November: Auch an blauen Tagen bricht das Herz

Heute ist der 9. November; im Jahre 1938 fand in Deutschland und Österreich in der Nacht vom 9. /10. November die sogenannte Reichskristallnacht statt, ein zynischer Begriff für die organisierten Pogrome gegen Juden.

Ich mache heute ein bisschen Blogrecycling. Anfangen möchte ich mit diesem Blogtext über Sanary sur Mer.  Und dann mache ich weiter mit diesem hier über die Erinnerunsgsstele vor dem jüdischen Friedhof in Nizza, die (erst!) im Januar diesen Jahres eingeweiht wurde, und die an all die von Nizza deportierten ausländischen Juden erinnert.

Heute brach mein Herz, als ich in Nizza in eine kleine Straße einbog, sofort im Stau stand und mich mit Militär konfrontiert sah. Oh Gott, dachte ich, ein Attentat! Aber es war alles ruhig. Eigenartig ruhig. Der erste Soldat sah unbewegt und mit Waffe im Anschlag in mein Auto. Es ging nur wenig vorwärts. Ich sehe Polizei auf dem Gehweg neben mir. Etwa zehn Beamte zähle ich. Ich werde nervös. Der nächste Soldat taucht auf. Insgesamt sind es fünf. Ich fahre wieder einen Meter weiter. Dann geht in einem Haus zu meiner Linken eine unscheinbare Tür auf und abgeschirmt von den etwa zehn Polizisten kommt eine kleine dunkelhaarige Frau heraus. Sie ist jung und sie hat rechts und links an der Hand jeweils ein kleines Mädchen. Hinter ihr eine andere junge Frau, die ebenso ein Kind an der Hand führt. Andere folgen. Ich stehe zufällig zum Schulende vor einer jüdischen Grundschule. Es bricht mir das Herz, zu sehen, was kleine Kinder (und ihre Eltern) jeden Tag erleben müssen, um sicher in und aus der Schule zu kommen. Vielleicht ist es für sie „Normalität“ geworden. Die beiden Mädchen zumindest plappern und hüpfen und wedeln mit Zeichnungen, die sie angefertigt haben, vor ihrer Mutter herum. Sie nehmen die Polizisten und Soldaten gar nicht wahr. Ich schon.

Die Stele zur Erinnerung an die deportierten Juden wurde dieses Jahr erst, 75 Jahre nach Kriegsende, eingeweiht!

Die Erinnerungstafel vor dem Hotel Excelsior in Nizza steht seit 2009, aber das Erinnern hat (in Frankreich zumindest) noch kaum begonnen. Ich möchte dazu beitragen, dass es nicht wieder vergessen wird.

***

Auch an blauen Tagen bricht das Herz ist eine Zeile aus einem Gedicht von Hilde Domin. Hilde Domin war eine deutsche Lyrikerin, in Köln geboren, in Heidelberg gestorben – dazwischen lag ein bewegtes Leben, mit vielen Exilstationen, unter anderem in Santo Domingo. Marion Tauschwitz, die Hilde Domin in ihren letzten Lebensjahren als Freundin und engste Vertraute begleitete, hat (unter anderem) eine umfangreiche und sehr lesenswerte Biographie Dass ich sein kann, wie ich bin über sie geschrieben.

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14 Responses to November: Auch an blauen Tagen bricht das Herz

  1. N. Aunyn sagt:

    Bewachung von jüdischen Einrichtungen ist in europäischen Großstädten leider alltäglich – allerdings in unterschiedlicher Intensität, je nachdem, welche Sicherheitsstufe gerade vorliegt. Was Sie schildern deutet auf eine erhöhte Gefahrenlage hin. Bei höchster Gefahrenstufe kämen Sie entweder nicht in die Straße hinein oder aber die Sicherheitsmaßnahmen wären noch massiver.

    • dreher sagt:

      Danke für die Präzisierung. In Cannes bin ich vor Jahren in eine ähnliche Situation „gefahren“, ich wusste nicht, dass dort eine jüdische Grundschule ist. Auch wenn die Polizisten viel entspannter wirkten, war damals kein Durchkommen. Ich blieb in einiger Entfernung blockiert in der Straße stehen, bis alle Kinder abgeholt worden waren.

  2. Christiane sagt:

    Vielen Dank dafür!!

  3. Sunni sagt:

    Oh ja, „Auch an blauen Tagen bricht das Herz…“ Schlimme Beobachtungen und inneres Wissen tun das Übrige. Und werden hier schon wieder von Massen geleugnet, auf ihren Corona-gibt-es nicht-Merkel/Spahn/Drosten muss hängen-Demos.
    Nie hätte ich gedacht, dass im eigenen Lebensumfeld so unendlich viele sofort wieder schreiend ihre Dummheit auf die Straße spucken. Es ekelt mich.
    Welch schlimme Situation für Kinder und vor allem Eltern der jüdischen Schule, täglich, immer. Einfach unglaublich.
    Der 9. November ist ja nicht nur diesbezüglich Schicksaltag, es brach die Mauer in Berlin, und was viele vergessen, die sogenannte Oktoberrevolution mit Tausenden Toten in der Sowjetunion brach am 9. Nov. ihre schreckliche Bahn…Manchmal denke ich, das Schicksal, ein unbestimmter Signalgeber von wo auch immer her, sucht solche Tage aus…Neulich erzählte mir eine Bekannte, das Enkelkind sei Halbjüdin, die Schwiegertochter Jüdin, aber KEINER hier dürfe das je erfahren, bitte, bitte. Ich konnte vor Entsetzen über dieses Gefühl nicht schlafen. Menschen sind die schlimmsten Tiere!

  4. Marion sagt:

    Gestern kam Einiges zum Thema im TV, u.a. eine Doku, in der dt. jüdische Schüler berichteten, dass sie mit Polizeischutz von der Schule in die Turnhalle begleitet werden… Auf ARTE habe ich mir endlich „Transit“ von C. Petzold angeschaut.

  5. Trulla sagt:

    Dem oben Geschriebenen möchte ich mich anschließen. Ich teile das Entsetzen.
    In Hamburg, wo ich lebe, wird nun ein zentral gelegener Platz nach Georg Elser benannt, wie gestern der Tagespresse zu entnehmen war. In München gibt es für ihn eine Gedenktafel in der Türkenstraße. Diese habe ich bei jedem Aufenthalt dort besucht und war immer wieder sehr berührt vom Mut dieses sogenannten „kleinen“ Mannes. Und verwundert, wie verhältnismäßig wenig Ehre ihm zuteil wurde.

  6. … man muss einfach alle deine Gedankenspaziergänge lesen – immer so informativ, inspirativ und tiefgehend. Heute beim Nachlesen – wieder einmal: Chapeau!

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