Fuir le bonheur …

Heute Gestern morgen sahen wir einen sehr französischen Film, in dem unter anderem Johnny Halliday mitspielte. Halliday ist in Deutschland vermutlich kaum bekannt. Ich zumindest kannte ihn nicht, als ich in Frankreich ankam und ich konnte die Beliebtheit dieses vulgären, abgewrackt aussehenden Alt-Rockstars mit Permanent-Make-up und steter Sonnenbräune lange nicht verstehen. Seine französisch geröhrten Rocksongs sind aber allgemeines Kulturgut. Jeder kann „Qu’est-ce qu’elle a ma gueule“ brüllen

(frei übersetzt: „Was ist los? Gefällt dir meine Fresse nicht?“). Hallyday ist DER französische Rocksänger und das seit den frühen 60er Jahren, das wäre in etwa so, als würde Peter Kraus heute noch rocken. Naja so ähnlich. Hallyday war vermutlich immer schon weniger brav. So langsam wird mir Hallyday sympathisch, vor allem, weil er sich in dem einen oder anderen aktuellen Film gerade selbstironisch darzustellen vermag (s.o.). Ich dachte heute morgen, ich muss mal einen Beitrag über Hallyday schreiben. Ich habe das hier aufgeschrieben, damit ich es nicht vergesse, Sie können mich drauf festnageln. Voilà.

Aktuell will ich aber was über Serge Gainsbourg schreiben. Geschickte Drehung, was? Gainsbourg, Sänger, Komponist, Schauspieler war Sohn einer jüdisch-russischen Immigrantenfamilie, wurde an einem 2. April vor knapp 90 Jahren geboren, und insofern haben wir heute, in der Zwischenzeit gestern, fast ein großes Jubiläum (ich bekam den Text gestern nicht mehr fertig, aber immerhin habe ich ihn am 2. April begonnen). Gainsbourg hat als Kind während des Zweiten Weltkriegs einen gelben Stern tragen müssen („einen Sheriffstern“ sagte er später spöttisch) und hat all das erlebt, was man in dieser Zeit als Jude so erleben konnte (Auftrittsverbot des Vaters, die Eltern flohen in den „unbesetzten“ Süden, er selbst wurde auf dem Land in einer Jesuitenschule „versteckt“ und musste einmal nachts alleine vor der Gestapo in den Wald fliehen)

Gainsbourg ist, fürchte ich, dem breiten deutschen Publikum auch nicht wirklich bekannt. Ich wusste wenig über ihn, um nicht zu sagen gar nichts, als ich nach Frankreich kam. Ich fand Gainsbourg ziemlich hässlich unattraktiv (er sich übrigens auch und er litt sein ganzes Leben darunter, dass er einer Karikatur des „typischen Juden“ glich), kannte vage noch eine Reggaeplatte (die ich nicht mochte) und die eine Fernsehszene, wo er halb betrunken und provokant einen 500 Francs Schein verbrannte

um zu zeigen, wie stark er besteuert wird (74%) und wieviel ihm von 500 Francs wirklich blieben, das hat ganz Frankreich aufgewühlt, in dem einen oder anderen Sinn, und ganz ehrlich, ich verstand gar nichts. Ich verlinke ihnen das deutsche und das französische Wikipedia, aber es ist viel zu lesen, denn Gainsbourg hat viel gemacht, geschrieben, komponiert, gesungen und geschauspielert. Ich zitiere Wikipedia „Über seinen Tod hinaus gilt er in Frankreich als einer der einflussreichsten und kreativsten auteur-compositeur-interprete seiner Epoche.“

Beinahe hätte ich vergessen, den Film zu erwähnen, den Joan Sfar, mein preferierter Graphic Novel Zeichner und manchmal auch Filmemacher über seinen „Héro“ Gainsbourg gemacht hat: Gainsbourg – Vie héroique. Schauen Sie sich die Bande annonce an, wie der Trailer auf Französisch heißt, falls Sie den Film nicht kennen. Durch diesen Film lernte ich Gainsbourg erst kennen und schätzen. Schon in dem kleinen Vorfilm sieht man alle Facetten Gainsbourghs und auch eine Szene mit France Gall, der er vorschlägt, einen unanständigen Song zu schreiben – gegen ihr brave-Mädchen-Image.

France Gall, die man bei uns später mit so aufregenden Liedchen wie „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte“ kannte

(niedlich der Film, oder?); gewann dann auch 1966 mit einem von Gainsbourg geschriebenen eher zweideutigen Lied  Poupée de cire poupée de son, das sie aber ganz unschuldig sang:

und es vermutlich, wie auch alle Mitglieder der nicht französischsprachigen Jury wirklich nicht verstanden hat (Frankreich gab dem eigenen Lied keinen Punkt, das sagt alles!), Achtung, ich nehme den ursprünglichen Satz wieder auf, France Gall gewann damit also den Eurovisions-Song-Contest.

Später schrieb ihr Serge noch Les sucettes, das Lied von Annie, die Lutscher mit Anisgeschmack lutschte, die ihren Küssen einen besonderen Geschmack geben …

Sie merken schon wohin die Reise geht?! Aber France Gall hat es damals nicht verstanden  und schämte sich zu Tode, als sie es später begriffen hatte, und war böse auf ihr Umfeld, das man dieses Lied hatte singen lassen.

Mit diesen Zweideutigkeiten muss man in Frankreich immer rechnen. Und bei Gainsbourg im besonderen. Gainsbourg machte aber auch mit eindeutigeren Chansons Skandal, wie etwa mit Je t’aime moi non plus, das er für Brigitte Bardot geschrieben hatte, die sich von ihm „la plus belle chanson de l’amour“ gewünscht hatte, es wurde aber von derem gerade aktuellen Ehemann Gunter Sachs sofort juristisch unterbunden, weshalb er es etwas später mit der niedlichen Jane Birkin sang, stöhnte und seufzte, mit der er gerade eine neue Liebesgeschichte erlebte. Das Lied kam natürlich sofort auf den Index, wurde in dem einen oder anderen Land verboten und durfte, laut Aufdruck auf dem Plattencover, „unter 21 Jahren“ nicht gehört werden, lustig, weil Birkin da selbst gerade mal 20 und nach damaligen Recht minderjährig war.

Mit Jane Birkin, der blutjungen, britischen Schauspielerin war Gainsbourg zwischen 1968 und 1980 zusammen und mit ihr hat er nicht nur eine Tochter, Charlotte, produziert sondern auch mehrere Platten. Jane Birkin war zu dieser Zeit sehr niedlich anzuschauen und ihr kleiner britischer Akzent war niedlich anzuhören, weshalb ihr Stimmchen vermutlich bis heute alle bezaubert.

Sie hat, seit seinem Tod, immer wieder Platten mit Chansons von Gainsbourg neu interpretiert, und gerade eben ist ein neues Album erschienen, dieses Mal singt sie mit großem Symphonieorchester. Kurz habe ich gezögert, ob ich es wirklich „Singen“ nenne, was sie macht, ob es nicht Hauchen oder Kieksen oder ein brüchiger Sprechgesang oder noch irgendetwas anderes ist. Sie hat wirklich wenig Stimme, aber die Kritiker überschlagen sich, um ihre Stimme, die „niemals so schön war wie heute“ zu loben und die Arrangements, und Serge hätte es geliebt und vermutlich in sein Taschentuch geweint vor Rührung.  Ich sah sie in der einen oder anderen Sendung, in dem sie ihr Album vorstellt, man zeigt immer auch frühe Videos von ihr (sie war wirklich niedlich) und alle liegen ihr auch heute noch zu Füßen. Vielleicht auch weil ihre Liebesgeschichte mit Gainsbourg so groß war und man sich damit die „unbeschwerte“ Zeit der sechziger und siebziger Jahre wieder ins Gedächtnis ruft.

Anlässlich des neuen Albums wurde Birkin auch hier und da erneut interviewt und da erzählt sie zur Freude aller Franzosen, wie sie die allererste Nacht mit Gainsbourg verbracht hat: Sie drehte zu dem Zeitpunkt einen Film mit ihm und fand ihn (20 Jahre älter als sie) arrogant und unfreundlich, und sie war eingeschüchtert und verklemmt, so dass er sie eines Abends ausführte, um sie etwas „aufzulockern“. Da erlebte sie ihn charmant und witzig, er führte sie in die unterschiedlichsten Musikclubs und man sang und tanzte und trank, sie sah, dass er auch eine andere, eine verletzliche Seite hatte, und morgens in aller Frühe tranken sie Champagner mit den Schlachtern in les Halles (ehemalige Markthallen, damals im Zentrum von Paris). Sie war verzaubert und als er sie morgens nach Hause fahren wollte, ging sie entschlossen mit ihm in sein Hotelzimmer. In der kurzen Zeit, in der sie aber im Badezimmer verschwand, war er eingeschlafen, und sie ging weg, kaufte die Platte mit dem Titel „yummy, yummy, yummy I’ve got love in my tummy„, die damals gerade rausgekommen war und steckte sie zwischen seine Fußzehen. Das war der Beginn ihrer großen Liebesgeschichte, die alle Franzosen kennen und die sie, Zitat Jane Birkin, „seit 50 Jahren mit den Franzosen teilt“.

Schon 2002 hatte sie ein Live-Album Arabesque mit seinen Chansons produziert. Mit sehr orientalischer Instrumentalisierung. Das war überhaupt das erste, was ich von Serge Gainsbourg wirklich hörte. Oder von Jane Birkin. Oder von beiden, wie man’s nimmt. Die Musik war mir fremd, die poetischen Texte habe ich damals kaum verstanden, Janes Stimmchen war damals schon dünn, aber irgendwie hat mich dieses Album gefesselt. Tut es noch heute. Und auch wenn das neue Symphonische Album hochgelobt wird, ich finde Arabesque um Klassen besser. Ich finde auch, dass diese mal leichte, mal schmerzlich vibrierende orientalische Musik viel besser zu ihrem Kieksstimmchen passt. Mein Lieblingschanson war damals, als ich meinem ersten französischen Freund monatelang nachweinte, Comment te dire adieu.

Auch wenn Jane dieses Chanson auf dem Live Album nutzt, um all ihre Musiker und Techniker vorzustellen, ihnen, dem Publikum und außerdem einem persönlichen Engel zu danken, was das Chanson zusätzlich zum Text eigentümlich gefühlvoll macht, aber auch zweiteilt, ich liebe es so und höre es immer noch gerne. Fuir le bonheur pour qu’il ne se sauve gehört auch zu meinen Favoriten und Anamour, das ich eigentlich in der Version von Depardieu schätze (Gérard Dépardieu spielte mal einen abgehalfterten Schlagersänger in „Quand j’étais chanteur“, und so wie er da singt, könnte ich tatsächlich auch, wie Cécile de France, in seine Arme sinken, hach,) aber witzigerweise habe ich die Melodie von Anamour zuallererst mit einem völlig anderen und außerdem deutschen Text vor vielen Jahren gehört, und ich habe den Vormittag damit verbracht, um es wiederzufinden: Der tätowierte Millionär von Universal Gonzalez. Auf der CD von Trikont ist außerdem noch Bernadette la Hengst mit Wilder Mann zu hören. Liebe ich auch immer noch. Was ich früher so alles gehört habe … Von beidem habe ich keine Videos gefunden, viel zu abgefahren, könnten Sie aber komplett auf Spotify hören. Hier aber zurück zu Jane und zu Serge.

Hier sieht man das jung verliebte Paar in einem R4 Cabriolet durch Paris kurven:

Für „Fuire le bonheur“ passt diese Version mit den Bildern von Marylin gut, finde ich, ob Marylin eigentlich glücklich war, kann man sich auch fragen, damit leite ich dann auch schön über zu meinem nächsten (noch zu schreibenden) Text, wir haben nämlich eine Marylin Monroe Ausstellung in Aix en Provence gesehen.

Falls Sie das ganze Album Arabesque hören möchten (ich hoffe mal, das ist legal):

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12 Antworten auf Fuir le bonheur …

  1. Mumbai sagt:

    Johnny Haliday, Serge Gainsbourg, sie alle waren zumindest in Frankreich DIE Stars.
    Mit Silvi Vartan war J.H. immerhin 15 Jahre verheiratet was in der Branche auch
    damals sehr aussergewoehnlich war. Die Stimmen von S.G. und J.Birkin finde ich
    sehr erotisch auch wenn man es nicht als das klassische Singen bezeichnen kann, aber
    gerade deswegen…ihre Chansons sind toll interpretiert. Kennen Sie Patricia Kaas?…
    auch kein Neuling in der Musikindustrie aber immer noch present. Super Stimme,
    grossartige Perfomance und sehr gut aussehend…bei ihr stimmt einfach (fast?) alles..
    daher gehoert sie zu meinem absoluten Liebling in der franz. Musikszene.

    • dreher sagt:

      Sind Sie eigentlich Französin?
      Klar, kenne ich Patricia Kaas, sie war „mein“ Star in den Achtzigern und Neunzigern, ich kann viele ihrer Lieder auswendig und habe mehrere Musikcasetten im Auto :-)
      Patricia Kaas hatte viel Erfolg in Deutschland – in Frankreich vermutlich auch, aber die Menschen in meinem Umfeld finden sie „bof“, uninteressant, oder schlecht. Ich sehe auch einen großen Unterschied wie sie, sie hat im November ein neues Album veröffentlicht und war in der Sendung „C’est à vous“ eingeladen, und zum Beispiel gerade eben, Jane Birkin in der gleichen Sendung, behandelt wurde. Und Yann Moix hat ihr bei „On n’est pas couché“ ins Gesicht gesagt, dass sie kein Talent habe, und er Lust habe sich umzubringen, wenn er sie singen höre. Dafür hat sich übrigens niemand entschuldigt. http://www.lci.fr/musique/onpc-patricia-kaas-denonce-la-mechancete-gratuite-de-yann-moix-2015034.html

      • Mumbai sagt:

        nein ich bin keine Franzoesin, spreche auch nicht deren Sprache.
        Letzteres schade, so charmant. Aber ich liebe Vieles was aus
        diesem Land kommt, eben auch die Chansons. Mag auch
        Georges Moustaki, Michel Sardou…aber ueber Geschmack laesst sich bekanntlich streiten, aber nie beleidigen wie J.Moix.

        • dreher sagt:

          Ich fand es schon ziemlich herablassend wie er, Moix, ihre Texte zerpflückt hat – und auch die anwesende Journalistin war arrogant. Ich hatte das Gefühl, sie hatten ausgemacht, P. Kaas ein für allemal fertig zu machen. Diese Art mit „Gästen“ umzugehen, ist allerdings in der Sendung keine Seltenheit. Und Moix ist beinahe grundsätzlich unsympathisch.

          • Mumbai sagt:

            Kenne weder Moix noch die Sendung, doch
            denke ich, eine P.Kaas kann man nicht so
            einfach runtermachen. Sie ist eine viel zu
            starke Persoenlichkeit und ist sich ihrer
            bewusst.

          • dreher sagt:

            Haben Sie den Ausschnitt gesehen, den ich verlinkt habe? Sie war schon sehr getroffen, wusste kaum noch, was sie sagen sollte. Ich habe gelesen, dass diese CD, die sie vorstellte, nach einer zweijährigen Auszeit (Burnout) entstanden ist, ich vermute, sie hätte sich einen sanfteren Wiedereinstige gewünscht.

  2. Sunni sagt:

    Hach, danke für diese Erinnerung der besten Art. Gainsbourg und Birkin, meine 20er und 30er…und mehr. Und eine schöne Geschichte zu „Je t`aime …moi non plus“. Meine Mutter konnte Französisch, ich nicht und habe es erst nach 1990 in der Abendschule nachgeholt. Als das Lied in aller Munde war, fragte ich sie sehr bescheiden und artig, ob sie mir das nicht mal übersetzen könne…“Nein, und sowas wollen wir auch gar nicht hören, das ist nichts für junge Mädchen oder Frauen.“…war die Antwort. Das war natürlich bester Anlass es doch irgenwie zu versuchen. Später war es kein Problem mehr, also Text und Inhalt an sich :-))).

    • dreher sagt:

      Wie lieb – die Mama fragen :) Naja, so viel Text ist es ja nicht ;-) ich hatte (zu meiner sehr frühen Jugendzeit) so ein ähnliches Textproblem als ein Discohit mit dem Titel „Voulez vous coucher avec moi“ herauskam.

      • Sunni sagt:

        :-) Das liegt ja auf einer Linie! Nein, soviel Text war es nicht. Und das Hauchen und Stöhnen ist ja international. Ganz lieben Gruß

  3. Marion sagt:

    Seufz, Johnny Halliday, um den kommt man in Frankreich wirklich nicht drumrum…

  4. Oh, wie wohltuend diese Schmachtfetzen der Erinnerungen sind: Alle unsere damals so geliebten Chanson-SängerInnen. „Le Métèque“ von Georges Moustaki habe ich noch im Ohr, ich fuhr damals ( es muss so in den 69 oder 70-ern gewesen sein) mit meinem Bruder von Süddeutschland nach Vallauris mit dem Auto. Er hat dort seine kleine französische Freundin (war zuvor meine Austauschschülerin) besucht. Fast die gaaaanze Strecke haben wir dieses Lied gehört. War ne wilde Zeit damals- am Strand von Nice lagerten tagelang Hippies, die von Aix en Provence kamen, denen ich mich stundenweise anschloss. Mein Bruder hatte ja sein eigenes Freizeitprogramm. Wieder zu Hause zurück, hörten wir in dieser Zeit auch Sandie Shaw mit „Puppet on a string“. Ich fand diese Jahre supertoll und es konnte nicht skandalös genug hergehen. Und für das Lied „Je t’aime“ fuhren wir gerne 30 Kilometer in die nächste Disco, wo es gespielt wurde, denn dort verkehrten französische Soldaten und wir hingen gefühlt studenlang im Stehblues aneinander, um das Lied zu „fühlen“. Hach!!!

    • dreher sagt:

      „Puppet on a string“ hat es tatsächlich auch in mein Kindergehirn geschafft damals (ohne den Text zu verstehen), ABER als Werbemusik von Bellinda Strumpfhosen! Wenn du mir gesagt hättest, dass mir so etwas noch mal einfallen würde …