lokal, bio, no Plastik – ein Resumée

„Nimm eine Tasche!“, rufe ich Monsieur hinterher, der schon halb aus der Tür ist, auf dem weg zum Baumarkt, und auf dem Rückweg wird er Fleisch vom Metzger mitbringen. „Ja, ist wirklich nervig, dass es nirgendwo mehr Taschen gibt“, schimpft er sofort los. „Wir haben eine Million Taschen“, sage ich und verweise auf den Küchenunterschrank und zeige außerdem auf die große eckige Lidl-Tasche, die im Flur herumsteht. Er nimmt sie widerspruchslos, er hat das Alufolienthema gestern mitverfolgt und er weiß von meinem Experiment, weniger Dinge in Plastik zu konsumieren.

Ich müsste ja noch weiter ausholen, aber wer will das alles wissen? Also zum einen gab es in Cannes (und in vielen anderen französischen Städten) lange gar keine Mülltonnen. Nein, ich spreche nicht von getrennten Mülltonnen, sondern von Mülltonnen generell. Ich habe hier schon mal darüber geschrieben, es ist eigentlich ein Artikel über die Hitze in der Stadt. Hitze! Kommt mir ganz komisch vor, das zu lesen, denn dieses Jahr ist es hier sehr deutsch, das Klima. Gerade haben wir Filmfestival, da regnet es immer, heißt es, das stimmt, aber es liegt meines Erachtens doch an den Eisheiligen, dass es schon wieder seit zwei Tagen schüttet und kalt ist. Ich sagte das mit den nicht existenten Mülltonnen, weil Monsieur bis vor ein paar Jahren die Plastiktüten, die er beim Einkauf mitnahm, in Müllsäcke umwandelte, und da sie eher klein sind, wurde der Müll quasi jeden Tag in besagtem Tütchen auf die Straße gestellt. Wenn man das so seit über dreißig Jahren machte, dann ist es nicht leicht, sich umzugewöhnen. So viel dazu.

Als ich das gestern alles aufschrieb und darüber nachdachte, wie und ob ich mein Einkaufsverhalten zukünftig ändern will, kam ich zum Schluss, dass ich das eigentlich schon ganz gut mache. Ich habe nicht die Zeit jeden Tag zwei Scheiben frischen unverpackten Schinken beim Metzger zu kaufen. Ich versuche einmal wöchentlich, oder auch an zwei verschiedenen Tagen, das Nötige zu erstehen, Markt und Supermarkt, ich sagte es schon. Neben dem Markt ist ein Parkhaus, wo man die erste Stunde kostenfrei parken kann, ein Anreiz, die Innenstadtläden und den Markt zu nutzen. Ohne dieses Angebot (es sollte einmal aufgehoben werden, da gab es einen wütenden Aufschrei der gesamten Bevölkerung!) würden alle direkt in den Supermarkt am Rande der Stadt mit den Parkplätzen fahren. Hier wird nun einmal Auto gefahren. Das ist so. Wird sich auch nicht ändern bei dem schlechten Nahverkehrssystem, das alle naselang bestreikt wird.

Und ja, Herr B. fragte es so indirekt immer mal wieder, ich habe einen Plan, einen vagen Plan dessen, was ich in der Woche zubereiten werde. Der sich aus dem zusammensetzt, was ich auf dem Markt Schönes finde (Spargel, Erdbeeren), dem, was es gerade im Supermarkt im Sonderangebot gibt (Doppelpackung Gnocchi), dem, was wegen irgendwelcher Traditionen und Feiertage zu geben hat (Crêpes, Galette des Rois) und vor allem, dem, was schnell geht und dem was ich „kann“, und ich berücksichtige zusätzlich, ob es einen Geburtstag gibt und ich einen Schokokuchen backen soll, ob Monsieur und ich schon lange Lust auf etwas Spezielles haben, ob Leute vorausssichtlich zum Apéro kommen werden, von denen sich eine Person vegan ernährt. Ob es überhaupt Gäste geben wird undsoweiter. Das alles versuche ich im Kopf zumindest anzuplanen und entsprechend beim Einkauf mitzunehmen.

Hier ist Essen und soziales Leben viel wichtiger, darf viel mehr Raum einnehmen und viel mehr kosten. Wichtig ist, dass es frisch zubereitet ist, großzügig bemessen und schmeckt. Und auch wenn wir nur zu zweit sind, gibt es immer eine Vorspeise, einen Hauptgang, Käse und ein Dessert. Es ist oft banal, es gibt im Moment mittags gern eine Artischocke als Vorspeise (super, kostet mich keine Mühe und Zeit, muss nichtmal eine Vinaigrette anrühren, weil das jeder auf seinem Teller macht), im Sommer häufig gibt es den von Monsieur ungeliebten Mozzarella mit Tomaten, danach ein Stück Fleisch mit Gnocchi oder Nudeln, ein Stück Käse und/oder ein Dessert (Joghurt, Dickmilch, Pudding, Creme). Wenn es keine Artischocken gibt, gibt es oft Rohkostsalat (Karotten, geht schnell oder Rotkohl) oder im Winter gerne Endivien mit Orangen, zack, schnell, gut und frisch. Oder eben einen grünen Salat. Das wiederholt sich alles in gewissen Abständen und in Variationen. Hin und wieder versuche ich etwas Neues, stoße auf ein Rezept oder habe Gäste, für die ich etwas Aufwändiger koche, dann gibts für uns noch tagelang Reste. Ich mache auch gerne einen (kleinen) Braten, den kann man dann an mehreren Tagen essen. Oder ich kaufe beim Metzger ein gegrilltes Hähnchen (sehr lecker, schnell, verträglich teuer, wir essen zwei bis dreimal daran). Oft bringt Monsieur überraschend Fisch mit oder Austern oder was weiß ich. Dann essen wir eben das. Dazu gibts in der Regel Reis (und Salat und Käse und Dessert). Abends gibts manchmal Reste, oder gerne Nudeln mit irgendeiner Soße oder eine Tortilla oder ein Omelette oder eine Quiche, ein Risotto, manchmal auch Milchreis, Kartoffeln und Hering … davor eine Scheibe Schinken, danach ein Joghurt. Im Winter gibts in der Regel abends Suppe (selbstgemacht) im Sommer gemischte Salate. Zum Frühstück gibt es übrigens meistens Obstsalat (mit Joghurt). Die Zutaten für all das versuche ich immer im Kopf, im Einkaufswagen, im Kühlschrank und Vorratschrank zu haben. Im Großen und Ganzen. Wenn es ein Gäste-Essen gibt, geht man in der Regel nochmal extra einkaufen. Das ist so. Ich bin immerhin sehr stolz, weil ich alles aufbrauche! Ich will so wenig wie möglich wegwerfen von den frischen Sachen und kaufe erst Nachschub, wenn alles soweit aufgebraucht ist, dass ich nichts mehr damit machen kann, oder ich kaufe im kleinen Laden neben dem Bäcker irgendetwas zusätzlich ein. Ich habe auch ein paar Tiefkühlsachen zur Not, Fleisch wird auch häufig in größeren Mengen gekauft und eingefroren (es ist danach nicht mehr so wie frisch!).

Ich bin in Frankreich mit der ganzen Esserei und Kocherei sehr anspruchsvoll geworden, was Frische und Geschmack angeht und ich würde immer eine frische, feste Salatgurke, die nicht bio ist, der labberigen bio-Salatgurke vorziehen. Es hat Jahre gedauert, bis ich wusste, welchen Zucker ich am liebsten mag, welche Butter, welchen Joghurt, welche Dessertmarke, welche Schokolade, welchen Käse (das ist eine Wissenschaft für sich!), welches Brot, welche Äpfel, welche Trauben, welche Orangen … bis ich wusste, wie Rind-, Lamm-, Kalbs-Fleisch schmecken kann und wie unterschiedlich Fisch! Ich suche aus dem riesigen Angebot die von mir als gut getesteten Marken oder das, was mir am besten gefällt, mir am frischesten vorkommt, was (vermutlich) den besten Geschmack hat, und ich achte erst in zweiter Linie auf Bio und auf den Preis. Beim Kaffee zum Beispiel habe ich wochenlang herumexperimentiert. Mit Bohnen (und einer überaus schnell defekten Hipster-Kaffeemühle) und gemahlenem Kaffee verschiedener Röstereien, und Bio, Eco, Fair Trade, um letzten Endes bei einer Mischung aus entkoffeiniertem Kaffee (Malongo, Supermarkt, fair trade) und klassischem Espressokaffee (Carte Noire, Supermarkt) zu landen. Schmeckt mir am besten. Und ich will (neben guter Qualität) einen guten Geschmack, das ist das Wichtigste.

Worauf ich im Alltag, jenseits der Lebensmittel besonders achte, ist, das in China produzierte (nicht nur Plastik-)Zeug zu vermeiden. DAS ist wirklich eine Herausforderung. All das Dekozeug! Geschirr! Neulich habe ich einen neuen Fön erworben. Sich da für den einzigen in Italien hergestellten Fön zu entscheiden, der teurer ist als die anderen französischen Marken, die alle in China produzieren lassen, das muss man wollen! Schuhe suchen, die in Portugal hergestellt werden oder in Italien. Kleider, die nicht unter unwürdigen Bedingungen genäht werden. Wieviele Kleider braucht man überhaupt? Ich habe neuerdings einen Schneider.

Das alles mache ich und das finde ich gar nicht so wenig. Aber es gibt auch Tage, wo ich keine Energie habe, keine Lust, keine Zeit, dann geht es auch anders und Monsieur kauft wieder in Plastik verpackte Erdbeeren aus Spanien beim Discounter oder er bringt Lammleber aus dem Supermarkt mit („hat mich so angelacht“) statt vom Metzger, und eine neue Plastiktasche. Na gut. Tant pis. Mich hat ja die Paella gestern auch so angelacht. Ich versuche nicht mehr so streng zu sein. Wenn ich, so wie gestern, den Aluminiumfoliengau erlebe, dann (sage ich mir heute) ist es halt so. Es zeigt nur, wie alleine ich bin in meinem südfranzösischen Umfeld. Und wie weit wir noch entfernt sind von „No-Plastik“. Diese kategorische Strenge will ich sowieso nicht mehr. In gar keinem Bereich. Hallo. Lass mal locker. Durchatmen. Wenn ich etwas gelernt habe in dreizehn Jahren Frankreich, dann ist es eine gewisse Lockerheit gepaart mit Pragmatismus, Der Franzose ist immer pragmatisch. Wir haben Plastikmöbel auf der Terrasse. Sie lachen vielleicht. Ich schäme mich vor deutschen Gästen dafür. Für die Franzosen ist das ganz normal. Das ist hier so. Seit ich hier bin, würde ich sie gerne austauschen, ernte dafür nur verständnisloses Achselzucken. Das ist gutes, langlebiges Plastik, es war schon vor mir da, es gibt keinen Grund, sich davon zu trennen. Das Wichtigste ist sowieso, dass wir  an dem Tisch was zusammen essen können. „Hoffentlich hast du was Feines gekocht, Christjann, allez, mach mal den Pastis auf!“ Der immerhin ist in einer Glasflasche. Prost!

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8 Kommentare zu lokal, bio, no Plastik – ein Resumée

  1. Karin sagt:

    Ach, wie mich das freut! Bei Euch gibt’s Milchreis zum Abendessen? Bei uns auch manchmal. Töchterchens Schulfreunde halten uns für Barbaren, eine Süßspeise zum Abendessen oder gar zu Mittag? Unmöglich! Wir dagegen lieben Mehlspeisen. Bei meiner Mama gab’s am Freitag IMMER Mehlspeise, sie hatte von ihrer Mutter, die mehrere Jahre in Wien gelebt hatte, unzählige Rezepte, und da mein Vater mal in jungen Jahren eine Fischvergiftung hatte und keinen Fisch mehr aß, gab’s also freitags Mehlspeise. Für ihn mit einer Fleischeinlagensuppe vorher, als Mann braucht man schließlich Energie und Fleisch ist ein Stück Lebenskraft. :)
    Das Thema Trennen oder besser Nicht-Trennen haben wir in Genf auch, man trennt, was man kann (immerhin Papier, PET, Glas und neuerdings auch Hauskompost) oder läßt es völlig bleiben (weil im Herkunftsland noch kein Bewusstsein dafür herrscht), oder, was noch viel frustrierender ist, man trennt und wirft das Getrennte in die falschen Tonnen! Manchmal versuche ich, noch korrigierend einzugreifen, hebe die Flaschen, die um die Tonnen verstreut herumliegen, auf, aber manchmal denke ich, ganz single-handedly kann ich die Welt nicht retten. :(

    Ich versuche, Müll zu vermeiden und scheitere täglich kläglich. Wie wenige Getränke hier in Glas verpackt sind, ätzend. Wie Du sagst, Milch gibt’s gar nicht in Glasverpackung. Für den Apfelsaft meiner Tochter fahre ich alle paar Wochen nach Frankreich (und denke lieber nicht an den CO2-Ausstoß!), nur dort gibt es ihn im Glas. Der neue Bio-Supermarkt um die Ecke hatte ihn zwar (wenn auch um 30% teurer), dann war er ausverkauft (so im November) und kam nie wieder. Man empfahl mir, doch die kleine Flasche zu kaufen (0,2l), für den Preis, den ich in Frankreich für 1l zahle, von dem zusätzlich anfallenden Glasmüll gar nicht zu sprechen. Im Supermarkt müssen sie Bio von Nicht-Bio ja ganz streng trennen, am leichtesten, wenn es nix en vrac gibt, sondern alles schön in Plastik verpackt ist, natürlich mit dem Biolabel drauf. Zum Heulen. Manchmal denke ich echt, ich dreh‘ am Rad. Seit einiger Zeit packe ich Obst und Gemüse, das in Plastik verpackt ist, schon im Supermarkt aus und lasse den Müll dort. Wenn das immer mehr Kunden tun, muss es doch mal auffallen!
    Jedenfalls bewundernswert, wie Du auch Monsieur zum Trennen animierst.

    Liebe Grüße,
    Karin

    P.S. Zum Thema Wasserverschmutzung gibt’s auch in Genf eine Kampagne (siehst Du hier: http://www.20min.ch/ro/news/geneve/story/Genevois-incites-a–tre–aqua-responsables–24617184). Kampagnen gibt’s immer und überall, für das Sammeln der gelesenen Zeitung in der Tram, gegen das wilde Abladen von Sperrmüll allerortens, für das Aufsammeln der Hinterlassenschaften der Hunde, gegen nächtlichen Lärm vor den Lokalen, etc. etc., nur eine Mehrheit der Genfer ist beratungsresistent und die Kampagnen verpuffen im Nichts.

    • dreher sagt:

      Ja Milchreis – erstaunlicherweise mag Monsieur den als Abendessen hin und wieder :)
      Ich finde es tröstlich und trist gleichzeitig, dass es in der Schweiz nicht besser läuft. In der Schweiz immerhin!
      Nein, alleine können wir die Welt nicht retten. Ich denke aber auch, wenn wir uns bei alledem erschöpfen, ärgern und jeden Tag wütend sind, über all die anderen, dann bringt es zusätzlich noch schlechte Energie in die Welt. Ich mache, was ich kann und in meinen Alltag integrieren kann, den Strand (zu einem gewissen Grad) aufräumen finde ich eine sehr gute tägliche Aktion (das macht Monsieur schon immer btw.). Wir machen es aber ohne moralischen Vorzeigeanspruch, einfach, weil wir es machen, es ist in unseren Alltag übergegangen. Und so finde ich es gut.

  2. Karin sagt:

    >In der Schweiz immerhin!< Na ja, die Romandie ist ungefähr so schweizerisch wie, ja wie? Wie München bayrisch ist? Mir fällt jetzt leider kein Vergleich ein, aber mit der Schweiz hat die Romandie vielleicht die Währung und Schokolade gemein, ansonsten finde ich sie – zusätzlich zur Sprache – sehr französisch. Sehr viel Laissez-faire wo in der Deutschschweiz schon wesentlich mehr Regulierungsbestrebungen zu erkennen sind und auch Erfolg haben. Was meine französischen Kollegen natürlich vehement abstreiten würden. :)

  3. Mumbai sagt:

    Genau das Thema das mich taeglich nachdenklich aber auch zornig macht.
    Hier in Spanien trenne ich den unvorstellbar vielen Muell,
    den nur wir 2 Pers. produzieren,( ich kann es nicht glauben was alles zusammen kommt), trotz Verzicht auf zusaetzliches Papier und Plastiktueten.
    …aber…..dann kommt der Muellwagen und alles wird wieder zusammengepackt.
    Papier und Glas lasst sich ja gut wieder verarbeiten. BeiPlastik schon etwas schwieriger.
    Es liegt an jedem Einzelnen aber auch an der Politik, nicht nur
    von Umweltschutz, Klimawandel etc. zu sprechen sondern auch seinen Beitrag hiefuer
    zu leisten. Irgendwann wird es klingeln aber dann ist es vielleicht zu spaet. (siehe Meere)
    wo mehr Plastik als Fische schwimmen.

    • dreher sagt:

      Wir haben letzte Woche vergessen die Plastikmülltonne zum Leeren rauszustellen – wir sind fast erstickt mit unserem (und dem der Nachbarn) Plastikmüll, es ist wirklich ein Graus (Papier und Plastik wird hier zusammengeworfen, ob das gut geht? frage ich mich auch immer wieder.)
      Gestern mit deutschen Gästen diskutiert, die mir sagen, in den Achtziger Jahren waren wir (in Dtld.) schonmal weiter … *seufz*

  4. Ursula Weber sagt:

    Meine Hochachtung für dein Engagement, liebe Christiane 👍🤗😘

  5. dreher sagt:

    Danke liebe Uschi!

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