Herbst im Hinterland

K800_DSCN4237K800_DSCN4212K800_DSCN4201K800_DSCN4232

Trotz all dem südlichen Blau, trotz Strand, Meer, Himmel und Palmen an der Côte d’Azur, meine große Liebe gehört ja dem Hinterland. Nur eine halbe Stunde nördlich von Nizza und Cannes gibt es ein Tal, la Vallée de l’Esteron, das zwar nicht unentdeckt ist, aber sich der Touristenströme bislang noch erwehren kann, denn entweder will man hier ja ans Meer, nur ans Meer oder eben in die Berge, aber dann richtig hoch. Dazwischen, ins Moyen Pays, so auf 800-1000 Höhenmetern, verirren sich nur die Wenigsten. Wir haben dorthin gestern einen Ausflug gemacht, bei bestem Herbstwetter gondelten wir von Dörfchen zu Dörfchen, und es war wundervoll.

K800_DSCN4200K800_DSCN4223K800_DSCN4239K800_DSCN4224

Also, wenn man das mag, diese verschlafene Atmosphäre in Dörfern, wo Katzen dösend auf der Straße liegen und die Alten auf Bänken sitzen und einen neugierig anschauen, wenn man vorbeiläuft. Sagen Sie nur immer schön „Bonjour“, das wissen Sie ja, dann lächelt man Ihnen zu und gibt Ihnen auch einen Tipp, wo Sie gut Mittagessen können oder wo Sie den Schlüssel für die Kirche bekommen können, um sich irgendwelche Fresken oder Altarbilder anzusehen.

Das Flüsschen Esteron, nach dem das Tal benannt ist, schlängelt sich munter und türkisblau über weiße Steine, um sich dann in den grauen Var zu werfen, der bis zum Meer fließt. Man kann baden im Esteron und es gibt einige Orte, wo man auch durch die Schluchten des Esteron klettern kann, Canyoning nennt man das wohl. Ich habe atemberaubende Fotos davon gesehen.

K800_DSCN4203K800_DSCN4207K800_DSCN0889K800_DSCN4218

Wir sind die D17 von Gilette über Pierrefeu und Roquesteron nach Sigale gefahren. Es gibt insgesamt nur wenige Dörfer, hingegen viel unberührte Landschaft, hügelig und bewaldet, im weitesten Sinn noch lieblich. Und Olivenbäumen wachsen hier auch noch. Nach Sigale kommt dann über lange Strecken nichts mehr, kein Dorf zumindest. Je weiter man auf immer kleineren Straßen nach Westen fährt, desto rauer wird die Landschaft. Dann schlängelt sich die Straße noch durch graue lichtlose Schluchten, es geht abenteuerlich kurvig unter Felsüberhängen entlang und plötzlich spucken einen die Schluchten aus in eine weite Ebene, die von Bergen umrahmt wird. Schafherden grasen hier, und von Weitem hört man das Gebimmel ihrer Glocken. Es sieht so aus, als ginge es von hier nicht weiter. So sehr ich Einsamkeit und Abgeschiedenheit liebe, so wenig spricht mich dieser Ort an, und auf mich macht das Dorf, das dort den Berg hinaufgebaut wurde, einen abweisenden Eindruck: Saint Auban.

K800_DSCN4198K800_DSCN4197K800_DSCN4226K800_DSCN4242

Wir laufen durch die parallel verlaufenden Straßen und begegnen niemandem. Alles scheint geschlossen, es gibt keine Läden, das Restaurant steht zum Verkauf. Aber erstaunlicherweise ist die Kirche offen und wir entdecken dort mit den allerletzten Sonnenstrahlen einen großartigen modernen Kreuzweg. Die Sonne ist weg, es wird kühl, wir kehren in einem kleinen einfachen Restaurant am Fuß der Dorfes ein. Und was für eine Überraschung: Es gehört Marie-Thé und Patrick, dem Paar, das kurze Zeit „meine“ Auberge in Châteauneuf weitergeführt hat, und wir werden mit offenen Armen begrüßt. Saint Auban hat doch freundliche Seiten.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Responses to Herbst im Hinterland

  1. Lothar Wiesweg sagt:

    Dass du das immer wieder schaffst, solch eine Sehnsucht nach den von dir beschriebenen Landschaften spontan zu wecken! Könnte gleich losfahren … Sehr schöne Beschreibung – du hättest Reisejounalistin werden sollen! :-) Merci bien.

  2. Gerd Ziegler sagt:

    Da kann ich mich meinem Vorkommentator nur anschließen.

    In meinem nächsten Leben lasse ich mich klonen. Dann kann ich/dann können wir (alle geklonten Gerds) gleichzeitig im Norden wie im Süden sein, um all die schönen Orte aufzusuchen.
    Na – vielleicht erfinde ich lieber schnell das Beamen. Dann kann ich beispielsweise vormittags an einem norwegischen Fjord angeln gehen und nachmittags in Südfrankreich das Hinterland entdecken.

    Lieber nicht, denn dann wird sicherlich das Fernweh schwinden und keiner würde mehr Reiseberichte oder schöne Blogs lesen. Das wär schade…

    Vielen Dank für den virtuellen Spaziergang

    • dreher sagt:

      och Mensch, dankeschön Gerd! :) Du hast ja auch zwei Fernweh-Seelen, die unterschiedlicher nicht sein können … ich lebe meine Sehnsucht nach Weite, Ruhe und Stille jetzt in den Bergen aus … obwohl das Fernweh generell sehr abgenommen hat, seit ich im Ausland lebe …

  3. Marion sagt:

    Träum…. Was ist inzwischen aus der Auberge geworden?

    • dreher sagt:

      ach, die Auberge … da müsste ich fast mal einen eigenen Eintrag machen … zur Zeit ist Christine noch dort –> http://aufildesmots.biz/2013/10/kleines-dorf-ganz-gros/

      • Marion sagt:

        Ach ja, richtig, na das ist ja wenigstens eine gewisse Kontinuität mit Christine. Ein eigener Eintrag über die Entwicklung Auberge wäre tatsächlich spannend!
        Was anderes: Sonntagabend gab es einen tollen Film auf Arte über Picasso und seinen Nachlass. Es wurde auch „La Californie“ in Cannes gezeigt. Kann man das Haus eigentlich besichtigen?
        LG, Marion

        • dreher sagt:

          das habe ich Monsieur auch gefragt als ich den Film gesehen habe ;) der schüttelte nur den Kopf – ich wusste bis dahin nicht mal, dass Picasso hier gelebt hat – habe mal recherchiert http://www.spiegel.de/reise/europa/wohnhaeuser-des-kuenstlers-in-frankreich-zu-besuch-bei-picasso-a-715921.html … wird vielleicht mal ein Spaziergang :)

          • Marion sagt:

            Danke, ja mach‘ doch mal einen Spaziergang draus…

          • Karin sagt:

            Es gibt aber in Antibes ein Picasso-Museum, klein aber fein, mir hat’s jedenfalls sehr gefallen. Wusste bis dahin auch nicht, dass Picasso in der Gegend gewirkt hatte.
            Danke für die schönen Bilder!!!
            Liebe Grüsse aus Genf
            Karin

          • dreher sagt:

            Ja, ich mag das Museum in Antibes auch; Picasso grundsätzlich im Süden wusste ich schon; er war in Vallauris usw., er hat dort Keramiken gemacht, und es gibt auch eine ausgemalte Kapelle, aber ich wusste nicht, dass er in Cannes gelebt hatte. Letztes Jahr gab es hier zwar eine (wenig eindrucksvolle) Picasso-unbekannte-Zeichungen-Ausstellung, aber ich dachte, Cannes will halt auch mal Picasso ausstellen ;-) Es gab das übliche Cannes-wichtig-Gerede, vielleicht wurde seine Cannes-Vergangenheit dabei erwähnt, ich habe vielleicht nicht aufmerksam genug zugehört …

  4. Elli sagt:

    Genau das ist es Christiane, ich liebe die kleinen Orte und die Landschaft der Provence, sei es im Var, auf dem Plateau de Vaucluse, im Luberon, Plateau d’Albion, u.s.w., obwohl nur im Urlaub kommt mir dieses Land wie meine 2. Heimat vor.
    Gruß Elli