Sommer, Sonne, Cinéma, die Zweite

Es ist vorbei das Festival. Ich war häufiger im Kino als gedacht, ich hätte auch noch viel mehr Filme sehen können, denn es gab Freikarten à gogo; es war deutlich weniger Publikum da als sonst, und man wollte die Filme ungern in halbleeren Sälen vorführen. Ich habe morgens um Acht den neuen Film von Jacques Audiard gesehen, Les Olympiades, und ebenso morgens in aller Frühe einen marokkanischen Film Haut et Fort von Nabil Ayouch.

Jacques Audiard hat mich mit De Rouille et d’Os „Von Rost und Knochen“ seinerzeit sehr beeindruckt und Nabil Ayushs „Much loved“, ein Film über Prostituierte in Marokko, fand ich auch sehr gut.

Die neuen Filme sind beide weniger stark. Les Olympiades habe ich dennoch gerne gesehen: Ein in Schwarz-Weiß gedrehter Film über multikulturelle Liebe im 13. Arrondissement in Paris, Chinatown, in der Hochhaussiedlung, die Les Olympiades heißt. Kein weltbewegender Film, aber angenehm, französisch, es wird viel gevögelt geliebt. Der Saal war voll. Das Publikum hat zwischendurch gelacht und am Ende viel applaudiert.

Nabil Ayouch will hingegen die Welt verändern; zumindest versucht sein zunächst nicht besonders sympathisch wirkender Held, Anas, ein ehemaliger Rapper, in einem ärmlichen Vorort von Casablanca Jugendlichen (Jungen und Mädchen) den Rap näherzubringen und damit Musik, Tanz, Ausdruck. Das gefällt natürlich nicht allen. Es passiert nicht viel in diesem Film, Haut et Fort meint „Laut und Deutlich“ und er hat eine deutliche Botschaft: Jugendliche diskutieren über ihr Leben und werden zunehmend mutiger, freier und kritischer. „Wir sind kein Religionskurs“ schimpft Anas einmal, als die Diskussionen der Jugendlichen zu sehr von dem getragen sind, was „die Religion erlaubt“ und was nicht. Er betet auch als einziger nicht, und beobachtet vom Dach aus, wie sich die ganze Stadt zur Gebetszeit niederkniet. Mich erinnerte es an eine moderne marokkanische Variante von „Der Club der toten Dichter“. Auch hier Applaus, der Saal aber war weniger voll.

Ein Doku-Film, der hier sehr gemocht wurde, ist Charlotte Gainsbourgs Film über ihre Mutter Jane Birkin Jane par Charlotte. Das ist natürlich superfranzösisch. Charlotte wird hier ebenso geliebt wie Jane und alle Journalisten sind hingerissen von dieser Zartheit, wie beide Frauen miteinander kommunizieren. Eine Liebeserklärung. Ein Mutter-Tochter-Tête-à-tête. Es gab berührende Standing Ovations.

Titane von Julia Ducourneau habe ich bewusst nicht angesehen und ich verlinke nichtmal den Vorfilm. Zu bizarr, zu gewalttätig. Sex mit Autos. So etwas will ich nicht sehen, auch wenn er mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Nicht nur ich hatte den Eindruck, dass es dieses Jahr bei der Preisvergabe sehr politisch korrekt zuging. Man wollte die Goldene Palme wohl unbedingt einer Frau geben, und die zweite Frau im Rennen kam aus Ungarn. Ungarn ist politisch wieder nicht ganz so korrekt und Titane ist sicher der bizarrste Film der Auswahl – passt. Spike Lee, wieder in einem sehr speziellen Anzug, hat leider die Dramaturgie des Abends durcheinander gebracht, indem er die Gewinnerin der Goldenen Palme als Erstes nannte, statt den „ersten Preis“. Irgendwie wirkte danach alles etwas verrutscht. Überhaupt fand ich die ganze Zeremonie komisch unprofessionell, als würden sie das alles zum ersten Mal machen.

Jetzt ist es also rum. Es hat hier noch einmal viel geregnet, was auch für uns im Juli ungewöhnlich ist; bis eben hatten wir richtig kühle Nächte und haben sogar wieder eine Decke aus dem Schrank geholt. Das ist natürlich die Überleitung zur Hochwasserkatastrophe in Deutschland, von der ich erst mit etwas Verspätung erfahren habe. Als ich Monsieur davon erzählte, sagte der „nun übertreib mal nicht!“, aber schon kamen unfassbare Bilder in den französischen Abendnachrichten, und sie kamen sogar auf die Titelseite der Tageszeitung, und das während des Festivals! Die Stadt Cannes, die 2015 eine vergleichbare Katastrophe erlitten hat, aber regional begrenzter, (Sie erinnern sich vielleicht) hat den betroffenen Gebieten in Deutschland finanzielle Unterstützung zugesagt. Weltumspannende Solidarität, denn die hat Cannes damals auch erfahren. Dabei arbeiten wir im Süden auch noch an den Schäden, die die Hochwasserkatastrophe letztes Jahr im Hinterland in den Tälern Tinnée, Vesubie und Roya angerichtet hat; das ist hier noch lange nicht überstanden. Ich kenne also diese Bilder von den verschlammten und teilweise weggeschwemmten Häusern, von den weggebrochenen Brücken und aufgeplatzten Straßen, gestrandeten Möbeln, Holz, Kühlschränken, Autos. Aber Bilder von Menschen, die „in meinem sicheren Deutschland“ auf Dächern ihrer Häuser sitzen und gerade noch so gerettet werden, treiben mir Tränen in die Augen. Für mich sind die deutschen Häuser, Dörfer und Städte der Inbegriff von Solidität. Und dann werden sie in minutenschnelle genauso weggeschwemmt wie kleine Holzchalets in Südfrankreich, das erschüttert mich sehr. Ich bin tout coeur mit allen Menschen, die betroffen sind.

Ich will ja immer noch viel mehr erzählen, habe seit Wochen einen anderen Blogbeitrag in Arbeit, aber man kommt ja zu nix. Hier jetzt also nur schnell und in eigener Sache den Hinweis auf das Interview am Mittwoch, 21. Juli 2021 im WDR 5 – in der Sendung „Neugier genügt“ bekomme ich eine halbe Stunde „Redezeit“: ein Live-Gespräch zwischen 11 und 11.30 Uhr. Wenn Sie auf den Link zum WDR klicken, sollten Sie dann direkt zur Sendung kommen.

ps: Hier der Link zur Aufzeichnung des Interviews, falls Sie es live verpasst haben sollten oder auch, wenn Sie meine Stimme nochmal hören wollen ;-)

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4 Responses to Sommer, Sonne, Cinéma, die Zweite

  1. Anker Apotheke sagt:

    nettes Interview, dieselben Fragen wie auch in anderen Medien, aber so werden auch WDR-Hörer erreicht, die Sie noch nicht kennen
    Gruß aus Köln
    Angela

    • dreher sagt:

      Dankeschön! Danke fürs Hören! Ja, es sind immer wieder dieselben Fragen, so bekannt bin ich ja noch nicht, als dass man ein allgemeines Basiswissen voraussetzen könnte. Und so versiert bin ich bei Interviews auch noch nicht, dass ich einfach etwas anderes erzähle ;-)

      • Egon B. sagt:

        Ja, stimmt, Du hast nichts anderes erzählt als schon mal ausführlicher geschrieben hast… ;-) Und Dich zu hören – war wiedermal auch ein Pläsier, merci pour ca ! :-)

  2. Egon B. sagt:

    Tja, die Festwoche in Cannes war diesmal net gelungen, keine Frage… weil einfach zu anders war? Noch ungewöhnlicher als sonst? Nicht mal die liebe und nette Marion konnte es retten… Ja, seit langem vermisse ich im F-Cinema richtige Charakterdarsteller, wie – Guy M, Juliette, Yves, Fanny, Jean-Louis, Annie, Jean G, Alain, Jean-Paul uva. Bis ein paar Ausnahmen… Die Jane Birkin und besonders ihre schrullige Tochter habe ich bis jetzt noch nie für eine wahre schauspielerische Größe gehalten, nur auffallend… Danke für keinen Link zu dem neuen wahnsinnigen angegoldeten Horrorstreifen! :-) Salut !

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