24.08.2023. Wir müssen von unserem Berg runter, es gilt, in Cannes einen 90. Geburtstag zu feiern, leider wird am Freitag der Höhepunkt der Canicule erwartet und erst am Wochenende soll es gewittern und kühler werden.
Ist es auf dem Berg schon deutlich über 30 Grad, so zeigt unser Autothermometer unterwegs bis 39 Grad an – an einer Stelle, an der es im Winter am kältesten ist, weshalb es einen öffentlichen Gradmesser gibt, der in der Regel auf die in Südfrankreich eher ungewohnte aber hier häufig vorkommende Straßenglätte hinweist, zeigt dieser jetzt unglaubliche 43 Grad an. Hier nur keine Autopanne haben, man würde gefühlt am Asphalt festkleben.
In Cannes sind es gemessen in Grad zwar ein paar weniger, gefühlt aber ist es nicht auszuhalten. Die Feuchtigkeit macht es schwül. Indoor haben wir durchgängig 30 Grad, um Mitternacht und heute morgen um kurz vor neun immer noch. Keine Abkühlung durch die trotz des Sommerlärms geöffneten Fenster, hinter einbruchssicher verschlossenen Fensterläden, versteht sich.
Die Katze, die übrigens gleich ihren 15. Geburtstag hat, ist schlapp. Von wegen heißes Blechdach. Sie liegt an den kühlstmöglichen Orten.
Monsieur hat einen gewissen Nachholbedarf und gibt sich eine große Dosis Fernsehnachrichten: wenn Putin der Familie kondoliert, ist Prigojin nun also vermutlich doch tot und nicht untergetaucht.
Vladimir Klitschko ist in Paris, er weiht mit Anne Hidalgo einen kleinen Park ein, der dem ukrainischen Volk gewidmet ist. Der 24. August ist nicht nur der Nationalfeiertag der Ukraine, weshalb der Eiffelturm abends symbolisch blau und gelb leuchtet, sondern auch der Tag an dem die Befreiung von Paris während des Zweiten Weltkriegs begonnen hat. Ein Datum der Hoffnung, finden beide. Ich schließe mich an und ich stelle Ihnen ein Bild, das mir der kleine M aus der Ukraine geschickt hat, hier rein.
Cannes im letzten Sommer: Viel Sonne, das Meer, eine Palme und die französische und ukrainische Flagge nebeneinander, nur für den Fall, dass Sie es nicht deuten können.
Wir bekamen zum Einstieg in das Cannoiser Leben das letzte Sommer-Feuerwerk geboten – wir hören es allerdings nur und riechen danach den Pulvergeruch; das einzige, was wir vom Feuerwerk sehen, ist anschließend die gelbliche Staubwolke die schwer in den Straßen hängt. Aber es soll sehr schön gewesen sein. Ich sah einen kurzen Ausschnitt auf Instagram bei @slpcannes, dem Cannoiser Hoffotografen, helle Feuerwerkssterne, die mich stark an die Sternennacht von van Gogh erinnern.
Soweit war ich vorgestern gekommen. Gestern mussten trotz großer Hitze ein paar Dinge erledigt werden, unter anderem erwarben wir ein Geburtstagsgeschenk für eine 90jährige Dame (es wurde ein großer Korb fruits confits, kandierte Früchte, ein altmodisches Geschenk, das nur noch von einer gewissen Generation wirklich geschätzt wird).
Nach der erschöpfenden Mittagssieste ging ich schwimmen. Nein, immer noch nicht im Meer. Ich hoffte, mich abzukühlen, aber das Wasser im Schwimmbad ist recht warm, die Duschen sogar verrückt heiß, aber auch unser kaltes Duschwasser zu Hause ist derzeit ziemlich warm. Immerhin aber gibt es kaum ernsthafte SchwimmerInnen, ich schwamm meinen Kilomter in meiner Bahn ziemlich ungestört.
Es wurde dann ein wundervoll warmer und champagnerlastiger Sommerabend (für mich gabs Bitter Lemon) in einem lauschigen Garten, angenehme Gespräche mit überwiegend älteren Gästen, viele Gänge mit feinen Häppchen und zum Abschluss ein kleines Feuerwerk auf einem leichten Himbeercremekuchen.
Heute dann starker Wind, der wohl das für morgen angekündigte Gewitter einleutet. Wir öffnen reihum die Fenster, und ich stoße energisch die Fensterläden auf; es ist nicht mehr dieser heiße Wüstenwind, man kann tatsächlich wieder etwas atmen. Später aber ist es wieder heiß und stickig und wir schließen die Fenster wieder. Ich gehe einkaufen und ziehe den Aufenthalt im klimatisierten Supermarkt etwas in die Länge.
Und jetzt, am 26. August um 22 Uhr beginnt es leicht zu regnen! Halleluja! Und auch hier der besondere Duft von Regen auf warmem Asphalt!
Es donnert, Wind kommt auf, der Himmel hat sich, zumindest hinter dem Haus, verdunkelt. Auf der anderen Seite ist es aber noch hellblau-bewölkt. Ein paar Tropfen Regen sind gefallen, es roch so typisch nach Sommerregen, und gerade habe ich “geruch von regen auf warmem asphalt” in die Suchmaschine eingegeben und weiß jetzt, dass dieser Geruch sogar einen Namen hat, Petrichor nämlich, und dass man ihn bei der Parfümherstellung verwendet!
Erst sah es so aus, als würde es nicht weiterregnen wollen, aber obwohl es zu meiner Linken weiterhin hellblau-bewölkt ist, regnet es jetzt doll und zwar auf beiden Seiten des Hauses! Halleluja! Es donnert und blitzt und zack, das Internet ist weg. Strom ist noch da, aber das Netz hat sich verabschiedet. Die Freuden des Berglebens.
Letzten Endes hat es vielleicht zweimal fünf Minuten geregnet, die Erde ist ein bisschen nass geworden, aber das Gewitter ist bereits weitergezogen. Der Donner grollt nur noch von Ferne. Ums Haus gluckert und tröpfelt es noch ein bisschen nach, vor allem dank der defekten Regenrinnen. Und das Internet kam auch recht bald wieder.
Und es hat ein kleines bisschen abgekühlt! Uff! Ich reiße die Fenster auf, man kann wieder etwas atmen. Wir hatten vorher 28 Grad innen und 32 Grad draußen im Schatten, und das im Bergdorf hier oben! Ich weiß nicht, ob ich das schonmal erlebt habe.
Da wir das Loto nicht vorbereiten mussten, hatte ich heute früh überraschend Zeit und habe daher Ratatouille gekocht. Ich war sicher, dass ich das “Original-Rezept-Video” schon einmal auf dem Blog verlinkt hatte, aber ich finde es nicht mehr, lande aber, wie passend, in einem Corona-Zeit-Text, und stelle nur fest, dass ich es schonmal nicht gefunden habe.
Jetzt habe ich zumindest das Video wiedergefunden, darunter aber zig giftige Kommentare, dass man in St. Paul de Vence schonmal kein Original Nizzaer Rezept kochen könne, und man gäbe auch nicht am Ende Basilikum dazu, man stellte den Topf nicht in Backofen und was nicht alles. Es geht ja so rau zu im Internet. Ok, es gibt vermutlich so viele “Original”-Ratatouille-Rezepte wie es südfranzösische Familien gibt. Ich stelle Ihnen das Video trotzdem hier rein, weil ich es nett finde und weil ich Ratatouille auf diese Art mache (in den Ofen stelle ich es nicht unbedingt). Und ganz ehrlich, es ist gut! Wenn Sie die Gemüse einzeln anbraten, dauert es natürlich etwas länger, als wenn sie alles zusammen in den Topf werfen, aber so behält jedes Gemüse seinen Eigengeschmack und es wird kein Gemüse-Einerlei, und wenn Sie mit den Paprika und Auberginen beginnen, also die Gemüse, die länger brauchen, entsprechend länger köcheln lassen, sind sie schon gar, wenn die Tomaten dazukommen.
À propos Tomaten. Ich gebe zu, ich bin in Südfrankreich sehr anspruchsvoll geworden, was Gemüse und besonders Tomaten angeht. Tomaten werden hier in der Regel geschält, und ja, das geht ganz einfach, aber nur, wenn sie richtig reif sind, und nur solche Tomaten sollten Sie nehmen, ganz egal, ob Sie Tomaten mit Mozzarella servieren oder Ratatouille machen wollen. Alle anderen Tomaten, blassrote runde Dinger, die ich sogar manchmal bei Chefköchen in ihren Videos sehe, unfassbar eigentlich, die dort in heißes Wasser getaucht werden, damit man anschließend die Schale abziehen kann, mon Dieu, klar geht das, aber vergessen Sie’s! Die haben keinen Geschmack, es ist nur ein weiterer Aggregatzustand von Wasser. Tomaten gehören auch nicht in den Kühlschrank, aber das nur am Rande! Und ja Tomaten, richtig reife geschmackvolle Tomaten gibts tatsächlich erst jetzt, nicht schon im Mai. Daher ist jetzt die Zeit für Ratatouille!
Nebenbei mache ich auch schnell noch etwas Pesto. Ich werfe zwei Handvoll Blätter mit einer kleinen Handvoll frischem Knoblauch und gutem Olivenöl in einen Mixer. That’s it.
So farbig ist das Ratatouille am Ende dann leider nicht mehr, meines ist auch etwas Zucchinilastig und eher gelblich-grünlich und der Klacks Pesto, den ich dazugebe, macht es zumindest farblich nicht besser. Ob Sie am Ende frisches Basilikum dazugeben, oder frisches Pesto (pistou heißt es in Frankreich) wie ich, oder gar nichts, das können Sie selbst entscheiden.
Und nein, auch wenn es im Video so aussieht, und man es vor allem in deutschen Veröffentlichungen immer wieder so lesen kann, Ratatouille ist kein für sich allein stehendes Gericht, es ist eine Beilage. Allerdings kann man gut einen ganzen Topf davon kochen, denn es wird bei jedem Aufwärmen besser, und es passt als Beilage im Sommer zu quasi jedem Gericht! Bei uns gab es dazu bavette, das ist ein Stück langfaseriges Rindfleisch, Flanksteak heißt es wohl im Deutschen.
Und als Sättigungsbeilage gab es Panisse. Panisse finden Sie oft in Form einer kleinen (fliegenden) Untertasse (auf solche wird der Teig nämlich eingegossen), und wahlweise auf dem Markt, beim Traiteur oder manchmal auch im Supermarkt. Sie werden aus Kichererbsenmehl hergestellt.
Einmal habe sie auch schon selbst gemacht, habe jetzt aber kein ansprechendes Video gefunden, das ich Ihnen hätte zeigen wollen; diese hier habe ich beim Metzger und Traiteur im Nachbardorf gefunden, sie waren super frisch (Achtung! Sie halten sich nicht lang und bei der Hitze werden sie schnell sauer!). Meistens werden sie in Stäbchen geschnitten und in heißem Öl frittiert; sie sehen dann ähnlich aus wie Pommes frites, und haben eine ähnliche Konsistenz, außen knusprig und innen weich, der Geschmack ist allerdings ein anderer; Monsieur mag sie aber lieber, wenn ich die panisse am Stück frittiere.
Und zum Nachtisch gabs frischen Joghurt aus Schafsmilch mit (von einer Freundin) selbst gemachter Aprikosenmarmelade.
Gehts uns nicht gut?
Und schon ist es Abend!
Bonne nuit!
Man könnte meinen, ich würde Foodbloggerin … ;-) und eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben heute, also vielleicht gibt es doch nochmal eine Fortsetzung aus den Bergen.
Es ist ein großer Sommer. Mehr als das. Wir erleben gerade erneut eine Hitzewelle, eine Canicule, nach dem 15. August ist das eher selten. In ganz Südfrankreich wurde “alerte rouge” ausgerufen, also die höchste Warnstufe: “Bleiben Sie tagsüber drin, meiden Sie körperliche Anstrengungen und Sport, auch den im Wasser, trinken Sie viel” hören wir alle halbe Stunde im Radio. Es ist wirklich heiß. Von wegen Sommerfrische. Haha. Sogar in den Bergen haben wir dreißig Grad erreicht, nachts kühlt es kaum noch ab. Gewitter, so typisch für die Nachmittage im August, gab es bislang keines.
Wir erleben auch eine neue Covid-Welle und mussten gerade das für Donnerstag geplante Loto absagen. Die Vereinsvorsitzende ist erkrankt und wurde heute mittag positiv getestet. Loto ist ein familienfreundliches Spiel, ich habe letztes Jahr schon einmal darüber geschrieben, es ist einfach, eine nette Abwechslung und man kann was gewinnen, alle haben sich darauf gefreut, aber bei der Hitze und mit eventuellem Viren wollen wir nicht sechzig Personen, darunter viele Senioren, in einem Saal versammeln.
Gerade habe ich kleine Schildchen gebastelt und die Plakate mit “annulé” überklebt, was natürlich zu einem Aufschrei führte, nicht nur, dass es ausfällt, heute morgen haben manche noch mit der Vereinsvorsitzenden Tische und Stühle getragen und den Saal vorbereitet.
Im Dorf ist auch ohne Loto ziemlich viel los, dank der Region, die für alle Orte, auch die kleinsten Dörfer im Hinterland ein kostenloses Sommerprogramm auf die Beine stellt, les soirées estivales, mit Konzerten, Tanz, Theater oder klamaukigen Zirkusveranstaltungen. Wir kamen in diesem Sommer schon in den Genuss einer Theatervorstellung, die hier aber nicht auf sehr viel Gegenliebe stieß. Eine junge alternative Theatergruppe bot ein etwas unkohärentes Stück über die Liebe in der Vor- und Frühgeschichte (Préhistoire) dar. Auch wenn es uns einen abwechslungsreichen Abend beschert hat, kamen wir uns ein bisschen verar* nicht ernstgenommen vor.
Hingegen hatten wir am letzten Samstag Abend ein hochkarätiges lateinamerikanisch angehauchtes Jazzkonzert auf dem Dorfplatz, und hier waren wir uns alle einig, es war großartig! Les Cordes latines heißt die Gruppe um François Arnaud, der aus der klassischen Musik kommt, irgendwann das Nizzaer Orchester verlassen und sich für “Weltmusik” geöffnet hat, um kreativer arbeiten zu können.
Ich habe mal dieses Video hier ausgewählt. Es gibt so ungefähr wieder, wie es war.
Wir waren allerdings ein viel enthusiastischeres Publikum und wir haben auch getanzt! ICH! HABE! GETANZT! Es war wirklich eine ganz besonders tolle Atmosphäre, in dieser warmen Sommernacht auf dem kleinen Dorfplatz diese mitreißende Musik zu hören und dazu zu tanzen. So ein Glück dabei sein zu können! Wunderschön!
Was mich nachwievor auch sehr beglückt ist bei lokalen Erzeugern Joghurt, Käse und Gemüse zu kaufen und damit Essen zubereiten. Ratatouille mit von der Sonne durchglühten Tomaten, Auberginen und Zucchini, hmmm, so lecker! Noch schöner ist, wenn mir Dorfnachbarn aus ihrem Garten frischestes Gemüse schenken!
Courgettes heißen Zucchini übrigens in französischer Sprache. Neulich musste ich erklären, warum wir Deutsche ein italienisches Wort für dieses Gemüse gewählt hätten, und kein deutsches. Weil es ursprünglich kein deutsches Gemüse ist, deshalb, und weil es die Italiener bei uns eingeführt haben. Ich kannte es in meiner Kindheit nicht und erinnere mich noch, dass ich dieses nach Gurke aussehende Gemüse zum ersten Mal während meiner Ausbildungszeit Anfang der achtziger Jahre sah, weil eine Kollegin es im Garten anbaute, eine Zucchini-Schwemme hatte und sie an uns Kolleginnen verteilte. Was macht man denn damit? fragte ich dumm. Man könne sie mit Hackfleisch füllen und im Ofen überbacken, wurde mir vorgeschlagen. Ich weiß noch, dass ich das eigenartig fand, sehr aufwändig, und einen Ofen hatte ich in meinem Einzimmerappartment sowieso auch nicht. Ich habe dann auch keine Zucchini genommen.
Dreißig Jahre später bin ich soweit, dass ich die vielen Zucchinisorten auseinanderhalten kann und ich kann Ihnen sagen, dass die Courgettes de Nice (siehe Foto oben) die auch Violon de Nice oder Trompette de Nice heißen, weil sie manchmal eine etwas eigenwillige Form annehmen, die besten überhaupt sind! Sie haben eine grasgrüne Haut, innen festes gelbes Fleisch, fast keine Kerne und einen nussigen Geschmack, und sie sind, nur mit etwas Öl kurz in der Pfanne angebraten, ein Genuss schlechthin!
Kürzlich bekam ich von derselben Nachbarin Zucchiniblüten geschenkt, und nein, man stellt sie nicht in die Vase, man macht beignets daraus: frittierte Zucchiniblüten. Gegessen habe ich sie schon oft, gemacht noch nie, ich folge aber dem mündlich überlieferten Rezept einer Dame aus dem Dorf, und mache den Teig sehr dünn, damit man später nicht den Frittierteig schmeckt, sondern vor allem die Blüte. Sie sind nämlich sehr aromatisch! Es war dé-li-cieux!
Voila, schon wieder hört es abrupt auf, und wird vermutlich noch einmal fortgesetzt …
Ich erzähle Ihnen einfach so ein bisschen weiter aus der Sommerfrische. Es werden kürzere Texte, die dann vielleicht auch wieder (für manche) überraschend enden, aber, das mögen Sie mir verzeihen, anders geht es gerade nicht.
Die Innentemperatur liegt derzeit bei 26 Grad, die Fliegen sausen brummend durch die Räume und setzen sich auf nackte Haut und überall hin, kacken aufs frisch geputzte Fenster und den neuen weißen Lampenschirm im Schlafzimmer und nerven gewaltig. Unterhalb des Dorfes, irgendwo im Wald, lagern die Schafe. So sehr ich die Schafe mag, so sehr nerven mich die Begleiterscheinungen wie die Fliegen.
Auf der Baustelle links über mir rummst und schlägt es, Monsieur fräst irgendetwas im Keller unten rechts oder direkt vor der Haustür, die er dabei großzügig offenstehen lässt. Ich komme mir vor wie in Lärm-Geiselhaft. Ich bin so froh über die Anschaffung des Kopfhörers. Die erhoffte Stille habe ich damit nicht, aber er dämpft den Lärm und ich höre jetzt probehalber “Konzentrations-Musik”. Mal sehen, ob mir das gefällt und ich damit arbeiten kann.
Als ich hier ankam, blühte der Lavendel noch und es war fast so schön wie in Valensole, oder viel schöner, weil nämlich wild und weil ich ihn ganz für mich alleine hatte. Das Violett des hier wachsenden Lavendels ist auch viel weniger intensiv, es lag so ein zarter violetter Hauch über den Hügeln. Ma-gni-fique! Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es der “echte Lavendel”, lavandula vera angustifolia, aber das wissen einige von Ihnen vielleicht besser. Ich hielt an und machte auf die Schnelle ein paar Fotos und dachte, dass ich einmal richtig hinfahren werde, um Lavendel zu pflücken und schönere Fotos ohne die stets präsente Stromleitung zu machen.
Sie denken es sich, ich habe es kein einziges Mal geschafft, dorthin zu fahren oder einen Spaziergang zu machen. Morgens war anderes zu tun, tagsüber war und ist es zu heiß und abends war ich zu müde oder ich habe es schlicht vergessen. Bei jeder Fahrt zum Einkauf nach unten ins größere Dorf sah ich den Lavendel schimmern und dachte, beim Zurückfahren halte ich an. Aber bei der Rückfahrt war es schon wieder so spät, weil ich im Dorf ja so viele Leute treffe, die ich kenne und lange nicht gesehen habe, und man erzählt, und an den Ständen für Käse und Gemüse, beim Bäcker und vor allem beim Metzger steht man so lange an, und ruckzuck sind zwei oder mehr Stunden um und zuhause wartet Monsieur hungrig auf das Mittagessen. Nachher gehe ich, dachte ich jedes Mal, wenn ich mal wieder am zarten Violett vorbeifahre. Und jetzt ist er verblüht.
Nächstes Jahr gehe ich bestimmt rechtzeitig!
Heute war ich schwimmen. Ich fahre dazu etwa eine Dreiviertelstunde durch Berg und Tal, genauer erst den Berg runter, dann durchs Tal und wieder den Berg rauf bis auf 1700 Meter und komme dann im Skiort an,
der sich nach Kräften bemüht, auch im Sommer attraktiv zu sein mit Sommerrodelbahn, Tyrolienne (das deutsche Wort dafür ist wohl Stahlseilrutsche), Mountainbiketouren, Wanderungen und Nachtwanderungen mit Sternenbeobachtung, Golfplatz und Schwimmbad. Freitags ist dort Markt, aber er ist, nun sagen wir, nicht besonders attraktiv, obwohl der riesige Platz neu gestaltet und als Fußgängerzone deklariert wurde; man versucht, dem etwas lieblos und (wie es scheint) planlos erbauten Ort nachträglich ein Zentrum zu geben. Es drängen sich dort ein Restaurant ans andere, ein paar Sportläden, zwei Bäcker, ein Supermarkt, und die Souvenirläden bieten T-Shirts mit Edelweißaufdruck an, Handtücher mit aufgestickten Murmeltieren und jeden erdenklichen Kitsch.
Das Schwimmbad liegt ein bisschen unterhalb des Ortes und ist ein sehr banales kleines Hallenbad mit beweglichem Dach, ohne Wasserschnickschnack, ohne spektakuläre Rutsche, und das tonnenförmige Dach ist selbst jetzt im Sommer, wo es wirklich heiß ist, nur ein kleines Stück geöffnet –
Es gibt einen gepflasterten Hof, in dem ein paar Sonnenliegen herumstehen und basta. Es ist aber trotzdem voll, vormittags vor allem voller Kinder, die herumhüpfen und ins Wasser springen oder ganz ernsthaft Schwimmunterricht bekommen. Eine einzige Bahn für SchwimmerInnen steht zur Verfügung – zwischen 12 und 14 Uhr aber ist da generell nicht viel los, mir passt das ganz hervorragend. Das Bad ist komplett verglast und man hat beim Schwimmen Ausblick auf die Berge und die Wanderer, Mountainbiker und Stahlseilrutscher, die direkt hinter dem Schwimmbad vorbeisausen. Es führt auch ein Sessellift nach oben.
Danach hatte ich Hunger, da ich aber zu wenig Geld dabei hatte (ich war schon in der Apotheke und habe im Supermarkt ein paar Sachen eingekauft, und meine Kreditkarte ist gesperrt, aber das ist eine andere Geschichte!) musste ich mich mit einem Panini (schlecht) und einer Dose Schweppes Agrumes zufrieden geben. Das aß ich auf einem Bänkchen vor der Kirche Notre Dame des Neiges, die ich anschließend besichtigte.
Die Kirche liegt in Valberg (heute) wenig attraktiv an einem Verkehrsknotenpunkt und ist von außen nicht sehr beeindruckend. Ich habe sie in all den Jahren noch nie von Innen gesehen (schäm) und war so überrascht von der Innenraumarchitektur und der Gestaltung, ich war außerdem überrascht, dass dort Touristen in, wenn wir streng sein wollen, unangemessener Sommerkleidung, andächtig beten und Kerzen anzünden. Ich musste lange warten, bis ich ungestört Fotos machen konnte.
Die Kirche soll an eine Schutzhütte erinnern und das tut sie. Ich fühlte mich sehr geborgen. Sie hat einen überdachten Vorbau, an dem man seine Ski abstellen kann, und ist dort mit Fresken im Stil der vierziger Jahre bemalt (die Kirche ist nur etwas mehr als achtzig Jahre alt, den Skiort Valberg selbst gibt es erst seit Mitte der dreißiger Jahre). Ich habe dieses Foto von der Internet-Seite von Valberg ausgeborgt. Was war das mal nett und beschaulich! Und so viel Schnee!
Die Decke ist ebenfalls komplett ausgemalt mit Ski und Alpenblumen, Engelchen und Schneekristallen, und handarbeitenden Großmüttern; der Malstil erinnert mich auch an Stickerei. Es ist kitschig, aber außergewöhnlich. Und eigentlich ist der Hintergrund eher blau als grau, das kommt hier leider nicht so gut rüber.
So, heute bin ich sehr viel geschwommen, leider gibt es nämlich keine Uhr im Bad, an der ich mich orientieren kann (40 Minuten), und beim Bahnenzählen vertue ich mich spätestens bei Bahn sieben, vielleicht war es mehr als sonst, ich habe auf jeden Fall Muskelkater und musste vorhin eine späte Sieste machen. Und jetzt gehe ich ins Bett! Bonne nuit!
Gerade habe ich das Wort “Sommerfrische” in der französischen Übersetzung gesucht: es heißt villégiature (gesprochen etwa: willehschiatühr), für den Fall, dass Sie mal jemanden beeindrucken wollen mit originellem Vokabular. Es handelt sich um einen längeren Aufenthalt in den Bergen oder an der oder einem See während des Sommers. Wir sind schon kurz nach dem Berlin-Aufenthalt, wie gehabt, in die vermeintlich kühlen und vermeintlich stillen Berge geflohen. Ich habe gerade mal die älteren Texte nachgelesen, ich riskiere, mich zu wiederholen, denn hier passiert in nur leichten Abwandlungen immer dasselbe: wir sammeln Johannisbeeren und kochen Gelee, das Patronatsfest der Heiligen Anne wird einmal im oberen, dann im unteren Bergdorf gefeiert, ein Theaterstück wird aufgeführt, man lädt Nachbarn zum Apero oder zum Essen ein, im größeren Dorf unten im Tal ist Markttag, undsoweiter undsoweiter.
In Cannes ist auch alles wie immer: Südfrankreich leidet unter der Canicule, der Hitzewelle. In Cannes ist es zu voll und zu laut und vor allem viel zu heiß. Das Meer ist so warm, dass sich die Quallen tummeln, jede(r), die/den ich kenne, wurde dieses Jahr “verbrannt” von den fiesen kleinen Feuerquallen. Ich bin am Ende nicht mehr im Meer schwimmen gegangen, sondern ins Schwimmbad; das Hallenbad meiner Wahl wird im Sommer zum Freibad, das Dach wird zur Seite geschoben und man stellt draußen ein paar Liegestühle und Sonnenschirme auf. Es gäbe eigentlich auch noch eine kleine Liegewiese, die ist aber dieses Jahr braunverbrannt, sie wird nicht gewässert – auch in Cannes wird (zumindest an den nicht touristischen Orten!) Wasser gespart. Die Duschen am Strand funktionieren übrigens seit diesem Jahr auch nur während der zwei Sommermonate, ansonsten sind sie abgeschaltet. Auf der stacheligen Wüstenwiese des Schwimmbads liegt so gut wie niemand. Die Liegestühle aber sind komplett besetzt von älteren Damen und großen Schwestern, die kleine Kinder beaufsichtigen, die kreischend ins Wasser springen oder herumrennen. Es gibt nur zwei Bahnen für Schwimmer*innen, aber es reicht, es will fast niemand richtig schwimmen, das Publikum in den Sommerferien ist ein vollkommen anderes.
Im Nachbarhaus in Cannes ist eine Baustelle, sie teilen die Mauer mit uns, so dass unser Haus mitvibriert, wenn auf der anderen Seite mit Presslufthämmern Wände weggestemmt werden. 30 Grad indoor und Baustellenlärm machen mich fertig, ich zögere daher keine Sekunde, ins Bergdorf zu fahren. Dort ist es allerdings auch erstaunlich heiß und jetzt haben wir auch eine Baustelle, es ist allerdings unsere eigene, da müssen wir durch. Früher als vermutet haben sie angefangen, nachdem wir seit November darauf warteten. Die Handwerker sind super diszipliniert, es wird von 8 bis 18 Uhr gearbeitet und sie machen nur eine Stunde Pause. Die Ruhe suchenden Sommerfrischler im Dorf knirschen mit den Zähnen, und wir zucken mit den Schultern und entschuldigen uns allenthalben. Aber ich sitze tagsüber auch leicht gequält mit Kopfhörern am großen Tisch. Immerhin ist es etwas kühler. Indoor 24 Grad, draußen allerdings waren es gestern auch schlappe 33 Grad. Aber ich greife vor.
Wir kamen rechtzeitig zum Fest der Sainte Anne, alle waren pünktlich zur frühen Messe anwesend, nur der Priester nicht, da konnte einer der Anwesenden, der extra zum Glockenläuten aufs Dach der Kirche geklettert war, noch so viel läuten, es half nichts; sein Auto hatte einen Platten, erklärte der Priester eine gute Stunde später, und er musste erst zur Werkstatt und es geht ja alles nicht so schnell hier auf dem Land. Es wurde also nochmal geläutet, der gute Mann hatte eine Stunde vor der Glocke ausgeharrt, weil er das Kirchendach-Abenteuer nicht noch ein zweites Mal wagen wollte.
Es gab wie immer die Prozession mit der Figur der heiligen Anne zur kleinen Wegkapelle – alle Anwesenden, die Wiesen, Weiden und die Tiere wurden dort gesegnet.
Danach gabs einen Apéro und es folgte das große Essen hinter der alten Schule.
Und, wie schon vor drei oder vier Jahren, war das Essen musikalisch untermalt von Elodie – und auch der Priester sang wieder. Dieses mal “Un coup de soleil” von Riccardo Cocciante, und das ohnehin gefühlvolle Liebeslied hört sich aus dem Mund eines Priesters noch bedeutsamer an, und später drehten ein paar unermüdliche TänzerInnen ihre Runden.
Gegen 16 Uhr wurden die Tische abgeräumt und zusammengeklappt und alle gingen “nach Hause”, wo man sich ein bisschen erholte, um drei Stunden später im unteren Dorf weiterzufeiern.
Nach dem offiziellen Teil (Blumenschmuck am Kriegerdenkmal ablegen, Ansprachen verschiedener Regionalpolitiker sowie der Bürgermeisterin und Absingen der Marseillaise) gab es ein etwa zehngängiges Menü und kurz vor Mitternacht wurde dann (endlich) auch getanzt. Kaum erklangen die ersten Töne vom ersten Schlager, sprangen alle auf, in Windeseile wurde ein Tisch abgebaut und alle, wirklich alle, jung oder alt hopsten vergnügt auf der improvisierten Tanzfläche. Ich auch! Zumindest ein bisschen, so richtig hopsen geht ja nicht mehr. Aber wenn ich was bedaure, seitdem ich Knie habe, ist es, nicht genug getanzt zu haben. Wieviele Gelegenheiten habe ich verpasst, jahrelang blieb ich lieber sitzen, weil ich immer dachte, hinter meinem Rücken würde man Bemerkungen über meinen Hintern oder meinen Tanzstil machen. Herrjeh, was macht man sich das Leben schwer! Mit 60 und kaputten Knien ist es mir jetzt egal, ich bewege mich so wie ich kann …
zu Schlagern wie “Sous les sunlights des tropiques”
oder auch zu “richtiger” Achtziger Jahre Musik. Alles französisch natürlich.
und ich amüsiere mich prächtig!
Am nächsten Tag ruht man sich aus, wir hingegen sammelten Johannisbeeren und ich kochte Gelee nach dem alten Familienrezept und mit altmodischen Gerätschaften (die unverwüstliche Flotte Lotte). Ein knapper Tag Arbeit für nur zehn Gläser Gelee! Es hat Jahre gegeben, da haben wir an zwei Abenden hintereinander insgesamt 75 Gläser Gelee gekocht.
Letzter Tag in Berlin, eigentlich nur ein guter halber Tag, da wir morgens unser schönes Heim auf Zeit verlassen mussten und aufräumten, Müll (getrennt!) wegbrachten (die Joghurt-Pfandgläser stellten wir an den Ausgang der U-Bahn neben einen Mülleimer), packten und dann die Koffer bei der Freundin unterstellten; abends flogen wir wieder zurück.
Ich machte noch einmal ein paar Fotos vom Ferienhaus-Museum. Ich hatte das blaue Zimmer mit Schreibtisch und Schreibmaschine, wie es sich für eine Autorin gehört
Herr Taut ist anwesend.
Blick aus dem Fenster des blauen Zimmers: Rotbuche und rote Wand.
Den Salon unten haben wir gar nicht genutzt.
Und in der Küche haben wir auch nicht wirklich gekocht. Gästebucheinträge zeugen aber sogar von im Ofen gebackener Lasagne.
Was fehlt uns heute? Maggi, Putzpomade, Soda, Spiritus und Schmalz
Nicht so richtig gut zu sehen, sind die altmodischen Doppelfenster – ich liebte diesen Blick in den Garten und die liebevollen Details – die schweren zweifarbigen Leinen-Vorhänge sind farblich exakt der Wandfarbe angepasst.
Dann zunächst mit der U-Bahn …
zu einem Flohmarkt – ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, welcher es war – die Berlin-Freundin führte uns und wir liefen einfach hinterher.
“Liebling, auch wir werden älter …”
Ich erstand eine schöne bunte Bluse und ein Seidentuch, E. hingegen war, glaube ich, sehr eingeschüchtert von dem szenigen und großtädtischen Ambiente.
Chill mal Berlin.
Wir gingen ein Stück und fuhren dann mit Bus und Straßenbahn, damit wir möglichst viel von Berlin sahen, weiter zum nächsten Punkt auf der Wunschliste von E.: Currywurst essen! Ziel war Konnopke im “Osten”, der aber sonntags geschlossen hatte! Heul!
Also Alternative: Curry 36 am Mehringdamm im “Westen”. Dafür mussten wir quasi einmal quer durch die Stadt, es liegt auch eher auf dem Weg zurück und so schoben wir das Brandenburger Tor dazwischen. Die Enkelin hatte zwar kurz vor Covid einen Schüleraustausch in Berlin gemacht, war damals aber nicht mal bis zum Brandenburger Tor gekommen. Und da die Berliner (Köpenicker) Schülerin wegen Covid nicht nach Cannes kommen konnte, schlief der Kontakt, wie so oft bei vierzehnjährigen Mädchen, schnell wieder ein.
Brandenburger Tor, here we are! Und mit uns viele andere, auch viele Rammstein-Fans. Die waren überall an diesem Wochenende.
Kleiner Abstecher in den Tiergarten: Rammstein-Fans.
Und endlich: die Currywurst! Hurrah! Und sie waren so nett dort, trotz der nicht enden wollenden Touristenschlange (viele Franzosen!), erstaunlich! Curry Wurst Verdikt der Enkelin: gut, aber ein bisschen zu salzig
Dann fuhren wir, jetzt mit der U-Bahn, zurück zur Freundin – ich konnte kaum noch laufen (die Knie!) und haute mir dort eine große Dosis Ibu* rein, ließ mir ein Eiskissen aufs Knie legen und döste ein Stündchen vor mich hin, bevor wir zum Flughafen fuhren. Die Enkelin schaukelte derweil in der Hängematte, die es auch im Freundinnen-Garten gab und äußerte bei Ankunft in Cannes gleichmal den Wunsch, eine Hängematte im Sommerhaus in den Bergen haben zu wollen.
Am Flughafen ging bei der Sicherheitskontrolle direkt vor uns der Alarm los. Gelblicht, eine Absperrung rollte von der Decke, Polizei kam … das fing ja gut an, dachte ich, und bat das Universum, dass wenigstens der Flieger pünktlich abflöge … das tat er nicht, wir hatten genug Zeit Ampelmännchen-Gummibärchen (rot und grün, die grünen mit Waldmeistergeschmack!) und Berlin-Schokolade zu kaufen. Aber immerhin wurde der Flug nicht annuliert, und wir schafften hechelnd den Anschluss in München, und kamen mit nur etwa einer Stunde Verspätung nachts in Nizza an. Nur die Koffer schafften es nicht und kamen erst zwei Tage später an, aber immerhin wohlbehalten und auch mit allen Souvenirs! Wir haben also keinen Koffer mehr in Berlin, müssen da aber natürlich dennoch nächstens wieder hin
Und aus aktuellem Anlass verlinke ich gerne noch den Beitrag von Friederike vom Landlebenblog: Immer dieser Osten.
Am nächsten Tag Frühstück im Garten des Ferienhäuschens, ich filterte mir eine Tasse Kaffee und reicherte das Müsli mit selbstgepflückten Johannisbeeren (aus dem netten Garten des Ferienhauses) und gekauften Stachelbeeren an, so lecker! Danach machten wir eine Fahrradtour durch Berlin. Das Ferienhaus stellte uns zwei Räder zur Verfügung, einfache Dreigang-Klappräder, aber absolut ausreichend.
Die Berlin-Freundin führte uns, und erzählte uns unterwegs auch ganz viel – los gings vor der Haustür und zunächst durch Neukölln, über das leere Tempelhofer Feld (hier übrigens eine tolle interaktive Seite zum Tempelhofer Feld und allem, was dort an Projekten passiert), durch die Hasenheide, über den Landwehrkanal und schwupps waren wir im touristischen Innenstadtberlin und am Checkpoint Charlie. Ich habe unterwegs nicht so viel dokumentiert, weil wir fuhren, logisch, wir kreuzten in Mitte immer von West nach Ost und wieder zurück, noch nie habe ich das so deutlich wahrgenommen, weil ich vor allem E. immer daraufhinwies, und weil man es jetzt auch an den in die Straße eingelassenen Pflastersteinen sieht, leider ohne Foto.
Es war Mittag, wir hatten Hunger und wählten ein leeres Restaurant in einem schattigen Innenhof, durch den wir gefahren waren, später erklärte sich, warum es leer war, nicht nur, weil es so versteckt lag, es war auch supermies, aber immerhin hatten wir etwas gegessen, anschließend brauchte E. ein Päuschen, wir fuhren in einen Park, lagerten unter einem Baum, wo die müde Enkelin sofort einschlief.
Später ging es weiter durch Kreuzberg und zur Eastsidegallery, da war ich in all den Jahren auch noch nie gewesen, weniger spektakulär als erwartet, dafür zieht es sich und es ist ein echter Touri-Spot, den berühmten Kuss zwischen Honecker und Breschnew kriegt man nie alleine.
Über die Oberbaumbrücke gings nach Kreuzberg zurück und wir hingen recht erschöpft in einem alternativen Café in Sichtweite des Görlitzer Parks ziemlich lange ab, guckten Leute und dopten uns mit mehreren Iced Milchkaffees und O-Saft mit viel Eis (es war vermutlich der heißeste Tag des Jahres, wir hatten ständig nur Durst). Im Görlitzer Park wurde ganz offen gedealt, die Enkelin sah es mit schreckgeweiteteten Augen, nur Minuten später, als wir den Landwehrkanal entlangradelten, erlebten wir dann ein ganz zauberhaftes Klavierkonzert auf dem Wasser. Berlin ist einfach alles.
Zurück fuhren wir mit der U-Bahn, in die wir die Räder mitnahmen und erholten uns “zuhause” ein bisschen, duschten, dösten, lasen, schrieben Karten
bevor wir dann (für deutsche Verhältnisse spät) abends zu einem Italiener in Laufweite Essen gingen. Die Enkelin ist immer wieder geschockt, dass man (nicht mal beim Italiener) eine kostenlose Karaffe Wasser bestellen kann, und dass in beinahe allen Getränken “bulles” sind, also Kohlensäure, die sie nicht mag. Sie trank also in Berlin weder Fritzbrause noch Bionade, sondern immer nur stilles Wasser oder O-Saft.
So viel für heute.
Ach so, das hier noch. Das hatte ich an diesem heißen Tag ständig im Ohr.
Der nächste Tag begann mit einem Frühstück bei der Freundin, die auch in der Hufeisensiedlung wohnt. Wir liefen also einmal quer durch das Hufeisen, es sind nur ein paar hundert Meter, eine U-Bahnstation genau genommen.
Die Häuserreihen sind mal Rot, mal Blau, besonders das Blau hat es mir angetan.
Am Vortag waren wir auf dem Wasser und über Berlin, heute hatten wir einen unterirdischen Termin: Wir machten eine Fluchttunnel-Tour mit Unterwelten, die ich absolut empfehlen kann, es war im übrigen auch die einzige Organisation, die mir die umgebuchten Tickets rückerstattet hat. Dankeschön! Viel Information, spannend und anschaulich vermittelt – die ich immer mal übersetzte – was aber leider störte. Es gäbe auch eine französische Führung, habe ich mir sagen lassen. Falls Sie mal in die Verlegenheit kommen, wissen Sie das. Man durfte leider keine Fotos machen, und nein, letzten Endes mussten wir nicht auf allen Vieren durch einen ehemaligen Fluchttunnel kriechen, aber es war dennoch eindrucksvoll!
Ich war da vorher noch nie und hätte gut den ganzen Tag bleiben können, um alle Dokumente zu lesen und alle Filmchen anzusehen. Mir versagte vor lauter Emotion bei so manchem Zeitdokument die Stimme, als ich es für E. übersetzte. Sie war natürlich viel weniger beeindruckt. Foto von oben auf das Stück Grenzgebiet. Zack, reicht.
Es ist die Geschichte eines anderen Landes, die sich weit vor ihrer Geburt abgespielt hat. Ich war als Siebzehnjährige auch in Berlin und starrte von einer der Aussichtsplattformen am Tiergarten auf das abgesperrte Brandenburger Tor. Hat mich damals auch nicht so beeindruckt, wenn ich ehrlich sein soll. War halt so. Diese Geschichte hatte sich auch vor meiner Geburt abgespielt, das wird dann so hingenommen. Erst heute schluchze ich, wenn ich die Fotos der Menschen sehe, die sich mit Taschentüchern über die Mauer zuwinken und kleine Kinder hochhalten.
Wir liefen dann ein bisschen durch eine Straße im Prenzlauer Berg, wir kamen aber nur zwei Second Hand Läden weit, dann mussten wir, wie gute Französinnen, Mittagessen. In einem coolen Restau mit noch cooleren Kellnern, vermutlich sagt man nicht mehr Kellner zu dieser Art Bedienung, und extravaganter Sommerkarte. Not bad, aber hochpreißig; also in etwa so wie in Cannes, weshalb es mich nicht schockte, aber für Berlin fand ich es doch erstaunlich. Ich sinnierte darüber, dass ich im ehemaligen Osten sehr schick und teuer gegrillte Ananas und Riesengarnelen aß.
Am Nebentisch, wie ich dem Gespräch unserer Tischnachbarinnen entnahm, saß ein Herr, der irgendwas für Rammstein organisierte, mit seiner Lebensgefährtin, die auch früher für Rammstein gearbeitet hat. Man kannte sich, es wurde geplaudert. Es waren just drei Tage in Folge Rammstein-Konzerte in Berlin. “Gehste hin?” fragte die Dame an unserem Tisch (80+) anschließend ihre Tochter (meine Generation). Nein, sie habe schon so viele Rammstein Konzerte gehört und gesehen, sie müsse da jetzt nicht mehr hingehen, antwortete die Tochter. Ich verkniff mir die Frage, warum die Konzerte nicht abgesagt worden seien – wir bleiben aber die kommenden Tage im Thema: Berlin war voller Rammstein-Fans.
Abends waren wir in Pankow eingeladen, bei Familie Ackerbau, sehr nett dort, man servierte uns ein feines mehrgängiges Menü, ganz französisch, damit die Enkelin nicht, wie der Enkel nach seinem Schüleraustausch, sagen muss, sie habe in Deutschland nix zu Essen gekriegt (Merke: Marmeladenbrot morgens, Sandwich mittags und Brot mit Aufschnitt abends ist kein Essen!). Weshalb wir ja auch ständig, wie es sich gehört, Essen gingen.
Es wurde spät und wir fuhren mit S- und U-Bahn “nach Hause”. So fühlte sich der Aufenthalt im kleinen Häuschen tatsächlich ein bisschen an.
Ob ich es nochmal schaffe, die Berlin-Reise zu dokumentieren? Irgendwie bin ich abends müde. Ich daddel im Internet herum, lese von anderer Leuts Reisen, wovon ich diese hier gerne verlinken möchte, so es noch niemand anders getan hat. Es ist nicht so idyllisch in Bosnien, aber Simona reiste dorthin, weil sie vor allem den bosnischen Sänger Božo Vrećo in Bosnien hören wollte (den sie dann aber in Kroatien hört). Sehr spannend. Das lese ich also, und ich folge auf Instagram mehreren Reisenden; sehr gerne mag ich @gruenumdiewelt, ein nettes Paar, denen ich zufällig ab Tag 1 ihrer Weltreise folge, die vor allem mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind; zur Zeit machen sie einen längeren Stop in San Diego als House- und Hunde- und Katzensitter, weil sie auf ihre Ersatz-Kreditkarten warten, sie haben ihre Tasche mit allen Zahlungsmitteln vor ein paar Wochen im Zug verloren; seit kurzem folge ich auch einem verrückten jungen Mann @thegreathans, der mit dem Fahrrad durch die Welt gondelt, sagenhafte Fotos und Filme macht und mit einem eher schnodderigen Ton davon berichtet, gerade ist er im Iran, er schwärmt in höchsten Tönen vom Land und von der überwältigenden Gastfreundschaft, ich will das nicht in Abrede stellen, aber klar ist alles super für ihn, er ist ein (junger weißer) Mann und auf allen Fotos (auch vorher schon) sehe ich nur Männer. Kein Wort zu den Frauen und zu ihrer Situation bisher. On verra.
Gestern sah ich von ihm ein Video, indem er alle Kosten der Reise öffentlich macht – meine Güte, Respekt dafür, aber das wäre das letzte, was ich auf so einer Reise machen wollte. @gruenumdiewelt machen das übrigens auch. Was der junge Radfahrer auch tat war, detailliert auflisten, wieviel Zeit er in seine Beiträge und vor allem in das Erstellen von Youtube Videos investiert. Und dass er sich extra zum Video schneiden in Unterkünfte einmieten muss (sonst zeltet er wild), was die Reise dann wieder verteuert. Mein größter Respekt vor all den Reisenden, die unterwegs unter diesen Bedingungen so viel arbeiten – ja, sie verdienen teilweise Geld damit. Also vielleicht ist es gar nicht so mühselig für sie, aber mir kommt das alles so anstrengend vor, weil ich diesen neuen Medien-Kram nicht beherrsche und “nur” schreibe und Fotos mache und weiß, wie lange das manchmal dauert, bis ein Artikel fertig ist. Das sind so Momente, wo ich spüre, dass ich eine andere Generation bin, die Generation Boomer übrigens, keine Ahnung seit wann man das als Schimpfwort verwendet, die sich so langsam auf die Zielgerade Richtung Ende einschaukelt. Das Gefühl, dass ich nicht mehr die Zielgruppe bin für so allerhand, hatte ich dieses Jahr schon ziemlich häufig. Darüber vielleicht ein andermal, wenn ich es schaffe, seufz. Sechzig Jahre und ein bisschen müde. Sie erinnern sich vielleicht an Curd Jürgens? Ich komme vom Hölzchen aufs Stöckchen, will jetzt aber doch von unserer kleinen Reise ein bisschen berichten.
Sie war ja jetzt nur noch vier Tage lang – am ersten Tag kamen wir übermüdet frühmorgens an, wurden, wie versprochen, abgeholt und durften zu dieser ungewöhnlichen Uhrzeit einchecken, und zwar ins Taute Heim. Ein kleines Häuschen in der Hufeisensiedlung (gebaut vom Architekten Bruno Taut), das von dem Architektenehepaar Katrin Lesser und Ben Buschfeld erworben und von ihnen im Originalstil der Zwanziger Jahre renoviert, um nicht zu sagen restauriert wurde, hier kann man mehr darüber lesen; man kann das Häuschen mieten und wohnt dann dort ein bisschen wie im Museum. Allerdings mit allem Komfort der heutigen Zeit. Genial. Ich war sofort verliebt, als ich diese Möglichkeit entdeckt hatte. Eigentlich wollte ich einen eigenen Eintrag für das Häuschen machen, aber ich scheiterte schon zweimal daran, die Siedlungs- und Architekturgeschichte leicht und verständlich aufzubereiten, so sehr sie mich interessiert, irgendwie wollte da nichts zustande kommen. Also bitte ich Sie, die Seite von Tautes Heim anzuklicken und sich dort bei Interesse einzulesen, und ich verlinke Ihnen auch den Wikipedia Eintrag, der ganz vernünftig klingt.
Ich musste Herrn Buschfeld, der uns etwas zur Geschichte der Siedlung und vor allem des Hauses erzählte, irgendwann stoppen, wir hatten den Termin fur unsere erste touristische Aktivität und mussten eiligst einmal quer durch Berlin, um zu unserem Schiffchen zu kommen, mit dem wir über die Spree und den Landwehrkanal schipperten. Gemütlicher Einstieg, mehr hätten wir auch nicht geschafft, glaube ich.
Danach aßen wir bei einem Italiener und fuhren zurück zum Häuschen, um eine kleine Sieste zu machen, wir wollten für die Abendveranstaltung ausgeruht sein. Die Enkelin schlief gute drei Stunden, ich nur etwa dreißig Minuten (ich greife vor, wenn ich sage, dass ich in Berlin extrem wenig schlief und auf einer Art Euphorie-Droge war, dann aber, als ich wieder zuhause war, schlief ich einen Tag fast völlig durch) und schaukelte dann unterm Apfelbaum in der Hängematte – so schön! –
und plauderte mit der Berliner Freundin, die vorbeikam, da sie ganz in der Nähe wohnt. Wir kauften noch ein paar Kleinigkeiten fürs Frühstück am nächsten Tag ein und schon fuhren die Enkelin und ich zum, tatatataaa: Fernsehturm!
Boah! Ging ja rasant hoch, wa’, in nur vierzig Sekunden, die Ohren gingen zu und schon sind wir da und durften ins Restaurant mit Fensterplatz. Wenn schon, denn schon. Ich habe ja ein wenig Höhenangst und hatte ein bisschen Sorge, ob ich da oben dann gar nicht aus dem Fenster gucken könnte, vor allem dreht sich das Ding ja – war aber alles gut, das Drehen spürt man nicht, wir drehten uns dreimal um und über Berlin, und wir waren rechtzeitig zum Sonnenuntergang oben!
wird fortgesetzt …
Was ich in Berlin übrigens die ganze Zeit im Ohr hatte, war das hier:
Die nächtliche Odyssee zum schlecht beleuchteten Hotel irgendwo in der Provinz bei München erinnerte mich übrigens sehr an ein Ereignis während meiner Reise nach Westafrika. Vor gut zwanzig Jahren war ich mit meinem damaligen (weißen) französischen Freund unterwegs nach Burkina Faso. Da ein Direktflug nach Burkina Faso so viel teurer war, wählten wir einen Flug nach Bamako im benachbarten Mali und nahmen von dort den Überlandbus. Trotz zusätzlicher Übernachtung, trotz Busticket war diese Variante viel billiger. Länger dauerte es natürlich auch. Für mich begann mit dem Einstieg in den Bus die erste wirkliche Reise meines Lebens. Als einzige Weiße (mit meinem Freund) saß ich stundenlang in einem vollgestopften Bus eingezwängt neben einer fülligen Händlerin, die mir fettige Nüsse zu essen gab. Später, an einer der sechs Grenzen, an denen wir warten mussten – drei, um aus Mali rauszukommen, drei, um nach Burkina Faso reinzukommen, und jedes Mal mit Zollbeamten konfrontiert, die, sagen wir mal, gegen ein gewisses Handgeld, den Aus- bzw. Einreisevorgang hätten beschleunigen können, immer saßen wir zwei Weiße stundenlang in einem Büro rum und warteten, während die Zöllner aßen oder ein Schläfchen machten … Also später, wie gesagt, da aß ich zum ersten Mal in meinem Leben gegrillte Ziege und trank scharfen Ingwersaft. So scharf, dass ich ohne jede Rücksicht auf irgendwelche Mikroben, sofort noch ein prallgefülltes Plastiktütchen Wasser erstand, das ich in einen Zug aussaugte (man beißt eine kleine Ecke eines Plastiktütchenzipfels ab und saugt so das Wasser raus).
Auf der Rückreise kamen wir dank all dieser Warterei an den Grenzen dann auch nicht am frühen Abend, sondern nachts um vier in Bamako an und fanden natürlich kein Hotel mehr. In der Nähe des Busbahnhofs gab es zwar eines, der Busfahrer zeigte vage in eine Richtung, aber dort war alles verschlossen und dunkel. Keine Möglichkeit zu klingeln oder gar anzurufen. Magere Hunde streunten im Hof des Hotels herum, bellten und knurrten uns an. Aber trotz des Hundegebells erschien niemand. Wir machten uns auf den Weg zurück zum Busbahnhof, wo alle anderen Mitreisenden verschwunden waren, auch der Busfahrer hatte sich in Luft aufgelöst. Wir waren allein mitten im dunklen Nichts. Was tun? Ein Taxi fuhr vorbei, das wir zum Anhalten nötigten. Darin zwei junge Männer, die uns misstrauisch durch einen Spalt des geöffneten Fensters ansahen. Ob Sie uns zu einem Hotel fahren könnten, fragten wir. Sie beratschlagten sich und ließen uns schließlich einsteigen. Sie waren aus Sicherheitsgründen zu zweit unterwegs, erfuhren wir. Mich beruhigte das nicht gerade, aber immerhin waren wir jetzt zu viert – besser als zu zweit allein am Busbahnhof. Die Fahrt zog sich. Einmal quer durch Bamako und wieder hinaus, so schien es uns. Ob sie uns auch wirklich zu einem Hotel fahren würden, fragte mein Freund, in der Zwischenzeit auch etwas misstrauisch. “Jaja”, bestätigten sie. “Hotel, jaja.” Irgendwann hielten sie an. Mitten in einem unbeleuchteten Wohngebiet. “Hotel”, sagten sie und strahlten uns an. Ich sah überhaupt nichts, was nach Hotel aussah, mein Freund verstand es schneller. Da war ein rotes Licht neben der Haustür eines der Häuser. “C’est un hotel de passe?” fragte er ein bisschen fassungslos. Ein Stundenhotel? Ja, sie nickten eifrig. “Hotel!” Ich weiß bis heute nicht, ob es das einzige “Hotel” in Bamako war, das mitten in der Nacht geöffnet hatte, oder das einzige, das ihnen in den Sinn kam, egal, wir hatten keine Wahl, stiegen aus und klopften an die Tür des Hauses. Zwei junge Männer starrten uns genauso erstaunt an, wie wir sie. Wir bekamen problemlos ein Zimmer im ersten Stock mit vergitterten Fenstern. Wir schlossen die Tür ab und klemmten, wie im Film, die Stuhllehne unter den Türgriff. Ich legte ein dünnes Leintuch, das ich dabei hatte, über die stark benutzt aussehende Bettwäsche. Es gab sogar ein Badezimmer mit WC und der obligatorischen kleinen Plastikgießkanne zum Reinigen und Spülen. Nur gab es kein Wasser. Nun gut. Wir legten uns hin und schliefen tatsächlich ein, trotz des Gelächters und des Amüsierlärms irgendwo im Haus. Am nächsten Morgen servierten uns die jungen Männer Frühstück wie in einem richtigen Hotel (Tee und Baguette), und wir frühstückten während zwei jungen Frauen mit einem älteren Herrn schäkerten, der dort offensichtlich seine Nacht verbracht hatte. Wir starrten uns alle gegenseitig neugierig aber freundlich an. Wahrscheinlich waren noch nie vorher zwei Weiße in diesem Stundenhotel aufgetaucht. Letzten Endes waren sie nett dort und die beiden jungen Männer fragten uns nach Europa und Deutschland und Frankreich aus. Später riefen sie uns ein Taxi und handelten für uns den Tarif bis zum Flughafen aus. Am Flughafen war es dann sehr abenteuerlich – ich erinnere mich nur noch an wildes Gedränge und dass wir quer über das Rollfeld zum Flugzeug laufen mussten. Dort entschied der Kapitän am Fuß der Gangway, wer mitfliegen durfte und wer nicht. Wir hatten damals auch viel Verspätung, weil man das Gepäck eines nicht erschienenen Passagiers wieder ausladen musste. Ah, l’Afrique! Was für ein Abenteuer!
Wir wollten nach Berlin mit der angeheirateten Enkelin, mein Geschenk zum bestandenen Abitur. Ich hatte Flüge gebucht, ein Häuschen gemietet, jede Menge Aktivitäten geplant und dafür auch Plätze oder zumindest Zeitfenster gebucht. Dann starb überraschend der (andere) Großvater. Ich möchte nicht ins Detail gehen – aber es war innerhalb von drei Wochen schon der zweite Todesfall in der französischen Familie. Die angeheiratete Enkelin (das “angeheiratete” lasse ich in der Folge weg, Sie wissen es ja nun) hängt sehr an den Großeltern, hier wird famille außerdem mit einem “großen F” geschrieben, wie man hier sagt, wenn etwas wichtig ist (famille avec un grand F) – nicht an der Beerdigung teilzunehmen ist quasi unmöglich. Wir buchen also Flüge um, wir werden direkt nach der Beerdigung losfliegen, der Aufenthalt wird kürzer; ich buche erneute Plätze und Zeitfenster für zumindest zwei Aktivitäten, die klassische Kunst auf der Museumsinsel (Nofretete und das Ischtar Tor) lassen wir jetzt großzügig unter den Tisch fallen.
Zwei Nächte vor der Beerdigung und unserem Abflug hat man bei der Familie der Tochter, die über uns wohnt, eingebrochen. Und: die bereits gepackte Tasche mit Geld und Dokumenten der Enkeltochter gestohlen, also unter anderem. Es fehlten auch sämtliche Mobiltelefone, Papiere, Schecks, Kreditkarten, Schmuck, Schlüssel, Autoschlüssel, und neu gekaufte Klamotten inklusive neuer Schuhe für die Beerdigung sind auch weg. Man weiß nicht so genau, was die Einbrecher sich dabei dachten. Oder der Einbrecher. Vielleicht war es nur einer. Der sich außerdem mit einem großen Küchenmesser bewaffnet hatte, falls ihm jemand um vier Uhr morgens in die Quere kommen sollte.
So etwas geht sehr schnell und sehr leise. Drei Personen schliefen in der Wohnung, während sie ausgeraubt wurden. Der Täter kam über die im zweiten Stock offen stehende Terrassentür. Kam durch die Küche, wo er sich ein Messer nahm, und schloss leise die Türen zu den Schlafzimmern. Erst als er die knarzenden Holzstufen zum ausgebauten Dachboden erklomm, wachten die Eltern auf. Der (oder die) Einbrecher floh(en) über den Balkon und über die niedrigen Dächer der angrenzenden Häuser. Falls sie knarzende Treppen oder quietschende Türen haben sollten, lassen Sie das so, das wäre in einem solchen Fall von Vorteil.
Immerhin ist der schon gepackte Koffer noch da, aber das einzige Ausweisdokument, das ihr bleibt, ist ein gerade abgelaufener Reisepass. Für den Fall, dass Sie das mal brauchen sollten: abgelaufene Reisepässe (NICHT der Personalausweis!) sind (zumindest) innerhalb des Schengen Abkommens, noch fünf Jahre gültig! Damit können Sie also innerhalb der Schengen-Staaten reisen. Diese Antwort verdanke ich der freundlichen Dame vom Honorarkonsulat in Nizza, die mir eigentlich keine Auskunft geben konnte, da die Enkelin Französin ist – mir aber trotzdem geholfen hat. Ich erspare Ihnen die anderen Anrufe, die ich getätigt habe – bei der Fluggesellschaft zum Beispiel, die haben als Transportunternehmen schlicht keine Ahnung, ist Ihnen auch egal – sie transportieren ja nur. Vor 9 Uhr morgens müssen Sie das noch auf englisch erfragen – ab 9 Uhr gibt es auch (nicht viel kundigere) AnsprechpartnerInnen, die der französischen Sprache mächtig sind.
Wir können also nach Berlin reisen: Ein bisschen Erleichterung an diesen traurig-traumatischen Tagen, an denen nicht nur die Beerdigungszeremonie geplant und weit angereiste Familie tagelang beherbergt und verköstigt werden muss, sondern nun zusätzlich Stunden bei der Polizei und der Versicherung verbracht werden. Alles ist logistisch schwierig ohne Telefone und Kreditkarten. Das Türschloss tauschen wir immerhin am selben Vormittag noch aus und es gibt neue Schlüssel für alle.
Ich überspringe hier die Trauerfeier und die Beisetzung, vormittags schon bei sengender Sonne auf dem baumlosen Friedhof. Nachmittags werden wir zum Flughafen gebracht und sind, soweit wir es vermögen, guter Dinge. Dann wird unser Flug nach München mit einer Dreiviertelstunde Verspätung angezeigt. Wir hätten in München eine Stunde Aufenthalt und nur Handgepäck, den Anschlussflug könnten wir gerade noch kriegen. Dann aber: anderthalb Stunden Verspätung. Ich rufe die Lufthansa-Hotline an – wie es für uns weitergehe, wenn wir den Anschlussflug verpassen, frage ich und bekomme meine Lieblingsantwort Ne vous inquiétez pas, Madame, wir würden umgebucht und bekämen notfalls ein Hotel. Ich sage der Enkelin, dass wir Chancen hätten, in München im Hotel zu übernachten. Ich rechne ihr hoch an, dass sie nicht jault und meckert, sondern nur gequält schaut.
Als der Schalter öffnet, frage ich auch hier noch einmal nach – ich müsse das in München klären, wird mir geantwortet. Immerhin erfahre ich, dass auch der Anschlussflug eine Dreiviertelstunde Verspätung hat. Wir hoffen ein bisschen.
Irgendwann sitzen wir im Flugzeug, leider ganz hinten – ich frage die Flugbegleiterin, ob sie uns schon etwas zu den Anschlussflügen sagen könne, und ob es möglich wäre, dass wir bei der Landung sofort nach vorne laufen dürften. Zu den Anschlussflügen sage sie uns kurz vor der Landung bescheid – die andere Frage beantwortet sie nicht – aus gutem Grund – wie ich später merke, ist das ganze Flugzeug voller Menschen, die einen Anschlussflug in irgendeine Richtung bekommen wollen. Die Liste der Anschlussflüge, die eventuell noch zu erreichen seien, die sie später herunterleiert, ist schier endlos. Sie denken es sich schon, Berlin wird nicht erwähnt. Es ist ein Drängen und Schubsen, alle wollen raus so schnell es geht. Was mit dem Anschlussflug nach Berlin sei, frage ich beim Aussteigen – sie schaut hilflos auf ihre Liste. Es gibt keinen.
“Wenden Sie sich an das Service Center”, rät sie mir. Und vermutlich seien wir schon umgebucht. Ja, wir sind umgebucht, auf den Folgetag um 7 Uhr morgens, entnehme ich einer SMS, die jetzt in meinem Telefon aufploppt. Jetzt aber ist es 22.00 Uhr, es ist dunkel und es regnet. Ich erfrage im Flughafen den Weg zum Service Center bei einer Dame des Bodenpersonals, die von unseren vermutlich müden und traurigen Mienen, angerührt ist und uns nicht nur die Bordkarten für den Folgetag ausdruckt, sondern uns auch rät, uns selbst um ein Hotelzimmer zu kümmern, am Service Schalter sei die Hölle los – viel zu viele Menschen haben aufgrund der Verspätung ihre Anschlussflüge verpasst. “Sie können auch am Flughafen schlafen”, schlägt sie uns vor und macht eine Geste in Richtung der Sitze. Ich möchte nicht am Flughafen schlafen und Angst haben, dass man mir meine Tasche unter dem Kopf wegzieht. Also suchen wir ein Hotelzimmer. Die großen Hotels in direkter Umgebung des Flughafens sind alle ausgebucht. Auch die großen Hotels weiter weg sind ausgebucht. Wir finden im Internet ein “Park Hotel” irgendwo in der Pampa, das noch Zimmer frei hat. Ich rufe an. Ja, bestätigt freundlich der Herr mit Migrationshintergrundakzent, er habe sogar ein Zimmer mit zwei Betten. Ich reserviere es. Dann suchen wir uns ein Taxi. Die Schlange ist lang, der Taxifahrer, der uns zugewiesen wird, ist schlechter Laune und bekommt noch schlechtere Laune, als er die Adresse erfährt. Es ist ihm nicht weit genug. “Da fährt auch ein Bus hin”, murrt er mich an. “Ich werde doch jetzt nicht mitten in der Nacht an einem mir unbekannten Flughafen einen Bus suchen, der mich ins Hotel bringt”, widerspreche ich. Nun, er versucht die Adresse über Spracherkennung in das Navigationsgerät einzugeben, auch er hat Migrationshintergrundakzent und die Spracherkennung versteht ihn nicht. Ich kenne solche Szenen nur aus Sketchen, sehr lustig in der Regel, die schimpfenden Menschen, die ums Verrecken nicht verstanden werden. Sehr unlustig, wenn man mit im Taxi sitzt, und der Fahrer abwechselnd das Spracherkennungssystem oder uns anschreit. Die Enkelin lernt ein neues deutsches Schimpfwort: Scheißdreck in allen Variationen. Letzten Endes gebe ich die Adresse in das Spracherkennungssystem ein – falls hier irgendjemand mitliest, der an der Enwicklung dieser Systeme mitarbeitet – bitte! machen Sie die Spracherkennung flexibler! Ich würde sagen 90% aller TaxifahrerInnen haben einen Akzent, vielleicht auch nur den der jeweiligen Region. Kann das nicht mitbedacht werden?
“Sie haben ihr Ziel erreicht” sagt die Navigationsstimme. Der Taxifahrer stoppt mitten in einem Wohngebiet. “Wir sind da!” “Ich sehe kein Hotel”, sage ich. Draußen ist es Nacht und es regnet. “Sie haben doch die Schei***adresse eingegeben”, herrscht er mich an. “Und das ist hier!” “Ich habe die Adresse eingegeben, es ist die Hoteladresse, aber ich sehe kein Hotel”, wiederhole ich, in der Zwischenzeit auch etwas pampig. Er flucht und fährt weiter in eine Seitenstraße. Da liegt tatsächlich zwischen reizenden Einfamilienhäusern ein schwach beleuchtetes Hotel. Der Taxifahrer will meine Kreditkarte nicht, aber auch nicht meinen großen Schein – es ist der Beginn des “wir-wollen-nur-Barzahlung-Dilemmas” in Deutschland. Irgendwann nimmt er doch die Karte, pfeffert unsere Koffer in den Regen und fährt fluchend davon. Wir stapfen zum Hotel, öffnen die Tür und stehen vor verschlossener Rezeption. Eine Telefonnummer klebt an der Tür. Die rufe ich an. “Ja”, sagt der freundliche Herr, er habe leider vergessen uns zu sagen, dass er uns auch hätte abholen können. Jetzt sei er gerade am Flughafen, um eine andere Dame abzuholen, er sei gleich da. “Gleich” ist etwas übertrieben, aber er kommt, unterstützt von einem indischen oder pakistanischen Assistenten. Und er ist, im Gegenzug zum Taxifahrer, und trotz der späten Stunde und unserem Wunsch, um halb fünf wieder an den Flughafen zu wollen, super freundlich, aber leider ist das ägyptisch-indische Palaver sehr zeitintensiv, er will mir aus Gründen, die nur er weiß, statt dem Zweibettzimmer lieber ein Zimmer mit einem französischen 160cm breiten Bett geben, das sei doch ausreichend für zwei Personen, findet er, billiger sei es auch, und sieht von mir zur Enkelin, die kein Wort versteht, nur hundemüde ist. Nun, wir möchten die wenigen Stunden, die uns bleiben, gerne jede in einem eigenen Bett liegen und ich möchte das nun auch nicht mehr diskutieren. Ich bleibe mühsam freundlich. Um Mitternacht machen wir erschöpft das Licht aus. Die Enkelin fällt sofort in einen Tiefschlaf. Ich sehe aus den Augenwinkeln, dass ich einen Anruf von der Freundin in Berlin bekomme – der ich den Festnetztelefon-Anrufbeantworter vollgequatscht habe, aber sie war unterwegs und hat die Nachrichten nicht bekommen, stattdessen Stunden am Flughafen in Berlin auf uns gewartet. (Sie hat nur ein uraltes Diensthandy, dessen Nummer ich nicht besaß).
Ich telefoniere leise flüsternd im Badezimmer. Nun, sie wird uns auch am nächsten Morgen wieder abholen, verspricht sie mir. Ich sinke ins Bett und habe das Gefühl, nicht zu schlafen, aber ich überhöre den Wecker ganze fünf Minuten lang. Punkt halb fünf stehen wir vor der Rezeption. Geschlossen. Ich rufe den freundlichen Herrn des Nachtdienstes wieder an. In einer Minute sei er da, versichert er mir. Es ist eine lange ägyptische Minute. Aber dann fährt er uns zum Flughafen, ist auch, trotz des wenigen Schlafs, weiterhin sehr freundlich, nimmt mir aber ungeniert noch einmal fünfzehn Euro für den Shuttle ab, die ich eigentlich gestern schon bezahlt habe, aber das sehe ich erst zuhause. Anyway. Überteuertes Frühstück am Flughafen beim einzig geöffneten Restaurant. Dann klappt alles. Ab 7.43Uhr scheint die Sonne über den Wolken. Die Enkelin schläft schon wieder.
Wir kommen in Berlin an, die Sonne scheint, wir werden abgeholt, checken in unser charmantes Häuschen ein – dazu gibt es einen gesonderten Post! Und dann hetzen wir zu unserer ersten Aktivität: Berlin per Boot! Zu Berlin kommt auch ein gesonderter Post. Dies wird eine Fortsetzungsgeschichte, merken Sie schon.
Und: Dieses Mal, um etwas vorzugreifen, lasse ich mich von den Worten der Customer Relation bei der Fluggesellschaft nicht mehr einlullen. Ich bin ziemlich grummelig. Gestern habe ich die Rechnungen eingereicht und wenn sie mir das Hotel nicht bezahlen wollen, gehe ich einen Schritt weiter.
Ne vous inquiétez pas, Madame! versucht mich der Mensch von der Lufthansa-Plattform am Telefon zu beruhigen. Je m’inquiète quand même un peu, sage ich, weil schon zwei Flüge nicht für mich geklappt haben, und ich gerne hätte, dass der 3. Versuch an diesem Wochenende nach Deutschland zu kommen, noch erfolgreich wird.
Um halb sieben sind wir aufgestanden, halb acht losgefahren, um kurz nach acht war ich am Flughafen. “Man”, in aller Unpersönlichkeit einer App, hatte mich auf einen frühen Flug umgebucht, da der Flug, den ich eigentlich am Abend nehmen wollte, ohne Angabe von Gründen annuliert worden war. Nach der ersten Panik und dem Anruf bei der Freundin, zu deren Nachhol-Geburtstagsfeier ich eigentlich fliegen wollte (der Geburtstag war im März wegen Covid kurzfristig ausgefallen und ich hatte auch damals schon Schwierigkeiten mit dem Flieger und zusätzlich mit dem ÖPNV, falls Sie das noch einmal nachlesen möchten, bitteschön hier entlang.), um sie zu informieren, dass ich möglicherweise doch nicht kommen werde, suche ich nach Alternativen. “Mit dem Zug vielleicht”, schlägt eine andere Freundin vor, die zufällig in dem Moment anruft. Bahn sei ohnehin viel besser, vielleicht gäbe es einen Nachtzug? Ich suche probehalber eine Verbindung von Cannes nach Frankfurt: 13 Stunden und fünf Mal umsteigen (Cannes, Marseille, Paris Gare de Lyon zu Gare de l’Est, Karlsruhe, Frankfurt Hbf zu Frankfurt Flughafen, wo dann endlich ein Mietwagen auf mich warten würde) zu einem Preis jenseits von gut und böse, kommt nicht infrage.
Ich wende mich noch einmal der App zu, die mir anonym aber freundlich die Annulierung hat zukommen lassen. Es gibt drei Möglichkeiten schreibt eine künstliche Intelligenz: Sie könne überprüfen, ob ich schon umgebucht wurde, mir Flugalternativen suchen, oder den Flug komplett annulieren. Ok, umgebucht war ich noch nicht, das erfahre ich schnell, ich lasse die künstliche Intelligenz also Flugalternativen suchen (ich war gerade schon auf der Seite des Fluganbieters, dort gibt es noch ein paar vereinzelte Flüge für zum Teil vierstellige Summen, ich fliege Economy light, und vermute, dass ich so schnell nicht wegkommen werde – damit würde das Wochenende, der Geburtstag und ein Besuch bei der Familie in Heidelberg, ausfallen. Herrjeh, was für eine Enttäuschung, wenn ich das meiner Mutter sagen müsste). Aber siehe da, die künstliche Intelligenz schlägt mir eine kostenlose Umbuchung zu einem der teuren Flüge zu einer verträglichen Abflugzeit vor. Kein Zögern, nehme ich. Ich werde umgebucht und bekomme meinen Boardingpass, alles in kürzester Zeit auf dem Smartphone. Toll! Abgesehen davon, dass ich nun umgehend den Koffer packen muss, bin ich ziemlich begeistert von diesem Service. Super erleichtert rufe ich wieder die Freundin an und sage, dass ich etwas früher käme. Alles gut. Sie freut sich, dass ich komme und plant ihren Tag um. Ich versuche nun, den Mietwagen für abends auf mittags zu reservieren. Die Mietwagenfirma hat leider keine kompetente künstliche Intelligenz auf ihrer Internetseite, natürlich auch keine Mailadresse oder gar eine Telefonnummer, unter der ich sie erreichen könnte. Ich buche also einen anderen Kleinwagen für mittags und denke mir, ich werde den reservierten Wagen für abends annulieren und mich erklären, wenn ich da bin.
Aber dann haben sie mich nicht mitgenommen. Es blinkte rot und blökte laut, als ich meinen Boardingpass auf den Scanner lege. Die Bodenstewardess nimmt mich streng zur Seite, ich fühle mich kurz wie eine blinde Passagierin, und prüft meinen Boardingpass. Ich stehe nicht auf der Passagierliste, sagt sie mir. Bitte? Ich habe einen Boardingpass, einen Sitzplatz – aber nein, sie ist entschieden, ich darf nicht an Bord, der Flug ist außerdem ausgebucht, es gibt keinen Platz. Sie lässt noch eine Handvoll Passagiere einsteigen. Ein fehlender Passagier wird ausgerufen – er kommt nicht. “Dann nehme ich seinen Platz”, sage ich, aber nein, das lässt die Regelung nicht zu. Dann schließt sie die Tür. Ich starre die geschlossene Tür an. “Was mache ich denn jetzt?” frage ich fassungslos. “Rufen Sie die Lufthansa an”, sagt sie ungerührt. “Sie sind nicht Lufthansa?”, frage ich. Nein, sie sind nur ein Subunternehmen, erfahre ich. Immerhin sucht sie mir die entsprechende Telefonnummer und ich habe sofort jemandem am Telefon, einen echten Menschen, keine künstliche Intelligenz. Ich hasse telefonieren, denn wenn ich aufgeregt bin, verliere ich immer meine französische Sprachkompetenz, aber ich schaffe es dieses Mal, meinen Fall verständlich vorzubringen. Der Mann am Telefon sagt, es könne gar nicht sein, dass ich mit meinem Boardingpass nicht auf der Liste gestanden hätte. Das hilft mir aber wenig, das Flugzeug ist in der Zwischenzeit ohne mich abgeflogen. “Ich buche sie um auf 14.20 Uhr”, sagt er. “Den Link schicke ich Ihnen gleich per SMS zu.” Er rät mir dennoch, bei Öffnung des Schalters sofort überprüfen zu lassen, dass ich dieses Mal auf der Passagierliste stehe. Wenn nicht, dann sei noch genug Zeit, um mit der Lufthansa Rücksprache zu halten.
Ich rufe die Freundin an, um sie zu informieren, dass ich jetzt doch später käme, aber ich käme, aller Voraussicht nach.
Dreißig Minuten später habe ich noch keine SMS mit dem Link. Ich warte noch zehn Minuten, dann rufe ich erneut bei der Lufthansa an. Franzosen mit Migrationshintergund verstehe ich aufgrund ihres Akzents und ihrer Art, die Standardsätze herunterzuleiern, immer nur schwer. Ich mache natürlich den Lärm am Flughafen dafür verantwortlich, als ich ihn bitte, alles zweimal zu wiederholen. Vous pouvez répéter s’il vous plaît? Und NATÜRLICH höre ich auch wieder ALLES GLEICHZEITIG! Das Klaviergeklimper, die Rollkoffer, Kinderweinen von Ferne, die Stöckelabsätze einer Dame, den Anruf des deutschen Mannes rechts neben mir, die Durchsagen “Passenger XY ist requested to proceed…”, das Grundrauschen, den Hall in der Halle, irgendwo fiept immer etwas, erneute Durchsagen unverständlich diesmal, dafür aber auf Englisch und Französisch, es IST LAUT! “Ne vous inquiétez pas!” sagt der Herr am Telefon erneut. Ich sage, dass ich ihn im 30 Minuten Rhythmus anrufen werde, wenn ich den Link zu meinem Ticket und dem Boardingpass nicht bald bekäme. Das findet er extrem lustig und lacht sich schlapp. Nun gut. Ich warte und versuche nun auch die 2. Mietwagenreservierung zu stornieren, weil ich in den AGBs gelesen habe, dass bei Nichterscheinen eine Ausfallgebühr erhoben würde, das möchte ich gerne vermeiden; ich finde aber den angeblich existierenden Kontakt-Button nicht, ich sagte es schon, die Internetseite ist nicht ganz ausgefeilt, immerhin kann ich auf die erhaltene Buchungsbestätigung antworten – zumindest glaube ich das in diesem Moment, und ich schreibe eine lange, vermutlich unverständliche Mail, die nicht rausgeht, bis ich merke, dass mein Flughafen-Internet-Zugang erloschen ist: ich hänge schon zu lange hier herum, und muss an den Film Terminal denken, wo Tom Hanks einen Passagier aus einem erfundenen Osteuropäischen Land spielt, der nicht in die USA einreisen darf, weil in seinem Land zwischenzeitlich ein Putsch stattgefunden hat, und die USA die diplomatischen Beziehungen abgebrochen haben, aber auch nicht mehr in sein Land zurückreisen kann, da seine Papiere ihre Gültigkeit verloren haben, und er gezwungen ist, mehrere Monate am Flughafen auszuharren. Ich wähle mich erneut ins Flughafen-Internet ein, die Mail geht raus und die Lufthansa-SMS kommt rein, hurrah! Ich checke mal wieder ein, erstelle meinen Boardingpass und bin halbwegs guter Dinge.
Um 12.15 Uhr gehe ich Mittagessen (Sandwich, und Cheesecake im Becher), um 12.37 Uhr bekomme ich eine SMS, dass der Flieger verspätet sein wird. OMG. Der Wetterbericht für Deutschland ist außerdem ziemlich beunruhigend und ich habe die leise Befürchtung, dass der Flieger letzten Endes keine Starterlaubnis mehr bekommen wird. Think positive. Ich setze mich wieder in die Wartehalle, lese im Internet herum und schirme mich mit meinen Kopfhörern von zu viel Lärm ab. Der Flughafen, der sich zwischenzeitlich geleert hatte, füllt sich wieder. Hohes Grundrauschen. Ein neuer Klavierspieler ist eher begabt und spielt jazzy – trotzdem ist es mir zu viel.
Die Tarifverhandlungen bei der Bahn sind gescheitert, lese ich, ein unbefristeter Streik wird wahrscheinlich. Gut, dass ich nicht auf die Bahn umgestiegen bin.
13.37 Uhr, am Schalter tut sich etwas, ich stelle mich sofort an, bin aber nicht die einzige; als ich dran bin, muss ich erneut meine Geschichte erzählen, denn sie finden das Überprüfen überflüssig, ich habe doch einen Boardingpass. Ich sage mal wieder, dass ich den um zehn Uhr morgens auch hatte und dennoch nicht mitfliegen durfte, weil … “Kann gar nicht sein”, sagt der Herr im dunkelblauen Anzug. Ich zucke mit den Achseln, ich warte nicht aus lauter Jux und Dollerei stundenlang am Flughafen, immerhin prüfen sie jetzt die Passagierliste: ja, ich stehe drauf! Und der Flieger hat auch weiterhin nur 35 Minuten Verspätung.
14.30 Uhr: ICH BIN DRIN!
Gegen 17 Uhr bin ich bei der Autovermietung. “Wie viele Autos wollen Sie denn?” fragt der junge Mann hinter dem Schalter süffisant, weil er zwei Reservierungen findet, aber keine Stornierung. Er hat meine Mail nicht bekommen, meine Geschichte interessiert ihn auch nicht besonders. Ich bekomme aber problemlos einen Kleinwagen, der doppelt so groß ist wie unser Auto zuhause und zehn mal technisierter. Ich kann es – ohne Schlüssel – schonmal nicht starten (Kupplung UND Bremse treten UND auf den Startknopf drücken, falls Sie das mal brauchen sollten, bitte gerne!) Später fahre ich bestimmt zwanzig Minuten mit Scheibenwischer, obwohl es noch nicht regnet, weil ich ihn aus Versehen angeschaltet habe, ihn aber ums Verrecken nicht mehr ausschalten kann. Immerhin ist das Navigationssystem leicht zu bedienen und findet auch Orte ohne exakte Adresse. Es ist beste Berufsverkehrzeit, aber ich fahre ohne Stau und ohne Gewitter. Gegen 18 Uhr bin ich da! Halleluja!
Es wird ein sehr schönes Wochenende, erstmals musste ich wirklich gar keine anderen Klamotten mitnehmen, in Deutschland ist es genauso warm wie in Südfrankreich. Dort war es bei Abflug sogar etwas frischer, wegen viel Wind. Jetzt allerdings, innerhalb von drei Tagen, ist es hier wirklich Sommer geworden. Ich vergesse jedes Jahr, wie es ist: diese monatelange warme klebrige Schwüle, die einen müde macht und träge. Als ich Sonntagabends aus dem klimatisierten Flughafengebäude trete, trifft mich die feuchte Hitze wie ein Schlag. Glauben Sie mir, die “schwüle” Hitze in Deutschland, die ich gerade erleben konnte, ist gar nichts im Vergleich.
Im Nachbarhaus ist zusätzlich Baustelle, wir teilen uns die Wand, die unter dem Presslufthammer, der nebenan rattert, vibriert, und das morgens, mittags und unverhofft auch zur besten Sieste-Zeit. Es grenzt an Folter. Gestern kurz vor Mitternacht hatten wir noch 29°C indoor! Jetzt sitze ich im leichten Gebläse des Ventilators. Es ist Sommer.
PS: Zurück hat übrigens alles wunderbar geklappt, um das auch zu sagen. Ich habe allerdings zweimal überprüfen lassen, dass ich auch wirklich auf der Passagierliste stand!
Heute waren wir an einem anderen Strand als sonst, ganz im Osten von Cannes, im Stadtteil Moure Rouge, am Fuß des Hügels La Californie.Moure Rouge war eigentlich mal ein Fischerdorf, es gibt dort auch noch einen kleinen Hafen, aber die meisten der kleinen ein- oder anderthalb geschossigen Häuschen sind verschwunden und an ihrer Stelle stehen jetzt Appartmenthäuser aus den 60er oder 80er Jahren; wenn heute neu gebaut wird, dann werden es riesige mehrstöckige gläserne Paläste.
Der dortige Stadtstrand aber ist noch Fischerdorfklein, und er ist in viele Buchten unterteilt, das Wasser plätschert freundlich und es geht lange sehr flach ins Wasser. Es ist Kinder- und Seniorenfreundlich, und man kann gefühlt “weit draußen” noch stehen, was zumindest viele Erwachsene auch machen. Ich sah viele Grüppchen im Wasser herumstehen und plaudern. Der Strand von Moure Rouge ist der letzte Naturstrand von Cannes. Das bedeutet, der Sand ist “echt” und nicht aufgeschüttet, leicht grau und ganz fein, ein sehr weiches Gefühl unter den Füßen, viel angenehmer als der gelbliche und grobkörnige Sand, mit dem “unser” Strand am Midi Plage jedes Jahr aufgefüllt wird. Im Wasser liegen allerdings auch ein paar Steine und das Neptungras wächst hier, und da, wo es wächst, sieht das Meer ein bisschen bräunlich-grünlich gefleckt aus. Das Neptungras liegt dann auch am Strand (ein bisschen) und Teile davon dümpeln im Wasser herum. Das sieht vielleicht nicht so schön aus, ist aber völlig natürlich. Nein, es ist keine Alge, es ist ein Meergras, heißt hier la posidonie, und wächst gaanz langsam und ist quasi die Lunge des Mittelmeers. Seitdem ich weiß, wie wichtig dieses Pflänzchen für das Ökosystem ist und dass es auch im trockenen struppigen Zustand am Strand liegend noch hilft, diesen vor dem Weggeschwemmt werden zu bewahren und deswegen zumindest in der Wintersaison da liegen bleiben darf, mag ich die buschigen Schwänzchen, die stacheligen Bällchen und die trockenen Gräser richtig gern.
Heute hatten wir Ostwind, und wenn Sie im letzten Jahr mitgelesen und aufgepasst haben, dann wissen Sie, bei Ostwind gibt es vermehrt Quallen. Nun, es gab zumindest eine, ich habe sie aber nur am Strand entdeckt (und entsorgt) und hatte sonst weiter keine Quallen-Begegnung.
Bei Ostwind ist diese Ecke auch bei Seglern, Surfern und Kitesurfern beliebt. In Moure Rouge kann man auch Kajaks und Standup-Paddel mieten und damit bis zur Insel Ste. Marguerite paddeln oder einmal drumherum. Es war also allerhand los und viele waren unterwegs heute. Aber leider kann ich das kleine Video, das ich gemacht habe, hier nicht einbetten.
Da wir später waren als sonst, überquerten wir mittags die (verkehrsberuhigte Einbahn-) Straße und aßen am winzigen Tisch “bord de mer”, so nennen sie im Restaurant die Tische an der Straße, es ist vielmehr “bord de route”. Wenn aber nicht viel los ist, so wie heute, dann sieht man das Meer gegenüber und die paar Autos stören nicht, es war also ziemlich “bord de mer”.
“Le bonheur est-il affaire de raison ?” Ist Glück eine Sache der Vernunft?
“Vouloir la paix, est-ce vouloir la justice ?” Ist der Wunsch nach Frieden der Wunsch nach Gerechtigkeit?
Heute hat die angeheiratete Enkelin ihre letzte schriftliche Abiprüfung geschrieben: Le bac philo. Alle AbiturientInnen Frankreichs schrieben heute einen vierstündigen Aufsatz zu einem philosophischen Thema. Die Enkelin hat das “Glück” gewählt (hätte ich auch, denken Sie sich!), war aber trotzdem nicht ganz glücklich mit dem Thema. Die Philosophie-Prüfung ist eine Last für die meisten SchülerInnen, und sie wiegt auch noch schwer im Abitur; die letzten Tage hat die Enkelin ächzend den Stoff wiederholt (16 Themen konnten in irgendeiner Form drankommen) und sich Zitate eingepaukt, die man überall einsetzen kann. Nächste Woche hat sie noch die mündliche Prüfung, le grand oral, diese aber in ihren Leistungskursen (das heißt hier nicht wirklich so, aber ich verwende verständnishalber diesen Begriff) Mathe und SVT, science de la vie et de la terre, irgendwie verbinden sie da Bio mit Geo, und das liegt ihr eindeutig mehr als das hochtrabende Gelaber der Philosophie.
Ich bin immer noch überrascht, dass man hier in der letzten Klasse vor dem Abi, in der terminale, Philosophie als Pflichtfach hat. Was dann dazu führt, dass Franzosen, wenn sie einen beeindrucken wollen, einem gerne irgendein Nietzsche Zitat um die Ohren hauen oder eins von Hegel oder von Hannah Arendt. Niehtsch sagen sie allerdings und nicht nur, dass ich nicht wusste, wer das sein sollte, ich verstand auch das Zitat nicht. “Nietzsche, ach so!”, sagte ich dann, wenn der Groschen fiel. Ausgerechnet Nietzsche. Das Zitat, auf Französisch, verstand ich dann immer noch nicht, aber darum gings auch nicht wirklich. Es sollte mich nur beeindrucken und das tat es auch, ich konnte nicht mit einem Zitat von wemauchimmer kontern.
Zu meiner Zeit gab es keine Philosophie an der Schule, wir hatten noch Religionsunterricht, der nur in “evangelisch” oder “katholisch” unterteilt war, und wer weder das eine noch das andere war, das war damals selten, hatte eine Freistunde. Ich hatte katholische Religion bis zum Abi, bei einem ehemaligen Jesuiten, an den ich mich gerne erinnere, und der uns auch mit den anderen großen Religionen und zumindest mit Sartre und dem Existenzialismus vertraut gemacht hat. Spannend eigentlich. Philosophie gabs als Nachmittags-AG, glaube ich mich zu erinnern, ich war da nicht. Schade, denke ich heute, aber ich habe das vermutlich doch ziemlich großartige Lernangebot an der Schule nicht genutzt, mir reichte der Pflichtstoff mit Fächern, die ich nicht verstand (Mathe, Physik), und blöden Lehrern in meinen Leistungskursen (Deutsch und Französisch). Bäh.
Niehtsch, er wird in Frankreich erstaunlich oft zitiert. Geradezu leitmotivisch durchzieht er jedes Gespräch, das an Philosophie grenzt, Leitmotiv, ein Wort, das die Franzosen auch geradezu inflationär nutzen. Erstaunt hat mich auch, wieviele hauptberufliche Philosophen es in Frankreich gibt, die sich stets und ständig zu allem und jedem in den Medien äußern: Bernard Henry Levy etwa, gerne abgekürzt zu BHL (Beh-Asch-Ell), der übrigens mit der, heute nicht mehr ganz so lieblich anzusehenden, Arielle Dombasle verheiratet ist. Oder der hübsche Raphaël Enthoven, dem Carla Bruni seinerzeit ein sehr verliebtes Lied gewidmet hat, das war aber lange bevor sie Madame Sarkozy wurde, die Geschichte ist schön trashig, aber wir wollen ja in der Philosophie bleiben und nicht zum Klatsch absteigen. Oder Alain Finkielkraut – das sind nur ein paar derer, die man ständig in ihrer Eigenschaft als Philosoph zu hören bekommt.
Es regnet. Gerade habe ich wieder das Sonnensegel abgehängt und den Wäscheständer reingewuchtet, wie fast jeden Nachmittag in den letzten Tagen. Herrjeh, das hier ist die Côte d’Azur, oder? Klar, wir sind froh über den Regen, es ist überall zu trocken, schon gut. Ich war schwimmen heute früh, trotz aufgewühltem und etwas schmutzigem Meer, trotz der Wellen, ich schwamm nur bis zur Boje Nummer 8, aber die Strecke immerhin zweimal. Jetzt Gewitter. Es donnert. Heute früh am Strand sahen wir zwei Canadair-Flugzeugen beim Training zu. Es sind amphibische Löschflugzeuge, die quasi auf dem Meer (oder auf Seen) aufsetzen, um Wasser einzusaugen, und um dann zu einem (in der Regel) Waldbrand zu fliegen, der mit gewöhnlichen Löschfahrzeugen nicht oder nur schwer zu erreichen ist und es dann dort ablassen. Heute war Training, sie drehten nur kleine Runden und ließen das Wasser wieder rauschend über dem Meer ab. Derzeit regnet es viel, aber die nächsten Waldbrände sind gewiss. Sie hören mich seufzen. Bitte werfen sie keine Zigarettenkippen einfach so weg! Gerade sah ich den neuesten Film von Christian Petzold (Roter Himmel), in dem auch Wälder brennen, und die Häufigkeit, in der die Schauspieler in ihren Rollen Zigaretten drehten und nervös rauchten, irritierte mich stark.
Etwas ganz anderes, Bodenständiges, ich habe heute Salicornes gemacht, die ich gestern im “Frische-Supermarkt” Le Grand Frais gefunden habe. Im Grand Frais gibt es nur (überwiegend frische) Lebensmittel, kein Toilettenpapier, keine Putzmittel, kein Shampoo und was es sonst in Supermärkten alles gibt, also nur Obst, Gemüse, Fisch, Fleisch und Milchprodukte. Und ein bisschen Wein und Nudeln, Mehl und Zucker. Ich bin da neuerdings ganz gerne, er liegt fast direkt neben dem Erzeugermarkt, und das ergänzt sich sehr schön, finde ich. Beim Erzeugermarkt gabs gestern die ersten frischen Pfirsiche, noch ein kleines bisschen hart, aber sie werden in ein, zwei Tagen köstlich sein, und bei Grand Frais gabs wie gesagt Salicornes.
Ich wusste nicht, was es ist, irgendwas Grünes, ein wild wachsendes Kraut, oder vielleicht eine Alge. Das Rezept, das es mit dazu gab, schlug vor, eine Gemüsepfanne mit Knoblauch, Petersilie und Pistazienpesto zu machen, das erinnerte mich stark an den Aufenthalt auf den Äolischen Inseln, wo Pistazien und Kapern quasi an jedem Gericht waren, und ich nahm sie also mit, die Salicornes, ungeröstete Pistazien fand ich auch. Für so etwas ist Grand Frais unschlagbar.
Monsieur allerdings schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er sah, was ich da zubereitete. Kestufais? Himmel! Unkraut sei das! Ich suche es im Internet und weiß jetzt, dass es auf Deutsch Queller heißt oder Meeresspargel, Meeresbohne oder meinetwegen auch Meeresfenchel und als wertvolles Wildgemüse mit leicht pfeffrigem Geschmack gilt. Ich lasse mich von den Einwänden und dem skeptischen Blick des Gatten nicht beirren und rühre mir ein Pistazienpesto zusammen, das ich mit viel Knoblauch zu den erst gewaschenen, dann blanchierten und dann kurz bei großer Hitze angebratenen Salicornes gab. Dazu gabs ein ordentliches Stück in Butter angebratenen Kabeljau. Es sah schön aus und es war zumindest nicht unlecker, wobei der pfeffrige Geschmack vermutlich vom Pistazien-Knoblauch-Pesto überlagert wurde. Monsieur hat es aufgegessen (Sie wissen schon, der Hunger treibts rein) konnte sich aber kaum beruhigen, dass er zum ersten Mal in seinem Leben dieses Unkraut gegessen hat.
Zurück zur Philo – seit drei Jahren gibt es am Tag, an dem das Philosophie-Bac geschrieben wird “le bac philo des humoristes” – verschiedene Humoristen schreiben am selben Tag ihre Sketche zu den in der Regel wenig lustigen Abi-Themen und stellen sie abends im Théâtre Libre in Paris dem Publikum vor. Die Veranstaltung wird tatsächlich live im Fernsehen übertragen! Sie wissen, was wir heute Abend sehen werden!
Ok, es war nicht alles so wahnsinnig witzig – und ich habe es nicht bis zum Ende gesehen. Deswegen habe ich vermutlich Les Coquettes verpasst. Die drei Damen, die mit ihren niedlich klingenden “les petites chansons” bitterböse sind. Hier ein Beispiel vom letzten Jahr (ich habe das aktuelle Video von gestern, das zumindest angekündigt worden war, leider nicht gefunden).
Wir waren zu einem Familientreffen in der Nähe von Grenoble eingeladen, in Lus-la-Croix-Haute trafen wir auf Cousins und Cousinen Monsieurs, une cousinade also.
Wir fuhren über die Route Napoléon dorthin, die, wenn man sich das auf der Karte ansieht, von uns in einer fast geraden Linie nach Norden führt. Ganz so gerade wars dann aber nicht, in Wirklichkeit ist sie ungeheuer kurvig und führt über Berge und Hügel und Cols hinauf und wieder hinunter.
Die Route Napoléon heißt so, weil Napoléon am 1. März 1815, mit etwa 1000 Mann von seinem Verbannungsort Elba kommend, in Golfe Juan anlandete und über Cannes, Grasse, Castellane, Digne, Sisteron, Gap bis nach Grenoble und weiter bis Paris lief, um sich die Macht wieder anzueignen, was ihm für immerhin etwas mehr als hundert Tage gelang, bis er bei der Schlacht von Waterloo vernichtend geschlagen wurde. Nachzulesen (auf Deutsch) etwa hier. Sein erster Halt war Cannes, hier übernachtete er, allerdings außerhalb von Cannes, da der damalige Bürgermeister ihm den Zugang zur Stadt verwehrte; der Ort, an dem sie ihre Zelte für ein “Biwak” aufschlugen, war damals Strand; bis heute erinnert die kleine Straße “Rue Bivouac Napoléon” nicht weit vom heutigen Palais des Festivals daran.
Ich füge ein Foto ein, mir ist nämlich gerade dieses ziemlich neue Schild an der Ecke zur Nachbarstraße ins Auge gefallen: “Napoleon kam hier am 2. März 1815 vorbei”. Quasi direkt vor unserer Haustür. Nur, dass unser Haus, obzwar noch im 19. Jahrhundert erbaut, damals noch nicht stand.
Und wie mir auch gerade auffällt, wohnen wir jetzt offiziell an der Straße, die für LKWs ausgewiesen ist.
Die Route Napoléon ist heute eine Ferienroute, heißt auch RN 85, und wird von Motorradfahrern ebenso wie von Wohnmobilen gerne gewählt – um gemächlich (die Wohnmobile) oder schwungvoll (die Motorräder) entweder in den Süden oder wie bei uns, in den Norden zu schaukeln. Der normale Pkw-Fahrer findet sich irgendwo dazwischen und harrt seufzend der Momente, wo er endlich die Wohnmobile überholen kann.
Auf dem Hinweg waren wir etwas in Eile, weil wir zum Mittagessen schon da sein wollten, und weil die im GPS angegebenen dreieinhalb Stunden Fahrzeit natürlich weder die Baustellen, noch die langsamen und unüberholbaren Wohnmobile, noch die Kaffee- und Pipi-Pausen miteinberechnet. Keine Besichtigung von Sisteron also, das am dramatisch aussehenden Felsen klebende Dorf sehe ich nur im Vorüberfahren. Und da ich fuhr, gibts auch kein Foto.
Unterwegs und je näher wir dem Zielort kamen, war es sehr grün! Dieses wunderbare Juni-grün mit wogenden Weizenfeldern, blühenden Wiesen und dazwischen roten Mohnblumenfeldern.
Der Ort selbst lag auch mitten im hügeligen Grün und war im Weiteren umgeben von Bergen, unsere einfache kleine Ferienwohnung hatte auch Blick ins Grüne! Insekten summten und sirrten, Vögel zwitscherten. Es war ganz und gar beglückend, zumal für die ganze Woche Regen angesagt war, es aber bis auf zwei kleine Gewitterschauer angenehm sonnig blieb.
Es wurde drei Tage lang viel erzählt, von heute und von früher, von Kindern, Enkeln und Eltern, es wurden Fotos herausgekramt und betrachtet, in fetten Fotoalben geblättert, und Erinnerungen, schöne und weniger schöne, geteilt, es wurde viel gegessen und getrunken, Boule gespielt und ein bisschen gewandert: eine Strecke zu einem kleinen Wasserfall war den überwiegend 70+ Cousins und Cousinen mit Knie und Hüfte angepasst.
Nach drei Tagen fuhren wir müde gequatscht wieder zurück. Ein bisschen gemächlicher dieses Mal, aber Sisteron, das zu nah lag, als dass wir schon eine Pause hätten machen wollen, sah ich wieder nur im Vorüberfahren. Wir hielten dafür in Digne, offiziell Digne-les-Bains, kleiner verschlafener Kurort, in dem es das Wohnhaus von und ein Museum für Alexandra David-Néel, einer großen Abenteuerin und Reiseschriftstellerin, gibt. Alexandra David-Néel ist die erste Frau, die in die damals “verbotene” Stadt Lhasa in Tibet – illegal, als Bettlerin verkleidet – ein- und wieder ausreiste.
Hier noch ein kleiner Film (in französischer Sprache), in dem uns ein sehr enthusiastischer und sehr junger Mann unter anderem das Haus und das Museum in Digne zeigt. Dort findet auch ein Gespräch mit der dame de compagnie, der “Gesellschaftsdame” von Alexandra David Néel statt, die als junge Frau zehn Jahre mit ihr lebte, nach ihrem Tod ihre Asche in Indien in den Ganges streute und sich ihr restliches Leben um den Nachlass der Reiseschriftstellerin kümmerte.
Falls Sie je nach Digne kommen sollten, gleich gegenüber des Museums (das außerhalb der Stadt, aber nah der Route Napoléon liegt, was einen Abstecher leicht macht) gibt es ein kleines vegetarisches, teilweise veganes Restaurant mit leckerem Essen, selbstgemachten Limonaden und gutem Kaffee.
Was unterwegs übrigens auch üppig blühte, war der Ginster; ich musste unbedingt anhalten, um ihn zu erschnuppern. Katherine Mansfield hatte ein Parfum, das genet fleuri hieß, blühender Ginster. Ich weiß nicht mehr viel von und über die neuseeländische Schriftstellerin Katherine Mansfield, die ich gelesen habe, als ich vor etwa 25 Jahren nach Neuseeland reiste, warum ich mir ausgerechnet ihr Parfum merken konnte, wissen die Götter. Ich schnupperte also am dottergelben Ginster, und fand den Duft überraschend stark aber angenehm. Leider finde ich aber keine Spur von einem Parfum namens genet fleuri im Internet. Gestern habe ich extra Fragonard aufgesucht, die ja allerhand Blüten-Düfte produziert haben, Ginster gehört wohl zum Duftbukett vieler Parfums, einen reinen Ginster-Duft aber haben sie (bislang) nicht im Angebot.
Wieder zuhause klebt die Katze nun auf meinen Knien fest.
Die goldene Palme haben nun also weder Wim Wenders, noch Ken Loach noch Martin Scorsese bekommen (alle drei Filme wurden hoch gelobt!), sondern nein, eine Frau, die dritte in der Geschichte der Goldenen Palme, man versucht da etwas aufzuholen, die Französin Justine Triet bekam sie für ein Krimi-Gerichts-Drama “Anatomie d’une chute” – es sei ein packender Film, wurde mir gerade von einer Freundin berichtet, die den über zwei Stunden dauernden Film in einer der Vorstellungen für die Einwohner von Cannes heute gesehen hat (ich konnte ihn nicht sehen, wir waren anderweitig unterwegs). In einem Gerichtsprozess wird versucht zu klären, ob ein Mann, Ehemann und Vater, Selbstmord begangen hat oder ob er von seiner Frau, einer Autorin, gespielt von der deutschen Schauspielerin Sandra Hüller, ermordet wurde.
Bei der Übergabe der Palme kam es zu einem kleinen Skandal, da Justine Triet in ihrer Dankesrede die Rentenreform Macrons stark kritisierte und seine neoliberale Politik grundsätzlich, sie beklagte außerdem die Kommerzialisierung der Kultur in Frankreich, die mit dieser Politik einhergehe.
Die Kulturministerin fand diese engagierte Rede, die im übrigen von vielen Menschen im Publikum applaudiert wurde, aber von ebensovielen Menschen auch als unangebracht (und undankbar) galt, skandalös, da Justine Triets Film mit öffentlichem Geld gefördert worden war. Witzige Szene, als Jane Fonda, die die Palme übergeben durfte, der Filmemacherin hinterher eilte um ihr das offizielle Dokument, das sie neben dem Mikro vergessen hatte, mitzugeben und es ihr letzten Endes hinterherwarf. Ganz geklärt wurde nicht, ob dies ein Kommentar Fondas zu Triets Rede gewesen ist oder schlicht ein Lapsus.
Sandra Hüller war noch in einem anderen Film in Cannes vertreten, “The Zone of Interest”, dort verkörpert sie die Gattin von Rudolf Höß, dem Lagerkommandanten von Auschwitz, die in ihrer schönen Villa umgeben von einem paradiesischen Garten, in unmittelbarere Nähe zum Konzentrationslager, eine Familienidylle aufbaut. Dieser Film bekam den Großen Preis der Jury, ebenso eine wichtige Auszeichnung.
Ich würde gerne zu Sandra Hüller hier ein kleines Video einfügen, das ich aber bislang nur auf Facebook gefunden habe. Nicht sicher, ob es (für Sie alle) funktioniert.
Sandra Hüller kennen Sie vielleicht aus dem seinerzeit, nicht nur in Cannes, hochgelobten Film “Toni Erdmann”, den ich hingegen vor allem verstörend fand. Nun gut.
Einen Film, den ich gerne ansehen werde, wenn er im Kino erscheinen wird, stammt vom Franco-Vietnamesen Trần Anh Hùn, ein Film über das Essen, das Leben und die Liebe (manchmal will man ja auch einfach nur was Schönes sehen, nicht wahr; dass das Kino heutzutage viel zu sozialkritisch sei und uns zu wenig träumen lasse, wird hier auch immer wieder kritisiert) mit Benoit Magimel und Juliette Binoche. Die Kritiken sind positiv: der Filmtitel sei unverdaulich und lasse Schlimmstes befürchten, hieß es (La passion de Dodin-Bouffant ist der französische Titel, der Englische hingegen lautet Pot-au-feu) man habe erwartet, ein Remake etwa von Babettes Fest zu finden, oder eine Abwandlung von La grande bouffe, das Thema ist ja nicht neu, mir fällt dazu noch Bella Martha ein. Aber anscheindend ist es dem Realisateur gelungen, etwas völlig Neues zu filmen und Magimel und Binoche, die im echten Leben einmal ein Paar waren und einen Sohn eine Tochter zusammen haben, verkörperten ihre Liebesgeschichte glaubwürdig und “glühten” in ihren Rollen.
Und damit Sie das auch noch wissen: Was wir zwischenzeitlich im TV gesehen haben: die Serie “Back to life”. Sehr britisch. Zwischen Lachen und Schaudern. Aber absolut sehenswert.
Noch etwas, was Sie vielleicht nicht wussten und ohne das Sie genauso gut weiterleben könnten: Im Hotel Martinez wurden für die Zeit des Filmfestivals vier Falken angeheuert, also genauer gesagt zwei Falkner mit ihren Falken, die die Tauben und die Seemöwen in Schach halten sollten. Die Tauben sind ein bisschen aufdringlich und hüpfen ohne Scheu auf die Teller der Gäste auf der Terrasse und sind das, was man hier “pique-assiette” nennt, jemand, der von ihrem Tellerchen mit isst, ohne zu bezahlen, ein Schmarotzer auf gut Deutsch; die Seemöwen aber (ebenso pique assiette, das wollen wir nicht vergessen), haben gerade Brutsaison, nisten auf Dächern und in Nischen der Hotels und umliegenden Häuser, und sie fühlen sich und ihre Jungen schnell von den vielen Menschen bedroht und werden daher aggressiv. Wenn die Falken unterwegs sind, bleiben die Möwen im Nest und die Tauben verkrümeln sich, ohne die Krümel auf dem Teller mitgenommen zu haben. Andere Restaurants versuchen das zu erreichen, in dem sie Winddrachen in Greifvogel-Optik, die sich im Wind hin und her bewegen, anbringen. Da denke ich, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Tauben und Möwen bemerkt haben, dass es ein Fake-Falke ist. Sie sind ja nicht doof, diese Tiere. Gestern erlebte ich, wie in unmittelbarere Nähe dieses Fake-Falken eine Seemöwe eine Taube erlegt hat. Nicht schön anzusehen.
Anderes Thema: Ich habe zwischenzeitlich die Schwimmsaison im Meer begonnen. Letzten Montag, um genau zu sein. Das Wasser hat derzeit 17°C, für die, die es interessiert. Die Wassertemperatur zu wissen, ist ja beim täglichen Meeres-Schwatz ein MUST. 17 Grad also. Ist ok. Etwas frisch beim Reingehen, aber schnell spürt man es nicht mehr. (Wir waren heute eingeladen und der dortige Pool war auf 29 Grad geheizt! Verrückt!) Ich schwimme also seit Montag jeden Tag und bin wahrhaftig beglückt, auch über meine Kondition, das Winter-Hallenbad-Schwimmtraining war nicht umsonst! Am Donnerstag, auf dem Weg zur großen Boje, die, ich weiß es nie, etwa bei 300 oder 400 Meter draußen im Meer herumdümpelt, und die den Schwimmbereich begrenzt – wenn Sie weiter rausschwimmen und etwa von einem Motorboot erfasst werden, sind Sie selbst schuld – ich schwamm also am frühen Morgen, kaum Menschen am Strand, es war noch beinahe windstill, das Meer kräuselte sich nur zu kleinen plätschernden Wellen,
ich war wirklich glücklich so alleine im Meer, da brizzelte es erst an einem Arm, es kam so überraschend wie mein Schrei, und zack brizzelte es nochmal am anderen – ich sah sie nichtmal, aber ich wusste, ich bin in die Tentakeln einer der lieblichen Feuerquallen geschwommen. Energisch, um nicht zu sagen panisch, schwamm ich zurück – die Stellen an den Armen brennen, es war zunächst weniger schmerzhaft als letztes Jahr, als sich ein größerer Tentakelarm um meinen Unterschenkel gewickelt hatte; zunächst erinnert es dieses Mal nur ein wenig an eine Begegnung mit Brennnesseln und ich hoffte, dass es weniger schlimm würde. Aber nein, drei Tage später habe ich erneut überall kleine, juckende und mit Lymphe gefüllte Bläschen an vier Stellen an beiden Armen. Es wird noch eine Weile dauern, bis es abgeheilt ist und man wird es lange sehen. Freitags war ich dann nicht schwimmen und gestern nur ein bisschen im klaren Wasser nah des Strandes, wo ich den Überblick hatte. Ich denke über eine Schwimmweste nach, um wenigstens den Oberkörper zu schützen. Klar, ich könnte auch weiterhin im Hallenbad schwimmen, das im Sommer immerhin das Dach zur Seite schiebt – aber so sehr ich mich im Winter daran gewöhnt habe, so wenig passt es für mich im Sommer. Quallen hin oder her, Meer ist Meer.
Mit allen Vor- und Nachteilen: Überbleibsel von Bier und Zigaretten.
Mit dem goldenen Schwan in der Stadt der Goldenen Palme.
Voilà, das Filmfestival 2023 ist vorbei. Morgen regnet es trotzdem nochmal, danach ist es wahrscheinlich schlagartig Sommer.
Ich bin ein bisschen raus aus dem Filmfestival – ich habe dieses Jahr wirklich keine Karten von irgendjemanden geschenkt bekommen und hatte den Termin, um mich beim Rathaus für die “Einwohner-Karten-Verlosung” einzuschreiben, verpasst. Tant pis. Hier waren zwischenzeitlich Scarlett Johansson und Lily-Rose Depp, Johnnys Töchterchen, nur für den Fall, dass Sie es nicht wissen sollten, auf dem roten Teppich. Scarlet trug ein merkwürdiges Kleid in Rosa, aber sie kann ja alles tragen, nicht wahr, und Lily-Rose irgendein schwarzes Kleidchen von Vintage-Chanel. Sie kam übrigens sehr cool mit Zigarette in der Hand aus dem Hotel (der französische Einfluss vermutlich), an der sie noch einmal lässig zog und sie dann locker wegschnippste als sie in die Limousine einstieg, die sie zum Palais des Festivals fuhr – Zigarette wegschnippsen ist eine Ordnungswidrigkeit und kostet in Cannes in der Regel 180 Euro Strafe. Zumindest wenn sie über einen engagierten Policier stolpern, dem es egal ist, wer Sie sind. “Sie wissen wohl nicht, wer ich bin!” herrschte Thierry Frémaux, der Direktor des Filmfestivals, einen Polizisten an, der ihn wegen Fahrradfahrens auf dem Trottoir verwarnte, als er, im schwarzen Anzug und doch sehr ökologisch, zur abendlichen Feier im Carlton mit dem Rad vorfuhr. Das sei völlig unerheblich, wer er sei, gab der Policier zurück. Da rastete Frémaux ein bisschen aus, beschimpfte den Flic, und drohte an, das werde Konsequenzen haben! Der Polizist und Herr Frémaux wurden von einigen Herren des Hotel-Sicherheitsservice’ getrennt, bevor sie aufeinander losgehen konnten. Man schien dem Polizisten immer wieder leise zu sagen, wen er da verwarnt habe, Mister Festival persönlich, aber es beeindruckte ihn wenig. “Et alors?” fragte er er mehrmals. “Na und?” Fahrradfahren auf dem Trottoir ist verboten, basta. Der Polizist wurde natürlich (zumindest offiziell) von seinem Vorgesetzten in Schutz genommen, er habe völlig korrekt gehandelt. Thierry Frémaux hat sich zwischenzeitlich entschuldigt, aber nicht genug, findet man in Polizeikreisen. Etwas mehr Kniefall hätte es schon bedurft. Lily-Rose hingegen wurde nur kurz auf Twitter gelyncht. Was ist das denn für ein Benehmen? Vulgär, respektlos sei sie und habe nichts vom Charme ihrer Mutter. Nun gut. Tom Hanks wurde auch mit wütendem Gesicht und erhobener Faust abgelichtet – er war kurzzeitig von dem Geschrei der Fans und der Fotografen überfordert und hörte die Anweisungen, wo er sich in der sekündlich durchgetakteten Zeremonie hinbegeben solle, nicht. Es IST laut, mich würde das auch wahnsinnig machen, wenn tausende Menschen dringlich meinen Namen riefen, als seien sie alle lang verschollene Freunde. Aber alles gut, eine Minute später lächelte er schon wieder professionnel auf den rot ausgelegten Stufen.
Heute Abend findet im Hotel-Eden-Roc auf dem Cap d’Antibes, THE place to be, wenn man wirklich reich und berühmt ist, eine Benefiz-Gala zur Unterstützung der AIDS-Forschung statt. Gehostet, wie das neudeutsch heißt, wird das Ganze von Queen Latifah, die musste ich erst googeln, und die Life acts-KünstlerInnen kenne ich auch alle nicht mehr. Aber immerhin weiß ich noch wer Leonardo di Caprio ist, der eben noch im Gotha Club am Palm Beach tanzte, aber heute Abend auch bei der Gala anwesend sein wird. Sie könnten übrigens ein Porträt von Leo, angefertigt von Damien Hirst, zu Gunsten der AIDS-Forschung ersteigern. Oder lieber einen Aston Martin? Falls Sie noch schnell auf die Warteliste der Gäste kommen wollen, bitteschön, hier entlang. Der billigste Platz und eine Erwähnung Ihres Namens auf der offiziellen Gästeliste ist für 25.000€ zu haben.
Dieser ganze ausschweifende Luxus an der Côte d’Azur treibt die CGT, die große Gewerkschaft Frankreichs, verständlicherweise in den Wahnsinn. Wenn all diese Reichen ordentlich Steuern zahlen und mal ein bisschen was von Ihrem Reichtum abgebeben würden, dann bräuchten wir uns hier nicht mit dieser Rentenreform herumärgern. Die CGT hatte in Cannes Demonstrationen angekündigt, die aber für die Zeit des Festivals und, zumindest in unmittelbarere Nähe des Festivals-Geschehens, untersagt worden waren. Es gab dann doch eine kleine Demo, pressewirksam vor dem Carlton mit roten CGT-Regenschirmen. Da das aber offensichtlich nicht genügte, um von sich reden zu machen, demonstrierte man gestern noch einmal vor dem Bahnhof und hat dann zusätzlich kurzerhand sämtlichen Hotels und Restaurants an der Croisette, einschließlich der Strandrestaurants und dem Palais des Festivals ab Mittags für mehrere Stunden das Gas abgestellt, um, ich übersetze das Zitat “die starken Symbole des Kapitalismus, der Finanzwelt und ihres enthemmten Ultraluxus mit Gas oder Strom zu ernüchtern”. Andere Ziele an der Côte d’Azur, allen voran St. Tropez, sollen in diesem Sommer auch noch “ernüchtert” werden.
Die Restaurateure in Cannes, im besten Mittagsservice, schäumten verständlicherweise vor Wut. Dass man mit der Politik von Macron nicht einverstanden sein kann, ist eine Sache, ihnen ihre Möglichkeit zu nehmen, an einem Festivaltag zu arbeiten, eine andere. Sie haben es nach den Jahren mit COVID schwer genug, wieder auf die Beine zu kommen. Der Bürgermeister von Cannes, David Lisnard, ließ hören, dass er die Aktion der CGT verurteile – umso mehr, als die CGT bei der Stadt für ihre Mitglieder Freikarten erbeten habe, um bei dem verschrieenen kapitalistischen Ultraluxus-Trallala als Gäste dabei sein zu können.
So viel für heute aus der Festivalstadt … à bientôt!
Die wollen Sie jetzt gar nicht mehr sehen, die Regenbilder von vorgestern, denn heute beginnt die zweite Festivalwoche und die Sonne scheint! Zumindest heute und morgen, vielleicht regnet es am Donnerstag nochmal, aber jetzt haben sich sowieso alle einen Regenschirm gekauft, der muss ja nochmal benutzt werden, passt schon. Die Regenbilder kriegen Sie jetzt aber trotzdem. Nach dem Motto: Blog like there’s nobody watching, mache ich das hier (auch) für mich, um es zu dokumentieren.
Am Samstag war ich trotz oder sogar wegen des schlechten Wetters in der Festival-Stadt unterwegs, um ein paar Eindrücke zu sammeln. Die bekommen Sie jetzt weitgehend unkommentiert. Viel Spaß!
Fund auf dem Weg in die Innenstadt. Jeden Tag gibts hier neue superaktuelle Magazine. Am Tag “danach” wird schon aussortiert.
Schlange stehen im Regen. Es gibt sogar einen Ampelmännchen-Schirm.
Tickets please!
Hier sucht jemand konkret Tickets für den Film: Killers of the Flower Moon, der neue Film von Martin Scorsese mit Robert de Niro und Leonardo di Caprio. Er gilt als Palmen- und Oscarverdächtig.
Die Leitern der Fans.
Das ist eine der dernière minute-Schlangen für die nicht professionellen, cinéphil akkreditierten Zuschauer – bei der man dann unter Umständen auch eine Stunde lang im Regen ansteht, also nicht etwa in letzter Minute “spontan” reinkommt, wie es dernière minute eigentlich verheißt.
Mads Mikkelsen wurde auch schon aussortiert.
Hier gehts zum Filmmarkt.
Ich liebe Spiegelungen in Pfützen.
Für dieses Pfützenfoto bin ich extra bis zum Carlton gelaufen. Ich habs dann aber nicht so gut hingekriegt.
Keine Ahnung, wer hier logiert und erwartet wird. Harrison Ford vielleicht? Er hat am Vortag als Überraschung die goldene Eherenpalme bekommen und dabei ein Tränchen verdrückt. Das wissen Sie sicher schon alles. Egal. Wir ehren die Hollywoodstars, damit sie uns gewogen bleiben. Die fünfte Folge von Indiana Jones bekam aber sehr gute Kritiken!
Cinéma de la plage heißt die Open-Air-Filmveranstaltung während des Festivals und sie findet, wie der Name sagt, am Strand statt. Sie ist kostenfrei, aber in der Regel werden dort keine neuen Filme gezeigt – vielleicht der Grund, weshalb ich in all den Jahren noch nicht dort war. Das Wetter spielt natürlich auch eine Rolle – die Mai-Abende sind nicht immer mild und freundlich.
Soll man wirklich abends den ganzen Weg dorthin laufen, sich eine Stunde vor Öffnung des Strandes schon für einen Liegestuhl anstellen, wenn man einen ergattert, dann noch etwa eine Stunde warten, bis es los geht, nur um dann einen Film zu sehen, den man schon kennt, und gegen Mitternacht wieder zu Fuß nach Hause laufen, weil natürlich kein Bus mehr fährt? Das muss man wollen! Über die Nahverkehrssituation während des Festivals könnte ich einen eigenen Blogartikel schreiben : ich sage nur katastrophal! Der letzte Zug nach Nizza fährt in Cannes um 22.03 Uhr ab! Da hat der Film bei Cinéma de la plage noch nicht mal angefangen! Nach 21 Uhr fährt kein Bus mehr zu mir nach Hause, ein Nachtbus, der in meine Richtung fährt, fährt um halb elf und nochmal um um Viertel nach eins. Basta. Selbst fahren und irgendwo parken? Haha. Taxi? Versuchen Sie es nichtmal!
Dieses Jahr aber wurde ein neuer Film gezeigt im Strandkino, den wollte ich sehen und machte mich auf den Weg (und außerdem dachte ich, bei dem Wetter gehe niemand hin, ich müsse also nicht Schlange stehen, war aber eine Fehleinschätzung) zur Vorpremiere in Anwesenheit der Regisseurin und der SchauspielerInnen; wir fühlen uns im Liegestuhl am Meer fast wie im großen Saal, wenn nicht sogar besser: “Flo” – ein Biopic der französischen Seglerin Florence Arthaud, die in Frankreich und vermutlich weltweit in Seglerkreisen eine Legende ist, weil sie als erste und einzige Frau die Segeltour Route du Rhum gewonnen hat. Florence Arthaud, die 2015 bei einem Hubschrauberunglück (!) ums Leben gekommen ist und deren Asche vielleicht auf dem handtuchgroßen Friedhof auf einer der vorgelagerten Inseln vor Cannes beigesetzt wurde – ein Vorhaben, das damals eine Polemik bei den Einwohnern von Cannes ausgelöst hat, weil sie, bei aller Liebe, keine Einwohnerin von Cannes ist, und wo kommen wir denn hin, wenn der Vater, nur weil er einen guten Draht zum Bürgermeister hat, so etwas durchsetzen kann … ob Florence da letztendlich ruht oder nicht, lasse ich mal dahingestellt. Ende April 2015 gaben ihr die Segler draußen im Meer, “au large de Cannes”, immerhin ein berührendes Adieu.
Thierry Frémaux, Mister Festival, stellt mit schon deutlich überlasteter Stimme den Film und die Filmcrew vor – wir hören und sehen eher vage im Dunkeln, dass Florence’ Trimaran, mit dem sie die Route de Rum gewonnen hat, draußen vor Anker liegt. Nach dem Film versuche ich ihn zu fotografieren, aber es liegen viele Boote vor Cannes und ich kann den Trimaran in der Nacht nicht erkennen.
Florence Arthaud, dargestellt von der jungen Schauspielerin Stéphane Caillard, die ihr verblüffend ähnlich sieht, beschloss als junge Frau nach einem schweren Autounfall, ihr Medizinstudium an den Nagel zu hängen und stattdessen zur See zu fahren. Florence Arthaud war eine der ersten Seglerinnen überhaupt – da in der Macho-Welt der Siebziger Jahre Frauen (und Katzen) an Bord angeblich noch Unglück brachten und sie daher keiner der großen Segler bei einer Tour mitnehmen wollte, segelte sie eben kurzentschlossen alleine. Sie war Abenteuerin und Seglerin, sie segelte, lebte, liebte und feierte intensiv, und dass der Film mit einem Lied von Janis Joplin endet, ist absolut passend. Der Soundtrack, beginnend mit “Driver Seat” von Sniff’n the Tears, ist toll!
Wir sehen den Film eingemummelt in Fleecedecken, ich bin mit meiner Daunenjacke angezogen wie im Winter und ich bin damit nicht alleine, denn es ist kalt und feucht nachts am Strand, vor allem, weil es in den letzten Tagen kaum aufhörte zu regnen. Zwischendurch fing es auch wieder an, glücklicherweise nur leicht, aber irgendwann spanne ich doch meinen Schirm auf, halte ihn eng über dem Kopf, damit er die hinter mir Sitzenden nicht stört, und biege ihn ein bisschen, um die Liegestuhlnachbarn von rechts und links nicht in die Augen zu stechen.
Der Film gefiel mir, das Leben von Florence Arthaud interessierte mich, aber trotzdem berührte er mich nicht besonders. Auch die dramatischen Szenen auf See, so erlebt sie vermutlich eine Fehlgeburt während sie die Route du Rhum segelte, sah ich, die ich doch von Filmen in der Regel schnell ziemlich angegriffen bin, erstaunlich ungerührt.
Ihre Familie, ein Bruder und die Tochter, haben versucht, den Film zu verhindern – sie mochten nicht sehen und mochten vor allem nicht, dass alle nun sehen können, dass Florence so viel feierte, und (vielleicht nicht nur) am Ende einen Hang zum Alkohol hatte. Florence Arthaud starb aber nicht auf See, obwohl sie 2011 beinahe ertrunken wäre, sondern bei einem Hubschrauberunglück in Argentinien, und mit ihr zehn andere TeilnehmerInnen der Fernsehserie Koh Lanta, eine Art sportliches Dschungel-Camp.
Der Film bekam kurzen freundlichen Applaus, “stehende Ovationen” hieß es in einem Zeitungartikel – nun gut, die Menschen, die in den ersten Reihen und rund um die Schauspieler und Filmemacher saßen, erhoben sich wirklich und klatschten energisch.
Ich lief durch die vibrierende Nacht zurück und weiß jetzt auch, warum sie die Weihnachtsdeko an den Palmen nicht mehr entfernen, es sieht einfach auch im Mai sehr festlich aus!
Ich musste einen zweiten Teil zur Eröffnung machen, weil ich so gerne mit diesem Bild anfangen wollte.
Wir waren also im neuen Kinokomplex in Cannes La Bocca, ein komischer Bau von außen, und Innen, von Beginn an schäbig schwarz. Komplett schwarz, Fußboden, Decken und Wände, und unübersichtlich gestaltet, das kommt hinzu. Dafür gibt es große Säle, neueste Technik, bequeme Sessel und viel Beinfreiheit, immerhin etwas. Wir kamen etwas zu spät, aber, auch das ein Vorteil des (teuren) Kinokomplexes, man hat hier reservierte Plätze. Michael Douglas, der die Ehrenpalme für sein Lebenswerk erhielt, wandelte mit Gattin Catherine Zeta-Jones und Tochter bereits auf dem roten Teppich, als wir uns in unsere Sessel fallen ließen.
Danach folgte Maïwenn, bewusst Hand in Hand mit Johnny Depp, um alles Geraune von Streitigkeiten (wir berichteten) zu entkräften,
sowie den Hauptdarstellern, darunter Pierre Richard. Sie erinnern sich vielleicht an den großen Blonden mit dem schwarzen Schuh, genau, der ist es. Hier im Bild in der Mitte, der weißhaarige Herr im blauen Sacko.
Und zack, alles ist chronometriert, geht auch schon die Zeremonie los, Chiara Mastroianni macht das ganz souverän, ein paar Worte zum Kino, sie stellt die Jury vor, wir sehen einen Zusammenschnitt der Filme von Ruben Östlund, dem Vorsitzenden der Jury, er sagt ein paar Worte und schon kommt Uma Thurmann auf die Bühne, die die Ehrenpalme an Michael Douglas vergeben darf.
Wir sehen auch hier in zwei Minuten einen Zusammenschnitt aller (?) Filme von Michael Douglas, der danach eine nette kleine Rede hält und zum Abschluss freundlicherweise sagt, Festivals gäbe es viele, Cannes aber sei besonders, und er schiebt charmant auf Französisch ein rührendes kleines Danke an Cannes und an Frankreich nach.
Dann Auftritt von Catherine Deneuve, sie wird die Filmfestspiele mit Michael Douglas offiziell eröffnen, sie vergisst es fast, denn ihr Herz sei schwer, wenn sie an die Ukraine denke, sagt sie und sie rezitiert ein Gedicht “L’Ésperance” der ukrainischen Dichterin Lessia Oukraïnka (1871-1913). Dann legt sie das Mikro ab und begrüßt Michael Douglas.
Chiara Mastroiani muss sie erinnern, dass sie uns noch etwas anderes zu sagen hat: Achja, da war noch was, die Filmfestspiele sind eröffnet, rufen sie zweisprachig zusammen mit Michael Douglas. Catherine Deneuve ist übrigens die Mutter von Chiara Mastroianni, aus ihrer Verbindung mit Marcello Mastroianni, falls Sie es nicht wissen sollten; hier bekommen Sie alles, bitteschön, gern geschehen.
Irgendwo dazwischen gab es noch ein grandioses “Stand by me” gesungen von The Gabriels. Und schon begann der Eröffnungsfilm Jeanne du Barry. Johnny Depp spielt einen etwas müden und abgehalfterten Louis XV, der zwar eine Menge Liebhaberinnen hat, Jeanne aber, die aus einfachen Verhältnissen stammt und als Kurtisane eine gewisse Karriere gemacht hat, verfällt er, kaum dass er sie zum ersten Mal gesehen hat. Er will, dass sie am Hof bleibt und setzt das gegen alle Widerstände seiner Töchter und des gehässig gegen Jeanne intrigierenden Hofstaats auch durch. Maïwenn-Jeanne spielt eine lebenslustige, unbekümmerte und in den König verliebte Frau. Sehr viel mehr passiert nicht. Der König stirbt am Ende, Jeanne muss den Hof verlassen und wird ein paar Jahre später während der Französischen Revolution hingerichtet. Dass Sie “aus dem Volk stammte” nützt ihr da auch nichts mehr. Nun gut. Es ist ein opulent ausgestatteter Kostümfilm, man hat tatsächlich in Versailles gedreht – splendide Aufnahmen. Es gab kurzen und freundlichen Applaus. Leichte Kost aber durchaus sehenswert, ändere ich hier mein gestriges Verdikt in eine positivere Form.
Das Festival hat begonnen. Ich fürchte, ich werde keinen weiteren Film sehen, es sei dieses Jahr schwer an Karten zu kommen, sagte mir unser Kinoclub-vereinsvorsitzender, sogar für ihn, den Cinephil-Akkreditierten. On verra. Ich halte Sie auf dem Laufenden.