Licht und Schatten

Heute findet fand in Frankreich der zweite Durchgang der Kommunalwahlen statt, der für manche Städte spannend wird wurde. Nizza zum Beispiel. Dort halten momentan viele den Atem an. Kann der seit 2008 amtierende, Macron-nahe Bürgermeister Christian Estrosi die Wahl noch einmal für sich entscheiden, obwohl er im ersten Durchgang klar hinter dem Herausforderer Eric Ciotti lag, der sich vor kurzem mit seiner eigenene Partei “Le meilleur est à venir” (dt: Das Beste kommt noch) der rechtsextremen Partei RN angenähert hat?

So. Ich habe heute so lange und mit vielen Unterbrechungen an diesem Text geschrieben, dass ich jetzt die Ergebnisse schon einbauen kann. Nein, Estrosi hat es nicht geschafft. Nizza hat einen rechtsextremen Bürgermeister. Eric Ciotti. Sie sehen mich erschüttert.

Nun, zwischen Estrosi und Ciotti gibt es schon immer eine Rivalität in dieser Ecke Südostfrankreichs. Beide gehörten zunächst der gleichen konservativen Partei an, die heute LR Les Républicains heißt und fast unsichtbar geworden ist. Estrosi ist vor ein paar Jahren ins eine Zeitlang aufstrebende Macron-Lager gewechselt. Vor kurzem hat Ciotti seinerseits gewechselt, und zwar ins extrem rechte Lager. Eigentlich hat Estrosi in den vergangenen Jahren nichts falsch gemacht: Er hat ein gut genutztes Straßenbahnnetz geschaffen, mit dem man sogar bis zum Flughafen fahren kann, und eine wunderschöne und großzügige Grünanlage namens „Coulée verte”, die sehr gut angenommen wurde. Warum also wurde es trotzdem Ciotti?

Weil Nizza, wie so viele andere Städte hier im Süden, einfach sehr konservativ ist. Macrons Politik, insbesondere die Innenpolitik, ist hier nicht genehm. Estrosi hatte aufs falsche Pferd gesetzt.

Im CCFA Centre Culturel Franco-Allemand fragt man sich, wie man als kulturelle Institution zukünftig mit einem rechtsextremen Bürgermeister zusammenarbeiten will. Ich muss dabei an den gerade angelaufenen Film „Les Rayons et les Ombres” (der Titel verweist auf ein Buch von Victor Hugo, das im Film Erwähnung findet) denken. Wir haben ihn vor einer Woche in einer Vorpremiere gesehen, aber er ist jetzt offiziell angelaufen. Er zeigt am Beispiel des Journalisten Jean Luchaire (gespielt von Jean Dujardin) und seiner Tochter Corinne, einer jungen Schauspielerin (Nastya Golubeva), die Kollaboration der Franzosen mit den Nationalsozialisten.

Luchaire war nach dem Ersten Weltkrieg Pazifist und setzte sich für die deutsch-französische Freundschaft ein. Sein deutscher Gegenpart und bester Freund ist Otto Abetz (gespielt von August Diehl). Doch dann kommen die Nationalsozialisten an die Macht und bedienen sich ihrer, um eine Zusammenarbeit (collaboration) der Franzosen mit den Deutschen zu propagieren. Es beginnt scheinbar harmlos, und vor allem Luchaire glaubt lange, intelligenter zu sein und nur so ein bisschen mitzuspielen, ohne wirklich mitzuspielen, gerade so viel, wie es eben sein muss, um seinerseits vom System zu profitieren. Luchaire ist ein sympathischer Mensch, der allerdings stets über seine Verhältnisse lebt und Geld benötigt, um seine Zeitung zu finanzieren, seine Angestellten zu bezahlen und sich und seiner Tochter ein schönes Leben zu ermöglichen. Dafür macht er mehr und mehr Zugeständnisse und rutscht so immer weiter in den Sumpf der Kollaboration hinein.

Der Film dauert drei Stunden und ist ein historisches Zeitgemälde, das von der Zwischenkriegszeit bis 1948 reicht. Am Ende des Films ist die Stimmung im Publikum gedrückt. In ihrem historischen Gedächtnis waren die Franzosen stets alle in der Résistance. Die Kollaborateure, das waren immer die anderen, natürlich irgendwelche Drecksäcke, denen man am Ende der Besatzungszeit zu Recht einen kurzen Prozess gemacht hat. Luchaire und seine Tochter entsprechen jedoch nicht diesem Bild.

„Wir haben das alles nicht gewusst“ ist auch ein in Frankreich häufig geäußerter Satz, wenn es um das Schicksal der Juden in dieser Zeit geht. Das sagt auch die junge Corinne Luchaire, als sie ihren ersten Regisseur nach dem Krieg wiedersieht. Der ist ein ukrainischer Jude, der seine Familie im KZ verloren hat. „Hast du versucht, es wissen zu wollen?”, fragt der Regisseur zurück.

Beim Rausgehen spricht niemand, ich auch nicht, denn ich möchte gerade mal wieder nicht als Deutsche erkannt werden.

Ein absolut sehenswerter Film!

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Im März am Meer

meine Spuren im Sand …

Oder auch im März IM Meer, ich war nämlich drin! Davon gibt es leider kein Foto, anders als bei Herrn Boning (@wigaldboning), der seit über drei Jahren täglich und wo immer er ist, ins Wasser geht, meistens um zu Schwimmen. Im eisigen Winter taucht er hin und wieder aber auch nur mal in ein Loch in extra dafür aufgehackte Seen, und alles ist, anders als bei mir heute, dokumentiert. Aber es war bei mir auch weder besonders spektakulär noch ein richtiges Anschwimmen, eher ein kurzer Schwumm, eine erste Kontaktaufnahme mit dem Mittelmeer im Jahr 2026, könnte man sagen. Wassertemperatur 15 Grad. Das habe ich einer besonders übersichtlichen Metéoseite entnommen, die ich jetzt, wo ich sie verlinken möchte, nicht mehr finde, da kann man auch sehen, wie stark der Wind bläst (heute bis 32km/h, das entspricht einer “frischen Brise”) und wie hoch die Wellen sind. Die Wetterseite empfiehlt das Baden daher heute nicht. Wind und Wellen kamen aber erst, als wir schon im Windschatten eines Kiosk saßen und wir unser erstes einfaches Mittagessen draußen genossen haben. Zurück zum Auto dann im böigen Gegenwind.

Liebe für die Welt
Muscheln und Plastik
Strand aufräumen
Monsieur als Strandläufer
Monsieur et Madame
Petite fritture im Windschatten
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Des Élections municipales – Kommunalwahl 2026

Heute findet in Frankreich der erste Wahldurchgang der Kommunalwahlen statt. In dem Bergdorf, in dem wir traditionell wählen, wird es nur einen Wahldurchgang geben, denn es gibt nur eine Liste: Die Bürgermeisterin stellt sich zu ihrer dritten Amtszeit mit einem teilweise neuen und verjüngten Gemeinderat zur Wahl. Man kann keine Personen von der Liste streichen, wenn man eine Person nicht möchte, sondern muss entweder die gesamte Liste wählen oder gar nicht. Die Bürgermeisterin wird also sehr wahrscheinlich wiedergewählt werden. Sie benötigt lediglich 25 % der 88 Wahlberechtigten. Das wird sie mit Sicherheit erreichen, auch wenn heute überraschend nur sehr wenige Wählerinnen zur Urne gegangen sind. 56 nämlich, wie ich gerade um eine Minute nach 18 Uhr von einer Freundin in einer Art Liveschaltung erfahren habe. In kleinen Orten wird das Wahlbüro um 18 Uhr geschlossen, in größeren Städten erst um 20 Uhr.

Zwei Mitglieder des zukünftigen Gemeinderats sitzen schonmal irgendwo im Nahen Osten fest, in Dubai, Doha oder wo auch immer. Sie waren in Australien, um ausgewanderte Freunde zu besuchen, und können aufgrund des Krieges bzw. fehlender Flugverbindungen derzeit nicht mehr zurückkommen. Aus unserer Familie fehlten auch vier Personen: Die Tochter Monsieurs wurde ja gerade operiert und darf keine langen Reisen unternehmen. Monsieur war auch erschöpft. Nur ich hatte fest vor, gestern hochzufahren. Aber dann hat mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht: Alerte Orange, sintflutartige Regenfälle in Cannes und Nizza, überschwemmte Autobahnen und die dringende Empfehlung, nicht unterwegs zu sein. In den Bergen gab es zehn Zentimeter Neuschnee. Außerdem fanden wohl die letzten zwei Etappen des Fahrradrennens Paris–Nizza statt, das auf Bergstraßen ausgetragen wurde. Ich blieb also zu Hause, mit einem komischen Gefühl, so etwas wie ein schlechtes Gewissen.

In Cannes wird es auch nur einen Wahldurchgang geben, denn es gibt quasi auch nur eine Wählerliste, niemand hat wirklich Gewicht gegen den amtierenden, sehr beliebten Bürgermeister der konservativen Partei Les Républicains. „Cannes gagne” ist sein Slogan unter seinem bereits zufrieden aussehenden Konterfei. Das meint natürlich: David Lisnard gagne. Vielleicht schaffen es eine Person des RN (Rassemblement National, extrem rechts) und ein oder zwei Personen der „Liste de la gauche solidaire écologiste et citoyenne”, einem Zusammenschluss aller Linken und Grünen, in den Gemeinderat. Dort können sie aber natürlich so gut wie nichts ausrichten. Aber wer weiß, vielleicht habe ich nach 20 Uhr noch etwas Interessantes zu ergänzen …

Nachtrag: David Lisnard ist mit 80% der Stimmen im ersten Wahldurchgang, wie erwartet, gewählt worden.

In Nizza sieht sich der seit vielen Jahren amtierende Bürgermeister Christian Estrosi dem Herausforderer Eric Ciotti, der sich vor Kurzem dem extrem rechten Rassemblement National angeschlossen hat, gegenüber. Dass am Samstag ein Viertel der Wahlzettel abgesoffen war, die in schlecht verpackten Paketen im Regen von den Wahlbüros abgelegt worden waren, ist hoffentlich kein schlechtes Omen. Es wurden natürlich in aller Eile Wahlzettel nachgedruckt, heißt es.

In meinem Bergdorf wurden die wenigen Stimmen bereits ausgezählt und die Bürgermeisterin ist mit 54 Stimmen gewählt worden. Es gab eine Stimmenthaltung durch eine „Blanc“-Stimme (man hat ein leeres, weißes Blatt anstelle des Wahlzettels in den Umschlag gesteckt) und eine andere Person hat die Bürgermeisterin auf dem Wahlzettel durchgestrichen, was als ungültige Stimme zählt. Nun, 54 von 56 Stimmen ist, auch bei geringerer Wahlbeteiligung, doch ein ziemlich gutes Ergebnis.

Ich bin von der Situation ohne Konkurrenz im Bergdorf und von der komfortablen Position David Lisnards in Cannes so sehr eingelullt, dass mir die Brisanz in den anderen Städten dieses Mal völlig entgangen ist.

Wie bei allen Wahlen in Frankreich gibt es natürlich auch einen zweiten Wahldurchgang, wenn es im heutigen ersten Durchgang keine(n) absolute(n) SiegerIn gibt, d. h., wenn er/sie nicht über 50 % der Stimmen erhält. In Nizza beispielsweise sieht es momentan so aus, dass Estrosi etwa 36 % 30% und Ciotti etwa 40 % 43% (letzter Stand 23 Uhr) der Stimmen haben. Es gibt jedoch auch andere Parteien, die sich für den zweiten Wahlgang erfahrungsgemäß zurückziehen werden, damit nur die beiden stärksten Kandidaten übrig bleiben, und eine(r) von ihnen mehr als 50% der Stimmen bekommen kann. Manche der zurückgezogenen Parteien geben Wahlempfehlungen ab, die für die Wähler jedoch nicht verpflichtend sind. In Nizza (ebenso in Paris und in vielen anderen Städten) bleibt es also noch spannend!

Heute ist es zwar überall noch sehr nass, in den Bergen liegt noch ein wenig matschiger Schnee, aber als ich eben vom Brot kaufen kam, sah es so mild und lieblich aus, dass man das katastrophale Wetter von gestern kaum noch glauben kann.

Wir waren erstmals nicht wählen, dafür aber zweimal im Kino, das wird aber ein anderer Eintrag. Stay tuned ;-)

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12 von 12 im März 2026

Und schon ist wieder der 12. des Monats und es gibt 12 Bilder vom Tag!

Derzeit falle ich direkt vom Bett auf den Heimtrainer und strampele eine halbe Stunde (Tendenz aufsteigend). Dabei lese ich das Internet leer. Heute sehr schöne Fotos (schon seit ein paar Tagen, um ehrlich zu sein) vom platten Land, Nebel und neugeborenen Schafen beim täglich bloggenden Herrn B. Haben Sie vermutlich schon selbst gesehen.

Frühstück mit Magnesium und Blutdrucktablette.

Erst dann denke ich an den Blick aus dem Fenster. Heute ist das Wetter die meiste Zeit unentschieden: Sonne und dunkle Wolken, manchmal ist es vorne hell und hinten gewittrig dunkel. Regnet aber den ganzen Tag nicht.

Wir holen am Vormittag Monsieurs Tochter aus dem Krankenhaus ab. Klinik vielmehr, ich bin nicht sicher, ob die Einteilung in Deutschland dieselbe ist. Kliniken sind private Krankenhäuser, in denen man den Arzt/Ärztin und den Eingriff zahlt. Krankenhäuser sind staatlich und und hier zahlt das französische Gesundheitssystem. Die Klinik Arnaud Tzanck in St Laurent du Var hat einen guten Ruf, den Spezialisten, den die Tochter braucht, gibt es auch nur hier. Es ist dennoch ein abgewirtschafteter hässlicher Gebäudekomplex, es finden umfassende Bauarbeiten bei laufendem Betrieb statt.

Die Tochter will nicht unterwegs Mittagessen, sondern so schnell wie möglich nach Hause und dort wieder ins Bett, wir kaufen unterwegs frische Ravioli und es gibt ein schnelles Mittagessen mit frischen Artischocken (es wird Frühling!), Ravioli mit Rindfleischfüllung (“Daube”, sehr lecker) nur mit etwas zerlassener Butter und Reibekäse. Danach Käse und die Reste einer Apfeltarte, die ich, weil es im Kühlschrank keinen Platz mehr gab, auf der Terrasse gelagert hatte. Im Karton haben sich schon die erste Ameisen, noch winzig klein, eingefunden. Auch das ein Zeichen des Frühlings!

Sieste. Muss.

Danach arbeite ich ein bisschen an etwas, das ich heute auch fertig bekomme, hurrah!

Um 16 Uhr bin ich mit einer Freundin zum Spazierengehen in der Croix des Gardes verabredet. Wir laufen anderthalb Stunden kreuz und quer, es ist sehr grün (der frühe Frühling ist hier sehr regenreich dieses Jahr!) die Wege sind manchmal matschig, aber die Sonne scheint jetzt wunderbar!

Die Mimosenblüte ist endgültig vorüber, aber es wachsen wilde Fresien hier, das Eselpaar, das den Naturpark peu à peu abgrast, hat ein junges struppiges Eselchen bekommen, aber sie sind alle drei fotoscheu und laufen ans Ende des umzäunten Geländes, und sie sind im Schatten nicht mehr zu sehen. Dafür stolpern wir zufällig in die Fütterung der frei lebenden Katzen (alle üppig und mit unglaublich gepflegtem Fell), es gibt einen Verein, der sich um die Katzen hier kümmert, erfahren wir.

Später schreibe ich eine wichtige Mail, telefoniere mit einer anderen Freundin und dann mache ich schon Abendessen: es gibt Reste von mittags, ohne Foto. Ich würde gerne die Serie “Quelq’un devrait interdire les dimanches après-midi”, sehen, aber der Gatte will lieber in den Schlechtigkeiten der Welt versinken und schaut Nachrichten.

Das wars schon. Danke fürs Lesen und Schauen! Die anderen 12 von 12er wie immer und dankenswerterweise bei Caro!

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Müde Augen, junge Frauen und alte Meister

Drei Farben Blau: Schnee über der Cote d’Azur

Auf dem Rückweg aus Deutschland kaufe ich mir in der Regel im Duty-Free-Shop am Flughafen eine große Tüte Gummizeugs oder eine teure Sorte Schokolade, die es hier nicht gibt und für die ich in meinem französischen Alltag auch keinesfalls so viel Geld ausgeben würde. Es ist der alte „Belohn-Reflex“ aus meiner essgestörten Zeit, der noch immer in meiner DNA eingegraben ist und leider in stressigen Zeiten auch wieder für vermehrten Zuckerkonsum sorgt. Dieses Mal habe ich erstaunlicherweise kein Bedürfnis nach Schokolade, ich bin anders erschöpft und kaufe erstmals Feuchtigkeitspads, beeinflusst von den vielen jungen Frauen auf Instagram, die sich Feuchtigkeitspads unter die Augen kleben und davon berichten. Ich kann es kaum erwarten, sie unter meine müden Augen zu kleben.

Kein Lippenstift für Boomer

Ich gehöre zur Frauen-Boomer-Generation und nehme die Verschönerungsaktionen junger Frauen aus der Generation X, Y oder Z (oder noch jünger), die ihre eigentlich noch makellose, glatte Haut mit Pads, Masken oder Serum verwöhnen, mit Erstaunen zur Kenntnis. In meinen jungen Jahren wäre mir das nicht eingefallen, so etwas war höchstens für ältere Damen (etwa meines jetzigen Alters 😅) vorgesehen; gleichzeitig aber galt (und gilt) weniger ist mehr. Sich schminken, roter Lippenstift und rote Fingernägel waren verpönt – zumindest in meinem akademischen Umfeld. Und all das „Aufgetakelte“ war, nicht nur meiner Meinung nach, Frauen vorbehalten, deren Interessen sich auschließlich um Äußerlichkeiten drehten. Haare, Mode, Klatsch und Tratsch …

Junge Frauen …

Doch plötzlich gibt es eine Frauengeneration, die sich schminkt, falsche Fingernägel aufklebt, pinken Lippenstift trägt und Zunge-Rausstreck-Selfies macht und trotzdem etwas im Kopf hat.

Und in der Tat sehe ich voller Bewunderung wie viele junge Frauen heute schon so viel Durchblick haben. Sei es, dass sie toxische Beziehungsmuster mit Eltern oder Partner:innen früh erkennen (ich denke hier etwa an @svenjafuxs), oder dass sie sich für Politik interessieren und ausgezeichneten Journalismus machen (wie etwa Natalie Amiri, deren Buch über den Nahen Osten ich gerade lese). Obwohl ich mich seit jeher mit großer Ernsthaftigkeit für vieles interessiere, viel lese und versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen, irrte ich doch sehr lange verständnislos durch mein Leben und unwissend durch die Welt.

Alte Strukturen

Gleichzeitig bin ich auch erschüttert, wie wenig weit wir andererseits gekommen sind. Ich dachte wirklich, meine Generation sei die Letzte, in der Männer noch die “klassische” Männerrolle in Partnerschaften einnehmen würden, klassisch in dem Sinn, dass sie weder die Alltags- und Haushaltsdinge mitdenken, geschweige denn mittun, und etwa bei der Kindererziehung wenig bis keine Verantwortung übernehmen sondern sich häufig als quasi zusätzliches Kind von ihrer Frau mitversorgen lassen.

Das sehe ich beispielsweise, wenn ich die Einsenderunden auf Mirjas Instagram-Seite @seiten.verkehrt lese. Sie fragt ihre Leserinnen regelmäßig, wie sie ihren Alltag mit Kindern in Familie oder im Beruf leben. Themen sind etwa der unterschiedliche Umgang von Mann und Frau mit Schlaf, Krankheit, Weihnachten (Adventskalender, Geschenke, Essen) oder die Urlaubsplanung inklusive Packen. Es macht mich fassungslos und wütend, wie hilflos und planlos Männer sein können. Gleichzeitig ruhen sie sich mit Arroganz und Überheblichkeit („Ich bin der Hauptverdiener”) auf dem Rücken ihrer Frau aus.

Zum Weltfrauentag gibt es hier zwei Screenshots von @seiten.verkehrt

Am Ende dreht Mirja all die sexistischen Muster einfach um. Satire! Hallo! Erstaunlich, dass dies immer noch zu Aggressionen bei den Lesern führt – und ich muss hier gar nicht gendern.

Feministischer Klassiker: Die Töchter Egalias

In diesem Zusammenhang wollte ich schon lange auf „Die Töchter Egalias” der Norwegerin Gerd Brantenberg (übersetzt von Elke Radicke unter Mitarbeit von Wilfried Sczepan) hinweisen. Der „Roman über den Kampf der Geschlechter“ ist schon in den Siebzigern erschienen, vielleicht sind unter meinen Boomer-LeserInnen welche, die es kennen? Für die anderen hier eine kurze Erklärung: In Egalia, einem fiktiven Staat, ist alles konsequent umgedreht, sogar die Sprache: Schon der erste Satz macht es klar, hier bekommen Männer die Kinder und Frauen verlieren die „Befrauschung“, wenn etwa der Sohn “Seefrau” werden will. Anders als die auf der Rückseite abgedruckten Kritiken hat es mich nicht „zum herzlichen Lachen” (Emma) gebracht. Ich habe es seinerzeit nicht zu Ende lesen können. Aber auch nach nur zwei Drittel des Buches war die feministische Botschaft absolut augen- und hirnöffnend. Dr. Luise F. Pusch sagt etwa, es sei ein „Meilenstein des Feminismus” und stellt es gleichwertig neben „Das andere Geschlecht” von Simone de Beauvoir.

Es ist übrigens ein Buch, das ich mir antiquarisch erneut bestellt habe. Ich dachte, ich würde es heute leichter lesen, aber nein, es nervt mich nur noch viel schneller. Und ich fürchte, dass „Egalia” nur „eine reiche Quelle für Seminar-, Magister- und Doktorarbeiten” wurde (Dr. Luise F. Pusch), aber leider keinerlei Veränderung im echten Leben bewirkt hat. Vielleicht müsste man es neu übersetzen und den Schutzumschlag ändern. Heute würde frau in der feministischen Bildgestaltung keinen Penis mehr neben einen Frauenkopf abbilden, so hoffe ich doch. Vielleicht ist jetzt die Zeit, es wieder auf den Markt zu bringen, mit den vielen jungen pfiffigen und kämpferischen Frauen kann sich ja noch etwas ändern. Nie die Hoffnung verlieren.

Alte Meister: Die Odesa-Ausstellung

Kleiner Themenwechsel. Ich wollte doch noch ewas zur Odessa-Ausstellung (ukrainisch heute Odesa), sagen, die ich in Heidelberg tatsächlich angesehen habe. Es wurden dort vorsorglich evakuierte Bilder aus der Sammlung des Museums für Westliche und Östliche Kunst in Odesa gezeigt. Ehrlich gesagt, war ich erst ein bisschen enttäuscht, hatte mir anderes, mehr Fremdes vorgestellt, aber

Bei den Bildern aus Odesa handelt es sich um eine durch und durch europäische Sammlung: Madonnenbilder aus der italienischen Renaissance und Stillleben aus dem niederländischen Barock, Porträts von Adligen und Bürgern im romantisch-realistischen Stil und beinah impressionistische Szenerien aus dem Mittelmeerraum. Worum es bei der Präsentation dieser Bilder ganz wesentlich geht, ist, zu zeigen, dass Odesa und Heidelberg – die Ukraine und Deutschland – durch eine gemeinsame kulturelle Basis verbunden sind.

Martina Senghaas, SWR

Um diese kulturelle Nähe zu verdeutlichen, wurden einige Bilder aus der ukrainischen Sammlung neben Bildern aus der Sammlung des Kurpfälzischen Museums aufgehängt (ohne Beispiel). Ich hatte keinen Kopfhörer-Guide erworben, aber die zweisprachigen Texte neben den Bildern waren gut verständlich.

Das Museum für Westliche und Östliche Kunst in Odesa
Domenico Morelli: Porträt der Gräfin Olena Tolstoi 1875

Besonders beeindruckend und berührend ist der kleine Film, der in einem Nebenraum gezeigt wird. Er veranschaulicht, wie lebendig die kulturelle Vielfalt im Museum war. Neben klassischen Museumsführungen für Erwachsene und Kinder dienten die Räumlichkeiten für Empfänge, Konzerte und sogar Tanzveranstaltungen, die dem Wiener Opernball nachempfunden waren. Zu sehen ist auch, wie die Evakuierung der Bilder und anderer Kunstwerke vonstattenging: Wie Museumsmitarbeiter die Bilder nach und nach aus den Rahmen schneiden und verpacken – die so versandten Bilder wurden in Berlin in einfache braune Holzrahmen gerahmt –, wie das Museum immer leerer wird und wie eilig Sandsäcke vor die Türen gestapelt und die Fenster zumauert werden, um größere Zerstörungen zu verhindern.

Ein wandgroßes Foto zeigt die (erneute) Zerstörung der Verklärungskathedrale in Odesa. Sie wurde 1936 zunächst von Stalin zerstört, 1999 originalgetreu wieder aufgebaut und ist nun erneut teilweise zerstört.

Verklärungskathedrale Odesa heute

Als ich am Eingang die Aufsicht führende Dame frage, was in der Zwischenzeit aus dem Museum für Westliche und Östliche Kunst geworden sei, antwortet sie mir mit starkem slawischem Akzent: „Also, da fragen Sie die Falsche. Keine Ahnung.“ Sie zuckt gleichgültig mit den Achseln. Da ich anscheinend etwas irritiert schaue, schlägt sie mir vor: „Schauen Sie im Internet nach“, Odesa sei ja ihres Wissens nach nicht stark bombardiert worden, fügt sie noch hinzu. Das macht mich kurz sprachlos, aber ich verstehe, dass Odesa dieser Dame, sehr wahrscheinlich russischer Herkunft, ziemlich egal ist, zumindest solange die Stadt zur Ukraine gehört. Ich widerspreche nicht, aber ins Internet schaue ich später. Die historische Altstadt Odesas, die 2023 gerade noch auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde, wurde im Juli 2023 stark bombardiert. Dabei wurden die oben gezeigte Verklärungskathedrale, einige Museen und viele Wohnhäuser zerstört. Das Museum für Westliche und Östliche Kunst steht wohl noch, wird aber zumindest in dieser Liste – ja, ich weiß, es ist nur Wikipedia – als „mehrfach durch russische Angriffe beschädigt“ geführt.

Jules-Alexis Muenier: Mord an der Riviera (späterer Titel Streit der Kutscher) 1893

Emile Claus: Sonniger Tag 1895

Ok. So viel für heute! Schönen restlichen Weltfrauentag. In Paris wurde feministisch demonstriert, sah ich gerade. Und es waren auch Männer dabei. Vielleicht wirds besser in der nächsten Generation!

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Nicht müde werden

Die Mimosen haben mir ein unglaubliches Besucherhoch auf dem Blog beschert, was auch durch diverse Links auf anderen Blogs unterstützt wurde. Herzlichen Dank dafür! Gleichzeitig haben sie aber auch Tausende russischer und chinesischer Bots angelockt, denen die Mimosen vermutlich egal sind, der Hinweis auf die Ukraine aber nicht. Es macht mich ein bisschen nervös, zu sehen, wer und was sich alles durch meinen Blog wühlt. Vielleicht sollte man sich das gar nicht ansehen, sondern einfach weiterbloggen, as nobody’s watching. Die Besucherzahlen nehmen sowieso wieder ab. Die Bots hoffentlich auch.

Ich bin schon mit einem Fuß unterwegs: Der monatliche Besuch im Pflegeheim steht an, ein Geburtstag wird gefeiert werden und das Wetter ist allenthalben frühlingshaft geworden, sodass man einen kleinen Ausflug machen kann! Ich möchte auch gerne eine Ausstellung sehen. Vorsorglich evakuierte ukrainische Kunstwerke aus Odessa tingeln durch die Welt und sind noch bis Ende März in Heidelberg zu sehen.

Es gibt derzeit noch eine andere Ausstellung in Heidelberg, die sich zu besuchen lohnt: Anlässlich des 20. Todestags der Dichterin Hilde Domin ehrt das Kulturamt der Stadt Heidelberg die Dichterin mit der Ausstellung „Nicht müde werden”.

Kuratiert wurde sie von Stefan Kaumkötter und Marion Tauschwitz, letztere Autorin, Freundin und Wegbegleiterin Domins. Leider werde ich es nicht schaffen, beide Ausstellungen zu sehen, aber wenn Sie in der Nähe sind, Zeit haben und Hilde Domin schätzen, kann ich Ihnen nur empfehlen, sich die Ausstellung anzusehen. Ich kenne Marion Tauschwitz persönlich und glaube sagen zu können, dass noch keine Ausstellung profunder und liebevoller gemacht wurde.

beau vent froid – Blick aus dem Bonnard Museum mit aperçu mer

Ich war vor kurzem im kleinen Bonnard-Museum in Le Cannet, zur Zeit als es fast ununterbrochen regnete und ich nicht glaubte, dass ich draußen noch Mimosen sehen würde. Die Mimosenbilder von Bonnard wurden vom Musée d’Orsay (mit dem das Bonnard-Museum fest zusammenarbeitet) und dem Centre Pompidou nach Le Cannet ausgeliehen und waren der Schwerpunkt der aktuellen Ausstellung, mit der auch geworben wurde.

Letzten Endes sind es nur zwei Mimosenbilder, was ein bisschen enttäuschend ist, auch wenn es noch ein paar andere neue Bilder gibt und sich die Thematik und die Hängung in den anderen Räumen stets ändern.

Blick aus dem Atelier mit Mimosen
Blick über le Cannet zur Zeit der Mimosenblüte

Eine (nicht ganz neue) Neuerwerbung ist das Porträt eines kleinen Mädchens mit Hund, das uns letztes Jahr auf einer Karte der Stadt Le Cannet als Neujahrsgruß entgegenlachte und letztes Jahr zu meinem Symbolbild für das Wort des Jahres „Freude” wurde. Bislang konnte ich mich dieses Jahr noch nicht so richtig für die Freude entscheiden, denn die Welt scheint mir zu düster: Ich sage nur Iran, Ukraine, Epstein, all der Hass und all der Antisemitismus. Darf man bei all dem Leid freudig sein? Ja, ja, ja! Was ich brauche, ist genau das – Freude (und Liebe) –, um diesem Leid etwas entgegenzusetzen. Das bedeutet nicht, dass ich das Elend nicht sehe oder nicht sehen will. Aber ich will mich davon nicht auffressen lassen, wozu ich tendenziell neige. Gut also, dass ich im Museum überraschend auf das kleine lachende Mädchen gestoßen bin, das mich daran erinnert.

Petite fille au chien

Beim Kofferpacken habe ich vorhin außerdem mein verloren geglaubtes „Freude”-Armbändchen in einer Seitentasche wiedergefunden. Wenn das kein Zeichen ist! Die Perlen sind schon ein bisschen blass und das Fädchen eher grau als rosa. Es hat im vergangenen Jahr viel gearbeitet und ich trage es jetzt bewusst wieder!

Gestern stieß ich bei einem Instagram-Filmchen in den automatisch erstellten Untertiteln auf das schöne Wort „Fötonist”. Ich habe es erst gar nicht verstanden. Da hat die KI noch einiges zu lernen, bevor sie „Feuilletonist” in einem deutschen Gespräch richtig versteht. Haha. In diesem Zusammenhang sehe ich mir super gerne die sprachlichen Spitzfindigkeiten von Loic Suberville an und muss oft genug lachen. Hier ist mein Beitrag zur Freude heute. Vielleicht amüsiert es Sie auch ein bisschen.

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Mimosen – outdoor

Weil Ihnen die Mimosen in der Forcerie so gut gefallen haben, schicke ich Ihnen noch ein paar Mimosen aus der Natur hinterher. Die Fotos habe ich heute früh im Naturpark La Croix des Gardes oberhalb von Cannes aufgenommen. Heute bin ich einen anderen Weg als üblich gegangen und bin hier und da auch querfeldein auf den vom Regen ausgewaschenen (und teilweise noch schlammigen) Trampelpfaden gelaufen, die es überall gibt. So sah ich die weniger liebliche Seite des Naturparks mit Blick aufs Hinterland statt aufs Meer. Da waren deutlich weniger Menschen unterwegs.

Noch immer blühen manche Mimosen, doch viele der frühblühenden Mimosen sind schon verblüht oder vielleicht sogar erfroren.

Hier sieht man die wildwuchernden Mimosenschößlinge, die sich über die Wurzeln weitervermehren.

Unsere Mimose im Garten treibt keine weiteren Pflänzchen aus, weil sie extra für Gartenanpflanzung auf einen anderen Stamm aufgepfropft wurde – das erklärte mir zumindest der Herr aus der Forcerie.

Das letzte Bild in Blau und Gelb ist leider etwas unscharf, aber ich stelle es hier symbolisch für meine stete Unterstützung der Ukraine ein. Der Angriffskrieg Putins dauert jetzt schon vier Jahre an. Es ist unfassbar.

I stand with Ukraine! Slava Ukraini!

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Mimosen – indoor

Schon vor einer Woche habe ich die Forcerie in Pegomas besucht, um Ihnen wenigstens ein paar Indoor-Mimosen zu zeigen, wenn es draußen schon so ungemütlich, dauernass und windig ist, dass man keine Spaziergänge machen kann. Ich wollte schon immer wissen, was eine Forcerie ist und wie sie funktioniert. Im Zusammenhang mit dem Mimosen-Karneval in Mandelieu, der letzte Woche stattfand, hat das Office de Tourisme verschiedene Aktivitäten dieser Art angeboten: neben Spaziergängen im Mimosen”wald” Tanneron oder in Mandelieu, konnte auch eine Forcerie besucht werden.

Sie fragen sich vielleicht, “was ist denn eine Forcerie“? Ich übersetze und zitiere mal aus einem Text des Office de Tourisme:

Die Forcerie ist ein spezieller Ort, an dem frisch geschnittene Mimosenzweige unter besonderen Wärme- und Feuchtigkeitsbedingungen gelagert werden.
Durch dieses Verfahren kann die Mimose weiterblühen, sich nach und nach öffnen und ihre ganze Farbe und ihren Duft entfalten.

Das Wort Forcerie wird nicht übersetzt, gemeint ist, dass die Mimose zum Blühen forciert, also “gezwungen” wird.

Ich hatte mir unter der Forcerie etwas Großes, Fabrikhallenartiges mit zig Angestellten vorgestellt und war überrascht – um nicht zu sagen enttäuscht –, als ich einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb vorfand: ein kleines, einfaches Haus mit ein paar niedrigen lichtarmen Kellerräumen.

Und trotzdem ist es ein großer Betrieb und einer der letzten Mimosenzüchter in der Region. Früher waren es etwa dreißig, heute gibt es nur noch zwei: in Pegomas – man spricht das „s” am Ende von Pegomas übrigens, genauso wie bei den Bauernhäusern, die hier „Mas” heißen – am Fuße des Tanneron, mehrere Hügel, die voller Mimosenpflanzungen sind.

Im Gegensatz zum kommunalen Naturschutzgebiet La Croix des Gardes in Cannes gehören die Hügel hier den Mimosenzüchtern: diese hier etwa der Familie Reynaud. Sie arbeitet seit vier Generationen in der Mimosenzucht und hat nach und nach das Land der anderen Züchter, die aufgegeben haben, dazu gekauft. Wenn Sie dort also spazieren gehen und (nicht erlaubt, aber geduldet) Mimosen pflücken, bedenken Sie, dass Sie sich auf Privatgelände befinden und die Mimosen dort kultiviert und geerntet werden. Es ist vergleichbar damit, durch Weinberge zu laufen.

Der Chef der Mimosenzüchterfamilie sitzt im Rollstuhl. Er hat sich beim Fällen einer zu groß gewordenen Mimose verletzt: Der Stamm fiel auf ihn und zertrümmerte sein Bein. Ausgerechnet in der Saison! Nun organisiert und dirigiert er seine Mimosenerntehelfer in den Hügeln – in der Saison sind es zehn Personen, sonst arbeiten sie nur zu viert –, per Video und Telefon.

Und heute erzählt er uns etwas über die Mimose und seine Arbeit mit ihr. Seit vier Generationen betreiben sie das hier, doch die nächste Generation, seine Söhne, will den Betrieb nicht weiterführen. Es ist zu viel harte Arbeit und klimatisch zu instabil geworden. Bei der Mimosenernte muss man viele Dinge bedenken: Winter, in denen die Temperaturen unablässig zwischen Minusgraden und für die Jahreszeit zu warmen Temperaturen schwanken, Trockenheit, Regen, Wind. Bei Wind etwa kann die Mimose nicht geerntet werden, genauso wenig bei Regen, denn sie ist einfach zu empfindlich und würde die Weiterverarbeitung und den Transport nicht überstehen.

Sie wird ohnehin nur wenig oder halb aufgeblüht geerntet. Erst im geschützten Raum der Forcerie soll sie sich richtig entfalten. Danach werden die goldenen Flaumbällchen in Sträuße konfektioniert und in alle Welt verschickt – ebenso zum Karneval nach Nizza oder zu anderen regionalen Festen.

In der Forcerie, dem Raum, in dem die Mimosen es warm und feucht haben, stehen um diese Uhrzeit nur noch ein paar Eimer mit Mimosen. Die meiste Arbeit mit den Mimosen findet in aller Frühe statt: Früh am Morgen gehen insbesondere die internationalen Lieferungen auf die Reise und erreichen ihr Ziel, beispielsweise in Kanada, nur wenige Stunden später.

Die Mimose ist übrigens die einzige Pflanze, die nach Gewicht verkauft wird.

Es gibt etwa 500 Sorten Mimosen. Hier werden aber nur 15 Sorten angebaut, darunter Früh- und Spätblüher, um eine möglichst lange Saison von Dezember bis Februar zu haben. Sie stammt ursprünglich aus Australien und wurde von den Engländern importiert. Sie fühlt sich auf den „armen”, überwiegend trockenen und sandigen Böden so wohl, dass sie sich, wenn man sie nicht daran hindert, ausbreitet und wächst und wächst … Sie haben ihr australisches Blühgedächtnis behalten, denn eigentlich blüht sie im australischen Sommer, der zeitgleich mit unserem Winter ist.

Den Rest des Jahres liefern die Mimosenproduzenten nur noch die Blätter der Mimosen an Floristen. Diese werden als „Grün“ in Sträuße gebunden, ebenso wie die Blätter der Eukalyptusbäume. Letztere sind eine andere Importware aus Australien und das andere grüne Standbein der Mimosenproduzenten.

Die Mimosenzüchter haben in den letzten Jahren neben den reinen Mimosensträußen und -pflanzen weitere Produkte in Zusammenarbeit mit lokalen Erzeugern geschaffen: aromatisiertes Gelee und Honig, Duftkerzen, Seifen, Sirup und vieles andere mehr. Wir dürfen allerhand verkosten und man kann im kleinen Laden (zumindest während der Mimosensaison) einkaufen. Zum Abschied bekommen wir alle einen Mimosenstrauß geschenkt. Ich bin entzückt von den goldenen Puschelchen – unsere Gartenmimose ist schon verblüht und ihre Blüten sind viel heller –, denen ich zu Hause jedoch in Echtzeit beim Verblühen zusehen kann.

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Mandelblüte

Gestern am frühen Abend, nach einem grauen, windigen und stellenweise nassen Tag, als ich vom Einkaufen zurückkam und auf der Parkplatzsuche das Viertel durchfuhr, blitzte plötzlich ein Sonnenstrahl durch die Wolken und strahlte die Mandelbäume an. Wow! Sie blühen trotz des wochenlangen Regens! So ein warmes Rosa! Ich fand einen Parkplatz und noch bevor ich die Einkäufe nach Hause trug, lief ich zurück, um die Mandelblüten zu fotografieren. Dazu musste ich allerdings auf einem Mäuerchen balancieren, was ich seit ein paar Jahren nicht mehr so gut kann, meine Höhenangst beginnt schon bei etwa 50 Zentimetern.

Eins…
zwei …
drei…
viele.

Schön oder?

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12 von 12 im Februar 2026

Und schon ist wieder der Zwölfte! Zwölf Fotos gibts von diesem Tag, und hatte ich heute Morgen das Gefühl, dass ich locker 24 Fotos veröffentlichen könnte, so hat sich das heute Nachmittag vor dem PC erledigt.

Ich war sehr früh wach, aus vielerlei Gründen und konnte nicht mehr einschlafen trotz aller “Einatmen-ausatmen-ich-bin-ganz-ruhig-Mantren”. Um kurz vor sechs stand ich dann auf, machte mir einen Kaffee und schrieb Tagebuch.

Heute mal ein anderer Blick aus dem Fenster. Ab halb acht geht es in den Nachbarstraßen nur noch im Stop-and-go-Verkehr voran. Die Kinder werden zur Schule gefahren und in strategisch günstiger Nähe zum Lycée aus dem Auto gelassen.

Um acht Uhr fuhr mich Monsieur zum Ophtalmologen, das ist der Augenarzt auf Deutsch. Ich bin noch zu früh dran, deshalb nehme ich in einer Bäckerei noch einen Kaffee und ein Croissant zu mir. Hatten wir auf dem Blog nicht mal von geraden und gebogenen Butter- und Nicht-Buttercroissants gesprochen? Hier gibt es gerade Buttercroissants, die dann eigentlich gar keine Croissants mehr sind, wenn man es genau nimmt, weil Croissant ja die Halbmondform meint. Es riecht zwar nach Butter, schmeckt aber nur mittelmäßig danach.

Beim Augenarzt.

Der findet jedes Mal meine Augen überraschend interessant: “Vous n’avez pas des yeux comme tout le monde”, heute allerdings auch fragil und Glaukom-gefährdet. Sobald ich irgendwelche Lichtblitze sähe oder verschobene Bilder, solle ich sofort kommen, schärft er mir ein. Außerdem verschreibt er mir eine Gesichtsfeldmessung bei einer Orthoptistin.

Das Haus gegenüber des Augenarztes. Hier in diesem Viertel stehen lauter große Wohnblocks wie dieser.

An der Ecke ist hingegen die Ferrari-Niederlassung. Spiegelungen.

Ich fahre mit dem Bus in die Innenstadt, ich habe eine neue Kreditkarte, die ich aktivieren muss. Leider bin ich auf eine Fake-Firma reingefallen (glauben Sie nie an zu verlockende Angebote!) und musste meine bisherige Karte sperren. Die Bank hat geöffnet, die Läden in der Innenstadt machen jedoch erst um 10 Uhr manche auch erst um 10.30 Uhr auf. Die Rue d’Antibes ist gähnend leer, die Müllsäcke und Kartons liegen noch herum. Die Müllabfuhr kommt erst noch. Die Sonne hingegen kommt und geht.

Die Schaufenster der Läden sind für den Valentinstag dekoriert. Ätzend oder?

Es gibt aber auch einen Modeladen, der pinkfarbene Post-its mit Liebeserklärungen in allerlei Sprachen ans Fenster geklebt hat – zum Mitnehmen. Hab aber keinen mitgenommen.

Der Gatte hatte gestern überraschend Austern mitgebracht, ich überraschend Mimosen und abends gab es (mal wieder) den Film mit Fanny Ardant “Les jeunes amants”, den ich so wundervoll finde (gut beim ersten Schauen war er wundervoller). Ich glaube, das war es hier dann bereits mit dem Valentinstag.

Zurück fahre ich wieder mit dem Bus. Der Himmel ist jetzt blau, es ist aber windig und kalt. Wenn man ganz genau schaut, sieht man von hier ein klitzekleines Stückchen Meer!

Mittagessen. Als ich nachschaue, stelle ich fest, dass es fast genau dasselbe wie am 12. Januar gibt (Hähnchenschenkel aus dem Airfryer und Tagliatelle). Allerdings habe ich heute einen Mimosenstrauß, weil ich gestern die Forcerie besichtigt habe. Das möchte ich aber in einem anderen Beitrag erzählen.

Danach mache ich eine Sieste, die heute dringend nötig ist. Das übliche Bettflaschenfoto gibt es aber nicht. Das habe ich vermutlich vor lauter Müdigkeit vergessen. Am Nachmittag sitze ich am PC und arbeite an einem französischen Text.

Schon gibts Abendessen. Heute eher Picknick, aber mit einem Rest leckerer Mangold-Feta-Quiche. Ohne Foto. Wir haben bereits zwölf Fotos. Dann habe ich ein Problem mit irgendwelchen herumzickenden Plugins auf dem Blog und zwei Stunden lang schlage ich mich mit dem Fatal Error 500 herum und der Blog ist blockiert. Glücklicherweise kann ich mich übers Handy in die Eingeweide des Blogs einloggen und klicke ein bisschen dort herum. Irgendwann gehts wieder. Uff!

Als Zugabe (ich weiß, ich hatte den vor ein paar Jahren schonmal verlinkt … oder auch nicht, ich finde ihn auf jeden Fall gerade nicht, aber dann ist es ja gut, dass ich es hier jetzt tue ;-) ) die Vorschau von “Les jeunes amants”. Es gibt ihn noch in der Mediathek von arte bis zum 12. März!.

So viel von hier. Danke fürs Schauen und Lesen. Die anderen 12 von 12er wie immer bei Caro!

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Regen, ein Film und keine Mimosen

Wir erleben einen außergewöhnlich kalten und verregneten Januar und Februar dieses Jahr an der Côte d’Azur. Die Mimosenblüte in unserem Vorgarten ist buchstäblich verhagelt, die Blüten sind bereits braun und verblüht. Ich konnte noch keinen weiteren Spaziergang auf den derzeit matschigen Wegen in der Croix des Gardes unternehmen. Und die zartrosa Mandelblütchen, die stets im Schatten der gelben Flauschbällchen auftauchen, werden vom vielen Regen einfach davongeschwemmt.

Ich fürchte, es wird dieses Jahr keine schwefelgelben Outdoor-Mimosenfotos geben, aber in dieser Woche werde ich eine „Forcerie” besuchen. Das ist eine Fabrik, in der die Zweige mit den noch geschlossenen Mimosenknospen in einem feuchtwarmen Klima zum Aufblühen gebracht werden, damit sie zum Verkauf schön fluffig sind. Oder für den Mimosenkarneval, der gerade beginnt. In diesem Zusammenhang bietet die kleine Nachbarstadt Mandelieu Besuche bei Mimosenzüchtern und in diversen Forcerien an. Ich kann den Duft der Mimosen in geschlossenen Räumen nur bedingt schätzen, da er mir schwer auf die Bronchien schlägt. Mal sehen, wie es wird.

Wir waren im Kino und sahen uns den Film La fete à Henriette aus dem Jahr 1952 an. Ich habe ihn mir nicht nur angesehen, weil der Regisseur Julien Duvivier so berühmt war (er hat unter anderem die Don-Camillo-Filme gedreht), sondern auch und vor allem, weil die junge Hildegard Knef mitspielte. Der Film, der nicht überwiegend im Studio, sondern mitten im mal ausgestorbenen, mal wimmelig vollen Paris gedreht wurde, kommt trotz seines Alters frisch und dynamisch daher. Außerdem gibt es tolle Kameraeinstellungen und immer wieder eine Vogelperspektive auf Strukturen aus dem städtischen Paris: Caféterrassen, Stühle, tanzende Paare, Schirme, Treppen und marschierendes Militär – der Film spielt schließlich am 14. Juli, dem Nationalfeiertag und gleichzeitig dem Namenstag und Geburtstag von Henriette.

Zwei Szenaristen, einer optimistisch, der andere pessimistisch, und eine Sekretärin, die die beiden kreativen Herren überallhin begleitet, sich Notizen macht und das Szenario tippt, und die zwischendurch auch kritisch korrigierend eingreift, erschaffen einen neues Drehbuch. Viele der gewaltvollen Krimi-Szenen, die der pessimistische Szenarist entwickelt, werden letztlich wieder verworfen, übrig bleibt eine charmante und amüsante Komödie mit Happy end, zumindest für die zwei Hauptpersonen, Henriette und Robert.

Hildegard Knef, die im (nicht nur) französischen Ausland als Hildegarde Neff geführt wird, weil die Frenchies “Knef” keinesfalls aussprechen können, spielte zwei Jahre nach “Die Sünderin”, der in Deutschland als Skandalfilm Furore machte, hier eine frivole männersammelnde Zirkusreiterin, was niemandem im durchweg älteren Publikum ein kritisches Wort wegen dieser Unmoralität entlockte. Die Szenen mit den beinahe nackten Tänzerinnen in einem Nachtclub natürlich auch nicht. Frankreich eben.

Es gibt übrigens zwei amerikanische Remakes, 1964 kam “Paris when it sizzles” mit Audrey Hepburn und William Holden heraus, und 2003 “Alex und Emma”, ein Remake des Remakes, wo zwar immer noch eine tüchtige Sekretärin die Ideen eines Autors aufschreibt und sich in sein Szenario einmischt, diese Liebeskömodie hat nun aber definitiv nichts mehr mit Paris zu tun.

Der Trailer zu “La fête à Henriette” lässt sich gerade nicht einbetten, warum auch immer. Also bekommen Sie Sous le ciel de Paris in der (sozialkritischen) Version von Hildegard Knef.

Jetzt scheint es zu gehen – ich hoffe, Sie können den Vorfilm auch in Ihrem Land abspielen.

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12 von 12 im Januar 2026

Ich habe gestern eigentlich mitgemacht bei 12 von 12 aber dann abends keine Energie mehr gehabt, um mich um die Fotos zu kümmern, zu schreiben und zu posten. Also gibt es 12 von 12 am 13.

Der Blick aus dem Fenster. Zur Zeit ist es für Côte d’Azur Verhältnisse eher grau. Die Mimose im Vorgarten aber blüht schon!

Frühstück mit Blutdrucktablette. Das ist neu und ich fühle mich ein bisschen, als sei ich unbemerkt auf die Seite “alt und krank” gerutscht.

Ich lese ziemlich viel im Internet herum: zu Herrn Boning, der seit über tausend Tagen im eisig kalten Wasser badet, zu den kleinen niedlichen Schneemännern und Schneefrauen, die in Hamburg gebaut und wieder gebaut werden und pling, kommt ein Artikel über die Côte d’Azur aufs Handy geflattert.

Ich habe mich kurzfristig zum WOW-Workshop angemeldet, vielleicht kann ein bisschen Gruppenpower bei der Suche nach dem Wort des Jahres hilfreich sein.

Mittagessen mit Hähnchenschenkeln aus dem Air-Fryer! Sie werden knusprig und zart!

Sieste.

Danach fahre ich Monsieur zum Bridge-Club.

Ich will in der Croix-de-Gardes einen Mimosen-Spaziergang machen. Finde aber keinen Parkplatz, und dort, wo ich einen Parkplatz finde, sind keine Mimosen. Der Spaziergang wird nur kurz, ich habe eine leichte Zerrung im hinteren Oberschenkel, die mich mehr behindert als ich dachte, es ist außerdem kalt, und nur vereinzelt blühen ein paar frühblühende Mimosenbäume.

Tea-time, um mich wieder aufzuwärmen. Ich telefoniere fast zwei Stunden mit einem ehemaligen Arbeitskollegen aus Darmstadt, der mir den Zeitungsartikel aus der FR hat zukommen lassen.

Schon ist es Zeit fürs Abendessen. Gemüsesuppe in the making.

Dann gehe ich noch schwimmen. Drei mal die Woche hat das Schwimmbad bis 21 Uhr auf, nach 20 Uhr werden die großen Lichter ausgeschaltet, die Becken sind nur unter Wasser erleuchtet, es sind in der Regel nur sehr wenige Menschen dort, ich liebe das!

An der Wand nostalgische Fotos von Stars im Badeanzug. Rechts Brigitte Bardot.

Zuhause schaue ich die letzten beiden Folgen von “Mitterand Confidentiel”

Das wars schon. Danke fürs Schauen! Jetzt ist es sogar schon der Abend des 13. Daher auch 13 Fotos ;-) Ich hoffe, ich kann mich überhaupt noch in die 12 von 12er einreihen. Die finden Sie wie seit Jahr und Tag bei Caro von “Draußen nur Kännchen”. Merci dafür!

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Neues zum neuen Jahr

Buchstabensuppe

Ein frohes neues Jahr wünsche ich Ihnen allen! Das darf man in Frankreich noch den ganzen Januar lang wünschen, ohne als unhöflich zu gelten, das finde ich sehr entspannend, auch wenn trotzdem alle wie verrückt an den ersten beiden Tagen des neuen Jahres ihr Adressbuch rauf- und runtertelefonieren, obwohl, es wird viel weniger telefoniert, finde ich. Nur die Generation 80+ telefoniert noch unbeschwert, alle anderen schreiben Nachrichten, die sich dann in den diversen sozialen Gruppen potenzieren. Ich kriege da gleich mal einen Sozialkoller und warte mit einen Wünschen ein paar Tage, und dann ist es schon zu spät: Das neue Jahr ist am 3. Januar bereits beladen mit Tristesse und Schwere. Nein, die Beerdigung von Brigitte Bardot rührte mich nicht zu Tränen (zumal ihre gute Freundin Marine le Pen anwesend war), ich muss auch zukünftig nicht zum Friedhof nach St. Tropez pilgern, aber ich habe aus diesem Anlass gern noch einmal ihre Filme angesehen, die das Fernsehen sendete.

Brigitte Bardot und Sami Frey inLa Verité

Falls Sie Netflix haben, schauen Sie sich die Serie “Bardot” an, aber dann ist es auch wieder gut mit BB finde ich. Oder, eins noch – unser vor kurzem verstorbener Nachbar, ein diskreter, großer hagerer und sportlicher und wie ich fand, durchaus noch ansehnlicher, älterer Herr, mit dem wir einmal in Kontakt gekommen sind, weil er sich ausgesperrt hatte (er hat dem Enkel später eines seiner Rennräder geschenkt), war einer der Leibwächter und zeitweise auch Liebhaber von Brigitte Bardot. Er hieß Christian Kalt. Man liest überall er sei zunächst Skilehrer gewesen, aber ich habe kein einziges Foto von ihm (und ihr) im Schnee gefunden. Auch wenn es verlockend ist, ich poste hier kein Foto von ihm und ihr, denn ich möchte keinen Prozess am Hals haben wegen unerlaubter Veröffentlichung irgendwelcher Starfotos, obwohl Instagram und Facebook derzeit voll sind mit Fotos, die eigentlich dem Copyright unterliegen. Wenn es Sie interessiert geben Sie einfach “Christian Kalt” in eine Bilder-Suchmaschine ein, 1971 war die große gemeinsame Zeit.

Doch noch etwas: Gerade ist eine E-Mail von „Nice Matin” ins Haus geflattert, in der der Bürgermeister von Cannes, David Lisnard, ankündigt, den Strand „La plage Macé”, an dem alljährlich während des Filmfestivals die Open-Air-Filmnächte stattfinden, zu Ehren von Brigitte Bardot in „La plage Brigitte Bardot” umzubenennen.

Der zukünftige Strand “Brigitte Bardot

Dazu befragt, wie er die Nähe BBs zur extrem rechten Partei Rassemblement National einschätze, sagt er: « Brigitte Bardot incarne la liberté et cette liberté est réjouissante. Elle n’était pas impudique mais nature, naturellement belle et libératrice ». Also ungefähr Brigitte Bardot verkörpert (vor allem) eine beglückende Freiheit […] sie war von natürlicher Schönheit, befreit und befreiend. Was natürlich keine Antwort in Bezug auf den RN ist, aber das interessiert in dem Moment nicht. Wir wollen jetzt bitte auch einen Ort haben, der BB gewidmet ist! Immerhin ist sie hier schon 1953 anlässlich des Filmfestivals am Strand entlanggelaufen. Hier können Sie Fotos von der ganz jungen Brigitte Bardot am Strand von Cannes ansehen.

Bleiben wir bei den People-News: Die Clooneys haben die französische Staatsangehörigkeit bekommen. Sie haben ja hier im Var ein kleines Häuschen erworben, wir berichteten etwa hier, und anders als die Familie Pitt und Jolie seinerzeit, sind sie eher zugänglich. Zwar entsprechen Herrn Clooneys Französischkenntnisse noch nicht dem geforderten Niveau B2 (er sei bei Duolingo Lektion 92, sagte er in einem Interview), das für eine solche Naturalisation zwingend notwendig ist, wie hier gleich gemeckert wurde, aber die Französischkenntnisse seiner Gattin machen es dann wieder wett, vermute ich.

Amrum – Une enfance allemande

Was gibts noch? Ich war im neuen Jahr schon gleich zweimal im Kino, “Amrum” (frz. Titel: Une enfance allemande), den ich währende des letzten Filmfestivals nicht sehen konnte, Sie erinnern sich vielleicht, ist in Frankreich angelaufen. Allerdings hier in Cannes nur mit einer Handvoll dünn gesäter Vorführungen zu bizarren Zeiten. Wir waren selbst bei der Abendvorstellung nur sieben Personen im Saal. Ich fand den jungen Hauptdarsteller beeindruckend und die kleine Geschichte berührend. Und Amrum spricht ja sowieso für sich.

In die Sonne schauen – Les Échos du passé

Ganz anders ging es mir mit dem Film “In die Sonne schauen” (frz. Titel Les Échos du passé), den ich mir gestern Nachmittag angesehen habe. Ich finde ihn schwer zugänglich. Dass das Kino nicht geheizt und ich nach zweieinhalb (!) Stunden völlig ausgefroren war, machte es nicht besser. Ich ging ziemlich genervt nach Hause (andere verließen das Kino vorzeitig), muss aber sagen, dass die traumartigen Bilder und die Geschichten der Frauen heute in mir widerhallen, wie das Wort “Echo” es im französischen Titel passend ausdrückt. Vielleicht muss ich den Film noch einmal anschauen, um alles darin zu sehen und zu verstehen. Aber dann bitte in einem geheizten Saal.

Sonnenuntergang am Plage du Midi Januar 2026

Ich bin noch auf der Suche nach meinem Wort des Jahres. Vielleicht muss es ein weiteres „Freude“-Jahr werden. Ich bin damit nicht schlecht gefahren, auch wenn ich mein Armbändchen verloren habe und es manche Wochen gab, in denen ich die Freude nicht gespürt habe.

Als ich letztes Jahr „Freude” gewählt hatte, wusste ich noch nicht, wie schwer das Jahr werden würde und wie dringend ich die Freude brauchen würde. Mein „Glücksmomente-Glas” endete bereits am 12. Januar mit einer Handvoll froher Momente: den ersten Mimosen, einem Spaziergang und dem Besuch der Oper in Nizza. Danach habe ich vergessen, es zu füllen. Sie haben es vielleicht zwischen den Zeilen gelesen und verstanden. Seit zwei Jahren fliege ich jeden Monat für ein paar Tage nach Deutschland, um mich um meine Mutter zu kümmern. Im Januar 2025 ist sie dann gestürzt, und lebt seitdem auf einer Pflegestation. Sie wissen, was so ein Umzug mit sich bringt: Wohnung leerräumen, sich von Erinnerungsstücken trennen und viele Gefühle. Mehr will ich dazu hier nicht schreiben. Ich fliege weiterhin jeden Monat zu ihr. Es bleibt schwierig. Im letzten Jahr war es, zumindest gefühlt, das lebensbestimmende Thema, und ich musste alle meine Fotos des vergangenen Jahres durchsehen, um auch anderes zu sehen und zu merken: Es gab auch gute Momente, und so schlecht war es gar nicht, dieses Jahr 2025.

Freude im Januar auf der sonnigen Terrasse eines Strandrestaurants

So habe ich im vergangenen Jahr viele Dinge unternommen, die ich mir früher aus Zeit- oder Kostengründen versagt hätte. Gerade weil ich bewusst freudige Momente erleben wollte, habe ich mich beispielsweise mit Freunden in Deutschland getroffen. Und ich habe mir bewusst auch Zeit für mich genommen. Im Dezember etwa war ich noch in Menton und habe mir dort einen Stand-up-Comedian angesehen, den ich sehr mag (dazu kommt vielleicht noch ein eigener Blogtext). Ich habe dafür ein Hotelzimmer an der Strandpromenade mit Meerblick und kleinem Balkon gesucht. Wann, wenn nicht jetzt? Es war traumhaftes Wetter, ich habe es sehr genossen und abends im Theater viel gelacht.

Zimmer mit Aussicht: Menton Mitte Dezember

Und auf den letzten Metern des vergangenen Jahres habe ich mich in einem Chor angemeldet. Ich singe eigentlich sehr gerne, habe mich aber nie getraut, in einem Chor zu singen. Ich kann kaum Noten lesen und das einzige Instrument, das ich je gespielt habe, eine Blockflöte, habe ich kurz nach dem Kindergarten wieder aufgegeben.

Kleiner Exkurs zu „Vaterländer” von Sabin Tambrea und dessen ungarisch-deutscher Musikerfamiliengeschichte: Er erzählt darin, wie er als Kind bei einem ebenfalls nach Deutschland emigrierten hoch angesehenen ungarischen Musiker Violinunterricht bekam. Es war für ihn kein Vergnügen. Der Musiker lebte in seinem Auto, war entsprechend ungepflegt und roch schlecht. Das erinnerte mich daran, dass man mich damals, nach dem Kindergarten, für weiterführenden Musikunterricht zu einem „Professor Leskov” schickte, der private Stunden gab. Aber sein ärmliches Leben in einem düsteren Dachbodenzimmer hat mich geängstigt, sein schwerer Akzent hat mich befremdet und seine raue, ungeduldige Art hat mich ziemlich schnell entmutigt. Das war’s dann mit meiner Blockflötenkarriere. Heute denke ich, dass ein emigrierter (vielleicht russischer) Musiker es ziemlich deprimierend gefunden haben muss, seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, sechsjährigen Mädchen Blockflötenunterricht zu geben. Exkurs Ende, zurück zum Chor.

Ich bin jetzt Mitglied in einem großen Pop-Chor, der landesweit vertreten ist: Le Chœur du Sud. Vielleicht haben Sie kurz vor Weihnachten ein Video durchs Internet huschen sehen: Mit Weihnachtsmann-/Frau-Mützen bekleidet sangen ein paar hundert Menschen auf den Stufen vor der Kirche Sacré-Cœur in Paris (unter anderem) „Mon amour” von Slimane. Da werde ich vielleicht irgendwann auch stehen, allerdings muss ich mir noch einiges aus dem großen Repertoire des Chors erarbeiten.

Bislang kann ich nur zwei Songs halbwegs: „La vie par procuration” von Jean-Jacques Goldman und „Like a Prayer” von Madonna. Der Chor singt überwiegend französische Lieder, die den Franzosen und Französinnen so bekannt sind, dass sie sie schon beim ersten Anhören begeistert mitsingen können. Ich muss mir die Melodie (plus die der Altstimme) und den Text erst erarbeiten. Anders als früher ist mein Textgedächtnis ein bisschen müde. Früher hörte ich mir irgendein Lied dreimal an, dann konnte ich es auswendig. Heute kann ich es auch nach dreißig, ach was sage ich, hundert Mal anhören, ohne das Liedblatt, nicht singen. Also so eine rechte Freude hat sich beim Singen noch nicht eingestellt, dazu bin ich noch zu unsicher, aber es wird werden, da bin ich zuversichtlich!

Mascha Kaléko

Letztes Jahr Anfang Januar hatte ich Dota mit einer Vertonung eines Mascha Kaléko Gedichts zum Thema Freude verlinkt. Mascha Kaléko begleitete mich dann überraschend noch eine Weile im vergangenen Jahr, weil ich im Bücherregal meiner Mutter ein Büchlein mit den Briefen Mascha Kalékos an Ihren Mann fand, anlässlich ihrer ersten Deutschlandreise nach dem Krieg. Ich las es langsam und es zog mich intensiv in die fünfziger Jahre der jungen Bundesrepublik. Gerade habe ich von einer ehemaligen Arbeitskollegin (merci Ulrike!) ein weiteres Buch über Mascha Kalékos erste Reise bekommen, das ich nun gerne lese: Volker Weidermann “Wenn ich eine Wolke wäre”. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens.

Und hier ist endlich der lang versprochene Link zum Podcast „à table”, den Antje Seele von Tourexquisit mit mir aufgenommen hat. Das ist ein bisschen Werbung, unbeauftragt und unbezahlt, denn Tourexquisit ist eine kleine und feine Reiseagentur nicht nur für Frankreich-Reisen. Wenn Sie auf dieser Seite einmal stöbern wollen, werden Sie feststellen, dass diese Reisen wirklich persönlich und geradezu liebevoll geplant sind! Diese Unterkünfte! Traumhaft! Das neueste Projekt rund um die Frankreich-Reisen ist dieser Podcast, in dem auch ich zu Wort komme. Inhaltlich ist es für Sie vielleicht nichts Neues, aber Sie dürfen gespannt sein, denn es sind noch andere Folgen angedacht. Ich werde Sie natürlich informieren!

So viel für heute, es ist lang genug geworden!

à bientôt!

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Same same but different – der Weihnachtsmarkt im Bergdorf

Am liebsten hätte ich mich gedrückt dieses Jahr. Am Abreisetag hatte ich schon wieder Halsweh und keine Lust auf die Kälte in den Bergen, wo es Temperaturen um Null Grad hatte (und hat). Ich wäre lieber im Bett geblieben und vor allem im milden Cannes. Aber ich hatte es versprochen, reiste ohnehin wegen einem kurzfristigen Zahnarztermin schon zwei Tage später an als ausgemacht.

Ich hatte für die Organisation des diesjährigen Nikolausmarktes im Vorfeld eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Da ging es manchmal so hoch her, dass ich zwischendurch dachte, ich klinke mich kurzfristig aus dieses Jahr. Kann man nicht die Krankheit der Nikolausmarkt-Chefin zum Anlass nehmen, und den Markt einfach ausfallen lassen? Aber nein, alle waren sich einig, wir machen den Markt trotzdem, mit der Freundin als von Ferne leitende Institution. Es blieb schwierig und an der Frage, ob wir, obwohl wir nun eine Aubergistin im Dorf haben, zusätzlich einen Food-Truck und den Metzger aus dem Nachbardorf für das festliche Abendessen anheuern wollten, zerbrach fast die solidarische Gemeinschaft. Wir mussten eine Telefonkonferenz machen, um uns auszusprechen. ich hatte trotz des am Ende gefundenen Friedens ein ungutes Gefühl.

Aber jetzt konnte ich mich definitiv nicht mehr drücken, man hatte mir am Vorabend aufgetragen, unterwegs Karton-Suppenschüsselchen und den großen Preis für unsere Lotterie zu erstehen. Wir packten also in aller Frühe das Auto und fuhren los. Zunächst haben wir die Karton-Schüsselchen gekauft, dann standen wir vor einem Elektrosupermarkt und warteten, bis er öffnete. Ich nutzte die Zeit und telefonierte bzw. hing in der Warteschleife eines Autovermieters, der mir einen Strafzettel in Deutschland untergeschoben hat, zu einem Zeitpunkt, wo ich weder in Deutschland war noch ein Auto angemietet hatte.

Der Elektrosupermarkt öffnete, ich aber hatte gerade einen Mitarbeiter erwischt und so stiefelte Monsieur alleine in den Markt und kam, ich war noch nicht fertig mit Telefonieren, mit einem fetten Paket super zufrieden wieder heraus. Er hatte einen Air Fryer gekauft. Allerdings nicht die Marke, die ich gewollt hatte. Egal, meinte er nur, als ich ihm sagte, dass die Qualität des Air Fryers zu schlecht sei, er verstaute die Kiste im Auto und war bereit zur Abfahrt. Ich hatte mich im Vorfeld mehrere Tage lang nur mit Air Fryer-Tests beschäftigt: welche Marke taugt was, was muss das Ding haben, wie wurde es getestet? Dann stand ich in der Black-Friday Woche verzweifelt vor den voluminösen Plastik-Dingern und konnte mich für keinen entscheiden. Mit der Nikolausmarkt-Hauptverantwortlichen, tauschte ich Nachrichten aus, wir entschieden uns, dass wir es vertagen und eventuell etwas anderes aussuchen. Dann aber kam der Tag X und wir hatten noch nichts. Also doch der Air Fryer. Ich versprach nochmals beim Elektrosupermarkt vorbeizufahren. Bei Monsieur, der eigentlich kein Interesse an Haushaltsgeräten hat, ist während meiner Recherche die Information hängengeblieben, dass man mit dem Ding weniger fette dafür superknusprige Fritten machen könnte. Auf mein Gezeter, dass das Gerät, dass er gekauft hatte, ein Gadget sei, ein Spielzeug, antwortete er souverän, genau das gleiche Gerät hätte er für sich auch gekauft. Und wenn er dieses hier nicht in der Lotterie gewinne, dann kaufe er uns so eines. Er will Fritten essen! Basta. “On est pour la paix dans le ménage“, sagt man hier, wenn man sagen will, dass etwas keinen großen Ehestreit wert ist. Das sagten mir auch die Nikolausmarktfreundinnen, als ich ihnen den Air Fryer präsentierte. Allerdings stuften wir ihn als zweiten Preis ab, der große Preis wurde ein Fresskorb mit Champagner, Foie Gras, teuren Schokoladen und so weiter, dessen Wert den des Air Fryers locker überbot.

Wir kamen im Bergdorf an, das am vergangenen Wochenende bereits von einer Gruppe Semi-Freiwilliger dekoriert worden war. Nicht ganz so exzessiv wie sonst, aber ein paar Schnee- und Lebkuchenmännchen grinsten uns freundlich an.

Die Berge rundherum waren von Schnee überzuckert und in unserem Haus hatten wir frische 7 Grad. Draußen irgendwas gegen Null. Wir machten als erstes Feuer im Kaminofen und heizten den ersten Tag und die erste Nacht durch. Im Schlafzimmer versuchten wir mit einem elektrischen Heizkörper schnelle Wärme zu erreichen, der hat aber nicht nur dafür gesorgt, dass die Sicherungen rausgeflogen sind, sondern auch, dass unsere Stromversorgung zusammengebrochen ist. Zum Glück ist der Pannendienst des Stromnetzwerks Enedis schnell und professionell. Aber den Heizkörper schalten wir danach nicht mehr ein. In den Schlafzimmern waren es also in der ersten Nacht unter zehn Grad. Ich zog dem Bett Flanellwäsche an, mir selbst zusätzlich Skiunterwäsche unter dem Schlafanzug, dazu Socken, Mütze, Schal und Bettflasche. Ganz so wie in meinem ersten Bergwinter auf dem Hof. Ich nahm zwei Aspirin und sprühte mir ein Propolisspray in den schmerzenden Rachen.

Am nächsten Tag war der Nebel suppig und um Neun traf sich die Suppentruppe bei uns, um die Suppe vorzubereiten, bzw zunächst, um vier riesige Krübisse, jede Menge Stangen Lauch, Kartoffeln, Sellerie, Zwiebeln, Knoblauch und Ingwer zu schälen und kleinzuschneiden.

Traditionell ist das die geliebt-gehasste Aufgabe der Nikolausmarkt-Chefin, die, wie gesagt, dieses Jahr komplett ausfiel. Man brachte mir verschiedene große Töpfe mit, darunter einen 50 Liter Topf, für den ich mich entschied, gegen die Anweisung der von Ferne Nachrichten schickenden Nikolausmarkt-Chefin “Zwei Töpfe sind leichter zu handhaben”, der dann aber tatsächlich so hoch auf dem Herd war, dass man schwer darin arbeiten konnte, und nicht nur ich einen Hocker brauchte, um darin umzurühren – eine übrigens erstaundlich kräftezehrende Arbeit, den vollen Topf mit rohem Gemüse umzurühren, damit es nicht anbrennt, außerdem stößt man sich ständig den Kopf an der Dunstabzugshaube an. Irgendwann wurde das Gemüse weicher und man konnte Wasser dazu geben.

Ich rührte von nun an alleine und blieb auch allein mit der Frage, wieviele Hände voll Salz ich in etwa 40 Liter Suppe hinein geben und wie ich den Geschmack von zu viel Sellerie wieder hinausbekommen könnte (gar nicht). Um die Suppe später zu mixen, musste ich sie dann doch in mehrere flachere Topfe umfüllen, und später wieder zurückschütten. Ich hätte es nicht gedacht, fand auch die Idee, Suppe schon am Donnerstag zu kochen, eigentlich viel zu früh, aber ich habe fast den ganzen Tag mit der Zubereitung dieser Suppe verbracht.

Das Bergdorf war zwar schon weitestegehend weihnachtlich (oder Nikolausig-adventlich, wenn wir es genau nehmen wollen) dekoriert worden. Es fehlte trotzdem noch allerhand, Lichterketten hier und da und zickzack quer über den Platz, und später mussten Zelte und Tische aufgebaut, und auch die Zelte weihnachtlich dekoriert werden. Leitern wurden hin und hergetragen, Lichterketten gesucht und entwirrt und mit klammen Fingern angebracht. Manche funktionierten leider trotz neuer Batterien nicht mehr. Der Weihnachtsbaum auf dem Platz leuchtete dieses Jahr also nicht.

Freitags Nachmittags dann wurden die Zelte aufgebaut, nach jetzt 15 Jahren Ehrfahrung wurde dieses Jahr erstmals nicht versucht, die Zelte doch anders auf den Platz zu verteilen. Allerdings hatten wir Mühe vier Personen zusammenzukriegen, die es braucht, um die Zelte aufzustellen. Im entscheidenen Moment sind dann doch alle verschwunden.

Zwischendurch wurden Plätzchen in Tüten gepackt, alles, was nicht Lebensmittel war, wurde bereits im dekorierten Gewölbekeller aufgebaut und immer wieder wurde das Problem der Stromversorgung erörtert: eine einzige Steckdose im GewölbeKeller für diverse Lichterketten, zwei Waffeleisen, einen Crepeapparat und einen Sterilisateur, in dem wir dieses Jahr den Glühwein warm halten wollten, würde nicht ausreichen. Letztes Jahr hatten wir uns mit einem Verlängerungkabel in der leerstehenden Auberge angezapft, das musste dieses Jahr mit der Aubergistin hart verhandelt werden.

Erstmals haben wir Plakate für den Markt auch außerhalb des Tals angebracht und außderdem das lokale Radio informiert, wo man bereit war, von unserem Markt zu berichten. Wir hatten richtig Angst, dass wie anderntags überlaufen sein könnten.

Samstag Acht Uhr schleppten wir die Kisten mit selbst gebackenen Plätzchen und Lebkuchen, salzige Muffins und Cakes an. Außerdem die Dinge, die uns in Kommission gegeben wurden: Biokosmetik auf Ziegenmilchbasis, Holzdeko vom ortsansässigen Schreiner. Dann gab es Schmuck, Honig, Seife aus Eselsmilch. Die Kerzenmacherin und die Keramiker hatten sich kurzfristig für lukrativere Märkte an der Küste entschieden. Verständlich, aber schade.

Im Gewölbekeller wurde alles für Waffeln, Crepes und Glühwein aufgebaut.

Später kam eine Musikgruppe, die gut gelaunt nicht nur Weihnachtslieder spielte, Kindern, denen die Wartezeit für den Nikolaus zu lang wurde, wurden geschminkt.

Im alten Gemeindeofen, der einzige warme Ort, weshalb dort immer etwas los ist, wurde eine lokale Spezialität angeboten, Crespes (unsicher bei der Schreibweise, es gibt nur mündliche Überlieferung) frittierter Brotteig, man isst es warm, entweder natur (meine Präferenz), mit Marmelade oder salzig mit fermentiertem Käse, dessen Name (in etwa) “Broutch” auch nur mündlich überliefert ist; fast wie das Rezept dafür: Käsereste werden mit Schnaps in einem irdenen Gefäß “angesetzt”, die Masse fermentiert und wird zu einer widerlich stark riechenden und streng schmeckenden Käsepaste, die man auf geröstetes Brot streichen kann oder eben auf die besagten Crespes.

Ich versuchte gleichzeitig in einer Ecke des Ofens die Suppe zu erhitzen, die, in einen Sterilisiertopf umgefüllt wurde, weil der sich leichter aufheizen und in dem die sich Suppe gut warmhalten lässt; leider ist auch hier die Stromversorgung zu schwach, um Fritteuse und Sterilisiertopf gemeinsam zu erhitzen, und die Sicherung flog alle paar Minuten raus. Die Suppe wurde nicht warm, ich hingegen nervös, aber dann brachte jemand eine Kabelverlängerungstrommel und mein Sterilisiertopf wurde irgendwo anders angeschlossen und endlich blubberte es im Topf.

Das Dorf füllte sich, die jungen Schäfersleute hatten auf ihrem Hof am selben Tag eine Zusammenkunft junger Landwirte und Erzeuger, die nun mit ihren Kindern ins Dorf gewandert kamen. Gleichzeitig mit dem, wie alle Jahre, als Nikolaus verkleideten Schäfer, der den vielen Kindern ein paar Kekse, Schokolade und Mandarinen schenkte, und sie durften, wie jedes Jahr, alle eine Runde auf dem Esel durchs Dorf reiten.

Auch zusätzlich im Dorf waren die Mitglieder eines Vokal-Ensembles, der abends in der Kirche singen würde. So war um die Mittagszeit wirklich Leben und ordentlich Gedränge auf dem Platz.

Dann schenkten wir unsere Suppe aus, in der immer noch der Sellerie vorschmeckte, die aber trotzdem von allen gern und dankbar gegessen wurde, ich meine, es war kalt, die Suppe heiß und kostenlos. Die Menschen verteilten sich damit in die sonnigen Ecken im Dorf und eine Zeitlang war es überall recht belebt. Auch die Auberge füllte sich mit Mittags-Gästen, sie war an diesem Tag complet. Wir freu(t)en uns für die Aubergistin.

Gegen 15 Uhr aber war es dann gähnend leer auf dem Platz, Wind kam auf und die beiden externen Ausstellerinnen packten ihren Stand zusammen. Wir hielten noch ein Stündchen länger durch, aber dann gaben wir auch auf. Es kam einfach niemand mehr, der Glühwein trinken oder eine Waffel essen wollte, geschweige denn unsere selbst gebackenen Plätzchen kaufen wollte. Im größeren Dorf weiter unten gab es nachmittags die alljährlichen Konkurrenzveranstaltung Telethon: Jedes Jahr am ersten Wochenende im Dezember findet in Frankreich ein großer Spendenmarathon statt. Mit den Einnahmen finanziert der Organisator, die Französische Gesellschaft gegen Muskelerkrankungen (AFM), in erster Linie Projekte zur Erforschung von genetischen Erkrankungen, und die Menschen waren dorthin weitergezogen. Und nein, es war auch niemand von ganz außerhalb gekommen, weil er unsere Ansage im lokalen Radio gehört hatte. Aber immerhin haben wir es versucht.

Um halb Sechs fanden wir uns dann alle in der geheizten Kirche ein (auch hier viele Probleme mit der Stromversorgung, die nur für die Beleuchtung der Kirche vorgesehen ist und zusätzlich angeschlossene elektrische Heizkörper lassen auch hier die Sicherungen rausploppen. Die Kirche wurde dann kurzfristig mit Gasheizpilzen beheizt, die man schnell noch dorthin gefahren hat), das Vokal-Ensemble aus dem Tal sang Lieder, überwiegend, aber nicht nur in okzitanischer Sprache.

Und sie integrierten spontan eine ältere Dorfbewohnerin, die an Alzheimer erkrankt, sich kaum noch an die Sängerinnen und Sänger des Chores erinnern kann, wohl aber an Lieder, die sie vor langer Zeit mit ihnen gesungen hatte, und es war für uns alle ein berührender und für sie ein absolut beglückender Moment, dass sie mitsingen konnte.

Danach gab es Punsch, die Reste vom Glühwein und heißen Apfelsaft und dazu jede Menge Käse und Brot. Wir verlosten unsere Tombolapreise, und was glauben Sie wer den Air Fryer gewonnen hat? Genau! Monsieur! Unfassbar oder?

Abends sank ich ausgefroren, völlig kaputt und muskelkaterig ins Bett. Sonntags aßen wir mit anderen befreundeten Dorfbewohnern in der Auberge; das hatten wir uns verdient, bekocht zu werden! Den Rest des Sonntags vertrödelten wir mit Sieste, Lesen und Karten spielen.

Am Montag dann entdekorierten wir (nur noch zu zweit) den Gewölbekeller und entkleideten den Dorfplatz von zu vielen Lebkuchenmänner-Duschvorhängen (ein paar ließen wir auch hängen) wir räumten alles wieder in zig verschiedene Kisten und fuhren diese mit der Schubkarre zurück ins Depot, wo sie nun lagern – bis zum nächsten Jahr? Ja, sagen die einen. Mal sehen, sage ich.

Dies war möglicherweise der letzte Text, den ich in diesem Jahr schreibe. Daher kommen hier schon meine besten Wünsche für Weihnachten für Sie alle! Haben Sie es froh und friedlich in dieser unfriedlichen Welt. Seien Sie gut zueinander und passen Sie auf sich auf! Licht und Liebe wünsche ich jedes Jahr, wir brauchen beides mehr denn je!

à bientôt!

ps: Fritten gabs natürlich schon und sie sind gut geworden!

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Dies und das am 1. Dezember

Ich will immer so viel und dann wird es nix. Ich versuche mal eine knappe Foto-Text-Story.

Hier der diesjährige ultimative Wurst-Adventskalender, den ich aber nicht erstanden habe.

Ich habe mir auch keinen Schoko-Adventskalender gekauft. Ich habe mich entschieden, das Geld sinnvoller zu investieren und unterstütze stattdessen monatlich den Kyiv Independent, ein unabhängiges, englischsprachiges Online-Nachrichtenmagazin, das auch auf Instagram vertreten ist: @kyivindependents_official. Ich lese nicht regelmäßig dort, aber es ist mir ein Bedürfnis, etwas zu tun, das über meine moralische Unterstützung und das Paket hinausgeht, das ich auch in diesem Winter an meine kleine ukrainische Familie senden werde. In Ternopil, im eigentlich so sicheren Westen der Ukraine, wo die kleine Familie lebt, haben kürzlich nämlich auch russische Bomben zwei Wohnhäuser zerstört und Familien mit Kindern sind ums Leben gekommen.

Glücklicherweise ist der kleinen ukrainischen Familie dieses Mal nichts passiert. Das Team vom Kyiv Independent braucht noch ein paar UnterstützerInnen (es fehlen heute Abend noch knapp dreihundert bis zu den benötigten 25.000), um in gewisser Weise entspannt weitermachen zu können, vielleicht ist das auch etwas für Sie. Nur eine Idee, fühlen Sie sich nicht genötigt. Hier sind die Mittel auch nicht unbegrenzt, ich habe das Substack-Abo meines neuen Kochhelden Simon Auscher gekündigt, um den Kyiv-Independent unterstützen zu können.

Gestern waren die Frauen der Familie bei einem Tanztheater-Spektakel mit modernem Flamenco. Um uns einzustimmen, da wir nicht viel über Flamenco wissen, sahen wir vormittags einen Film über die Tänzerin Rocio Molina. Der Film war stellenweise so intensiv und berührend, dass mir die Tränen kamen. Und nicht nur mir.

Das Tanzspektakel am Abend hingegen war verstörend und befremdlich. Vermutlich muss man sich mit Flamenco und zeitgenössischem Tanz auskennen, um die Aufführung wertschätzen zu können, wie es ein nicht unerheblicher Teil des Publikums tat. Wir hingegen haben nicht viel verstanden und wurden nicht in den Bann gezogen.

Rocio Molina “Calentamiento”

Auf dem Rückweg ein bisschen Adventsbeleuchtung.

Und habe ichs nicht gesagt, diese eigenartigen Wasserbecken, die man auf dem neu gestalteten Platz an mehreren Stellen geschaffen hat, sind jetzt abgesperrt. Es haben sich wohl des Nachts bereits ein paar Leute die Füße gebrochen.

Heute Morgen gab es ein heftiges Gewitter. Hier und da kam es zu Stromausfällen, auch unsere Heizung fiel aus. Nicht zum ersten Mal übrigens – der Charme des französischen Altbaus. Dabei ist es eigentlich eine recht neue Installation. Später ging sie dann wieder, aber kurz knirscht bzw klappert man hier doch mit den Zähnen. Der Nachbar gegenüber heizt übrigens mit Holz. Allerdings verheizt er irgendwelches Holz, das sich dafür nicht wirklich eignet. Das ganze Viertel stinkt entsetzlich danach. Das ist in den Bergen vielleicht normal, in Cannes heutzutage jedoch ziemlich ungewöhnlich.

Winter-Regatta

Kürzlich wurde ich nach dem Wetter um den Jahreswechsel gefragt. Seitdem dokumentiere ich das Wetter. Manchmal ist es grandios blau und sonnig. Wie es sich anfühlt, ist jedoch sehr persönlich: Es gibt Menschen, die im Meer schwimmen und sich anschließend nur mit einem Handtuch bekleidet in der Sonne aufwärmen. Zwanzig Meter weiter liegt jemand in Winterklamotten und sonnt sich.

Stadtstrand mit Sonnenanbetern und TER

Diese Woche werden wir in die Berge fahren, um den alljährlichen Adventsmarkt am Nikolaustag vorzubereiten. Die hauptamtliche Adventsmarkt-Chefin kann aus gesundheitlichen Gründen dieses Jahr nichts tun und wird vermutlich auch nicht anwesend sein. Insofern liegt die Verantwortung für das Fest, das wir natürlich nicht ausfallen lassen wollen, ein bisschen bei uns allen. Und siehe da: So sehr es in all den vergangenen Jahren ein einsamer Job war, dort oben in der Eiseskälte mit klammen Fingern auf Leitern zu klettern und Duschvorhänge mit Lebkuchenmännern aufzuhängen, so ist es dieses Mal wirklich Teamwork! Nur ich war am Wochenende noch nicht dabei, denn ich musste Flamenco anschauen und habe am Dienstag noch einen Zahnarzttermin. Ich habe aber immerhin schon zwei Fuhren Basler Läckerli (Dank an Claudia W.!). gebacken, die dort oben verkauft werden sollen.

So viel für eben. Ich will noch schwimmen gehen heute Abend. À bientôt!

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Bilder aus der herbstlichen Provinz

Merci à (c) Ea G. pour cette magnifique photo!

So. Zum Wochenende bekommen Sie endlich den Beitrag, den ich schon vor einer ganzen Weile veröffentlichen wollte.

Dieses Foto hat eines der Mädchen gemacht, denen ich seinerzeit auf dem Hof die Nase geputzt habe, damals war sie drei, jetzt ist sie dreiundzwanzig und studiert in Paris. Es ist der Blick vom Dorf, wo der Hof liegt, auf die umliegenden Berge. Unten links auf dem Hügelchen sieht man Châteauneuf d’Entraunes.

Wann ich das letzte Mal etwas Neues getan hätte, wurde ich kürzlich in einem Podcast-Interview gefragt – der Link dahin folgt, sobald alles fertig ist, versprochen! Auch wenn Sie vermutlich nicht wirklich etwas Neues hören werden, wie das immer so ist, wenn man sich schon lange kennt, aber andere noch nicht, denen ich in diesem Fall mal wieder meinen Weg in den Süden erzähle.

Châteauneuf d’Entraunes. Da isses!

Also so richtig neu, da fiel mir in diesem Moment in der Tat nur der Podcast ein, aber ich habe kürzlich, als wir in die Berge gefahren sind, eine andere Strecke gewählt. Man kann ab Puget-Théniers und bis Daluis die Straße auf der anderen Seite des Var über den Col de St. Léger wählen. Normalerweise nehmen wir uns keine Zeit für solche Scherze, wir wollen immer nur ankommen, weil wir oben einen Handwerkertermin haben oder unten einen Zahnarzttermin oder was auch immer, früher hatten wie eine verzweifelt miauende Katze im Auto, der wir nicht noch mehr Strecke und Kurven zumuten wollten und oft genug war das Wetter schlecht, da möchte man auch keine Straßenexperimente machen, die normale Strecke ist schon lang genug und bietet ausreichend Herausforderungen. Jetzt aber passte alles, das Wetter war nach ein paar Tagen Regen, der sich im Hinterland als erster Schnee auf die Gipfel gelegt hat, herbstlich aber blauhimmelig. Wir hatten keinen Termin, waren ausgeruht und guter Stimmung. Bei Puget-Théniers bog ich spontan von der Durchgangsstraße ab und fuhr bergauf in das Vallée de la Roudoule. Das Flüsschen, das wir hier überquerten, heißt in der Tat la Roudoule und eines der Dörfer, das wir leider nur von der Straße aus sehen (weil es nicht in unserer Richtung liegt), heißt La Croix-sur-Roudoule. In einem anderen Dorf, das man von der Straße aus nicht sieht, in Puget-Rostang, gibt es ein (in der Gegend zumindest) bekanntes Écomusée, eine Art engagiertes Heimatmuseum, zu dem ich es in all den Jahren auch noch nicht geschafft habe.

I see faces
La Croix-sur-Roudoule
Blick von der Brücke auf die ehemalige Brücke über die Roudoule

Von nun an ist die Straße einspurig, …

… kurvig und sie führt durch vielfältige Landschaft, Wälder, Weiden, Schieferberge, durch kleine Ansiedlungen und Dörfer.

St. Léger

So zuckeln wir also durch die Gegend und dann plötzlich sieht man es, das Brückchen, weswegen wir das alles machen, darüber will ich nämlich seit zwanzig Jahren immer schon mal fahren!

Aber die Straße mäandert noch ein wenig vor sich hin.

Steinschlag.
Den möchte man weder auf den Kopf noch auf die Windschutzscheibe bekommen

Und dann sind wir da!

Die Brücke ist gerade so breit wie das Auto, ich konnte nicht mal aussteigen, um Fotos zu machen, so eng ist es, ich verschrammte auch den rechten Außenspiegel, weil ich vor lauter Schauen die Spur nicht halten konnte. Tsss.

Blick nach links
Blick nach rechts

Und als wir drüber warn, drüber warn, und als wir drüber … da ging es ganz normal weiter.

Blick auf Daluis
Les Gorges de Daluis

Hat mir aber gute Laune gemacht, etwas Neues zu entdecken, auch wenn die Landschaft genauso aussieht, wie auf der anderen Flussseite auch. Man sollte viel häufiger Neues machen, denke ich, nicht zum ersten Mal.

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12 von 12 im November 2025

Same same but different. Immer wieder 12 Bilder am 12. Wissen Sie alles schon.

Der Blick aus dem Fenster. Man beachte die blauen Blumen unten links, Plumbago der botanische Name. In Südfrankreich ist es ganzjährig grün und es blüht auch immer was.

Frühstücksszene mit BD. Die Franzosen schaffen es, die sperrigsten Themen in BDs unterzubringen.

Ich bin im Aufräummodus. Ich folge Lara von @fromiceland_withlove und in Island macht man vor Weihnachten einen großen Hausputz. Irgendwie hat mich das motiviert. Liegt aber auch daran, dass ich mich an meinem Schreibtisch im seit Monaten im vollgestopften Zimmer nicht mehr wohlfühle.

Da sind sie: Die Croissant-Briefmarken. Und ja, sie duften – leicht nach Vanille würde ich sagen.

Zum Mittag essen wir als Vorspeise die vorletzten Avocados und zum Nachtisch die erste Mango von Crowdfarming. Super lecker! Weder Avocado noch Mango bekomme ich hier in dieser Qualität!

Ansonsten gibts paniertes Fischfilet, selbstgemachter Kartoffelstampf und grünen Salat.

Sieste. Ich schlafe augenblicklich ein. Gestern Abend habe ich auf Netflix einen Doku-Dreiteiler zum Attentat im Bataclan gesehen (Vendredi 13), der mich aufwühlte und lange nicht einschlafen ließ, entsprechend übermüdet bin ich heute. Morgen jährt sich die Attentatserie zum zehnten Mal.

Ich begleite Monsieur zu einem Termin. Blick aus dem Autofenster. Cannes im November. Schon schön.

Wandelröschen blühen auch im November.

Rückfahrt. Es ist einfach so ein schönes Licht.

Tea time: Vietnamesischer Tee in ukrainischen Tassen und französischer Apfelkuchen.

Eigentlich wollte ich heute Abend noch schwimmen gehen, aber es gibt eine spontane Familienzusammenkunft und wir reden uns die Köpfe heiß. Immerhin kann ich so einen weiteren Dokumentarfilm zum Bataclan sehen: Vendredi Noir. (Wäre ich schwimmen gewesen, hätte ich es zeitlich nicht geschafft). Die Filme sind alle erschütternd, weil Überlebende (unter anderem die Geiseln) des Attentats ihre Geschichte erzählen, und wie sie mir dem, was sie erlebt haben, weiterleben.

Vielen Dank fürs Anschauen und Lesen. Die anderen November-12-von-12er wie immer bei Caro von Draußen nur Kännchen. Merci dafür!

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Inconnu à cette adresse

Eigentlich hatte ich geplant, heute etwas anderes zu veröffentlichen, aber heute ist der 9. November. Ein Gedenktag, der nicht nur an die sogenannte Kristallnacht von 1938 und den Mauerfall von 1989 erinnert, sondern in Frankreich auch den Beginn der Gedenkveranstaltungen für die Attentate vom 13. November – nicht nur im Bataclan – markiert.

Heute Abend wird in einem der Säle des Palais des Festivals eine szenische Lesung aus dem Buch „Inconnu à cette adresse” aufgeführt. Das Stück, das seit 2001 mit wechselnden Schauspielern und in wechselnden Pariser Theatern aufgeführt wird, ist mit den Schauspielern Jean-Pierre Darroussin und Stéphane Guillon auf Tournee in der Provinz. Ich habe im Internet recherchiert und festgestellt, dass das Buch „Adressat unbekannt” bereits 2012 in Deutschland erschienen ist – es ist mal wieder komplett an mir vorbeigegangen. Vermutlich kennen Sie es also schon. Es gibt sogar einen frei zugänglichen Film, allerdings in englischer Sprache. Falls Sie das Buch nicht kennen sollten, hier ein kurzes Zitat von der Verlagsseite:

Das “Meisterwerk einer aufs Äußerste verknappten Erzählkunst” (FAZ) erscheint als Neuausgabe zum 75. Jubiläum seiner Erstveröffentlichung. Adressat unbekannt, der große literarische Erfolg von Kathrine Kressmann Taylor, die als Schriftstellerin nur mit ihren beiden Nachnamen an die Öffentlichkeit trat, ist ein Roman von beklemmender Aktualität. Gestaltet als Briefwechsel zwischen einem Deutschen und einem amerikanischen Juden in den Monaten um Hitlers Machtübernahme, schildert er die tragische Entwicklung einer Freundschaft und die Geschichte einer bitterbösen Rache.

Schon vor einiger Zeit bin ich hier in Cannes über das Plakat mit der Ankündigung gestolpert. Ich habe recherchiert, mich dann aber entschieden, mir diese dunklen Geschichten nicht zusätzlich zu aller Tristesse geben zu müssen. War „Freude” nicht mein Wort für dieses Jahr? Als ich gestern aber erneut am Plakat vorbeilief, dachte ich, dass man sich das nicht nicht ansehen kann, wenn einmal etwas mit Gewicht und guten Schauspielern aus Paris in Cannes gezeigt wird, vor allem am 9. November.

Ich suchte also gestern Abend, ob es noch Karten gab – und siehe da, es gab welche! Diese Banausen in Cannes, dachte ich grimmig. So etwas wollen sie natürlich nicht sehen! Ich reservierte zwei Karten, unsicher, ob Monsieur mit seinem Husten wirklich mitkommen würde, aber entschlossen, den Saal zu füllen. Und siehe da, das System schlug mir ganze drei Plätze zur Auswahl vor! Von über 1000 Plätzen sind gerade noch drei frei. Alle drei waren in den Seitenbalkonen, weit oben und nicht einmal nebeneinander. „Möchten Sie die Plätze dennoch nehmen?”, fragte mich das Reservierungssystem. „Ja!”, entschied ich. Jetzt erst recht!

Was ich, zum heutigen Tag passend, gerade auch gelesen habe, ist die Graphic Novel “Der Duft der Kiefern” von Bianca Schaalburg, das mir von meiner Buchhänderfreundin Wiebke freundlicherweise geschenkt und promptissimo zugesandt wurde! Merci, ma chère! Ich werde mich revanchieren!

Die Autorin/Zeichnerin nimmt uns mit auf eine Reise durch ihre Familiengeschichte, die von den Anfängen des Nationalsozialismus bis in die 68er Jahre reicht und rund um ein Haus im Berliner Viertel namens „Onkel Toms Hütte” spielt. Die Siedlung wurde, weshalb mich die Geschichte auch angesprochen hat, ebenso wie die “Hufeisensiedlung” von Bruno Taut erbaut. Bianca Schaalburg versucht herauszufinden, was ihr Großvater während des Kriegs in Riga gemacht hat. Und hat sich die Familie seinerzeit ein Haus angeeignet, das Juden gehört hat?

Sehr spannend, trotz und wegen des dunklen Themas gerne gelesen.

Und jetzt pudere ich mir die Nase und wir gehen ins Theater!

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Shein oder nicht Shein

Wie es mit Shein (Marketplace) in Frankreich weitergehen wird, ist im Moment noch ungewiss. Neben den kinderpornografischen Puppen hat man auf der Onlineseite nun auch Waffen im Angebot gefunden, allerdings über Drittanbieter. Die Regierung hat „auf Anweisung des Premierministers”, von dem man jedoch nicht weiß, wie lange er noch im Amt sein wird, „ein Verfahren zur Aussetzung von Shein eingeleitet, bis die Plattform den Behörden nachweisen kann, dass alle ihre Inhalte mit den Gesetzen und Vorschriften Frankreichs übereinstimmen.” Nun gut, Frankreich wird eine gewisse Sheinheiligkeit vorgeworfen, Verzeihung für die plumpen Wortspiele in diesem Artikel, die sich aber geradezu anbieten. Alle tun gerade so, als würden sie ausschließlich französische Ware kaufen, aber was ist nicht chinesischer Herkunft in französischen Kaufhäusern? Das gesamte Non-Food-Angebot bei Monoprix stammt aus China. Auch die Corona-Tests, die ich hier in der Apotheke erworben habe, stammen aus China, und natürlich ist der gesamte Internethandel voll mit billigen chinesischen Produkten. Ich gestehe, dass ich acht große runde und vier rechteckige Tischdecken, die ich für Monsieurs Geburtstag einmal und vermutlich nie wieder brauche, ebenso dort erworben habe. Selbst das Leihen der Tischwäsche wäre mit An- und Abfahrt (von Grasse ins abgelegene Bergdorf) und allem Drum und Dran nicht billiger gewesen. Nachhaltiger? Vielleicht. Organisatorisch komplizierter aber auch.

Savoir oder pouvoir?

Der Direktor von BHV hat sich gestern einen Lapsus erlaubt, als er mit den KundInnen über die Polemik und Proteste, die sie beim (stundenlangen) Anstehen und Betreten des Kaufhauses erleben mussten, über die Scheinheiligkeit der Protestbewegung sprach: “ils n’ont rien à foutre avec des gens comme vous qui ne savent pas s’habiller”. Also: “Die, die da draußen protestieren, denen sind Leute wie Sie, die sich nicht anziehen können, piepegal.”

Man beachte hier den Unterschied zwischen “savoir” und “pouvoir” – beide bedeuten in der deutschen Übersetzung “können”, aber sich nicht anziehen können mit “pouvoir” gebildet, meint, man hat (möglicherweise) nicht genug Geld, um sich (schick und teuer) einzukleiden, und das will der Direktor vermutlich sagen, aber er sagt “vous, qui ne savent pas s’habiller”, was bedeutet, dass die Leute nicht “wissen” wie es geht, also sie haben es nicht gelernt oder sie haben nicht genug Gespür dafür, sich (gut) anzuziehen. Man unterstellt ihm nun, dass er im Eifer des Gefechts – es ist wirklich keine leichte Aufgabe, dort im Gewühl zu stehen, angepöbelt zu werden und dennoch in jeder Hinsicht das Gesicht zu wahren – gesagt hat, was er wirklich denkt und empfindet: eine gewisse Geringschätzung für die Shein-KundInnen nämlich. Das hat aber außer den JournalistInnen keiner wirklich gehört – die anstehenden Damen (die Herren sagten in der Regel, sie begleiteten nur ihre Frau) auf jeden Fall nicht, oder es hat sie nicht gestört.

So viel aus der Hauptstadt. Zurück in die Provinz.

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Neues und weniger Neues

So, heute schreibe ich. Wenn Sie wüssten, wie viele angefangene Texte hier schon im Programm stehen, die nicht zu Ende geführt wurden, aus welchen Gründen auch immer, die dann von den Ereignissen überholt wurden und bei WordPress als Textleichen ihr ungelesenes Dasein fristen. Ich schicke Ihnen heute mal ein paar davon.

Danke für Ihre Nachfragen und Mails hier und da, es rührt mich immer, dass Sie sich um mich sorgen, und ich freue mich, dass es in dieser Welt, die immer aggressiver wird, noch eine kleine Community gibt, in der es freundlich und zivilisiert zugeht. Liebe geht raus an Sie alle, wie man jetzt allenthalben sagt.

In der französischen Presse ist heute die Eröffnung des ersten Ladens der chinesischen Billigmodemarke Shein Thema, die bisher nur online verfügbar war. Ich habe keine Ahnung, wie man “Shein” ausspricht, aber die Franzosen machen daraus “Schie’hn”. Die Kooperation wurde mit dem Bazar de l’Hôtel de Ville, kurz BHV oder BHV Marais, gegründet. Das Kaufhaus gehörte lange Zeit zu den Galeries Lafayette, die aber selbst verkauft wurden und nun einer anderen Gesellschaft gehören. Diese Kooperation wird stark kritisiert, nicht zuletzt, weil Shein, wie vor kurzem bekannt wurde, nun auch Puppen verkauft, die der männlichen Befriedigung dienen (sie haben eine Vagina und einen Anus). Es ist abscheulich und schockierend, weil es sich um eine lebensecht aussehende Puppe in Form eines kleinen Mädchens mit großen, treuherzigen Augen, handelt, das zusätzlich einen Teddybär mit sich herumträgt. Diese Puppen gibt es vermutlich nicht im Kaufhaus zu erwerben, aber es wird deutlich: Shein macht alles, mit dem sich Geld verdienen lässt – und das unter, sanft ausgedrückt, wenig sozialen Bedingungen. Es kann nicht alles dem Geldscheffeln unterworfen werden, es gibt Anstand und Moral, sagt zumindest die Begründerin der Modemarke agnès b., die ihren Shop bei BHV heute demonstrativ geschlossen hat und ihren Vertrag dort ab Januar 2026 nicht verlängern wird. Dafür möchte ich am liebsten gleich in ihre Boutique gehen und etwas erwerben. Ihr Rat übrigens, wenn man nicht genug Geld für teure Kleidung hat und außerdem noch nicht seinen Stil gefunden hat, wie viele der jungen Käuferinnen der Billigmode, ist, auf dem Flohmarkt oder in Secondhand-Shops einzukaufen. Es werden übrigens noch ein paar andere Marken BHV verlassen, aber keine ist so groß oder angesehen wie agnes b.

Ich erfahre das alles, weil Monsieur mit seinen Grippeviren im Bett nebenan Radio hört. Oder besser gesagt: hörte. Gerade nämlich dringt neben den Nachrichten ein röchelndes Schnarchen zu mir durch. Aber seit heute ist er auf dem Weg der Besserung, zumindest scheint es so. Es ist nicht Covid, das haben wir getestet, denn den habe ich mir aus Deutschland mitgebracht, und der hat mich hier zehn Tage lang lahmgelegt, und meine Energiereserven fühlen sich auch immer noch ziemlich ausgelutscht an.

Hier ein früherer Textentwurf:

Einfach anfangen. Dem Schreibenden wirft sich das Wort in die Tastatur. Vielleicht. Wer hätte gedacht, dass mir das Schreiben mal entgleiten würde, schwierig würde. Über so viele Themen habe ich zumindest im Kopf geschrieben, manchmal sogar Stichworte hingeworfen, Fotos gemacht, und komme doch, quasi am Stift kauend oder über den Tasten grübelnd, nicht richtig weiter.

Es ist grau heute und ich bin müde. Ich hatte gestern ein großes Familienessen, es stresst mich immer noch, nicht nur, weil unter den Eingeladenen ein ehemaliger Metzger war. Ich habe mich an “Choucroute garnie” gewagt, ein elsässischer Klassiker, der hier im Süden aber gerne uns Deutschen zugeordnet wird, und der von Teilen der Familie schon mehrfach von mir gewünscht wurde. In meinem ersten Büchlein habe ich schon einmal ein Kapitel über Sauerkraut geschrieben. Können Sie gerne nachlesen, es hat sich nichts daran geändert, allein die Zubereitung des Sauerkrauts lässt stets ausufernde Diskussionen zu. Ich bin nachwievor keine Sauerkrautliebhaberin, ein oder zweimal kann ich es im Winter essen, ich bevorzuge es dabei so roh wie möglich, “Choucroute garnie” muss aber natürlich ordentlich gekochtes Sauerkraut vorweisen. Anyway, es war aus vielerlei Gründen und trotz guter Charcuterie, für die ich mich bin zu einem Metzger im Nachbarort bewegt habe, nicht so gut, wie ich es mir gewünscht hätte, aber wir haben trotzdem einen netten Abend mit Familie und vor allem den nur noch punktuell anwesenden Enkelerwachsenen (Kinder sind sie nicht mehr!) verbracht.

Aber mich ermüden Zusammenkünfte dieser Art immer, heute habe ich einen Sozialkater und brauche Zeit für mich.

Letztes Jahr habe ich schon einmal über diese Inflation von Adventskalendern gestöhnt, fand aber den Wurstadventskalender, den es in Frankreich plötzlich gab, noch richtig witzig. Dieses Jahr gibt es einen Bieradventskalender, diverse Weinadventskalender, es gibt sogar einen mit Trüffelpasteten und Foie-Gras-Gläschen, scheinbar alles gibt es jetzt in 24 mehr oder weniger großen Päckchen und dem Preis nach oben ist keine Grenze gesetzt, gerade wurde mir der exzessiv teure Adventskalender von Dior, den man für nur 650 € erwerben kann, auf meiner Timeline angeschwemmt, und ich glaube, für mich ist es jetzt vorbei. Zu viel ist zu viel. Bei mir gab es für die “Enkelkinder” bislang nur Schokolade-Adventskalender, und schon da habe ich mich jedes Jahr durch das anschwellende Angebot gerwühlt, um immer auf dem aktuellsten oder originellsten Stand zu sein, aber ich bin nicht gewillt, diesen überdimensionierten Hype mitzumachen. Beide sind nun groß, die Enkelin hat gestern überraschend gesagt, dass sie keine Schokolade mehr isst, (dabei habe ich gerade noch eine exquisite Nusscreme mit dunkler Schokolade bei einem Chocolatier für sie erstanden), der Enkel bekommt vermutlich einen Adventskalender von seiner Liebsten, vielleicht auch nicht, es ist mir aber egal, ich bin raus.

Gerade hatte ich einen Absatz über ebenso inflationär auftauchendes Halloween geschrieben, dann hatte ich einen eigenartigen Error XY, kopierte den Text in die Zwischenablage, bevor ich neustartete und außerdem den Cache leerte, und siehe da, alles weg. Also den Halloween-Absatz vergessen wir jetzt. Frankreich ist eher Halloweenresistent, auch wenn hier und da ein paar Kürbisse dekorativ herumliegen.

Und jetzt ist Halloween auch schon wieder vorbei – alles ist Schall und Rauch.

Was ist nicht noch alles passiert in den vergangenen Wochen – kurze Zeit sprach ganz Frankreich nur noch vom Juwelenraub, angeblich werden schon die Filmrechte dafür verhandelt, fragt sich nur mit wem. Mit dem Louvre? Oder mit den zwei Herren, deren DNA man am Tatort gefunden hat? Hatten die keine Handschuhe an, frage ich mich?

Gleichzeitig versucht das dritte oder ist es schon das vierte Gouvernement einen Haushalt zu erarbeiten, der nicht gleich wieder der Zensur zum Opfer fällt.

Es soll französische Briefmarken geben, die nicht nur ein Croissant abbilden, sondern angeblich sogar den Duft von Croissants mitliefern. Sie geisterten schon durch meine Insta-Timeline, aber in Cannes sind sie noch nicht oder vielleicht auch schon nicht mehr zu haben.

In der Zwischenzeit ist Nachmittag, dem Gatten geht es definitiv besser, er hat sich gerade bis aufs Sofa geschleppt und schaut dort weiterhin Nachrichten. Ich lüfte derweil das virenverseuchte Schlafzimmer.

Und hier ein anderer, noch früherer Textentwurf:

Gerade bin ich über den Fall von Anne gestolpert, einer dreiundfünfzigjährigen Französin, die tatsächlich glaubte, eine Fern-Beziehung zu Brad Pitt zu haben, und dem sie mal eben etwas mehr als 800.000 Euro überwiesen hat, weil er klagte, dass Angela Jolie ihm die Konten gesperrt habe. “Bist du es wirklich?” fragte sie, und er hatte “Ja” geantwortet. Das macht mich kurz sprachlos. Auch die unglaublich schlecht gemachten Foto-Fakes, die angeblich während der OP von Brad Pitt gemacht wurden, der ebenso angeblich eine Nierentransplantation benötigte und die er dank ihrer finanziellen Hilfe vornehmen konnte und dank ihrer liebevollen Nachrichten gut überstanden hat, zweifelt sie nicht an. Die Journalisten, die sie in verschiedene Sendungen eingeladen haben, wo sie ihre Geschichte erzählt, haben Mühe ernst zu bleiben. Aber ich will den ersten Stein nicht werfen, ich habe meinem ersten Mann seinerzeit auch allerhand bizarre Geschichten geglaubt, weswegen ich heute vermutlich auch erstmal sehr misstrauisch bin. Und ja, was man heute schon und zukünftig noch alles mit künstlicher Intelligenz oder intelligence artificielle, wie es im Französischen heißt, anstellen kann, davon machen wir uns vermutlich keinen Begriff.

Was einem als älterer Mensch heute ganz ohne betrügerische Absicht zugemutet wird, ist, an einer Umfrage der Krankenkasse teilzunehmen, wobei man ganz einfach mit dem Smartphone den QR-Code einscannen und dann fröhlich im Internet auf verschiedene Fragen antworten soll. Liebe Versicherungsfachangestellte, bitte machen Sie sich ein realistisches Bild Ihrer Versicherten – insbesondere, wenn es um Versicherte eines gewissen Alters und mit einem höheren Pflegegrad geht. Schauen Sie sich dazu einfach mal Ihre eigenen Groß- oder Urgroßeltern an, krank oder nicht, und überlegen Sie, ob Sie denen so ein Unterfangen zumuten würden. Ganz abgesehen davon, dass es in Pflegeheimen kein Internet gibt. Das muss sich in diesen Etablissements zumindest für uns Boomer und alle, die nach uns kommen, mal deutlich ändern. Vielleicht kriegen wir aber auch kein Internet, damit wir nicht auf unsere alten Tage auf Betrüger hereinfallen und unser Pflegegeld falschen Investmentbankern anvertrauen oder es aus lauter Langeweile beim Pokern im Internet verspielen. Vielleicht wird man irgendwann auch einfach zu müde für all das? Möglich ist das.

So. Diesen Text-Gemischtwarenladen schicke ich jetzt mal raus, sonst wird es nichts mehr. Und nein, es tut mir leid, ich habe bislang weder über den Geburtstag noch über das Deutsche Filmfestival geschrieben.

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