Nur für heute – Nachtrag zu Tag 7

Na, es wird auch weniger tief recherchiert, wenn man so schnell produziert, bin ich ja nicht gewohnt, mache ja keinen Journalismus, ich schreibe normalerweise langsam, oft lasse ich Texte über Nacht ruhen. Jetzt aber habe ich den Takt erhöht. Ist auch neu für mich. Danke für Ihre diversen Hinweise zu der 20-Punkte-Liste, die ich veröffentlicht habe. Die ich grundsätzlich nicht schlecht finde, die auch jeder andere hätte schreiben können; die, von denen ich sie habe, liegen aber doch nicht auf meiner Wellenlänge. Das nur zu Klarstellung.

Keinesfalls wollte ich mit dieser im letzten Beitrag veröffentlichten 20-Punkte-Liste irgendwie Druck ausüben, was man alles soll oder nicht soll an seinen gefühlt oder wirklich leeren Tagen.

Nicht alle sind gerade in positiver Entdeckungs- und Aufbruchsstimmung. Vielen schlägt die Situation, verlorene Jobs, keine Aufträge, abgesagte Lesungen und Konzerte, keine Rücklagen, um einen Laden, eine Firma über mehrere Monate aufrecht zu halten und die finanzielle Unsicherheit der (nahen) Zukunft aufs Gemüt.

Vor mehr als 15 Jahren hatte ich einen Burnout, eine Depression, wie auch immer, und ich landete in einer psychosomatischen Kur. Ich war überrascht und fast verärgert, wie durchgetaktet meine Tage dort waren. Ich wollte doch nur in Ruhe im Bett liegen, aber schon um Sieben sollte man zur Morgenvisite angezogen im Flur auf den Arzt warten, danach gab es Frühstück und danach eilte man zu seinen Veranstaltungen, seinen diversen Therapien (Gespräche, Gruppen, Malen, Töpfern, Singen, Gartenarbeit, einen Pferdestall ausmisten (!)), hatte seine „Haus-Dienste“ (Tisch decken, Essen servieren, Blumen gießen) oder „Hausaufgaben“ zu erledigen. Menschen mit Angststörungen sollten vielleicht einmal alleine um den Block gehen. Mir wurden zusätzlich für die Mittagspause eigenartige Spaziergänge aufgetragen, Rückwärts gehen, Hüpfen, Wahrnehmungsübungen und dergleichen. Wir sollten aktiv werden, nicht lethargisch bleiben. Ich fand das damals alles befremdlich, im Nachhinein aber sehr „erdend“ und „verlebendigend“. Vieles war damals nicht erlaubt: Fernsehen, Mobiltelefone, Internet (das war damals aber noch gar nicht so verbreitet, man mag es gar nicht glauben), stattdessen sollten wir stricken, lesen, malen, puzzeln, Gesellschaftsspiele spielen oder singen in unserer abendlichen Freizeit. Abgesehen vom Lesen fand ich das alles absurd. Aber als ich zum ersten Mal nach gefühlten Ewigkeiten ein Puzzle legte, fand ich es ungemein hilfreich, sich nur auf das eine blaue Teil zu konzentrieren, das man suchte, anstatt ununterbrochen den ratternden nervösen „wie soll das alles nur enden“-Gedanken im Kopf nachzuhängen. Singen half mir damals auch ungemein, meine Ängste zu besiegen. Damals gab es diesen schrecklichen Tsunami, den habe ich aufgrund der fehlenden Medien total verpasst, aber ich glaube, eine zusätzliche Katastrophe wäre seelisch nur schwer zu verkraften gewesen. Mir haben dieses Anregungen aus der Kur und der getaktete Tag (aufstehen, sich anziehen, essen am Tisch, singen, spazierengehen …) dann auch während meiner späteren Arbeitslosigkeit geholfen. 

Ich hatte gestern früh überlegt, ob ich den Dekalog der Gelassenheit posten möchte und habe mich für diese Liste entschieden, weil sie positiv und gleichzeitig aktiver klang. Ob man nun eine Stunde in der Bibel lesen mag oder nicht, sei dahingestellt, aber den Tag in Häppchen einzuteilen, sich Aufgaben zu geben und aktiv zu sein und nicht stundenlang vor dem Fernsehen zu sitzen und sich die Nachrichten reinzuziehen, erscheint mir absolut sinnvoll. Das hätte ich zu dieser Liste vielleicht noch dazuschreiben können, wenn ich nicht so schnell hätte sein wollen. Ich reiche es hiermit nach.

Den Dekalog der Gelassenheit, und dessen Botschaft, die indirekt in der besagten Liste steht „lebe heute nur diesen einen Tag“ gebe ich Ihnen aber dennoch. Ich habe mich für diese Variante entschieden, weil man hier ein bisschen Natur in seine vier Wände geliefert bekommt.

Bleiben Sie ruhig und gelassen und vor allem gesund!

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4 Kommentare zu Nur für heute – Nachtrag zu Tag 7

  1. Gabriele sagt:

    Im Moment bin ich so mit Arbeit zugetaktet, dass ich mir wünschte, mehr Gelassenheit zu haben. Die Entgrenzung zwischen Arbeit und Freizeit ist im Homeoffice ein ziemliches Problem und obwohl ich das ja schon lange mache, ist es schlimmer geworden, nachdem praktisch alle zu Hause arbeiten. Seltsam… ich freue mich schon darauf, Deine Tipps auszuprobieren, wenn sich die Situation hier normalisiert hat. Allerdings haben wir auch gemerkt, dass ein kleines tägliches Innehalten, eine kurze Andacht doch sehr gut tut. Danke, dass Du uns an Deinem Leben teilhaben lässt – ich finde, dass so ein täglicher Blog schon nochmal mehr Verbindung schafft. Bleib gesund und alles Gute für Deinen Stiefsohn und seinen Lebensgefährten! Herzlichst Gabriele

    • dreher sagt:

      Danke Gabriele!
      Die Wünsche gebe ich weiter.
      Gute Nerven für das family home office!

  2. Ute sagt:

    Liebe Christiane,
    viiielen herzlichen Dank für Deinen heutigen Post.
    Ich lese immer und immer wieder und immer noch :-) gerne von Dir, aber heute fand ich so schön und erdend und wohltuend, was Du geschrieben hast!
    Und so eine schöne Version des Dekalogs der Gelassenheit!
    Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße
    Ute