Karfreitag – Nacht

Ich habe am Abend noch zufällig den Kreuzweg in Rom gesehen, Live-Stream mit Papst. Darüber kann man lachen, auch über die vielen Sprachen, die sich übereinanderlegen, wie bei jedem Live-Event. Französisch über Italienisch. Aber ich bin vor allem sehr beeindruckt, wie reaktiv die Kirche ist. Mir gefällt diese Form des Kreuzwegs, den ich sehe. Ein Kreuzweg der Gefangenen. Gefangene und Opfer haben die Texte geschrieben.

In der Kathedrale Notre Dame in Paris, die letztes Jahr kurz vor Ostern, durch einen verheerenden Brand stark beschädigt wurde, gab es am Nachmittag eine Andacht vor der geretteten Dornenkrone. Eine Handvoll Geistliche, ein Violonist und zwei Schauspieler, die Texte sprachen, waren dort mit Schutzhelmen und in Schutzkleidung versammelt.

(Photo by Ludovic MARIN / POOL / AFP)

Ich zeige Ihnen ein Foto zum Karfreitag aus der kleinen romanischen Kirche St. Maria in Lyskirchen in Köln, die ich vor etwa 16 Jahren entdeckt habe. Es war eine der Nächte der offenen Kirchen, wie es sie immer mal wieder gibt.

Ich hatte mich über zwanzig Jahre lang von allem Katholischen distanziert. Habe es mit allerhand anderen Gruppierungen versucht, evangelisch, evangelikal, esoterisch, die mir alle unecht vorkamen und irgendwann näherte ich mich dem Buddhismus, habe in Vollmondnächten Om gesungen und mich auch da falsch gefühlt. Für lange Jahre war dann die Psychoalanyse mein Gott. Bis zu meinem Burnout im Herbst/Winter 2004. Ich kann es nicht erklären, aber es zog mich in dieser Nacht der offenen Kirchen zurück in die Kirche. Ich war zunächst in Groß St. Martin, aber die Kirche war voller Menschen und ich fand dort nicht das, was ich erhoffte, keine Ruhe, keinen Trost. Es ist wohl vorbei mit der katholischen Kirche für mich, dachte ich. Es geht nicht mehr. Ich bin zu nüchtern geworden. Auf dem Weg zurück kam ich an der kleinen Kirche St. Maria in Lyskirchen vorüber und dachte, na gut, schau ich mir die eben noch an. Ich öffnete die Tür, die Kirche war nur wenig erleuchtet, von irgendwoher erklang leise klassische Musik und vor mir auf den Steinboden war mit hellem Licht ein Spruch projiziert:


„Hinter jedem Winter steckt ein zitternder Frühling und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.“

„Wie tröstlich“, dachte ich und war sehr gerührt. Ich hatte das Gefühl, diese Worte von Khalil Gibran waren nur für mich dorthin projiziert worden. Eine Begrüßung. Ich fühlte mich gesehen und verstanden und war außerdem alleine in der kleinen Kirche. Ich setzte mich in eine Bank und weinte. Sehr lange blieb ich nur sitzen und weinte. Ich wollte gar nicht mehr nach Hause. Später sah ich nach, wann es hier eine Messe gäbe. Sonntags abends. Wie ungewöhnlich. Es war dann auch alles ganz ungewöhnlich. Pfarrer Matthias Schnegg sprach nicht von oben herab, er stellte die Bänke um und stellte sich in unsere Mitte. Wir studierten vorab neue Lieder ein, die wir während des Gottesdienstes mal mit, mal ohne Orgelbegleitung sangen. Pfarrer Schnegg las Bibeltexte und erläuterte sie. Es war intelligent und lehrreich. Seine Worte waren nicht abgenutzt und er verwendete keine heruntergeleierten Floskeln. Hin und wieder verwandelte er die Kirche in ein Theater, manchmal gab es szenische Lesungen mit den Bibeltexten, manches Mal gab es Tanz und Performance, die Osternachtfeier fand wirklich in der Nacht statt und man kam tatsächlich mit dem ersten Tageslicht aus der Kirche: Und es ward Licht. „Von Herzen Dank, dass Sie heute hier waren“, sagte er jedes Mal am Ende der Messe und er meinte es so. Dieser Pfarrer und seine Gottesdienste haben mich in einer dunklen Zeit getragen. Oder Gott. Wie Sie wollen. Seitdem bin ihm oder dem Universum wieder näher gekommen.

In Frankreich habe ich nur einmal einen Pfarrer erlebt, der mich ebenso berührt hat. Ein ehemaliger Schäfer, der Frau und Sohn hatte, und „spätberufen“ Priester geworden ist. Das war natürlich im Bergdorf, das denken Sie sich. Aber er ging weg und bildet nun junge Priester aus. Die haben ein Glück! Und im Kloster St. Honorat, das wissen Sie schon, habe ich auch Ruhe, Trost und Antworten gefunden.

Vielleicht hilft es, in dieser Zeit, an etwas zu glauben. Mir hilft es. Und wie Sie merken, ist es mir in dieser eigenartigen Zeit ein Bedürfnis darüber zu sprechen.

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11 Kommentare zu Karfreitag – Nacht

  1. Gabriele sagt:

    Glaube kann etwas sehr Tröstliches sein. Die immer gleichen, sich in allen Ländern ähnelnden Rituale der katholischen Kirche geben immer eine gewisse Geborgenheit und Sicherheit, das habe ich immer sehr geschätzt. Es gibt auch in Berlin Gottesdienste, die live gestreamt werden, es gibt Andachts- und Gebetstexte – wir nutzen das schon sehr, weil es uns das Gefühl von Schutz und Segen gerade in dieser Zeit, in der so viele Gewissheiten zusammenfallen, gibt. Meine Schwiegermutter ist früher immer zu Pfingsten von München nach Altötting gepilgert, meist mit einem besonderen Gebetsanliegen, unter anderem auch, als unsere Staatsexamina bevorstanden. Als ich das meinen nichtgläubigen Kommilitonen erzählt habe, schwankten die zwischen blödsinniger Aberglaube und unfairer Wettbewerbsvorteil bei den Prüfungen. Witzigerweise war Letzteres mehr vertreten und ich spürte einen gewissen Neid, dass ich zusätzliche „Hilfe“ hatte.
    Gesegnete Ostern, liebe Christiane, pass gut auf Dich und Deine Familie auf!

  2. Christiane H. sagt:

    ganz lieben Dank für deine berührende Worte, ich würde auch sehr gerne einem Pfarrer Schnegg begegnen, bin immer mal wieder auf der Suche. Damals in Nancy gab es auch einen sehr engagierten und nicht so “ festgefahrenen“ Pfarrer mit einer sehr facettenreicher Gemeinschaft. Das half mir damals in meiner Einsamkeit. Zum Glück sind wir Suchende und spüren ganz genau was nicht zu uns passt, was sich falsch anfühlt.
    Schöne Ostertage

  3. Mumbai sagt:

    egal welcher Glaube, wir finden den Trost und das damit verbundene Gluecksgefuehl nur in uns.

  4. Caroline Bahri sagt:

    Ich freue mich für dich, dass du viele beeindruckende positive Momente in Kirchen erlebt hast. Ich will da auch ganz vorsichtig nur ein anderes Erlebnis erzählen. Als 1983 meine Schwägerin sich das Leben nahm, wurde ihr in Aachen die Beerdigung auf dem Friedhof verweigert und sie durfte nur in einer Ecke in ungeweihter Erde beigesetzt werden. Ihr 3jähriges Kind wurde nicht in den Kindergarten aufgenommen, weil es ja ein christlicher (!) war. Für mich war das der Anlass, aus der katholischen Kirche auszutreten.

  5. Sunni sagt:

    Ach wie schön für Sie. Ich habe mich von der Kirche als Institution völlig abgewendet, als mich der Vater meines Kindes – es war gerade 9 Monate alt – mitten im Staatsexamen und mit krankem Kind (also nicht anderweitig unterzubringen) allein ließ mit den Worten „Ich will noch etwas vom Leben haben und nicht ewig Windeln wechseln!“ Der Herr wurde Pfarrer und ordiniert, da war er das 2. Mal verheiratet, mit meiner ehemaligen Freundin. Die dritte Ehefrau war eine Geigerin, er spielte so schön Klavier…Die vierte ist Ärztin und die bisher letzte, man weiß es nicht. Alles drumherum, der gute Rat seines Vaters, ebenfalls Pfarrer, ich möge das Kind „beseitigen“, dann traue er uns, der Landesbischof, der meinte, er stelle nie solch einen Menschen ein und es doch tat und sich als IM herausstellte…Nein, an eine Insitution und die damit verbundenen Rituale sonntäglicher Frömmigkeit und wochentäglicher simpler Bosheit will ich mich nicht mehr binden. Mit dem Glauben an sich hat, nur meiner Meinung nach, Kirche als solche sowieso wenig zu tun, siehe oben. Aber ich finde es durchaus tröstlich in einer Kirche zu sitzen und zu ruhen, von und mit mir auszuruhen.Meine Erlebnisse beziehen sich auf die evangelische Kirche, es gibt aber genug Beispiele, dass diese Dinge nicht konfessionsgebunden sind.Herzlich, Sunni

  6. Croco sagt:

    Das ist eine schöne Geschichte vom Suchen und Finden.
    Solche Erlebnisse habe ich auch. Es ist schon etwas da, was sich dem Verstand entzieht.
    Aber der große Zweifel bleibt.
    Trotzdem mag ich den Geruch von Weihrauch, Choräle und das Licht durch farbige Glasfenster. Und Kathedralen.

  7. Angela Brühl sagt:

    https://www.lyskirchen.com/
    die website vonMaria Lyskirchen bietet aktuelle Texte,
    Gruß aus Köln
    Angela

  8. Vinni sagt:

    Schöne Worte und schöne Bilder, auch als Atheist verstehe ich (manchmal etwas neidisch), dass das Trost bieten kann. Ich bin gerne in Kirchen und spüre gerne den Stimmungen nach, auch wenn ich selbst keinen Glauben damit verbinde.

    Zufällig hab ich gestern die Messe des Pastes in Rom gesehen – der kleine alte Mann in weiß in dieser riesigen leeren Kirch… Das war schon ein ganz eigener Anblick, befremdlich, aber trotzdem auch berührend.

    Frohe Ostertage!
    Vinni