Wer den Wind sät …

Schon vorgestern fühlte ich mich alleingelassen in meiner überwiegend aus deutschen Medien bestehenden Internetwelt, aus Deutschland kamen schon so viele abgeklärte Texte, dass ich mich mit meinem emotionalen Text ein bischen dämlich fühlte und mich darüber ärgerte, weil er sich so klischeemäßig liest. Ich war auch verärgert, schon wieder so viel Zänkereien, Gehässigkeiten und Gemecker in den Kommentaren von deutscher Seite zu lesen, auch so viele krude Verschwörungstheorien, und schon wieder so viele Alltagsbanalitäten. Ich fühle mich nicht zu Hause in den deutschen Beiträgen. Wie sollte ich auch? Die Situation in Frankreich und Deutschland sind nicht gleichzusetzen. Und Sie haben andere Sorgen in Deutschland, das merke ich gerade sehr deutlich. Obwohl alles zusammengehört.

Gestern morgen aber postete ein (deutscher) Freund ein kleines Video: Placido Domingo dirigierte an der Metropolitan Opera in New York die Marseillaise und Chor und Publikum sangen mit, und ich hatte Tränen in den Augen. Danach sah und hörte ich die französischen Politiker, die im Parlament ebenfalls die Marseillaise sangen, und jetzt weinte ich haltlos. Ich spüre in diesen Momenten, dass ich nicht mehr von außen auf Frankreich schaue, sondern mittendrin bin. Ich bin betroffen, wie schon beim Anschlag auf Charlie Hebdo.

Der Radiosender war gestern morgen verstellt und kratzig, ich drehte zufällig BFM Business rein, was ich aber erst merkte, als ich wieder auf der Leiter stand, um die Innenseiten unseres Kleiderschranks zum dritten Mal zu streichen. Ich hörte auf der Leiter notgedrungen zu und war anfangs wirklich angewidert zu hören, dass man sich hier nur um Geld, um die internationalen Märkte und die Börsenkurse sorgte. Aber dann sprach ein kritischer Journalist über die Wirtschaftslage und die Geopolitik Frankreichs und er erklärte die Welt so treffend, dass ich vor lauter zuhören fast zu streichen vergaß. Seine Ausführungen und sein Fazit „Wir ernten gerade, was wir gesät haben“, passen zu einem älteren, aber gerade wieder durch FB kursierenden und hochaktuellen Filmausschnitt der Sendung ttt, in dem der Nahostexperte Michael Lüders sein Buch „Wer den Wind sät …“ vorstellt. Ich habe das Buch nicht gelesen, nur den Filmausschnitt gesehen: In sieben Minuten erklärt Lüders, warum wir heute da sind, wo wir sind. Ich erinnere mich, dass der in der Zwischenzeit verstorbene SPD-Politiker Egon Bahr einmal zu Schülern, vor denen er sprach, sagte: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ (RNZ, 4.12.2013). Voilà, so ist es, und was wir dringend bräuchten, sind weitsichtige und wirtschaftlich und geopolitisch intelligent agierende Politiker, die sich nicht selbst bereichern möchten und nicht korrumpierbar sind, noch bei allen Entscheidungen ausschließlich an ihre Wahl oder ihre Wiederwahl denken. Aber vermutlich wird es einen kompletten Kurswechsel, wirksame Reformen und einen Neuanfang in jeder Hinsicht erst nach einem nächsten großen Krieg geben, vor dem wir, nach Egon Bahr, übrigens stehen.

Ich sorge mich um Frankreich. Gleich sind Regionalwahlen und ich fürchte, le Front National wird von diesen Attentaten profitieren. Seit gestern geistert die Botschaft durchs Web, dass Muslime sich nicht von den Attentaten distanzieren müssten, weil sie selbstverständlich NICHT damit einverstanden seien. Das gilt vielleicht für Deutschland, nicht aber für Frankreich. Wir hier in Frankreich würden uns über ein öffentliches Bekenntnis vieler Muslime freuen. Aber ich fürchte, es wird nicht kommen. Das Verhältnis Frankreichs zu seiner arabischstämmigen, muslimischen Bevölkerung ist ungleich angespannter als das, was man vielleicht aus Deutschland kennt. Muslime, die in einer Menschenkette eine Synagoge schützen, so etwas hat es hier in Frankreich nirgends gegeben. Es hätte uns gut getan, Muslime in großer Anzahl bei dem Schweigemarsch für Charlie Hebdo zu sehen, und ein solidarisches Zeichen würde auch dieses Mal gut tun (vielleicht ist es leichter, weil es nicht in erster Linie um die kontroversen Karikaturen geht) und vor allem den Front National entkräften, der gerne dieses Amalgam zwischen Muslimen, Islam und den islamistischen Terroristen macht und immer mehr Anhänger bekommt.

Es ist schwierig. Frankreich ist in diesen Krieg gegen den IS eingetreten, und erst auf einer Grafik wurde für mich klar, wer alles darin verwickelt und vor allem, wer mit wem und gegen wen ist. Eine Unübersichtlichkeit wie im Ersten Weltkrieg. Deutschland ist nicht (aktiv) in diese Kriegshandlungen verwickelt (wer an wen Waffen verkauft, lasse ich hier mal außer acht), sondern nimmt in großem Maß Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet und aus anderen Krisenregionen auf. Die Menschen flüchten zum großen Teil vor einem Terror, wie wir ihn gerade in Paris erlebt haben. Vielleicht ist ein Mensch mit terroristischen Absichten unter den ankommenden Flüchtlingen, aber deswegen sollten Sie nicht allen grundsätzlich misstrauen und sie ächten. Der Empfang, den sie den Menschen zukommen lassen, wird darüber entscheiden, ob die Geschichte langfristig gut ausgehen wird oder nicht. Das Problem, das Frankreich heute mit der nord- und schwarzafrikanischen Bevölkerung hat, liegt vor allem daran, dass man die Menschen gar nicht erst in der Gesellschaft haben wollte und sie in Vorstädte, in die Banlieues abschob und dort weitgehend vergaß. Aus den Augen, aus dem Sinn. Man hoffte, sie würden dort still und leise leben. Was vielleicht für die Elterngeneration noch galt, gilt nicht mehr für die junge Generation, die rebellisch und gewaltbereit ist, und ohne berufliche Perspektive für jegliche Kriminalität anfällig. Die Fronten sind verhärtet. Seit Jahrzehnten werden die Menschen ausgegrenzt, das schürt Hass und hier zeigt sich kaum jemand solidarisch mit dem Schmerz um die Toten aus dem charmanten BoBo-Paris, zu dem sie keinen Zugang haben und das sie nicht will. Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo wollte man so vieles ändern, auch in den Banlieues, und nichts ist passiert. Mit Waffengewalt allein ist nichts getan.

Machen Sie nicht den gleichen Fehler wie die Franzosen. Schieben Sie die Menschen nicht in graue Vorstädte oder Lager ab. Gehen Sie auf sie zu, öffnen Sie die Türen, kümmern Sie sich um die Kinder, die ankommen. Es sind Kinder, keine Terroristen. Aber was die Kinder jetzt erleben, wie Sie mit ihnen umgehen, wird sie prägen. Ich sah ein Foto von Kindern, die selbstgeschriebene Schilder vor sich trugen: „We are peasful“. Es lässt mich heulen. So weit sind wir schon. Ich bin immer dagegen, dass man Kinder instrumentalisiert. Natürlich sind Kinder „peasful“. Wie antwortete der kleine Junge neulich auf die Frage, ob Ausländer in seinem Kindergarten seien: „nein, da sind nur Kinder“. Na bitte.

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14 Antworten auf Wer den Wind sät …

  1. Danke Christiane. Du sprichst mir aus der Seele.

  2. Eva sagt:

    Merci,
    Du sprichst mir aus der Seele.
    Ich habe mich weitgehend aus der Internet-Information ausgeschlossen, das ertrage ich in solchen Momenten einfach nicht mehr. Mir reicht, was ich im Radio (DRadio Kultur oder Deutschlandfunk) höre, das finde ich auch sehr differenziert, wie dort berichtet wird. Und noch Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, keine Talkshows (nie, das tut mir nicht gut) und halt Tagespresse (und da auch nur das, was ich ertragen kann). Rumsurfen in den sozialen Netzwerken macht einen ganz kirre (und hilft auch niemandem weiter).
    Ja, ich weiß, ich kommentiere jetzt hier auch mit meiner Meinung, aber das echte Leben findet halt draußen statt und wir sollten manchmal auch in „Echt“ miteinander Reden, Leben, Lachen, Lieben. Das tun, was man uns durch Furcht nehmen will.
    In diesem Sinne, lasst und miteinander leben und schauen, was da für Menschen kommen und gekommen sind,
    Eva

  3. Sara sagt:

    Danke! So und nicht anders klingen die passenden Worte!

  4. Micha sagt:

    Zu ganz vielen Gedanken: Ja, ich sehe, was du meinst!

  5. Beate Zinke sagt:

    Liebe Christiane,

    Trauer und Entsetzen! Ja.

    Eine friedliche Welt hat es noch nie gegeben, auch ein Neuanfang nach einem Krieg ist wohl leider eine Illusion. Wir wissen nicht, wohin mit unseren Gefühlen. So bleibt eigentlich nur das Herz und der Verstand jedes Einzelnen. Und davon gibt es viele.

    Ich bin beglückt über die Aktion „porte ouverte“, die im paralysierten Paris so spontan entstand. Oder über den einzelnen Pianisten, der auf dem Flügel auf der Straße John Lennons „Imagine“ spielte. Solche kleinen Gesten können Terrorismus nicht besiegen. Aber sie zeigen so viel Menschlichkeit.
    J`aime les Francais!

  6. Ingrid sagt:

    Danke für diesen überaus erhellenden und zu Herzen gehenden Beitrag. Besonders der letzte Abschnitt ist so wahr und so wichtig. Den Links bin ich gefolgt und sehr angetan von der Grafik in ‚Le Monde‘, die mir endlich einmal Klarheit verschafft hat über die beteiligen Parteien.
    Ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich das und den YouTube-Beitrag verlinke, natürlich mit Bezug auf dieses Blog.
    Herzliche Grüße aus Köln,
    Ingrid

  7. dreher sagt:

    Vielen Dank Ihnen/Euch allen!

    @Ingrid: natürlich dürfen Sie verlinken, freue mich, wenn die links hilfreich sind! (schöne Fotos auf Ihrem Blog!)
    @Beate: ja, #portesouvertes war wundervoll – schön, wenn twitter auch so etwas bewirken kann; der Pianist, Davide Martello, der vor dem Bataclan spielte, ist übrigens Deutsch-Italiener aus Konstanz, kein Franzose :)
    @Eva: ja, ich muss manchmal auch alles runterfahren (mich auch) und ausschalten, FB ist oft unerträglich und BFMTV (Live!!!!SensationsTV!!!!!) auch. Rausgehen und auf andere zugehen ist gut.

  8. Marion sagt:

    Schon muss ich wieder an sehr eindrückliche Filme zum Thema Jugendliche in den Banlieues denken, „Le thé au harem d’Archi Ahmed“ und „L’esquive“, die die Tristesse so meisterhaft darstellen. Und apropos „Wer den Wind säht…“, das fiel mir gleich MC Solaar ein und sein Song „Qui sème le vent récolte le tempo“, der HipHopper, der es durch sein Talent raus aus der Vorstadt geschafft hat. Aber wieviele schaffen es schon? Und dann denkt man z.B. an Sarkozy und seine unsägliche Provokation damals, „die Vorstädte mit dem Kärcher zu reinigen“ (als er noch Innenminister war) und man bekommt ein Verständnis für die Wut der Ausgegrenzten (wenn auch natürlich nicht für die Radikalisierung und derartige Gräueltaten). Frankreich, ein Pulverfass?

  9. Marion sagt:

    Vielen Dank. Sorgfältige, emotionale, gute Worte…

  10. Pingback: Wer den Wind sät … | Au fil des mots | Vetchblog

  11. Croco sagt:

    Ja, von Deutschland aus sieht es anders aus.
    Doch kenn ich diese Viertel um Paris, in denen man der einzige mit heller Haut ist.
    So wie Sie es beschreiben, habe ich es auch wahrgenommen.
    Ich hatte eine Freundin besucht in Paris, eine Deutsche, eine Studentin an der Sorbonne, mit dunkler Haut. Sie hat mir erzählt, dass man sie nicht sieht dort, durch sie durch schaut. Sie hat mir dann die Viertel gezeigt, in denen man lebt, wenn die Haut nicht der Norm entspricht.
    Ich muss trotzdem weinen, wenn ich die Marseillaise höre.

  12. Marion sagt:

    Salut Christiane, habe mir das Buch „Wer den Wind sät…“ besorgt und angefangen zu lesen. Danke für den Tipp! Bin erschreckend uninformiert über die nicht-westliche Sicht. Übrigens, vielleicht hast Du es ja schon gesehen, auf lemonde.fr werden die Opfer der Anschläge mit einem Foto und einer kleinen Geschichte porträtiert. Natürlich ist das kein Trost für die Hinterbliebenen, aber doch zumindest eine kleine Würdigung und so bekommen sie wenigstens ein Gesicht auch für die Menschen, die sie nicht kannten. Liebe Grüße und einen bonne journée, Marion.

    • dreher sagt:

      Merci Marion, ja, das Buch liegt auch neben meinem Bett, aber bislang habe ich es noch nicht gelesen, mir reichen gerade all die anderen deprimierenden Nachrichten, die ich jeden Tag im Fernsehen sehe. Danke für den link zu Le Monde, es gibt mehrere Projekte dieser Art, diesen link kannte ich noch nicht.