Frankreich im Herbst oder Zwischen Gilets jaunes und Adventszauber

stellenweise ist es Winter in Südfrankreich

In Frankreich wird im Herbst ja traditionell gestreikt. Dieses Jahr sind es nicht die Gewerkschaften, die dazu aufgerufen haben, nein le peuple, wie man hier sagt, das Volk, der sogenannte kleine Mann (und die kleine Frau) gehen auf die Barrikaden, weil Macron eine Ökosteuer einführen will und als Erstes das Benzin teurer würde. „Die trauen sich was!“ hieß es vor etwa vier Wochen noch ehrfurchtsvoll in dem einen oder anderen deutschen Forum derer, die Frankreich so lieben. „Die machen das einfach! Toll!“ In der Zwischenzeit hat sich der Ton geändert, nachdem man schon wochenlang Autobahnmautstationen, Kreisverkehre, Supermärkte und Zulieferer blockiert und drei Samstage lang (nicht nur) Paris in Schutt und Asche gelegt hat. „Eine Schande, dass sich das so entwickelt hat!“ heißt es jetzt vorwurfsvoll an der gleichen Stelle. „Und dann auch noch im Advent! Da wollten wir doch nach Paris!“ Aber das ist dem Franzosen egal. Touristen hin oder her, er hat die Nase voll, er fühlt sich nicht gehört von der Politikerkaste und seinen Unmut muss er nun zeigen. Ich sage häufig, man spürt bei den Franzosen noch immer die revolutionäre Vergangenheit. Wir haben 1789 schonmal eine Revolution gemacht. Wir können das auch heute noch! Ich als dauerhaft in Frankreich lebende Deutsche nehme das in der Zwischenzeit so hin und arrangiere mich damit, dass manchmal wochenlang keine Post kommt oder kein Zug fährt und dass man derzeit in Supermärkten vor halb leeren Regalen steht und insbesondere samstags besser nirgends hinfahren sollte, weil man blockiert wird, und wenn man seine gelbe Warnweste nicht solidarisch hinter der Windschutzscheibe zeigt und auch noch ordentlich hupt, steht man als „Streikbrecher“ mindestens doppelt so lang irgendwo herum. Und doch heule ich jeden Abend ein bisschen erschrocken über all die Gewalt und Aggression, die via TV in mein Wohnzimmer schwappt. Viele gewaltbereite Gruppen nutzen die Demonstrationen der Gilets Jaunes, um Autos anzuzünden, Schaufenster zu zerschlagen und Läden zu plündern. Weihnachtseinkäufe der anderen Art.

Was will das Volk? Mehr Geld. Oder zumindest keine neuen Steuern. Keine Reformen. Sie wissen jetzt schon nicht wie sie am Monatsende über die Runden kommen sollen, wie soll es werden, wenn alles noch teurer wird? Heute Abend (im Prinzip gestern, ich hatte gestern schon einen Teil veröffentlicht) hat Macron sich geäußert und einen Teil der Reformen zurückgenommen, verspricht ein steuerfreies 13. Monatsgehalt (dort, wo es das gibt) der Mindestlohn soll um 100 Euro angehoben werden und noch ein paar Kleinigkeiten und vor allem soll der Benzinpreis, um den es ursprünglich mal ging, nicht erhöht werden. Aber den Gilets jaunes reicht es jetzt nicht mehr, sie haben sich gerade schön warmgekämpft. Wenn man in vier Wochen Randale Macron weichkriegen kann, dann machen wir weiter. So unglaublich begeisternd wie Macron im Wahlkampf zu den Menschen sprechen konnte, so wenig kann er es jetzt.  „Macron -Démission!“ wird neuerdings auch skandiert. Obwohl das nichts ändern würde, träte er zurück. Weder die Rechte noch die Linke haben etwas anzubieten, geschweige denn das Vertrauen des Volkes, das Heil wird auch von ganz Rechts oder ganz Links nicht kommen, aber gerade die schütten gerne Öl ins Feuer. Mélenchon hat schon dazu aufgerufen, am Samstag wieder zu demonstrieren.

Mit Vernunft kann man hier gerade nicht viel erreichen. Umdenken, weniger Auto fahren oder Fahrgemeinschaften gründen, ach was. Wir wollen, dass alles so bleibt. Dass man die Probleme (und die Staatsverschuldung) so den kommenden Generationen aufhalst, will keiner hören. Viel Unsachliches wird auch von ansonsten Vernünftigen geäußert. Was die Röcke von Brigitte Macron kosten zum Beispiel. Dass der Elysee mit seinem royalen Gehabe sich verschlanken könne und durchaus ein paar tausend Beamte weniger vertragen könnte, mag zwar sein, aber kein Beamter will davon betroffen sein.

Nun gut, sprechen wir von etwas anderem. Es war Weihnachtsmarkt in den Bergen. Schon letzte Woche bin ich für zwei Tage dorthin gefahren (natürlich nicht am Samstag!), um der Freundin, die sich dieses Jahr mit der Organisation noch mehr allein gelassen fühlte als sonst, und unter der Last der Planung zusammenzubrechen drohte, zu helfen.

auf dem Weg in die Berge
unterwegs: Touette sur Var
ein Plaqueminier, die Früchte heißen Kakis

Am Telefon hatte sie geklagt, dass alle versprochen hätten zu helfen, aber keiner bislang etwas täte, es sei noch so viel zu tun und nichts passiert. „Wir haben noch keine Bäume geschlagen und jetzt wird es gleich zu kalt dafür sein. Vielleicht wird es sogar schneien!“, jammert sie. „Es reicht ja nicht, die Bäume zu schlagen, wir müssen sie auch aufstellen und schmücken! Die Lichterketten müssen im Dorf aufgehängt werden! Der Gemeindesaal muss geputzt und dekoriert werden, die Tische müssen gestellt und und gedeckt werden. Das Kellergewölbe, in dem alljährlich Glühwein ausgeschenkt wird, steht noch voller Gerümpel. Wer wird in der Auberge sein, um dort den Kartenspielern bei dem nachmittäglichen Bélote-Wettbewerb Kaffee und Tee anzubieten? (denn auch der letzte Aubergist ist nach zwei Jahren, Ende Oktober, wieder gegangen) Und ich habe noch kein einziges Plätzchen gebacken!“ Sie hat viele Sorgen, aber ich muss dennoch lachen. „C’est la France!“, sage ich.So ist es doch immer, am Ende werden sie doch alle etwas tun und es wird fertig, glaub mir!“ Ich fahre aber dennoch hoch, und wir sehen zusammen den Gemeindesaal an, der immerhin schon ansatzweise geschmückt ist, entrümpeln das Gewölbe und verstecken alles andere hinter Stoffbahnen und Vorhängen. Wir überlegen, planen und dekorieren das Gewölbe und den Saal, und wir schmücken auch noch den großen Weihnachtsbaum am Brunnen und erstaunlicherweise macht es mir nach acht Jahren, oder sind es schon neun? auch wieder richtig Spaß, das zu tun. Abends lese ich ihr den Text vor, den ich anlässlich unseres ersten Weihnachtsmarkts geschrieben hatte. „Ach“, sagte sie, „so war das?“ „Ja“, sage ich. „Es ist jedes Jahr so, du bist nur dieses Jahr etwas empfindlicher, deswegen spürst du es so sehr.“

Le village

Ich verspreche, mich in der folgenden Woche um den Gemeindesaal zu kümmern, damit sie diese Sorge komplett los ist, und werde auch am Weihnachtsmarkttag in der Auberge sein. Außerdem will ich überall präsent sein, wo Not am Mann bzw. an der Frau sein könnte. Wir bleiben in den folgenden Tagen in engem Kontakt, ich segne von Weitem Dinge ab und gebe Ermutigungen. In Cannes erwerbe ich noch etwas Deko für den Eingang der verlassenen Auberge und backe Christstollen und Springerle und Gewürzsterne. Am Donnerstag reise ich mit Mann und dem vorbereiteten Essen für drei Tage wieder an. Ich will der Freundin nicht noch zumuten, für uns mittags und abends zu kochen.

Auberge Deko

Und dann gehts los. Waren wir in der Vorwoche noch allein, so sind jetzt doch schon ein paar Menschen im Dorf. Die Pinguine am Brunnen wurden zwischenzeitlich von einer Omi mit Schals bestrickt.

bloß kein Halsweh bekommen!
Der Wolf bekam auch einen Schal
eine Brieftaube?

Jemand hat die 120 Teller und das Besteck im Gemeindesaal schon gespült. Jetzt treffen wir uns, um  Tische und Stühle aufzustellen. Ich hatte tatsächlich vergessen, wie es hier ist. Nicht nur, dass es ein logistisches Tische-Stühle-Platzproblem zu bewältigen gilt, nein, jeder Neuankommende findet die bestehende Tisch- und Stuhlanordnung aus diesem und jenem Grund nicht gelungen. Il faut pas faire comme ça! So gehts nicht, warum auch immer und wir schieben und rücken, wechseln runde Tische gegen rechteckige aus und schon wieder kommt jemand dazu und hat noch eine andere Idee: „Mais pourquoi vous le faites comme ça? Warum macht ihr es so? So wird es nie was!“ So ist es übrigens bei allem, bei ALLEM, was es zu tun gibt, immer wird man ruppig gefragt, warum man es ausgerechnet so mache, oder die andere weniger aggressive Variante, mit dem erstaunten Ausdruck „ach, so machst du das?“

Kellertür
noch eine Kellertür

Und nein, man antwortet darauf nie, wirklich nie „Ich mache es so, weil ich es so mache und basta!“ oder etwas vergleichbares. Das gehört sich nicht. Immer hört man den Vorschlag des anderen an, diskutiert seine Idee respektvoll und versucht, sie umzusetzen, schon um zu zeigen, dass es so dann doch nicht geht. Hab‘ ich dir gleich gesagt, dass es so nicht geht. So ist es hier. In meinen ersten Jahren war ich fassungslos, wieviel Zeit man damit verplempern kann, Tische zu stellen oder ein Zelt aufzubauen und wieviel dabei geredet werden muss. Das weiß man doch nach ein paar Jahren wie es geht, oder? Das haben wir doch letztes Jahr auch so gemacht. Was muss denn da immer wieder aufs Neue diskutiert werden? Mich ermüdete das. Dann ging ich fort aus diesem Dorf und vergaß all das. In Cannes trat ich zwar auch in den einen oder anderen Verein ein, denn so macht man das hier, aber nirgends bin ich wirklich so drin wie in meinem Dorf bei den Écureuils en marche (den „marschierenden Eichhörnchen“, so heißt der Verein, den wir gegründet haben) und ich engagiere mich auch nirgends so wirklich. Jetzt bin ich also wieder da und erinnere mich. Stimmt, so war das hier. Und es ist immer noch so.  Noch finde ich es amüsant.

Réunion d‘ Écureuils

Als ich beginne, die Tische festlich zu decken, kommt die Weihnachtsmarktorganisationsfreundin hinzu. „Ach so machst du das?“, sagt sie schockiert, als ich zwei große Bahnen Papier für einen Tisch zurechtschneide. Aha. Sie auch. „Wie soll ich es denn deiner Ansicht nach machen?“, frage ich, wie ich es gelernt habe, zurück. „Na, ich dachte so …“, sie erklärt mir ihre etwas mühsame, aber papiersparende Technik, denn wir haben vielleicht nicht genug rotes Papier. Ich will nicht dominant sein und sage, na gut, dann machen wir es so. Richtig schön wird es nicht, es ist ein ziemliches Gewurschtel. Ich muss dann übrigens, Sparsamkeit hin oder her, auch eine banale weiße Rolle Papier für drei Tische anbrechen. Tischläufer haben wir überraschenderweise auch nur für drei Tische. Drei. Wir haben sieben Tische. Wir müssen sehr viel diskutieren. Nachmittags bin ich wieder im Saal, dieses Mal kommt eine andere Dame hinzu, die nicht nur gekränkt ist, weil Monsieur morgens schon die Fenster des Saals geputzt hat, denn das wollte sie doch machen, ich entschuldige mich mehrfach für Monsieurs Übereifer, sie nimmt es gnädig an, muss aber ihre Unzufriedenheit mit der klassischen Frage „Aber warum hast du die Tischdecken so hingeklebt?“ zeigen. „Wäre es nicht besser, zwei Bahnen zurechtzuschneiden, als dieses komische Gewurschtel, das sieht doch nichts aus!“ Langsam finde ich es nicht mehr ganz so amüsant und werde, zugegeben, etwas mürrisch. Ich sage, dass man es mir so aufgetragen habe. „Nein, nein“, entscheidet sie und zerrt ein bisschen an der Tischdecke, bis sie einreißt. „Siehst du, das geht so nicht!“ Ich reiße entnervt die gestückelte und nun auch noch zerrissene weiße Papiertischdecke wieder vom Tisch, während sie ohne Punkt und Komma weiterredet: „Wieso überhaupt dieses weiße Papier? Es sieht so unfestlich aus. Und wieso ein weiß-roter Tischläufer auf den weißen Tischen? Die Bürgermeisterin mit ihren Gästen muss an einem der roten Tische sitzen, die weißen Tische sind ja überhaupt nicht schön, das Rot ist schön, zwei Farben habe ich gesagt, zwei Farben, damit es eine Harmonie gibt, drei Farben sind Karneval.“ „Aber wir haben doch zwei Farben“, erwidere ich, „Rot und Weiß.“ Aber es ist nicht richtig angelegt, ihrer Ansicht nach, der weiße Tischläufer muss auf jeden Fall auf die roten Tische. Sie schüttelt sorgenvoll den Kopf. Der Saal wird nach nichts aussehen. Nun stellt sie Berechnungen an, wie man im nächsten Jahr Papierrollen kaufen könnte, die größenmäßig besser an die Tische angepasst sind, ohne dass es zu so viel Verschnitt kommt. Sie verschwindet und kommt mit einem Metermaß wieder und misst die Tische aus und die Papierrollen und rechnet, und sie schreibt alles auf einen Zettel, den sie im nächsten Jahr um diese Zeit sicher nicht mehr findet. In der Zwischenzeit fange ich an, Teller, Besteck und Gläser zu decken. Wir diskutieren noch einmal über die Lage der Gabel. Mit den Zinken nach unten oder nach oben? Wie sollen wir die Servietten falten? Und noch einmal diskutieren wir die Farbfrage. Weiße Servietten auf die roten Tische? Glücklicherweise muss ich jetzt helfen die Zelte auf dem Dorfplatz aufzustellen und kann sie einen Moment alleine lassen.

Blick aus dem Fenster


Auf dem Dorfplatz ist es nicht besser. Warum denn jetzt fünf Zelte auf dem Dorfplatz aufgestellt werden sollen? Waren es nicht immer nur vier? Jemand zieht mich zur Seite und sagt in vertraulichem Ton: „Es sieht nichts aus, wenn da fünf Zelte stehen und niemand stellt etwas aus. Wer kommt denn überhaupt alles? Der Fromager kommt nicht, heißt es. Und die Töpferin auch nicht. Stimmt das? Das wird eine jämmerliche Angelegenheit dieses Jahr, euer Weihnachtsmarkt, pôpôpôh“ macht er mit heruntergezogenen Mundwinkeln, „und in Guillaumes ist zusätzlich Foire, da kommt sowieso keiner hier hoch, glaub‘ mir, ihr hättet es besser ausfallen lassen sollen …“ Glücklicherweise weiß ich in der Zwischenzeit, was ich von diesem Miesmacher zu halten habe, vor acht (oder neun) Jahren hat er mich schrecklich destabilisert, aber jetzt zucke ich nur mit den Schultern. „On verra“, sage ich. „Das sehen wir noch“ „Das wird nix“, schüttelt er wieder den Kopf, und läuft gebeugt und miesepetrig davon.

Später hilft mir Monsieur im Gemeindesaal beim Servietten falten und ich werfe, mit hysterisch ausgestoßenen „Dior!“-Rufen, wahllos etwas Deko auf die Tische. Das wird zumindest von der Organisationsfreundin halb kritisch, halb bewundernd so behauptet. Sie hatte allerhand Tischläuferreste von den letzten Jahr zusammengesucht und die Tische sehen insgesamt etwas heterogen, aber durchaus kunstvoll aus. Also immer im Rahmen dessen, was möglich ist, nicht wahr. Um den Ereignissen vorzugreifen, die Bürgermeisterin sitzt dann abends doch an einem der weiß gedeckten Tische, weil sie ihn so edel findet :-)

Kürzen wir etwas ab. Alles wird gut. Es ist kalt, aber die Sonne scheint und der Sturm, der nachts beinahe die Zelte weggeweht hatte, hat nachgelassen. Nein, der Fromager kommt wirklich nicht, er hat einfach keinen Käse mehr zu verkaufen, die Töpferin kommt, wie erwartet, auch nicht, die ist in der Weihnachtsmarktkategorie aufgestiegen und stellt jetzt in Nizza aus, aber wir haben dennoch genug Aussteller, die Bastelarbeiten der zwei Grundschulen im Tal bekommen einfach etwas mehr Raum und auch die Frau, die die Kinder schminkt.

Wir haben auch Musik, denn die Musikbeauftragte kam am Freitag schon aus Toulon, um der Samstagsblockade zu entgehen (Toulon und Marseille sind zwei „harte“ Streikzentren). Dass ich am Vortag noch für den Fall des Falles stundenlang Weihnachtsmusik auf einen USB-Clé gezogen habe, tant pis. Wir haben Süßes und Salziges im Angebot, dazu handgearbeitete Türkränze, Duftkerzen, Geschnitztes aus Holz, es gibt eine Tombola, man kann eine Reise oder ein Essen gewinnen.

Ein Dorfbewohner röstet Maronen, ein anderer macht, obwohl er noch nicht lange wieder aus dem Krankenhaus zurück ist und noch an Krücken geht, die traditionellen Créspés (frittierter Brotteig), es gibt heiße Schokolade, Kinderpunsch und Glühwein.

Glühwein und Kinderpunsch
Das Lebkuchenhaus

Und eine Dorfbewohnerin hat, wie jedes Jahr, ein Lebkuchenhaus gebacken, das am späten Nachmittag mit den Kindern aufgegessen werden wird. Und der Nikolaus kommt mit seinem Esel, und nicht zu spät, wie befürchtet (die Krepppapierblumen an seinen Körben, wurden auch im Dorf handgearbeitet!) und wie durch ein Wunder wuseln plötzlich jede Menge Kinder durch das Dorf , die von ihm Mandarinen und Schokolade bekommen und den Esel streicheln dürfen, und die Kleinen dürfen auch auf dem Esel sitzen und durch das Dorf reiten.

St. Nicolas und sein Esel

Tatsächlich sind doch viele Menschen von Guillaumes und anderswo gekommen, der Nikolaus mit seinem Esel ist eine tolle Attraktion. Mittags schenken wir die Gemüsesuppe kostenlos aus, damit die Menschen auf dem Platz bleiben und nicht alle stundenlang zum Essen verschwinden und nicht mehr wieder kommen. Ich rede mit allen, vor allen mit denen, die ich nicht kenne und kaufe jedem etwas ab, so gehört sich das, sonst kommt nächstes Jahr gleich keiner mehr. Ich habe am Ende jede Menge Weihnachtsgebäck, einen von Grundschulkindern reizenden selbstgebastelten Mini-Weihnachtsbaum und andere Kleinigkeiten, ein Armband, einen hölzernen Kochlöffel und hausgemachten Essig und Kräuter, die ein langes Leben versprechen. 

Um halb drei beginnt ein Kartenspielwettbewerb in der Auberge und ich stehe nun hinter der Theke und serviere Tee und Kaffee und Limonade. Ich mache das so selbstverständlich, dass mich alle behandeln, als sei ich immer noch hauptamtliche Aubergistin. „Was trinkt denn Charlotte normalerweise?“, fragt mich ein Herr, der seiner Kartenspielpartnerin ein Getränk ausgeben will. Ich weiß es aber tatsächlich nicht, Charlotte war zu meiner Zeit nie in der Auberge, aber das sage ich nicht, empfehle hingegen ein Mineralwasser und liege nicht falsch. Ob ich nicht ein Schnäpschen in den Kaffee gießen könnte, werde ich von einem anderen Herrn gefragt, das kann ich leider nicht, mein Angebot ist auf einen plauschigen alkoholfreien Nachmittag beschränkt. Und ich habe auch keine leeren Plastikflaschen abzugeben, wie eine ältere Dorfbewohnerin, hofft. Sogar die Bürgermeisterin schlägt mir vor, die Auberge wieder zu übernehmen – das wärs doch, meint sie, und im Winter hätte ich sogar noch genug Zeit zum Schreiben.

Dann muss ich den Dienst in der Auberge aber doch kurzzeitig jemand anderem übertragen, denn in der Kirche müssen zwei Lieder geprobt werden und meine Stimme wird benötigt.

Wir bereiten ein Chanson von Aznavour vor und eines von Patrick Fiori (Les gens qu’on aime:  sagen wir den Menschen, dass wir sie lieben, so lange wir sie noch haben), und während wir noch üben, kommt schon le diacre, der Diakon, denn auch der junge Pfarrer hat seine Soutane (vorübergehend) an den Nagel gehängt und befragt sich irgendwo an einem Rückzugsort, ob er wirklich für das Priesteramt gemacht ist. Der Diacre ist gleichzeitig der Landarzt des Tals, so ist das hier. Er findet es schön, dass wir singen wollen und ist auch einverstanden, dass wir nach der Andacht in der Kirche noch den Apéro nehmen. „Das Haus Gottes ist für die Menschen gemacht“, sagt er.

Die Andacht ist so gut besucht wie selten (das liegt sicher auch am versprochenen Champagner-Apéro), es ist stimmungsvoll und nur mit Kerzen erleuchtet, wir singen die vorbereiteten Lieder und manch einer wischt sich ein Tränchen aus dem Auge. Nach dem Apéro ziehen wir in den Gemeindesaal. Das Essen wird dieses Jahr, mangels Aubergist, vom jungen Metzger des Nachbarorts ausgerichtet. Ich weiß, wie schwierig die Verhältnisse für den Service in diesem Saal sind und bin voller Bewunderung. Sie sind nur zu zweit und machen das perfekt, lecker ist es auch.

ohne Foie gras geht hier nichts

Danach wird spontan getanzt, die ersten klappen schon die Tische zusammen und zackzack werden die so mühevoll angeklebten Tischdecken abgerissen, zusammengeknüllt und die eben noch bewunderte Tischdeko weggeworfen und während andere noch den Kaffee trinken, wird in einer Ecke schon gehoppst. Sogar die Organisationsfreundin kann jetzt, wo alles gut gelaufen und fast vorbei ist, erleichtert lachen und ein bisschen tanzen, zum ersten Mal seit langer Zeit, sehe ich sie wieder so fröhlich. Wie wunderschön. Alle sind froh und zufrieden. Der Weihnachtsmarkt war ein Erfolg. Na klar. Und nächstes Jahr machen wir es wieder. Und ich bin dabei. Logisch.






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13 Kommentare zu Frankreich im Herbst oder Zwischen Gilets jaunes und Adventszauber

  1. Luda Liebe sagt:

    So schön, deine Beschreibung, liebste Christiane …. ich fühlte mich mittendrin …. DANKE! Auch für das mir bis dahin unbekannte Lied am Ende ….. eine kleine Entdeckung für mich ….. Danke!

  2. Caroline Bahri sagt:

    Liebe Christiane,

    was für ein toller, liebevoller, wunderbar bebilderter Bericht über euer Dorffest. Ich würde mich freuen, wenn du mir im nächsten Jahr sagst, wann es stattfinden wird. Dann kommen wir bestimmt!

    Liebe Grüße von Caro

    • dreher sagt:

      Gerne ❤️😊 Es ist immer so um den 6.Dezember herum. St Nicolas ist der Dorfheilige. Je nachdem wie er fällt, ist es das Wochenende davor oder danach oder manchmal auch direkt am 6. Das kannst du ja für eben schon mal festhalten 😉

  3. Franka sagt:

    Mit größtem Amusement habe ich die Diskussionen zur Vorbereitung des Weihnachtsmarktes gelesen und habe Ihr Engagement über die Jahre bewundert.
    Herzerfrischend dieser Text.
    Er lässt tiefe Einblicke in die Mentalität der (süd)französischen Bevölkerung zu.

    Ich wünsche noch zwei *ruhige* Adventssamstage und joyeux noel!

    ♥ Franka

  4. Tina sagt:

    Fühl mich so als hätte ich mit Euch dekoriert gespeist gesungen verkostet eingekauft diskutiert-über Farben oder so….;-) merci dafür Lb Christiane, fühlt sich warm an! Von Herzen aus Österreich zu dir . Feine Dezember Tage wünsche ich dir und deinen Lieben Tina 🍀💫👋

  5. Croco sagt:

    Was für schön eingefangene Stimmungsbilder! Danke, dass wir mitkommen durften.
    Ich habe übrigens die Wölfe an der Côte d‘Azur gelesen, an der Costa de la luz, mit den Zehen eingegraben im Sand. Ein sehr eindrückliches Buch. Und einiges davon ist sicher im Nikolausmarkt von oben schon mal vorgekommen. Habe es sehr sehr gerne gelesen.

    • dreher sagt:

      Sehr lieben Dank, Croco, freue mich sehr 😊 ich kann nicht verhehlen, dass in das Buch viel Selbst-Erlebtes eingeflossen ist 🐏🐑🐺

  6. Myriade sagt:

    Haha, sehr realistischer Kulturcrash-Artikel. Sicher finden die Franzosen die deutsche Pedanterie auch furchtbar nervig.

    • dreher sagt:

      Sorry, für die verspätete Freigabe, aber Ihr Kommentar war im Spam gelandet. Gerade erst entdeckt. Ausserdem funktioniert Ihre angegebene Website nicht?!

  7. Eleonore Braun-Folta sagt:

    Danke für diesen schönen Bericht. Ich habe das Gefühl, als hättest du erst gestern über den ersten Weihnachtsmarkt im Blog geschrieben und wie traurig du warst. Jetzt hört er sich fröhlich und unbeschwert an. Danke , Elli

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