Am Fluss und im Meer

Auf dem Weg zum Flughafen hatten wir noch Zeit, wir waren extra früh losgefahren, um nicht in den Berufsverkehr zu geraten – auf dem Rückweg sahen wir den Stau, dem wir so entkommen waren – und hielten kurz vor dem Flughafen, am Ufer des Var an. Monsieur las oder döste vielmehr, ich machte einen Erkundungsspaziergang im Var; das wollte ich schon lange mal machen. Sie haben richtig gelesen, im Var! Der Fluss Var, der ein paar Kilometer oberhalb des Bergdorfes aus mehreren Quellen entspringt und auf seinem Weg nach unten von vielen kleinen Nebenflüssen gespeist wird, “wirft sich hier ins Meer”. Dass die Flüsse, die sich ins Meer werfen (le Var se jette dans la mer) eigentlich Ströme sind und im Französischen männlich, die Flüsse, die sich in den Strom werfen, durchweg weiblich sind, wissen Sie vielleicht, ich habe es früher schon einmal erzählt.

Der Var also, in dem man oben in den Bergen manchmal baden kann, in sehr heißen Sommern, wenn einen das sehr kalte Wasser nicht mehr schreckt, er wirft sich hier, knapp einen Kilometer vor uns bei St Laurent du Var ins Meer. Manchmal, wenn es tagelang stark geregnet hat, ist der Var (auch aufgrund seiner Schiefererde, die er mit sich führt) nicht nur sehr groß, sondern auch sehr grau und aufgewühlt und führt, trotz einiger Schleusen unterwegs, viel Unrat mit sich, das sieht man an der Mündung, wo sich das blaue Meer und die graue Schlammbrühe vermischen. Manchmal ist dann das Baden verboten, manchmal hat man auch von alleine keine Lust. Wahrscheinlich ist das Wetter sowieso schlecht.

Am Freitag war der Fluss zwar schmutzig grau und aufgewühlt, es regnet hier zur Zeit ungewöhnlich viel, aber das Flussbett war dennoch weit und leer. Manchmal ist es im Sommer so weit und leer, dass sich Wohnsitzlose dort vorübergehend niederlassen. Ist aber natürlich verboten, denn nach einem Gewitter, und davon gibts im Sommer in den Bergen viele, kann der Fluss hier unten, ohne ersichtlichen Grund (das Gewitter und der Regen in den Bergen sind hundert Kilometer weiter südlich nicht zu erahnen) überraschend schnell anschwellen. Auch oben in den Bergen, wenn man etwa eine der beliebten Wanderungen durch die Schluchten macht, steigt das eben noch nur knöchelhohe Wasser bei Regen schnell an, und man kann nirgendwo ausweichen. Ich nähere mich dem Var also vorsichtig, während ich über die Kieselsteine und den etwas schlammigen, aber festen Boden seines Flussbettes gehe. Aber natürlich passiert nichts. Ich treffe nur ein paar fette und unerschrockene Großstadttauben, die im Schlamm nach Würmern suchen.

Gestern dann war es endlich wieder so warm, dass wir morgens an den Strand gehen konnten. Es wehte dann aber doch so sehr, dass ich zunächst nicht glaubte, dass ich schwimmen gehen würde, aber nachdem ich den Strand einmal entlang gelaufen war, um den Fünfmaster (es soll das Schiff vom Club Med sein) besser sehen zu können, war es mir so warm, dass ich mich in die Wellen warf.

Am Strand traf ich übrigens eine Gruppe der “Mamadous”, der senegalesischen Straßenverkäufer. Wir begrüßten und und ich fragte wie die Geschäfte liefen. “Très bien”, sagte mir einer der ehemaligen Nachbarn. Um dann “un peu” nachzuschieben. “Un peu bien” meinte er dann schließlich. Ein bisschen gut.

Dann sah ich, wie sie einer nach dem anderen im Abstand von etwa 15 Minuten schwer bepackt den Strand entlanggingen.

Ich schwamm ein ordentliches Stück, nicht so weit wie im Schwimmbad, das Schwimmen war in den Wellen ein bisschen anstrengender als das bloße Geradeausschwimmen im Hallenbad, ich musste quasi kreuzen, um nicht an den nächsten Strand im Westen abgedrängt zu werden. Zuerst kam ich euphorisch aus dem Wasser, “jeden Tag werde ich wieder schwimmen gehen”, sagte ich großspurig, nachmittags war ich dann völlig erschöpft und machte eine zweistündige Sieste. Vor ein paar Jahren war ich noch in der Lage, das ohne das geringste Anzeichen von Müdigkeit zu tun. Älterwerden ist ein bisschen ernüchternd.

Heute früh war ich dann auch gleichmal nicht schwimmen, sondern einkaufen. Da ist es wieder. Frau darf natürlich Schwimmen, Lesen oder Schreiben, aber das Essen muss trotzdem mittags auf dem Tisch stehen, vor allem, wenn Gäste da sind. Immerhin habe ich gerade eine Stunde in “Das Lächeln meiner Mutter” von Delphine de Vigan gelesen. Ich mag den Stil, aber ich bin nicht sicher, ob das Thema und die Stimmung des Buches mir gerade gut tun.

Das Filmfestival geht ein bisschen an mir vorbei dieses Jahr. Nicht nur, dass ich keine Tickets bekommen habe (ich ging bei der Verlosung von Kartem, Invitations wie das hier heißt, für die Einwohner von Cannes leider leer aus), früher musste ich gar nicht viel tun, um vom Festival mitgerissen zu werden, denn Serge, der verstorbene Freund, der natürlich immer akkreditiert war und mir hin und wieder Karten weitergab, und der uns über alles, was er gesehen, erlebt und gehört hatte, auf dem Laufenden hielt, stets begeistert und von ungeheurem Mittelungsdrang beseelt, brachte uns das Filmfestival quasi nach Hause. Das fehlt jetzt. Er fehlt.

Statt Festivalfilmen schaue ich mir abends die neue iranische Serie “The Actor” auf arte an. Absolut spannend!

Noch einen schönen Pfingstsonntagabend! à bientôt!

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8 Responses to Am Fluss und im Meer

  1. Croco sagt:

    Ein frohes Pfingstfest dir. Das ist mir eines der liebsten Feste, da sie nicht so überladen sind mit Traditionen. Eigentlich gibt es keine Pfingsttradition.
    Am Ufer des Rheins findet man mittlerweile Muschelschalen zwischen den Steinen, ein bisschen wie am Meer. Das Schiff ist ja beeindruckend. Ich hab sogar fünf Masten gezählt, von sowas hab ich noch nie gehört.

    • dreher sagt:

      Danke dir! Hier ist es so wenig feiertäglich, sogar die Geschäfte haben heute und morgen auf.
      Ja, es ist tatsächlich ein Fünfmaster! Siehste mal, ist so selten, dass ich es auch nicht gesehen habe.
      Am Rhein in Köln habe ich auch gerne kleine Muscheln und Schneckchen gesammelt. In Cannes gibt es keine Muscheln mehr, alles frisch aufgeschütteter “fremder” Sand. :(

  2. Gabriele sagt:

    Es ist immer so schön, wie du deine Leser*innen mit durch deinen Tag nimmst – ich sehe die Orte, die du beschreibst vor mir ☀️ Der Regen ist in diesem Jahr sehr ungleich verteilt, Berlin ist seit Wochen staubtrocken, in anderen Teilen Deutschlands stehen Städte unter Wasser – irre alles. Bonne Pentecôte sur la Côte d’Azur Gabi

    • dreher sagt:

      Oh, danke dir, liebe Gabi! Freue mich über deine Rückmeldung 🙏😊💕 Manchmal bin ich nämlich nicht so sicher, ob das (allen) wirklich gefällt.
      Liebe Grüße, frohe Pfingsten!

  3. Gundula Mehlfeld sagt:

    Da muß ich mich der Gabi gleich anschließen! Ich lese auch immer voll interessiert, was du so erlebst. Einen schönen Pfingstmontag! LG Gundula

  4. Marion sagt:

    Hier sind die Schützenvereine unterwegs und machen Lärm, äh Musik, ansonsten freue ich mich über ein bisschen mehr Ruhe an Pfingsten. Wetter ist herrlich, sonnig, ein bisschen bedeckt, nicht zu warm (20°) … und mein Lieblingsfreibad hat immer noch nicht geöffnet 🙄 (machen jedes Jahr später auf). Aber top Fahrradwetter!
    Ja, das Buch ist oft traurig und tragisch, aber es erzählt auch viel über das Leben in einer frz. Großfamilie – vielleicht findest Du ja noch rein 👍.

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