Ein Wochenende

Plage du Midi

Der April ist dieses Jahr, wie andernorts auch, recht unbeständig. Gestern war es schön, so dass wir an den Strand gegangen sind. Wir schwammen, ich zum zweiten und Monsieur zum ersten Mal, und lagen dann so ein bisschen in der Sonne herum. Monsieur kann das nicht sehr lange aushalten, insofern waren wir pünktlich um 12 Uhr im Strandrestaurant zum Essen. Premiere. Das Restaurant hatte seinen Saisoneröffnungstag und für uns war es auch das erste Mal, dass wir am Strand aßen. Ich habe kein Foto davon gemacht, aber es sehr genossen. Außerdem war nett zu sehen, dass die seit Jahren in dieser Formation bestehende Restaurant-Crew, beinahe alle Ankommenden mit Küsschen und Umarmungen begrüßte: Hier kennt man sich. Sie hatten kurze drei Monate im Winter geschlossen, in denen das Restaurant allerdings starke Schäden erlitten hat (Sturm und Vandalismus), noch bis Freitag war hier gehämmert und gesägt worden, um alles wieder herzurichten; jetzt endlich geht es wieder los!

Blautöne mit Möwe

Abends waren wir beim kleinen und feinen Konzert im Garten der Moulin Forville. Poésie und Jazz heißt es dort seit drei Jahren einmal im Jahr. Es war das erste pleinair-Konzert in diesem Jahr und ich mag diesen versteckten, unscheinbaren Ort.

(Wenn man mir bei Gelegenheit erklären könnte, warum meine Handykamera bei gleicher Einstellung manchmal winzige Fotos macht und manchmal riesige, wäre ich dankbar! Ich habe jetzt mal die Hälfte der Fotos aus dem Speicher entfernt, vielleicht hilft es.)

Nachts im Suquet

Philippe Balatier von Nojazz begleitete diesmal junge Poetryslammer mit seiner elektronischen Musik. Ganz großartig: die jungen Rapper und Slammer, ihre Texte, und vor allem die Musik! Ich bin, seitdem ich ihn zum ersten Mal gehört habe, ein großer Fan von Philippe Balatier und stelle gerne nochmal diesen Song rein.

Heute ist der letzte Sonntag im Monat und außerhalb der Sommersaison ist dann die Promenade am Strand bis nach Mandelieu für Autos gesperrt. Man kann dort ungehindert Spazierengehen, Radfahren, Rollschuhlaufen, Joggen und hört dabei das Wellenrauschen. Das ist wunderschön, zumindest vormittags, wenn noch nicht so viele Menschen unterwegs sind. Denn diese Aktion der Stadt wird lebhaft angenommen. Heute war aber zusätzlich auch ein Triathlon, weshalb die Strecke zunächst für die Sportler gesperrt war. Wir standen mit unseren Rädern ein bisschen dumm herum. „Gehen Sie noch einen Kaffee trinken“, schlug uns ein Polizeibeamter vor. In einer Stunde etwa könnten wir losradeln, meint er. Während wir noch überlegen, was wir machen, läuft eine der provenzalischen Musikgruppen fröhlich plaudernd an uns vorbei und wir sehen Menschen vom gestrigen Abend (die Moulin Forville ist Sitz eines provenzalischen Museums, wir berichteten), die uns zuwinken: „Kommt in den Park Mistral, heute ist der 104. Todestag von Frédéric Mistral!“ Es gibt dort einen Festakt und den ganzen Tag wird es in Cannes zu Ehren des provenzalischen Dichters Musik und Tanz und Theateraufführungen in provenzalischer Sprache geben.

Square Mistral

Im frisch gestalteten Park Mistral,

Grüne Oase

 

in dem nun endlich auch die (frisch gereinigte) Büste des Dichters steht (früher stand sie außerhalb des Parks und zwischen Mülltonnen und Straßenschildern und kein Mensch nahm sie wahr)

Frédéric Mistral umgeben von seinen Romangestalten

haben sich schon andere provenzalische Gruppen versammelt.

Warten in der Sonne

zeigt her Eure Schuh …

Nachwuchs

Mademoiselle provençale

Drei Herren

Eine Dame

die ganz Kleinen werden geschoben

 

Kleine Trommler unterwegs

Plaudern

 

 

Da wir sowieso nichts besseres vorhaben, stellen wir uns dazu und hören uns die Ansprachen in provenzalischer und nicht provenzalischer Sprache an. Unser Bürgermeister ist stolz, dass seine Wurzeln in Cannes bis ins 15. Jahrhundert reichen. Ein mondänes Dorf sei Cannes geworden, sagt er, und es sei eine Herausforderung, das provenzalische, traditionelle und das internationale Leben zu vereinen. Einen Seitenhieb auf Marine Le Pen, die dieser Tage in Nizza erwartet wird, gibt es auch.

Andächtiges Lauschen

Es folgen Chorgesang und Trommel- und Pfeifenkonzerte die feierliche Kranzniederlegung.

Trommel- und Pfeif-Konzert

Kleine Trommler in Aktion

Und es rührt mich alles: die etwas heterogen klingenden Damenstimmen, mit welcher Ernsthaftigkeit junge Mädchen Tanzschritte üben

Tanzprobe

und kleine Jungens auf die Trommel schlagen und wie selbstverständlich auch die jungen Männer, die während des offiziellen Aktes, etwas abseits stehen und rauchen,

JUnge Männer im selbstgewählten Abseits

lautstark in die provenzalische Hymne Coupo Santo einstimmen.

Dann gehen sie los und ziehen durch die Innenstadt.

Ich mache noch ein Foto der Büste und staune, dass Mistral für sein Werk den Nobelpreis für Literatur erhalten hat.

Der Dichter mit Lichtstrahl

Auszug der provenzalischen Rede

Einer der provenzalischen Redner lässt es sich nicht nehmen, uns noch einmal von Mistral vorzuschwärmen. Er ist ganz ergriffen und hat am Ende Tränen in den Augen. „Lesen Sie Mistral“, sagt er eindringlich, „er ist auch isn Deutsche übersetzt worden!“ Ich verspreche es ihm, aber erstmal schwingen wir uns auf unsere Räder und radeln die Autofreie Straße am Meer entlang.

Freie Fahrt

Heute übrigens waren die Strände voller blauer Segelquallen, die jedes Jahr überall angeschwemmt werden.

Blau in Blau

Später erstehen wir noch etwas frisches Gemüse (frische Erbsen!!!) auf dem Markt und Monsieur muss dringend ein paar frische Austern haben.

Markteinkauf mit frischen Austern

Alles ist ganz wunderbar, bis Monsieur eine volle Flasche Pastis fallen lässt. Alles ist voller Scherben, der Küchenboden klebt und es riecht penetrant nach Anis. Grrrr. Nach einer wilden Putzaktion mit lauten Schuldzuweisungen wie „DU hast diese Flaschen da hingestellt! Ein total unpraktischer Platz!“ „Das ist ja wohl das allerletzte, ICH versuche schon immer die Flaschen aus der Küche zu verbannen, weil ich eh keinen Platz habe, aber DU stellst sie immer wieder da hin!“ undsoweiter, versöhnen wir uns letzlich beim Genuss der Austern. Sie waren wirklich ausgezeichnet. Ich mag ja sonst eher die Fines de Claires, aber diesmal sind die Bouzigues nicht so salzig und schmecken mir auch.

Jetzt gehen wir gleich ins Kino. Wie war Ihr Wochenende?

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7 Kommentare zu Ein Wochenende

  1. Ursula Weber sagt:

    Vielen Dank für den interessanten Bericht und die vielen schönen Fotos! 👍😘🙋

  2. Marion sagt:

    Na Hauptsache, auf den Streit folgt die Versöhnung… eine gesunde Streitkultur finde ich auch wichtig, gibt es leider in meiner Familie nicht… Mein WE: Freitagnachmittag: Flamencoveranstaltung im Altenheim meiner Mutter, nett umrahmt von einem Ratequiz und Tapas und Wein. Die lassen sich da echt nette Sachen einfallen für die Bewohner. Samstag: private Kosmetikberatung für mehrere Frauen bei einer kolumbianischen Bekannten, die sich damit gerne selbständig machen möchte. Solches Engagement sollte gefördert werden, außerdem hat sie sich sehr viel Mühe gemacht (Aperitif, kleine Häppchen, etc…), so dass ich tatsächlich auch 2 Produkte gekauft habe… ein Verkaufstalent! Sonntag: gebummelt, und abends wie üblich meinen Kilometer geschwommen. Dir eine schöne Woche (hach, morgen ist ja schon wieder ein Feiertag, und dann kann man wieder Maibäume bestaunen, ich liebe das…).Bye, bye…

    • dreher sagt:

      Streitkultur das musste ich ertsmal nachlesen, war nicht so sicher, dass wir da wirklich eine Kultur haben. Aber Versöhnung ist danach. In der Regel. Mir reicht schon, dass ich alles rauslasse, danach ist es gut.
      Danke für dein Wochenende! Einen Kilomter täglich oder wöchentlich?! Bravo!
      Ach ja Maibäume, so etwas gibt es hier nicht. Hier werden nur exzessiv die Maiglöckchen verschenkt.

      • Marion sagt:

        1 km wöchentlich (Lieblings-Schwimmbad 10 km entfernt). Meine Streitkultur ist wohl auch „südländisch“ geprägt (bekannterweise ist Köln die nördlichste Stadt Italiens ;-) ), nur leider verzeiht mir das keiner. Heutzutage soll man ja nur noch „gewaltfrei“ kommunizieren bzw. in „Ich-Botschaften“ sprechen, „Vorwürfe“ darf man erst recht nicht machen. Habe ich alles nie geschafft. Und auch kein Therapeut hat mich in diese Richtung biegen können. Ich glaub‘, ich bleibe lieber wie ich bin. Halte es für gesünder, auch mal aufs Gefühl hören, statt in jeder Situation rational zu handeln.
        Schönen Feiertag (2000 habe ich auch Maiglöckchen bekommen, als ich am 1.5. ein Date in Paris hatte, ach…)

  3. Gabriele sagt:

    Was für ein Himmel. Wunderschöne Bilder und was für ein Erlebnis, diesem Gedenken beizuwohnen, wenn auch ungeplant. Freue mich immer wieder über die gelungenen Einträge.

  4. Caroline Bahri sagt:

    Wir haben beim „Supranationale de Cannes“ in LaBocca dem Weltmeister beim Petanque zugeschaut. War Spitzensport! Der Vater vom Bürgermeister war mit uns – der spielt nämlich in unserem Verein…
    Bei dem Regen und Wind am Sonntagabend hat es mir die Haustür aus der Hand gerissen und an den Kopf geknallt. Die Brille ist zersplitterte und ich habe jetzt ein blaues Auge. So viel nur zum Wetter!

    Danke für die tollen Fotos,
    lieben Gruß Caro

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