Bohnen in die Ohr’n

Diesen Ohrwurm hatte ich stundenlang, ach was, tagelang im Kopf, nachdem ich letzte Woche die Ohrenarztpraxis verlassen hatte. Genau wie das Gepiepse, dass Monsieur unter seinen Kopfhörern nicht, ich am anderen Ende des Praxisraums aber sehr wohl hörte. Der Ohrenarzt amüsierte sich, meinte, wir hätten uns gut gefunden, die Blinde und der Taube. Nein, natürlich meinte er, dass ich ein ausgezeichnetes Hörvermögen hätte, ermunterte Monsieur aber, es zukünftig mit Hörgeräten zu versuchen. Wir gingen beide etwas frustriert nach Hause. Monsieur, der der Ansicht ist, dass er im Prinzip alles hört, war gekränkt, dass man nachweisen konnte, dass er tatsächlich nur wenig hört und vor allem keine hohen Töne. Ich, die ich gerne etwas wollte, um mein „Ich höre viel zu viel“ zu dämmen, musste mir sagen lassen, dass es genau das Gegenteil ist, das ich tun solle, nämlich, nicht noch mehr ausgeklügelte Ohrstöpsel IN die, sondern ALLES RAUS aus den Ohren zu nehmen! Je mehr ich mich abschotte auf der Suche nach Stille, desto empfindlicher würde ich. „Irgendwann werden Sie so abhängig, dass Sie ohne Ohrstöpsel nicht mehr schlafen können“, sagt mir der Ohrenarzt ernst. „Haha“, antworte ich, „das ist bereits der Fall seit etwa …“. Tatsächlich weiß ich nicht mehr, wann ich angefangen habe, nachts Ohrstöpsel in die Ohren zu stopfen. Schon immer, zumindest seit Jahrzehnten will mir scheinen. Und jetzt brauche ich sie, sogar in den Bergen, wo es nachts in der Regel mucksmäuschenstill ist. Der Ohrenarzt ist besorgt, rät zur Sophrologie und dazu, dass ich ab sofort die Ohrstöpselchen weglasse. „Quoi?“ Ich schaue ihn groß an. „Gefällt Ihnen nicht, was ich sage, was?!“, grinst er. Nein, tatsächlich macht mir das sofort Stress. Ich sage ihm dann auch nicht, dass ich noch einen Sack Ohrstöpsel zu Hause habe. Ich brauche nämlich, tatsächlich wie eine Abhängige, ganz bestimmte Ohrstöpsel. Kleine gelbe, zusammenquetschbare Schaumstoff-Tönnchen (oder sind es Zylinder, den Unterschied habe ich gerade nicht parat), Einweg-Gehörschutzstöpsel heißen sie offiziell (und nein, ich gebe Ihnen den Link nicht, ich will Sie gar nicht erst auf den „Geschmack“ bringen), finde ich für meine empfindlichen Öhrchen (zumindest zum Schlafen) optimal. Es gibt sie in Einzelpäckchen (zwei Stöpsel natürlich), manchmal Doppelpäckchen (zwei mal zwei) in Drogerien oder Apotheken. Einmal aber sagte mir eine Apothekerin, es gäbe sie nicht mehr. Ich brach fast zusammen. Quelle catastrophe! Panisch suchte ich den Ohrstöpsel-Hersteller im Internet, fand ihn und die Stöpsel und bestellte eine Tonne davon, um für den angesagten großen Ohrstöpselgau gewappnet zu sein, der natürlich nie eingetreten ist. Die Apothekerin hatte sehr wahrscheinlich nur die kleinen gelben Dinger nicht, jede Menge andere aber vorrätig und dachte, sie könne mir genausogut diese verkaufen. Ist doch egal, was man in die Ohren steckt. Von wegen! Da könnte ich ja auch gleich Guacamole nehmen. Ich bin Ohrstöpsel-Spezialistin, ich habe alles ausprobiert in den vergangenen Jahrzehnten und ich stopfe mir noch lange nicht alles in die Ohren. Auch keine Guacamole übrigens. Ich habe also noch eine Lkw-Ladung gelber Ohrstöpsel, die ich vermutlich demnächst auf dem Flohmarkt verkaufen werde. Ich schlafe nämlich seit ein paar Nächten ohne. Es ist ganz grauslich. Schon, dass Monsieur neben mir atmet, stört mich, und ich stoße ihn unsanft an, dass er sich zusammenreißt und gefälligst damit aufhört, oder, Vorschlag zur Güte, zumindest leiser atmet. Vom gelegentlichen Schnarchen wollen wir gar nicht reden. Mein Nachtschlaf ist sehr fragil, das war er schon mit den Stöpseln, ohne ist es geradezu … mir fällt nicht mal einen Vergleich ein, der diese Hochempfindlichkeit ausdrücken könnte. Es ist ein zitteriger Beinahe-Wach-Zustand etwa einen Millimeter unter der Schlafoberfläche. Verstehen Sie, was ich meine? Naja, vermutlich schlafen Sie einfach. Ich versuche zwar, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und denke Mantramäßig „Einaaaaatmen“ und „Ausaaaaatmen“ und atme natürlich ein und aus, das Schlafen aber klappt noch nicht wirklich und ich bin jetzt vor allem tagsüber sehr müde und extrem gereizt. Schlafentzug ist ja eine Foltermethode, bei mir würde sie sofort wirken. Nach drei Tagen und Nächten ohne Schlaf, würde ich alles unterschreiben. Nun, irgendwann werde ich so müde sein, dass ich abends einfach ein- und dann durchschlafe. Das ist zumindest die Theorie. Wir arbeiten dran. Gähn.

Ich gebe Ihnen hier nur eine Kurzversion. Eine Minute fünfundzwanzig reicht völlig. Falls Sie nostalgisch werden sollten und sich plötzlich Gus Backus‘ andere heitere Schlager der Sechziger Jahre anhören wollen, verweise ich auf Youtube oder Spotify. Aber Achtung! Nicht alles ist heute noch politisch korrekt, aber immer ist es gnadenlos ohrwurmig.

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Die dunkle Seite der Côte d’Azur

das neue mare Heft

Oh! Große Freude! On est ravi! Wir sind entzückt!

Endlich halten wir selbst das schöne neue mare-Heft (#126 / Südpol) in den Händen, von dem wir schon vom Hörensagen wussten, dass …  sich eine wunderbare Besprechung der Kriminalromane Christine Cazons darin befindet! Und dann noch von einem ausgewiesenen Frankreichkenner.

Und so ist es! Lesen Sie selbst!

wunderbare Kritik in mare

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12 von 12 plus 6 / Februar 2018

Es sei so wenig Text diesmal, wurde mir gerade zugetragen. Stimmt. Ich bin müde heute Abend. Liefere jetzt aber doch etwas Text nach. Ich habe gerade mal „12 von 12“ in den Schlagworten angeklickt und es ist lustig, anscheinend mache ich da nur einmal im Jahr mit und das ist im Februar. Einmal auch im Januar und im März und dann vergesse ich es wieder. Ich war überzeugt, ich hätte da mindestens schon zwanzig Mal teilgenommen. Heute habe ich dran gedacht und ganz viel fotografiert, ich hätte fast 24 von 12 machen können.

Aufgewacht bin ich um 7Uhr mit Pepita, die sich heimlich ins Bett geschlichen hat.

Pepita im Bett (die Bettwäsche gabs letzten Februar auch schon)

Danach frühstücken wir zusammen. Pepita auf meinen Knien. Klar.

Frühstück mit Pepita

Um Neun fahren wir los. Wir sind bei der Police Nationale vorgeladen, wegen des Gerichtsprozesses. Mehr wissen wir auch nicht. Wir fahren wieder in dieses superenge Parkhaus. Im 5. Stock gibt es einen Platz.

1. Parkhaus 5. Stock

Da wären wir. Ich kenne das Commissariat ja schon. Die Scheiben sind schmutzig, sieht man in der Sonne besonders.

wir sind bei der Police Nationale vorgeladen

Erstmal warten wir in der Halle, da mache ich ein paar dezente Fußbodenfotos. Mehr traue ich mich nicht.

Fußboden in der Halle (Police Nationale)

Dann kommt die Polizistin und ich darf gar nicht mit. Vorgeladen ist nur Monsieur. Ich darf aber im zweiten Stock im Flur warten. Viel passiert nicht. Die Putzfrau wischt den Boden. Polizisten mit und ohne Uniform gehen vorbei und sagen manchmal „guten Tag“. Alles ruhig hier.

Warten (Police Nationale)

Es dauerte gar nicht so lang, war aber eher unbefriedigend. Ich fahre Monsieur nach Hause und fahre selbst zurück in die Stadt zu einer kleinen Lidl-Filiale, eigentlich will ich dort nur Kirschen im Glas kaufen. Die gibt es sonst nirgends. Gibts aber auch nicht mehr bei Lidl. Zumindest nicht in dieser Filiale. Ich kaufe dafür allerhand anderes und fahre zurück nach Hause und stelle die Tüten in den Hausflur und weiter gehts zur Allergologin. Ich habe den Termin bei der Allergologin heute früh extra nach hinten geschoben, weil ich nicht wusste, wie lange es bei der Polizei dauern würde. Ich habe nun zu bester Mittagessenzeit einen Termin (12 Uhr). Da ich in der Ecke der Allergologin selten einen Parkplatz finde, fahre ich wieder in ein Parkhaus, das ich noch nicht kenne. Sehr gruftig. Im 5. Untergeschoss finde ich endlich einen Platz.

2. Parkhaus 5. Untergeschoss dieses Mal

Am Aufzug hängt ein Schild, dass es noch weiter unten einen „Privaten Club“ gäbe: l’Anonyme. Nichtraucher muss man allerdings sein. Ich bin aber nicht gucken gegangen.

l’Anonyme Club privé

Ich bin pünktlich um 12 Uhr da, warte aber noch eine gute halbe Stunde, es sind noch zwei Personen vor mir dran. Der Wartesaal ist aber viel netter als der bei der Polizei. Nette Zeitschriften. Jazzige Musik.

wieder Warten (bei der Allergologin)

Salle d’attente

Schlechte Nachrichten: Das Labor, das meine Desensibilisierungsflüssigkeiten produziert, arbeitet immer noch nicht. Wir werden das letzte Fläschchen noch ein bisschen weiterbenutzen. On verra.

Desensibilisierung

Danach mache ich ein Foto vom blauen Himmel, von dem ich heute nicht viel sehe.

oh! blauer Himmel!

Als ich nach Hause komme hat Monsieur schon gegessen und macht Sieste. Pepita hat auch schon gegessen und macht auch Sieste.

Sieste, zumindest für Pepita

Ich esse schnell und im Stehen n’importe quoi und lege mich auch kurz hin. Kann aber nicht schlafen.

Arbeit

Also stehe ich auf und arbeite ein bisschen. Ich schreibe schon am sechsten Krimi. Der fünfte ist noch nichtmal erschienen. Tss.

Um halb sechs gehe ich zur Apotheke, um Hustensaft für den hüstelnden Monsieur zu kaufen. Danach fahre ich zum großen Supermarkt am Rande der Stadt, um all das zu kaufen, was es beim Discounter nicht gab.

Einkaufswagen

Einkaufen

Kaufe auch hier viel mehr als ich wollte. Unter anderem Yakitorisauce, es ist asiatische Woche und sie steht quasi mitten im Weg, und weil ich bei Arthurs Tochter ein leckeres Rezept gefunden habe, das ich nachkochen will, muss die Yakitorisauce mit. Es gibt zwar nicht die beste aller Saucen, aber es gibt eine. Nicht selbstverständlich. Ich erwerbe dann zwar nicht Spinat, aber Mangold.

schon ist es dunkel, aber wir haben jetzt Licht vor der Haustür

Das alles dauert länger als ich gedacht habe. In der Zwischenzeit ist es, ich fasse es nicht, fast halb Acht und bereits dunkel. Wir haben aber seit dem Wochenende Licht an der Tür, das mit Bewegungsmelder funktioniert. Super. Fini das Schlüssellochsuchen im Dunkeln.

Abendessen: chinesische Hühnersuppe, homemade

Ich koche ohne Rezept eine chinesische Nudelsuppe mit Hähnchenbrustfilet. Geht schnell. Ist lecker. Ohne Yakitorisauce. Jetzt sitze ich vor dem Fernseher. Monsieur schläft schon. Pepita schläft auch. Ich auch gleich. Bonne nuit!

Die anderen 12 von 12 -Blogger (fast 200!) gibts wie immer –> hier

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Samstagsspaziergang im Februar

Gestern war es sonnig, leichter Wind, so gegen 15 Uhr waren es in der Sonne etwa 12°C. Sie sehen, ich dokumentiere doch ein bisschen das Wetter. Am Strand aber ist Baustelle.

Baustelle

Ganz Cannes ist in diesem Winter eine Baustelle.

Großbaustelle Cannes

Da entlang der Promenade (Boulevard Midi) die Restaurants verschwunden sind (wegen der Baustelle) sieht man überraschend die Häuserfassaden wieder. Nicht unbedingt ein Vorteil.

Fassaden der Strandpromenade (Blvd. Midi)

Wir liefen also nicht an unserem üblichen Strand spazieren, sondern ein Stück stadteinwärts.

Stadtstrand

Am Strand lag allerhand Müll und etwas verstreut ein alter Kachelboden. Eigentlich ist unser ganzes Haus voll mit diesen sechseckigen roten Kacheln les tomettes, ich kann sie bei aller Liebe zur provenzalischen Tradition manchmal nicht mehr sehen. Am Strand aber finde ich sie charmant und nehme sie mit als zukünftige Flaschenuntersetzer.

les tomettes

Und wir kletterten über Steine …

Gegenlicht

… und fanden Zeichen. Kunst? Phantasie? Magie?

Kunst? Phantasie? Magie?

Rückweg entlang einer Gartenmauer. Mit im Bild die unvermeidlichen Stromleitungen.

Blick über Gartenmauer

Strompalme

Monsieur hat kürzlich bei einem Bouquinisten einen Bildband über (beinahe) sämtliche Cannoiser Straßen gefunden und mir geschenkt. Ich bekam sofort Lust, meine Cannes-zu-Fuß-Spaziergänge wieder aufzunehmen.

 

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… et la confiture!

Confiture d’oranges sous mimosa

Nur damit es dokumentiert ist. Dieses Jahr ist die Confiture wieder gelungen. Immer noch dasselbe Rezept. Ich habe sie aber vorsichtshalber mit 2 Kilo Gelierzucker (sucre de cannes pour fruits jaunes) gemacht, aber dann nicht die vorgeschriebenen 7 Minuten sprudelnd gekocht, sondern gewartet, bis ich den Eindruck hatte, sie beginnt zu gelieren, das war nach gut 12 Minuten. Voilà, Sie wissen bescheid :D

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Romain, Emile und Kiki

Ich arbeite jetzt mal alles ab, was noch in meinem Hirn hängt, was ich Ihnen schon seit Anfang des Jahres erzählen wollte, damit das Hirn mal wieder frei ist und anderes beackern kann. Muss ja. Wir haben La Promesse de l’Aube gesehen. Ein Film nach dem gleichnamigen Roman (über die Mutter und das Leben) von Romain Gary. (Wir haben auch noch zwei, drei andere Filme gesehen, aber die habe ich schon wieder vergessen. Sagt alles.)

Er hatte ein abenteuerliches Leben mit seiner ihn abgöttisch liebenden, überengagiertenambitionierten (manchmal suche ich Worte, herrjeh) Mutter, zumindest hat er es abenteuerlich erfunden und ich war begeistert von dieser wilden Geschichte, liebte Charlotte Gainsbourg in der Rolle der Mutter und Pierre Niney in der Rolle des erwachsenen Romain Gary, der den Lärm des mexikanischen Karneval nicht ertragen konnte, während er an eben diesem Roman schrieb. Tolle Szene. Romain Gary hat wahnsinnige Kopfschmerzen, glaubt, er habe einen Hirntumor und müsse sterben. Dabei hat er nur seit Tagen und Nächten zu viel Weißbrot und Guacamole (sic!) gegen den Lärm in seine Gehörgänge gestopft. (Ich habe übrigens nächste Woche einen Termin beim Ohrenarzt. ORL heißt der HNO-Arzt hier: Oto-rhino-laryngologist, ein Ohren-Nasen-Halsarzt.) Zurück zum Film, ganz besonders mochte ich Pawel Puchalski, der Romain Gary als Kind spielt. Hinreißend! Die intellektuelle Presse spottete, der Film sei platt und eher La promesse de Daube (eine Daube ist ein Rindfleischeintopf, und so bezeichnet man hier gern schlechte Filme; manchmal sagt man auch C’est un navet! „Es ist eine Rübe.“ Ich überlege gerade verzweifelt wie man in Deutschland schlechte Filme bezeichnet?! Herrjeh sagt man, „das war ja mal ein Weißkohl“? „Ein faules Ei“?) Anyway. Filmkritiker, n’est-ce pas. Es ist so einfach, etwas zu kritisieren. Ich fand den Film toll und war danach kurzzeitig von einem Romain Gary-Fieber befallen und wollte alles über ihn wissen und von ihm lesen und las zumindest alles, was ich über sein erfundenes Alter ego Emile Ajar finden konnte. Ich fand das (erneut) alles wahnsinnig spannend und habe immerhin auch einen Film einer Literatursendung aus dem Filmarchiv INA käuflich erworben und wollte Ihnen das Thema aufgearbeitet haben. Aber man hat ja einfach nicht genug Zeit, nicht wahr, ich habe alles nur angelesen und dabei blieb es und ich verweise Sie, falls es Sie überhaupt interessiert, auf die oben schon verlinkte Wikipedia Biographie oder auf einen alten Blogartikel von mir.

Noch schnell ein Buchtipp: Die BD/die Graphic Novel über das Leben der „Muse“ Kiki de Montparnasse habe ich sehr gerne gelesen.

Im Sommer war hier eine Ausstellung über Man Ray in der Villa Domergue. Darüber wollte ich damals schon geschrieben haben. Über den Maler Domergue, bei dem die Frauen der Zeit Schlange standen, um sich von ihm mit Schwanenhals zeichnen zu lassen.

Und im Garten der schönen Villa stehen abenteuerlich hohe und durchgehend schön zurechtgestutzte Zypressen. Die sehen ein bisschen aus wie die Holzspielzeugbäume meiner Kindheit. Nur in groß. So groß, dass man darunter stehen kann. Und sie sind echt. Natürlich.

Die habe ich damals für Herrn B. dokumentiert, kam aber, wie immer, nicht dazu, es zeitnah zu schreiben (was ich nicht gleichsofort verblogge, geht meistens verloren). Können Sie sich die Toskana ohne Zypressen vorstellen? Seht her, auch Südfrankreich ist voll davon!, wollte ich damals rufen. Erhaltet das südliche Flair im Norden! Aber ich habs verpasst, jetzt ist es zu spät, man hat sich dort schnöde von der Zypresse getrennt.

Die Man Ray Ausstellung (Zeichnungen, kaum Fotos, allerdings lächerliches Fotografierverbot!) entzog sich meinem Verstand, sagen wir so. Und den dreiminütigen experimentellen Film mit Kiki de Montparnasse (Frau trifft Mann und Frau trifft anderen Mann und geht mit ihm ins Bett und das alles in grisseligem Grau) habe ich mehrfach angesehen. Ich verstehe, dass das Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts experimentell und aufregend war (Sexleben! Da ist es wieder!) Spricht mich heute aber nicht mehr an. Sehr viel näher ist mir Man Ray und seine Kunst in dieser BD gekommen. Und Kiki natürlich.

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Alles oder nichts

Was ich hier alles schon geschrieben haben wollte … ich verstehe nicht, wie andere jeden Tag schreiben können, jeden Tag! Tagebuchbloggen. So was wird dann natürlich auch belohnt. Ich finde das irgendwie klasse einerseits, andererseits frage ich mich, ob diese Menschen, die jeden Tag ihr Leben aufschreiben noch ein zweites Tagebuch haben für all das, was man der Welt nicht mitteilen will. Denn natürlich schreibt man von all den Kinderkrankheiten, dass man Spiegelei gegessen und sich über einen Handwerker geärgert hat, aber niemand schreibt von seinem Intimleben. NEIN, bitte! Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wills gar nicht wissen, wirklich nicht! Aber ich frage mich doch, ob man, wenn man alles festhält, dann nicht auch  … oder?! Oder hat man dann einen kleinen analogen Taschenkalender, in den man kleine Kreuze macht, in Schwarz für HmHm und in Rot für die Menstruation?! KREISCH!

Ich leite hier locker über zu den neuen Frauenzeitschriften, die ich im Dezember in Deutschland entdeckt habe. Also neu für mich. Fräulein gibts wohl schon eine Weile. die dame immerhin ist neu. Ich habe lange gegrübelt, dachte, bin weder Fräulein noch bin ich schön, aber die dame war mir dann doch zu anstrengend und so griff ich zum Fräulein und zu Barbara, die stand gleich daneben und kannte ich auch noch nicht. Den Aufstieg von Barbara Schöneberger habe ich irgendwie verpasst. Damals, haha, so weit sind wir schon, zu meiner Zeit liebe Kinder, war sie noch ein Geheimtipp. Jetzt ist sie überall und hat eine Zeitschrift. Ich glaube, dass mir diese gutgelaunte Ironie dauerhaft auf die Nerven geht. Ich kann das nicht mehr. Früher war ich gut in dieser Art Smalltalk, immer ein ironisches Bonmot auf den Lippen. So etwas geht Ihnen verloren, wenn Sie kurz vor den Wechseljahren nochmal ins Ausland gehen, ohne die Sprache wirklich zu können. Hier sind wir dann froh, wenn wir halbwegs akzentfrei einen verständlichen Satz sagen können, wer will denn Ironie. Hier in Frankreich bin ich komplett ironiefrei und witzlos. Als ich Monsieurs Sohn kürzlich mein Menü erzählte und gut gelaunt und wild augenzwinkernd sagte, ich habe das Rezept gewählt, weil laut Youtube-Film alles in 2 Minuten 30 fertig sei, fühlte er sich bemüßigt mir zu erklären, dass dieser Film nicht in Echtzeit gedreht sei. So viel zu meiner Fähigkeit, mich in einer anderen Sprache amüsant auszudrücken. Wo war ich? Barbara. Ehrlich gesagt ist nicht viel hängengeblieben von all den witzigen Überschriften. Und vom Inhalt auch nicht. In Fräulein habe ich ziemlich viel herumgelesen, weil sie doch anders aussieht, weil sie ohne Schminktipps und Parfümproben auskommt und das einzige Rezept darin ist das von Frankfurter Kranz, und im Prinzip ist es ein Loblied auf die Butter. So etwas ist lustig. Diese künstlerischen Fotostrecken sind jedoch nichts für mich und auch die neue deutsche Zeitschriftentypographie ist mir fremd. Außerdem waren im Text wahnsinnig viele Satzfehler. Geld für den Fotografen der Modestrecken hat man, aber für den Korrektor nicht mehr. Jaja, sagen Sie, und halten mir meine eigenen Orthographie- und Kommafehler vor. Ich weiß. Das kommt auch vom Auslandsleben. Man kann dann irgendwann zwei Sprachen nicht. Die eine nicht mehr, die andere noch nicht. In Fräulein werden wir Fräuleins dann aber offen zu mehr Selbstbefriedigung aufgerufen und der Vorschlag, uns selbst  zu heiraten kommt auch. In Zeiten von #metoo heißt es, haben wir bald keine andere Wahl. So weit sind wir dann schon. Ich sags Ihnen, es dauert nicht mehr lang und die Tagebuchblogger schreiben auch über ihr Sexleben. Schon weil uns ja positive Role Models fehlen. Wenn uns keine(r) sagt, wie es gut gehen kann, und alle nur die „Schweine“ ans Licht zerren (in Frankreich heißt die #metoo Aktion sehr aggressiv #balancetonporc, in etwa „verpfeif dein Schwein“), wo soll das hinführen?! (Aber nein, keine Sorge, ich fange dieses Mal nicht an.) Über die Menopause schreiben sie ja nun endlich auch. In Barbara gings auf ein paar Seiten auch um die Menopause („Mit Volldampf in die heiße Phase“). Und in der Bahnhofsbuchhandlung stand neben all diesen Frauenzeitschriften auch ein eigenes Heft mit dem Titel Menopause oder war es Wechseljahre? Egal, aber Dankeschön auch. Zu meiner Zeit, huch schon wieder, zu meiner Zeit, seufz, wollte noch keine darüber sprechen und jetzt wird es einem überall entgegengebrüllt.

Ich hätte natürlich auch zu analogen Kalendern überleiten können, wegen der Kreuzchen, haha, kleiner Scherz *zwinkerzwinker*. Da hatte ich letztes Jahr um diese Zeit auch schon mal einen Text geplant. Welcher Kalender heute wirklich noch passt. Das ist noch schwieriger als das richtige Notizbuch wählen, sage ich. Ich habe ganz viele schöne Notizbücher, wunderschöne sogar. Große und kleine. Aber wirklich funktionieren bei mir nur kleine billige DIN A 6 Hefte mit Ringheftung, die ich in alle Richtungen beschreibe und wirklich immer dabeihabe. Das gleiche habe ich dann noch in DIN A 5 und vorsichtshalber in DIN A 4. Mein analoges Tagebuch für Träume, psychologische Introspektive und phasenweise Morgenseiten ist seit gefühlten Ewigkeiten ein dickes Clairefontaine-Heft. Damit habe ich natürlich angefangen, als ich noch nicht in Frankreich gelebt habe und diese violetten feinen Linien so charmant fand. Fragen Sie mal meine „Enkelkinder“, die finden die Linien ihrer Schulhefte nicht charmant. Hier findet man dann deutsche Leuchtturm-Kladden charmant. So gehts. Kalender ist auch ganz schwierig. Ich trage seit bestimmt 40 Jahren jedes Jahr einen Taschenkalender mit mir herum. Ich habe da schon alle Varianten durch, vom Frauen- und Lesbenkalender über einen rätoromanischen Lyrikkalender zu den klassische Agendas mit Wochenplaner in allen Größenordnungen und wieder zurück. Die hatte ich letztes Jahr (für den nicht zustande gekommenen Blogtext) alle gesichtet und war gerührt: Alle Kalender waren immer vollgeschrieben und vollgemalt. Zusätzlich klebten Kinokarten drin oder getrockente Blumen, Zuckerpapierchen und eine Vogelfeder. Seit ein paar Jahren sind meine doch so sorgsam ausgewählten Taschenkalender am Ende des Jahres fast genauso leer wie am Anfang.

Ende des vorletzten Jahres war ich in einer Ausstellung im Bonnard-Museum und betrachtete entzückt die winzig kleinen Kalender, in die Bonnard jeden Tag seine Wetterbetrachtung schrieb und manche Skizze malte. Er schrieb etwa beau, vent froid (schön, kalter Wind) oder violet dans les gris (Violett im Grau) oder brumeux, pluie (diesig, Regen). Ich mochte die kleinen Kalender und ich mag das mit der Wetterbetrachtung. Ich beende alle meine Mails immer mit dem Blick aufs Wetter. Aber trotzdem habe ich nichts davon jeden Tag in den süßen kleinen Kalender mit Goldschnitt und Dünndruckpapier geschrieben, den ich mir sofort nach der Ausstellung gekauft habe, und auch nicht „Was schön war“ oder „Glücksmomente“, keine Geburtstage und gar nichts eigentlich. Und wissen Sie was, es wird mir gerade klar, warum das so ist. Ich habe ein Smartphone und blogge. Das ist es. Früher zog ich, wenn schon kein Buch, dann meinen Kalender heraus und notierte alles hinein. Jetzt lese ich unterwegs, wenn überhaupt, im Smartphone und alles Wichtige schreibe ich in den Blog. Und die Kreuzchen? Sind für die Nachwelt nicht erhalten. Ach Mensch.

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Weiß, Rosa, Blau: Mandelblüte und Himmel

Mandelblüte

Mandelblüte vor blauem Himmel

es blüht

Mandelblüte in Rosa

ohne Titel

alles ist vergänglich

Villa Côte d’Azur

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WMDEDGT 02/2018

Heute ist Tagebuchbloggen dran, und ich habe dran gedacht und mache mit!

Kurz nach Sechs aufgewacht, aber nicht den Dreh gekriegt, sofort aufzustehen. Da Pepita aber schon seit einer Weile maunzend ums Bett streicht („Monsieur ist nicht aufgestanden, was ist denn los? Ich will Futter! Hallo! HALLO!“) ergebe ich mich um halb Sieben und füttere die Katze, mache  für Monsieur und mich, wie eigentlich fast immer, Obstsalat, koche mir einen Milchkaffee, während die Katze nun maunzend durch die Küche läuft: „Und mein Calin? Streicheln! Jetzt!“

Es ist noch dunkel. Es regnet. Das höre ich am Geräusch der Autos auf der Straße, es klingt wuschiger. Ich setze mich zum Frühstücken an den Esstisch, Pepita hüpft auf meine Knie und schnurrt. Ich schreibe Morgenzeilen.

Monsieur erscheint gegen Acht. Wir plaudern ein bisschen über unser Befinden (Halsweh und leichter Schnupfen ich, gereizte Stimmbänder er) und den Banktermin den wir heute vormittag haben. Wir gehen nacheinander ins Bad, ich werfe eine Maschine Wäsche (blau) in die Waschmaschine und dann gehen wir auch schon los. Fahren, weil es zu sehr regnet. Das Auto stellen wir in eins der unsäglich eng konzipierten alten Parkhäuser – wir haben nur ein sehr kleines Auto, trotzdem muss Monsieur auf meiner Seite aussteigen, weil links die Tür nicht mehr aufgeht.

9.30 Uhr Banktermin. Zwei, drei letzte Fragen, dann signiere ich eine Menge Papier. Uff! Ich würde danach gerne mit und für Monsieur in den letzten Tagen des Ausverkaufs einen neuen Pullover und eine neue Hose erstehen, aber er hat, wie eigentlich immer, keine Lust. Dann nicht. Wir gehen zurück zum Parkhaus, auf dem Weg entdecke ich ein fettes Gebinde samtschwarze Anemonen (50 Anemonen für 12 Euro) bei einem Blumenhändler, denen ich nicht widerstehen kann. Es ist in allen Schulen in Cannes Praktikumswoche, zwei sehr, sehr junge Mädchen kümmern sich rührend um meine Anemonen („wir machen Ihnen einen schönen Strauß!“), aber es dauert ewig. Erhitzt reichen sie mir nach einer (nicht nur gefühlten) halben Stunde den Strauß, der eigentlich fast unverändert aussieht (50 Anemonen und vier Stängel Eukalyptus), sie haben nur das Zellophanpapier gegen ein anderes ausgetauscht und noch ein Kärtchen des Blumenladens drangetackert. Super.

Wir fahren mit dem Auto in ein anderes Parkhaus und machen gemeinsam eine Flohmarktrunde (Montags ist Antikmarkt in der Markthalle, Monsieur geht dort immer hin, ich nur hin- und wieder.). Es ist ziemlich leer (wenige Aussteller, noch weniger Besucher), weil wirklich sehr nass und sehr kalt. Monsieur findet wie immer alte Bücher und ich finde eine alte Postkarte von Cannes, die ich haben muss, obwohl sie teuer ist.

Cannes. Mit Schafen.

Dann treffen wir einen Freund von Monsieur und dann noch einen. Die Herren plaudern. Ich kaufe derweil ein paar Dinge im Bioladen (AgarAgar, Reiswaffeln, kandierter Ingwer, ein Tütchen Chai-Tee-Pulver, Gnocchi und Brot).

Halb zwölf sind wir zuhause. Ich nehme die fertig gewaschene Wäsche und trage sie in den Trockner einen Stock tiefer. Dort war noch Wäsche im Trockner, die nehme ich mit nach oben. Dann stelle ich die Blumen in die Vase, von denen etwa ein Drittel verfaulte Stiele hat (jetzt weiß ich auch, warum sie so günstig waren und verstehe die Langsamkeit der Schülerpraktikantinnen, die vermutlich versuchten,  die Misere zu vertuschen) und ich deshalb zwei Sträuße mache, einen langen und einen sehr kurzen.

Anemonen

Dann bereite ich Essen vor, später essen wir (Lauch und Blumenkohl, lauwarm, mit Vinaigrette, Hacksteak und Gnocchi, Dessert, Kaffee für Monsieur. Die Katze kriegt natürlich auch Futter. Ich stecke nach dem Essen nochmal Wäsche in die Waschmaschine. Die Maschine wäscht.

Monsieur macht Sieste, ich mache mir eine Nasenspülung mit Salzwasser und lege mich dann auch kurz hin. Um 13.40 klingelt das Telefon und weckt uns. Es war ein Werbeanruf. Monsieur geht um Viertel nach Zwei zum Bridge-Nachmittag. Ich will mir einen Chai machen und finde das Tütchen nicht, das ich morgens extra gekauft habe. Ich suche überall. Nachdem ich einmal, Tage später, verschollene Bananen in der Waschmaschine gefunden habe, traue ich mir jetzt allerhand zu mit verlorenen Dingen. Ich suche wirklich überall. Im Kühlschrank, im Bad, wo immer ich war. In der Waschmaschine wäscht noch Wäsche, da kann ich gerade nicht nachsehen. Aber ich finde es nicht, vermutlich habe ich vergessen, es einzupacken, und mache mir resigniert Ingwertee.

Ich schreibe zwei Mails, fotografiere die Anemonen und poste sie schonmal auf Instagram. Ich habe sehr kalte Füße und mache mir eine Wärmflasche, auf die ich die Füße stelle. Zu schlecht heizbaren Wohnungen in Südfrankreich im Winter habe ich mich vermutlich schon oft geäußert. Neulich las ich dasselbe über Tokyo bei Claudia. Es tröstet mich etwas. In Japan sitzt man zu allem kaltem Elend überwiegend auf dem Boden (das möchte ich mir hier nichtmal vorstellen), weshalb es beheizbare Tische gibt. Das wäre mal was.

Ich schreibe. Mache mir erneut Ingwertee, gehe gefühlt hundertmal aufs Klo und ziehe mir irgendwann, gegen die Fußbodenkälte, Stiefel an.

Das Telefon klingelt mehrfach. Es ist immer für Monsieur. Ich nehme Termine entgegen und einmal lasse ich auch den Anrufbeantworter laufen.

Die Katze maunzt. Sie will ihre Zwischendurchportion Futter. Klar, es ist 17 Uhr. Danach kann man die Uhr stellen.

17.11 Uhr ich höre via Internet bei hr2 Kulturcafé eine Sendung über Joan Baez. Jens Rosteck, den ich aus Nizza kenne, hat eine Biographie über die Sängerin geschrieben und spricht über sie. Schade, nur ein einziger Titel wird gespielt.

Ich schreibe weiter, halb konzentriert, bis Monsieur nach Hause kommt. 19.30 Uhr. Er hat schon gegessen. Es gibt nach dem Bridge immer einen üppigen Apéro.

Ich mache für mich chinesische Hühnersuppe (homemade) gegen kalte Füße und beginnende Erkältung. Wir essen, Monsieur isst dann doch noch einen Teller Suppe mit. Die Katze maunzt und klagt ihr Futter ein.

Jetzt koche ich die gestern angesetzte zukünftige Orangenmarmelade das erste Mal auf. Es riecht gerade köstlich nach Orangen.

Monsieur sieht mit der Katze auf den Knien fern, hat aber schon angekündigt, sich zum Lesen zurückziehen zu wollen. Gut so, denn in zehn Minuten jetzt möchte ich meine Lieblingskitschsendung L’amour est dans le pré anschauen. Heute gibts die zweite Staffel „Was ist aus ihnen geworden?!“ Dazu wird gebügelt.

Das wars von hier. Danke fürs Lesen. Und hier gibts die anderen Tagebuchblogger. 

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Michael Kohlhaas oder Über Gerechtigkeit

Wir hinken in der Kinostadt ja manchmal hinterher, was Filme angeht. Unglaublich eigentlich, aber so ist es. So haben wir die französische Verfilmung der Kleist-Novelle Michael Kohlhaas, immerhin aus dem Jahre 2013, gerade erst gestern gesehen. Dabei war der Film seinerzeit sogar ein Anwärter für die Goldene Palme. Die hat aber La Vie d’Adèle bekommen (das habe ich gerade nachgelesen). Das Gerechtigkeitsdrama Michael Kohlhaas ging damals komplett unbemerkt an mir vorbei. Es war wohl noch nicht mein Interessenschwerpunkt, sagen wir mal so.

Das Leben wollte, dass es mich Jahre später nun doch interessiert. Seit Monaten rumort es nämlich in meinem Hirn: „du musst Michael Kohlhaas lesen!“, denkt es wieder und wieder. Ich kaufte immerhin bei einem bouquinisten eine Novellensammlung Kleists (in Deutsch) aus dem 19. Jahrhundert und stieß bei weiteren Recherchen auch auf den schon erwähnten Film. Oh! Und es gibt ihn auch in französischer Sprache! Wie klasse, dachte ich, wir schauen den Film, dann muss ich Kleist für Monsieur nicht mal mühsam übersetzen. Gestern haben wir ihn in der Médiatheque ausgeliehen und angesehen.

Nun, ich fasse Ihnen Michael Kohlhaas für alle Fälle mal zusammen. Falls Sie noch wissen, um was es geht, können Sie den nächsten Abatzt komplett überspringen. Falls Sie auch den Film schon kennen, können Sie sogar zwei Absätze überspringen und setzen nach dem zweiten Trailer wieder ein. So sparen Sie wertvolle Sekunden, ist ja wichtig in Zeiten, in denen Texte mit ungefährer Lesezeit angegeben werden. Wir haben ja alle keine Zeit mehr. Ich fürchte übrigens, dass dieser Text heute sehr lang wird. Außerdem wird es kein heiterer Südfrankreich-ist-sooo-toll-Artikel. Es wird genauso düster wie der Film. Sie können sich das Weiterlesen noch überlegen und wegklicken. Zeit gespart. Keine Sorge. Alles gut. Ich bin niemandem böse. Vielleicht schauen Sie einfach in ein paar Tagen wieder rein.

Hier jetzt also erstmal die Zusammenfassung:

Dem frommen Pferdehändler Kohlhaas wird Unrecht getan: auf dem Weg zum Markt, auf dem er seine Pferde verkaufen will, wird ihm Wegezoll abverlangt, da er (noch) kein Geld hat, lässt er zwei seiner Pferde als Pfand da und einen Knecht, der sich um die Pferde kümmern soll. Als er wiederkommt, sind seine Pferde in einem elenden Zustand, da man sie als Arbeitspferde eingesetzt hat. Auf den Knecht hat man zuerst die Hunde gehetzt und ihn dann fortgejagt. Außerdem hat Kohlhaas erfahren, dass der Wegezoll zu Unrecht verlangt wurde. Er findet, dass das alles so nicht geht, erkennt die geschundenen Pferde nicht als seine an und erhebt Klage. Sie wird (mehrfach) abgelehnt, der Beklagte hat zu gute Beziehungen zum Gerichtshof. Kohlhaas‘ Frau begibt sich als Vermittlerin auf den Weg zum Hof einer Prinzessin, um dieser einen Bittbrief an den König zu übergeben. Sie kommt unverrichteter Dinge, dafür tödlich verletzt wieder, und sie stirbt kurz darauf. Jetzt sieht Kohlhaas keinen anderen Weg, als sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen. Mit einer Gruppe kampfbereiter Männer macht er sich auf und richtet im Haus des Täters ein Blutbad an, der Täter entkommt jedoch und versteckt sich in einem Kloster. Kohlhaas belagert das Kloster, der Mann entkommt auch von dort, und Kohlhaas zieht fortan mit seinen Helfern mordend und brandschatzend durch das Land, bis dass man ihm Gerechtigkeit widerfahren lässt. Am Ende bekommt er tatsächlich einen gerechten Prozess, erhält seine Pferde in einem guten Zustand zurück, bekommt zusätzlich finanzielle Entschädigung, wird danach aber wegen Landfriedensbruch und all der Gewalttätigkeiten verurteilt und hingerichtet. Er nimmt die (Todes-)Strafe aber geradezu gelassen an, er hat Gerechtigkeit erlangt. Schluss. So in etwa zumindest.

Falls Sie noch mehr Hintergrundwissen möchten, können Sie auch googlen (oder schreibt man googeln?), hier als Beispiel der Wikipedia-Text.

Warum also quäle ich Sie heute mit diesem Film, der kinotechnisch schon Schnee von gestern ist? Mit all der Düsternis? Der Film wurde anscheinend ganz authentisch ohne künstliches Licht gedreht, die Hälfte der Szenen liegt so im Dunkeln und auch viele Grausamkeiten sind nur zu erahnen. Einen guten Teil des wenigen Textes, den der durchaus hinreißend aussehende Mads Mikkelsen mit seinem niedlichen Dänisch-Französisch zu sagen hatte, habe ich auch nicht verstanden. Und jedes Mal, wenn ich Monsieur anstieß und fragte, was hat er gesagt?, schüttelte der nur den Kopf: chais pas. Hat er auch nicht verstanden. Dafür pfiff der Wind umso lauter übers karge Land, die Fliegen sirrten, und es ist immer nur Winter oder Herbst in den Cevennen. Warum also? Weil es bei der Geschichte, die uns gerade passiert, seit mehr als zwei Jahren um genau zu sein, ebenso um Gerechtigkeit geht. Und Monsieur ist im Begriff, sich in einen Mads-Mikkelsen-Michael-Kohlhaas zu verwandeln.

Sie erinnern sich vielleicht, im Herbst 2015 verwüstete das Hochwasser ganze Stadtteile von Cannes. Wir haben dabei große Teile von Monsieurs Kriminalromansammlung verloren. ich schrieb darüber hier oder hier. Die Dame, von der in einem der Texte die Rede ist, die im Hochwasser all ihr Hab und Gut verloren hatte, wollte gerne entschädigt werden. Das ist durchaus verständlich, aber sie war nicht versichert. Daher wandte sie sich an uns und drohte gleichmal, uns verklagen zu wollen, falls wir ihr nicht umgehend eine Summe X zukommen lassen würden, über deren genaue Höhe sie sich allerdings ausschwieg. „Angemessen“ müsse sie sein. Wir fanden ihre Situation zwar beklagenswert, so wie die Situation aller Menschen, die vom Hochwasser betroffen waren, nicht jedoch, dass wir sie mit der Summe X entschädigen müssten, denn immerhin handelte es sich bei dem Hochwasser um eine Naturkatastrophe, an der wir schuldlos waren, und wir haben ebenso Dinge verloren. Tatsächlich hatten wir erwogen, sie vorübergehend in meinem Büro zu beherbergen, hätten ihr weiterhin gerne mit einer neuen Matratze ausgeholfen, mit Möbeln, mit Bettwäsche oder Elektrogeräten. Und wir hätten die Wohnung, sobald sie wieder trocken wäre, auch renoviert. Genauso wie wir auch unsere Bibliotheks-Keller wieder hergerichtet haben. Ihre Aggressivität und ihre immer wüsteren Drohungen uns anklagen zu wollen, ließen uns davon absehen, sie bei uns aufzunehmen. Unsere Matratze wollte sie auch nicht, sie wollte die Summe X und forderte nun zusätzlich, dass wir sie in einer anderen Wohnung unterbringen müssten, und wenn wir keine hätten, dann müssten wir ihr eben eine anmieten und die Miete dafür zahlen. J’y connais mes droits!, schimpfte sie. J’y connais mes droits! Und die momentan unbewohnbare Wohnung müsste außerdem vollkommen neu konzipiert werden. So wie bisher könne sie da zukünftig nicht mehr leben! Das sei eine Zumutung. Mich erschütterte das alles sehr, denn in dieser kleinen Wohnung habe ich von April bis September 2010 gelebt und sie noch bis 2012 als Büro genutzt. Hier begann mein Cannoiser Leben, ein neues Leben nach dem Tode Patricks. Hier habe ich in dem verwunschenen Garten gesessen und gelesen, gepicknickt und in die Sonne geblinzelt. Einen kleinen Teil davon habe ich umgegraben und bearbeitet und einen Gemüse- und Blumengarten angelegt. Über meine fragwürdigen Ernteerfolge, den Kampf gegen die Nacktschnecken und gegen Blumen klauende Nachbarn habe ich launige Kolumnen geschrieben (unter Pseudonym, über das wir jetzt vielleicht sprechen dürfen; die Texte sind übrigens so zerknittert, weil sie auch mit dem Hochwasser in Kontakt gekommen sind; immerhin konnte ich sie retten und habe sie einzeln getrocknet und von Hand gebügelt).

Zurück zur Wohnung. Hier gab mir Monsieur irgendwann einen ersten Kuss. Ich war hier sehr glücklich und habe die Wohnung als Büro nur aufgegeben, weil das Finanzamt eine unverschämt hohe taxe professionnelle, eine Art Gewerbesteuer, dafür einforderte, die in keinem Verhältnis zu meinen geringen Einkünften stand. Ich verstand nicht, was an dieser Wohnung so unzumutbar sein sollte. Und so weit ich es mitverfolgt habe, hatte Madame B. auch drei Jahre lang dort normal gelebt, die Miete bezahlt und immer wieder davon gesprochen, auch einen Gemüsegarten anlegen zu wollen, aber gemacht hat sie es dann doch nie.

Ihre Vorstellungen, was wir ihr jetzt und zukünftig schuldeten, gingen ins Absurde. Der Ton war feindselig. Wir lehnten ab und schlugen ihr vor, sich besser nach einer anderen Wohnung umzusehen, schon weil die bisherige von nun an als überschwemmbar eingeschätzt wird und daher nicht mehr vermietet werden kann. Immerhin warf sie uns ja auch vor, ihr Leben in Gefahr gebracht zu haben. Nun, Sie denken es sich: Sie verklagte uns. Die Anklage war grotesk. Sie machte sich den Umstand des feuchten, schlammigen Zustands der überschwemmten Wohnung zunutze, um zu behaupten, die Wohnung sei schon vorher in diesem Zustand gewesen: feucht, mit einer Sickergrube, aus der widerwärtige Gerüche drangen. Das alles war so überzogen, dass wir lachten. Das würde jeder einsehen, dass es nicht stimmte. Sickergrube! In einer Stadtwohnung! Aber sie fand Menschen, die eidestattlich logen, dass es sich so verhielt. Und einen Anwalt, der eine Anklageschrift verfasste, die uns darstellte wie Halsabschneider, die eine arme unschuldige Frau in einem dunklen vergitterten Kellerloch eingesperrt hielten, in dem Schimmel an den Wänden wuchs und es widerwärtig stank. Er verlangte für seine Mandantin binnen 48 Stunden eine angemessene Wohnung oder ein Hotelzimmer, für das wir aufzukommen hätten, forderte für sie die Gesamtsumme der seit über drei Jahren gezahlten Miete zurück und klagte uns weiterhin an, Wohnungen in unzumutbarem Zustand zu vermieten, die für die Mieterin eine Gefahr an Leib und Leben darstellte. Die Prozesskosten gingen ebenso zu unseren Lasten. Undsoweiter. Wir lasen diese Anklageschrift mit zitternden Händen. Es war absurd. Aber klar war auch, dass wir einen Anwalt bräuchten.

Wir wandten uns vertrauensvoll an Maître C., der, so schien mir, uns nicht wirklich glaubte und vor seinem geistigen Auge eine Wohnung in mittelalterlichem Zustand sah und sagte „Sickergrube, hmhm“ und „so etwas ist heute nicht mehr zulässig“ und „einigen Sie sich besser gütlich“. „Aber hallo“, sagte ich, „ich habe in dieser Wohnung gelebt, das ist eine kleine Wohnung unter Straßenniveau, davon gibt es viele in Cannes, aber sie ist vollkommen korrekt und es gibt dort keine Sickergrube, das kann ich beschwören.“  „Ja“, lächelt der Anwalt milde, „Sie als Ehefrau können sagen, was Sie wollen, es hat vor Gericht keinen Bestand, und solche Wohnungen sollte man heute wirklich nicht mehr vermieten.“ „Nun“, wende ich ein, „alle Großstädte der Welt sind voll mit Wohnungen, die unter Straßenniveau liegen, ich kenne das aus London, Amsterdam, New York. Sie sind vielleicht weniger schick, aber billig und es hat einen Sinn, dass man diese Wohnungen vermietet, denn es gibt Leute, die können sich die teurere Wohnung im ersten Stock nicht leisten. (Madame B. hat die Wohnung immerhin aus freien Stücken angemietet.) Die Wohnung ist völlig korrekt, sie hat nach hinten hinaus zwei Fenster auf normaler Höhe (das Haus liegt, wie so viele in Cannes, am Hang) und die „Sickergrube“ ist eine Brauchwasserpumpe, die das Wasser auf Straßenniveau pumpt und an die Kanalisation angeschlossen ist.“ „Jaja“, sagt Maître C. genervt, „ich rate Ihnen dennoch zu einer gütlichen Einigung“ und er nennt eine Summe Y. Davon sind wir weit entfernt. Wo kommen wir denn da hin? Wenn wir der Dame eine Summe X oder Y zahlen, nur weil sie lügt und uns erpresst, was fordert sie denn dann zukünftig? Da er uns aber nur „so“ verteidigen würde, gehen wir zur ersten Verhandlung ohne Anwalt und verteidigen uns selbst. Es wird eine Gerichtsexpertise angeordnet, um den Zustand der Wohnung zu überprüfen. Unsere Mieterin „wohnt“ offiziell noch immer in dieser Wohnung, das heißt sie hatte die Schlüssel dazu, und wir haben gegen ihren Willen keinen Zugang (in Wirklichkeit logiert sie bei Bekannten, und zahlt, das ist allerdings selbstverständlich, nun keine Miete mehr), sie hält (entgegen unsere Bitte aber) alle Fenster und Türen geschlossen und sorgt so dafür, dass ein nettes Feuchtbiotop entsteht, indem sie vermutlich Pilze züchtet. Das Gericht wollte uns keinen Zugang zu der Wohnung gewähren, damit wir mit den Reparatur- und Aufräumarbeiten beginnen könnten. (Falls Sie sich den Zugang gegen ihren Willen verschaffen, kann man Sie wiederum wegen Hausfriedensbruch verklagen, was die Lage nur verschlimmert, also taten wir das nicht und sahen dem Expertentermin entgegen.)

Monate später. Expertentermin. Alle finden sich ein. Madame B., ihr Anwalt G., der Experte G. aus Toulon und Monsieur. Die Wohnung ist nun schwarz verschimmelt, riecht modrig und als man die berühmte „Sickergrube“ öffnet, stinkt es dort tatsächlich bestialisch. Anwalt G., der Experte G. aus Toulon und die Dame B. schauen dramatisch besorgt. Unausgesprochen sagen sie: das wird böse für euch enden.

Die Zeit vergeht. Madame B. wird in der Zwischenzeit von der Stadt Cannes eine andere Wohnung zugewiesen und sie gibt uns die Schlüssel zurück. Wir erhalten Kenntnis davon, dass das Hygieneamt der Stadt, auf Bitte von Madame B., die Wohnung ebenfalls inspiziert hatte, schon gleich nach der Hochwasserkatastrophe. Die Expertise der Stadt besagt, dass die Wohnung sich in einem korrekten Zustand befindet (Fenster, Deckenhöhe, Quadratmeterzahl, Heizung, sanitäre Einrichtungen), dass sie aufgrund des Hochwassers beschädigt wurde und erkennt eine Brauchwasserpumpe, die an die Kanalisation angeschlossen ist. Die „pestilenziellen“ Gerüche, die die Mieterin beklagt, waren an dem Tag nicht vorhanden.

Monate später erhalten wir den „Entwurf“ des Expertenberichts. Darin massakriert er uns. 50 Seiten voller Lügen. Es steht „Sickergrube“ quasi auf jeder Seite. Was eine „Sickergrube“ ist, wird seitenlang erörtert und dass sie, natürlich, nicht zulässig ist. Dazu eine ganze Serie schrecklicher Bilder, unter anderem von Sickergruben, die mit der Wohnung nichts zu tun haben. Er kommt zum Schluss, dass wir, wie vom Anwalt gefordert, zur kompletten Mietrückzahlung verurteilt werden sollten, einschließlich der Prozesskosten, die Kosten seiner Expertise etc.  Wir haben noch ein paar Tage Zeit, um Einspruch zu erheben, bevor er diesen Bericht „endgültig“ abschicken wird.

Maître C. blättert mit besorgter Miene den Bericht durch und sagt wieder „einigen Sie sich gütlich“ und schlägt erneut die Summe Y vor, damit wir nicht zu der Summe XYZ verurteilt würden. Das lehnen wir ab. Maître C. lehnt daraufhin ab, uns zu verteidigen. Wir beauftragen in Windeseile einen anderen Experten S., der uns von Maître C. immerhin noch genannt wird, und der, so hat es den Anschein, auf unserer Seite ist. Er liefert einen Bericht ab, der den des Gerichtsexperten in sämtlichen Punkten widerlegt (glauben wir, aber, um es gleich vorweg zu nehmen, ein Experte hackt dem anderen kein Auge aus und letztlich erweist sich sein Bericht für uns als unbrauchbar). Wir geben diesen Bericht, sowie den Bericht der Stadt in die Unterlagen aller Beteiligten (Experte, Richter, Gegenanwalt) und suchen Händeringend einen anderen Anwalt. Es ist nicht leicht. Maître B. ist, oh Wunder!, disponibel und möchte uns auch verteidigen. Bislang geht es noch darum, den Expertenbericht des Experten G. aus Toulon zu widerlegen. Wir finden Maître B.’s Brief, in dem er den Experten „zur Vernunft“ bringen möchte, ruhig, sachlich und vernünftig. Nützt aber nichts. Der Experte liefert den Bericht sogar noch dramatischer ab. Es gäbe keine Abflüsse behauptet er, weder im Bad noch in der Küche. Und er hat Fotos von eigenartigen Abwassersystemen eingebaut, die nicht aus der Wohnung stammen, von denen er aber eidestattlich und mit Brief und Sigel behauptet, sie stammten aus besagter Wohnung.

Wir lassen den Zustand der Wohnung nun von einem Gerichtsvollzieher dokumentieren, der Fotos der Brauchwasserpumpe und von den sehr wohl vorhandenen Abflüssen usw. macht, und der uns zertifiziert, dass einige in der Gerichtsexpertise vorkommende Fotos nicht aus der Wohnung stammen.

Vorsichtshalber haben wir auch den Staatsanwalt in Grasse angeschrieben, der uns rät bei der Hauptverhandlung eine gerichtlich angeordnete Gegenexpertise zu fordern.

Monate später, die Justiz arbeitet langsam, werden wir zur Hauptverhandlung vorgeladen. Hier wird plädiert und am Ende steht ein Urteil. In der Zwischenzeit gibt es am Gericht von Cannes sogar eine neue Richterin. Das lässt hoffen. Maître B.’s abschließende Verteidigungsschrift ist weiterhin sachlich und vernünftig, scheint uns aber etwas schwach angesichts der dreisten Lügen, die uns gegenüberstehen, und wir bitten darum, dass er die Expertise und alle Forderungen entschiedener zurückweist, mit Hinblick auf den Bericht des Gerichtsvollziehers. Maître B. möchte das anscheinend nicht, denn er ist von nun an nicht mehr erreichbar. Der Gerichtstermin naht, Maître B. ist noch immer „nicht erreichbar“ für uns, wir entziehen ihm kurzerhand den Fall und verfassen fieberhaft in den folgenden Tagen und Nächten unsere Verteidigungsschrift selbst. Es ist der Tag X. Zum Plädieren und Verteidigen  kommen wir gar nicht. Die Richterin, deren Unterlagenmappe leer ist, sieht den Stapel Papier, den wir ihr überreichen, kritisch an. Das kann sie jetzt nicht durcharbeiten. Sie will auch Monsieur nicht anhören. Sie schickt uns wie unfolgsame Kinder auf unseren Platz und nach einer kurzen Aussprache mit dem Gegenanwalt G. nimmt sie alles an sich und ordnet eine Entscheidung für Mitte Dezember an. Die Sitzung ist geschlossen.

Zwei Tage vor Weihnachten erhalten wir das Urteil. Wir haben verloren. Wir werden zum Zahlen der Summe XZ verurteilt, weil wir eine Wohnung in unzumutbarem Zustand mit unzulässiger Sickergrube etc. an Madame B. vermietet haben. Die Summe ist weniger hoch, als vom Experten gefordert, aber ungefähr doppelt so hoch wie das, was man uns die ganze Zeit als „gütliche Einigung“ geraten hat und entspricht in etwa einer Mietrückzahlung von zwei Jahren.

Sind Sie noch da? Die Geschichte ist lang und kompliziert, ich weiß. Alle Menschen aus unserem Umfeld können sie auch schon nicht mehr hören. Hättet Ihr Euch mal gütlich geeinigt sagen die einen. Hättet ihr mal gleich mit einem Anwalt gearbeitet, sagen die anderen oder auch: Hättet ihr mal eine guten Anwalt genommen. Haha. Genauso wie man Michael Kohlhaas geraten hatte, es gut sein zu lassen. Nimm deine halbverreckten Pferde zurück und lass es gut sein. Dass man die Hunde auf deinen Knecht gehetzt hat. Lass gut sein. Wegezoll zu Unrecht verlangt. Lass gut sein. Deine Frau getötet. Jetzt lass erst recht gut sein, wer weiß, was sonst passiert!

Die Geschichte ist eigentlich noch viel komplizierter, ich könnte auch noch weiter ins Detail gehen, aber lassen wir es dabei und sagen nur, dass diese Anklage von Madame B. nur ein weiterer Stein ist, den man uns seit Jahren in den Weg legt. Es geht wohl darum, uns mürbe zu machen, damit wir dieses Haus loswerden, sprich verkaufen wollen. Die Vorfälle in diesem alten Mietshaus, das Monsieur mit seinem Bruder geerbt hat, häufen sich, seitdem der Bruder zwei der Wohnungen an die ebenso an Geld- wie Einfluss-reiche Madame C. verkauft hat, die sich das Haus nun gerne komplett aneignen würde, einschließlich des für Innenstadtverhältnisse überraschend großen Gartengrundstücks, um das Haus abreißen zu lassen, und auf dem Grund etwas Rentableres zu bauen. Das können wir natürlich alles nicht beweisen. Aber das ärmliche Stadtviertel steht, so haben wir gehört, kurz vor seiner Gentrifizierung, und man könnte einen schönen Immobiliendeal damit machen. Wenn Monsieur nur nicht so stur wäre und an diesem Haus mit all seiner Liebe hinge (es wurde von den Urgroßeltern erbaut) und er es einfach gerne selbst behalten möchte, um es wiederum seinen Kindern und Enkelkindern zu vererben.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja? Nein? Christine Cazon hat in ihrem zweiten Krimi „Intrigen an der Côte d’Azur“ so ein ähnliches Szenario entwickelt. Es geht da um ein Hotel. Aha, sagen Sie jetzt vielleicht verdutzt und stellen mir die Frage, die mir auf der Buchmesse gestellt wurde: Wo bleibt denn da die Fiktion? Wer braucht denn Fiktion, wenn die Realität die Fiktion übersteigt, frage ich zurück. Und keine Sorge, das Hotel immerhin hatte ich frei erfunden.

Die Menschen in unserem Umfeld, die das alles nicht mehr hören können und nur in Frieden ihr kleines Leben leben wollen, sagen nun erneut zu Monsieur, lass gut sein, wenn es tatsächlich so ist, hast du es mit einer so mächtigen Person zu tun, dass du eh nichts ausrichten kannst. Und: verkauf ihr doch das alte Haus, was musst du dir in deinem Alter denn noch so einen Ärger zumuten? Du ruinierst deine Gesundheit, du ruinierst dich finanziell. Wozu? Lass gut sein.

Was würde Michael Kohlhaas tun? Sehen Sie!

Also überlegen wir, in Berufung zu gehen. Ein neuerlicher Prozess vor dem höheren Gericht in Aix en Provence würde Jahre dauern, uns weiterhin Sorgen machen und schlaflose Nächte bereiten und zudem Summen XZ oder sogar XYZ verschlingen, und es wäre nicht sicher, dass wir gewännen, sagt uns ein Anwalt in Nizza, dort wo mich neulich das Navigationssystem nicht hinführen wollte. Und er rät ab. Es war ein beinahe tröstlicher Termin. Er plauderte aus dem Nähkästchen, Richter seien auch nur Menschen, und man müsse Glück haben bei Justizangelegenheiten, sagt er. In acht von zehn Fällen habe man leider kein Glück. Er verbleibt mit dem Hinweis auf das Gottesgericht am Ende jeden Lebens. Das letzte Hemd hat keine Taschen, sagt man. Man stirbt allein, heißt es bei Michael Kohlhaas. Und vor Gott werden sich alle verantworten müssen. So lange müssen wir wohl warten. Auf Erden gibt es derzeit keine Gerechtigkeit. Zumindest nicht in Cannes.

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Nun wir sind verurteilt worden, zu Unrecht. Wir gehen nicht in Berufung, wir werden die Summe, zu der man uns verurteilt hat, zahlen, aber wir gehen auch an die Öffentlichkeit. Nice Matin hat uns angehört, einen Journalisten und einen Fotografen geschickt, die sich die Wohnung angesehen haben. Und es gab einen Artikel. Immerhin etwas.

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Im Land, wo die Mimosen blühn …

Mimose im Vorgarten

Auf FB wurde ich gefragt, ob ich Reisetipps hätte, um die Mimosenblüte zu entdecken. Habe ich natürlich nicht. So ist das, wenn man schon ganzjährig im Land, wo die Mimosen blühn, lebt. Man reist nirgendwo hin. Man fotografiert ein bisschen die Mimose im Vorgarten und läuft alljährlich durch denselben Naturpark (guckstu auch –> hier) und macht in der Regel diesselben Fotos, und jedes Jahr finde ich, dass ich entweder zu früh bin oder zu spät, ich schreibe in etwa diesselben Texte und dabei bleibt es. Einmal waren wir im Tanneron, in den Hügeln im Hinterland von Cannes, wo es auch die letzten mimosistes gibt, die Mimosen als Schnittblume züchten und verkaufen. Einer davon ist auch Apiculteur, Imker, der Mimosenhonig produziert. Irgendwo habe ich auch eine historische Postkarte, die die forcerien zeigt, die Hallen, in denen die Mimosen „vorgeblüht“ wurden, aber natürlich weiß ich nicht, wo ich sie hingepackt habe. Mehr habe ich zur Mimose eigentlich nicht zu bieten.

Blick aufs Meer mit Mimose

Denn nein, ich war tatsächlich noch nie bei dem Mimosenfest im Nachbarort, Mandelieu – La Napoule, der selbsternannten Mimosenhauptstadt (es gibt dort tatsächlich eine Kirche mit dem Namen Notre Dame des Mimosas, diese habe ich anlässlich einer Beerdigung einmal von innen gesehen, es war aber außerhalb der Mimosenblüte, und nichts erinnerte dort an die Mimosen) die gemeinhin als Endpunkt der Route des Mimosas gilt.

Mimose eher unscharf

Der Anfang dieser etwa 130 Kilometer lange Strecke, für die es sogar eine eigene Internetseite mit allen Infos zur Mimose gibt, liegt in Bormes les Mimosas. Die Internetseite über die Route des Mimosas bietet einen Gesamtüberblick über sämtliche Mimosen-Festivitäten in den einzelnen Orten, Tipps für Unterkunftsmöglichkeiten und dieses Video:

Nun, schrauben Sie die Erwartungen nicht so hoch, würde ich als einzigen Insidertipp dazu loswerden wollen. Ja, die Mimose blüht gelb und riecht stark (man muss es mögen, mir macht ihr Geruch zunehmend Atemprobleme), aber die 130 Kilometer könnten Sie locker und gemütlich auch an einem Vormittag abfahren, nicht wahr, und überhaupt ist alles sehr unaufgeregt. Die Festivitäten sind alle bonne enfant, man könnte es mit „brav“ übersetzen. Familienfreundlich. Die Orte sind klein, nett und sauber, aber auch in Südfrankreich ist jetzt Winter. Viele Geschäfte, auch viele Hotels und Restaurants sind im Winter geschlossen, und die die geöffnet haben, sind schlecht beheizt. Manchmal sind sie dort vielleicht der einzige Gast. Alles wirkt etwas verschlafen, insbesondere in den kleineren Orten fühlt man sich da leicht verloren. Was kann man denn hier tun? Nicht viel.

Mimose ganz nah

Man kann diese Reise durchaus auch als Frau alleine machen (das wurde ich gefragt) und man findet zu dieser Jahreszeit auch ohne Probleme Unterkünfte (selbst, wenn man nicht vorher gebucht hat). Mandelieu bietet unter anderem geführte Wanderungen (nach Voranmeldung) an. Ich habe aber auch diesen Anbieter gefunden, der eine viertägige Reise organisiert (keine Werbung, keine Gewähr). Hilke Maunder hat ein paar luxuriösere Unterkünfte entlang der Mimosenstraße getestet. Und Ute Gerhards erzählt auch noch ein bisschen über Grasse (bei Fragonard gibt es übrigens einen Mimosenduft!) und hat einen der (oben erwähnten) Mimosenzüchter im Tanneron besucht.

Mimosenpflücker

Ich kann Ihnen noch ein paar Reiseberichte verlinken, wo Mimosenreisen beschrieben werden. Ein Hauch von Frühling heißt dieser stimmungsvolle und informative Artikel, oder der hier mit vielen Fotos von Cannes im Regen: Wo die Mimosen blühn. Oder diesen besonders schönen Reisebericht zur Riviera im Winter (Achtung! Der Bericht ist schon etwas älter und es geht darin um Italien, aber es passt stimmungsmäßig auch gut nach Südfrankreich).

Blick aufs Esterelgebirge

Ich persönlich finde ja Südfrankreich im Winter am schönsten, gerade weil alles so ruhig und verschlafen ist. Ich mag diese Stimmung. Ich mag auch, dass es hin und wieder regnet, stürmt und auch, dass beides gleichzeitig vorkommen kann. Nie wirklich lange. Aber es kommt vor. Bedenken Sie das. Ich liebe das Licht im Winter. Es gibt diesige Tage mit zartem Licht, das den fahlblauen Himmel mit dem graublauen Meer zusammenfließen lässt und abends alles in ein sanftes Rosa taucht, und es gibt stürmische Tage mit knallblauem Himmel und dramatisch feurigen Sonnenuntergängen.

Auch wenn man um die Mimose neuerdings viel Aufhebens macht, es bleibt doch alles sehr winterlich und ruhig. Wenn Sie sich darauf einlassen und auch mit eventuell schlechtem Wetter umgehen können, dann, ja, dann kommen Sie im Winter. Am Strand darf jetzt auch ihr Hund frei herumtollen und die Möwen ankläffen. Und die Mimosen blühen.

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Lost in navigation

„Nach zweihundert Metern in die Err Uh Eh de Belgik abbiegen.“ Was? „Jetzt in die Err Uh Eh de Belgik abbiegen.“ Ich bin so irritiert, dass ich fast vergesse in die Rue de Belgique auch wirklich abzubiegen. Sie sagt tatsächlich Err Uh Eh de Belgik und betont Belgik auf der ersten Silbe, die neutrale weibliche Stimme meines Handy-Navigationssystems. Und nochmal Err Uh Eh. Err Uh Eh de Suhjse. Ich lache hysterisch. Suhjse. Das heißt Suisse, die Schweiz, möchte ich verbessern, aber ich biege dennoch ab. Ich bin so irritiert, nicht nur weil die Straßen rund um die Avenue Georges Clemenceau, die die Stimme zur Ävenjuh Dschordsch Klemenzau macht, alle verstopft sind und ich natürlich keinen Parkplatz finde und daher im engen Einbahnstraßenlabyrinth von Nizza herumeiere. Es regnet in Strömen, der Scheibenwischer schafft es fast nicht, die Fensterscheiben sind beschlagen. Ich lasse die Fensterscheibe runterfahren, um die Straßenschilder erkennen zu können. Glauben Sie nur nicht, dass man an jeder Straßenecke die Straßennamen angebracht hat. Ich fahre also im Stopp and Go diese unbekannte Straße entlang und schon mischt sich die Stimme wieder ein. Ich solle nach links fahren, schon wieder in eine Er Uh Eh. R.U.E. Das heißt Rue, möchte ich schreien. Rue, du Plunze, Rüh gesprochen! Und sie ist auch verstopft diese Straße, siehst du das nicht? Und parken kann ich auch nicht! Aber die Stimme wiederholt stoisch ihre Anweisungen und spricht alle französischen Straßennamen entweder deutsch oder englisch aus. Ävenjuh. Dschordsch. Klemenzau. Err Uh Eh de Belgik. Das ist so unglaublich verwirrend, dass ich im Stau stehend versuche, sie zum Schweigen zu bringen. Kann ich nicht einfach zur stummen Variante zurückkommen? Oder die Anwendung komplett schließen? Es hupt hinter mir. Ich werfe das Handy zurück auf den Beifahrersitz und fahre drei Meter weiter. „Jetzt in die Err Uh Eh … abbiegen.“ „Nein“, sage ich gehässig, „mache ich nicht, lern du erstmal Französisch!“ Ich klicke sie weg, aber sie redet auch mit weggeklicktem Bild immer weiter. Es fällt mir tatsächlich schwer, geradeaus zum Parkhaus Louvre zu fahren, entgegen ihren Anweisungen, JETZT in die Ävenjuh Auhber abzubiegen. Erst im Parkhaus hält sie den Mund. Im vierten Untergeschoss finde ich einen Parkplatz und schalte zitternd das Handy aus. Ich laufe im Regen durch alle diese Err Uh Ehs und finde die Ävenjuh Dschordsch Klemenzau, wo ich einen Termin habe, seit zwanzig Minuten. Hausnummern gibt es auch nur hin und wieder. Vor dem Haus, das ich als das richtige zu erkennen glaube und dazu wieder auf mein nun stummes Handy starre, spricht mich ein Papy, ein Opa, ein älterer Herr mit Gehwägelchen an. Hat er sich verlaufen? Sucht er auch eine Adresse? Es geht mir mit ihm wie mit der Navigationsstimme. Ich verstehe erst nicht, was er sagt. Spricht er auch Deutsch? „Ah, ma jolie poupée, tu ne veux pas de moi?“ Der macht mich an, dieser alte Sack, der nicht mal mehr richtig gehen kann! Non, mais! Er lacht mich zahnlos an. Oder aus? Vor Schreck laufe ich weg und verliere noch einmal gut fünf Minuten, bis ich endlich die Stufen des richtigen Hauses hinauflaufe.

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Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte

France Gall ist gestern morgen gestorben. Alle sind betroffen. Es gibt wohl niemanden, der France Gall nicht mochte. Sie bekommt natürlich ebenso Sondersendungen, wir hören ihre Chansons im Radio und im Fernsehen, alles wie bei Johnny, aber es bleibt deutlich ruhiger. France Gall war zwar nett, aber sie entfachte keine generationenübergreifende Leidenschaft wie Johnny.

Ich wollte erst nicht. Muss ich zu jedem verstorbenen französischen Sänger etwas sagen? Ich dachte, ich warte auf einen schönen Rückblick in der Presse. Aber wo ich auch reinklicke und lese, etwa hier oder hier, niemand sagte etwas zu ihrer deutschen Karriere. Hallo?! Dass die Franzosen das komplett ignorieren, mag sein, aber die Deutschen?! HALLO! Noch jemand da aus meiner Generation? Oder schämen Sie sich alle, dass Sie mit acht Jahren hingebungsvoll die Hitparade gesehen haben, samstag abends mit Dieter Thomas Heck, und dass Sie vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher Chris Roberts, Rex Gildo und Daniel Gérard angeschmachtet haben? Adamo trat auch immer mal auf. Den mochte ich aber nicht so, mit seiner komischen Stimme. Vermutlich waren mir auch seine Texte zu kompliziert. Zu poetisch. Was interessierten mich mit acht Jahren die alten Damen im Park, die Spatzen fütterten?! Da waren die Texte von France Gall eingängiger. „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte, so soll er aussehen, der Mann auf den ich warte …“ oder, aus heutiger Sicht genauso aktuell wie Orwells 1984, „Der Komputer Nummer 3 sucht mir den richtigen Boy …“ oder „Dann schon eher der Pianoplayer mit den schönen Händen drüben am Klavier …“ Die kann ich alle noch auswendig. Oder schreibt man jetzt auswändig? Gestern habe ich einen albernen Rechtschreibetest gemacht und bekam als Ergebnis „noch etwas üben!“ Die neue deutsche Rechtschreibung habe ich nicht mehr abgespeichert. Aber Schlager aus den Sechziger Jahren, die kann ich noch vor mich hinträllern. Falls ich eines Tages demenzkrank werden sollte, ist vermutlich die französische Sprache das, was mir als erstes abhanden kommt, unsere allererste Telefonnummer werde ich aber immer noch aufsagen können. Und die Texte von France Gall kann ich sicher auch immer noch singen. Allerdings nur die deutschen.

Nun über France Gall habe ich schon mal ein bisschen geschrieben, im Zusammenhang mit Serge Gainsbourg, der für sie die ersten Chansontexte geschrieben hat. Später lernte sie Michel Berger kennen, der zunächst auch nur Chansons für sie schrieb, die „besser zu ihr passten“, wie sie in einem Interview, das ich gestern sah, sagte. Kleiner Seitenhieb auf Serge Gainsbourg und den Skandalsong Les Sucettes. (Der Spiegel erwähnt ihre deutsche Karriere dann doch! Und darin gibt es noch einmal einen link und ausführlicher die Geschichte des Liedes Sucettes.) Michel Berger wurde dann auch ihr Ehemann, und France Gall hatte dank ihm und mit ihm viele Hits, von denen zumindest Ella elle l’a über die französischen Grenzen hinaus bekannt wurde. In den achtziger Jahren engagierten sich beide in Afrika und versuchten gegen Armut und Hungersnot anzugehen. Babacar ist ein Hit, der davon beeinflusst ist (in Afrika bot eine alleinerziehende junge Mutter France Gall an, ihr Kind zu adoptieren, damit es eine bessere Zukunft habe). Michel Berger starb früh und France Gall zog sich danach weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Als auch noch ihre Tochter starb, trat sie überhaupt nicht mehr auf. Erst vor ein paar Jahren wurde sie mit dem Musical Résiste wieder sichtbar und hörbar, das mit vielen Chansons von France Gall eine musikalische Coming.of-age-Geschichte erzählt.

Hier eine kleine Zusammenstellung der deutschen Hits, an die zumindest ich mich noch erinnere. Nebenbei kleiner Erinnerungsflash an Miniröcke, Tanzstil, Deko, Herrn Heck und Herrn Giller.

Und weil wir uns, zumindest in einigen deutschen Gegenden, dem Karneval nähern, hier noch brasilianische Klänge, in deutsch gesungen von einer Französin …

Ein paar der (bekanntesten) französischen Hits bekommen Sie aber auch. Mit Poupée de cire gewann sie den Grand Prix d’Eurovision

Der Skandalsong, den sie Serge Gainsbourgh verdankte:

Und hier Songs, die mit Michel Berger entstanden sind.

ps: Sorry, da habe ich vergessen, das Häkchen für die Kommentare anzuklicken! Jetzt gehts, wenn Sie noch wollen ;)

und pps: HIER noch ein etwas anderer Rückblick zu France Gall.

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insomnie in litteris

Ich weiß gar nicht, ob die Überschrift funktioniert, meine Lateinkenntnisse, mühsam an der Uni erworben, sind trotz alledem nicht sehr fundiert. Fakt ist, seit vier Uhr lag ich wach im Bett, der Wind tobt ums Haus, Wind sage ich, es ist hier ja lange Wind, bis es Sturm heißt, Küstenbewohner wissen das, aber Wind am Meer ist auch schon beeindruckend. Ich habe einen Text zum Wind angefangen, als hier eine der Eoliennes, ein Windkraftrad abgebrochen ist wie ein Streichholz, der Text kommt sicher auch irgendwann. Während also der Wind ums Haus tobt und pfeift und klischeemäßig an den Fensterläden rüttelt, habe ich in meinem Kopf einen langen Text geschrieben, bis ich um halb Sechs dann aufstand, um ihn aufzuschreiben. Wenn es mal so weit mit der künstlichen Intelligenz ist, dass meine Gedanken direkt zu Papier gebracht werden können oder aufs Display oder was immer es dann noch gibt, das wäre fein. Ich tippe ja nicht sehr schnell leider, immer mal wieder mache ich halbherzige Versuche, das Tastenschreiben wirklich lernen zu wollen, um nicht auf ewig nur dieses zwei-Finger-Herumgestocher zu praktizieren. Halbherzig. Meistens reicht mir mein langsames Schreiben. Meine Texte entstehen oft allmählich, es flutscht nicht so anfallsartig aus mir raus. Meistens zumindest nicht. Jetzt aber würde ich gern mal ganz schnell tippen, damit der im Bett ausgedachte Text nicht wie ein Traum verschwindet. Er war so schön, so spielerisch hüpfte ich von einem zum anderen Thema und nichts störte, alles floss ineinander.

So, jetzt ist Monsieur auch da und spült Geschirr, die Katze streicht auch immer um den PC, liegt mal auf meinen Knien, mal auf der Tastatur und ich werde jetzt gegen Radioklänge und Geschirrgeklapper die nur ungenügend wirksamen Ohrstöpsel einsetzen, bis der Besuch beim HNO-Arzt, für den ich noch nichtmal einen Termin habe, mir vielleicht neue Wege für meine empfindlichen Ohren aufzeigt.

Amnesie in litteris heißt ein Text von Patrick Süskind, der meiner Überschrift inspiriert hat. Ein Text über das, was bleibt und vor allem über das, was man vergisst, von all dem, was man einmal gelesen hat. Über mein zunehmend bizarrer reagierendes Gedächtnis will ich auch mal schreiben. Ohne, dass ich mich dabei über Demenz lustig machen will, nicht wahr, aber ich VERGESSE neuerdings Sachen und Begebenheiten. Ich! Ich habe NIE irgendetwas vergessen. Bislang zumindest. Aber jetzt habe ich plötzlich eigenartige Leerstellen. Sage zu Monsieur, was lügst du denn da so komische Sachen zusammen? Das habe ich NIE gesagt! Ich weiß auch nicht mehr, wo ich mein Auto gestern geparkt habe. Das ist vielleicht das Störendste im Alltag, weil es immer wieder vorkommt. Dass ich einmal die Bananen erst Tage später in der Waschmaschine fand, blieb immerhin ein Einzelfall. Dochdoch. Darüber schreibe ich eines Tages, bestimmt. Nageln Sie mich darauf fest, falls ich es vergessen sollte. Haha.

„Du musst dein Leben ändern!“ ist der Satz, daran kann ich mich noch erinnern, mit dem Süskinds Text endet. Ein Satz von Flaubert, glaube ich. Oder Beaudelaire? Ein Franzose auf jeden Fall. Glaube ich. Egal, Jahresanfang. Wir wollen da immer so vieles ändern. Immer wieder. Bei mir ist es der Umgang mit dem Essen. Dass Diäten nichts bringen außer Esstörungen und Cellulitis weiß ich zwar, und dass ich nicht die zwölfundreißigste Variante von Paleo-veganer Ernährung versuche oder doch noch einmal eine Fastenkur habe ich mir fest versprochen. Noch stecke ich in einem Wechselbad aus Wut über und Anfälligkeit für alle diese Entgiftungs-und-Entschlackungs-Abnehmrituale. Dabei habe ich sie alle schon probiert. Mir Essen oder bestimmtes Essen zu verbieten scheitert immer über kurz oder lang. Was für ein Quatsch auch. Ich will nicht und trotzdem, sollte ich nicht? Wenigstens die Kilos, die ich mir im Dezember noch zusätzlich angefuttert habe? Der Dezember ist ja ein ganz schrecklicher Monat. Die meisten scheuen ja den Februar, dieser doofe nasse, graue Monat, der so zäh den Frühling blockiert. Bei mir ist es der Dezember. Der Monat ist emotional so aufgeladen, dass ich ihn nur überstehen kann, wenn ich mich mit Dominosteinen und Lebkuchen vollstopfe. Danach fühle ich mich ungefähr so:

Schrecklich. Will ich alles nicht mehr, klappt aber noch nicht so richtig. Détox also. Oder nicht? Dass ich auf Clotilde Dusoliers Food-Blog, dem ich regelmäßig-unregelmäßig folge über Quoi faire au lieu d’une détox: démarrer l’année avec plus de douceur, also „Was man anstelle von Détox tun kann: das Jahr liebevoller beginnen“ klicke, ist geradezu unvermeidlich. Wow!

Klammer auf: Es gibt zwar eine französische und eine englische Version, aber leider keine deutsche, weshalb ich hier mal schnell die Zusammenfassung gebe: Frieden machen mit dem Essen, mit seinem Körper, mit sich: Selbst-Liebe ist die Lösung! „WIEWAS?“ schreien Sie jetzt vielleicht, wie soll ich mit DIESEM unförmigen Körper Frieden machen? Mit diesem Blähbauch? Mit all diesen Speckrollen? Diesen fetten Oberschenkeln? Dieser Cellulitis? DAS soll ich lieben? WIE denn? Ich weiß. Ich habe dasselbe im Sommer zu einer Freundin gesagt, die mir damit kam. Selbstliebe. Du hast gut reden, du bist ja dünn! Anyway, es ist der einzige Weg, sagt Clotilde und ich weiß, sie hat Recht. Und: es geht! Ich bin zumindest auf dem Weg. Klammer zu.

Clotilde also hat einen ausgesprochen liebevollen und tröstlichen Text geschrieben und noch viel mehr, sie gibt eine Menge hilfreicher Links, unter anderem zu ihrem (nur in französischer Sprache existierendem) Podcast. Podcast. Auch so ein Wort. Manchmal hinke ich in meiner komischen deutschen Blog-Enklave im französischen Ausland ja so hinterher. Krieg nix mit. Gerade wird überall übers Bloggen geredet. Wie war das früher so schön, als alles noch werbefrei und nicht SEO war. SEO? Musste ich erst nachschauen. Search-Engine-Optimization. Suchmaschinenoptomiert. Welches Wort muss ich als Schlagwort einsetzen, dass möglichst viele Leute meinen Beitrag finden? Welche Überschrift zieht am besten? Das wäre dann sicher nicht Insomnie in litteris sondern „Hallo ich mache zum siebenhundertvierzigsten Mal Détox“. Aber ich bin ja so hinterm Mond, dass ich davon gar nichts mitgekriegt habe in all den Jahren. Ich schreibe hier einfach so vor mich hin für mich und meine viereinhalb treuen Leser*innen. Manchmal kommen welche dazu, andere springen ab. Ich bin zwar als Bloggerin der anderthalbten Stunde immer noch da, aber nicht immer gutgelaunt und manchmal ein bisschen ruhiger, und gänzlich Werbe- und auch komplett SEO-frei, und deshalb auch kein Blog-Zugpferd, keine Influenzerin. Mir wird deshalb auch nicht angeboten Matratzen zu testen, wie etwa der Schreiberin des Frau Mutti-Blogs, die ich nicht mehr verlinken kann, weil es sie nicht mehr gibt. Hat das eigentlich schonmal jemand bedauert irgendwo? Es gibt sie noch so ein bisschen im inneren Gewinde des Internet, aber eben nicht mehr den Blog. Alles weg. Schade. Wie sehr muss man genervt sein, dass man so radikal verschwindet? Dabei gab es da sogar noch Kommentare, jede Menge sogar, wenn ich das recht erinnere. Das wird nämlich auch bedauert. Früher war mehr Lametta und früher waren mehr (freundliche) Kommentare. Stimmt schon. Aber heute gibt es so viele viele viele Blogs, wollte man da überall einen langen Kommentar hinterlassen, käme man zu nichts anderem mehr. Wobei es das immer noch gibt. Bei dem einen oder anderen Thema der Kaltmamsell zum Beispiel. Ich hatte das schon verlinkt neulich. Wo war ich? Podcast. Genau. Kostenlos im Internet abrufbare Hörsendungen könnte man das nennen. Clotilde macht eine Serie, die Change ma vie heißt und, na das will man doch! Oder vielleicht nicht Sie, aber ich war total angefixt. Change ma vie, wäre vielleicht auch ein guter Suchmaschinenbegriff. „Du musst dein Leben ändern“, sagte schon Beaudelaire, Flaubert oder sein Papagei. Vielleicht ändere ich die Überschrift dieses Beitrags noch. Und dann hätte ich nicht gedacht, dass eine junge Frau (37) mit netter Stimme mir so schlicht, amüsant und intelligent neue Erkenntnisse vermitteln könnte. Man hat ja schon das eine oder andere Jahr Therapie auf dem Buckel, nicht wahr, da soll erstmal eine(r) kommen und mir noch was Neues erzählen. Und zumindest intellektuell habe ich vieles schon begriffen, dochdoch. Clotilde aber erzählt Dinge, die so unerhört sind, dass mein Hirn sie sofort vergisst. Du sollst (es dir) nicht merken, sage ich hier mal, frei nach Alice Miller. Ich hoffe, es sickert dennoch etwas ins Unterbewusstsein durch. Auf jeden Fall höre ich Clotilde zu und nicke. Ja! So gehts mir auch. Und das kann man ändern? Licht am Ende des Tunnels? Je change ma vie?! Vraiment?! On verra.

Das war das Wichtigste aus meinem traumähnlichen Schreibzustand. Eigentlich wollte ich Ihnen noch von einem Film erzählt haben, und von Taschenkalendern und über Musik sollte es gehen und über neue deutsche Frauenzeitschriften, die ich in Deutschland entdeckt habe, und die zumindest für mich neu sind und darüber, dass es darin jetzt ständig um die Menopause geht, ich finde das ungerecht, zu meiner Zeit war es noch tabu und niemand wollte mit mir darüber reden. Mal bin ich meiner Zeit voraus, mal hinke ich hinterher. Das Leben im Ausland macht aus mir so eine Art Outlaw. Nun, vorhin passte das auch ganz ausgezeichnet zusammen. Jetzt aber finde ich, dass es mit Clotilde aufhören sollte. Alles andere kommt (hoffentlich) die Tage!

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Les vœux du Président

Sich les voeux, die Silvestergrüße oder Ansprache zum kommenden Jahr des Präsidenten anzuhören, gehört in Frankreich am Silvesterabend dazu. Ganz Frankreich sitzt vor dem Fernseher und hört zu, um den Präsidenten danach entweder zu beglückwünschen oder zu kritisieren. Außerdem wird genau gestoppt, wie lange er spricht. Gestern erlebten wir die ersten voeux von Emmanuel Macron. Seine Rede sei zu lang gewesen, hieß es sofort. 17 Minuten, damit habe er beinahe den langatmigen General de Gaulle eingeholt, dessen längste Rede zu diesem Anlass 18 Minuten gedauert habe. Insofern gibt Macron noch eine Zugabe in den Social Medias, eine nur zwei Minuten dauernde Rede, vielleicht für die Jüngeren, die schneller wegklicken. Die Quintessenz seiner Rede steht heute auf dem Titelblatt von Nice Matin. Der Künstler Ben hat es gezeichnet.

2018 le monde changera. grâce a vous.

„2018 wird sich die Welt ändern!“, sagt Macron. Kleingedruckt sagt er: „dank Ihnen“. Sprich, die Welt wird sich ändern, wenn wir sie ändern.

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Bonne Année

Bonne Année!

Das darf man eigentlich erst morgen wünschen, genau wie die Meilleurs Voeux, das sagt man den ganzen langen Januar ununterbrochen, aber keinesfalls vorher. „Frohes Neues Jahr!“ wünscht man bei uns ja auch erst, wenn es schon da ist. Heute, am 31. Dezember, sagt man noch „Guten Rutsch!“ oder „Kommen Sie gut rein!“ Hier also sagt man heute etwa Bonne Fête! oder Passez un bon réveillon!

Wir bleiben gemütlich zu Hause (nachdem wir uns nach Jahren endlich gegenseitig gestanden haben, dass wir die Silvesterfeierei gar nicht mögen) und es gibt, nein weder Foie gras noch Austern, es gibt schlicht nochmal Entenbrust mit Orangensauce, weil das neulich so lecker war, obgleich die Entenbrust nicht so richtig rosa, sondern schon sehr durchgebraten war, da muss ich also überlegen, ob ich sie heute bei hoher Temperatur kürzer oder bei niedriger Temperatur länger braten will, und außerdem gibt es die Reste vom Schwarzwälderkirschparfait, das ich bei Micha entdeckt habe. Das war absolut perfekt, ein parfait eben, und kam hier neulich gut an! Denn ich musste natürlich, kaum aus Deutschland zurück, doch nochmal die französische Familie einladen. Glauben Sie mal nicht, dass man den Gepflogenheiten hier entkommen kann. „Mach nicht so viel!“, stöhnen zwar alle, aber wehe, Sie machen dann wirklich nicht so viel. Wie ich schon mehrfach sagte, drückt sich die Wertschätzung ihres Gastes darin aus, wie Sie ihn „empfangen“, also bewirten. Und: Zwischen Weihnachten und Neujahr bleibt es festlich! Spaghetti oder Hacksteak kämen nicht gut an.

Was hier auch nicht gut ankommt an Silvester, neben zu einfachem Essen und Wunderkerzen, Sie erinnern sich, ist Bleigießen. Ich sage das nur, weil ich es gerade auf Arte Karambolage gesehen habe.

Glauben Sie nur nicht, dass Sie mit Ihren lustig gegossenen Formen und Assoziationen irgendeine amüsierte Stimmung herbeireden können. Ich habe das einmal mit Kindern und einmal im Freundeskreis gemacht. Nie wieder. Die Kinder erwarteten wohl Wunder,  während ihre Eltern das Experimentieren mit brennenden Kerzen und heißem Blei, oder was immer man heute über der Kerze verflüssigt, argwöhnisch betrachteten. „Das wars?“ fragten die Kinder dann enttäuscht. Vermutlich dachten sie, ich würde das Blei in Gold verwandeln oder sonst irgendetwas Magisches damit anstellen. „Was soll das?“, schienen sich hingegen die Erwachsenen zu fragen, denen ich Bleigießen letztes, oder war es vorletztes Jahr?, aufdrängte. Eigentlich haben die Franzosen eine niedrige Amüsier-Hemmschwelle und gleich wenn die ersten Takte von Macarena, Ententanz, Sardinensong oder fliegenden Servietten erklingen, geht es hier ab! (So ähnlich wie der Kölner, wenn er einen Karnevalsschlager hört!)

Bleigießen wird, glauben Sie es mir, und da kann Arte noch so viel davon reden, seinen Weg nicht nach Frankreich finden (Beachten Sie den Blick des blonden Herrn beim Bleigießen, er zeigt genau wie amüsant es für die Franzosen ist!) Genausowenig wie Dinner for one übrigens. Alles Erfahrungswerte. Es bleibt schwierig mit dem länderübergreifenden Humor, wir arbeiten hier dennoch weiter an der deutsch-französischen Verständigung.

Nun denn: Neues Jahr, neues Glück! Kommen Sie gut rein! Feiern Sie oder legen Sie gemütlich die Füße hoch und vielleicht einen netten Film in den DVD-Spieler, lesen Sie ein vergnügliches Buch oder legen Sie sich die (Tarot)Karten. Ich hoffe und wünsche mir, dass es überall friedlich bleiben möge. Und wir lesen uns, so Sie mögen, die Tage wieder!

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Le Moulin Forville – Le Musée Victor Tuby

Ich weiß, es ist kurz vor Ende des Jahres und da müsste man eigentlich das abgelaufene Jahr Revue passieren lassen. Vielleicht mache ich es noch, ich fürchte, ich habe nicht genug Zeit, heute auf jeden Fall wird es etwas anderes. Schnell noch in dieses Jahr gequetscht wurde die Besichtigung eine der ehemaligen Mühlen in Cannes, eine Ölmühle, die zu einem Museum umgewandelt wurde: Le Moulin Forville – Le Musée Victor Tuby. Das unscheinbare Haus befindet sich am Fuße der Altstadt, dem Suquet.

Le Moulin Forville – Le Musée Victor Tuby

Normalerweise ist die Besichtigung des Hauses an jedem ersten Samstagnachmittag im Monat möglich. Sie ist kostenlos. Das Museum wird von einem rührigen Verein, der Association Moulin Forville – Musée Victor Tuby, ehrenamtlich betrieben. Gerade gibt es dort zusätzlich eine Krippenausstellung – über achtzig Krippen, viele davon die typisch provenzalischen Landschaftskrippen der Region, aber auch große und kleine und allerkleinste Krippen aus aller Welt wurden liebevoll aufgebaut und sind zur Zeit an mehreren zusätzlichen Öffnungstagen zu besichtigen. Kostenlos. Das kann man nicht oft genug sagen.

Es ist rührend. Die Ausschilderung ist armselig, der Empfang umso herzlicher. Jeder Besucher wird in ein Buch eingetragen. „Aus Metz kommen Sie, um unser Museum zu besichtigen?“, freute sich stolz eine der Damen, die seit über 25 Jahren ehrenamtlich in diesem Verein mitwirkt, und sie trägt die Namen des elsässischen Ehepaars sorgfältig in das Besucherbuch ein.

Wegweiser zum Museum

Der Mahlstein

Klopfen und Eintreten

Als ich zum ersten Mal im Musée de la Castre ganz oben im Suquet war, hatte ich eigentlich erwartet, dort eine Art Heimatmuseum vorzufinden, wo ich etwas über die Geschichte Cannes‘ erfahren könnte. Aber nein, ich fand mich in einem Ethnologischen Museum wieder. Ein Heimatmuseum gibt es in dem Sinne nicht in Cannes, aber das Musée Moulin Forville  – Victor Tuby ist annähernd eines.

Victor Tuby entstammte einer alten Cannoiser Familie, er war Bildhauer, Erfinder, Chemiker, Künstler im weiteren Sinn und erwarb diese alte Ölmühle, die er einerseits als solche erhalten wollte, andererseits richtete er dort sein Atelier ein und gleichzeitig ließ er das Haus im provenzalischem Stil ausbauen. Er hatte eine umfangreiche Sammlung provenzalischer Möbel, Kleider, Bücher und Gegenstände, und begründete die Academie provençal, einen Verein, der bis heute die hiesigen Traditionen pflegt. Nun kann man Volkstanzgruppen und Brauchtum stirnrunzelnd gegenüberstehen. Ist das noch zeitgemäß? Ist es nicht peinlich in diesen Klamotten über die Croisette zu promenieren, und zu Flöten- und Tambourmusik zu hopsen? Sich von Touristen anstaunen und fotografieren zu lassen? Ist es nicht sowieso alles zur kitschig-spießigen Folklore verkommen?

Aber das ist der Blick von außen. Mich rührt es erstaunlicherweise sehr, wenn ich in der Altstadt um den Marché Forville zufällig in einen der Festumzüge, die es im Sommer immer wieder gibt, gerate. Und ich glaube, es liegt daran, dass die Vereinsmitglieder der verschiedenen traditionellen Gruppen, die, das kann man auch sagen, sich gegenseitig Konkurrenz machen, ihre Traditionen mit großem Ernst verteidigen, und sie stolz und gerne zeigen. C’est de chez nous! sagt in dem Film eine Dame. Sie meint, man sieht in dem Umzug „ihr“, das ursprüngliche Cannes. Man sieht vor allem, sage ich, Cannoiser Familien. Denn nur sie sind in den Heimatvereinen aktiv. Und es ist sicher eine Art sich zu zeigen, in dieser von Touristen und Zugezogenen aller Art überschwemmten Stadt. Es ist unsere Stadt! Wir sind noch da! Und unsere Traditionen und Werte sind uns wichtig, da können noch so viele goldfarbene Bentleys über die Croisette rollen.

Nun, nach seinem Tod vermachte Victor Tuby (1888-1945)** das Haus und die Sammlung einem anderen Heimatverein, und wünschte, dass man Haus und Mühle in ein Museum für Cannes umwandeln würde.

Victor Tuby umrahmt von Damen

Und so kam es. Wenn man das sehr heterogene kleine Museum heute besucht, bekommt man eine ins Detail gehende Führung und freut sich über den üppig und liebevoll ausgestatteten ersten Raum im provenzalischen Stil mit all den eigenartigen Möbeln (le pétrin, dem hölzernen Backtrog oder die panetière darüber) staunt vielleicht über die alten Holzpressen der Ölmühle, sowie die Engelskulpturen und den kleinen Lieferwagen im Atelier, und ist irritiert über die vernachlässigt wirkenden Räume des ehemaligen Wohnhauses. Warum ist das so?

Wohnraum

Küche (Ausschnitt)

Pétrin und Panetière (Backtrog und Brot“schrank“)

Atelier, Blick in den Garten

Lieferwagen

Ölpresse

Kostüme

Folgen des Wasserschadens

Wandfresken

Ehrenbanner

Polstermöbel

Auch nach vielerlei Erklärungen fällt es mir schwer, die Kulturpolitik Cannes‘ zu verstehen. Welchen Vereinen wieviele Subventionen zugeteilt werden ist, sagen wir, für mich zumindest, nicht nachvollziehbar. Die Association Moulin Forville – Musée Victor Tuby schlägt sich seit zig Jahren quasi ohne städtische Unterstützung durch. Das Haus wurde einmal (lieblos heißt es) von der Stadt renoviert, ein Wasserschaden in neuerer Zeit aber wurde nicht mehr repariert. Die Feuchtigkeit im Haus führt dazu, dass vieles allmählich verkommt. Polstermöbel, Vorhänge, originale Kostüme, die in anderen Museen wie etwa in Grasse, nur hinter Glas zu betrachten sind, und hier ungeschützt ausgestellt werden, haben Stockflecken. Dabei arbeiten viele fleißige Hände daran, alles vorsichtig zu säubern, auszubessern, und so gut es eben geht, zu erhalten.

eine provenzalische Krippenfigur wird augebessert

ein neues Kostüm entsteht in Handarbeit

Anprobe

ein Kleiderschrank im Nähstübchen

Hauben

Edle Kleinigkeiten

Der Verein bemüht sich um vielfältige Veranstaltungen im Rahmen seiner Möglichkeiten. Im Sommer gibt es hin und wieder bemerkenswerte Konzerte im kleinen Garten. Zur Eröffnung der Krippenausstellung gab es ebenso ein Konzert, das sie auf der Facebookseite des Vereins entdecken können (ich weiß nicht, wie ich es aus FB hierher stellen kann).

Hier noch ein paar (wenige) Bilder der vielen, liebevoll gestalteten Krippen. Wenn Sie gerade hier sind und Zeit haben, gehen Sie hin. Sie entdecken ein Stück des alten Cannes. Das Museum liegt übrigens ganz in der Nähe des Parkhauses Forville, in dem man die erste Stunde gratis parken kann.

eine provenzalische Krippe (Ausschnitt)

provenzalische Krippe „Cannes“ (Ausschnitt) rechts am Bildrand, der bärtige Herr mit dem Hut in der Hand, eine Figur, die Victor Tuby verkörpert

Krippe aus Vallauris (Keramik)

afrikanische Krippe (Ausschnitt)

Meine Hochachtung und ein großer Dank an die ehrenamtlich arbeitenden Damen und Herren der Association.

——

** Wie ich der heutigen Zeitung entnehme, verstarb Victor Tuby an einem 31. Dezember, und dementsprechende Ehrungen auf dem Friedhof Grand Jas wurden dazu abgehalten. Mehrere der provenzalischen Tradition verpflichtete Vereine waren (festlich provenzalisch gekleidet) anwesend, ebenso die Vereine Anciennes familles cannoises und Anciennes familles boccassiennes (aus dem Stadtteil La Bocca): Man las Gedichte (in provenzalischer Sprache) und sang die provenzalische Hymne Coupo Santo.

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Back in town

Nur damit Sie informiert sind, nicht wahr, ich bin zurück. Am ersten Tag, an dem es etwas blauen Himmel in Deutschland zu erhaschen gab, flog ich zurück ans Mittelmeer und sah das:

Bonjour Nice!

Hier bleibt es ja aber selten lange so düster. Mittags schien schon wieder die Sonne

Hallo Cannes!

und abends leuchtete die Sonne die alten Häuser im Suquet warm an.

Abendsonne im Suquet

Während ich (vergeblich) auf das Drama-Rot des Sonnenuntergangs wartete, verpasste ich leider den Einlass in die Kirche im Suquet, um die restaurierte historische Krippe zu bewundern. Um 18 Uhr wurde mir die Kirchentür energisch vor der Nase zugerummst! Zu spät Madame! Kommen Sie morgen wieder!  Das muss also nachgeholt werden. In der Zwischenzeit waren wir im Museum Moulin Forville am Fuße der Altstadt und dort gab es, neben dem Museum, 90 verschiedene Krippen aus allen Ländern und allen Zeiten zu bestaunen. Das wird aber ein anderer Eintrag. Stay tuned!

Drama-Himmel über Cannes

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Frohe Weihnachten – Joyeux Noel

Nun, ich bin in Deutschland, das sich seit meiner Ankunft auch in die berühmten fifty shades of grey gekleidet hat. Zusätzlich hat sich ein steter Nieselregen eingefunden. Es stört mich irgendwie gar nicht, es hat so was Vertrautes, so etwas von „ach ja, ich erinnere mich wieder, so war das immer“, und ich mache sogar davon Fotos.

Aber ich verstehe wieder, wie sehr man sich nach diesem blauen Himmel in Südfrankreich sehnen kann, wenn es wochenlang so grau und feucht ist.

Trotz Nieselregen war ich auf dem Weihnachtsmarkt dieses Jahr, hurrah! Es gab Bratwurst mit Ausblick. Ich habe auch ein Foto vom Bratwurststand und von der Bratwurst gemacht, für die Franzosen zu Hause (der „Enkel“ bereitet sich auf einen Schüleraustausch in Berlin vor, zu diesem Zwecke wurde hier auch brav Currywurst gegessen und dokumentiert), Sie verstehen schon, Ihnen erspare ich es.

Und gestern Abend war ich in einem wunderschönen Chorkonzert. Ich bin ja schnell gerührt, nicht wahr, hatte die ganze Zeit Tränchen in den Augen, aber dass ich bei dem eigentlich so abgenudelten „Oh du Fröhliche“ aufschluchzte, hat mich selbst überrascht.

Ich wünsche Ihnen Licht in diesen trüben Tagen. Licht und Liebe. Das wünsche ich vermutlich jedes Jahr. Passt aber auch immer wieder. Ich höre ja nur noch wenig Musik (stressbedingt, Sie erinnern sich, ich sprach darüber; ich war hier übrigens bei einem Hörgeräteakustiker, weil die Noice-Cancelling Kopfhörer keine Stille produzieren, wie ich irrtümlich annahm, die sind nur zum ungestörten Musikhören optimal, davon aber später) ich höre also wenig Musik, insofern habe ich Katie Meluas Album In Winter erst dieses Jahr entdeckt. Ich mag es sehr. Hier der Cradle Song, eine Variante einer rumänischen Volksweise, wenn ich es richtig verstanden habe Leganelul lui iisus.

 

Und für etwas Wintergefühl ein Video des gefrorenen Wasserfalls in den Gorges de Saucha Negra bei Châteauneuf d’Entraunes. Schnee liegt dort auch nicht, aber es ist bitterkalt, der Fluss Var ist sogar halb zugefroren!

Les Gorges de Saucha Nègra from Jean-Pierre Champoussin on Vimeo.

Haben Sie es gut, hoffentlich warm und friedlich. Alleine, mit Freunden oder in Familie. Ich denke auch an alle, die Sorgen haben, krank sind, oder arbeiten müssen … Licht und Liebe soll in diesen Tagen überall hinstrahlen und jeden erreichen! Frohe Weihnachten!

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***warum sagte mir eigentlich niemand, dass in der Überschrift ein t fehlte?! *schäm*

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J’ai tant rêvé

Das herzerwärmende Video einer Supermarktkette (nein, wir nennen nicht den Namen) gebe ich Ihnen noch, bevor ich in den Flieger steige … nach Honolulu ;-)                           Nein, kleiner Scherz, für mich gibts deutsche Weihnachten dieses Jahr.

Das Video muss man vielleicht mehrfach anschauen, um alle Details zu sehen. Es geht um Kinderglauben und richtige Ernährung: der kleine Bruder, der noch an den Weihnachtsmann glaubt, stellt mit Schrecken fest, dass dieser, dick und rund wie er ist, niemals durch den Kamin passen würde, um die Geschenke zu bringen, und er setzt den Weihnachtsmann kurzerhand auf Diät. Seine große Schwester, die schon nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt, hilft dennoch mit. Normalerweise stellt man dem Weihnachtsmann (als Dank für seine Mühe) am Vorabend des Weihnachtstags (hier bekommt man die Geschenke am 25. Dezember) Süßigkeiten an den Kamin. Hier wird es eine Artischocke mit Vinaigrette. Sehr süß. J’ai tant rêvé singt schmelzend Henri Salvador. Irgendwie machen sie es richtig bei dieser Supermarktkette. Es gibt kein schlechtes Gefühl, finde ich zumindest.

 Und hier noch etwas mehr douceur Henri Salvador pur

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