zum 13. November

Habe ich bisher immer so launig verkündet, dass Freitag, der 13. in Frankreich grundsätzlich ein Glückstag ist, an dem Menschen verstärkt Lotto spielen, so ist das wohl für immer vorbei. Ein Freitag der 13. wird von nun an anders gesehen werden. Und der 13. November wird für immer der Tag der Attentate sein. So wie der 11. September in den USA.

Anders als beim Anschlag im Januar, habe ich die Anschlagserie gestern Nacht in Paris nicht von Anfang an mitverfolgt. Ich hing gestern Abend ausnahmsweise mal nicht vor dem Fernseher und das Radio war auch nicht an. Ich fand es erholsam. Und erst ziemlich spät heute morgen habe ich den PC angestellt und fand auf FB beunruhigende Nachrichten. „Mach‘ den Fernseher an, irgendetwas Schlimmes ist in Paris passiert!“, sagte ich nervös zu Monsieur. Und dann kamen all diese Bilder in unser Wohnzimmer. Und ich hatte diese Woche noch zynisch gesagt „wir hatten schon lange kein Attentat mehr“. Nur zwei vereitelte Attentate, eines im Sommer in einem Thalys und eines vor ein paar Tagen in Toulon, aber sowas zählt ja nicht. Einen Tag in den Schlagzeilen, schwupps weg aus dem Bewusstsein. Dabei sind wir im Krieg. Nous sommes en guerre. Das hatten manche der Zeichner beim Anschlag von Charlie Hebdo schon gesagt, aber so richtig wollte es damals keiner hören. Trotz der beeindruckenden Solidarität mit Charlie Hebdo, glaubten viele, eigentlich seien doch die Zeichner und Macher der Zeitung schuld gewesen, viel zu aggressiv und auch geschmacklos seien die Zeichnungen gewesen. Und ganz schnell wurden die Stimmen laut, die meinten, Pressefreiheit hin oder her, zukünftig müsste die Zeitung weniger bösartig sein und dürfe nicht mehr so provozieren. Und dass man bei den Anschlägen auch Juden angegriffen hatte, nun gut, das müsse man verstehen, bei der Politik die Israel betreibt. Es ging, so glaubten viele, nicht um uns, es war die Schuld der anderen, die sich nicht korrekt verhalten haben.

Joan Sfar, ein jüdischer Comic-Zeichner hatte nach den Anschlägen für mehrere Wochen ein öffentliches, gezeichnetes Tagebuch geführt und dort eine kleine Comicgeschichte Les juifs et le gaz veröffentlicht.

juif et gazEr meint, dass die Juden eine Art Seismograph, ein Gefahrenindikator seien. Sie seien immer die ersten, die es abkriegen. Er vergleicht die Juden mit dem Kanarienvogel, den die Minenarbeiter früher mit in den Schacht genommen haben. Wenn der Vogel nicht mehr lebte, war es Zeit für die Menschen, eiligst den Schacht zu verlassen. Wenn man anfängt in einem Land die Juden als Zielscheibe zu wählen, dauert es nicht mehr lang, bis der Rest des Landes auch leidet, sagt Sfar. Wie wahr. Es geht auch um uns. Es ging schon damals nicht nur um freche Zeichner oder Juden. Es ging um uns alle, um unser Leben, unsere Werte. Nous sommes en guerre. Ich muss wieder an den Film Timbuktu denken, den ich schon einmal bei den Attentaten im Januar erwähnt hatte. Die Orte der jetzigen Attentate entsprechen den dort gezeigten Szenen. Fußballspielen ist bei Todesstrafe verboten, Musizieren und Singen ebenso. Und Lieben, oder sich amüsieren. Letztlich ist das Leben verboten. Deswegen sollten wir genau das weiterhin tun. Ausgehen, Musik hören, Tanzen, Fussballspielen, uns Lieben, uns Amüsieren. Und bösartige Karikaturen veröffentlichen. Leben! Nach unseren Werten. Uns nicht einschüchtern lassen. Vor allem, uns nicht erpressen lassen.

Ich verlinke hier noch einen dazu passenden Text, der in der WELT erschienen ist und diese Karikatur von Vidberg. [Zum Verständnis: Johnny Hallyday ist ein französischer Rocksänger, der auch mit über 70 Jahren, faltig, sonnenstudiogebräunt und mit Permanentmakeup noch immer den wilden Helden gibt.]

et maintenantWir waren heute Mittag zum Essen bei Freunden eingeladen und ich hatte versprochen dafür einen Kuchen zu backen. Es schien mir heute morgen fast unmöglich, das zu tun. Aber letztlich bin ich froh, dass ich mit zitternden Händen meinen Apfelstrudel zubereitet habe, auch wenn er zu spät fertig wurde und selbst wenn wir viel zu spät aus dem Haus gegangen sind, weil ich immer wieder vor dem Fernseher stand. Wir haben einen angenehmen Nachmittag verbracht und wie in Frankreich üblich, stundenlang gegessen. Selbstverständlich haben wir über die Attentate gesprochen, aber auch über Dies und Das, und ich bin froh, dass ich heute auch etwas anderes gemacht habe, als verängstigt und erschüttert auf den Bildschirn zu starren oder im PC nach den neuesten Nachrichten zu suchen. Wir müssen leben!

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2 Kommentare zu zum 13. November

  1. Birgit sagt:

    Liebe Christiane, danke für deinen berührenden Text. Ja, du hast recht, wir müssen weiter nach unseren Werten leben und nicht dem Terror nachgeben. Aber wie soll es weitergehen in dieser Zeit wo sich die Ereignisse überschlagen und die Politiker keinen gemeinsamen Weg finden?
    LG aus Dresden von Birgit

  2. Karin sagt:

    Was die Terroristen mit Sicherheit erreichen: dass die Menschen zusammenrücken, die Länder zusammenstehen und die Menschlichkeit, von der man manchmal glaubt, dass es sie nicht mehr gibt, wieder sichtbar wird. Die Menschen werden auch Angst haben, sich ihre nächsten Schritte überlegen, aber sie werden sich nicht unterkriegen lassen, denn das hiesse aufzugeben, und was wäre die Alternative?

    Die Klasse meiner Tochter (11/12-jährige Kinder) haben sich über die sozialen Medien spontan dazu verabredet, heute ganz in Schwarz in die Schule zu gehen. Viele meiner Kollegen, ich eingeschlossen, sind ebenfalls schwarzgekleidet zur Arbeit erschienen. Wir fühlen mit unseren französischen Kollegen.

    Wir dürfen uns dem Terror nicht beugen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass diese Terroristen nicht den Islam repräsentieren.

    Karin aus Genf

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