Gestern Morgen drückte man mir an einer Straßenecke die “Gala-Croisette” in die Hand, die sie während des Festivals täglich herausbringen. Ein fettes und schweres Hochglanzmagazin mit großformatigen Schaupielerfotos, Infos über die an diesem Tag aktuellen Filme und viel Werbung für teure Autos, Schmuck, Parfüms und “places to be”.
Es wird auch jeden Tag die oder der stilvollste Star mit einer Sonderseite “La Palme du Glam” gekürt. Gestern war es Coco Rocha, die im Hotel Carlton residiert. Sie trägt ein Vampirhaftes schwarzes Samtoutfit von Gaurav Gupta, einem indischen Avant Garde Couturier.
Beide kann man vermutlich nur kennen, wenn man fest mit der Welt der Mode und des Luxus verwoben ist. Leider habe ich “Der Teufel trägt Prada Teil 2” gerade verpasst und bin daher nicht im Bilde. Im oben verlinkten Wikipedia Artikel zu Coco Rocha steht, dass sie zu den Zeugen Jehovas gehört – das verstehe, wer will.
Mir sind dieses Jahr weniger dramatische Outfits aufgefallen, vermutlich, weil ich zu viel anstand (und anstehe) um in die Quinzaine-Filme zu kommen und weniger darauf achte, was auf dem Roten Teppich so los ist. Mir entgehen auch die wichtigen Infos über Filme, Fjord, zum Beispiel. Ein Film des rumänischen Filmemachers Cristian Mungiu (der übrigens 2002 erstmals in der Quinzaine vertreten war und seit 2007 mehrfach mit Filmen im Offiziellem Wettbewerb um die Goldene Palme dabei ist), in dem eine konservative rumänische Einwandererfamilie in Norwegen in Konflikt mit den norwegischen Behörden gerät, die deren konservative Kindererziehung (tägliche Gebete, keine Smartphones) missbilligen.
Immerhin habe ich aus dem Augenwinkel Isabelle Huppert gesehen, die sich dieses Jahr in einem massiven schwarzen Lederkleid gekleidet plump wie ein Zombie bewegte. Viel eleganter Carla Bruni, die “weißen Tiger” wagte (laut Pure People). Ich finde, es sieht eher nach Zebra aus, aber was weiß ich schon.
Hier noch ein paar Eindrücke aus den Schaufenstern der Croisette.
Leider ist hier die Spiegelung zu dominant. Aber diese Outfits haben mich echt beeindruckt in ihrer urbanen Hässlichkeit und das neben all den Glitzerkleidchen in den Schaufenstern rechts und links.
Interessant fand ich den in der Gala veröffentlichten Briefwechsel von 1962 zwischen der Metro Goldwyn Mayer Filmgesellschaft und dem damaligen Präsidenten des Filmfestivals über die nicht bezahlten Rechnungen von Nathalie Wood und ihrem damaligen Geliebten Warren Beatty.
Beide logierten vier Nächte im Carlton in getrennten aber “kommunizierenden” Zimmern und waren abgereist, ohne die Rechung von umgerechnet etwa 4000€ zu bezahlen. Die M.G.M. lehnt es ab, die Summe zu übernehmen, da Nathalie Wood persönlich vom Palais des Festivals eingeladen worden war, und sie bislang keinen Film bei der M.G.M. gemacht habe. Von Warren Beatty, der sich uneingeladen mit im Reisegepäck von Nathalie Wood befunden habe, gäbe es nur einen Film bei der M.G.M. Die Gesellschaft fühle sich nicht zuständig für diese Kosten.
Die M.G.M. kann sich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass sie auf dringende Bitten des Palais des Festivals interveniert habe, damit Nathalie Wood nicht schon nach drei Tagen, in denen sie ihr Zimmer nicht verlassen habe, wieder abreise, sondern verlängere, um unbedingt noch an einem Dinner mit dem Bürgermeister von Cannes teilzunehmen.
Anscheinend haben sich die Herren dann in einem persönlichen Gespräch geeinigt, die Kosten jeweils hälftig zu übernehmen. Nathalie Wood und Warren Beatty trennten sich nach drei Jahren “tumultöser” Beziehung. Wie ich dem Wikipedia Artikel entnehme, ist Nathalie Wood später unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Ihre Töchter verdächtigten den Ehemann und Vater, sie ermordet zu haben.
Kommen wir zurück in den Alltag der kleinen Stadt am Meer. Es werden immer noch Filme gezeigt und Einladungen gesucht
und die Eispreise dieses Jahr stehen bei schlappen 4,50€ pro Kugel.
Gestern Abend habe ich mir den Film „Once Upon a Time in Harlem” angesehen, eine Dokumentation über die „Harlem Renaissance”, die erste intellektuelle Bewegung schwarzer KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und MusikerInnen in den 1920er und 1930er Jahren in New York, genauer gesagt in Harlem. William Greaves filmte 1972 eine Cocktailparty im Hause Duke Ellingtons und lässt all die inzwischen alten und sehr alten Damen und Herren aus ihrem Leben und ihrer großen Zeit erzählen. Man nannte sie auch die „New Negro-Bewegung“ – „Negro“ sagen die meisten noch vollkommen ungerührt, wenn sie von sich sprechen. „Negro“ war in den Siebzigern schon verpönt, man sagte jetzt „Black“ oder „Afro-American“, doch sie waren es nicht gewöhnt, anders von sich zu sprechen, und blieben bei diesem Ausdruck. Sie erzählen von sich und erinnern an andere, deren Gedichte oder Songs sie rezitieren. Oder sie geben Textpassagen wieder, die sie vor 40 Jahren für einen Film gelernt haben.
Wir tauchen dabei tief ein in die Zeit der Rassentrennung. Man habe ihnen bei Empfängen nicht die Hand gegeben, und um das beschämende Gefühl zu vermeiden, reichten sie einem weißen Gesprächspartner nie zuerst die Hand. Menschen seien aus dem Aufzug ausgestiegen, wenn sie hineinkamen. Und wenn sie in einem Restaurant essen wollten, musste ein weißer Freund den Tisch reservieren, ihn bereits besetzen und so wichtig sein, dass er im Lokal durchsetzen konnte, dass sie mit ihm dort essen durften. Ein Mann erzählt, sein Vater sei als erster Schwarzer in ein Verwaltungsamt gewählt worden, aber er konnte sein Amt nie ausüben, weil die Weißen es nicht zuließen. Er wurde vom Ku-Klux-Klan bedroht und trug vorsichtshalber immer zwei Waffen bei sich.
Fotos von ihrem jüngeren Ich werden eingeblendet. Sie sind stolz und dankbar, dass William Greaves sie filmt und so die Harlem Renaissance dokumentiert. Die Harlem Renaissance war eigentlich keine Renaissance (also keine „Wiedergeburt”), sondern eine Naissance (Geburt). Der Film erinnert mich von der Stimmung her ein wenig an „Buena Vista Social Club”, nur dass wir es hier in erster Linie mit SchriftstellerInnen, Produzenten, Verlegern, Buchhändlerinnen und bildenden KünstlerInnen zu tun haben und die gesamte Dokumentation sprachlastig ist. Es wird viel erzählt, und es gibt leider nur wenige und kurze Musikeinspielungen, was den Film etwas anstrengend macht. William Greaves hat den Film nie zu Ende bearbeitet; dies hat erst sein Sohn David Greaves jetzt getan. Dieser war mit seiner Familie anwesend. Den Film mit ihnen zusammen zu sehen, macht ihn noch einmal zu etwas Besonderem. Der Applaus war lang und kräftig. David Greaves war sichtlich gerührt, was wiederum das Publikum zu noch mehr Applaus stimulierte.
(c) Screenshot der Quinzaine
Bisschen Musik aus der Zeit. Vielleicht müsste man auch den Film Cotton Club noch einmal ansehen, aber vielleicht ist er auch ein wenig in die Jahre gekommen, dachte ich zumindest, als ich den Trailer gerade nochmal angesehen habe.
Die Journalistin hat sich erneut sportlich für den Film „Heimsuchung” von Herrn Schlöndorff angestellt, ihn sich angesehen und Herrn Schlöndorff (der bereits 87 Jahre alt ist) interviewt. Bravo.
Die Kritiken (hier die von Katja Nicodemus in der ZEIT mit ein paar weiteren Eindrücken von Cannes) sind durchweg freundlich. Es sei eine solide Literaturverfilmung (nach dem Roman von Jenny Erpenbeck) und vermutlich der Film, den man eigentlich letztes Jahr schon erwartet hatte, als die Kritiker in Cannes Martha Schilinskis “In die Sonne schauen” gehypt haben, und den dann kaum jemand verstanden geschweige denn gemocht (mich eingeschlossen) hat. Es geht wieder um ein Haus, dieses Mal am See, das mit seinen wechselnden Bewohnern hundert Jahre deutsche Geschichte erlebt: Weimar, das Dritte Reich, Krieg, DDR und Mauerfall. Ich werde ihn mir bestimmt ansehen, wenn er in die französischen Kinos kommt.
Ich hingegen habe heute Morgen mit einer Freundin den Film „Shana“ gesehen, der als Comédie-Drama beworben wird. Im Trailer wirkt der Film witzig, obwohl er das gar nicht ist. Shana ist eine junge Frau, die Konflikte mit ihrer jüdischen Herkunftsfamilie hat und in einer ebenso konfliktuellen und gewalttätigen Beziehung mit einem Drogendealer lebt. Dieser sitzt allerdings gerade im Gefängnis und Shana führt seine Geschäfte mehr schlecht als recht. Als ihre Großmutter überraschend stirbt, hinterlässt sie Shana einen Ring, der ihr Glück bringen soll. Als Shana den Ring leichtfertig verkauft, häuft sich das Unglück.
Der Film war für mich nicht leicht auszuhalten. Die Geschichte, die kein Happy End hat, fand ich durchgängig trist, auch wenn mein deutlich jüngerer Sitznachbar hier und da herzlich lachte. Die ausschließlich vulgäre Sprache machte es nicht besser.
Ein paar Menschen verließen den Film vorzeitig und es gab sehr wenig Applaus.
Zum Essen trafen wir uns mit Monsieur im Caveau 30, einem klassischen französischen Restaurant mit ausgebildeten KellnerInnen und gestärkten Stoffservietten in der Rue Felix Faure, einer der Restaurant-Flaniermeilen. Um uns herum saß nur Festival-Publikum, die Menükarten waren auf Englisch, aber die Sonne schien und wir genossen den Trubel, das Zusammensein und das Essen.
Wir verbrachten einen dösigen Sonntagnachmittag und jetzt gibt es “Anatomie d’une chute” (Anatomie eines Falls) im Fernsehen. Der Film von Justine Triet mit Sandra Hüller, der 2023 die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat.
Gestern Morgen um 11 Uhr stand ich Schlange für den Film “Gabin”, eine französische Dokumentation, gefördert unter anderem vom SWR und Arte. Glücklicherweise war ich sehr früh da, so dass ich im Innenraum neben der Kinokasse stehen konnte. Von den Menschen, die draußen anstanden, kamen immer wieder welche, die fragten, ob man denn nicht schon rein dürfte, es sei so kalt und windig. Am 15. Mai ist der Namenstag von Sophia von Rom, eine der “Eisheiligen” (Sie wissen schon Servatius, Mamertus, Pankratius) und wird gemeinhin die “Kalte Sophie”genannt. Sie macht ihrem Namen heute alle Ehre. Etwas oberhalb von Grasse, knapp dreißig Kilometer Luftlinie von hier, in der kleinen Skistation Gréolières, hat es geschneit.
Aber nein, wir kamen nicht früher rein, hier ist alles so eng getaktet, im Saal lief noch der Film von 8.30 oder 9 Uhr, so genau weiß ich es nicht. Die Menschen werden (wir später auch) aus dem Notausgang aus dem Kino in die Fußgängezone geschleust, während von vorne dann die nächsten in den Saal hereinströmen. Punkt 11.30 Uhr geht es los, zwei Zuspätkommer werden noch ein paar Minuten bereits im Dunkeln auf die letzten leeren Plätze gelotst, dann ist die Stimmung im Saal ruhig und konzentriert. Die Jury ist mit ihm Saal und sitzt zwei Reihen hinter mir. “Gabin” ist ein sogenannter Coming-of-age-Film eines Jungen im landwirtschaftlichen Milieu, der zwischen der, vom Vater mit viel Druck geforderten, Übernahme der Metzgerei steht und seinem Wunsch, den Hof der Mutter, der alles andere als rentabel ist, zu übernehmen. Ich habe eine Schwäche für das landwirtschaftliche Milieu, das wissen Sie. Aber das echte Landleben ist, anders als es die vielen Hochglanzmagazine seit ein paar Jahren versprechen, alles andere als romantisch. Der Filmemacher hat den Jungen und seine Familie zehn Jahre lang begleitet und war nah dran an den Menschen und ihren Konflikten. Wie Gabin mit dem Druck der Eltern lebt und schließlich seinen eigenen Weg findet, hat mich sehr und stellenweise zu Tränen gerührt. Ich war beeindruckt und habe mich nicht eine Minute gelangweilt. Es gab viel Applaus.
Der Wind schüttelt den ganzen Tag die Bäume und wühlt das Meer auf. Ich hatte Zweifel, ob der Abendfilm am Strand im Programm Cinéma de la Plage überhaupt gezeigt werden kann; ich ziehe mich mehrschichtig warm an, nehme zusätzlich eine weitere Strickjacke und einen Wollschal mit und gehe um Viertel nach Acht los. Die Journalistin, die vor zwei Tagen noch ungläubig das Schlangestehen ansah und meinte, das würde sie nicht machen, steht bereits seit Acht Uhr in einer Last-Minute-Schlange, für die 22 Uhr Vorstellung von “Gentle Monsters”, den Film der Österreicherin Marie Kreutzer mit hochkarätigen Schauspielern (Léa Seydoux, Catherine Deneuve).
Mir hat übrigens eine Leserin aus Australien diesen Link aus der FR geschickt. Man muss sich (kostenlos) registrieren, um den Beitrag lesen zu können. Unter anderem mit einer (vernichtenden) Kritik zu “Gentle Monsters”.
Als ich an der Croisette ankomme, kann ich meinen Augen nicht trauen – die Schlange für den Film “Les Caprices de L’enfant Roi”, eine Kostümfilm-Komödie, ist bestimmt einen Kilometer lang, ich laufe sie erst in die eine Richtung, um zu ihrem Ende zu kommen und dann in die andere Richtung schrittweise wieder zurück. Der Einlass hat schon begonnen, so viel habe ich verstanden. Und sie haben deutlich mehr Liegestühle aufgestellt als sonst.
Ich habe daher die Hoffnung, dass wir noch hineinkommen und sie in letzter Minute noch weitere Liegestühle aufstellen oder uns einfach so aufs Gelände lassen. Irgendwann sehe ich zumindest das offizielle Eingangsschild, aber die Schlange stockt. Nur sehr zögerlich geht es voran.
Was ich nicht sehe und lange nicht verstehe, ist, dass der Einlass bereits geschlossen ist. Wenn es weitergeht, dann nur, weil Menschen aus der Schlange diese verlassen, um sich anderswo einen nicht offiziellen Platz zu suchen. Irgendwann, als es bereits dunkel ist und die Filmcrew vorgestellt wird, wird mir klar, dass wir definitiv nicht mehr hineinkommen und ich laufe auch hinter das Gelände und sitze dann sehr weit weg von der Leinwand und den Lautsprechern im Sand und im Wind, wegen dem ich mir eine Kapuze über den Kopf ziehe, aber dann höre ich noch schlechter und hole die Ohren unter der Kapuze hervor.
Sieht mich ja keiner im Dunkeln, alle wollen nur den Film sehen. Der zukünftige König Louis der VIX, ein rundlicher, verwöhnter Junge, soll wegen des Aufruhrs des Volkes für einige Zeit aus dem Schloss verschwinden und in Sicherheit gebracht werden. Er landet unter der Obhut von Cyrano de Bergerac in der Theatertruppe von Molière. Im Schloss sitzt derweil ein anderer Junge, der dem jungen König aufs Haar gleicht, aber der Sohn eines Metzgers ist. Das sorgt für Verwirrung, Intrigen und allerhand komische Szenen. Der Film ist leicht, um nicht zu sagen, sehr leicht, aber auch amüsant. Nach etwa der Hälfte aber bin ich komplett ausgefroren und gebe auf. Auf dem Weg zurück finde ich an einer Barriere einen guten und weitestgehend windgeschützten Platz und sehe mir den Rest des Films kurzentschlossen stehend an.
So etwas macht man auch nur während des Festivals, glaube ich. Gegen Mitternacht laufe ich zurück, der nächste Bus käme erst in einer halben Stunde, bis dahin bin ich auch zu Fuß zu Hause und wärme mich beim Gehen immerhin wieder etwas auf.
Die Eisheiligen sind heute vorbei, die Sonne scheint, der Wind hat nachgelassen. Er würde an den Strand gehen, sagt Monsieur, als er die Fensterläden auftößt. Ich gebe kurzentschlossen mein Ticket für die Vormittagsvorstellung zurück und gehe mit an den Strand. Die Wellen sind noch etwas aufgewühlt, aber wir schwimmen trotzdem einen Moment, dann genießen wir die wärmende Sonne.
Und wir sammeln wie immer ein bisschen Müll, heute besonders viele Glasscherben.
Die Journalistin bemüht sich heute um den Film “Heimsuchung” von Volker Schlöndorff und schickt mir zwischendurch ein Foto von Ulrich Matthes.
Was ist sonst noch los? Bei der Vogue las ich, dass Sandra Hüllers fedriges Outfit von Chanel stammt, und dass sie außerdem die neue Botschafterin (“Ambassador”) für Chanel geworden ist. John Travolta, der mit seiner Tochter in seinem eigenen Flugzeug angereist war und einen Film präsentiert, bekam überraschend die Goldene Ehrenpalme für sein Lebenswerk, die er sehr gerührt entgegennahm. Und im edlen Hotel Eden Roc am Cap d’Antibes wird die jährliche amFAR Benefiz-Gala für die Unterstützung der AIDS-Forschung mit Robbie Williams und zwei mir völlig unbekannten jungen Damen vorbereitet. Geena Davis “hosted” die Veranstaltung am 21. Mai. Sie können noch teilnehmen, das günstigste Ticket kostet 17.500€. Wenn Sie am Philantropen-Tisch sitzen wollen, müssen Sie allerdings schon 300.000€ hinblättern. Sie können dann zusätzlich ganz großartige Dinge ersteigern, Uhren, Schmuck oder Kunstwerke. Und mit Scarlett Johannson oder Heidi Klum ein Selfie machen. Die werden nämlich auch da sein. Nein? Dann vielleicht mit Pedro Almadovar und Pamela Anderson. Die sind doch sympathisch!
Die Journalistin wäre am ersten Abend um ein Haar nicht in ihr Hotel gekommen, weil die Rezeption, entgegen der Zusage, dann doch nicht mehr besetzt war. Sie kam nur hinein, weil eine andere Hotelgästin, die spät zurückgekommen ist, sie vertrauensvoll mit hineingelassen hat. Dann gab es keinen Schlüssel zum Zimmer, aber glücklicherweise war ein freies Zimmer offen – es war zwar nicht das, was für sie reserviert war, aber das interessierte um Mitternacht weder die Journalistin und auch sonst niemanden mehr.
Nachmittags trafen wir uns zum Kaffee im Zentrum vor dem Kino Les Arcades, damit ich ihr fast leer gerödeltes Handy mit einer Powerbank auflud. Merke: Ladekabel immer ins kleine Handgepäck! Wir schauten Leute und genossen das Ambiente.
Nachdem schwarze Limousinen vorfuhren, Zeichen für eine der “Montée des Marches” wie man das nennt, wenn die Stars und Regisseure für die Erstausstrahlung ihres Films die rot ausgelegten Stufen des Palais hinaufsteigen, beschlossen wir, uns das näher anzusehen. Soweit man etwas sehen konnte. Eher nicht.
Aber dann klingelte das frisch aufgeladene Handy, die Koffer würden angeliefert, nur kam die Dame mit ihrem Wagen natürlich nicht durch zum Hotel. Sie bat uns, dass wir die Koffer bei ihr abholten, sie stehe auf einem Lieferparkplatz in der Rue d’Antibes und würde zehn Minuten auf uns warten. So hetzten wir durch die Menge, die Journalistin nahm erleichtert ihre Koffer in Empfang, die wir dann zum Hotel rollerten.
Zurück über die Croisette zur Montée des Marches, aber mir reichte es mit dem Gedrängel, ich verabschiedete mich, denn nur knapp zwei Stunden später würde ich schon wieder in die Stadt und zum Théatre Croisette laufen, um dort “Butterfly Jam” zu sehen, den Eröffnungsfilm der Quinzaine über eine tscherkessische Familie, die mehr schlecht als recht ein kleines Restaurant in einer amerikanischen Provinzstadt führt.
Dafür stehe ich kurz vor 21 Uhr an, Einlass ist ab 21.20 Uhr, aber wer zuerst kommt, bekommt die besseren Plätze.
Das schöne Titelbild mit tanzendem Bruder und Schwester trügt. Der Film ist brutaler als ich erwartet habe, ziemlich trist, aber es gibt auch sanfte Momente – eine erste zarte Liebe ensteht, ein Pelikan wird gerettet, ein Mädchen geboren und Monica Belluci sorgt mit ihrem kurzen Gastauftritt für einen Glücksmoment im Leben des sechzehnjährigen Sohnes.
Danach laufen wird durchs nächtliche Cannes, an der Croisette wummert aus allen Strandrestaurants Musik, auch hier muss man eingeladen sein und selbst dann stehen Menschen wieder hunderte von Metern an, um irgendwo hineinzukommen. Ich will nur noch nach Hause und bekomme glücklicherweise einen der letzten Busse um 0.45 Uhr und muss zumindest jetzt nicht mehr laufen. Meine Schritte-App ist trotzdem zufrieden mit meinem neuen täglichen Laufpensum.
Heute dann kein Film, zumindest nicht für mich. Die Journalistin ist spät, aber erfolgreich akkreditiert und steht nun in einer Last Minute Schlange für die Projektion eines der deutschen Filme an: “Vaterland” von Pawel Pawlikowski. Sandra Hüller und Hanns Zischler spielen Erika und Thomas Mann, die durch das Nachkriegsdeutschland reisen. Die Journalistin steht in helles Blau gekleidet zwischen jungen und sehr jungen Menschen, die überwiegend in Schwarz gekleidet sind: Smoking für die Herren, Kleidern und hochhackige Schuhen für die Damen. Das hellblaue Outfit geht durch, die Turnschuhe der Journalistin aber wurden gerügt – so könne man sie nicht hineinlassen. Glücklicherweise hatte sie ihre schicken Schuhe in einer Tasche dabei – die musste sie ultimativ anziehen, bevor sie aufs Gelände zugelassen wurde.
Letztes Jahr hat es deswegen schon einmal einen Skandal gegeben (eine Schauspielerin durfte mit flachen Schuhen nicht auf den roten Teppich) und ich dachte, in diesem Zuge, sei die High-Heels Verordnung sei gestrichen worden, aber anscheinend ist dies nicht der Fall.
Ich hingegen war heute Nachmittag spazieren und sehe Cannes heute nur von oben.
In La Croix des Gardes war es wohltuend leer, nur ein paar Hundebesitzer drehten ihre Runden. Der Wind ist allerdings heftig, ich hoffe, bis morgen hat er sich gelegt, da würde ich gerne abends einen Film am Strand sehen.
Heute ist der 12. Es gibt 12 Bilder vom Tag. Und da das Filmfestival heute Abend beginnt, geht es direkt und indirekt viel darum. Aber erstmal stehe ich auf und mache ein Foto mit dem Blick aus dem Fenster. Der Himmel ist knallblau, es ist sehr windig: Mistral!
Dann bekomme ich die Nachricht, dass die Journalistin, die ich heute früh am Flughafen abholen soll, ihren Flieger verpasst hat. Sie versucht, den nächsten Flieger zu bekommen, wird aber erst, das kann ich jetzt schon verraten, den Flieger heute Abend bekommen, alle anderen sind ausgebucht, alle wollen nach Cannes.
Ich frühstücke erst einmal, doch das Bild wird unscharf. Bilder von Kaffeetassen und Müslischalen sind allerdings auch nicht besonders interessant. Wir konferieren hin und her. Sie wird voraussichtlich gegen 18:15 Uhr ankommen. Die Übertragung der Eröffnungsgala beginnt um 19 Uhr im Kinokomplex Cinéum in Cannes la Bocca. Dafür habe ich uns Karten reserviert. Das alles bei bestem Berufsverkehr und zusätzlich Festivalstaus – wir werden es nicht schaffen. Ich brauche einen Moment, um mich davon zu erholen, dass ich es trotz aller vorausschauenden Organisation jetzt nicht oder zumindest nicht vollständig sehen werde. Aber es ist ja alles nicht lebenswichtig, das muss ich mir immer wieder sagen. Es ist nur ein bisschen gehyptes Trallala auf einem roten Teppich. Aber ich bin dieses Jahr so richtig im Festivalfieber und es bekommt eine ungeheure Wichtigkeit. Ausatmen. Einatmen.
Immerhin sitze ich so pünktlich um 10 Uhr zur Filmreservierung der Quinzaines für den Samstag vor dem PC und erhalte zwei Karten für den Film und die Uhrzeit meiner Wahl: „Le journal d’une femme de chambre”, ein Remake des mehrfach verfilmten Stoffes „Tagebuch einer Kammerzofe” – dieses Mal aus der Sicht einer rumänischen Dienstmädchens.
Dann mache ich mir die Fingernägel.
Währenddessen gibt es groben Baulärm vor dem Haus. Wir stellen fest, dass Handwerker dabei sind, die Mauer, die uns vom Nachbargrundstück trennt, einzureißen. Wir brüllen uns ein bisschen mit dem tätigen Handwerker an und verlangen die Baugenehmigung zu sehen. Die hat er natürlich nicht, aber er erklärt uns brüllend, was ihm dort zu tun aufgetragen ist. Ob wir das jetzt verstanden haben. Wir brüllen zurück, dass wir das sehr wohl verstanden haben, aber bitte dennoch die Baugenehmigung sehen wollen, ob er das verstanden habe. Er telefoniert herum und steigt erstmal von der Mauer herunter, wir hören ihn später etwas im Inneren des Gebäudes demolieren.
Schon ist es Zeit fürs Mittagessen. Es gibt (von gestern) selbst gemachte Petits farcis: mit Hackfleisch gefüllte frische runde Zucchini mit Reis und Tomatensoße. Salat, Käse und frische Ananas.
Später fahre ich Monsieur zum Bridge. Gestern war der übliche Weg über die Schnellstraße schon extrem verstopft, – während des Festivals sind so viele zusätzliche Menschen und Autos in der Stadt -, so dass wir es heute über kleine Nebenstraßen versuchen. Werden dort aber von Gerüstbauern und dem Transporter eines Müllcontainers ausgebremst.
Wieder zurück (von einem weit entfernten Parkplatz, den ich unter normalen Umständen verschmäht hätte, der jetzt aber das beste ist, was ich bekomme) laufe ich an intensiv duftenden Jasminhecken vorbei. Immer auch das Positive sehen, n’est-ce pas.
Zuhause fange ich schonmal an, hier zu schreiben, damit es heute Abend nicht so spät wird.
Um Viertel vor fünf gehe ich los, bis ich auf der Autobahn bin ist es Viertel nach fünf und dann zieht es sich mit zähflüssigem Verkehr bis zum Flughafen. Ich komme um Viertel nach Sechs gerade so an. Der Flieger ist zwar pünktlich gelandet, aber natürlich dauert es mit dem Gepäck. Ich warte mit vielen Herren (und einer Dame), die bei jedem Öffnen der Türen Kartons oder Tabletts hochhalten, auf denen man Namen wie “Mrs Kim” oder “Mr Smith” lesen kann.
Alle haben irgendwann ihren Gast in Empfang genommen, nur ich nicht. Ich lese das Internet leer und sehe mir an, was ich gerade verpasse.
Ich rechne, ob wir es wenigstens für die Vorpremiere des Eröffnungsfilms schaffen könnten, der beginnt etwa um 20 Uhr. Aber leider ist das Gepäck der Journalistin in Frankfurt geblieben, und sie muss natürlich vor Ort noch eine Suche veranlassen, all das dauert. Kurz nach Acht ist sie endlich da, ohne Gepäck und zu spät für was auch immer, wir fahren Richtung Cannes und essen dann in Golfe Juan bei einem Libanesen mit Blick auf den Jachthafen.
Trotz vieler Gäste ruhiges Ambiente, das Essen ist fait maison, gut und nicht zu teuer. Wir quatschen lange, es wird ein netter erster Abend, wenn auch anders als gedacht. Dann fahren wir weiter nach Cannes, aber natürlich ist die Straße zum Hotel gesperrt, die Croisette ebenfalls. In der Stadt ist es wuselig und laut, überall festlich gekeidete Festivaliers, wir verabreden uns für morgen Abend zum ersten Film der Quinzaine, dann springt sie aus dem Auto und läuft die letzten hundert Meter zum Hotel, aber ohne Gepäck läuft es sich ja sowieso leicht.
Ich fahre nach Hause und finde, dem Universum sei Dank, einen Parkplatz nicht allzuweit weg. So viel für heute. Danke fürs Lesen und Schauen und gute Nacht!
Hier noch eine Zugabe, weil die Abendstimmung am Meer so schön war.
Ich habe eine neue Freundin: eine kleine Turteltaube. Vermutlich ist sie von dem Turteltaubenpärchen, das jahrelang in unserem Vorgarten lebte – oder zumindest immer wieder dort zu Gast war. Jetzt ist die andere Taube nicht mehr da. Diese hier kommt jedes Mal angeflogen, wenn ich nachmittags die Balkontür öffne und meinen Kaffee halb drinnen, halb draußen genieße – meistens steht auf dem Balkon ein Wäscheständer. Dann sitzt sie auf dem Geländer, leistet mir Gesellschaft, blinzelt mir zu und trippelt von rechts nach links und wieder zurück. Lieb, oder?
Weniger lieb war die Seemöwe, die mir vor unserem Küchenfenster das Fleisch fürs Mittagessen geklaut hat. Ich hatte es zum Auftauen in der Sonne auf die Fensterbank gestellt. Man hat ja schon allerhand Videos gesehen, in denen Seemöwen Menschen die Sandwiches aus der Hand reißen, aber es ist doch noch einmal etwas anderes, wenn es einem selbst passiert. Die Fensterbank, die mir oft als Platz zum Auftauen oder Abkühlen von Speisen diente, ist also fürderhin tabu, ebenso der Gartentisch. Wenn besagter Möwe der Ort jetzt bekannt ist, will ich sie und ihre Freundinnen schließlich nicht gleich wieder einladen.
Monsieurs Tochter erzählte, dass sie einmal den Tisch auf der Terrasse gedeckt und diverse Häppchen (Schinken, Melone etc.) für den Aperitif bereits nach draußen gestellt hatte. Als sie mit den Gästen auf die Terrasse kam, war alles verwüstet und das Essen war verschwunden. Seitdem wird das Essen erst auf der Terrasse serviert, wenn die Gäste bereits da sind. Außerdem wird Essen (Grillgut zum Beispiel) nicht mehr unbeaufsichtigt gelassen.
Promenade des Anglais, Nizza
Was ich alles noch erzählen wollte – Ausflüge, Lesung in Nizza, Bergdorf, Schwimmen – im Text verstreut ein paar Symbolbilder – kommt vielleicht ein anderes Mal, denn jetzt beginnt gleich das 79. Filmfestival und ich werde erstmals (fast) richtig involviert sein.
La Baie des Millionaires, Cap d’Antibes
Ich bin zwar nicht akkreditiert, habe mich aber für die Quinzaine des Cinéastes eingeschrieben. Das ist eine der Parallelveranstaltungen der Sélection Officielle. Es gibt noch andere parallele Filmveranstaltungen, aber nur die Quinzaine des Cinéastes (früher Quinzaine des Réalisateurs) sind für nicht akkreditiertes Publikum zugänglich. Das mache ich dieses Jahr, weil ich eine deutsche Journalistin begleite, die zum ersten Mal zum Festival kommt. Sie will unter anderem darüber schreiben, wie die Einwohnerinnen und Einwohner von Cannes am Festival teilnehmen oder teilnehmen können. Sie hat mich ein bisschen geschubst, damit ich mich auch um die Quinzaine bemühe. Und so habe ich mich dieses Jahr durch die unübersichtliche Homepage gekämpft, denn man muss sich natürlich erst einschreiben, ein Konto eröffnen und einen Ticketpass für 40 € für sechs Filme erwerben. Danach kann man die Filme, die man sehen möchte, reservieren. Die Filme werden tageweise und immer vier Tage vor der Ausstrahlung morgens zur Reservierung freigegeben. Sie laufen an unterschiedlichen Orten in Cannes von morgens neun bis abends elf Uhr. Man muss also erstens wissen, was man von den knapp dreißig Filmen (Spielfilme, Dokus, Animationsfilme, Kurzfilme) sehen will, über die es nur ein oder zwei kurze Sätze in der Broschüre zu lesen gibt. Und dann muss man superschnell sein, um den Film zu einer möglichst komfortablen Zeit an einem möglichst zentralen Ort sehen zu können. Wenn man es nicht geschafft hat, wird empfohlen, immer wieder und auch eine Stunde vorher noch einmal nachzuschauen, ob für einen ausgebuchten Film doch ein Platz frei geworden ist. Man kann nämlich Tickets reservieren und kurzfristig wieder zurückgeben. Das war mir in den letzten Jahren alles zu kompliziert und vor allem zu aufwändig.
Blick aus dem Fenster des CCFA, NizzaLesung Benedict Wells im CCFA, Nizza
Die Quinzaine des Cinéastes, die nach der 68er-Bewegung als Kontrastprogramm zum klassischen Festival von Cannes gegründet wurde und damals zumindest eine Art Gegenfestival mit unbekannten Filmemachern war (“Cinéma de liberté”), wirbt damit, eine feine Nase für besondere Filme zu haben, die für die offizielle Sélection zu ausgefallen sind. Jim Jarmusch wurde beispielsweise bei den Quinzaines entdeckt.
Ich habe mir jetzt also ein paar Filme ausgesucht, die mich interessieren und die nicht zu gewalttätig sind – ich werde ja immer sensibler und habe keine Lust, traumatisiert aus dem Kino zu kommen.
Apropos traumatisiert: Das diesjährige Plakat der Quinzaine zeigt einen dicken, nackten Mann in einem Busch. Ein Bezug zum Exhibitionismus ist natürlich nur meiner überbordenden Fantasie zu verdanken und bestimmt nicht gewollt. Schrecklich. Wer entscheidet so etwas?
Ich zeige es hier vorsichtshalber auch nur ganz klein, damit Sie sich nicht erschrecken. Und damit Sie das offizielle Plakat des Filmfestivals umso besser genießen können: Es zeigt Susan Sarandon und Geena Davis als Thelma & Louise, und ich finde es toll!
Nein, ich schreibe heute nicht über Günther Wallraff – oder doch, indirekt vielleicht. Ich schreibe heute darüber, dass ich in letzter Zeit schon mehrfach hingefallen bin und dass ich alleine nicht mehr aufstehen kann. Oder zumindest nicht mehr so leicht und schnell, wie ich es früher konnte. Das liegt natürlich an den Umständen. Vor allem an den unbeweglichen Knien, die mir das Hüpfen, Rennen und Ausführen anderer schneller Manöver unmöglich machen. So starre ich am Flughafen auf der Rolltreppe nach unten nur wie gelähmt auf den riesigen Koffer, der von oben angerumpelt kommt, und nehme die gestikulierenden und schreienden jungen Männer ganz oben am anderen Ende der Rolltreppe wie hinter einer Glasscheibe und unwirklich verlangsamt wahr. Ich kann nicht die letzten paar Stufen hinabhüpfen und mein kleines Köfferchen mitreißen. Ich kann auch ohne das Köfferchen nicht rennen oder hüpfen. Kurz hoffe ich, dass ich es noch auf klassische Art von der Rolltreppe schaffe, bevor der Koffer … Aber da ist er mir schon von hinten in die Knie geknallt, und ich liege dumm mit dem Rücken darauf. Mein verdrehter Arm hält immer noch mein Köfferchen fest, das jetzt irgendwo ganz unten liegt. Dann ist die Rolltreppe zu Ende, und ich blockiere sie auf diesem verdammten Koffer liegend. Ich komme nicht mehr hoch. Von oben kommen junge Männer angerannt, aber sie kommen nicht an mir vorbei, über mich hinweg oder wie auch immer. Sie schaffen es nicht, mich aufzurichten, und ich liege wie ein Käfer auf dem Rücken. Selten habe ich mich so dumm und würdelos gefühlt. Plötzlich ziehen mich zwei junge Männer mit kräftigen Armen in einem Ruck hoch und nach vorne und stellen mich auf die Beine. Ich weiß nicht mal, wo sie herkamen. Mein Köfferchen hängt an meinem rechten Arm, von dem ich noch nicht weiß, ob er noch funktioniert. Die beiden jungen Männer fragen kurz, ob alles in Ordnung ist, und sind kurze Zeit später schon auf der Rolltreppe nach oben. „Danke!”, rufe ich ihnen vollkommen verdattert nach. „Vielen Dank!“ „Schon okay“, winken sie ab und sind weg. Jetzt sind auch die jungen Männer da, denen der große Koffer gehört. Sie entschuldigen sich, bleiben neben mir stehen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Ich bewege meinen rechten Arm. Scheint zu funktionieren. Meine Knie zittern, aber sie scheinen sich zumindest nicht weniger zu bewegen als vor dem Hinfallen. „Ich habe kaputte Knie“, stammele ich und versuche, meine Unbeholfenheit auf der Rolltreppe zu erklären. Mein Herz pocht. Ich habe mich furchtbar erschrocken, aber es ist nichts Schlimmeres passiert. Uff! Die beiden jungen Männer, die mich innerhalb von Sekunden und ohne zu Zögern aus dieser misslichen Lage befreit haben, waren in etwa die, die Herrn Merz im deutschen Stadtbild stören: Schwarze Joggingklamotten, Kapuzenpulli, Migrationshintergrund. Diese Jungs haben mir geholfen. Danke!
Warten und lesen
Das erinnert mich daran, dass ich vor vielen Jahren, als ich noch in dem angesehenen Kölner Verlagshaus arbeitete, in dem seinerzeit Wallraffs Enthüllungen erschienen sind, an einem verregneten Tag kurzentschlossen nicht das Fahrrad zur Arbeit nahm – es regnete zu stark. Die Straßenbahn, ich weiß nicht mehr welche, war schon weg oder ich war zu spät dran. Ich lief also in Eile die Severinsstraße gen Süden, um am Chlodwigplatz alternativ einen Bus zu nehmen. Ich war für meine Verhältnisse schick angezogen, rutschte mit meinen glatten Lederschuhen aus und landete im nassen, dreckigen Rinnstein. Damals war ich noch mehr als zwanzig Jahre jünger, eines der Knie war zwar schon kaputt, aber es war doch noch in einem besseren und ich grundsätzlich in einem sportlicheren Zustand. Aber ich hatte mir die Hand aufgeschürft und lag da, und die anderen schicken Leute eilten im Regen an mir vorbei, ohne mich zu beachten. Der einzige Mensch, der sich mir näherte, mir die Hand reichte und mir beim Aufstehen half, war ein schlecht gekleideter älterer Herr mit einer Wollmütze auf dem Kopf. Er war unrasiert und sprach gebrochen Deutsch. Er fragte mich mehrfach, ob alles in Ordnung sei. Es hat mich sehr berührt und beschämt, denn Menschen wie ihn habe ich in meinem schicken Verlagsalltag sonst nicht im Stadtbild wahrgenommen. Das und ihn habe ich nie vergessen. Danke!
Zurück: Ganz unten die italienischen Alpen
All das hätte ich schon in einem Hirnwinkel abgelegt, wäre ich heute Morgen nicht schon wieder gefallen. Dieses Mal lag ich im Vorgarten auf dem Rücken und kam nicht mehr hoch. Das kam so: Wir haben wieder einmal Baustellen und renovieren Wohnungen. Monsieur wollte unseren ehemaligen, sehr großen Badezimmerspiegel, der bei uns seit kurzem ausgedient hat, zu einer Miroiterie bringen. Der Spiegel hat zwar ein paar kleine abgesplitterte Stellen, ist aber ansonsten noch gut und vor allem von guter, schwerer Qualität. Dort sollen aus dem ungefähr drei Quadratmeter großen Spiegel zwei kleinere geschnitten werden, die fürderhin in den neu gemachten Badezimmern hängen sollen. Es ist eine Recycling-Variante, ob es kostengünstiger ist, als der Erwerb zweier neuer (weniger hochwertiger) Spiegel steht noch aus. Monsieur macht viel in seinem Kopf aus, ohne es vorab mit mir zu besprechen, und während ich mir gerade in der Küche die Haare föhne – wir haben zwar im Bad einen schönen neuen Spiegelschrank, aber aus Gründen derzeit keinen Strom (habe ich schon erwähnt, wie beglückend es ist, im Altbau zu wohnen?) – braucht er meine Hilfe. Und zwar jetzt sofort, denn er hat das Auto schon vor dem Haus geparkt. Wir wohnen an einer Durchgangsstraße. Es gibt offiziell keine Haltemöglichkeit. Man muss hier immer schnell sein, wenn man das Auto für eine Reise packt oder Einkäufe ausräumt. Ich lasse also den Föhn fallen, ziehe mir eilig Turnschuhe an und wir wuchten zu zweit die drei Quadratmeter große Spiegelwand durchs Treppenhaus. Ich gehe rückwärts, Treppenstufe für Treppenstufe, durch die Eingangshalle und den Vorgarten. Als ich einen weiteren Schritt mache, bringt mich ein weiches Hindernis aus dem Gleichgewicht. Ich falle rückwärts – immerhin ohne den Spiegel fallen zu lassen – in einen Pflanzenhaufen. Die Nachbarn von oben haben am Wochenende den Vorgarten genauso aufgeräumt wie ich unseren Innenhof. Vor allem haben sie zig der wuchernden, pieksenden Aloe-Vera-Pflanzen herausgerissen, aber auch vieles andere.
Mittelmeerund Himmel
Wir haben zwar einen Kompostbehälter, aber der ist momentan voll, die Pflanzen müssen noch einen Moment warten, bis sie dem Kompost zugeführt werden können und liegen so im Vorgarten herum. Weiß ich eigentlich, sieht man auch, zumindest wenn man vorwärts geht und nicht gleichzeitig einen riesigen Spiegel balanciert. Ich hab nicht dran gedacht, Monsieur hats nicht gesehen. Also liege ich mal wieder auf dem Rücken, dieses Mal in pieksenden Aloe Vera Pflanzen und halte tapfer den Spiegel fest, kann so aber nicht aufstehen.
Nein, niemand kommt dieses Mal, um mir aufzuhelfen, und Monsieur hält lieber den Spiegel fest. Ich muss es alleine machen, dazu stelle ich eine Spiegelecke vorsichtig in eine der ausgerissenen Aloe Vera Pflanzen, drehe mich zur Seite und bringe mich mühsam und gleichzeitig drehend zunächst vorsichtig auf die auf die Knie und von dort mit den Händen abstützend wieder in die aufrechte Lage (einem frühen Feldenkraiskurs sei Dank!). Funktioniert so ähnlich wie das Aufstehen von kleinen Kinder, sieht nur nicht so entzückend aus. Aber immerhin kann ich jetzt den Spiegel wieder aufnehmen und wir wuchten ihn gemeinsam ins Auto, während, wie so oft, der Bus hupend an uns vorbeirauscht und beinahe den Außenspiegel des Autos mitnimmt. Man lebt gefährlich in den engen kurvigen Straßen Südfrankreichs.
Blick auf die Küste ums Esterelgebirge
Voilà, so viel aus meinem Alltag. So kann ich immerhin meine Flugzeugaufnahmen vom letzten Flug nach Deutschland noch unterbringen.
12 Bilder am und vom 12. des Monats. Same same but different.
Der Blick aus dem Fenster. Das Wetter ist nicht besonders. April eben.
In der Küche steht noch das Geschirr, das Monsieur, wie jede Nacht, gespült hat. Nein, wir haben keinen Geschirrspüler. So lange Monsieur das Geschirr spült, brauche ich auch keinen. Da Geschirrspülen so ziemlich das einzige ist, was er verlässlich (und ohne Erinnerung) im Haushalt mittut, bin ich mit der Lösung zufrieden.
Frühstück. Heute mal Haferflocken mit Joghurt und Obst.
Ich nehme mich erneut dem Innenhof an, den ich seit gestern sauber mache. Ich habe gestern kein Vorher-Foto gemacht, ich hätte mich zu sehr geschämt. Der Innenhof ist nämlich auch Arbeitsatelier von Monsieur. Hier wird gesägt und gefräst und was weiß ich, und alle Reste bleiben einfach liegen. Wird schon irgendwann regnen und vielleicht wirds gnädig davongespült. Spoiler: wirds nicht. Ich mache also sauber und räume auf und werfe weg. Alte vertrocknete Pflanzen werden aussortiert, darunter eine große Ikeatüte voll verwurzeltem Farn, der mich schon jahrelang nervt, ich topfe tapfer die pieksende Kakteen in größere Töpfe um, werfe zig Plastiktöpfe weg und olle und/oder kaputte Übertöpfe. Es werden am Ende sechs Säcke mit Pflanzenresten!
Ich reiße den wilden Wein, der sich vom Park nebenan bis zu uns verwächst, von den Wänden. Er wächst leider nicht dort, wo er uns Sichtschutz gewähren würde. An den Wänden bleiben die kleinen Saugnapf-Wurzeln, sogenannte Haftwurzeln, kleben. Es ist fast unmöglich, sie zu entfernen. Man kann quasi gleich die Wände abreißen. Sie bleiben also dran und die Wände sehen aus, als seien sie mit großem Fliegendreck befleckt. Das scheint aber sowieso nur mich zu stören.
Dann schrubbe ich den Boden mehrfach, er wird nicht wie neu, aber doch wieder ziemlich hell. Nein, die Plastikmöbel sind noch nicht sauber, das ist etwas, was Monsieur auch noch ganz gern macht, also lasse ich das für ihn übrig. Und ja, ich weiß, diese Plastikmöbel … Sagen Sie nichts. Ich lebe seit fünfzehn Jahren damit und jedes Jahr will ich andere Möbel kaufen, aber es ist so ein gutes und langlebiges Plastik, das alle Jahreszeiten seit mehr als fünfzehn Jahren überdauert, ohne brüchig zu werden, worauf ich insgeheim hoffte, (ganz anders als die Plastikflaschen mit nicht mehr definierbarem Inhalt) so etwas findet man nicht wieder, hier sieht man die Notwendigkeit nicht ein. Praktisch geht hier ja sowieso vor Schön, aber das wissen Sie ja schon.
Dann trinke ich das erste Perrier Menthe der Saison, ein Zeichen für den Frühling! Schnelles Mittagessen, es gibt frische rohe Artischocken zum Entrée, ein Stück Onglet (langfaseriges Rindfleisch) und Nudeln, Camembert für Monsieur und frische Erdbeeren mit Sahne zum Dessert. Die ersten französischen Gariguette-Erdbeeren, sie sind reif und süß! Genial!
Nach der Sieste, schaut Monsieur das Tennisfinale in Monaco: Alcaraz gegen Sinner. Sinner gewinnt. Das wissen Sie schon, wenn Sie sich für Tennis interessieren.
Ich bleibe im Bett (draußen ist es stürmisch geworden) und lese. Hier alles, was ich seit Wochen angefangen habe.
Heute beende ich “Sie kam aus Mariupol” von Natascha Wodin – beeindruckend, aber was für eine Tristesse. Ich erinnere mich, dass hinter der Siedlung, in der ich als Kind mit meinen Eltern lebte, auch noch ärmliche Hütten existierten und wir die Menschen, die dort hausten, komisch fanden und immer schnell daran vorbeiliefen.
An Ostern habe ich auf einem Miniflohmarkt in Deutschland “Nirgendwo ist Poenichen” mitgenommen. Ich kenne die Bücher von Christine Brückner und die Verfilmung nicht – auch hier Krieg und Vertreibung, es ist weniger trist und trotzdem will ich jetzt etwas anderes lesen. Auch, weil ich dank der ZEIT, die die Mitgliederkartei der NSDAP aufbereitet und leicht zugänglich gemacht hat, wieder stark im Thema bin.
Ich beginne also mit Ildikó von Kürthys „Alt genug“, das ich mir in Deutschland extra gekauft habe, weil Frau von Kürthy die gehässige Kritik von Dennis Scheck, den ich wegen seiner Selbstgefälligkeit nicht ausstehen kann, nicht so stehen lassen wollte. Da wurde ich neugierig. Da ich ein großer Fan ihrer Kolumnen bin, erstand ich das Buch. Es ist jetzt nicht so lustig, wie ich hoffte. Und es fesselt mich auch nicht besonders. Das liegt vielleicht daran, dass ich schon älter bin als sie und mein Buch über meine Wunden, Glück und Älterwerden schon geschrieben habe. Elke Heidenreichs Buch übers Alter konnte ich seinerzeit auch nicht zu Ende lesen, obwohl es sehr dünn ist. Am meisten stört mich an Ildikó von Kürthys Buch die schlechte Papierqualität. Steht es so schlecht um den Papiermarkt? Das Papier ist grau, rau, dünn und fühlt sich nicht gut an. (Ich will jetzt nicht den hässlichen Satz von Dennis Scheck zitieren, nur um eine Pointe zu haben, aber das Papier ist wirklich minderwertig!) Als ich den „Bestsellerautorin“-Aufkleber abgeknubbelt habe, schlägt der Schutzumschlag an der Stelle Blasen. Herrje. Und nein, für dieses Papier kann Frau Kürthy natürlich nichts, aber ich finde es nicht sehr wertschätzend von ihrem Verlag, für den sie doch immerhin Bestsellerautorin ist!
Texte und Poesie von Hans Schiebelhuth habe ich im Zuge einer Seminararbeit an der Universität kennengelernt. Er stammte aus Darmstadt, und es war Liebe auf das erste Gedicht. Ich dachte, ich könnte seine beiden Bände aussortieren, denn seit über zwanzig Jahren habe ich nicht mehr in die leicht stockfleckigen Bände hineingeschaut. Aber dann habe ich mich wieder darin festgelesen und werde sie nun doch noch ein bisschen behalten.
Um 17 Uhr mache ich uns Tee. Da es so stürmisch und grau ist, bereite ich mir einen dieser herbstlichen Pumkin-Spice-Tees zu, während Monsieut einen grünen Tee mit einem dieser schönen Mousselin-Säckchen von Frère Mariages bekommt. Ein kleiner Tipp, vielleicht wussten Sie das noch nicht: Wenn man die etwas trockenen Madeleines ein paar Sekunden in der Mikrowelle aufwärmt, werden sie nicht nur warm, sondern auch weich und buttrig. Dann sind sie ein richtiger Genuss.
Zum Abendessen mache ich einen großen Topf Milchreis (mit Vanille und Zitronenschale), auch das so ein schönes tröstlich-wärmendes Abendessen bei diesem Wetter.
Im Fernsehen kommt Alliés, ein Spionagefilm mit Brad Pitt und Marion Cotillard, den wir noch nicht kennen. Auch hier sind wir wieder im Zweiten Weltkrieg. Die Geschichte ist gut, finde ich. Die Umsetzung gefällt mir allerdings nicht so gut. Ich finde, man merkt, dass vieles in Kulissen gedreht wurde. Was mich auch immer ärgert, ist, dass die Personen, die deutsche Soldaten oder Spione spielen, oft nur einen einzigen Satz zu sagen haben – und den sagen sie in miserablem Deutsch. Kann man bei dieser bestimmt teuren Produktion nicht wenigstens einen deutschen Schauspieler dafür engagieren? Oder wenigstens einen Deutschlehrer, der der Person diesen einen Satz richtig beibringt?
Heute findet fand in Frankreich der zweite Durchgang der Kommunalwahlen statt, der für manche Städte spannend wird wurde. Nizza zum Beispiel. Dort halten momentan viele den Atem an. Kann der seit 2008 amtierende, Macron-nahe Bürgermeister Christian Estrosi die Wahl noch einmal für sich entscheiden, obwohl er im ersten Durchgang klar hinter dem Herausforderer Eric Ciotti lag, der sich vor kurzem mit seiner eigenene Partei “Le meilleur est à venir” (dt: Das Beste kommt noch) der rechtsextremen Partei RN angenähert hat?
So. Ich habe heute so lange und mit vielen Unterbrechungen an diesem Text geschrieben, dass ich jetzt die Ergebnisse schon einbauen kann. Nein, Estrosi hat es nicht geschafft. Nizza hat einen rechtsextremen Bürgermeister. Eric Ciotti. Sie sehen mich erschüttert.
Nun, zwischen Estrosi und Ciotti gibt es schon immer eine Rivalität in dieser Ecke Südostfrankreichs. Beide gehörten zunächst der gleichen konservativen Partei an, die heute LR Les Républicains heißt und fast unsichtbar geworden ist. Estrosi ist vor ein paar Jahren ins eine Zeitlang aufstrebende Macron-Lager gewechselt. Vor kurzem hat Ciotti seinerseits gewechselt, und zwar ins extrem rechte Lager. Eigentlich hat Estrosi in den vergangenen Jahren nichts falsch gemacht: Er hat ein gut genutztes Straßenbahnnetz geschaffen, mit dem man sogar bis zum Flughafen fahren kann, und eine wunderschöne und großzügige Grünanlage namens „Coulée verte”, die sehr gut angenommen wurde. Warum also wurde es trotzdem Ciotti?
Weil Nizza, wie so viele andere Städte hier im Süden, einfach sehr konservativ ist. Macrons Politik, insbesondere die Innenpolitik, ist hier nicht genehm. Estrosi hatte aufs falsche Pferd gesetzt.
Im CCFA Centre Culturel Franco-Allemand fragt man sich, wie man als kulturelle Institution zukünftig mit einem rechtsextremen Bürgermeister zusammenarbeiten will. Ich muss dabei an den gerade angelaufenen Film „Les Rayons et les Ombres” (der Titel verweist auf ein Buch von Victor Hugo, das im Film Erwähnung findet) denken. Wir haben ihn vor einer Woche in einer Vorpremiere gesehen, aber er ist jetzt offiziell angelaufen. Er zeigt am Beispiel des Journalisten Jean Luchaire (gespielt von Jean Dujardin) und seiner Tochter Corinne, einer jungen Schauspielerin (Nastya Golubeva), die Kollaboration der Franzosen mit den Nationalsozialisten.
Luchaire war nach dem Ersten Weltkrieg Pazifist und setzte sich für die deutsch-französische Freundschaft ein. Sein deutscher Gegenpart und bester Freund ist Otto Abetz (gespielt von August Diehl). Doch dann kommen die Nationalsozialisten an die Macht und bedienen sich ihrer, um eine Zusammenarbeit (collaboration) der Franzosen mit den Deutschen zu propagieren. Es beginnt scheinbar harmlos, und vor allem Luchaire glaubt lange, intelligenter zu sein und nur so ein bisschen mitzuspielen, ohne wirklich mitzuspielen, gerade so viel, wie es eben sein muss, um seinerseits vom System zu profitieren. Luchaire ist ein sympathischer Mensch, der allerdings stets über seine Verhältnisse lebt und Geld benötigt, um seine Zeitung zu finanzieren, seine Angestellten zu bezahlen und sich und seiner Tochter ein schönes Leben zu ermöglichen. Dafür macht er mehr und mehr Zugeständnisse und rutscht so immer weiter in den Sumpf der Kollaboration hinein.
Der Film dauert drei Stunden und ist ein historisches Zeitgemälde, das von der Zwischenkriegszeit bis 1948 reicht. Am Ende des Films ist die Stimmung im Publikum gedrückt. In ihrem historischen Gedächtnis waren die Franzosen stets alle in der Résistance. Die Kollaborateure, das waren immer die anderen, natürlich irgendwelche Drecksäcke, denen man am Ende der Besatzungszeit zu Recht einen kurzen Prozess gemacht hat. Luchaire und seine Tochter entsprechen jedoch nicht diesem Bild.
„Wir haben das alles nicht gewusst“ ist auch ein in Frankreich häufig geäußerter Satz, wenn es um das Schicksal der Juden in dieser Zeit geht. Das sagt auch die junge Corinne Luchaire, als sie ihren ersten Regisseur nach dem Krieg wiedersieht. Der ist ein ukrainischer Jude, der seine Familie im KZ verloren hat. „Hast du versucht, es wissen zu wollen?”, fragt der Regisseur zurück.
Beim Rausgehen spricht niemand, ich auch nicht, denn ich möchte gerade mal wieder nicht als Deutsche erkannt werden.
Oder auch im März IM Meer, ich war nämlich drin! Davon gibt es leider kein Foto, anders als bei Herrn Boning (@wigaldboning), der seit über drei Jahren täglich und wo immer er ist, ins Wasser geht, meistens um zu Schwimmen. Im eisigen Winter taucht er hin und wieder aber auch nur mal in ein Loch in extra dafür aufgehackte Seen, und alles ist, anders als bei mir heute, dokumentiert. Aber es war bei mir auch weder besonders spektakulär noch ein richtiges Anschwimmen, eher ein kurzer Schwumm, eine erste Kontaktaufnahme mit dem Mittelmeer im Jahr 2026, könnte man sagen. Wassertemperatur 15 Grad. Das habe ich einer besonders übersichtlichen Metéoseite entnommen, die ich jetzt, wo ich sie verlinken möchte, nicht mehr finde, da kann man auch sehen, wie stark der Wind bläst (heute bis 32km/h, das entspricht einer “frischen Brise”) und wie hoch die Wellen sind. Die Wetterseite empfiehlt das Baden daher heute nicht. Wind und Wellen kamen aber erst, als wir schon im Windschatten eines Kiosk saßen und wir unser erstes einfaches Mittagessen draußen genossen haben. Zurück zum Auto dann im böigen Gegenwind.
Liebe für die WeltMuscheln und PlastikStrand aufräumenMonsieur als StrandläuferMonsieur et MadamePetite fritture im Windschatten
Heute findet in Frankreich der erste Wahldurchgang der Kommunalwahlen statt. In dem Bergdorf, in dem wir traditionell wählen, wird es nur einen Wahldurchgang geben, denn es gibt nur eine Liste: Die Bürgermeisterin stellt sich zu ihrer dritten Amtszeit mit einem teilweise neuen und verjüngten Gemeinderat zur Wahl. Man kann keine Personen von der Liste streichen, wenn man eine Person nicht möchte, sondern muss entweder die gesamte Liste wählen oder gar nicht. Die Bürgermeisterin wird also sehr wahrscheinlich wiedergewählt werden. Sie benötigt lediglich 25 % der 88 Wahlberechtigten. Das wird sie mit Sicherheit erreichen, auch wenn heute überraschend nur sehr wenige Wählerinnen zur Urne gegangen sind. 56 nämlich, wie ich gerade um eine Minute nach 18 Uhr von einer Freundin in einer Art Liveschaltung erfahren habe. In kleinen Orten wird das Wahlbüro um 18 Uhr geschlossen, in größeren Städten erst um 20 Uhr.
Zwei Mitglieder des zukünftigen Gemeinderats sitzen schonmal irgendwo im Nahen Osten fest, in Dubai, Doha oder wo auch immer. Sie waren in Australien, um ausgewanderte Freunde zu besuchen, und können aufgrund des Krieges bzw. fehlender Flugverbindungen derzeit nicht mehr zurückkommen. Aus unserer Familie fehlten auch vier Personen: Die Tochter Monsieurs wurde ja gerade operiert und darf keine langen Reisen unternehmen. Monsieur war auch erschöpft. Nur ich hatte fest vor, gestern hochzufahren. Aber dann hat mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht: Alerte Orange, sintflutartige Regenfälle in Cannes und Nizza, überschwemmte Autobahnen und die dringende Empfehlung, nicht unterwegs zu sein. In den Bergen gab es zehn Zentimeter Neuschnee. Außerdem fanden wohl die letzten zwei Etappen des Fahrradrennens Paris–Nizza statt, das auf Bergstraßen ausgetragen wurde. Ich blieb also zu Hause, mit einem komischen Gefühl, so etwas wie ein schlechtes Gewissen.
In Cannes wird es auch nur einen Wahldurchgang geben, denn es gibt quasi auch nur eine Wählerliste, niemand hat wirklich Gewicht gegen den amtierenden, sehr beliebten Bürgermeister der konservativen Partei Les Républicains. „Cannes gagne” ist sein Slogan unter seinem bereits zufrieden aussehenden Konterfei. Das meint natürlich: David Lisnard gagne. Vielleicht schaffen es eine Person des RN (Rassemblement National, extrem rechts) und ein oder zwei Personen der „Liste de la gauche solidaire écologiste et citoyenne”, einem Zusammenschluss aller Linken und Grünen, in den Gemeinderat. Dort können sie aber natürlich so gut wie nichts ausrichten. Aber wer weiß, vielleicht habe ich nach 20 Uhr noch etwas Interessantes zu ergänzen …
Nachtrag: David Lisnard ist mit 80% der Stimmen im ersten Wahldurchgang, wie erwartet, gewählt worden.
In meinem Bergdorf wurden die wenigen Stimmen bereits ausgezählt und die Bürgermeisterin ist mit 54 Stimmen gewählt worden. Es gab eine Stimmenthaltung durch eine „Blanc“-Stimme (man hat ein leeres, weißes Blatt anstelle des Wahlzettels in den Umschlag gesteckt) und eine andere Person hat die Bürgermeisterin auf dem Wahlzettel durchgestrichen, was als ungültige Stimme zählt. Nun, 54 von 56 Stimmen ist, auch bei geringerer Wahlbeteiligung, doch ein ziemlich gutes Ergebnis.
Ich bin von der Situation ohne Konkurrenz im Bergdorf und von der komfortablen Position David Lisnards in Cannes so sehr eingelullt, dass mir die Brisanz in den anderen Städten dieses Mal völlig entgangen ist.
Wie bei allen Wahlen in Frankreich gibt es natürlich auch einen zweiten Wahldurchgang, wenn es im heutigen ersten Durchgang keine(n) absolute(n) SiegerIn gibt, d. h., wenn er/sie nicht über 50 % der Stimmen erhält. In Nizza beispielsweise sieht es momentan so aus, dass Estrosi etwa 36 % 30% und Ciotti etwa 40 % 43% (letzter Stand 23 Uhr) der Stimmen haben. Es gibt jedoch auch andere Parteien, die sich für den zweiten Wahlgang erfahrungsgemäß zurückziehen werden, damit nur die beiden stärksten Kandidaten übrig bleiben, und eine(r) von ihnen mehr als 50% der Stimmen bekommen kann. Manche der zurückgezogenen Parteien geben Wahlempfehlungen ab, die für die Wähler jedoch nicht verpflichtend sind. In Nizza (ebenso in Paris und in vielen anderen Städten) bleibt es also noch spannend!
Heute ist es zwar überall noch sehr nass, in den Bergen liegt noch ein wenig matschiger Schnee, aber als ich eben vom Brot kaufen kam, sah es so mild und lieblich aus, dass man das katastrophale Wetter von gestern kaum noch glauben kann.
Wir waren erstmals nicht wählen, dafür aber zweimal im Kino, das wird aber ein anderer Eintrag. Stay tuned
Und schon ist wieder der 12. des Monats und es gibt 12 Bilder vom Tag!
Derzeit falle ich direkt vom Bett auf den Heimtrainer und strampele eine halbe Stunde (Tendenz aufsteigend). Dabei lese ich das Internet leer. Heute sehr schöne Fotos (schon seit ein paar Tagen, um ehrlich zu sein) vom platten Land, Nebel und neugeborenen Schafen beim täglich bloggenden Herrn B. Haben Sie vermutlich schon selbst gesehen.
Frühstück mit Magnesium und Blutdrucktablette.
Erst dann denke ich an den Blick aus dem Fenster. Heute ist das Wetter die meiste Zeit unentschieden: Sonne und dunkle Wolken, manchmal ist es vorne hell und hinten gewittrig dunkel. Regnet aber den ganzen Tag nicht.
Wir holen am Vormittag Monsieurs Tochter aus dem Krankenhaus ab. Klinik vielmehr, ich bin nicht sicher, ob die Einteilung in Deutschland dieselbe ist. Kliniken sind private Krankenhäuser, in denen man den Arzt/Ärztin und den Eingriff zahlt. Krankenhäuser sind staatlich und und hier zahlt das französische Gesundheitssystem. Die Klinik Arnaud Tzanck in St Laurent du Var hat einen guten Ruf, den Spezialisten, den die Tochter braucht, gibt es auch nur hier. Es ist dennoch ein abgewirtschafteter hässlicher Gebäudekomplex, es finden umfassende Bauarbeiten bei laufendem Betrieb statt.
Die Tochter will nicht unterwegs Mittagessen, sondern so schnell wie möglich nach Hause und dort wieder ins Bett, wir kaufen unterwegs frische Ravioli und es gibt ein schnelles Mittagessen mit frischen Artischocken (es wird Frühling!), Ravioli mit Rindfleischfüllung (“Daube”, sehr lecker) nur mit etwas zerlassener Butter und Reibekäse. Danach Käse und die Reste einer Apfeltarte, die ich, weil es im Kühlschrank keinen Platz mehr gab, auf der Terrasse gelagert hatte. Im Karton haben sich schon die erste Ameisen, noch winzig klein, eingefunden. Auch das ein Zeichen des Frühlings!
Sieste. Muss.
Danach arbeite ich ein bisschen an etwas, das ich heute auch fertig bekomme, hurrah!
Um 16 Uhr bin ich mit einer Freundin zum Spazierengehen in der Croix des Gardes verabredet. Wir laufen anderthalb Stunden kreuz und quer, es ist sehr grün (der frühe Frühling ist hier sehr regenreich dieses Jahr!) die Wege sind manchmal matschig, aber die Sonne scheint jetzt wunderbar!
Die Mimosenblüte ist endgültig vorüber, aber es wachsen wilde Fresien hier, das Eselpaar, das den Naturpark peu à peu abgrast, hat ein junges struppiges Eselchen bekommen, aber sie sind alle drei fotoscheu und laufen ans Ende des umzäunten Geländes, und sie sind im Schatten nicht mehr zu sehen. Dafür stolpern wir zufällig in die Fütterung der frei lebenden Katzen (alle üppig und mit unglaublich gepflegtem Fell), es gibt einen Verein, der sich um die Katzen hier kümmert, erfahren wir.
Später schreibe ich eine wichtige Mail, telefoniere mit einer anderen Freundin und dann mache ich schon Abendessen: es gibt Reste von mittags, ohne Foto. Ich würde gerne die Serie “Quelq’un devrait interdire les dimanches après-midi”, sehen, aber der Gatte will lieber in den Schlechtigkeiten der Welt versinken und schaut Nachrichten.
Auf dem Rückweg aus Deutschland kaufe ich mir in der Regel im Duty-Free-Shop am Flughafen eine große Tüte Gummizeugs oder eine teure Sorte Schokolade, die es hier nicht gibt und für die ich in meinem französischen Alltag auch keinesfalls so viel Geld ausgeben würde. Es ist der alte „Belohn-Reflex“ aus meiner essgestörten Zeit, der noch immer in meiner DNA eingegraben ist und leider in stressigen Zeiten auch wieder für vermehrten Zuckerkonsum sorgt. Dieses Mal habe ich erstaunlicherweise kein Bedürfnis nach Schokolade, ich bin anders erschöpft und kaufe erstmals Feuchtigkeitspads, beeinflusst von den vielen jungen Frauen auf Instagram, die sich Feuchtigkeitspads unter die Augen kleben und davon berichten. Ich kann es kaum erwarten, sie unter meine müden Augen zu kleben.
Kein Lippenstift für Boomer
Ich gehöre zur Frauen-Boomer-Generation und nehme die Verschönerungsaktionen junger Frauen aus der Generation X, Y oder Z (oder noch jünger), die ihre eigentlich noch makellose, glatte Haut mit Pads, Masken oder Serum verwöhnen, mit Erstaunen zur Kenntnis. In meinen jungen Jahren wäre mir das nicht eingefallen, so etwas war höchstens für ältere Damen (etwa meines jetzigen Alters 😅) vorgesehen; gleichzeitig aber galt (und gilt) weniger ist mehr. Sich schminken, roter Lippenstift und rote Fingernägel waren verpönt – zumindest in meinem akademischen Umfeld. Und all das „Aufgetakelte“ war, nicht nur meiner Meinung nach, Frauen vorbehalten, deren Interessen sich auschließlich um Äußerlichkeiten drehten. Haare, Mode, Klatsch und Tratsch …
Junge Frauen …
Doch plötzlich gibt es eine Frauengeneration, die sich schminkt, falsche Fingernägel aufklebt, pinken Lippenstift trägt und Zunge-Rausstreck-Selfies macht und trotzdem etwas im Kopf hat.
Und in der Tat sehe ich voller Bewunderung wie viele junge Frauen heute schon so viel Durchblick haben. Sei es, dass sie toxische Beziehungsmuster mit Eltern oder Partner:innen früh erkennen (ich denke hier etwa an @svenjafuxs), oder dass sie sich für Politik interessieren und ausgezeichneten Journalismus machen (wie etwa Natalie Amiri, deren Buch über den Nahen Osten ich gerade lese). Obwohl ich mich seit jeher mit großer Ernsthaftigkeit für vieles interessiere, viel lese und versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen, irrte ich doch sehr lange verständnislos durch mein Leben und unwissend durch die Welt.
Alte Strukturen
Gleichzeitig bin ich auch erschüttert, wie wenig weit wir andererseits gekommen sind. Ich dachte wirklich, meine Generation sei die Letzte, in der Männer noch die “klassische” Männerrolle in Partnerschaften einnehmen würden, klassisch in dem Sinn, dass sie weder die Alltags- und Haushaltsdinge mitdenken, geschweige denn mittun, und etwa bei der Kindererziehung wenig bis keine Verantwortung übernehmen sondern sich häufig als quasi zusätzliches Kind von ihrer Frau mitversorgen lassen.
Das sehe ich beispielsweise, wenn ich die Einsenderunden auf Mirjas Instagram-Seite @seiten.verkehrt lese. Sie fragt ihre Leserinnen regelmäßig, wie sie ihren Alltag mit Kindern in Familie oder im Beruf leben. Themen sind etwa der unterschiedliche Umgang von Mann und Frau mit Schlaf, Krankheit, Weihnachten (Adventskalender, Geschenke, Essen) oder die Urlaubsplanung inklusive Packen. Es macht mich fassungslos und wütend, wie hilflos und planlos Männer sein können. Gleichzeitig ruhen sie sich mit Arroganz und Überheblichkeit („Ich bin der Hauptverdiener”) auf dem Rücken ihrer Frau aus.
Zum Weltfrauentag gibt es hier zwei Screenshots von @seiten.verkehrt
Am Ende dreht Mirja all die sexistischen Muster einfach um. Satire! Hallo! Erstaunlich, dass dies immer noch zu Aggressionen bei den Lesern führt – und ich muss hier gar nicht gendern.
Feministischer Klassiker: Die Töchter Egalias
In diesem Zusammenhang wollte ich schon lange auf „Die Töchter Egalias” der Norwegerin Gerd Brantenberg (übersetzt von Elke Radicke unter Mitarbeit von Wilfried Sczepan) hinweisen. Der „Roman über den Kampf der Geschlechter“ ist schon in den Siebzigern erschienen, vielleicht sind unter meinen Boomer-LeserInnen welche, die es kennen? Für die anderen hier eine kurze Erklärung: In Egalia, einem fiktiven Staat, ist alles konsequent umgedreht, sogar die Sprache: Schon der erste Satz macht es klar, hier bekommen Männer die Kinder und Frauen verlieren die „Befrauschung“, wenn etwa der Sohn “Seefrau” werden will. Anders als die auf der Rückseite abgedruckten Kritiken hat es mich nicht „zum herzlichen Lachen” (Emma) gebracht. Ich habe es seinerzeit nicht zu Ende lesen können. Aber auch nach nur zwei Drittel des Buches war die feministische Botschaft absolut augen- und hirnöffnend. Dr. Luise F. Pusch sagt etwa, es sei ein „Meilenstein des Feminismus” und stellt es gleichwertig neben „Das andere Geschlecht” von Simone de Beauvoir.
Es ist übrigens ein Buch, das ich mir antiquarisch erneut bestellt habe. Ich dachte, ich würde es heute leichter lesen, aber nein, es nervt mich nur noch viel schneller. Und ich fürchte, dass „Egalia” nur „eine reiche Quelle für Seminar-, Magister- und Doktorarbeiten” wurde (Dr. Luise F. Pusch), aber leider keinerlei Veränderung im echten Leben bewirkt hat. Vielleicht müsste man es neu übersetzen und den Schutzumschlag ändern. Heute würde frau in der feministischen Bildgestaltung keinen Penis mehr neben einen Frauenkopf abbilden, so hoffe ich doch. Vielleicht ist jetzt die Zeit, es wieder auf den Markt zu bringen, mit den vielen jungen pfiffigen und kämpferischen Frauen kann sich ja noch etwas ändern. Nie die Hoffnung verlieren.
Alte Meister: Die Odesa-Ausstellung
Kleiner Themenwechsel. Ich wollte doch noch ewas zur Odessa-Ausstellung (ukrainisch heute Odesa), sagen, die ich in Heidelberg tatsächlich angesehen habe. Es wurden dort vorsorglich evakuierte Bilder aus der Sammlung des Museums für Westliche und Östliche Kunst in Odesa gezeigt. Ehrlich gesagt, war ich erst ein bisschen enttäuscht, hatte mir anderes, mehr Fremdes vorgestellt, aber
Bei den Bildern aus Odesa handelt es sich um eine durch und durch europäische Sammlung: Madonnenbilder aus der italienischen Renaissance und Stillleben aus dem niederländischen Barock, Porträts von Adligen und Bürgern im romantisch-realistischen Stil und beinah impressionistische Szenerien aus dem Mittelmeerraum. Worum es bei der Präsentation dieser Bilder ganz wesentlich geht, ist, zu zeigen, dass Odesa und Heidelberg – die Ukraine und Deutschland – durch eine gemeinsame kulturelle Basis verbunden sind.
Martina Senghaas, SWR
Um diese kulturelle Nähe zu verdeutlichen, wurden einige Bilder aus der ukrainischen Sammlung neben Bildern aus der Sammlung des Kurpfälzischen Museums aufgehängt (ohne Beispiel). Ich hatte keinen Kopfhörer-Guide erworben, aber die zweisprachigen Texte neben den Bildern waren gut verständlich.
Das Museum für Westliche und Östliche Kunstin OdesaDomenico Morelli: Porträt der Gräfin Olena Tolstoi 1875
Besonders beeindruckend und berührend ist der kleine Film, der in einem Nebenraum gezeigt wird. Er veranschaulicht, wie lebendig die kulturelle Vielfalt im Museum war. Neben klassischen Museumsführungen für Erwachsene und Kinder dienten die Räumlichkeiten für Empfänge, Konzerte und sogar Tanzveranstaltungen, die dem Wiener Opernball nachempfunden waren. Zu sehen ist auch, wie die Evakuierung der Bilder und anderer Kunstwerke vonstattenging: Wie Museumsmitarbeiter die Bilder nach und nach aus den Rahmen schneiden und verpacken – die so versandten Bilder wurden in Berlin in einfache braune Holzrahmen gerahmt –, wie das Museum immer leerer wird und wie eilig Sandsäcke vor die Türen gestapelt und die Fenster zumauert werden, um größere Zerstörungen zu verhindern.
Ein wandgroßes Foto zeigt die (erneute) Zerstörung der Verklärungskathedrale in Odesa. Sie wurde 1936 zunächst von Stalin zerstört, 1999 originalgetreu wieder aufgebaut und ist nun erneut teilweise zerstört.
Verklärungskathedrale Odesa heute
Als ich am Eingang die Aufsicht führende Dame frage, was in der Zwischenzeit aus dem Museum für Westliche und Östliche Kunst geworden sei, antwortet sie mir mit starkem slawischem Akzent: „Also, da fragen Sie die Falsche. Keine Ahnung.“ Sie zuckt gleichgültig mit den Achseln. Da ich anscheinend etwas irritiert schaue, schlägt sie mir vor: „Schauen Sie im Internet nach“, Odesa sei ja ihres Wissens nach nicht stark bombardiert worden, fügt sie noch hinzu. Das macht mich kurz sprachlos, aber ich verstehe, dass Odesa dieser Dame, sehr wahrscheinlich russischer Herkunft, ziemlich egal ist, zumindest solange die Stadt zur Ukraine gehört. Ich widerspreche nicht, aber ins Internet schaue ich später. Die historische Altstadt Odesas, die 2023 gerade noch auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde, wurde im Juli 2023 stark bombardiert. Dabei wurden die oben gezeigte Verklärungskathedrale, einige Museen und viele Wohnhäuser zerstört. Das Museum für Westliche und Östliche Kunst steht wohl noch, wird aber zumindest in dieser Liste – ja, ich weiß, es ist nur Wikipedia – als „mehrfach durch russische Angriffe beschädigt“ geführt.
Jules-Alexis Muenier: Mord an der Riviera (späterer Titel Streit der Kutscher) 1893Emile Claus: Sonniger Tag1895
Ok. So viel für heute! Schönen restlichen Weltfrauentag. In Paris wurde feministisch demonstriert, sah ich gerade. Und es waren auch Männer dabei. Vielleicht wirds besser in der nächsten Generation!
Die Mimosen haben mir ein unglaubliches Besucherhoch auf dem Blog beschert, was auch durch diverse Links auf anderen Blogs unterstützt wurde. Herzlichen Dank dafür! Gleichzeitig haben sie aber auch Tausende russischer und chinesischer Bots angelockt, denen die Mimosen vermutlich egal sind, der Hinweis auf die Ukraine aber nicht. Es macht mich ein bisschen nervös, zu sehen, wer und was sich alles durch meinen Blog wühlt. Vielleicht sollte man sich das gar nicht ansehen, sondern einfach weiterbloggen, as nobody’s watching. Die Besucherzahlen nehmen sowieso wieder ab. Die Bots hoffentlich auch.
Ich bin schon mit einem Fuß unterwegs: Der monatliche Besuch im Pflegeheim steht an, ein Geburtstag wird gefeiert werden und das Wetter ist allenthalben frühlingshaft geworden, sodass man einen kleinen Ausflug machen kann! Ich möchte auch gerne eine Ausstellung sehen. Vorsorglich evakuierte ukrainische Kunstwerke aus Odessa tingeln durch die Welt und sind noch bis Ende März in Heidelberg zu sehen.
Es gibt derzeit noch eine andere Ausstellung in Heidelberg, die sich zu besuchen lohnt: Anlässlich des 20. Todestags der Dichterin Hilde Domin ehrt das Kulturamt der Stadt Heidelberg die Dichterin mit der Ausstellung „Nicht müde werden”.
Kuratiert wurde sie von Stefan Kaumkötter und Marion Tauschwitz, letztere Autorin, Freundin und Wegbegleiterin Domins. Leider werde ich es nicht schaffen, beide Ausstellungen zu sehen, aber wenn Sie in der Nähe sind, Zeit haben und Hilde Domin schätzen, kann ich Ihnen nur empfehlen, sich die Ausstellung anzusehen. Ich kenne Marion Tauschwitz persönlich und glaube sagen zu können, dass noch keine Ausstellung profunder und liebevoller gemacht wurde.
beau vent froid – Blick aus dem Bonnard Museum mitaperçu mer
Ich war vor kurzem im kleinen Bonnard-Museum in Le Cannet, zur Zeit als es fast ununterbrochen regnete und ich nicht glaubte, dass ich draußen noch Mimosen sehen würde. Die Mimosenbilder von Bonnard wurden vom Musée d’Orsay (mit dem das Bonnard-Museum fest zusammenarbeitet) und dem Centre Pompidou nach Le Cannet ausgeliehen und waren der Schwerpunkt der aktuellen Ausstellung, mit der auch geworben wurde.
Letzten Endes sind es nur zwei Mimosenbilder, was ein bisschen enttäuschend ist, auch wenn es noch ein paar andere neue Bilder gibt und sich die Thematik und die Hängung in den anderen Räumen stets ändern.
Blick aus dem Atelier mit MimosenBlick über le Cannet zur Zeit der Mimosenblüte
Eine (nicht ganz neue) Neuerwerbung ist das Porträt eines kleinen Mädchens mit Hund, das uns letztes Jahr auf einer Karte der Stadt Le Cannet als Neujahrsgruß entgegenlachte und letztes Jahr zu meinem Symbolbild für das Wort des Jahres „Freude” wurde. Bislang konnte ich mich dieses Jahr noch nicht so richtig für die Freude entscheiden, denn die Welt scheint mir zu düster: Ich sage nur Iran, Ukraine, Epstein, all der Hass und all der Antisemitismus. Darf man bei all dem Leid freudig sein? Ja, ja, ja! Was ich brauche, ist genau das – Freude (und Liebe) –, um diesem Leid etwas entgegenzusetzen. Das bedeutet nicht, dass ich das Elend nicht sehe oder nicht sehen will. Aber ich will mich davon nicht auffressen lassen, wozu ich tendenziell neige. Gut also, dass ich im Museum überraschend auf das kleine lachende Mädchen gestoßen bin, das mich daran erinnert.
Petite fille au chien
Beim Kofferpacken habe ich vorhin außerdem mein verloren geglaubtes „Freude”-Armbändchen in einer Seitentasche wiedergefunden. Wenn das kein Zeichen ist! Die Perlen sind schon ein bisschen blass und das Fädchen eher grau als rosa. Es hat im vergangenen Jahr viel gearbeitet und ich trage es jetzt bewusst wieder!
Gestern stieß ich bei einem Instagram-Filmchen in den automatisch erstellten Untertiteln auf das schöne Wort „Fötonist”. Ich habe es erst gar nicht verstanden. Da hat die KI noch einiges zu lernen, bevor sie „Feuilletonist” in einem deutschen Gespräch richtig versteht. Haha. In diesem Zusammenhang sehe ich mir super gerne die sprachlichen Spitzfindigkeiten von Loic Suberville an und muss oft genug lachen. Hier ist mein Beitrag zur Freude heute. Vielleicht amüsiert es Sie auch ein bisschen.
Weil Ihnen die Mimosen in der Forcerie so gut gefallen haben, schicke ich Ihnen noch ein paar Mimosen aus der Natur hinterher. Die Fotos habe ich heute früh im Naturpark La Croix des Gardes oberhalb von Cannes aufgenommen. Heute bin ich einen anderen Weg als üblich gegangen und bin hier und da auch querfeldein auf den vom Regen ausgewaschenen (und teilweise noch schlammigen) Trampelpfaden gelaufen, die es überall gibt. So sah ich die weniger liebliche Seite des Naturparks mit Blick aufs Hinterland statt aufs Meer. Da waren deutlich weniger Menschen unterwegs.
Noch immer blühen manche Mimosen, doch viele der frühblühenden Mimosen sind schon verblüht oder vielleicht sogar erfroren.
Hier sieht man die wildwuchernden Mimosenschößlinge, die sich über die Wurzeln weitervermehren.
Unsere Mimose im Garten treibt keine weiteren Pflänzchen aus, weil sie extra für Gartenanpflanzung auf einen anderen Stamm aufgepfropft wurde – das erklärte mir zumindest der Herr aus der Forcerie.
Das letzte Bild in Blau und Gelb ist leider etwas unscharf, aber ich stelle es hier symbolisch für meine stete Unterstützung der Ukraine ein. Der Angriffskrieg Putins dauert jetzt schon vier Jahre an. Es ist unfassbar.
Schon vor einer Woche habe ich die Forcerie in Pegomas besucht, um Ihnen wenigstens ein paar Indoor-Mimosen zu zeigen, wenn es draußen schon so ungemütlich, dauernass und windig ist, dass man keine Spaziergänge machen kann. Ich wollte schon immer wissen, was eine Forcerie ist und wie sie funktioniert. Im Zusammenhang mit dem Mimosen-Karneval in Mandelieu, der letzte Woche stattfand, hat das Office de Tourisme verschiedene Aktivitäten dieser Art angeboten: neben Spaziergängen im Mimosen”wald” Tanneron oder in Mandelieu, konnte auch eine Forcerie besucht werden.
Sie fragen sich vielleicht, “was ist denn eine Forcerie“? Ich übersetze und zitiere mal aus einem Text des Office de Tourisme:
Die Forcerie ist ein spezieller Ort, an dem frisch geschnittene Mimosenzweige unter besonderen Wärme- und Feuchtigkeitsbedingungen gelagert werden. Durch dieses Verfahren kann die Mimose weiterblühen, sich nach und nach öffnen und ihre ganze Farbe und ihren Duft entfalten.
Das Wort Forcerie wird nicht übersetzt, gemeint ist, dass die Mimose zum Blühen forciert, also “gezwungen” wird.
Ich hatte mir unter der Forcerie etwas Großes, Fabrikhallenartiges mit zig Angestellten vorgestellt und war überrascht – um nicht zu sagen enttäuscht –, als ich einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb vorfand: ein kleines, einfaches Haus mit ein paar niedrigen lichtarmen Kellerräumen.
Und trotzdem ist es ein großer Betrieb und einer der letzten Mimosenzüchter in der Region. Früher waren es etwa dreißig, heute gibt es nur noch zwei: in Pegomas – man spricht das „s” am Ende von Pegomas übrigens, genauso wie bei den Bauernhäusern, die hier „Mas” heißen – am Fuße des Tanneron, mehrere Hügel, die voller Mimosenpflanzungen sind.
Im Gegensatz zum kommunalen Naturschutzgebiet La Croix des Gardes in Cannes gehören die Hügel hier den Mimosenzüchtern: diese hier etwa der Familie Reynaud. Sie arbeitet seit vier Generationen in der Mimosenzucht und hat nach und nach das Land der anderen Züchter, die aufgegeben haben, dazu gekauft. Wenn Sie dort also spazieren gehen und (nicht erlaubt, aber geduldet) Mimosen pflücken, bedenken Sie, dass Sie sich auf Privatgelände befinden und die Mimosen dort kultiviert und geerntet werden. Es ist vergleichbar damit, durch Weinberge zu laufen.
Der Chef der Mimosenzüchterfamilie sitzt im Rollstuhl. Er hat sich beim Fällen einer zu groß gewordenen Mimose verletzt: Der Stamm fiel auf ihn und zertrümmerte sein Bein. Ausgerechnet in der Saison! Nun organisiert und dirigiert er seine Mimosenerntehelfer in den Hügeln – in der Saison sind es zehn Personen, sonst arbeiten sie nur zu viert –, per Video und Telefon.
Und heute erzählt er uns etwas über die Mimose und seine Arbeit mit ihr. Seit vier Generationen betreiben sie das hier, doch die nächste Generation, seine Söhne, will den Betrieb nicht weiterführen. Es ist zu viel harte Arbeit und klimatisch zu instabil geworden. Bei der Mimosenernte muss man viele Dinge bedenken: Winter, in denen die Temperaturen unablässig zwischen Minusgraden und für die Jahreszeit zu warmen Temperaturen schwanken, Trockenheit, Regen, Wind. Bei Wind etwa kann die Mimose nicht geerntet werden, genauso wenig bei Regen, denn sie ist einfach zu empfindlich und würde die Weiterverarbeitung und den Transport nicht überstehen.
Sie wird ohnehin nur wenig oder halb aufgeblüht geerntet. Erst im geschützten Raum der Forcerie soll sie sich richtig entfalten. Danach werden die goldenen Flaumbällchen in Sträuße konfektioniert und in alle Welt verschickt – ebenso zum Karneval nach Nizza oder zu anderen regionalen Festen.
In der Forcerie, dem Raum, in dem die Mimosen es warm und feucht haben, stehen um diese Uhrzeit nur noch ein paar Eimer mit Mimosen. Die meiste Arbeit mit den Mimosen findet in aller Frühe statt: Früh am Morgen gehen insbesondere die internationalen Lieferungen auf die Reise und erreichen ihr Ziel, beispielsweise in Kanada, nur wenige Stunden später.
Die Mimose ist übrigens die einzige Pflanze, die nach Gewicht verkauft wird.
Es gibt etwa 500 Sorten Mimosen. Hier werden aber nur 15 Sorten angebaut, darunter Früh- und Spätblüher, um eine möglichst lange Saison von Dezember bis Februar zu haben. Sie stammt ursprünglich aus Australien und wurde von den Engländern importiert. Sie fühlt sich auf den „armen”, überwiegend trockenen und sandigen Böden so wohl, dass sie sich, wenn man sie nicht daran hindert, ausbreitet und wächst und wächst … Sie haben ihr australisches Blühgedächtnis behalten, denn eigentlich blüht sie im australischen Sommer, der zeitgleich mit unserem Winter ist.
Den Rest des Jahres liefern die Mimosenproduzenten nur noch die Blätter der Mimosen an Floristen. Diese werden als „Grün“ in Sträuße gebunden, ebenso wie die Blätter der Eukalyptusbäume. Letztere sind eine andere Importware aus Australien und das andere grüne Standbein der Mimosenproduzenten.
Die Mimosenzüchter haben in den letzten Jahren neben den reinen Mimosensträußen und -pflanzen weitere Produkte in Zusammenarbeit mit lokalen Erzeugern geschaffen: aromatisiertes Gelee und Honig, Duftkerzen, Seifen, Sirup und vieles andere mehr. Wir dürfen allerhand verkosten und man kann im kleinen Laden (zumindest während der Mimosensaison) einkaufen. Zum Abschied bekommen wir alle einen Mimosenstrauß geschenkt. Ich bin entzückt von den goldenen Puschelchen – unsere Gartenmimose ist schon verblüht und ihre Blüten sind viel heller –, denen ich zu Hause jedoch in Echtzeit beim Verblühen zusehen kann.
Gestern am frühen Abend, nach einem grauen, windigen und stellenweise nassen Tag, als ich vom Einkaufen zurückkam und auf der Parkplatzsuche das Viertel durchfuhr, blitzte plötzlich ein Sonnenstrahl durch die Wolken und strahlte die Mandelbäume an. Wow! Sie blühen trotz des wochenlangen Regens! So ein warmes Rosa! Ich fand einen Parkplatz und noch bevor ich die Einkäufe nach Hause trug, lief ich zurück, um die Mandelblüten zu fotografieren. Dazu musste ich allerdings auf einem Mäuerchen balancieren, was ich seit ein paar Jahren nicht mehr so gut kann, meine Höhenangst beginnt schon bei etwa 50 Zentimetern.
Und schon ist wieder der Zwölfte! Zwölf Fotos gibts von diesem Tag, und hatte ich heute Morgen das Gefühl, dass ich locker 24 Fotos veröffentlichen könnte, so hat sich das heute Nachmittag vor dem PC erledigt.
Ich war sehr früh wach, aus vielerlei Gründen und konnte nicht mehr einschlafen trotz aller “Einatmen-ausatmen-ich-bin-ganz-ruhig-Mantren”. Um kurz vor sechs stand ich dann auf, machte mir einen Kaffee und schrieb Tagebuch.
Heute mal ein anderer Blick aus dem Fenster. Ab halb acht geht es in den Nachbarstraßen nur noch im Stop-and-go-Verkehr voran. Die Kinder werden zur Schule gefahren und in strategisch günstiger Nähe zum Lycée aus dem Auto gelassen.
Um acht Uhr fuhr mich Monsieur zum Ophtalmologen, das ist der Augenarzt auf Deutsch. Ich bin noch zu früh dran, deshalb nehme ich in einer Bäckerei noch einen Kaffee und ein Croissant zu mir. Hatten wir auf dem Blog nicht mal von geraden und gebogenen Butter- und Nicht-Buttercroissants gesprochen? Hier gibt es gerade Buttercroissants, die dann eigentlich gar keine Croissants mehr sind, wenn man es genau nimmt, weil Croissant ja die Halbmondform meint. Es riecht zwar nach Butter, schmeckt aber nur mittelmäßig danach.
Beim Augenarzt.
Der findet jedes Mal meine Augen überraschend interessant: “Vous n’avez pas des yeux comme tout le monde”, heute allerdings auch fragil und Glaukom-gefährdet. Sobald ich irgendwelche Lichtblitze sähe oder verschobene Bilder, solle ich sofort kommen, schärft er mir ein. Außerdem verschreibt er mir eine Gesichtsfeldmessung bei einer Orthoptistin.
Das Haus gegenüber des Augenarztes. Hier in diesem Viertel stehen lauter große Wohnblocks wie dieser.
An der Ecke ist hingegen die Ferrari-Niederlassung. Spiegelungen.
Ich fahre mit dem Bus in die Innenstadt, ich habe eine neue Kreditkarte, die ich aktivieren muss. Leider bin ich auf eine Fake-Firma reingefallen (glauben Sie nie an zu verlockende Angebote!) und musste meine bisherige Karte sperren. Die Bank hat geöffnet, die Läden in der Innenstadt machen jedoch erst um 10 Uhr manche auch erst um 10.30 Uhr auf. Die Rue d’Antibes ist gähnend leer, die Müllsäcke und Kartons liegen noch herum. Die Müllabfuhr kommt erst noch. Die Sonne hingegen kommt und geht.
Die Schaufenster der Läden sind für den Valentinstag dekoriert. Ätzend oder?
Es gibt aber auch einen Modeladen, der pinkfarbene Post-its mit Liebeserklärungen in allerlei Sprachen ans Fenster geklebt hat – zum Mitnehmen. Hab aber keinen mitgenommen.
Der Gatte hatte gestern überraschend Austern mitgebracht, ich überraschend Mimosen und abends gab es (mal wieder) den Film mit Fanny Ardant “Les jeunes amants”, den ich so wundervoll finde (gut beim ersten Schauen war er wundervoller). Ich glaube, das war es hier dann bereits mit dem Valentinstag.
Zurück fahre ich wieder mit dem Bus. Der Himmel ist jetzt blau, es ist aber windig und kalt. Wenn man ganz genau schaut, sieht man von hier ein klitzekleines Stückchen Meer!
Mittagessen. Als ich nachschaue, stelle ich fest, dass es fast genau dasselbe wie am 12. Januar gibt (Hähnchenschenkel aus dem Airfryer und Tagliatelle). Allerdings habe ich heute einen Mimosenstrauß, weil ich gestern die Forcerie besichtigt habe. Das möchte ich aber in einem anderen Beitrag erzählen.
Danach mache ich eine Sieste, die heute dringend nötig ist. Das übliche Bettflaschenfoto gibt es aber nicht. Das habe ich vermutlich vor lauter Müdigkeit vergessen. Am Nachmittag sitze ich am PC und arbeite an einem französischen Text.
Schon gibts Abendessen. Heute eher Picknick, aber mit einem Rest leckerer Mangold-Feta-Quiche. Ohne Foto. Wir haben bereits zwölf Fotos. Dann habe ich ein Problem mit irgendwelchen herumzickenden Plugins auf dem Blog und zwei Stunden lang schlage ich mich mit dem Fatal Error 500 herum und der Blog ist blockiert. Glücklicherweise kann ich mich übers Handy in die Eingeweide des Blogs einloggen und klicke ein bisschen dort herum. Irgendwann gehts wieder. Uff!
Als Zugabe (ich weiß, ich hatte den vor ein paar Jahren schonmal verlinkt … oder auch nicht, ich finde ihn auf jeden Fall gerade nicht, aber dann ist es ja gut, dass ich es hier jetzt tue ) die Vorschau von “Les jeunes amants”. Es gibt ihn noch in der Mediathek von arte bis zum 12. März!.
Wir erleben einen außergewöhnlich kalten und verregneten Januar und Februar dieses Jahr an der Côte d’Azur. Die Mimosenblüte in unserem Vorgarten ist buchstäblich verhagelt, die Blüten sind bereits braun und verblüht. Ich konnte noch keinen weiteren Spaziergang auf den derzeit matschigen Wegen in der Croix des Gardes unternehmen. Und die zartrosa Mandelblütchen, die stets im Schatten der gelben Flauschbällchen auftauchen, werden vom vielen Regen einfach davongeschwemmt.
Ich fürchte, es wird dieses Jahr keine schwefelgelben Outdoor-Mimosenfotos geben, aber in dieser Woche werde ich eine „Forcerie” besuchen. Das ist eine Fabrik, in der die Zweige mit den noch geschlossenen Mimosenknospen in einem feuchtwarmen Klima zum Aufblühen gebracht werden, damit sie zum Verkauf schön fluffig sind. Oder für den Mimosenkarneval, der gerade beginnt. In diesem Zusammenhang bietet die kleine Nachbarstadt Mandelieu Besuche bei Mimosenzüchtern und in diversen Forcerien an. Ich kann den Duft der Mimosen in geschlossenen Räumen nur bedingt schätzen, da er mir schwer auf die Bronchien schlägt. Mal sehen, wie es wird.
Wir waren im Kino und sahen uns den Film La fete à Henriette aus dem Jahr 1952 an. Ich habe ihn mir nicht nur angesehen, weil der Regisseur Julien Duvivier so berühmt war (er hat unter anderem die Don-Camillo-Filme gedreht), sondern auch und vor allem, weil die junge Hildegard Knef mitspielte. Der Film, der nicht überwiegend im Studio, sondern mitten im mal ausgestorbenen, mal wimmelig vollen Paris gedreht wurde, kommt trotz seines Alters frisch und dynamisch daher. Außerdem gibt es tolle Kameraeinstellungen und immer wieder eine Vogelperspektive auf Strukturen aus dem städtischen Paris: Caféterrassen, Stühle, tanzende Paare, Schirme, Treppen und marschierendes Militär – der Film spielt schließlich am 14. Juli, dem Nationalfeiertag und gleichzeitig dem Namenstag und Geburtstag von Henriette.
Zwei Szenaristen, einer optimistisch, der andere pessimistisch, und eine Sekretärin, die die beiden kreativen Herren überallhin begleitet, sich Notizen macht und das Szenario tippt, und die zwischendurch auch kritisch korrigierend eingreift, erschaffen einen neues Drehbuch. Viele der gewaltvollen Krimi-Szenen, die der pessimistische Szenarist entwickelt, werden letztlich wieder verworfen, übrig bleibt eine charmante und amüsante Komödie mit Happy end, zumindest für die zwei Hauptpersonen, Henriette und Robert.
Hildegard Knef, die im (nicht nur) französischen Ausland als Hildegarde Neff geführt wird, weil die Frenchies “Knef” keinesfalls aussprechen können, spielte zwei Jahre nach “Die Sünderin”, der in Deutschland als Skandalfilm Furore machte, hier eine frivole männersammelnde Zirkusreiterin, was niemandem im durchweg älteren Publikum ein kritisches Wort wegen dieser Unmoralität entlockte. Die Szenen mit den beinahe nackten Tänzerinnen in einem Nachtclub natürlich auch nicht. Frankreich eben.
Es gibt übrigens zwei amerikanische Remakes, 1964 kam “Paris when it sizzles” mit Audrey Hepburn und William Holden heraus, und 2003 “Alex und Emma”, ein Remake des Remakes, wo zwar immer noch eine tüchtige Sekretärin die Ideen eines Autors aufschreibt und sich in sein Szenario einmischt, diese Liebeskömodie hat nun aber definitiv nichts mehr mit Paris zu tun.
Der Trailer zu “La fête à Henriette” lässt sich gerade nicht einbetten, warum auch immer. Also bekommen Sie Sous le ciel de Paris in der (sozialkritischen) Version von Hildegard Knef.
Jetzt scheint es zu gehen – ich hoffe, Sie können den Vorfilm auch in Ihrem Land abspielen.