Die Freiheit des Wortes!

In Frankreich hat vor kurzem der Prozess gegen die Attentäter auf Charlie Hebdo begonnen. In dem Zusammenhang gab es einen erneuten Anschlag vor dem Gebäude, in dem sich damals die Redaktion von Charlie Hebdo befand. Der Attentäter war aber schlecht informiert, die Mitarbeiter von Charlie Hebdo sind umgezogen und arbeiten an einem geheimen Ort. Dies nicht wissend, hielt er zwei Journalisten einer Fernsehproduktionsfirma, die aus dem Haus kamen (oder hineingingen, genau habe ich das gerade nicht gefunden) für Mitarbeiter von Charlie Hebdo und griff sie mit einem Hackbeil an und verletzte sie schwer. Charlie Hebdo, die in diesem Jahr ihre 50 Jahre Existenz feiern, titelten folgendermaßen:

Je suis venu pour couper le gâteau. Ich kam, um den Kuchen anzuschneiden.

Am Freitag wurde der Geschichtslehrer Samuel Paty in einer Kleinstadt nahe Paris auf dem Heimweg von der Schule angegriffen, erstochen und enthauptet. Er hat, wie jedes Jahr, das Thema „Meinungsfreiheit“ und „Toleranz“ als (im Schulkanon angelegten) Schulstoff durchgenommen. Dazu hat er unter anderem die umstrittenen Karikaturen gezeigt. Obwohl er die muslimischen Schüler aufgefordert hat, die Klasse zu verlassen, wenn sie die Karikaturen nicht sehen wollten, beklagte sich eine Schülerin bei ihrem Vater, der in den sozialen Medien gegen den Lehrer hetzte, seinen Namen, Foto, Telefonnummer und die Adresse der Schule veröffentlichte. Ein 18 jähriger Mann fühlte sich berufen, diesem Lehrer den Garaus zu machen.  

Es geht hier nicht darum, noch einmal zu fragen, ob die Karikaturen nicht vielleicht doch geschmacklos und überhaupt unwitzig waren und ob man nicht besser nichts veröffentlichte, was jemanden verletzen könnte. Auch wenn man die schärfste Auto-Zensur anwendet, es wird immer jemanden geben, dem irgendetwas nicht gefällt.

Es geht um Satire. ALLES, Religion, Politik und das Alltagsleben waren und sind stets Thema von Satire. Zu erkennen und zu verstehen, was Satire ist, wird an Schulen gelehrt und gelernt.

Die Satire darf alles! schrieb Kurt Tucholsky, alias Ignaz Wrobel in seinem Text Was darf die Satire? Das war 1919. Sein Text ist immer noch (mehr denn je) aktuell. Und die Satire darf auch nicht gefallen. Und es ist wichtig zu lernen, damit umzugehen. Auch das wird an Schulen gelehrt und gelernt. Auch an deutschen Schulen übrigens.

Schreiben wir weiter, zeichnen wir weiter und verteidigen wir diese Freiheit des Wortes, es kann und wird nicht alles immer allen gefallen. Aber so ist es. Diese Freiheit haben wir auch, die Freiheit nicht einverstanden zu sein.


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12 Responses to Die Freiheit des Wortes!

  1. N. Aunyn sagt:

    Danke – dem ist nichts hinzuzufügen.

  2. Ich erinnere mich: als der erste Anschlag auf Charlie Hebdo verübt wurde, rechtfertigte man ihn auf einen queerfeministischen Blog mit dem Hinweis auf westlichen Imperialismus. Ich fand manche Karikaturen entsetzlich schlecht und geschmacklos, trotzdem wollte ich mich dieser Haltung nicht anschließen. Die übelste Karikatur, die schlimmste Beleidigung rechtfertigen keinen Mord.

  3. Trulla sagt:

    Jede Art von Verblendung, sei sie religiöser oder sonstiger ideologischer Art kennt keinen Humor, keine Selbstkritik, keinen Zweifel. Kann also per se Satire nicht verstehen.

    Das darf aber eine freie Gesellschaft nicht veranlassen, sich zu beschränken aus Angst, irgendjemand auf die Füße zu treten. Und deshalb ist diese Art von Unterricht in der Schule ungeheuer wichtig, denn nur so kann erlernt werden, Unterschiede, wenn schon nicht zu verstehen, wenigstens zu ertragen.
    Ich hoffe, dass Lehrer*innen nach dieser entsetzlichen Tat, die so unendlich traurig ist, nicht mutlos werden.

  4. Sunni sagt:

    An unserem Tisch trafen sich vor den bekannten Einschränkungen immer Menschen mit ganz unterschiedlicher religiöser oder atheistischer Einstellung. Eins war völlig klar: Das man sich nicht auf Kosten der anderen belustigt über deren Glaubenvorstellungen. Allerdings waren darunter auch keine, soweit ich es einschätzen kann, fanatischen Gläubigen, egal welcher Richtung. Satire darf alles…Ich habe fast 40 Jahre im Deutschunterricht eines Gymnasiums Satire erklärt, geübt und an Beispielen erläutert. Aber für mich allein und in unserem Haus geht das genau bis zu dem Punkt, an dem es das zutiefst verinnerlichte Glaubensgefühl eines Mitmenschen verletzt, ebenso übrigens wie auf Äußerlichkeiten einer Person Bezug zu nehmen. Ich bin Atheist, aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun. Aber ich halte mich sehr an den oben genannten Grundsatz. Tut das jemand nicht, dann ist das dessen Auffassung. Ich gestehe jedem seine Sicht zu.
    Morden, Töten, Erstechen, Enthaupten ist entsetzlich und ungeheuerlich. Es ist durch keine Verletzung irgendwelcher , auch religiöser, Gefühle gedeckt oder gar entschuldbar. Nein, nein und nein!

  5. Micha sagt:

    Ich sehe das anders. Meinungsfreiheit bedeutet nicht schrankenloses Raushauen von allem, was einem durch den Kopf geht. Denn Freiheit hat prinzipiell nichts mit Anarchie zu tun. Damit ein Wert ein Wert bleibt, muss er wertvollen Inhalt beherbergen. Das gilt auch für die Kunst. Und der Boden des Guten wird in dem Moment verlassen, in dem verletzt wird – und zwar egal auf welcher Ebene. Bei der Hebdo-Satire kommt die Absicht noch erschwerdend hinzu. Derlei Hetze braucht wirklich kein Mensch. Deshalb entschuldige ich Morde ebenso wenig wie Verletzungen und übelste Beleidigungen – alles Mittel des Krieges! Das hat alles nichts mit respektvollem Miteinander zu tun. Und genau das sollten die obersten Werte einer freiheitlichen Demokratie sein, denn sie sollte die Heimat von Pazifisten sein.

    • dreher sagt:

      Die Grenzen der Meinungsfreiheit sind gesetzlich geregelt; man kann Charlie Hebdo gerichtlich angehen, was schon mehrfach geschehen ist.

      Einen oder mehrere Menschen zu töten, oder dazu aufzurufen zu töten, weil er/sie etwas tut oder sagt, was einem nicht gefällt, ist nicht akzeptabel. Darüber kann ich nicht diskutieren.

  6. Wolfram sagt:

    O elende Schwarzweiß-Malerei, in Frankreich so geschätzt.
    Damals, nach dem Attentat auf die Redaktion, haben Schüler gewagt, eine eigene Meinung zu haben: „Der Mord an den Charlie-Hebdo-Redakteuren ist verabscheuungswürdig, aber Charlie-Hebdo als Sinnbild für Toleranz und Pluralismus aufzubauen können wir nicht unterstützen.“ Dafür sind sie mehrere Tage vom Unterricht ausgeschlossen worden.

    Denn Tucholsky irrt. Satire darf NICHT alles. In Deutschland steht das sogar im Grundgesetz, Art. 5(2): Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

    Damit wird der Respekt vor dem anderen, der in Frankreich an jedem Rathaus angeschrieben steht unter dem Wort „Fraternité“ (aber wer liest schon so weit, die meisten hören bei „Liberté“ schon auf…) auf Verfassungswert-Höhe gehoben. Das französische Recht ist in dieser Hinsicht eher restriktiver als das deutsche, aber ich mag das jetzt nicht heraussuchen. In jedem Fall steht in der Verfassung und auch in den internationalen Verträgen und Erklärungen, die die Französische Republik unterschrieben hat, die Religionsfreiheit und der Minderheitenschutz – dazu gehört auch, daß man Gläubige nicht als Zielscheibe für diskriminierende und xenophobe Witze wählt, nur um damit Geld zu verdienen.
    Was Charlie-Hebdo produziert, ist erstens Kommerz und außerdem keine Satire. Man behauptet, satirisch zu sein, ist aber im Grunde nur ätzend gegen alles, was dem eigenen kleinen Geist entgegensteht oder dem eigenen kleinen Begreifen zu groß ist. Man reitet auf der Welle der Intoleranz einer Reihe von Kunden und versucht damit Geld zu verdienen. Das Qualitätsniveau liegt dabei etwa auf der Höhe des „Stürmer“, das Toleranzniveau unterhalb dessen von Björn Höcke. Beispiel: unter der Überschrift „une taupe au Vatican“ (ein Maulwurf, eingeschleuster Spion im Vatikan) wird Papst Benedikt gezeigt, mit einem Maulwurf, der zwischen den Knöpfen der Soutane herausschaut, und dem Text „ca change des enfants de choeur“ (mal was anderes als Chorknaben). Das ist keine Satire. Satire bringt den gesellschaftlichen Dialog voran. Das ist mit Scheiße werfen, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Respekt für wen auch immer. Hauptsache, man verdient damit Geld.

    Es ist für mich logisch nicht nachvollziehbar, wie man zu Toleranz erziehen will, wenn man nur auf die anderen weist und deren andere Sicht der Welt eben gerade nicht toleriert. DAS ist die Toleranz der Da’ech, von R’haine und AfD: „ihr müßt unsere Intoleranz tolerieren!“ Und auch die Toleranz von Charlie Hebdo.
    Toleranz und Meinungsvielfalt sind in Frankreich kein gesellschaftlicher Wert. Da meint jeder, er müsse allen anderen seine persönliche Ansicht aufdrücken: „was für mich richtig ist, muß für alle anderen auch richtig sein!“ Jemand, der sich anders verhält, anders kleidet, anders ausdrückt, wird als Affront gegen die „communauté nationale“ angesehen und bekämpft.

    Die Charlie-Hebdo-Attentate können im Rahmen des Unterrichts über Toleranz thematisiert werden. Dazu ist es aber absolut unnötig, die Karikaturen wieder hervorzuholen, die schon Jahre zuvor für Aufruhr in halb Europa gesorgt hatten und die Charlie-Hebdo nur wieder veröffentlicht hat, um noch mal richtig aufzumischen und dabei vielleicht die eigene Pleite herauszuzögern. Diese Karikaturen zu zeigen dient nicht der Information, sondern der Provokation. Der Lehrer war sich der Provokation durchaus bewußt. Sonst hätte er nicht – was illegal ist – den Schülern angeboten, an diesem Unterricht nicht teilzunehmen. Seinen Tod hat er nicht verschuldet, aber provoziert. Unnötig. „provocation gratuite“ heißt das auf französisch. Er hat Wind gesät und Sturm geerntet.

    Mord ist durch nichts zu rechtfertigen.
    Wer aber jetzt den „armen Lehrer“ zum unschuldigen Opfer hochstilisiert, sollte sich dringend mit Max Frischs Biedermann beschäftigen. Denn er reicht gerade den Brandstiftern die Streichhölzer.

    • dreher sagt:

      Danke Wolfram, für deinen Kommentar, der deine Meinung wiedergibt.
      Den Satz, der Lehrer habe seinen Tod provoziert, kann ich nicht akzeptieren.

  7. Trulla sagt:

    @Wolfram
    In einem Punkt stimme ich Ihnen zu: „keine Toleranz der Intoleranz“!

    Dann aber: über Qualität der Karikaturen muss nicht diskutiert werden, die wird ohnehin in den Augen der Betrachter unterschiedlich gewertet. Wichtig ist, zu lernen auch Provokationen auszuhalten. Um das Ziel zu erreichen, ist der wertvolle Unterricht zur Meinungsfreiheit nicht hoch genug einzuschätzen. Und Ihre Sätze, die implizit die Opferrolle des grausam hingerichteten Lehrers in Frage stellen, sind unerträglich.

    Ein Wort noch zur von Ihnen geschilderten Papstkarikatur. Im Gegensatz zu Ihnen bin ich der Meinung, dass der über Jahrzehnte erfolgte „Nicht“ Umgang der katholischen Kirche mit einem fast schon systemimmanenten Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen geradezu nach Satire schreit!

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