Über das Wetter, Ostern und anderes

Frohe Ostern gehabt zu haben, wünsche ich Ihnen. Hier war es zunächst nicht so österlich, denn am Karfreitag, der hier kein Feiertag ist, hatte Monsieur noch einen kleinen Eingriff hinter sich zu bringen. Auch wenn mir viele sagten, “ach, das ist doch nichts, das hatte ich auch schon”, konnte mich das nicht wirklich beruhigen. Wir hatten im Vorfeld eine Nacht in der Notaufnahme verbracht und waren seither etwas nervös. Nicht nur die Tatsache, dass, sondern auch die bange Frage, was man bei dem Eingriff finden würde, sorgten mich. Nun, es ist gut gegangen, wir konnten aufatmen. Der Arzt konnte alles entfernen und das, was gefunden wurde, ist sehr wahrscheinlich nichts Böses; Monsieur wird also nicht, wie zunächst angedacht, erneut operiert werden müssen.

Deshalb und auch aufgrund vieler anderer schwer wiegender Themen, die hier gerade präsent sind, war es also nicht sehr Osterfroh, und wir waren äußerst dankbar, dass eine andere Verwandte dieses Jahr das Ostermenü ausgerichtet hat. Ich habe nur auf den letzten Drücker ein paar Ostereier gefärbt und ein paar Biskuitlämmchen vom Bäcker erstanden, die ich dieses Jahr verschenkt habe.

Das gestrige Mittagessen war nicht nur nett und heiter (!), sondern vor allem extrem lecker, was mich natürlich wieder in Zugzwang bringt und unter Druck setzt. Sie wissen, schon, eine Einladung muss erwidert werden. Aber erstmal hat es gut getan, und daran, dass wir essend und plaudernd von 12 Uhr mittags bis 19 Uhr abends am Tisch gesessen haben, habe ich mich in der Zwischenzeit gewöhnt. Die Einladenden waren zu einer Zeit Metzger in ihrem Dorf gewesen, wir hatten also bestes und zartestes Rinderfilet auf dem Tisch, das ich sogar in seinem halbrohen Zustand, seignant, blutig, wie es hier gerne gegessen wird, mit Genuss verspeisen konnte.

Die charmant und französisch-klassische (rot-weiß gekachelt), man könnte sagen filmreif aussehende Metzgerei wurde aber von keinem Metzger mehr übernommen, es findet sich jetzt eine Art Antikladen darin. Einen klassischen Metzger gibt es nicht mehr in M., nur noch einen Metzger in einem der großen Supermärkte ein paar Kilometer weiter. J. erzählte, wie er nun die Tour durch verschiedene Metzgereien der Gegend macht, bis er ein Stück Fleisch findet, das ihm zusagt.

Der ehemalige Metzger meines Vertrauens in Cannes ist vor Jahren nach einem Bandscheibenvorfall verschollen, und hatte ich bislang immer noch Hoffnung, dass er eines Tages wieder auftauchen würde, so ist diese nun zunichte gemacht. Es gab zwischenzeitlich Arbeiten in den Räumen. Seit kurzem hängt ein Schild im Fenster: “Hier wird in Kürze ein Nagelstudio eröffnet”. Nichts gegen die Nagelbranche, ich klebe mir auch seit einiger Zeit welche auf, aber das ist nicht wirklich das, was man hier im Viertel zwischen Bäcker und Gemüsehändler gebraucht hätte. Metzger, zumindest der klassische Metzger französischer Art, scheint ein aussterbender Beruf zu sein.

Zum Wetter: Früher bin ich an Ostern gern in den Süden gefahren bin, einfach drauf los, so lange, bis irgendwo die Sonne schien. Da hätte ich dieses Jahr weit fahren müssen, denn sogar an der sonnenverwöhnten Côte d’Azur war es nass und kalt.

Die letzten Tage regnete es, und nicht zu knapp, manchmal auch waagrecht gegen die frisch geputzten Fenster, und der tagelang komisch gelbe Himmel entpuppte sich als eine mit Saharasand gefüllte Wolkendecke, und so regnete es irgendwann Schlamm. In den Bergen hingegen hats geschneit. Der Saharasand kam nicht bis dorthin, blütenweiß sah der Schnee aus.

(c) Foto von Florence L.

Heute schien hier zwar die Sonne, aber der Wind heulte ums Haus. Wir haben Ostern und außerdem den 1. April, aber das Wetter ist kein Aprilscherz.

Wie eigenartig die eigenen Osterbräuche sind, wird einem erst bewusst, wenn man in einem Land ist, wo nicht der Osterhase die Eier bringt, sondern die Kirchenglocken, die von Rom zurückkommen. Hier sieht man die Glocken, die noch auf dem Weg nach Rom sind :D Ich liebe @clementinelatron, eine französische Zeichnerin, die in Amsterdam lebt

Außerdem schenkt man sich hier nicht nur Eier aus Schokolade, sondern auch la friture, kleine Schokoladen oder Pralinen in Fisch- und Muschelform. Dieser Brauch hat, laut mehrerer Internetquellen, mit dem im Neuen Testament erzählten wundersamen Fischfang der Jünger nach der Auferstehung Jesu zu tun.

Am ersten April stößt man wiederum auf den Fisch, den poisson avril, den Aprilfisch nämlich, den man hier in Papierform jemanden auf den Rücken heftet, und ihn somit in den April geschickt hat. Es sind zwei unterschiedliche Fischbräuche – la friture de chocolat von Ostern hat mit dem poisson d’avril nichts zu tun, beide Fischbräuche fallen dieses Jahr nur auf denselben Tag. Ich hatte aber gerade genug Scherze anderer Art, mein Smartphone wurde gekapert, piraté sagt man hier, und ich hatte Mühe, mich der Viren zu entledigen, freundlicherweise hat mein neuer Internetanbieter die Kosten für millionenfach kostenpflichtig verschickte SMSen erstattet), ich habe daher niemanden in den April schicken wollen, und bin bislang auch keinem Scherz auf den Leim gegangen.

Was gibts noch Neues? Ich habe mich entschlossen, endlich ein französisches Ausweisdokument zu beantragen, denn nein, das gab es mit der Staatsbürgerschaft nicht kostenlos dazu, das muss man extra beantragen. Ich hatte damals aber ehrlich gesagt die Nase voll von Papierkram und wollte nicht schon wieder eine beglaubigte Kopie der Geburtsurkunde meines vor über dreißig Jahren verstorbenen Vaters beantragen, weiterhin die Geburts- und Scheidungsurkunde des Gatten und allerhand Bürokratie-Scherze dieser Art mehr. Jetzt aber dachte ich, ich gehe es an und habe zunächst Kopien von den mir vorliegenden Originalen (Familienstammbuch) und Kopien (sämtliche Geburtsurkunden, Scheidungsurkunde etc) gemacht. Zusätzlich bewaffnete ich mich mit meinem Kopfhörer und ein paar Stunden Zeit, vermutete, ich würde den Radetzkymarsch endlich zu Ende hören können (gelesen von Michael Heltau; es fehlen nur noch knapp drei Stunden bis zum Untergang der KuK Monarchie, dazu mehr, wenn ich durch bin!). Ich glaubte ehrlich gesagt nicht, dass ich auf dem Standesamt wirklich weit käme (außer mit dem Hörbuch), aber siehe da, ich wartete, oh Wunder, nichtmal eine Minute und hatte noch nichtmal den Kopfhörer aus der Tasche gezogen, und das allermeiste kopierte Papier brauchte ich auch nicht (nur den obligatorischen Wohnsitznachweis in Form einer aktuellen Telefonrechnung, denn nein, es gibt keine Einwohnermeldeämter in Frankreich, insofern schleppen Sie für alles Amtliche immer Strom- oder Telefonrechnungen mit), denn von mir gibt es dank der offiziellen Einbürgerung eine Akte beim Innenministerium! Die Dame beim Standesamt war ehrfürchtig und auf eine gewisse Art beinahe freundlich, ich füllte unter ihren strengen Augen nur ein paar Bogen Papier aus, bei denen Sie mir aber keinesfalls helfen konnte, sind Sie Französin oder nicht, schien sie zu denken, drückte anschließend meine Finger auf ein elektronisches Pad, unterzeichnete, und das wars. In vier Wochen, rechtzeitig zur Europa-Wahl, werde ich meine erste Carte d’identité besitzen!

Und: Ich habe eine neue Brille. Jetzt kann ich Sie ihnen auch zeigen. Brauchte dieses Mal nämlich lange, um mich daran zu gewöhnen, obwohl sie bei der Optikerin eigentlich ein coup de coeur war. Ich habe auch einen neuen Lippenstift, irgendwie schien mir, dass es mehr Farbe bräuchte, in dem nun sehr hellen Gesicht. Damit lasse ich Sie, je vous laisse, ich mag diesen Ausdruck.

Doch noch ein PS: Ich habe ein paar Newsletter abonniert, vermutlich haben sich alle SchreiberInnen gedacht, der Sonntag sei der bester Tag, ihn an ihre LeserInnen zu schicken, da haben alle frei und man könnte den Newsletter in aller Ruhe lesen. Nun, ich lese derzeit besonders gerne Nils Minkmar, womit Axel Hacke und Petra Reski ein bisschen ins Hintertreffen geraten sind. So habe ich Axel Hackes letzten Newsletter “aus dem Büro” gerade eben erst gelesen, und weil es am Ende darin so viel um Heiterkeit geht (ich erinnere mich, dass ich das darin erwähnte Buch “Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten” bei meinem letzten Deutschlandbesuch erwerben wollte, und es dann vor Ort wieder vergessen habe), füge ich den Text noch hier ein. Achtung, er ist lang! Um die Heiterkeit geht es explizit erst am Ende des Newsletters, nach den Leseterminen und dem Buchtipp, aber der Text vorher, wie eine Kolumne entsteht, ist auch durchaus heiter zu lesen.

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15 Responses to Über das Wetter, Ostern und anderes

  1. Trulla sagt:

    Wie erfreulich, für Monsieur und für Sie, liebe Christiane: Entwarnung vom Doktor. Ich gratuliere von Herzen!
    Mein prägendster Eindruck vom Ostern der Kindheit in der Nachkriegszeit war der Osterspaziergang mit den Eltern a la “vom Eise befreit sind Strom und Bäche…” Der viel beschäftigte geliebte Vater nahm sich diese Familienzeit.

    Kirchlich frei und ungebunden durch andere Rituale wandelte sich später dieser Spaziergang mit meinem Partner zum Ostermarsch.
    Unsere Kinder liebten dann Ostern für die Eiersuche in Haus und Garten.
    Wir Eltern liebten die Lammkeule.

    Glückwunsch zur neuen Brille, sie steht Ihnen gut. Für uns Kurzsichtige ist so ein Erwerb ja immer eine Art Abenteuer, das Ergebnis erkennen wir in voller Tragweite erst vor dem häuslichen Spiegel, nicht wahr?

    • dreher sagt:

      Danke von Herzen, liebe Trulla!
      Die endgültige Entwarnung bekommen wir erst in etwa zwei Wochen, aber wir vertrauen der Erfahrung des Arztes, der schon allerhand “gute” und “böse” Gewächse entfernt hat in seinem Arbeitsleben.
      Bei uns wurde der Osterspaziergang von Goethe traditionell vorgelesen, es hat mich als Teenager dann nur noch genervt. An ein traditionelles Oster-Essen kann ich mich nicht erinnern (in Frankreich ist es in der Regel Lamm, in Form von Keule oder Brust, dass wir dieses Mal Rinderfilet bekamen, ist ungewöhnlich), aber es gab immer ein mehrgängiges Essen, an solchen Tagen, das meine Mutter vorbereitete, während mein katholischer Vater und ich in der Ostermesse waren. Mein Vater und ich waren traditionell auch schon in der Osternacht in der Kirche – mit Osterfeuer und nicht enden wollender Heiligenlitanei. Ich mochte die OSternachtfeier dennoch sehr! Sang allerdings jahrelang inbrünstig “Blumen Christi”, anstelle von “Lumen”, Licht Christi.
      Und ja, wie es wirklich aussieht, mit den kleinen Augen hinter den starken Brillengläsern, entdeckt man erst zuhause! Ich hatte zum Aussuchen immerhin Kontaktlinsen an, aber das fälscht die Größe der Augen vor. Und Monsieur, diesmal nicht dabei, ist häufig auch keine Hilfe, weil er keine Veränderung will.
      Liebe Grüße!

  2. Marion sagt:

    Bei mir ist Ostern ausgefallen. Familie im klassischen Sinn findet bei uns ja auch nicht statt. Ich habe aber die Ruhe genossen, hier geht es nämlich gerade turbulent zu.
    Einen Metzger gibt es hier in der Kleinstadt leider auch nicht mehr. Der schöne “Metzgerei”-Schriftzug wurde gekapert und hängt jetzt als Designobjekt im örtlichen Tattoo-Studio. Eine Haut-Metzgerei 😁. Dafür gibt es aber noch klassische Bäcker, und davon immerhin noch so viele, dass sie sich gegenseitig Konkurrenz machen.
    Die neue Brille steht dir prima und macht dich auch nicht zu blass.
    Die Illustration ist ja niedlich!
    Je te laisse aussi pour aujourd’hui, bye bye 🤍

    • dreher sagt:

      Lieben Dank für deinen Kommentar und das Brillenkompliment!
      Und ja, das wird aus den Metzgereien – Antikläden und Deko-Objekte, seufz – die Tendenz mit ohne Metzger in den Dörfern ist steigend.
      LG!

  3. Marion sagt:

    Und gute Besserung für Monsieur! 🙏🏼☘

  4. Eva sagt:

    Hallo,
    gut siehst Du aus! Die Brille gefällt mir!
    Herzliche Grüße, derzeit aus Nordspanien,
    Eva

  5. Pingback: 24-04-02 Christ lag in Todes Banden – iberty.de

  6. Simona sagt:

    Das Saharasandfensterfoto ist sehr toll.
    Und der kleine Schokoladenfisch. Da muss ich wohl irgendwann einmal Ostern nach Frankreich.
    Die Brille ist großartig. Und der Lippenstift auch.
    Sehr gerne gelesen und gesehen alles.

    • dreher sagt:

      Es gibt auch jede Menge andere beeindruckende Schokoladetiere zu Ostern (und Objekte, die kleinen ukrainischen Jungs haben damals einen beinahe “lebensechten” Schoko-Fußball bekommen); jenseits der Ostereier, der Hasen und der Hühner gibt es fast alles, sogar einen Panda habe ich dieses Jahr gesehen. Und die kleinen Schokofische und Muscheln sind echt allerliebst. Frankreich ist aber immer eine Reise wert, nicht wahr ;-)
      Schön, dass du hier liest! Danke dir für das Brillen- und Lippenstiftkompliment!

  7. Gundula Mehlfeld sagt:

    Sehr hübsch – sie und die neue Brille! Hoffentlich gibt es bald Entwarnung für M. – LG Gundula

    • dreher sagt:

      Dankeschön!
      Wir haben ja schon eine mündliche so-gut-wie-Entwarnung bekommen, das tut schonmal ganz gut!
      Leider haben wir erst Mitte Mai den Termin für die Ergebnisse [dass es nicht dringend gemacht wird, zeigt aber auch, dass es “gut” ist; wir hatten schon einmal den Fall (anderes Organ), dass der Arzt sonntagsabends bei uns angerufen hat, um zu sagen, man dürfe die OP keinesfalls aufschieben].
      LG!

  8. sunni sagt:

    Oh, sehr chic, die neue Brille und das “Kunstwerk” insgesamt sehr französisch!! Ich wünsche alles Glück der völligen Entwarnung, aber solche Ärzte wissen schon sehr, sehr genau, was sie sagen, wenn es heißt ” mit 99% gutartig”!
    Die Fischlein sind sehr niedlich, und sie toppen Eier allemal.
    Wir waren Ostern allein und am Sonntag sogar einmal zum Essen aus, das musste sein, wenn auch unter großen Schwierigkeiten des Transportes.Das muss nun alles gut geplant sein mit allen Eventualitäten.
    Alles Gute in allen genannten und ungenannten Dingen!
    Alles Liebe, Sunni

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