Schlaflos in Cannes

Hier regnet es schon wieder. In Deutschland ist es Sommer, bei uns ist es ein komischer nasser Frühling. Ein Tag Sonnenschein, zwei Tage Regen, Gewitter, Sturm, immer schön im Wechsel, aber bestimmt doppelt so viel Regen wie Sonne. Und Morgen nochmal drei Grad kälter als heute. Heute ist auch schon nicht so warm. Nur zur Erinnerung, ich lebe in Südfrankreich. Da ist es Ende Mai normalerweise frühsommerlich heiß und sonnig. Dieses Jahr regnet es. Der Vorgarten ist grün, so grün, denn das Unkraut, um diese Jahreszeit in der Regel schon vertrocknet, wuchert sich geradezu ekstatisch in Höhe und Breite. Unraut jäten ist ja ein Millionärsvergnügen, habe ich bei Micha kürzlich gelesen. Adele, die Sängerin, habe auf einen Auftritt mit Millionengage verzichtet, weil sie lieber in ihrem Garten Unkraut jäten wolle. Ich jäte auch gerne in meinem Vorgarten Unkraut, aber bei mir fällt es eher in die Kategorie Prokrastination. Falls mir jemand eine Million Euro oder Pfund Sterling oder meinetwegen auch Dollar dafür geben möchte, dass ich mit dem Unkraut jäten aufhöre und irgendwohinkomme, um Ihnen was zu erzählen, vorzulesen, unter Umständen auch zu singen, also ich würde es noch machen. Nur mal so dahingeworfen. Vielleicht nützt es etwas.

Was sonst? Spiderman lebt. Spiehderman sagen die Franzosen hier, sogar die Moderatorin von C’est à vous spricht es so aus. In Paris hat ein Afrikaner, der sich illegal in diesem Land aufhielt, ein Kleinkind von einer Balkonbrüstung im vierten Stock eines Hauses gerettet und hat als Dank für seine Heldentat nicht nur ein Gespräch mit Macron gewonnen, sondern auch die Französische Staatsbürgerschaft und einen Job bei der Feuerwehr. Sehr schön. Es gab allerdings auch böse Stimmen. Das alles sei gefaked gewesen, eine Propaganda-Veranstaltung Macrons, hieß es. Da waren doch zwei Leute, die das Kind irgendwie festhielten, warum muss denn da noch einer spektakulär die Fassade hochklettern. Fake! Tatsächlich sieht die Situation auf dem Amateurvideo, das durchs Netz schwirrt, ein bisschen unklar aus. Unklar ist auch, warum ein illegaler Asylbewerber, der ein französisches Kind rettet, ein Held wird, ein Franzose, der einem illegalen Asylbewerber hilft, jedoch ein Krimineller.

Frankreich hat dann heute, im Prinzip ist es schon gestern, ganz unpropagandamäßig mal wieder ein illegales Flüchtlingscamp in Paris geräumt. Es ist ein Elend. Die Afrikaner, die hier an der italienisch-französischen Grenze festhängen, bevor sie einfach weiter laufen, immer weiter laufen … wollen häufig nach Paris. Paris! sagten mit aufgerissenen Augen ein paar Frauen, als Daniel Cohn-Bendit sie in seinem Road Movie La Traversée, 50 Jahre nach 68, nach ihrem Ziel befragte. Paris. Welch ein Elend.

Leider ist die Szene nicht in dem Interview mit Cohn-Bendits Regisseur und Kameramann, nur der weinende Pfarrer, der sagt, wie unmenschlich das alles ist, und dass er gerade drei Afrikaner, die er für ein paar Tage aufgenommen und versteckt habe,“evakuiert“ habe und schon stünden zwei andere vor seiner Tür.

Das habe ich heute Nacht geschrieben. Um Ein Uhr fünzehn war ich wieder aufgestanden, das mit dem Einschlafen funktionierte trotz angewandtem autogenen Training nicht. Noch nicht, ich weiß, man muss es üben. Training heißt es ja auch. Vielleicht lag es auch nur am Vollmond. Danke übrigens für diese überwältigende Resonanz auf meinen Meditationstext. So viele Kommentare und Anregungen hatte ich schon lange nicht mehr. Ich hatte allerdings auch schon lange nicht mehr so viele LeserInnen. Kaum verlinkt mich Herr B., schnellen die Zahlen nach oben. Unglaublich. Es geht dann auch irgendwann wieder gnadenlos bergab, da kann ich dann schreiben, was ich will. Ich weiß. Im Moment setzen mich die hohen Zahlen aber ziemlich unter Druck. Schreib was, schreib was!

Dieses Jahr ist es schwierig mit dem Schreiben. Schreiben für Geld meine ich. Noch schwieriger als sonst, scheint es mir. Ich müsste nachts schreiben. Wenn alles ruhig ist, wenn keiner mehr was von mir will. Nur bin ich da derzeit zu müde. Zu müde zum Schreiben, zu wach zum Schlafen. Ich habe die letzte Bücher überwiegend frühmorgens geschrieben. Da habe ich mich auf Aufstehen um Vier oder halb Fünf programmiert und das hat die meiste Zeit auch richtig gut geklappt. Damals schlief ich aber noch mit Ohrstöpseln und der Schlaf war anders. Jetzt, wo ich gerade wieder ohne Ohrstöpsel richtiges Schlafen lerne und mich freue, wenn ich manchmal so richtig tief schlafe, ganz ohne Hilfsmittel, will ich mich nicht gleich wieder durch extremes Frühaufstehen durcheinanderbringen. Ich verlinke mal den Text für die vielen neuen Leser, kleines Service-Angebot, keine Ursache, gerngeschehen, so sind wir.

Tags aber bin ich schnell abgelenkt, unkonzentriert, wir hatten das schon. Und nein, Noise Cancelling Kopfhörer sind nicht die Lösung, ich sagte es neulich schon in einem Kommentar und nehme es hier noch einmal auf, damit es offiziell wird:  Ich war bereit für mehrere hundert Euro das letzte SuperduperModel von Bose zu erwerben, aber Noise Cancelling Kopfhörer funktionieren prima, so lange man Musik damit hören will. Dann hört man die Musik kristallklar ohne Nebengeräusche und hat wirklich das Gefühl „in einer eigenen Welt“ zu sein (getestet, klasse!) Ich will beim Arbeiten aber keine Musik hören, sondern Stille haben. Das funktioniert nicht, mit keinem Kopfhörer. Ich hatte so etwas mal in einem Film gesehen und wünschte mir so etwas seither –

(Anm: man sieht zwar die Kopfhörer, die Stille kommt aber im Trailer nicht rüber)

Als ich das dem Kopfhörer-Spezialisten erzählte, lachte er: das war ein Film! Sowas gibts nicht :( Ich war deshalb sogar beim Ohrenarzt, der hat mir jedoch von allem Abschotten abgeraten und mich auf den „Einatmen-Ausatmen-Weg“ geschickt. So jetzt wissen Sie alles.

Zum Plastik. Irgendjemand schrieb, er oder sie warte auf ein Update. Nun. ich war die letzten Tage nicht am Strand, es regnete. Ich kann Ihnen aber aus Erfahrung sagen, hier ist der Strand nie sauber, also so richtig, höchstens in dem Moment, wo wir den Müll gesammelt haben, (und ich sammle nicht mal die Kippen ein!). Jedem Strandmorgen geht ein Strandabend voraus. Bei jedem Strandabend bleibt wieder genauso viel Müll liegen und jeden Tag und jede Nacht wird auch Müll angeschwemmt. Es gibt zwar eine Müllreinigung, eine grobe mit Maschinen und eine Müll-Brigade, eine handvoll Männer, die frühmorgens mit signalroten Jacken und schwarzen Müllsäcken den Strand entlanglaufen und hier und da etwas mit Zangen auflesen und in den Müllsack versenken. Aber es ist eher so ein halbherziges Auflesen. Da unten liegt noch was, och, da lauf ich jetzt nicht mehr hin. Da schwimmt was im Wasser? Nicht mein Bereich. Monsieur und ich lesen Müll auf, schon immer und jedes Mal, wenn wir am Strand sind. Nicht einmal haben wir erlebt, dass es uns jemand nachgetan hätte. Es ist auch nicht unsere Absicht. Wir machen es nicht demonstrativ mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger und auch ganz ohne Wut oder Empörung. Wir machen es einfach. Einfach so. Ich möchte deshalb auch nicht immer Müllfotos vom Strand zeigen. Es macht nichts besser. Bücken Sie sich, heben sie eine Plastiktüte oder ein Stück Müll auf, entsorgen Sie sie/es korrekt. Punkt.

Gestern holte Monsieur ein Mittagessen im kleinen Restaurant an der Ecke. Da sind die Portionen für Handwerker gedacht und so groß, dass uns zusammen eine Mahlzeit reicht. Es gibt dort jetzt auch Papiertüten, das Essen aber war in einem festen Plastikbehälter mit Deckel, so dass ich dachte, den spüle ich aus und verwende ihn beim nächsten Mal wieder. Als ich es Monsieur vorschlage, verzieht er das Gesicht. „Zu kompliziert“ murmelt er, und ich weiß, dass er mich gerade schon ein bisschen fanatisch findet, zu deutsch. Lass mal locker, Christjann. Ne les fait pas chier, sagt er. Das ist ziemlich vulgär und meint in etwa, geh Ihnen nicht auf die Nerven.

Vous me faites chier brüllt der Teenager-Enkel neuerdings häufig durchs Haus. Er lernt als zweite Fremdsprache Deutsch, aber wenn ihn an dieser Sprache gerade überhaupt etwas interessiert, dann das deutsche Äquivalent zu „Ihr macht mich scheißen“. Nur damit glaubt er sich gewappnet für eine Deutschland-Reise. Mir ist ehrlich nichts eingefallen, nicht nur, weil ich vermeiden wollte, dass er seinen Gasteltern als erstes etwas Vulgäres entgegenruft und dann noch sagt, er habe es von mir. Erst heute Nacht fiel mir Ankotzen ein. Es kotzt mich an. Ihr kotzt mich alle an. Sagt man das noch? Ich bin ja nicht mehr so drin in der aktuellen Sprache. Vielleicht sagt man heute auch nur Fuck you. Fökk würden die Franzosen dann sagen Fökk juh. Ich habe es dem Enkel dann nicht mehr gesagt, kann er sich von seinem kleinen Austausch-Freund in Berlin beibringen lassen. Der Knabe ist nämlich für eine Woche in Berlin. Ach Berlin. Da würde ich auch gerne mal wieder hin. Was ich nicht alles möchte.

Und dann fällt mir noch das hier ein. Nicht am Balkon, sondern am Fenster ;-)

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4 Kommentare zu Schlaflos in Cannes

  1. Marion sagt:

    Ja, hier ist es hochsommerlich heiß und schwül, anstrengend, dabei hat man so lange auf den Frühling gewartet… Über Monsieurs Reaktion musste ich sehr lachen. Und „ankotzen“ passt doch gut. Die Geschichte von „Spiderman“ ging hier auch durch die Medien. Es hieß hier noch, der Kleine sei bereits vom 5. in den 4. Stock gefallen. Na ja, wer weiß, was wirklich passiert ist, aber Fake? Das wäre doch sehr verschwörungstheoretisch.

  2. Caroline Bahri sagt:

    Meine Liebe,
    Das hört sich nicht nur schlaflos sondern planlos vom Hölzchen aufs Stöckchen an. Beruhige dich, schlaf dich aus. Das waren 5 Tropfen Regen gefolgt von einem wunderbaren Sonnenuntergang. Wir hatten bis spät Freunde auf dem Balkon und morgen wird es noch besser

  3. Sunni sagt:

    Hallo, hier auch total schwül und auf allem lastend. Ab und zu ein Hagelschlag oder eine Schlammlawine und dann wieder Hitze, drückend, auch nachts keine richtige Abkühlung. Oh wie ich die Sehnsucht nach Ruhe und schreiben können verstehe! Hier tagsüber unmöglich, obwohl wir nur zu zweit sind, aber alle 5-10 Minuten eine Frage, ja, auch nett gemeint, aber der Gedanke ist weg, selbst für die einfachste Mail. Außerdem ständiger Lärm, lauter und nicht so laut, aber immer störend, von außen. Dann die täglichen Aufgaben, die nicht zu verschieben sind. Abends unendlich müde und erledigt von allem Tun und Verschieben, im Bett spätestens nach 1,5 Stunden wieder wach und dann genügend Zeit, wütend zu sein auf alles, Pläne zu machen unter der Überschrift „Denk nur nicht nach, denk nicht nach, dann wird das mit dem Schlafen wieder nichts!“ Hin-und herwälzen, mal aufstehen, auch nichts Rechtes schaffen und morgens total erledigt und grantig aufstehen.- Tja, „Spiederman“, nun, wir werden es nicht erfahren, wenngleich ich auf dem Video auch sah, dass da doch vermutlich andere Personen standen neben dem „hängenden Kind“.Und kann ein Kind sich in der Position überhaupt so lange halten, das war meine erste Idee. Aber sei es drum. Vielleicht ein Teil“fake“, was wissen wir. So, jetzt versuche ich ein Stückchen weiter zu kommen, eventuell…Ganz liebe Grüße!

  4. Micha sagt:

    Ich würde ja gerade auch eine *finanzielle Abfindung* nehmen für eine kurze Unkrautpause. Dieser Regen… es explodiert wirklich hinterrücks und schneller als man sich bücken kann. Komisches Frühjahr, oder? Ungewöhnlich nass. Gerade fand ich alles noch sensationell fruchtbar, aber jetzt wäre dann mal gut mit den Gewitterduschen… Herzliche Grüße… und merci fürs Verlinken!

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