Sie wissen es, am 5. jeden Monats ist Tagebuchbloggen dran. Frau Brüllen, die fragt, was wir eigentlich so den ganzen Tag machen, kurz WMDEDGT, ruft dazu auf. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal mitgemacht habe, aber heute bin ich dabei.
Am 5. um 5 Uhr wache ich auf und checke die Zahlen der USA-Wahl. Biden hat sage und schreibe die benötigten 270 Stimmen! Boah! Erleichtert schlafe ich wieder ein. Um halb Acht werde ich vom Gemaunze der Katze wach. Ich überprüfe schnell die Zahlen. 264 für Biden, 214 für Trump. Ich verstehe es nicht, suche überall, aktualisiere alle Seiten, nirgends etwas vom Sieg Bidens. Keine 270 Stimmen. Ich habe es geträumt, anders kann ich es mir nicht erklären. Ich habe geträumt, dass ich aufwache?! Strange.
Ich liege bis um Acht im Bett und lese im Internet herum. Dann beschwert sich die Katze. Raus jetzt, mault sie. Ich stehe auf und mache mir einen Kaffee. Heute wieder blauer Himmel und Sonnenschein, wie man das von der Côte d’Azur erwartet. Und wir bleiben vorerst drin.
Monsieur sitzt schon am Schreibtisch und lässt mich lesen, was er geschrieben hat. Ich überprüfe den Text und die Zahlen und korrigiere hier und da. Er überarbeitet den Text am PC. Ich lese erneut und schließlich überarbeite ich seinen Text, weil er keine Geduld mehr hat. Er schwärmt aus (jenseits des 1km-Radius) auf der Suche nach zusätzlichen Papieren. Ich bestelle ein Buch in der örtlichen Buchhandlung, die ordnungswidrig geöffnet hat und außerdem nicht in unserem 1km-Radius liegt. Ich hoffe, es dort im Anschluss an einen Termin, der unseren Ausgang berechtigt, abholen zu können. Oder vorher oder wie auch immer. Ich lese im Internet den offenen Brief der Buchhändlerin an Präsident Macron. Sie ist ziemlich verzweifelt und überlebt gerade so. Ich würde, um sie zu unterstützen, gern noch mehr Bücher bei ihr kaufen, aber ich weiß gerade nicht was.
Monsieur ist zurück und bringt die Zeitung mit. Man denkt darüber nach, den verletzten Attentäter, der in Nizza operiert wurde, an einen “geheimen Ort” (Militärkrankenhaus) zu verlegen, weil das Krankenhaus in Nizza von wütenden Menschen belagert wird, die seinen Tod wollen und die nicht verstehen, dass man ihn operiert und gerettet hat. Gestern schon musste sich der Chirurg rechtfertigen und sagen, dass es als Arzt sein Job sei, Leben zu retten.
Das Telefon klingelt mehrfach, gelangweilte Freunde und Bekannte (alle nicht mehr berufstätig) telefonieren sich so durch ihren Tag. Sie beschweren sich, dass “alle” draußen seien (so sieht es aus) nur sie selbst blieben ordnungsgemäß zu Hause. Es stimmt, vor dem Haus rauschen die Autos durch, die Kinder sind in der Schule, die Nachbarn arbeiten, hin und wieder zumindest, außer Haus.
Mails kommen und werden beantwortet.
Monsieur ist zurück, mit den gesuchten Papieren, er arbeitet fieberhaft die neuen Zahlen in das Dokument ein. Ich bereite Essen vor. Es muss heute schnell gehen: Rohkostsalat mit Karotten und Äpfeln, Gnocchi mit den aufgetauten Resten der Bolognese von neulich. Monsieur nimmt vermutlich noch etwas Reblochon. Schokodessert.
Kurz nach Zwölf essen wir. Wir haben es heute eilig. Viertel vor Eins legt sich Monsieur schon zur Sieste hin. Danach lesen wir noch einmal den Text. Wir füllen unsere Ausgangsbescheinigungen aus und fahren los – zunächst machen wir einen kleinen Umweg zur Buchhandlung. Ich bekomme L’arabe du futur 5 , dem ich schon monatelang entgegenfiebere und versichere der Buchhändlerin meine Unterstützung. Dann gehts über die Autobahn nach Nizza. Es ist superwarm heute, 21°C, wir reißen uns die Mäntel vom Leib. Um 15 Uhr haben wir einen Termin beim Anwalt. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem lieben Nachbarn nicht gefällt, sage ich nur. Jemand schuldet uns Geld, will aber nicht zahlen, klagt uns jetzt im Gegenzug an. Leider hat er etwas gefunden, was ihm juristisch Recht gibt. Es ist spitzfindig und zum Haareraufen. Wir könnten zumindest die Anklage ebenso spitzfindig abschmettern, aber wenn wir weiterhin auf unser Geld bestehen und dafür vor Gericht zögen, würde es kompliziert. Nach über einer Stunde kommen wir gerädert heraus. Wir können nicht mal einen Kaffee trinken, alles ist geschlossen. Trotzdem wimmelt es von Menschen mit und ohne Maske, der Bahnhof, eine Grundschule und ein Discounter sind in der Nähe. Wir suchen eine Weile unser Auto (auf der Hinfahrt eierten wir lange im Viertel herum, um einen Platz zu finden, jetzt wissen wir nicht mehr, wo wir stehen), fahren erschöpft wieder zurück. Es ist voll auf der Autobahn, aber nur halb so voll wie normalerweise um diese Uhrzeit. Um kurz vor Sechs sind wir wieder zu Hause. Die Sonne verschwindet und beim Aussteigen ist es schlagartig kalt. Wir gönnen uns einen Apéro, einmal mit, einmal ohne Alkohol. Monsieur telefoniert. Ich schreibe hier.
Der Fernseher wird angeschaltet. Die aktuellen Nachrichten aus den USA handeln auch nur von juristischen Spitzfindigkeiten. Es ist ein Elend.
Jetzt koche ich uns einen tröstlichen Milchreis. Dann lege mich mit dem neuen Buch ins Bett, Monsieur wird vermutlich noch ein bisschen vor dem Fernseher herumhängen. So war unser Tag. Danke fürs Lesen. Die anderen Tagebuchblogger finden Sie wie immer hier.
ps: Ich bin die dritte , nee doch schon die sechste! Trotzdem, so früh war ich noch nie!

















































































































