Rama dama

„Rheuma“, sagt Monsieur erstaunlich ungerührt, als ich ihm klagend mein rechtes Handgelenk mit der geschwollenen schmerzenden Stelle hinstrecke. Natürlich sagt er nicht „Rheuma“ sondern rhumatisme, aber ich verstehe Rheuma und denke gleichzeitig „Räumma“ im Sinne von „räum ma des weg“, wie man im Hessischen sagen würde. Klar hab ich Rheuma im Handgelenk, ich räume gerade zu viel, denke ich. „Nimm zwei Apririn“, schlägt er, Apotheker alter Schule, vor. „Zwei Aspirin gegen Rheuma?“ Was soll das denn? Ich lese nervös alle Rheuma-Informationen der Rheuma-Liga, für mich klingt das wie eine Mafiöse Vereinigung, im Internet durch: Degenerative Gelenkerkrankung, sagt die Liga, die sich in Arthrose oder Arthritis aufteilt. Eins so unangenehm wie das andere. Ich denke, ich muss die Ärztin anrufen, aber es ist erst halb Acht. Zunächst koche ich mir einen Kaffee, aber um mir ein Marmeladenbrot zu machen, kann ich schon nicht mehr den Deckel des Glases aufschrauben. Passt vom Symptom, genau das hat die Rheuma-Liga als Beispiel gewählt. Ich halte Monsieur das Glas hin. Ich werde nie mehr Deckel aufkriegen, ich werde die Entrümpel-Challenge aufgeben müssen, ich werde nie mehr schreiben können, blitzt es durch meinen Kopf und ich starre das lahme Handgelenk an. Reicht es nicht, dass ich Rücken- und Knieschmerzen habe? Und Ischias? Ich sehe mich schon im Rollstuhl sitzen mit all dem Körper-Weh, das mich neuerdings befällt. „Nimm zwei Aspirin“ insistiert der Gatte nun streng und ich löse mir brav zwei Aspirin in einem Glas Wasser auf und trinke sie noch vor dem Kaffee.

Dann frühstücke ich und räume nur „light“ etwas das Wohnzimmer auf, denn es kommen unbekannte Menschen, denen Monsieur etwas unterzeichnen wird. Zwei Sekunden offizieller Besuch. Ich habs aber jetzt gern ordentlich. Ich habs eigentlich immer gern ordentlich, aber ich kann keine Ordnung halten. Wir beide nicht, sagen wir so. Ich bin vor zehn Jahren hier eingezogen, im Mai vor elf Jahren, um genau zu sein, und war frohen Mutes, diese vollgestopfte altmodische und dunkle französische Wohnung in eine helle französisch-deutsche mit einem Touch Deko und Design umzuwandeln. Nur, man ließ mich nicht. Der Mann nicht und niemand eigentlich. Wann immer ich etwas aussortieren wollte, fiel mir irgendjemand in den Arm: „das ist die Tischdecke, die meine Eltern zur Verlobung bekommen haben!“, rief empört die Tochter, als ich das verwaschene Stück Stoff aussortierte. „Dann nimm sie“, schlage ich vor, „wenn du so an ihr hängst.“ „Ah non!“ lehnt sie kategorisch ab. Super. Sie erinnern sich vielleicht an diesen Blogbeitrag. Ich erinnerte mich gerade auch, eine Kolumne dazu verfasst zu haben. Streit am Morgen, weil eine alte Plastikschüssel fehlte.

Irgendwann war ich es müde, dass ich hier nichts ändern konnte, oder für alle winzigen Änderungen immer so kämpfen musste, wurde dann versöhnt mit einem eigenen Zimmer in diesem Haus (nicht in der Wohnung), wo ich mich mit meinen Sachen umgeben konnte. Aber letztlich konnte ich auch da nicht alles so machen, wie ich wollte, außerdem war dieses Zimmer auch das Gästezimmer und kaum hatte ich mich zum Schreiben eingerichtet und ausgebreitet, räumte ich alles wieder zusammen, weil Besuch kam. Ich bin nicht „bei mir“, wurde mir jeden Tag bewusst, ich wohne und lebe bei Monsieur. Diese Situation führte zu einer gewissen Resignation meinerseits, einer lassitude, einer großen Müdigkeit. Ich war es müde, hier aufzuräumen, seine Sachen aufzuräumen, und meine dazu, die diversen Sammlungen zu bändigen, die Bücher vor allem, aber auch die Flut an Papier.

unfreiwillige Gummiringsammlung

Letztes Jahr gab ich „mein“ Zimmer an eine bedürftige Person, vorübergehend erst, dann dauerhaft – zähneknirschend und leise weinend – die Corona-Situation hat sie finanziell, familiär und wohnungsmäßig in eine Notlage gebracht: sechs Personen in zwei Zimmern, am Ende des ersten strengen Lockdowns krachte und knallte es da an allen Ecken und Enden – wir hingegen wohnen zu zweit auf 75 Quadratmetern, ich konnte ihr die Bitte um das Zimmer nicht abschlagen. Also räumte ich meine Sachen peu à peu aus und stellte sie zu meinen anderen Sachen in eine Garage. Die meiste Zeit in den letzten fünfzehn Jahren stehen meine Sachen in Garagen und Kellern. Das, was ich brauche, räume ich hier oben in die Wohnung und mal klagte, mal quengelte und mal wütete ich über das zu viel von allem und über den fehlenden Raum für meine Sachen. „Ich weiß“, sagte Monsieur jedes Mal, hilflos Schulternhochziehend und Armeausbreitend, „ich weiß, aber was soll ich machen?“ Diese Entrümpel-Challenge kam mir wie gerufen und das Besondere ist, möglicherweise wiederhole ich mich, das Besondere ist, dass Monsieur mich nun nicht nur machen lässt, sondern (in gewisser Weise) mitmacht. Der Pagnol ist derzeit schon unterwegs zu seinem neuen Zuhause. Ein knapper Meter Conan Doyle, der Vater von Sherlock Holmes, darf ins Sommerhaus umziehen. Dort ist die Möglichkeit, dass er gelesen wird, wegen Nichtvorhandensein anderer Medien, ungleich höher.

Ich konnte Bücherregale umsortieren und bekam so zwei zusammenhängende Meter Regal für meine Bücher. Großartig! Damit ist die vollgerümpelte Kommode im Schlafzimmer nun beinahe leer.

vorher
nachher

Wir haben gemeinsam knapp hundert DVDs entsorgt, und gestern stellte ich Monsieur zwei Schuhkartons voller „Erinnerungsstücke“ hin und bat um Entscheidungen. Der Gatte war müde, ich dachte, er würde nur den Deckel kurz lüften, hineinschauen und sagen „behalte ich alles“, aber nein, er entsorgte von sich aus zwei Drittel der lieblichen Kleinigkeiten (kaputte Uhren, Brillen, Anstecker, Postkarten, Brieftaschen, Eintrittskarten, Fotos) Boah! So geht es hier jeden Tag ein Stückchen voran. Ich bin wie angefixt, ich räume aus, ich schaue, was ich/wir wirklich brauchen und ich werfe weg. Und überlege und räume Dinge nun an den „richtigen“ Ort. Ordnung kommt von Ort, sagt Alexandra. Und wenn die Dinge einen richtigen Ort haben, dann ist das Ordnung halten ganz einfach. Es stimmt bisher. Ich weiß, wo die Dinge sind und ich finde sie wieder; anders als früher, wenn ich in Windeseile viel aufräumen musste und schnell alles zackzack irgendwohin stopfte, nur damit alles „weg“ war, und auf Fragen wie etwa „darf man erfahren, wo du meinen blauen Pullover hingeräumt hast“ keine Antwort hatte, nervös Schränke öffnete und die Kisten unter dem Bett, den besagten Pulli nicht fand und daher patzig zischte, „wenn du ihn selbst weggeräumt hättest, wüsstest du es!“ Das ist jetzt anders. Ich öffne immer wieder Schränke, weil ich mich so freue, wie schön aufgeräumt es darin aussieht und das beste, der Gatte muss gar nicht fragen, weil man alles sieht. Ich freue mich über freie Oberflächen, die frei bleiben (na gut, nur hier und da) und halb leere Schubladen. Halb leere Schubladen, wo gibts denn so was? Diese „Platzverschwendung“ ist mir fast unheimlich. Kann man da nicht schnell noch was reintun?

Warum ich seit elf Jahren das Backpapier, die Alu- und Frischhaltefolie und die Gefrierbeutel aus einem Eck im äußersten Linksoben der Küche hangele, die sowieso für größere Menschen konzipiert wurde und ich dort für alles ein Hockerchen brauche, wieso ich mich also immer ächzend nach oben links recke und auf Zehenspitzen stehend eine Zipfel der Folienpackung erhasche und ziehe, und mir dann alles entgegenfällt, ich laut fluchend alles wieder nach oben links hineinwerfe und die Tür zuknalle, weiß ich auch nicht. Das Papier, die Folien und Beutelpackungen haben ihren Ort nun in der Mitte in einem Schrank über der Mikrowelle, auf die Zehenspitzen muss ich zwar trotzdem, aber ich habe alles praktisch direkt vor mir. Sowas! Links oben ist jetzt das Kistchen mit den Medikamenten der Katze, auch die wird älter und hat Zipperlein, aber im Moment ist alles in Ordnung und die Kiste ruht da oben links gut.

Und nun habe ich Rheuma vom Räumen. Zwei Aspirin aber haben den Schmerz und die Schwellung tatsächlich verschwinden lassen. Mit zwei Paracetamol gehe ich gegen den Ischias an. So lange es sich mit diesen Basis-Medikamenten regeln lässt, räum ich hier unverdrossen weiter. Heute ist der Flurschrank dran. Ein echter Ort des Grauens. Ein riesen Ding, in den immer alles reingestopft wird. Ein Fass ohne Boden.

So weit war ich heute morgen gekommen; in der Zwischenzeit ist auch der Flurschrank zum größten Teil aus- und aufgeräumt; was haben wir nicht alles darin gefunden! Wir haben uns von Skistiefeln und Segelschuhen getrennt (werden wir alles nicht mehr tun in diesem Leben, muss man realistischerweise einsehen), ich habe die Hälfte des Schnorchelmaterials entsorgt, eine der Strandsammlungen (Fundsachen und Muscheln) mit denen ich immer mal eine Ausstellung machen wollte, (was will man nicht immer so alles), habe ich vor ein paar Tagen schon entsorgt, als das Thema „Sammlungen“ dran war.

Strandsammlung

Dann ging es an die Jacken – unter anderem wurde ein cremefarbener Smoking, in dessen Taschen noch der Beweis des letzten Tragens steckten: 2012 bei einer Abendgala der Goldenen Palme, entsorgt. Und ein marinefarbener zweireihiger Blazer mit Goldknöpfen. „Weg“, sagte Monsieur mit einer (haha) wegwerfenden Handbewegung. Und alte Lederjacken und noch so viel mehr. Fünf große Säcke flogen weg – ich habe vergeblich rauszufinden versucht, ob Plastikkleiderbügel mit Metallhänger in den hiesigen Plastikmüll dürfen oder nicht. Ich habe es jetzt teils teils geregelt.

Goldene Palme

Noch ist der Schrank nicht richtig fertig, ich brauche noch ein paar von diesen Vakuum-Säcken, um Kissen weniger voluminös unterzubringen und die Schwimmsachen (Flossen, Schnorchel) sollen noch in eine Kiste, aber hey, dieser Schrank war von Anfang an mein gefühlter Angstgegner, und es ging ganz leicht! Und das Handgelenk, das den ganzen Nachmittag geräumt hat, hat gerade spürbar kein Rheuma. Jippieh!

Die Überschrift „Rama dama“ (Räumen tun wir) ist diesem Film entnommen, den ich gerade gern nochmal sehen würde.

ps: heute bekam ich Post von lunettes sans frontières, die mir den Erhalt der Brillen bestätigen. Wie toll! Damit habe ich gar nicht gerechnet. Ich habe beim Ausräumen in der Zwischenzeit erneut sechs alte Brillen gefunden (drei allein in den Schuhkartons voller Erinnerungen), die warten noch auf ein paar andere und dann gehen sie auf die Reise.

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16 Responses to Rama dama

  1. Meine Güte, was geht mir da das Herz auf beim Lesen! Du bist wirklich so ein Wirbelwind im Räumen geworden und es freut mich ganz besonders, dass Monsieur sich hat anstecken lassen.
    Ich bin so begeistert über deine wunderbaren Schilderungen und kann dir nur gratulieren zu allem was du schon geschafft hast! Es lebe unser Grundsatz „Ordnung kommt von Ort“ ;)

  2. Bortz Birgit sagt:

    Wieder ein Text, den ich sehr interessiert lese! Respekt vor so viel Offenheit! Allerdings finde ich ihn auch etwas traurig….könnte es sein, dass die gesundheitlichen Beschwerden andere Ursachen haben?? Sich in seinem eigenen zu Hause nicht richtig wohl zu fühlen…. das kann auch krank machen! Herzliche Grüße aus Théoule und gute Besserung 🍀🍀😘

    • dreher sagt:

      Ach, danke schön! Aber naja, dann hätten die Schmerzen viel früher kommen müssen, es geht mir gerade so gut wie nie zuvor und ich fühle mich auch in dieser Wohnung langsam richtig zu Hause. Ich habe das Gefühl, sie mir mit Verspätung erarbeitet zu haben und Raum (und Luft) zu bekommen.
      Danke für die Wünsche!

  3. Michael Chevalier sagt:

    Wieder ein begeisternder Text!!!!!
    Ich weiss nur nicht so richtig, wieso ich da einen großen Spiegel mit meinem ungläubigen Gesicht sehe. Vielleicht bin ich bei der blossen Aktion „Denken“ stehen geblieben und warte, dass die Reaktion sich endlich in mich einschleicht.
    Auf alle Fälle, liebe Christiane, eine grossartige und beispielhafte Leistung.

    Und für die diversen Wehwehchen haben ich einen faszinierenden Erfahrungswert: Cannabis-Öl CBD einreiben. Das wirkt Wunder und ist ja in AM problemlos zu haben.

  4. Wendy sagt:

    Und ich gehe noch kurz auf den Film ein – Rama dama – ich habe ihn geliebt – liebe die Darsteller, den Regisseur.

    Und so viele davon viel zu früh gestorben – Werner Stocker wurde nichtmal 40 Jahre, Dana Vavrova nur etwas mehr als 40 …. (Joseph Vilsmaier ist ja auch letztes Jahr verstorben). Sie fehlen alle!

    • dreher sagt:

      Dankeschön. Wie traurig. Ich konnte es gar nicht glauben, dass beide Schauspieler schon so früh gestorben waren. Hab ich nicht mitbekommen. Krebs jedes Mal. 😢

  5. Ursula Weber sagt:

    Zuallererst ganz gute Besserung, liebe Christiane!
    Und nun große Bewunderung und Gratulation, was du in dieser so anstrengenden, großen Entrümpelungs-Aktion schon alles geschafft hast❣️
    Darauf kannst du wirklich stolz sein. Wunderbar, dass du auch Monsieur dazu bewegen konntest👍👏.
    Herzliche Grüße und alles Gute 🍀🍀🍀

  6. Trulla sagt:

    Oh, ich weiß es ja, von allem ist zu viel da!
    Ich habe also die Absicht, mir an Ihrer Aktion ein Beispiel zu nehmen. Muss es noch ein wenig reifen lassen…

    • dreher sagt:

      Vielleicht treffen wir uns nächstes Jahr bei der nächsten Challenge 😊
      Ohne den täglichen Impuls und all die anderen, wäre ich nicht weit gekommen, glaube ich.
      Liebe Grüße!

  7. Es ist so herrlich zu lesen!
    Als wäre ich gerade dabei… Auch wir halten uns an den Dingen fest, bis mich immer mal wieder ein Anfall der Ordnung überfällt…
    Dadurch, dass wir in unserem neuen Zuhause noch bis Ende Juni in einem Ferienappartement wohnen, bin ich ständig am hin und her räumen und liebe dieses befreiende Gefühl, eine freie Fläche zu erreichen.
    Danke für diesen Text am Sonntagmorgen! ❤️
    Silke

  8. Ulla sagt:

    Erinnere mich auch an dunkle, altmodische Wohnungen von Freunden in Paris.
    Viel antikes dunkles Holz, bunte dunkle Tapeten und schwere gemusterte Vorhänge.
    Wir fanden das immer besonders gemütlich wenn zu Besuch, aber selber so wohnen, nein danke.

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