Das ganze Aroma

caffetiereHeute morgen fand ich die kleine braune Tüte der extrem teuren italienischen Kaffeemischung aus der kleinen Kaffeerösterei am Markt: im Müll! Leer natürlich. „Monsieur!“ kreische ich, „was hast du mit meinem Kaffee gemacht?“ Monsieur versteht meine Aufregung nicht. „Ich habe Kaffee gekocht“, antwortet er lapidar. „Mit MEINEM Kaffee?“ Monsieur sieht mich befremdet an. „Hier standen so viele angebrochene Tüten und Dosen herum, ich verstehe das nicht, kannst du nicht mal einen Kaffee aufbrauchen, bevor du drei andere Sorten aufmachst?“ Er schüttelt genervt den Kopf. „Ich habe alle zusammen in die große Dose geschüttet und mit dem hier“, er zeigt auf die leere Tüte, „habe ich Kaffee gekocht, dafür ist er doch da, oder?“ Ich bin dem Herzinfarkt nahe.

Nie wollte ich so sein. NIE! Schon vor gut zehn Jahren, als ich Deutschland verlassen habe, war die Frage „wie wähle ich die richtige Espressomaschine?“ DAS Thema. Und insbesondere Männer schienen sich zum Heimbarista zu entwickeln und fachsimpelten über Vollautomaten oder Siebträgermaschinen, über Kaffeesorte und Mahlgrad und Crema. Ich fand das damals ziemlich snobistisch und trank meinen Kaffee noch mit der klassischen mittleren italienischen Schraubcaffetière, oder wie immer das kleine achteckige Aluminiumding heißt, und sehr gerne trank ich meine Latte macchiato (aus 100% Arabicabohnen) in angesagten Cafés in der Kölner Südstadt.

Zwischenzeitlich ist alles anders, ich sitze kaum noch in irgendwelchen Cafés herum, obwohl es hier genug gäbe, meist allerdings an lauten Straßen, und ich trinke schon gar keine Latte macchiato, denn grenznah zu Italien ist man hier so französisch stolz wie nirgends sonst und es gibt, wenn überhaupt, nur un grand crème, aber erstens habe ich mir so viel Milch im Kaffee abgewöhnt und zweitens ist französischer Kaffee, ganz gleich ob mit oder ohne Milch, meistens schlecht, und so bin ich eines Tages dem Charme George Clooneys erlegen und trinke zu Hause Kapselkaffee, mein einziger Luxus in der Luxusstadt, wie ich gerne beton(t)e. Selbst, wenn ich dieses ganze Prozedere drumherum immer ein bisschen albern fand. Wir haben ja hier, gleich gegenüber vom Palais des Festivals, einen Kapselkaffeeladen und es wird einem wirklich jedes Mal die Tür aufgerissen und der rote Teppich ausgerollt, allein dafür, dass man 100 Gramm Kaffee kauft. „Wie kann ich Ihnen helfen, Madame?“ wird einem reizend entgegengeflötet. Ich antworte da immer gern etwas schnodderig, dass ich Kaffee kaufen möchte, what else? Ich bin nicht so sicher, ob mein Schnoddern in der fremden Sprache wirklich als solches verstanden wird, anyway, schon stehe ich ganz schick mit all den andern in einer der vier Schlangen an, oder koste, en attendant, eine der neuen Kaffeeköstlichkeiten, gratis immerhin. DAS muss man sich mal vorstellen, dass man sich auch noch auserwählt fühlt, wenn man für sehr teuren Kaffee anstehen darf! Langsam aber setzen sich auch bei mir Ökobewusstsein sowie das Bewusstsein des Kostenirrsinns durch und ich bin, wie schon erwähnt, auf der Suche nach einer wohlschmeckenden Alternative. Die Betonung liegt auf wohlschmeckend, denn ich bin recht anspruchsvoll (geworden), lecker ist der Kapselkaffee schon.

Sie merken schon, wir haben es mit einem snobistischen Luxusproblem zu tun. Und das mitten in der Fastenzeit. Bevor Sie jetzt wütend „als gäbe es nichts Wichtigeres“ zischen, sage ich: Sie können jederzeit aufhören hier zu lesen, ich bin Ihnen da nicht böse, schauen Sie einfach ein andermal wieder rein. Alles klar? Gut. Manchmal muss man das sagen, es gibt so schnell so viel hochschäumendes Gemecker, muss nicht sein. Dankeschön!

Also, wir sind immer noch beim Kaffee. Vorerst habe ich meine drei unterschiedlich großen Schraubkaffeekännchen wieder hervorgeholt (Filterkaffee und die sogenannte French Press sind im ersten Durchgang bereits rausgeflogen, eine Kaffeepadsmaschine hatte ich auch schon: isses nich!) und suche einen wohlschmeckenden Kaffee. Auswahl gibt es genug. Ich kaufe für morgens dunkel gerösteten Espressokaffee aus Arabicabohnen und fair gehandelten milden Hochlandkaffee aus Guatemala für nachmittags, und neulich habe ich noch eine kleine Kaffeerösterei in Cannes entdeckt und nahm dort eine italienische Mischung für zwischendurch mit. Und eine andere italienische und zudem fair gehandelte Mischung fand ich im Bioladen. Ich habe fast so viele Sorten zur Auswahl wie mit dem Kapselkaffee, nur nehmen die vielen Tüten und Dosen bedeutend mehr Platz ein. (Bemerkenswert ist übrigens, dass ich mir, ohne mit der Wimper zu zucken, den teuersten fair gehandelten Kaffee kaufen kann, und er ist immer noch billiger als zwei Stangen des Kapselkaffees.) Ich trinke gerade sehr viel Kaffee und merke, dass es tatsächlich einen Unterschied zwischen Kaffeesorten und Mahlgrad gibt und denke, dass der Verkäufer in der kleinen Kaffeerösterei in Cannes schonmal keine Ahnung hat, und entwickle mich zu einem dieser pedantisch über Crema diskutierenden Affen. Herrjeh. Nie wollte ich so sein.

Kaffee on my mind. Anscheinend gibt es eine wieder auffüllbare Edelstahlkapsel, die mit den Kapsel-Kaffeemaschinen kompatibel ist; wenn man den Kommentaren glauben schenken kann, braucht man aber einen perfekt gemahlenen Kaffee dazu und mit der (teuren, aber angeblich ein Leben lang haltbaren) Kapsel geht der Kauf einer nicht ganz billigen Kaffeemühle einher. Seither informiere ich mich über Kegel- und Scheibenmahlwerke und lese Testberichte und ganze Webseiten, die sich dem edlen Hobby des Heimbaristas widmen. Nun, falls Sie Nespresso-Aussteiger sein und Erfahrung mit dieser Edelstahlkapsel haben sollten, lassen Sie mich wissen, wie es so läuft? In der Zwischenzeit wird hier wieder Schraubcaffetièrenkaffee getrunken, und wir denken allenfalls über die Designvariante von Alessi nach.

Gerade nochmal diese hübsche Kaffeewerbung angesehen. Ziemlich krass, oder?

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20 Responses to Das ganze Aroma

  1. Eva sagt:

    Ach, Christjann,
    Sie klingen ja wie ein Hipster. Gibt es die in Frankreich auch (und wenn ja, wie heißen die da? Ipstèr?? ;-) )
    Und ja, guter Kaffee ist schon wichtig. Mir zumindest!
    Aber ich hatte bisher noch immer die Kraft, George zu wiederstehen. Außer bei Martini. Und der wird in Glasflaschen gereicht, das ist ja öko genug, auch für mich!
    Herzliche, gänzlich unaufgeregte, amüsierte Grüße aus dem Süden von D,
    Eva

    • dreher sagt:

      Ah echt? Wie ein ‚ipstär? Vielleicht sollte ich die Überschrift wechseln. Hipster gibt’s schon, aber für mich bislang nur in der Form: bärtige Männer mit Karohemden und schwarzer Brille, davon gibts welche in der Modeabteilung der Galerie Lafayette. Und George macht auch Werbung für Martini? Naja, ich trinke keinen Alkohol (mehr) insofern ging das vermutlich an mir vorbei. Schöne Grüße aus dem Süden in den Süden!

      • Eva sagt:

        Jaja, hier in Stuttgart hipstert es total in der Kaffeebranche. Aber wenn es guter Kaffee ist und von netten bärtigen verbrillten Männern geröstet und gereicht wird, soll es mir recht sein. Manchmal trinkt das Auge doch auch mit.
        Und nochmals zu George: der machte vor Jahren eine sehr nette Martiniwerbung, wo er draußen bleiben musste, da er keinen Martini dabei hatte „no Martini, no Party“. Kommt vielleicht bei Youtube. Bin grad unfähig, das am Handy hier einzubetten.
        Und auch das ist was für’s Auge .
        Liebe Grüße,
        Eva

        • Eva sagt:

          http://youtu.be/TNvemWInJfc

          Großer Sohn hat geholfen. Vielleicht klappt’s!

        • dreher sagt:

          Ah, nein, so ist das hier nicht. Keine Hipster-Kaffee-Szene. Als ich neulich bei einem Umzug half, wo man sechs (!) Kaffeekannen ausmistete, gab ich zu Bedenken, dass man eine vielleicht behalten solle, da der Filterkaffee wieder im Kommen sei, da wurde ich nur belacht. Und als ich sagte, doch in Deutschland ist das so, bekam ich zusätzlich noch mitleidige Blicke.

  2. Marion sagt:

    Mensch Christjann, Du machst so richtig Lust auf mehr Kaffee-Wissen… Auf meinen geliebten Milchkaffee im oder vorm Café oder in einer Kaffeebar mit oder ohne Lesestoff, mit oder ohne Gesprächspartner, könnte ich nicht verzichten, weder in D noch in F. Diese kleinen Auszeiten vom Alltag brauche ich unbedingt. Das ist mein Luxus. Und da mein Kaffeegaumen bisher nicht so zu unterscheiden vermag, mochte ich auch den grand crème in F immer ganz gern. Das Ambiente machte einen evtl. nicht so perfekten Kaffee wett!
    Die Werbung ist aus heutiger Sicht schon witzig und gleichzeitig erschütternd. Jetzt weißt Du, wie Du Deinen Schatz glücklich machen kannst!

    • dreher sagt:

      Jedem seinen Luxus :) naja, ich arbeite ja zu Hause, fände es komisch extra für einen (schlechten, teuren) Kaffee bis in die Stadt zu gehen, außerdem gibt es in ganz Cannes kein „nettes“ Café: an der Straße, ohne Blick ist doof. Ich bin aber vielleicht auch etwas speziell in meinen Wünschen. Und nein, Monsieur ist eher anspruchslos mit seinem Kaffee, weshalb ich den von ihm zubereiteten ja auch verschmähe. Schwarz, heiß, bitter. Brrrr

      • Marion sagt:

        Genau, jedem sein eigener Kaffee-Luxus :-)
        Was ist das bloß für eine Stadt? Kein einziges nettes Café? Kein einziges nettes Geschäft (außer Fragonard)? Also wirklich, das gehört doch zu F dazu, kaum vorstellbar…

        • dreher sagt:

          ach naja, vermutlich ist das alles Geschmackssache … gibt ja jede Menge Menschen, die es hier toll finden :)

  3. Toni sagt:

    Hallo Christiane, hab um aus meinem Schreibstress raus zu kommen wieder mal Deinen Blog angeklickt. Und heute finde ich da ganz oben ein Thema das mich immer wieder mal beschäftigt: Kaffee, ganz richtig bei mir dem Nostalgiker heisst es immer noch Kaffee. Mein dichtester Kontakt mit dieser Minimalmenge an Kaffeeresten war als ich bei Nespresso durch die Tür trat um einen Café zu trinken und vom bulligen Securitymann belehrt wurde, hier kann man Café nur kaufen nicht trinken, wo doch der „What else“ Mann den immer trinkt.
    Zuhause gabs immer Jakobs Krönung oder auch mal Dallmeiers. Natürlich frisch gefiltert und mit ein paar Tropfen Bärenmarke. Da ich das hier nicht kriege, habe ich an die Düfte erinnere die mir durch die Nase zogen wenn ich über die, inzwischen nicht mehr ganz funktionsfähige Schiersteiner Brücke gefahren bin und an der Nescafé-Fabrik vorbei kam. Bin also tief gesunken aber Nescafé Selection mit einem Schuß vollfetter Vollmilch ist für mich hier der höchste Kaffeegenuß. Er hält mich beim schreiben munter. Mit meinem Lektor (ja ich hab einen!!!) will ich im Juni in Klausur gehen und die weitere vorgehensweise besprechen. Also heisst es alles was ich noch im Kopf habe aufs Papier bzw in den PC bringen.
    Du hast sicher schon mal in meinen neuen Blog unter http://www.tonitres.fr geschaut. Kannst die Adresse falls Du den Kommentar veröffentlichstruhig zeigen, ist ja keine Werbung sondern nur Pub.
    Liebe Grüsse aus Marseille TONI
    Warte schon auf den neuen Kommisar Duval.

    • dreher sagt:

      Lieber Toni,
      toll, du hast einen Lektor! Und eine eigene Seite für dein Buch, sehr gut! Natürlich lasse ich den link stehen.
      Und eine Zeitlang trank ich auch löslichen Kaffee mit Milch, weil mich der Geschmack an eine bestimmte Zeit mit einem bestimmten Menschen erinnerte, einmal kaufte ich auch wieder zuckrige Tubensahne, auch das erinnert mich an eine bestimmte Zeit. Proust lässt schön grüßen. Bei uns im Ferienhaus steht seit jeher Dosenmilch im Küchenschrank, für Notzeiten, vermute ich. Als ich sie letztes Jahr in einem Anfall von Nostalgie aufmachte (es gab früher so dicke Aufpiekser, erinnerst du dich?), musste ich feststellen, dass ihr Haltbarkeitsdatum seit etwa fünfzehn Jahren abgelaufen und die Dosenmilch tatsächlich ungenießbar geworden war. Ich war sehr enttäuscht.
      Liebe Grüße und weiterhin frohes Schaffen!
      C. (auch hier wird auf den neuen Duval gewartet!)

  4. Vi sagt:

    Das Kaffee-Problem kenne ich – habe ich gewissermaßen von meiner Mama geerbt, die nur in zwei Cafés in der Stadt überhaupt Kaffee trinkt, weil der andere ihr nicht schmecke. Dabei mag ich eigentlich gar keinen Kaffee, gebe aber immer altkluge Bemerkungen zu dem Thema von mir. Nur wenn wir in Bosnien sind, finde ich den Kaffee besonders eklig: Er wird in einem langhenkligen Gefäß gekocht (Dzezva heißt es) und der Satz bleibt dann als klumpige Masse am Boden zurück. Ziemlich eklig, aber im Grunde auch nur gewöhnungssache, die Bosnier schwören darauf ;)
    Liebe Grüße nach Frankreich
    Vi

    • dreher sagt:

      hehe, erinnert mich an meinen ersten Mokka, den ich in Israel auf den Golanhöhen in einem Drusendorf gereicht bekam – ich dachte, so ungefähr müsse heißer Schlamm schmecken, widerlich … und schüttete ihn klammheimlich in eine Topfpflanze. Aber stimmt schon, letztlich ist alles Gewohnheitssache … LG, C.

  5. Birgit sagt:

    Hallo Christiane,
    endlich wieder amüsante Zeilen von Dir über ein köstliches Thema. Ja, Kaffee ist eine äußerst wichtige Komponente im Tagesgeschehen. Wir bevorzugen zuhause Filterkaffee. Aber wir lieben echten Cappucino oder Espresso – aber nur in Italien!
    In Frankreich schmeckt uns auch Café oder Café creme. Capselkaffee ist auch lecker, aber viel zu teuer. Den haben wir in Norwegen bei Freunden getrunken, super – war ja umsonst! Im Urlaub auf dem Campingplatz reicht uns auch Nescafé , ist zwar nicht sehr stilvoll, aber da muss alles einfach sein. Wir sind als Kaffeesachsen da äußerst flexibel.
    LG aus Dresden Birgit