ich unterstelle so manchem, dass er nur reingegangen ist, um an entsprechender Stelle rauszugehen. Die, die bleiben, sind aber auch unruhig und nervös, sie kichern, lachen, reden, höhö, hust hust, na, jetzt reichts aber rumort es im Saal, es scheint, man ist vollkommen verstört. Dass zwei Frauen nicht nur sanfte Küsse und tiefe Blicke tauschen, sondern sich in leidenschaftlicher Extase lieben, ist für die meisten wohl nicht auszuhalten. Gottseidank kommt es dann trotz allem Sex zur Trennung, so dass das Publikum aufatmend wieder ruhiger wird. Der Grund für die Trennung (nach mehreren Jahren) ist wohl eher in den unterschiedlichen Lebensvorstellungen zu suchen: Adèle ist glücklich und zufrieden mit ihrem kleinen Leben als Grundschullehrerin (wo sie verheimlicht, mit einer Frau zusammenzuleben) und fühlt sich eher unwohl in den intellektuellen Kunstkreisen von Emma, die aus Adèle gern eine Schriftstellerin machen würde. Emma fehlt der intellektuelle Austausch, sie wird lustloser und Adèle tröstet sich mit einem Kollegen. Dann knallts. Sehr heftig. Den Rest müssen sie selbst sehen. Sollten Sie auf jeden Fall.

Es gibt leider keinen Trailer, ich habe nur diesen winzigen, eigentlich unscheinbaren Schnipsel gefunden, der wenig von dem zeigt, was der Film wirklich ist, allerdings den späteren Konflikt zwischen den beiden Frauen schon andeutet. Adèle hat noch nie von Sartre gehört und findet nach einer kurzen Erklärung von Emma, dass Sartre so einer wie Bob Marley sei. Beides engagierte Propheten, oder?

Der Film ist intensiv und nah dran, an den Schauspielerinnen und ihren Gefühlen. Am Anfang gingen mir die Großaufnahmen des halboffenen Schmollmündchens von Adèle und das ständige Rumgewurschtel mit ihren immer kunstvoll unordentlichen Haaren ein bisschen auf die Nerven, aber es wird dann weniger wichtig.

Auf dem Heimweg gab ich übrigens ein Interview für das kostenlose Blättchen 20 minutes. Ich hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für den Film. Ob ich fände, dass der Film die Goldene Palme verdient hätte, wurde ich unter anderem gefragt. Nun – ich habe die anderen Filme, die mit zur Auswahl standen, nicht gesehen, vielleicht gab es stärkere Filme, keine Ahnung, aber ehrlich gesagt, bevor wieder so ein wirrer künstlerisch-intellektueller Film wie vor drei und vor vier Jahren ausgezeichnet wird (die hochgelobten aber für naive Gemüter wie mich unverständlichen Filme Tree of Life oder Uncle Boonmee), und so lange es noch so eine Unruhe erzeugt, wenn zwei Frauen sich küssen, dann denke ich, ja, ein „einfacher“ Film, der am Zeitgeschehen dran ist und eine erkennbare Botschaft hat, soll bitte gern die Goldene Palme bekommen. Mal sehen, ob sie das drucken, oder ob sie nicht doch noch jemanden gesucht und gefunden haben, der das alles ganz unmoralisch und entsetzlich findet.

Es gäbe noch viel zu sagen und zu fragen, über offene Aggression und daher nicht offen gelebte homosexuelle Beziehungen, über Parallelwelten, und ob dieser Film jemals in Tunesien (der Filmemacher ist gebürtiger Tunesier und widmete den Film der Jugend Frankreichs und der Freiheit suchenden Jugend Tunesiens) oder auch in den prüden USA zu sehen sein wird … auch darüber, dass die Filmtechniker nun gegen den Filmemacher klagen wegen unzureichender Bezahlung und schlechter Arbeitsbedingungen …

Wie dem auch sei, ich bin froh, diesen Film gesehen zu haben. Es gab doch zögerlich-zaghaften Applaus, aber niemand pfiff oder buhte, die, die den Film wirklich nicht mochten, waren wohl alle schon weg. Das Festival ist rum, die Stadt wird leerer und der Frühling … ist immer noch nicht da …

~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ . ~ .  ~ . ~ . ~ . ~ . ~

Nachtrag. Ich bin gerade zum Bahnhof gelaufen, um ein Gratis-Heftchen von 20 minutes zu ergattern. Schon auf der Titelseite wird klar, die Goldene Palme „verstört“. Ich ahne Schlimmstes, suche hastig den Artikel auf Seite 3 und meinen Namen. Ich bin nicht drin. HA! Sie haben es nicht gewagt, denke ich wütend, aber siehe da, der kleine Artikel ist doch ausgewogen. Er bringt zwar die schwer verstörten und schockierten Cannois zu Gehör, die nicht verstehen können, dass „so“ ein Film gewinnen konnte, aber ebenso auch Stimmen, die positiv sind, selbst wenn kritisch angemerkt wird, dass vielleicht auch schon eine erotische Szene ausreichend gewesen wäre. So viel will man ja gar nicht wissen, n’est-ce pas …  Der Artikel endet mit einer „pro-Stimme“: Pierre ist zufrieden, auch wenn es nur leise sagt, dass der Film exakt zum Zeitpunkt der Gegendemonstrationen zur mariage pour tous mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Ich bin auch zufrieden, mit diesem vorsichtig positiven Artikel, mehr kann man hier nicht unzensiert sagen.

La Vie d’Adèle wird (zumindest in den französischen Kinos) ab dem 9. Oktober zu sehen sein.

Und noch ein Nachtrag: Ich habe hier ein statement der französischen Autorin und Zeichnerin (Julie Maroh) des BD Le Bleu est une couleur chaude gefunden, aus dem der Film hervorging. Falls Sie, wie ich, vom Thema nicht genug bekommen können … es gibt auch eine englische Version des Textes. Das BD gibts auch in Englisch Blue Angel und Spanisch El azul es un color cálido. Damit soll es jetzt aber gut sein.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten auf Blau ist eine warme Farbe

  1. Karin sagt:

    Salut Cannoise!

    Ja es ist schon erstaunlich, solange Hetero-Sex gezeigt wird, regt sich keiner auf, zeigt man aber mal Sex unter Frauen, Männern oder auch alten Menschen (z.B. Wolke 9) gibt’s gleich grosses Geschrei. Versteh‘ einer die Welt. Und versteh‘ einer die Franzosen! Ich hatte schon an eine Falschmeldung geglaubt als ich das erste Mal von den Ausschreitungen in Frankreich wegen der „Homo-Ehe“ (allein schon dieses Wort!!!) gehört hatte. Für mich ist Frankreich immer das Land der Revolutionäre gewesen, aber die sexuelle Revolution scheint’s ja nicht gewesen zu sein!?! Im Ernst, ich bin manchmal geradezu baff wie konservativ die sind. Soviel auch zu den „idées reçues“ die man so hat respektive Menschen anderer Länder. Wir tragen ja auch nicht jeden Tag Dirndlkleid, gell?
    Auch hier kein Frühling in Sicht. Je länger dieses M…wetter dauert, umso mehr befürchte ich eine Zukunft à la „Waterworld“. Hoffentlich wachsen uns dann noch die erforderlichen Schwimmhäute. lol

    Karin aus Genf

    • dreher sagt:

      Salut Genevoise (da bist du doch?),
      ich habs auch lang nicht glauben wollen, zuerst dachte ich wirklich, es seien unterstützende pro-Demonstrationen … ich dachte, gerade in Sachen Liebe sei man hier frei … eh non, pas du tout!
      bises in die Schweiz
      C*

      • Karin sagt:

        Nachdem ich Deinen Nachtrag und den Beitrag der Autorin gelesen habe, habe ich noch mehr Lust den Film zu sehen und vielleicht sogar das Buch zu lesen. Ich finde es aber schon etwas gewagt, dass Kekichian für die intimen Szenen keinen Rat bei „Fachleuten“ eingeholt hat — ist ja schon so wie wenn ein Blinder von Farbe spricht!

        • dreher sagt:

          Jaaa…. ich dachte auch, ein Mann, der einen „Frauenfilm“ dreht … kann das gut gehen?! aber ich wollts jetzt auch nicht so monologisierend auswalzen, kann ja noch keiner richtig mitreden … ich werd‘ den BD sicher auch lesen –

    • Wolfram sagt:

      Revolution ist ja nur kaputtmachen, wörtlich abschaffen, nicht aber aufbauen…
      Die Franzosen sind vor allem im Grunde ihres Herzens totalitär: was „ich“ für richtig halte, haben alle anderen auch zu tun und für richtig zu halten. Eine Kultur der Vielfalt gibt es nicht; wer anders ist und denkt, wird bestenfalls geduldet.

      Wobei die Art und Weise, wie die neue Regierung dieses Projekt durchgepeitscht hat, ohne jede Diskussion mit den verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen im Land, einerseits genau unterstreicht, was ich oben schrieb, andererseits auch nicht unerheblich dazu beigetragen hat, daß es so läuft jetzt, wie es läuft. Weil sämtliche Bedenken, so ruhig und fundiert sie vorgetragen sein mochten, immer gleich als „homophobe“ abgewatscht wurden, und die Argumentation der Befürworter des Gesetzes sich weithin auf „lieber zwei gute Mütter als ein schlechtes Vater-Mutter-Paar“ beschränkten, was dem denkenden Menschen die Frage aufdrängt, ob da eigentlich keine anderen Argumente existieren.

      Für mich am fragwürdigsten in dem allem ist aber, daß immer wieder gefordert wurde, homosexuelle Paare müßten auch ein „Recht auf ein Kind“ haben.
      Wie, in wessen Namen auch immer, kann man denn ein Recht auf einen Menschen haben?!?

      Salutations de Saintonge.

      • dreher sagt:

        Ich wünschte mir, dass Hollande und seine Regierung mit der gleichen Entschlossenheit auch anderes angingen …

  2. Marion sagt:

    Salut und vielen Dank für die neuen Einblicke ins und ums Festival herum. Von Kechiche kenne ich bisher „L’Esquive“ und „Couscous mit Fisch“. Ich mag diese Art des sozialkritischen maghrebinisch-französischen Kinos (unvergessen auch „Tee im Harem des Archimedes“). Mal schaun, ob ich mir den Film hier anschaue. Wenn ich an Homo-Drama denke, dann denke ich automatisch an „Brokeback Mountain“, den fand ich umwerfend und sehr sensibel. Ich glaube, da gab es auch eine Sexszene, nun gut, die war nicht sehr explizit oder lang, muss ich persönlich auch nicht haben, und trotzdem oder gerade deswegen hat der Film sehr überzeugt.
    Liebe Grüße
    Marion