
Es war ein verrücktes und anstrengendes Jahr und es geht verrückt und anstrengend zu Ende.
Ich bin ja, obwohl nun Französin, immer auch noch die kleine, vernünftige Deutsche, die sich klaglos an Umstände und Gegebenheiten anpasst. Dieses Jahr ist nunmal COVID und wir sollen uns nicht mit allzu vielen Menschen versammeln. Ich weiss nicht, wie die Verlautbarung oder Empfehlung oder Verordnung für Weihnachten gerade aussieht, ob wir nun fünf Personen aus zwei Haushalten oder sechs aus drei Haushalten oder wie auch immer sein dürfen, klar ist, viele werden nicht um einen Tisch sitzen, und Reisen, insbesondere nach Baden-Württemberg sind gerade auch nicht möglich.

Mit dem Wissen, dass meine Mutter dieses Jahr zu den Feiertagen also ziemlich alleine sein wird und zusätzlich alle Veranstaltungen in Ihrem Haus abgesagt wurden: kein Konzert, kein Adventskaffee, kein Weihnachtsbazar, kein festliches Buffet, und in der Kapelle wird es auch keine Weihnachtsandacht geben, stattdessen kann man sich dort nun testen lassen, ob man COVID hat oder nicht. Nicht so sehr zum Halleluja-Jubeln, selbst dann nicht, wenn man negativ getestet ist. Angesichts dessen also, und angesichts der Tatsache, dass Monsieur vor zwei Monaten noch operiert worden war, zwar wieder recht fit ist, aber dennoch fragil, dachte ich, unausgesprochen, dass wir dieses Jahr jeder für sich bleiben und es kein großes Familienessen geben wird. Die Umstände, nicht wahr. Ich gebe zu, mir käme das entgegen, es wäre “mon tour” gewesen, aber ich bin erschöpft und mir tut immer noch alles weh. Ich habe auch weder gebacken (sondern Christstollen aus Dresden bestellt) und keine einzige Karte geschrieben. Bitte verzeihen Sie mir das, wenn Sie normalerweise eine von mir bekommen haben, es ging dieses Jahr nicht. Monsieurs Sohn hatte angekündigt, dass er dieses Jahr nicht käme. Er hat einen neuen Job und zu viel Arbeit und überhaupt. Ich nickte das ab, für mich ist es kein Drama, aber wir sind schon lange in einem Drama, nur ich habe es noch nicht gemerkt.
Denn alle sind dieses Jahr so allein. Dieses französische Alleinsein an Feiertagen, mein Lieblingsklassiker: sie sind zu zweit oder zu dritt oder zu viert und nicht so schrecklich allein, finde ich. Im französischen Sinn aber ist auch eine Familie mit vier Personen schrecklich allein an einem Weihnachtstag ohne festliches Essen im großen Kreis.

Die einzige Person in meinem Umkreis, die wirklich allein ist, ist meine Mutter, das sage ich hin und wieder auch, und ich denke weiterhin und in kompletter Verkennung der Situation, dass jedes Paar und jede Familie für sich bleibt. Die Umstände, nicht wahr. Es ist einfach so. Ich hatte sogar im Kopf, anstelle der Familie, eventuell eine Bekannte einzuladen, die nämlich allein im Wortsinn ist, aber glücklicherweise habe ich das nicht angeleiert, sonst hätte meine französische Familie, die gerade schrecklich allein ist, mich schon gesteinigt. Denn es ist dramatisch schlimm, dass man nur ein paar Kilometer auseinanderlebt und sich AN WEIHNACHTEN NICHT sehen kann! Das hat es noch nie gegeben! Ich schüttele ein bisschen den Kopf. Französische Dramatik. Wird sich schon wieder legen, denke ich.

Man muss an dieser Stelle vielleicht einfügen, dass mein Vater an Weihnachten vor jetzt dreiunddreissig Jahren gestorben ist. Wir verbrachten ein letztes Weihnachten zusammen, kurz darauf verlor er das Bewusstsein und er starb ein paar Tage später, am 2. Januar. Danach war kein Weihnachten mehr. Also eigentlich war auch schon vorher kein Weihnachten mehr, weil mir die Familientraditionen gerade zu Weihnachten zu schwer wogen und ich damit gebrochen hatte. Aber nach dem Tod meines Vaters war definitiv kein Weihnachten mehr an Weihnachten, und wir wollten auch nicht so tun als ob, wir entschieden, es ist Schluss, es gibt auch keine Geschenke mehr. Punkt. Die folgenden Jahre blieb ich alleine, feierte mit Freunden oder Freundinnen, die aus anderen Gründen auch alleine waren, tanzte in Discos, sass in Kneipen herum, oder fuhr ein paar Jahre lang über die kritischen Tage nach Norwegen zum Langlaufen. Wenn man mal so ein gegenläufiges Weihnachten verbracht und festgestellt hat, wie viele andere Menschen auch nicht auf klassische Art Weihnachten feiern (wie viele Menschen übrigens auch arbeiten!), dann wird es ganz leicht. Man MUSS das alles nicht machen, nur weil man es schon immer so gemacht hat. Viele bewunderten mich (angeblich) für meinen Mut, damit gebrochen zu haben, und stöhnten mir vor wie schrecklich Weihnachten sei, die nervigen Traditionen, die Geschenke und die Familie. “Dann macht es einfach nicht”, schlug ich immer mal vor, denn ich glaube auch nicht, dass Jesus, um dessen Geburt es eigentlich geht, sich das so gewünscht hätte, aber nein, es geht dann doch nicht, ungehörig geradezu, sich das nur vorzustellen. Dann eben nicht, ich zuckte mit den Schultern und deckte mich mit Büchern und Filmen ein und kuschelte mich gemütlich und allein aufs Sofa.

Hier aber, in diesem konservativen Land, bricht die Vorstellung Weihnachten nicht zusammen im großen Kreis und so wie immer zu feiern nicht nur der älteren Generation das Herz, sondern auch der jüngeren. Das Telefon klingelt seit Wochen, und in immer kürzer werdenden Abständen wird wieder und wieder durchgesprochen, wie tragisch es ist, dass man sich an Weihnachten nicht sehen kann. Ich, mit meinem etwas nüchternen Blick auf Weihnachten, verstehe das alles nicht. Wir sind alle nicht wirklich allein und wir bleiben dieses Jahr aufgrund der Situation jeder bei sich, wo ist das Problem?

Irgendwann habe ich diese nicht enden wollenden Diskussionen satt, die Zeit schreitet voran, es ist schon der 19. Dezember und noch immer wird jeden Tag alles hin- und herdiskutiert. Ich habe das Gefühl, von mir wird das erlösende Wort erwartet und na gut, wenn ich ein Weihnachtsessen machen soll, dann will ich es bald wissen, um noch etwas vorbereiten zu können. Ich entscheide also, das andere verwaiste “Eltern”-Paar einzuladen, das sonst (so wie wir) “ganz allein” wäre. Ich dachte, das ist ein guter Kompromiss. Wir wären zu viert, das ist Regelkonform, aber es stößt sofort auf Unverständnis, denn die Familie der Tochter fühlt sich mit vier Personen nun “ausgeladen” und klar, schrecklich allein gelassen. Das Telefon klingelt nun auch nicht etwa weniger sondern mehr. Das eingeladene Paar, zumindest eine Person, fände es unerträglich, hier zu sein und die Kinder und Enkel nicht sehen zu können und will lieber nicht kommen. Die Tochter aber spricht nicht mehr mit mir. Ich verzweifele langsam. Dass ich nicht alle einladen kann, ist für mich selbstverständlich, ich bin auch nicht alleine mit der Ansicht, es sind zusätzlich zwei Personen gegen das große gemeinsame Essen, aber es gibt doch hartnäckige Vertreter des großen Essens (“acht Personen sind nicht so viel!”) und sie sind in der Überzahl. Und das Telefon klingelt. Ich werde langsam hysterisch und hatte zwischenzeitlich gedanklich schon ein witziges Theaterstück geschrieben, so dermaßen hanebüchend kam mir dieses Weihnachtstheater vor, in dem alle wie unvernünftige Kinder mit dem Fuß aufstampfen: aber ich will Weihnachten wie immer haben!

Aber dann war schlagartig die Luft raus aus allem Witz, die Tochter, pragmatisch und in der Regel eher wenig gefühlig, begann zu weinen, als ich ihr alternativ ein Essen für Ihre Familie zwei Tage später vorschlage. Das ist nicht dasselbe, weint sie: In vierundvierzig Jahren wird dies ihr erstes Weihnachten ohne festliches Familienessen, und ohne dass sie ihre Eltern sähe. Ich sehe sie fassungslos an. Sie sieht ihre Eltern fast täglich, aber dieses Weihnachtsding ist ihr (und tatsächlich der gesamten atheistischen Familie), tatsächlich so wichtig und sie ist sehr verletzt. Ich erkläre nun meine Weihnachtsnüchternheit, erzähle von meinem Vater und weine dann auch, nach dreiundreißig Jahren, einmal mehr um ihn. Wir weinen beide in ihrer Küche und schniefen in unsere Masken.

Wir reißen uns zusammen und versuchen noch einmal einen Kompromiss zu finden, eine Art Wintergrillen mit allen, draußen auf der Terrasse. Das Wetter ist mild, es wird an Weihnachten laut Météo nicht regnen – wir telefonieren erneut mehrfach halbstündig hin und her, aber es scheitert am Einspruch einer Person.
Ich mache jetzt also ein festliches Essen für vier, mit dem niemand wirklich glücklich ist, aber absagen will es natürlich auch keiner mehr. Immerhin sind wir dann nicht allein, befinden alle, denn das wäre noch schlimmer. Die Familie der Tochter ist jetzt absichtlich nicht da und fährt ins verschneite Bergdorf. (Dort wäre ich langsam auch lieber) Ich verspreche, die Familie der Tochter demnächst ebenso festlich zu bekochen (Regelkonform, vier Erwachsene aus zwei Familien plus zwei (zugegeben große) Kinder). Aber es bleibt eine tiefe Verstimmung.
Was ist mit den Geschenken, frage ich. Wann sollen wir das machen, vor dem Bergaufenthalt oder danach? Alle zucken nur missmutig mit den Schultern. Ach Geschenke. Darauf hat nun wirklich keiner Lust. Dieses Jahr gibts keine, brummen sie unzufrieden. Na toll. Seit Jahren predige ich das und mich hört keiner. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal für jeden ein Geschenk und bin auch richtig zufrieden damit, und jetzt wollen sie sie nicht? Weihnachten 2020. Es bleibt anstrengend.

Ich bin dieses Jahr so gut wie nirgends hingekommen, die weihnachtlichen Fotos sind vom letzten Jahr, ich habe sie meines Erachtens damals nur auf Facebook geteilt.
Einen wundervollen Spaziergang durchs weihnachtlich erleuchtete Nizza können Sie auf dem Blog von Feli machen.
Hier ein etwas älterer weihnachtlicher Rundgang durch Cannes (sieht aber alles immer noch so aus).
Die Musik, ein Konzert in der Heidelberger Peterskirche, verdanken ich und Sie meiner Freundin Sabine, die mir heute den Link dazu schickte. Herzlichen Dank dafür!
Das Programmheft dazu gibt es hier! Und ich zitiere meine Freundin:
Zum Konzert… ja, am Anfang hört es sich sehr “modern” an… ich kann versichern, dass ändert sich nach dem 1. Stück (was ohnehin eine Kombination aus zwei Werken ist)… ich finde es ganz zauberhaft, wie alle Mitwirkenden zusammen musizieren… und den Videobeitrag an sich, in dem stimmungsvolle Aufnahmen von den Kirchenfenstern der Peterskirche vorkommen, aber auch Heidelberg (nicht nur) bei Nacht, der um die Ecke fahrende Linienbus – immer mit der wundervollen Musik untermalt – ihren Auftritt haben… Und unbedingt auch die Texte im Programmheft lesen – sie passen so in diese Zeit…!
Danke Sabine!
Ich wünsche Ihnen (wenn Sie es feiern) so frohe Weihnachten wie möglich! Lassen Sie sich vom Alleinsein nicht verdrießen, und wenn doch, seien Sie getröstet, man darf auch weinen an Weihnachten. Es geht vorbei, auch diese eigenartige Zeit wird vorbeigehen, und die Geburt Jesu verheißt Hoffnung, Licht und Liebe! Und wenn Sie das nicht glauben, dann wünsche ich Ihnen einfach so Licht und Liebe! Passen Sie weiterhin auf sich auf!
à bientôt!





















































































































