Cannes zu Zeiten des Festivals

Regen. Jedes Jahr zum Filmfestival regnet es. Deswegen haben sie dieses Jahr auch ein riesiges transparentes Tonnendach vor die Stufen gebaut. Damit die kunstvoll zurechtfrisierten Abendfrisuren von Audrey, Cate, Marion oder Nicole nicht zu schlaffen verwässerten Wellen einsinken. Dieses Jahr hat es bislang an dem einen oder anderen Tag geradezu sintflutartig geregnet. Vermutlich hätte man an so einem Tag prima Karten erschnorren können, …

… um im Palais einen Film zu sehen, der im offiziellen Wettbewerb läuft – denn unter solchen Wassermassen draußen anzustehen, macht dann doch kaum jemand, selbst mit einem Schirm nicht, den man vielleicht den afrikanischen Straßenhändlern abgekauft hat. Die haben immerhin gute Geschäfte mit dem Regen gemacht. Da man aber immer gern will, dass gerade die großen Film vor vollem Haus laufen, lässt man dann gern auch cinephiles Badge-freies, das heißt im Festival-Jargon, nicht akkreditiertes Fußvolk ein, das irgendwie eine Karte ergattern konnten. Hätte … wie gesagt, denn so wahnsinnig, dass ich mich bei diesem Wetter irgendwo draußen aufhalten will, bin ich auch nicht an Filmen interessiert. Den einzigen Film, den ich wirklich gern sehen würde, und für den ich so ein Wasser-Inferno vielleicht über mich ergehen lassen würde, ist der neue Film von Jim Jarmusch, der läuft aber ganz am Ende des Festivals und zu Zeiten, die für mich persönlich eher ungünstig liegen. Jim Jarmusch in Cannes – können Sie sich das vorstellen? Er wurde zusätzlich noch schnell in die Auswahl genommen, warum auch immer. Aber letzten Endes kann man alle diese Filme, die im Wettbewerb laufen, ja später auch regulär im Kino sehen, und ich tummele mich ja nicht auf den diversen Veranstaltungen, wo es wichtig ist, dass man diese Filme ein bisschen früher als der Rest der Welt gesehen hat  …

Das Besondere am Film-Festival seien auch nicht die „großen“ Filme, die man irgendwann sowieso im Kino sehen kann, wurde mir von echten Cinephilen streng erklärt, sondern all die anderen, die auch laufen und die man vermutlich nur hier einmal sehen kann und dann nie wieder, weil sie es nie in den europäischen kommerziellen Verleih schaffen werden. Für alle diese „kleineren“ und „kleinen“ Filme werden sämtliche Kinosäle der Stadt bis hin zu Sälen in abgeschabten Jugendzentren in düsteren Vororten rekrutiert. Bislang habe ich alle dies Veranstaltungen links liegen lassen: das System der Kartenvergabe hat sich mir nie wirklich erschließen wollen, das stundenlange Anstehen ohne Gewissheit, dass man trotz Karten überhaupt reinkommt (Badgeträger, das heißt professionnelle und dafür zahlende Gäste, haben dennoch Vorrang) und das alles etwa für einen unbekannten indonesischen Film in einem Vorort von Cannes … na Danke!

Gestern bekamen wir aber zwei dieser Einladungskarten ohne Anstehen in die Hand gedrückt (wie gesagt, es regnet zu oft) und versuchten daher unser Glück in einem der Säle. Pustekuchen. Die Schlange wickelte sich bei untergehender Sonne bereits einmal ums Gebäude, ohne Badge wurden wir gleich raus gewinkt. Vergessen Sie’s. So kam es also, dass wir uns gestern spät abends in einem düsteren Vorort, wo dunkle Gestalten auf Campingstühlen auf schlaglöcherigen Parkplätzen Bier trinken, vor einem kleinen Saal wieder fanden, ohne zu wissen, was dort laufen würde. Hier stand niemand Schlange, wen wunderts, und wir kamen sofort rein … und siehe: es war ein neuseeländischer Film! Kein Wunder, dass Filme vom anderen Ende der Welt am anderen Ende von Cannes laufen … Wir sahen „Shopping“ von zwei jungen Filmemachern. Ich bin ja nur kritisch, wenn ich den Film nicht verstehe oder mich langweile, ansonsten bin ich so eingesogen von den Bildern, als habe Bert Brecht noch nie  Distanz gepredigt. Die kritische Meinung stammt also von meiner Begleitung, ich selbst habe nur distanzlos mitgefiebert. Eine Coming-of-Age-Geschichte voller Gewalt, die im Ansatz gut ausgeht. Ein Jugendlicher, der versucht, seinem prügelnden und saufenden Vater zu entkommen und dabei eine Zeitlang auf die schiefe Bahn gerät und mit einem gewaltbereiten Grüppchen Einbrüche begeht, shopping auf andere Art eben … bis es gilt, seinen kleinen Bruder vor der Gewalt des Vaters zu beschützen. Uff! Ich war ziemlich fertig danach. Der Film hat also (zumindest bei so naiven Zuschauern wie mir) funktioniert. Meine Begleitung hingegen urteilte sachlich-kühl, dass man so heute keine Filme mehr machen würde, pfhh, zu linear, zu direkt, alles ausgesprochen, nichts bleibt der Fantasie überlassen … ein Film im Stil der achtziger Jahre … damit Sie das auch wissen. Die Frage stellt sich, ob ich auch hätte weiterleben können, ohne diesen Film gesehen zu haben. Aus cinephiler Sicht vermutlich nicht. Das war also mein Einstieg in die Festival-Nebenschauplätze von Cannes. Beim Rausgehen konnte man nach kurzem Anstehen erneut eine dieser Karten ergattern, um zum Beispiel am gleichen Ort heute spät abends einen australischen Film zu sehen oder auch morgen früh um Neun … Dafür muss man natürlich Zeit haben. Sehen wir mal.

Alles andere wissen Sie vermutlich ja schon – ich bin nicht wirklich informiert über das Filmgeschehen, kann aber gern Klatsch besteuern. Diamantschmuck im Wert von einer Million Euro wurde aus einem Hotelzimmer gestohlen, man hielt sich nicht damit auf, den Safe aufzuschweißen, sondern hat einfach den gesamten Safe geklaut. Auf der Croisette schoss ein nicht wirklich verwirrter Mann ein bisschen in der Luft herum, weil er fand, man solle von Gott reden, statt von Film-Götzen – er hat vielleicht nicht Unrecht, nur die Mittel, die er gewählt hatte, sind vielleicht etwas fragwürdig – aber immerhin sprach man von ihm und indirekt von Gott. Das Luxushotel Carlton, das als Spekulationsobjekt in den letzten drei Jahren schon dreimal verkauft wurde und gegenwärtig einem reichen Herrn aus Quatar gehört, soll wieder verkauft werden, man langweilt sich ja so schnell mit diesem Spielzeug und dann bringt es so wenig Geld ein, da stoßen wir es doch besser wieder ab, und vielleicht kaufen wir stattdessen eine Fußballmannschaft ?! Das liegt jetzt im Trend … Nun, die Angestellten des Carlton haben daher am Eröffnungstag des Festivals, wie unschön, für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstriert. Im edlen, russischen Viertel von Cannes, in dem früher wohlhabender russische Adlige residierten, und heute wieder neureiche russische Geschäftsleute, kam es in einer dieser splendiden neoklassizistischen Villen zu lauten Auseinandersetzungen, gellende Schreie einer Frau wurden gehört, die später gewaltvoll in ein Auto gezwungen wurde, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. War was? Die Anwohner sagen ja, die russischen Bewohner der Villa jedoch haben nichts gehört und nichts gesehen. In der Villa des saudi-arabischen Königs Fahd wurde hingegen ein echter Toter entdeckt. Wenn es nicht so tragisch wäre, wäre die Überschrift von Nice Matin vielleicht lustig. Ein mit Kugeln durchsiebter Mann ist nun mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit doch gewaltsam getötet worden. Was hätte es sonst sein sollen? Selbstmord? Genauso tot ist ein russischer Oligarch, der auf dem Cap d’Antibes eine der kleinen Villen im Wert von 500 Millionen Euro besaß. Haben Sie Möbius gesehen?, um mal wieder die Kurve zum zum Film zu kriegen. Ah, gerade überprüft, ist in Deutschland noch nicht angelaufen. Ist auch nicht sooo doll, aber ein Film mit Jean Dujardin, der einen russischen Agenten gibt, der sich dummerweise in eine Gegenspionin verliebt, die dummerweise zu diesem Zwecke auch die Begleitung eines russischen Geschäftsmannes wird … nun, man könnte sagen das Vorbild dieses Geschäftsmanns in diesem düsteren Agenten-Mafia-Milieu ist unser besagter Toter. Ich war ziemlich schockiert, über sein Leben und vor allem seinen Tod zu lesen, nachdem ich gerade den Film gesehen hatte. Ich dachte natürlich, der Film sei reine Fiktion gewesen. Nicht so ganz anscheinend. Herzversagen übrigens die offizielle russische Lesart. Sicher doch. Ich sags Ihnen, es ist eine Freude hier zu leben. Und Kino brauchen wir eigentlich gar nicht.

Wir können uns natürlich auch andere Sachen ansehen, die Jachten zum Beispiel, die alle vor Cannes liegen, wirklich schön anzusehen. Bei dem schlechten Wetter mit kräftigen Sturmböen, die die Schifflein heftig durchschaukeln, sind die Menschen darauf bestimmt ordentlich seekrank. Vor allem müssen sie ja von dort mit einem kleinen Beiboot übers Meer gefahren kommen, um am Festival teilnehmen zu können. Das ist zur Zeit bestimmt kein Vergnügen, und man überlegt es sich zweimal, ob man sich zum Empfang abends Champagner und Kaviar reinzieht. Ob Sonne oder Regen, es stürmt nämlich. Die einzigen, die das wirklich toll finden, sind die Surfer oder Kiter, die sich am Palm Beach ein sportliches Stelldichein geben und da teilweise meterhoch fliegen, wirklich beeindruckend.

Anonsten stehen wir im Stau. Cannes ist ein Baustellen-Eldorado, und die Croisette ist nur für VIPs in schwarzen Limousinen reserviert, alle anderen quetschen sich durch enge Straßen und man braucht gelegentlich eine Dreiviertelstunde für eine Strecke, die eigentlich in fünf Minuten zu fahren ist. Und glauben Sie nicht, dass man auch nur irgendwo noch einen freien Parkplatz fände. Es sei denn auf diesem dunkel unbeleuchteten Schlaglochparkplatz im düsteren Vorort, ein Grund mehr, noch einmal dorthin zu fahren und ohne Anstehen einen Film zu sehen.

Bleiben Sie dran, Fotos folgen! :)

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2 Antworten auf Cannes zu Zeiten des Festivals

  1. Marion sagt:

    Hi Cannes, dies habe ich auch alles so erlebt incl. Regen.
    Ebenso die Toten und die Scheichs diese Stories haben wir auch hier in Marbella schon oft gelesen. Die arabische Welt wollte sogar einen neuen grossen Anlegeplatz für die grossen Schiffe bauen mit der Stadtverwaltung alles arrangiert und zum Schluss will einer die vielen Millionen nicht dafür zahlen also wird nicht angefangen oder es bleibt in der Luft schweben. Wie liebe ich mein kleines Örtchen nicht weit von dieser Metropole in Ruhe auf meinem Hügel zu leben mit meinen 6 Katzen.

    Grüsse
    Marion