Wer zu spät kommt …

Ich bin mal wieder zu spät. Mit allem, immer wieder. Dieses Erlebnis hatte ich vor ein paar Jahren schonmal, als ich eine kleine Karriere als Kolumnistin begonnen hatte. Ich hatte tolle Ideen im Kopf für meine kleine wöchentliche Kolumne, aber alles war gerade schon anderswo gesagt oder geschrieben worden. Ich war immer gerade einen Tick zu spät.

Gerade eben ist mir die Klappentexterin in gewisser Weise zuvorgekommen. Sie hat eine Lese-Auszeit geschenkt bekommen (wie genial!) und durfte drei Tage in einer hübschen Hütte im Schnee nur lesen. Und schon schreibt sie darüber. Das ist MEIN Thema, möchte ich schreien. ICH hatte die Idee! Auf Facebook kursierte jetzt schon mehrfach ein Aufruf, sich dort (dummer) Kommentare zu entheben und stattdessen ein ganzes Buch von vorne nach hinten durchzulesen. Hab‘ ich gemacht. Ich habe (so hoffe ich) keine dummen Kommentare geschrieben, hingegen mehrere Tage in jeder freien Minute und sogar halbe Nächte gleich zwei dicke Bücher durchgelesen, zum selben Thema allerdings: die Familie Mann. Schon lange habe ich nicht mehr so intensiv „nur zum Vergnügen“ gelesen, am Ende fieberte ich dem Aussterben der Familienmitglieder allerdings entgegen, so missvergnügt hat mich das Lesen um diese dsyfunktionale Familie, wie man sie heute vermutlich bezeichnen würde, dann doch, und auch so erschöpft. Thomas Manns Leben und Werk liegen mir ja noch aus Uni-Zeiten eher schwer im Magen, kritische Töne zu ihm waren damals noch so gut wie tabu und noch niemand hatte ihn, seine Rolle in der Familie und dieselbe einer kritischen Betrachtung unterzogen. Wie anders ist das heute. Wie offen spricht man heute von seiner „Homoerotik“, wie offen von Klaus und Golos Homosexualität und von Erikas Hin- und her zwischen den Geschlechtern. Um nur ein Thema zu nennen. Habe ich früher die Kinder Thomas Manns ausschließlich als Opfer ihres egozentrischen Vaters gesehen, so sehe ich sie nach der Lektüre der beiden Bände durchaus kritischer und meine Lust, Klaus Manns „Wendepunkt“ (und dann auch noch in der französischen Fassung) zu lesen, geht gerade gegen Null. Nur Golo Mann ist mir wirklich sympathisch geworden, und die von allen einmütig verachtete Monika Mann weckte bei mir zumindest eine Neugierde, und ich habe (ähnlich wie wohl ihre Biographin) das Bedürfnis, sie zu verteidigen gegen so viel Familienhass.

Über den Versuch wieder früh(er oder später) aufzustehen, um Zeit zum Schreiben zu finden, hat Herr Buddenbohm schon geschrieben, wie er sowieso über alles immer schon geschrieben hat und das trotz Kindern, darüber hat Smilla Dankert aber hier schon geschrieben. Ich kann also nur noch, wie früher in der Schule, „das hab ich auch gerade sagen wollen!“ hinterherrufen. Smilla schreibt im gleichen Post wiederum vom erholsamen „Nichtstun“ auf Helgoland (übrigens illustriert mit großartigen Fotos, die ihr Nichtstun widerlegen). Zu meinem Bedürfnis nach „Nichts“, nach Stille und nach Einsamkeit könnte ich auch was sagen, hallo! … aber ach, was solls. Zum Winter und zum (Winter-)Wald, was mir hier tatsächlich zumindest zeitweise fehlt, hat Friederike schon wiederholt geschrieben und ebenfalls wundervollst fotografiert und noch viel mehr Menschen haben sich bei Astrid geäußert. Und ich?

Ich hätte dazu auch gerne was gesagt, aber ich bin zu spät dran, alle sind schon wieder weitergezogen, während ich gerade ein paar Tage gelesen habe. Ich fange außerdem wieder an, „ernsthaft“ zu arbeiten und zu schreiben (weshalb ich wie gesagt versuche, wieder in aller Herrgottsfrühe aufzustehen), das Blogschreiben gerät dabei wie stets etwas ins Hintertreffen und alles, was ich Ihnen auch noch zu Anfang des Jahres hätte mitgeben und erzählen wollen, (haben Sie, wie in manchen Kreisen üblich, ein begleitendes, unterstützendes Wort für dieses Jahr gewählt? / Meine Suche nach einem geeigneten Taschenkalender und über das Stöbern in alten Kalendern, was wenig heiter wurde, weshalb ich das Thema dann gar nicht erst öffentlich anging. / Dass ich nichts für die Rubrik „Was schön war“ vermelden kann, was ich wiederum nicht schön finde und mich daher erneut mit dem Thema „was ist Glück?  Glücklichsein? Gibt es Glück überhaupt?“ auseinandersetze und anderes mehr), all das schwindet so dahin und sei hier wenigstens ansatzweise erwähnt, und falls es schon jemand anders auf seinem Blog erzählt hat, dann wissen Sie immerhin, dass ich es auch gerade hätte sagen wollen.

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18 Antworten auf Wer zu spät kommt …

  1. Sunni sagt:

    Früher hätten wir gar nicht gewusst, dass andere schon zu dem Thema geschrieben haben und einfach unsere Texte verfasst. So nimmt uns die Schnelligkeit der medialen Welt das Erlebnis, sich zu bestimmten Dingen zu äußern. Übrigens ging es mir nach den 2 dicken „Die Familie Mann“ -Wälzern ganz ähnlich. Ich wusste gar nicht mehr, auf wen ich mehr wütend oder von wem ich mehr enttäuscht war. Und zum Glück….Da hat Christine Nöstlinger etwas geschrieben, ihre Biografie „Glück ist was für Augenblicke“. Das empfand ich als sehr treffend. Herzlich, Sunni

    • dreher sagt:

      Ja, wirklich schrecklich, die „amazing-Mann-family“ – danke für den Glücks-Hinweis, wird beguckt (kommt zumindest auf die Liste)!

  2. pitdieerste sagt:

    Hm. so ganz verstehe ich das Problem nicht…es liest doch nicht jeder alle Blogs? Ich wüsste z.b. gar nicht dass dieser und jener Blog schon darüber geschrieben hat, weil ich die gar nicht auf meiner Liste hab…und selbst wenn mal zwei zum gleichen Thema schreiben, so sind die Gedanken dazu ja nie 100% gleich und es würde mich nicht im geringsten stören…
    Ich denke mal, so einen Blog schreibt man ja nicht um jeden Tag das Rad neu zu erfinden und wenn jeder nur noch was Neues schreiben dürfte, dann wären die Themen bald alle durch und es würde sehr still in Bloggershausen…

    • dreher sagt:

      Sicher lesen nicht alle „meine“ LeserInnen all die anderen Blogs, aber die Blogger lesen sich untereinander – also, es gibt da sicher größere und kleinere Schnittmengen, aber Maximilian Buddenbohm wird so gut wie von allen gelesen (sage ich jetzt mal so ins Blaue), und mich setzt das von ihm vorgegebene Tempo, die aktuellen Medien auszuwerten, ziemlich unter Druck, und es muss schon sehr dringlich bei mir sein, wenn ich ein von ihm behandeltes Thema nochmal anpacke, weil es sich so „drangehängt“ anfühlt. Für Frankreich geht mir das mit Hilke Maunder so, die auch unendlich fleißig schreibt. Ich gebe zu, ich lebte ruhiger als ich weniger Blogs las :)

  3. Liebe Christine,
    ich weiß so gut, von was Du schreibst! Was meinst Du, wie das unter foodbloggern ist? Allerdings leben Beiträge in dieser Szene vom Weitertragen, frisch und frei nach dem Motto „es ist zwar alles gesagt, aber noch nicht von allen“, insofern ist es dort ein wenig leichter. Ich habe unter diesem Motto sogar demnächst ein Rezept im Blog :p
    Insofern würde ich mich von diesen Gedanken nicht umtreiben lassen, dazu sind andere Dinge (meiner Meinung nach) zu wichtig. Und auch, wenn Blogger viel andere Blogs lesen – wir alle schreiben ja nicht für unsere „Wolke“, sondern eben für alle anderen. Und ich weiß nicht, ob das statistisch untermauert werden kann, aber ich kenne viele Leser, die sich auf sehr wenige Lieblingsblogs konzentrieren, für sie gibt es also gar nicht so viel Wiederholungen, wie wir als Blogger vielleicht denken.
    Mit einem eiskalten Gruß aus den eingefrorenen Weinbergen <3

    • dreher sagt:

      Danke Astrid, stimmt, sich unter foodbloggern zu unterscheiden mit der x-ten Variante des Kartoffelgratins (willkürlich gewähltes Beispiel, weil ich das gerade gesucht und gemacht habe) stelle ich mir schwierig vor – oder (weil mir das dieses Jahr aufgefallen ist) wer hat zum ersten Mal Borretschblüten als Deko verwendet?! Wäre mir zu viel Druck, aber natürlich auch, weil ich selbst so eine unwillige und uninspirierte Köchin bin.
      Aber du hast sicher Recht, die meisten nichtbloggenden LeserInnen lesen gar nicht sooo viele andere Blogs –
      In diesem Sinne, we keep our heads up, wie Marion einen Kommentar weiter gerade schrieb, frohes Kochen, Schreiben und Lesen, kaltfüßige Grüße zurück in die gefrorenen Weinberge!

  4. Marion sagt:

    Auch wenn Du meinst zu spät dran zu sein und das noch mit scheinbar „immer gleichen“ Themen, so sei getrost, dass Du auf Deine ganz eigene Art und Weise inspirierst. Also: keep your head up! Da bekommt man doch glatt Lust, sich mit den Manns zu beschäftigen, wieder mehr nach dem Schönen Ausschau zu halten, etc… Als Taschenkalender empfehle ich den „Berühmte Frauen“-Kalender. Tut einfach gut, jeden Tag an eine Frau erinnert zu werden, die Besonderes geleistet hat.

    • dreher sagt:

      Danke dir, Marion! Und danke für den Taschenkalendertipp – ich sehe, ich werde doch noch was dazu schreiben, auch wenn es Februar werden sollte …

  5. Micha sagt:

    Du gehörst für mich zu den wenigen, die auch darüber schreiben könnten, wie sie ihre Wärmflasche mit heißem Wasser befüllen – von dir lese ich alles gerne (Achtung: Kompliment :)!

  6. Aalso, ich will ja nicht auch noch „lobhudelnd“ hinterher harken (doch, doch, das will ich auch noch sagen), aber liebe Christjann, ich lese ehrlich gesagt regelmäßig nur Deine Blogeinträge. Und ganz winzig klein schau ich mal in andere Fenster. Und da Du so eine bezaubernde Schreibe hast, ist es mir tutti completti egal, ob Du von geschlachtetem Borstenvieh oder vom Bling-Bling-Cannes berichtest, es ist alles so natürlich und authentisch. Was stört es mich da, ob es noch ähnliche Blogeinträge im gesamten www gibt. Dafür habe ich sowieso keine Lust, weiter zu recherchieren. Deine Selbstzweifel in Ehren, aber weg damit und schreib einfach wie bisher weiter drauf los, ja?

  7. Birgit sagt:

    Liebe Christiane, mach dir nicht so viel Gedanken. Schreib einfach was Dich im Moment bewegt. Ich lese alle deine Texte gern und freue mich auf jedes Lebenszeichen von dir. LG Birgit

  8. Liebe Christine,

    ha, und wie ich das kenne! So oft bin ich auf meinem Blog zu spät gekommen. Weil ich einfach zu wenig Zeit hatte, um meine Idee in Form zu bringen. Kennst du „Big Magic“ von Elizabeth Gilbert? Darin geht es u.a. auch um Ideen, die irgendwann weiterziehen. Man kann nichts dagegen unternehmen. Außer zu lachen und die Idee trotzdem umzusetzen. (Seit ich Big Magic kenne, rede ich bisweilen mit meinen Ideen und bitte sie, länger bei mir zu bleiben. Manchmal klappt’s, manchmal leider nicht. ;-)

    Herzlichst
    Klappentexterin

    • dreher sagt:

      Liebe Klappentexterin, nein, „Big Magic“ kenne ich nicht, klingt aber spannend (gerade mal geschaut) und kommt auf die Leseliste! Merci und liebe Grüße!