WMDEDGT Dezember 2016

WMDEDGT, kurz für Was machst du eigentlich den ganzen Tag?, ist die Frage, mit der von Frau Brüllen allmonatlich am 5. zum Tagebuchbloggen aufgerufen wird.

Mein Tag beginnt um 8.22 Uhr. Pepita springt aufs Bett. Wo bleibst du denn?, miaut sie und tritt beharrlich schnurrend ihre Füßchen in meinen Bauch. Ich erwache etwas zerschlagen, das Wochenende in den Bergen war intensiv und sehr kalt, auch in dem alten Haus, in dem wir logiert haben. (Wenn Sie wissen wollen, wie es da oben so ist, können Sie sich gerne hier den Text vom letzten Nikolausfest durchlesen. Das habe ich dieses Jahr nicht dokumentiert.) Ich habe dort wenig und nicht besonders  gut geschlafen und heute, wen wunderts, schon wieder Halsweh. Monsieur ist bereits wach. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher, in der Küche brüllt das Radio. Ich mache mir Kaffee und uns Obstsalat vor politischer Geräuschkulisse: Matteo Renzi ist nach verlorenem Referendum zurückgetreten. Und Manuel Valls hat angekündigt, sich heute Abend um 18.30Uhr äußern zu wollen, im Klartext heißt das, er wird als Premierminister zurück- und als Präsidentschaftskandidat der Linken antreten. Keine Überraschung. Überraschend war hingegen, dass Hollande vor vier Tagen erklärte, eben dies nicht mehr tun zu wollen, als erster Präsident in der Geschichte Frankeichs überhaupt. „Lucide“, hellsichtig, wurde seine Entscheidung von allen Seiten gelobt. Böse Zungen zischten hingegen, dass dies seine erste gute Entscheidung in den vergangenen fünf Jahren gewesen sei. Österreich hat, uff, Alexander van der Bellen „wieder“gewählt. Das war aber schon gestern Abend klar.

9.22 Uhr Monsieur fährt zu seiner Mutter, ich schalte Radio und Fernseher aus und hüpfe ins Bad. Danach Küche. Die zweite Fuhre Christstollen für dieses Jahr will gebacken werden. Die, die ich für den Weihnachtsmarkt gebacken habe, waren zum allerersten Mal wirklich so, dass ich stolz war: Aufgegangen, formschön und mürbe und schmeckten prima (ich habe extra einen kleinen zum Probieren für uns gebacken). Ich bin daher guter Dinge, wiege, schneide, hacke, mörsere und mische die Zutaten und setze zunächst den Vorteig an, den ich dann bei 35° in den Backofen verfrachte, den einzig verlässlich warmen Ort in der Wohnung.

Ich versuche vergeblich, meine Mutter telefonisch zu erreichen und klicke ein bisschen in FB und den Mails herum. Monsieurs Tochter kommt, ein Volleyball hat gestern ihr Brillengestell zerbrochen, aber Monsieur ist nicht da, und wir finden den wundersamen Zweikomponentenkleber nicht, mit dem hier alles repariert wird.

Der Vorteig ging gut auf, ich mache jetzt den Teig und gebe ihn wieder zurück in den Ofen.

11.40 Uhr. Ich werfe eines der vom Wochenende übrig gebliebenen Filet mignons (wir waren weniger zahlreich als erwartet) in den Bräter, werfe Zwiebeln und Speck dazu, brate das kurz an, lösche mit Weißwein ab und lasse das jetzt vor sich hin köcheln.

12.18 Uhr Monsieur ist  zurück. Er hat Gratin d’Aubergines beim Tiefkühlhändler  erstanden. Aber ich sage non non non, es gibt Filet mignon. Das Gratin wandert in die Tiefkühlschublade. Zum Schweinefilet gibts die restlichen frischen Nudeln und den restlichen Feldsalat und den restlichen Käse vom Wochenende. Nur vom Tiramisu war leider kein Rest geblieben.

12. 40 Uhr. Wir essen und diskutieren noch einmal über das Essen, das der neue Aubergist für den festlichen St. Nicolas-Abend gemacht hatte. Die Meinungen gingen gestern von dégueulasse bis médiocre, ganz schlecht bis mittelmäßig. Nur ich, die ich ihn gar nicht besonders mag, habe ihn verteidigt. Denn ich habe auch gesehen, dass er den Saal schön dekoriert hatte (nach mir hatte das niemand mehr gemacht), die Tische schön gedeckt und es gab keinen einzigen Gang auf Papptellern, was bedeutet, irgendjemand musste zwischendurch in dem winzigen Kämmerchen die Teller spülen, denn es gibt nicht ausreichend Geschirr für ein mehrgängiges Menü für sechzig Leute. Aber der Service dauerte lang, das Essen kam nicht immer heiß an, die ersten hatten ihren Gang schon aufgegessen, als die letzten damit noch nicht mal serviert waren. Es gab Kürbissuppe zum Entrée, und das liebe Leute, das ist für ein festliches Essen im ländlichen Frankreich ein No-go. Kürbisse hat man selbst genug im Garten und Kürbissuppe kocht hier im Dorf jeder, jeden zweiten Tag, das will man nicht essen, wenn man „ausgeht“ und dafür bezahlen muss, selbst, wenn das Süppchen recht fein geworden ist. Ebensowenig geht Rindfleischeintopf mit Kartoffeln. „Und die Soße war nicht mal gebunden“, zeterten die Hausfrauen untereinander. Das will ein Aubergist sein? Und zwei läppische Scheibchen Käse! Und zerbröselter Apfelstreuselkuchen! Nun ja. Wir haben an einem netten Tisch gesessen und viel gelacht, tatsächlich fand ich es daher nicht so schlimm mit dem Festessen. Aber auch Monsieur ist der Meinung, dass das erste Essen des Aubergisten eine Enttäuschung war.

13.45 Uhr Blick in den Ofen. Der Teig liegt schwer wie ein Stein in der Schüssel. Ich knete ihn noch einmal durch und beschließe, erstmal eine Sieste zu machen. Tatsächlich schlafe ich wie tot nochmal eine Stunde.

14.45 Uhr Mache mir einen Espresso und werfe einen Blick in den Ofen, der Teig will nicht aufgehen. „Abwarten und Tee trinken“ habe ich an den Rand des Rezepts für diesen Fall geschrieben. Ich gebe dem Teig nochmal eine Stunde. Streue schnell noch Linsen auf feuchte Watte, das hätte ich eigentlich gestern am 4. Dezember, an Ste. Barbe, noch machen sollen, eine Freundin hatte mir extra eine Erinnerungsmail geschrieben, aber wir kamen spät und müde zurück, und ich hatte es wieder vergessen. Hier werden am Barbaratag keine Obstbaumzweige geschnitten, die an Weihnachten blühen sollen, nein, hier lässt man Weizen oder Linsen sprießen: wenn sie an Weihnachten schön aufgegangen sind, ist das ein Zeichen für künftigen Geldsegen, kann ja nie schaden.

Die erste Weihnachtspost aus dem Briefkasten gefischt, es rührt mich und erschöpft mich gleichermaßen. Ich glaube, dieses Jahr schreibe ich keine Weihnachtskarten. Nehme mir vor, einen Text über den Dezember zu schreiben. Alle haben über den trüben November geschrieben. Mich erschöpft der Dezember viel mehr.

16.20 Uhr: Ich arbeite die Früchte in den halbwegs aufgegangenen Teig ein. Ich habe die Hände voll klebrigem Teig, als meine Mutter anruft. Monsieur hält mir den Hörer ans Ohr, ich rufe in den Hörer, dass ich gleich zurückrufe. Als ich es versuche, ist bei meiner Mutter schon wieder besetzt. Heute ist der hundertste Geburtstag meiner (bereits verstorbenen) Großmutter. „Kleiner Nikolaus“ hieß der Geburtstag meiner Oma früher bei uns, und ich bekam (zusätzlich) einen kleinen gefüllten Nikolausstiefel immer schon einen Tag vor dem offiziellen Nikolaustag. Das fällt mir gerade wieder ein. Ein bisschen vorfeiern gibts also auch bei uns.

17.53 Uhr: Nach dem Telefonat ist der Teig immer noch nicht richtig aufgegangen. Ich knete nochmal den Teig durch. Monsieur hat sich schon vor dem Fernseher installiert. Die erwartete Ankündigung von Manuel Valls ist in allen Sendungen Thema Nummer 1. Manuel Valls gilt als „Rechter“ der Linken und ist umstritten. Die Linke ist so zerstritten wie nie. Man zweifelt, dass sich die Linke auf ihn einigen könnte.

18.32 Uhr Voilà, Manuel Valls hat es ausgesprochen: Alors oui, je suis candidat à la présidence de la République... Er wird als Präsidentschaftskandidat antreten. Und er verlässt sein Amt des Premierministers ab morgen. Jetzt fragen sich natürlich alle, durch wen Francois Hollande ihn ersetzen wird.

18.59 Uhr. Vier kleine Christstollen sind im Backofen. Ich jongliere mit Temperatur und Ober- und Unterhitze oder doch Umluft. Sie gehen zunächst eher in die Breite. Grrrrr.

19.52 Uhr. Vier kleine Christstollen sind enfin mit Butter bestrichen und mit einem Vanille-Puderzuckergemisch bestreut. Sehen jetzt doch gar nicht so schlecht aus.

20.03 Uhr Jetzt gibt es die Reste von heute Mittag zum Abendessen.

20.40 Uhr Ich werde jetzt noch ein Bad nehmen und dann im Bett einen der drei BD’S, die ich aus der Médiathèque ausgeliehen habe, lesen: nach Kinderland von Mawil und Les Pieds-noir à la mer von Fred Neidhardt, ist jetzt Suite française dran, nach dem posthum veröffentlichten Roman von Irène Nemirowsky.

Die anderen Beiträge für WMDEDGT gibts (klick –>) hier .

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten auf WMDEDGT Dezember 2016

  1. Franka sagt:

    Morgen will ich Christstollen backen. Frohgemut.

    Die *Suite francaise* hab ich vor einigen Jahren gelesen. Gut.

    Ansonsten noch schöne vorweihnachtliche Tage.
    ♥ Franka

  2. Marion sagt:

    Bekommt die Katze auch was zu fressen? :-)