Lost in navigation

„Nach zweihundert Metern in die Err Uh Eh de Belgik abbiegen.“ Was? „Jetzt in die Err Uh Eh de Belgik abbiegen.“ Ich bin so irritiert, dass ich fast vergesse in die Rue de Belgique auch wirklich abzubiegen. Sie sagt tatsächlich Err Uh Eh de Belgik und betont Belgik auf der ersten Silbe, die neutrale weibliche Stimme meines Handy-Navigationssystems. Und nochmal Err Uh Eh. Err Uh Eh de Suhjse. Ich lache hysterisch. Suhjse. Das heißt Suisse, die Schweiz, möchte ich verbessern, aber ich biege dennoch ab. Ich bin so irritiert, nicht nur weil die Straßen rund um die Avenue Georges Clemenceau, die die Stimme zur Ävenjuh Dschordsch Klemenzau macht, alle verstopft sind und ich natürlich keinen Parkplatz finde und daher im engen Einbahnstraßenlabyrinth von Nizza herumeiere. Es regnet in Strömen, der Scheibenwischer schafft es fast nicht, die Fensterscheiben sind beschlagen. Ich lasse die Fensterscheibe runterfahren, um die Straßenschilder erkennen zu können. Glauben Sie nur nicht, dass man an jeder Straßenecke die Straßennamen angebracht hat. Ich fahre also im Stopp and Go diese unbekannte Straße entlang und schon mischt sich die Stimme wieder ein. Ich solle nach links fahren, schon wieder in eine Er Uh Eh. R.U.E. Das heißt Rue, möchte ich schreien. Rue, du Plunze, Rüh gesprochen! Und sie ist auch verstopft diese Straße, siehst du das nicht? Und parken kann ich auch nicht! Aber die Stimme wiederholt stoisch ihre Anweisungen und spricht alle französischen Straßennamen entweder deutsch oder englisch aus. Ävenjuh. Dschordsch. Klemenzau. Err Uh Eh de Belgik. Das ist so unglaublich verwirrend, dass ich im Stau stehend versuche, sie zum Schweigen zu bringen. Kann ich nicht einfach zur stummen Variante zurückkommen? Oder die Anwendung komplett schließen? Es hupt hinter mir. Ich werfe das Handy zurück auf den Beifahrersitz und fahre drei Meter weiter. „Jetzt in die Err Uh Eh … abbiegen.“ „Nein“, sage ich gehässig, „mache ich nicht, lern du erstmal Französisch!“ Ich klicke sie weg, aber sie redet auch mit weggeklicktem Bild immer weiter. Es fällt mir tatsächlich schwer, geradeaus zum Parkhaus Louvre zu fahren, entgegen ihren Anweisungen, JETZT in die Ävenjuh Auhber abzubiegen. Erst im Parkhaus hält sie den Mund. Im vierten Untergeschoss finde ich einen Parkplatz und schalte zitternd das Handy aus. Ich laufe im Regen durch alle diese Err Uh Ehs und finde die Ävenjuh Dschordsch Klemenzau, wo ich einen Termin habe, seit zwanzig Minuten. Hausnummern gibt es auch nur hin und wieder. Vor dem Haus, das ich als das richtige zu erkennen glaube und dazu wieder auf mein nun stummes Handy starre, spricht mich ein Papy, ein Opa, ein älterer Herr mit Gehwägelchen an. Hat er sich verlaufen? Sucht er auch eine Adresse? Es geht mir mit ihm wie mit der Navigationsstimme. Ich verstehe erst nicht, was er sagt. Spricht er auch Deutsch? „Ah, ma jolie poupée, tu ne veux pas de moi?“ Der macht mich an, dieser alte Sack, der nicht mal mehr richtig gehen kann! Non, mais! Er lacht mich zahnlos an. Oder aus? Vor Schreck laufe ich weg und verliere noch einmal gut fünf Minuten, bis ich endlich die Stufen des richtigen Hauses hinauflaufe.

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7 Antworten auf Lost in navigation

  1. Uschi sagt:

    Oh du Arme, da bist du ja bereits mit den Nerven fertig bis du erst deinen Termin erreicht hast! Hoffentlich war dieser wenigstens erfolgreich! Möge sich ALLES für den Rest des Tasges „aufklaren“.
    Mit herzlichen Grüßen und heute nur noch Sonnenschein um dich herum!!!

  2. Caroline Bahri sagt:

    Ja, da solltest du dringend auch mal drüber schreiben! Die französischen Männer können es einfach nicht lassen. Jeder Satz wird mit Sex beladen, jede noch so unschuldige Äußerung muß geprüft werden, ob sie nicht falsch verstanden werden kann. Sprich nur niemals von deiner Katze! Eine Katze, auch wenn sie gerade Junge bekommen hat, muss hier immer männlich sein „le Chat“, niemals „la chatte“…

  3. Mumbai sagt:

    Wie vertraut mir diese Stimme ist, die mich schon
    oefter sturr in die engsten Gaesschen gelotst hat….erst vor wenigen Monaten in
    Sizilien…..dachte hier komm ich nie wieder weg und ein Kran muss mich liften.
    Mir war alles andere als zum lachen und dennoch musste ich beim lesen Ihrer
    Nizza-Erlebnisse schmunzeln und der alte Herr mit dem Rolator hat auch Sie sicher
    wieder heiter gestimmt. ….man muss ja nicht alles fuer bare Muenze nehmen…
    Frau Caro.

    • dreher sagt:

      Na vermutlich ist es wirklich hilfreich, wenn die Stimme so ein deutsches Italienisch oder Französisch spricht, wenn man kein Französisch (oder Italienisch) kann. Weil man sonst umgekehrt blockiert ist. Ich gebe deutschen Freunden unsere Autobahnausfahrt Mougins auch mit „Muhgins“ an und sage nicht „Muhschäh“ ;) oder gar Mouans-Sartoux, haha, Zungenbrecher Mohnsainwas?! :D Der alte Herr hat mich tatsächlich schon eine Weile aufgeregt, bevor ich es witzig finden konnte *schnaufaugenroll*

  4. Sunni sagt:

    Oh, ja! Navi ist Teufelszeug. Die Erna lotste uns neulich direkt in einen Abgrund. Hinweis:Fahren Sie 100m geradeaus…Da war ein Krater, der eines Erdfalles, seit 4 Jahren. Ich lass das jetzt bleiben, das nervt fürchterlich. Aber in F dann auch noch in Englisch und stümperhaft…Ich glaube, ich hätte das Handy aus dem Fenster gefeuert. Mon dieu! Hoffentlich war es dann im richtigen Haus auch richtig gut. Herzlich, Sunni

  5. Eva sagt:

    Danke für die Mimosen per Instagram-und nein, man ist keine Mimose, wenn man das dann doch etwas eklig findet. Was geht da bei denen eigentlich immer im Hirn vor? Halten die sich wirklich für so irresistible? Oder soll das lustig sein?
    Ich kann sowohl witzig als auch zotig sein, aber doch nicht bei wildfremden Menschen!!!
    Nun denn, Themawechsel zum Navi: ich freue mich immer, wenn wir durch Strasbourg gelotst werden, der Herr Navigator spricht nämlich einen ähnlichen Dialekt wie oben beschriebener :-)
    Herzliche Grüße allerseits und `nen schönen Abend,
    Eva

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