Wo man singt …

Einmal im Jahr, im Winter, gibt es oben in den Bergen, wo wir unser Sommerhaus haben, in der kleinen Kirche eine Messe. Um dorthin zu kommen, muss man sich in dieser Jahreszeit in der Regel mit Schneeschuhen ausstatten, raquettes heißen die auf Französisch und das Evenement heißt daher gerne „la Messe à raquettes“, eine Schneeschuh-Messe, eigentlich natürlich eine Schneeschuhwanderung mit anschließender Messe. Danach gibt es dort oben ein gemeinschaftliches Picknick und die einzige ganzjährig ansässige Bewohnerin kocht 100 Liter Suppe für alle. Dann geht es wieder runter. Wir haben daran bislang noch nie teilgenommen, aus allerhand Gründen, einer ist die Gesundheit Monsieurs, die so eine Unternehmung an einem Tag (Aufstieg, Messe, Abstieg) nicht zulässt. Dieses Jahr aber haben wir, spontan wie man hier so ist, daran teilgenommen, mit kurzfristig geplanten Zwischenstopps allerdings. Wir waren mit unserer Spontaneität natürlich viel zu spät, um in der Auberge oder in der Gîte weiter oben noch einen Schlafplatz zu ergattern, denn auch viele andere machen diese Wanderung nun in zwei oder gar drei Tagen und reisen vorher schon an, die Plätze sind aber begrenzt. Wir haben, dank der Spontaneität und und Unkompliziertheit aller, trotzdem Schlafplätze gefunden, sehr einfache in Châteauneuf und ebenso einfache oben in unserem Sommerhaus bei 6°C Innentemperatur. Muss man wollen.

Am ersten Abend hat man uns ebenso spontan in der Auberge in Châteauneuf noch zwei Stühle an den langen Tisch gestellt, es war schrecklich eng, das war schon immer so, auch zu Zeiten als ich dort Gäste empfangen habe. So schlecht machen sie das gar nicht in der Auberge, ich hatte da ja so meine Zweifel, ich nehme das zurück.

Es gab zwei Gruppen, acht „Fremde“ und 15 „Einheimische“. Und an unserem Tisch fingen wir an, alte französische Küchen- und Bänkellieder zu singen. „Wir“ ist missverständlich, denn alle außer mir sangen, um korrekt zu sein, ich konnte nicht, weil ich weder Melodie noch Text dieser Lieder kenne und bewegte daher nur rhythmisch den Kopf und summte mit. Mir ist von all diesen Liedern nur „la rirette“ im Kopf geblieben, es ist, wie so oft in Frankreich „coquin“ und aus heutiger Sicht keinesfalls politisch korrekt, ich gebe es mit Rücksicht auf meine weiblichen Leserinnen auch nicht wieder. In Frankreich stört sich aber selten jemand an solchen Anzüglichkeiten, auch keine Frau, und so wurde fröhlich gesungen und am Nachbartisch, mit den eigentlich fremden Gästen, sang man gerne mit. Das war richtig schön. Am Nachbartisch saßen auch zwei Russen, die man irgendwann nötigte, russische Volksweisen zu singen, was sie (nach dem Genuss viel ermutigenden Wodkas) bereitwillig taten, es waren schwermütige Lieder, die sie mit Inbrunst sangen. Und dann war die Reihe an mir: Was singt man denn so in Deutschland, Christjann?“ Und „Du hast doch so eine schöne Stimme, sing uns mal was!“

Eh beh. Was singen Sie denn so abends im Freundeskreis? Sehen Sie. Kein Mensch singt heute noch, oder? Wir haben früher sogar im Auto gesungen, damals gab es nämlich noch nicht mal Autoradio, das kann man sich ja kaum noch vorstellen. Aber WAS haben wir da nur gesungen? Mein Kopf blieb leer. Mir wollte wirklich nichts einfallen. Nichts. Also nichts Deutsches. „Bella Ciao“ hätte ich singen können, oder „The House of the Rising Sun“, aber ich fand, dass ein italienisches Partisanenlied oder ein Lied über das Schicksal von armen Typen in New Orleans wenig mit dem deutschen Liedgut zu tun haben. Herrjeh, dabei singe ich wirklich gerne. Immer schon. Keine Jugendfreizeit, kein Lagerfeuer, an dem ich nicht alle Lieder der Mundorgel rauf und runter geschmettert habe. Aber mir fiel nichts ein. Mein stets singender Pfadfindervater drehte sich verzweifelt im Grab herum. Als ich an meinen Vater denke und an all die Pfadfindertreffen, taucht aus irgendwelchen Hirnwindungen immerhin „Mariechen saß weinend im Garten“ auf. Aber leider wollten mir weder Melodie noch Text verlässlich dazu einfallen. Hatte sie nicht ein Kind mit dem Schuster aus Treuenbrietzen?  In Unkenntnis des Ortes Treuenbrietzen habe ich das Lied früher nie verstanden, ich dachte der Schuster käme mit ‚treuen Absichten‘ und war dann sehr schockiert von seinem Verhalten.  Aber nein, ich verwechselte Mariechen mit Sabinchen, alle Frauen im Diminutiv, Ännchen, Käthchen, Röschen. Erst hier, vor dem PC finde ich wieder die richtigen Zusammenhänge. Sabinchen wars, das Frauenzimmer, deren Blut am Ende spritzt und der Schuster, der rabenschwarze Hund, steht um sie herum. Uh, wie grausig.

Dort oben fallen mir dann nur Lieder wie „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ ein, aber ich bin plötzlich unsicher, war das nicht eigentlich ein Kriegslied? So etwas möchte ich hier gerade nicht zum besten geben. Oder „Wir lagen vor Madagaskar“. Das wäre vielleicht sogar gegangen, trotz Pest und Leichen, die über Bord gehen, da gehts ja auch um Sehnsucht und Heimat. Aber ich bin total verunsichert, was haben „wir“ eigentlich vor Madagaskar gemacht?, frage ich mich. War das vielleicht ein Sklavenschiff? Keine Ahnung. Besser singe ich es nicht, denn ich müsste ja auch erklären, was ich singe. „Sing ‚Lilly Marleen'“, drängt mich Monsieur, weil ich das schonmal irgendwo gesungen habe, aber mein Kopf ist leer, der Text ist weg. Wie schade.

Hier zu Hause, weiß ich natürlich wieder alles: „Jetzt fahrn wir übern See, übern See …“ trällere ich, und, ach, die Geschichte von der Flunder, zwo, drei, vier, die unglücklich in den Harung verliebt ist, tirallala.  Oder „Zogen einst fünf wilde Schwäne …“. Jetzt könnte ich auch schwermütig „Sing, Nachtigall sing“ geben oder fröhlich „Veronika, der Lenz ist da“, oder „Nur nicht aus Liebe weinen“ und natürlich „Lilly Marleen“ oder meinen absoluten Lieblingsschlager: „Heißer Sand“ von Mina.

Auf der Suche nach manch einem Text bin ich übrigens auf diesen (der volkskundlichen Liedforschung zugehörigen) Blog gestoßen und habe mich an der einen oder anderen Stelle sehr amüsiert. Und erstmals hat man mir den Sinn des rätselhaften Liedes „Heißer Sand“ erklärt. Ganz groß!

Ich bin übrigens festen Willens, mir ein kleines deutsches Gesangs-Repertoire anzueignen. Die nächste Gelegenheit zu singen, kommt in Frankreich bestimmt.

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Zwischenruf: über Fillon, Macron und die anderen

Während in Cannes am Wochenende der Frühling ausgebrochen ist und die Mandelbäume sich in weiße und rosafarbene Blütenwolken verwandelt haben, sind wir spontan in die Berge und in den Schnee gefahren. Bis gestern Abend einschließlich. Es war wundervoll und liefert zukünftig mindesten zwei Beiträge für „Was schön war“. Dort oben, ohne Handyempfang, ohne Internet, ohne Fernsehen und Radio und auch ohne Zeitung, waren wir wirklich wie aus der Zeit gefallen. Ich dachte mir, wenn es einen Krieg geben sollte, dann werde ich mich nach da oben zurückziehen und krieg dann einfach gar nichts mit vom Krieg. Im letzten Krieg kamen die Deutschen nicht bis hier hinauf. Nur die Italiener. Die waren der eigentlich Feind da oben und auf so manchem Gipfel lagern noch Stacheldrahtrollen. Ich würde natürlich wünschen, dass dann da oben zukünftig gar niemand Feind ist. Und würde dann einfach vor mich hinleben, und das ist insbesondere im Winter anstrengend genug, mit der Kälte und dem Schnee und dem Holz holen und Feuer machen und dem sich ernähren, und darüber würde die Zeit vergehen und irgendwann käme ich wieder runter und dann wäre alles anders. So ging es mir gestern nach nur drei Tagen. Alle reden von Schweden und ich verstehe nicht, warum. Was war in Schweden? Gar nichts sagen manche, nur ein Songcontest und etwas Schnee auf den Straßen. Aber der amerikanische Präsident war dank einer schlechten Fernsehsendung schlecht informiert und glaubte, es wäre etwas anderes los gewesen. „Alle reden von Schweden“ stimmt natürlich gar nicht. Die Deutschen reden von Schweden. Und von Trump. Die Franzosen reden nachwievor über Fillon, Macron und die anderen. Und daran hat sich in den vergangenen drei Tagen auch nichts geändert. Ich hätte Ihnen in den letzten Tagen ja ständig erzählen können, was Fillon gesagt hat und was Macron gesagt hat und was Le Pen gesagt hat, aber es war so ein bisschen wie im Kindergarten mit ätschibätsch und so (Macron wurde ein homosexuelles Doppelleben unterstellt, und diese Info kam wohl aus „gut unterrichteten“ russischen Kreisen), aber all das war so unsäglich und ich wartete ehrlich gesagt auf etwas Entscheidendes, um Ihnen zu sagen: So. Ist. Es. Jetzt.

Ist. Es. Nicht. Fillon ist immer noch da. Es ist nicht zum Aushalten. Er hat, wie zwischenzeitlich herauskam, auch seine Kinder für ein bisschen Computerarbeit oder was weiß ich, sehr gut entlohnt. Aber das ist ja alles legal und alle machen das, nicht wahr. Er hat sich zwar entschuldigt beim französischen Volk, damit es schön stille hält, und damit muss es jetzt aber auch mal gut sein. Die Richter halten tatsächlich schön still und man weiß nicht, ob sie irgendwann kurz vor der Wahl oder danach oder auch gar nicht zuschlagen wollen. Sehr unsicher das alles für Fillon, aber er macht verbissen Wahlkampf, letzte Woche in Übersee, Outre-mer heißen all die kleinen Inselchen aus Kolonialzeiten, wo der Empfang trotz der warmen Temperaturen ein wenig frostig war, weil sich die Leute dort eine Summe von 800.000 Euro (Sie erinnern sich: Penelopes „Einkommen“) gar nicht vorstellen können. Fillons Umfrageergebnisse (wer würde ihn als Präsidenten wählen, wenn heute Wahl wäre) sind insgesamt deutlich hinter Marine Le Pen (1.!) und Macron (2.!) zurückgefallen. Vorfeiern bringt Unglück, sag ich’s doch!

Macron hingegen hat noch nicht mal sein Programm vorgestellt, vielleicht hat er noch keins, was ihm seine Gegner spöttisch unterstellen, vielleicht will er es auch nur noch nicht vorstellen, weil es den Rechten dann nicht rechts genug ist und den Linken nicht links genug, und dann fängt das Geschacher an. Es ist unglaublich, dass er dennoch Säle füllt und den Menschen dort voller Zärtlichkeit zuruft „Je vous aime farouchement, mes amis!“ Und die so sehr geliebten „Freunde“ und nicht etwa Wähler oder schnöde das Volk, die sind hin und futsch, von diesem Zuversicht ausstrahlenden Charmeur. Er lächelt. Er ist positiv. Alles wird gut. Dummerweise hat er bei einem Algerienbesuch gesagt, dass die Kolonisation, die Outre-mer doch so schön geklappt hat, in Algerien hingegen „ein Verbrechen gegen die Menschheit“ gewesen sei und man müsse sich dafür entschuldigen. Das hat vielleicht den Algeriern gefallen und vielleicht wollte Macron in den Banlieus ein Zeichen setzen, denn da geht es gerade wieder hoch her, aber den Franzosen hier im Süden, wo viele Pieds Noirs und Harkis und ihre Nachkommen leben, gefiel es absolut nicht. Schwieriges Thema. Ich finde ja auch, dass mal einer anfangen müsste, sich zu entschuldigen, zumindest für das, was im Algerienkrieg passiert ist, aber soweit ist noch keiner, außer vielleicht Macron, aber es ging nicht um den Krieg, sondern um die Kolonisation, und diese etwa mit der systematischen Vernichtung der Juden gleichzusetzen („Verbrechen gegen die Menschheit“), ist vielleicht doch fragwürdig.

Mélenchon hält dank moderner Hologrammtechnik an zwei Orten gleichzeitig Versammlungen ab und ist von sich und seinem Double selbst am allermeisten begeistert. Dass sich die Linke von Mélenchon, die Grünen und die PS mit Hamon zusammenschließen müssten, um überhaupt etwas auszurichten, ist zwar allen Beteiligten klar, aber keiner will zurückstecken. Mélenchon findet, er habe die älteren Rechte, alle sollten sich also hinter ihn als Kandidaten stellen. Das sieht Hamon genau andersherum: Mélenchon hat es noch nie geschafft, ich bin der Kandidat der Hoffnung!

Ach so, und François Bayrou, der Zentrumspolitiker, der, weil er zu ehrlich ist, nie einen Blumentopf gewinnen konnte, sagt hin und wieder, „Coucou! Vielleicht bin ich auch noch Kandidat, ich weiß es noch nicht, ich überlege noch.“

Und da wundert man sich, dass Marine Le Pen supergute Umfrageergebnisse hat?! Sie sagt spöttisch, „ich muss nicht mal gut sein, die anderen sind so schlecht“. Leider hat sie Recht.

Voilà, ich wollte doch mal einen Zwischenbericht geben, auch wenn er so unbefriedigend ausfällt und Sie es in diversen deutschen Zeitungen auch nachlesen können oder vielleicht sogar getan haben. Aber Martin Oetting, auf dessen Blog Kaffee und Kapital ich neulich hingewiesen habe, hat wiederum mich verlinkt (merci!) und will, das sagt er zumindest, immer mal hier reinschauen, um zu wissen, was sie gerade so denken, die Frenchies. Da will ich ihn nicht enttäuschen und nur über schlecht gelierte Orangenmarmelade schreiben, nicht wahr. Obwohl dies kein dezidierter Politikblog ist und auch nicht werden wird. Es ist weiterhin ein „Anything goes“-Blog über mein Leben in Frankreich. Ich sage das auch deshalb, weil meine Besucherzahlen sich in den letzten Monaten, dank des mehrfachen Verlinkens durch Herrn Buddenbohm aber auch von anderen, buchstäblich verdoppelt haben, was ich natürlich unfassbar klasse finde, aber während ich früher wusste, für wen ich in etwa schreibe, für Eva und Marion und Jasmin nämlich und für noch ein paar andere Stammleserinnen, die ich jetzt nicht alle auflisten will, also, wir waren so ein kleiner Haufen netter Frauen, und ab und zu schaute auch mal ein Herr rein, nicht wahr, aber jetzt, jetzt weiß ich gar nicht, wer all die vielen tausend neuen LeserInnen so sind, und das ist ein bisschen fremd für mich. Ich kenne Sie nicht, Sie kennen mich nicht. Sie müssen mir jetzt nicht alle schreiben, um sich vorzustellen, nein, um Gottes Willen nur das nicht, ich habe eh schon viel zu viele Menschen, die mir jenseits der Kommentare schreiben, darüber freue ich mich auch immer sehr, aber vielleicht kann ich das zukünftig nicht mehr alles beantworten. Es wird doch ein bisschen viel. Muss ich sehen. Lesen tue ich natürlich alles, immer! Und ich freue mich aufrichtig, wenn Sie hier lesen, und wenn es Ihnen irgendwie zusagt, das eine oder das andere oder alles, dann bleiben Sie gern da, kommen Sie wieder, machen Sie das, wie Sie wollen, alles ganz ungezwungen hier.

Und wie Sie sehen, schreibe ich nachts, tags kommt man ja zu nichts.

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Und schon (22.02.2017 abends) kommt ein Nachtrag, alles dreht sich so schnell: 

Francois Bayrou sagte gerade, dass er nicht als Kandidat antreten werde, hingegen wird er sich, tatataaa mit Macron zusammentun! Ganz neue Variante.

 

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Nachmittags-Februar-Blau

blau und weiß

Terrasse am Meer

Strand

Schaum

Möwen

Möwen fliegen

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Nur der Pudding hört mein Seufzen

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Gut, die Überschrift trügt. In unserem Fall geht es noch immer um die bittere Orangenmarmelade. Geseufzt wird hier allerdings. Gibt es irgendeinen Blog, in dem so gnadenlos ehrlich alle missratenen Food-Ergebnisse preisgegeben werden? Denn vermutlich bin ich der einzige Mensch, dem die Konfitüre auch mit Gelierzucker nicht fest wird.

Ich komme mir ja zunehmend vor wie Julian Barnes in „Der Pedant in der Küche“, der sich verzweifelt fragt, wie groß ist bitteschön eine mittlere Zwiebel ?! All meine naive „Ich mach‘ einfach mal“-Kocherei wird nämlich immer verkrampfter. Ich habe zwar den erforderlichen Sucre de canne, blond (klingt zwar wie „blonder Zucker aus Cannes“ meint aber „heller Rohrzucker“ ) der besagten Marke (Beghin-Say) erstanden, damit begannen aber neue Schwierigkeiten: Nur 5 Minuten kochen lassen! steht auf der Packung. Keinesfalls länger. 7 Minuten für Früchte, die mit Wasser vollgesogen sind („gorgé d’eau“). An welche Früchte denken die Menschen aus der Gelierzuckerbranche da so? Mir will nichts einfallen. Meine Orangen liegen seit 24 Stunden in Wasser, ich denke, dass ist ziemlich „gorgé“ und entscheide mich für die 7 Minuten-Kochzeit. Achtung, nicht länger kochen, steht da und ganz klein: keine Zitronen verwenden. Wie jetzt? Zwischen meinen gewässerten und kleingeschnippelten Orangen schwimmen auch zwei ebenso kleingeschnittene Zitronen. Ich vermute, dass sich die den Zitronen eigene Säure mit der dem Gelierzucker hinzugefügten nicht verträgt. Vielleicht hebt sich zweimal Zitronensäure auch gegeneinander auf. Minus und Minus gibt Plus. Warum das so ist, habe ich zwar nie verstanden, nehme es aber hin. So wie ich die gesamte Mathematik unverstanden hingenommen habe. Ich kann nicht rechnen. Dyscalculie heißt diese Unfähigkeit auf Französisch. Egal, ich schweife ab. Das liegt nur daran, dass ich heute morgen schon um Vier Uhr aufgestanden bin, selbst für die Katze war es zu früh, sie blieb gähnend auf dem Sofa liegen, und ich mich schon den ganzen Tag wie ein Zombie fühle. Wo war ich? Die Zitronensäure. Genau. Erstes Problem: die Zitronen. Zweites Problem: die Kochzeit. Nur sieben Minuten statt der sonst üblichen 40, da sind meine Orangenschalen noch gar nicht richtig weichgekocht. Ich lese bei Micha nach. Die (hat natürlich ein anderes Rezept und) kocht im ersten Durchgang alles eine Stunde (in meinem Rezept 30 Minuten) „auf etwa die Hälfte ein“ und beim zweiten Kochen mit dem Zucker gibt sie „zehn bis 15 Minuten sprudelnd kochen“ an. Und: „Gelierprobe! Eventuell länger kochen“ schreibt sie. Wie denn jetzt? Der Gelierzuckerhersteller sagt ausdrücklich „nicht länger als sieben Minuten kochen“. Aber warum, erklären sie nicht. Weil sich das Pektin herauskocht? Weil die Marmelade dann in einen weiteren Aggregatszustand wechselt? Flüssig, fest, gasförmig? Oder weil sie vielleicht explodieren wird? Herrgottnochmal. Ich mache es also so wie Micha. Erster Tag: eine Stunde leise köcheln. Am nächsten Tag gebe ich den Zucker hinzu. Sucre de canne, blond. Blonder Zucker aus Cannes. Ich wiege sogar erstmals die „etwa auf die Hälfte“ eingekochte Masse ab, weil sie bei mir nur auf etwa Zwei Drittel eingekocht ist und ich ja die richtige Zuckermenge nehmen will (1:1). Ich nehme für 2,8 Kilo Früchte 2,5 Kilo blonden Zucker. Ist in etwas 1:1. Und koche wieder. Ab wann kocht es? Ab der ersten Bewegung im Topf? Ab dem ersten Blubberbläschen? Oder wenn’s richtig sprudelt? Es sprudelt und erstmals habe ich sogar Schaum, nein, nicht vor dem Mund, auf der Marmelade, den ich abschöpfe. Nach 7 Minuten sprudelndem Kochen mache ich die erste Gelierprobe. Nix is. Ich gebe noch drei Minuen hinzu. Gelierprobe negativ. Ich koche noch etwas weiter und tropfe ununterbrochen Marmelade auf Teller. Nur nicht den Moment verpassen. Wird sie fest? Ja? Nein. Am Topfrand geliert es immerhin. Am Kochlöffel auch. Reicht das schon? Vielleicht wird alles beim Abkühlen fest? Was passiert, wenn ich zu lange koche? Gelierprobe hin, Gelierprobe her, ich denke, es reicht und fülle die Marmelade in die sterilisierten Gläser und stelle diese auf den Kopf. Der Marmeladenschaum und ein Rest bleiben offen in zwei Gläsern stehen. So kann ich gleich die Konsistenz testen.

Heute morgen um Vier stecke ich erwartungsvoll den Löffel hinein. Und? Flüssig.

Ok, nicht ganz flüssig, aber auch nicht richtig geliert. Und: mild, aber zu süß. Viel zu süß. Liegt das am Zucker? Ich erinnere mich plötzlich an eine Szene aus dem Film Bella Martha, wo der Psychologe (August Zirner) versucht, eine bestimmte französische Tarte nachzukochen und Martha (Martina Gedeck), die mit dem gekosteten Ergebnis nicht zufrieden ist, fragt, „haben Sie auch bestimmt diesen Zucker genommen, den ich Ihnen genannt habe?“ Und er fragt, „wollen Sie sagen, Sie könnten schmecken, welchen Zucker ich genommen habe?“ Und sie antwortet, „nein, natürlich nicht. aber ich kann schmecken, welchen Zucker Sie NICHT genommen haben“. Das habe ich früher, als ich ausschließlich weißen Zuckerrübenzucker kannte, nicht verstanden. Aber jetzt verstehe ich das. Ich muss mal eine Zuckerverkostung machen. Es gibt (in Frankreich) so viele Varianten von Zucker!

Als erstes aber habe ich eine Bitterorangenmarmelade-Verkostung gemacht. Und eine Blindverkostung mit Monsieur. Dazu habe ich zusätzlich noch drei Gläser Marmelade der letzten Jahre geöffnet. Die mit Agar-Agar gelierte vom letzten Jahr war leider vergoren und flog weg. Die vom vorletzten Jahr ist superdunkel, weil ich sie zum Festwerden zweimal lange gekocht habe. Ein Glas von ichweißnichtwann aber ist perfekt. Hellorange, fest, geschmacklich gut. Nicht zu süß, nicht zu bitter. Das kommt auch bei der Blindverkostung mit Monsieur heraus. Ich konnte es also schonmal. Ganz ohne Gelierzucker und ohne Stress.

Die neueste Marmelade finden wir beide zu süß. Die vorletzte hat einen leicht angebrannten Geschmack, denn leider sind mir die Orangen beim ersten Kochen angehängt und dieser leicht verbrannte Geschmack bleibt. Essbar sind sie natürlich alle. Aber perfekt sind sie nicht. Zu flüssig die letzten. Das mag man ja ungern verschenken, denn eigentlich dient mir Marmelade, und vor allem die Orangenmarmelade, immer als kleines Mitbringsel. So macht man das hier. Aber vielleicht verschenke ich meine unperfekten Marmeladen an die Restos du Coeur. Oder ist das politisch unkorrekt? Sie sehen, ich bin total verunsichert. Und jetzt ist Schluss mit den Orangen.

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12 /12 im Februar 2017

Das frühe Aufstehen unter der Woche führt dazu, dass ich selbst am Wochenende früh wach werde. Von ganz alleine. In der Küche wartet noch das Geschirr auf Monsieurs Einsatz. Der schläft noch. Wir hatten Gäste gestern Abend. Es wurde spät.

sechs Uhr IMG_2017-02-12_20_39_36

Ich mache mir Kaffee und setze mich vor den PC und schreibe (am 5. Duval! Noch ist der 4. nicht erschienen, schon gehts weiter). Pepita, wie immer frühmorgens sehr verliebt, unterstützt mich.

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Gegen 10 gehe ich auf den Markt. Ich will Orangen und Zitronen kaufen: Orangenmarmelade 2. Versuch. Ich gehe auch in einen Bioladen, finde aber den von Micha angepriesenen Gelierzucker nicht und auch keinen anderen (Ascorbinsäure (Pektinfördernd) gibt es anscheinend in Frankreich nur als Lutsch-, Kau- oder wasserlösliche Tabletten. Daher will ich es diesmal mit Gelierzucker wagen). Ich kaufe im Bioladen immerhin ein paar Buchweizenwaffeln (kein Foto, dafür zwei vom Markt, es ist dort so schön!)

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Zurück, spült Monsieur die Berge von Geschirr qualitätsvoll von Hand und ich helfe ihm beim Abtrocknen. Danach gibts die Reste von gestern zum Mittagessen (Thunfischsteaks, Reis, Zitronentarte). Danach Sieste. Ich bin noch müde vom Vortag bzw. von der Vornacht. Eigentlich müsste man immer den Vortag auch erzählen: Nachts um halb Vier wache ich von beißendem Rauchgeruch auf und denke natürlich, das Haus brenne. Die Wohnung war voller Rauch. Panik. Es war aber nur der Nachbar von unten, der nachts, fragen Sie mich nicht warum, ein großes Stück Fleisch in einem Bräter schmurgeln ließ und dabei eingeschlafen ist. Das Haus hat auch heute noch immer diesen Brandgeruch im Treppenhaus. Die Sieste wird wegen der verkürzten Nacht daher heute etwas länger.

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Danach bin ich unternehmungslustig, es ist aber zu viel Wind, um Spazierenzugehen. Ich fahre in einen Nachbarort, um einen Film zu sehen, der hier noch nicht oder schon wieder nicht mehr läuft. Es ist ein Elend mit den Kinos in der Filmstadt. Lange Schlange vor der Kasse, aber „Jackie“ in der Originalfassung will so gut wie keiner sehen. Alle stehen für La La Land oder die 50 noch dunkleren Grauschleier an. Ich bekomme einen Platz, habe aber die ersten 5 Minuten verpasst. Dennoch: Natalie Portman spielt herzzerreißend. Habe ein neues (deutsches?) Wort gelernt: Biopic heißen die biographischen Filme neuerdings. Jackie, der Film, sei mehr als das, heißt es in den Kritiken, ich stimme zu.

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Als ich aus dem Kino komme, dieser Himmel! Großartig. Sehr viel Wind allerdings.

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Abends werden hier nochmal Orangen und Zitronen geschnippelt für die nächste Fuhre Marmelade.

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Nach dem Essen (Reste) freue ich mich auf „Comedian Harmonists“ im TV, aber ich habe mich im Sonntag geirrt, das gibt es erst nächste Woche. Wir sehen alternativ einen alten Jean Gabin Film (mit dem noch ganz jungen Lino Ventura!): „Le Rouge est mis“. („Die Nacht bricht an“, ist der deutsche Titel.) Endet blutig. Ich kannte ihn aber schon. Dann veröffentliche ich die Fotos hier, zunächst ohne Text. War schon zu müde.

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Voilà, so war mein Sonntag.

Und das ist 12 von 12 im Februar. Schon mehr als Zweihundert (!) andere, wie immer bei Frau Kännchen!

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Was schön war

Trotz trübem Wetter rausgehen und die Mandelblüte fotografieren.

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WMDEDGT 02/2017

Heute ist, wie jeden 5. des Monats, WMDEDGT dran. Tagebuchbloggen. Die reizende Frau Brüllen, die jeden, jeden Tag schreibt, ruft einmal im Monat dazu auf, es ihr gleichzutun.

7.59 Uhr: wach geworden, Pepita liegt schwer zwischen meinen Füßen. Darf sie eigentlich nicht, aber sie schleicht sich jede Nacht irgendwann aufs Bett, meistens spüre ich es, weil sie Tendenz hat, sich massiv anzukuscheln, heute Nacht habe ich es nicht gespürt. Monsieur schläft (wieder) tief und fest – er war, wie zur Zeit fast jede Nacht vermutlich gegen 3 Uhr wach, hat Geschirr gespült, gegen den PC ein paar Runden Bridge gespielt und legt sich gegen 5 oder 6 Uhr nochmal wieder hin. Da ich unter der Woche jetzt gegen kurz vor 5 Uhr aufstehe (!), treffen wir uns manchmal auf dem Weg vom/ins Bett.

Ich koche mir Kaffee, esse ein getoastetes Brot mit der flüssigen Orangenmarmelade, Pepita trinkt Wasser aus dem Wasserhahn. Danach macht sie mir „un gros câlin“ wie man hier sagt: eine Katzenliebeserklärung mit Schnurren, Reiben, auf dem Bauch herumtreten und sie lässt sich dann gemütlich auf meinen Knien nieder.

8.32 Uhr: Pepita hüpft von meinen Knien und ich stehe auf und setze mich am Esstisch an das Notebook. Blick auf den nass-hellgrauen Himmel. Ich habe Rücken und Arm, der Rücken lehnt an einer Wärmflasche, der Arm liegt beim Schreiben auf dem Tisch. Rücken ist auch ein Matratzenproblem, und hallo, falls ein Matratzenproduzent hier mitliest, ich würde auch gern eine Matratze testen! 160×200 bitteschön. Wobei ich auch mit unserer, noch nicht allzu betagten, oder besser benachteten, Matratze anfangs super zufrieden war. Was sind schon hundert Nächte im Leben einer Matratze (der Zeitraum, den ein Matratzenhersteller manch einer Dame in meinem Blogumfeld zum Testen der Matratze zugesteht). Aber wie sieht es nach zwei, drei oder mehreren Jahren aus? Oder was ist neuerdings der empfohlene Rhythmus für den Matratzenwechsel?

8.59 Uhr ich schreibe hier, dabei wollte ich zunächst anderes schreiben. Das tue ich jetzt. Dabei sehe ich ein Stück eines Filmchens.

11 Uhr. Monsieur reserviert für uns einen Tisch in unserem Lieblingsrestaurant in Théoule, Attention! Geheimtipp! Dort gibt es heute ein achtgängiges Menü rund um den Fisch. Ich schreibe noch ein bisschen am anderen Text, dann hübsche ich mich auf und wir fahren durch den Regen, an bewegtem Meer vorbei, bis nach Théoule.

12.30 Uhr sitzen wir an einem der quadratischen Tischchen und schon gehts los. Ein Dégustationsmenü, 8 Gänge, drei (kleine) Vorspeisen, drei (kleine) Hauptgänge und zwei (kleine) Desserts, Apéro, Wein, Wasser und Kaffee gehören dazu. Wir essen. Acht Gänge, aber es sind wirklich nur Häppchen, wenn man viel Hunger hätte, wäre man verloren; alles schön anzusehen, sehr fein vom Geschmack. Viel mehr passiert nicht mehr heute.

16.15 Uhr. Wir bezahlen und fahren wieder heim. Die Sonne kommt etwas raus und wir sehen ein Stück Regenbogen über dem Meer.

16.45 Uhr: Monsieur kann gerade noch die Schuhe ausziehen, dann fällt er schon in eine komatöse Sieste, denn er hat den Apéro und den Wein für zwei Personen ganz alleine getrunken (wir lassen nichts umkommen und der Wein war gut). Ich lege mich (mit Wärmflasche) auch kurz hin, vor allem, um mich aufzuwärmen, ich habe Eisbeine. Französische Bistrots und Restaurants sind im Winter eisekalt: schlecht isoliert, zugige Fenster und Türen, keine Heizung. Ich schlafe aber auch einen Moment ein.

18.00 Uhr: Monsieur holt seine Mutter bei einer Cousine ab und bringt sie nach Hause. Ich sehe Filmchen und schreibe meinen Text (s. o.) zu Ende.

Später am Abend schaut Monsieur fern und ich höre Marine Le Pen mit feierlicher Stimme sagen, sei sie die „Kandidatin des Volkes“. Sie hat heute ihr Programm vorgestellt, 144 Punkte umfasst es, aber weder Monsieur noch ich haben dafür heute Abend noch Aufnahmekapazität. Sie wird gerade, nur damit Sie das wissen, neben Macron als aussichtsreichste Kandidatin für die Präsidentschaft gesehen. Fillon krallt sich noch an sein „Amt“ als Kandidat fest („Ich bin gewählt worden!“) und das, obwohl ihn keiner mehr will, und Benoît Hamon wird nicht genug Stimmen bekommen. Es wird, so viel ist sicher, eine spannende Wahl. Nichts ist vorhersehbar.

22 Uhr. Monsieur schläft schon. Ich auch gleich. Dies war ein sehr französischer Sonntag.

Danke fürs Lesen, andere Tagebuchblogger, wie immer, am Ende von Frau Brüllens Beitrag.

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La La Langweilig

Kann es sein, dass ich der einzige Mensch bin, dem La La Land nicht gefallen hat? Oder wagt es nur kein anderer mehr zu sagen, nachdem dieser Film so viele Golden Globes abgeräumt hat? Er MUSS doch toll sein, er MUSS mir doch Lust gemacht haben, zu singen und zu tanzen, wenn alle das sagen, oder? Aber, oh Gott, NEIN, hat er nicht. Ich habe mich gelangweilt. Ich hatte sogar zwischendurch Lust, aufs Handy zu schauen for some interesting news, und das ist vielleicht für Sie normal, aber nicht für mich. Der Film hat mich nicht mitgerissen, auch wenn ich die erste Szene mit den über die Autodächern tanzenden Menschen vielversprechend fand, danach wurde es banal, fade und dünn, sehr sehr dünn: Die Handlung, die Stimmchen, der Tanz. Grmpf.

Und das alles im bonbonrosafarbenen Dekor Hollywoods. Natürlich verstehe ich, was der Film will, mit all seinen „Zitaten“ und Anspielungen, ich verstehe auch die Botschaft, jaaa sicher, aber es plätschert so vor sich hin und an mir vorbei. Das hat man alles schon gesehen. Und die Palmen, den Glamour von Hollywood, die Sonnenuntergänge, gähn, ich bin vermutlich zu alt und zu versnobt, denn weder das noch Paris auf Pappkarton und Geschichten von jemandem, der barfuß in die Seine springt, wirklich, das reißt vielleicht zwanzigjährige Amerikanerinnen vom Hocker, oh how’s that romantic, aber nicht mich müde, alte Europäerin. Dann sehe ich mir lieber nochmal Singing in the Rain oder Ein Amerikaner in Paris an.

Eine kritische Stimme habe ich gefunden, es irritiert mich, dass es schon wieder in dieser Zeitung ist, die ich früher nicht gelesen habe, ist es das Alter, das mich konservativer macht?! Die Kritik ist natürlich schrecklich film-intellektuell, als Filmkritiker hat man natürlich wirklich alles schon gesehen, und weiß genau, woher manche Ideen und Szenen eigentlich stammen, sieht Zusammenhänge und hat tiefere Einsichten, dem kann ich manchmal nicht ganz folgen, auf jeden Fall aber heißt es dort, dass der Film im Grunde ein Remake des französischen Films Les Demoiselles des Rochefort sei, den ich mir daraufhin natürlich angesehen habe. (Kriegen Sie auch hier, in der besten Qualität die ich finden konnte, immerhin der ganze Film, aber eben Französisch und leider mit spanischem Untertitel :D ).

Und ja, es gibt Ähnlichkeiten, es wird in bunten Farben gehüpft, getanzt, gesungen und geliebt, (und Gene Kelly spielt mit, neben Catherine Deneuve und Michel Piccoli), aber ein Remake, hm, ich weiß nicht, aber natürlich würde ich niemals einem Filmkritiker widersprechen. Von diesem Film aber kam ich zu Les Parapluies de Cherbourg, auch da wird gesungen, geliebt und sich verlassen (ALLES wird gesungen, das ist dann doch ein bisschen anstrengend!)

Diese Geschichte (ein Liebespaar, er muss „weit fort“, sie, von ihm schwanger und ohne Lebenszeichen von ihm, heiratet gezwungenermaßen einen anderen) erinnert mich allerdings ganz stark, nein, nicht an Singing in the Rain, wie man bei den Regenschirmen denken könnte, sondern an Marcel Pagnols Marius. Letzten Endes ist wohl alles schon mal da gewesen, und selbst mein absoluter Lieblingsfilm The Artist hat sich einen Teil seiner Geschichte ausgeliehen, diesmal aber von Singing in the Rain. Ich schwöre, ich habe den Titel meines Beitrags selbst ausgedacht! Anyway, das sind alles wunderbare Filme für einen verregneten Sonntagnachmittag auf der Couch!

ps: Der Inhalt (und Text) der Demoiselles de Rochefort ist übrigens recht freizügig, uneheliche Kinder, Sex und anderes wird offen ausgesprochen: „denkst du nicht, wie sehen in den Kostümen ein bisschen nuttig aus?“ fragt eine Schwester die andere.

Eine andere Szene in Les Demoiselles de Rochefort finde ich aus heutiger Sicht wirklich unglaublich: Yvonne, Cafébesitzerin, kann nicht weg aus dem Café, um ihren jüngsten Sohn (unehelich, wie auch schon die beiden Zwillingsschwestern) von der Schule abzuholen und bittet zwei unbekannte Männer des Zirkus‘, der gerade in die Stadt kam, und die bei ihr etwas essen, ihr Kind abzuholen. Vor der Schule wartet zwar schon brav die Halbschwester, Catherine Deneuve, auf den kleinen Bruder, sie gibt ihn aber, ohne mit der Wimper zu zucken, an die beiden unbekannten Männer ab, weil sie besseres vorhat. „Das ist auch bestimmt keine Entführung?“ fragt sie. „Wenn, dann würden wir es Ihnen nicht sagen“, antworten die Männer. „Das stimmt natürlich“, sagt sie und lässt den Bruder daher in der Obhut der beiden Männer, die ihm Bonbons kaufen! Ich fasse es nicht.

Wenn Sie wüssten, wie französische Schulen heute gesichert sind, mit Mauern und Toren und Sicherheitspersonal. Und sehr kleine Kinder müssen sogar persönlich abgeholt werden und dafür unterschreiben Sie auf einer Liste, auf der Sie natürlich stehen müssen. „Ich kenne Sie nicht“, sagt die Aufsicht führende Lehrerin streng zu mir und fragt das Kind vorsichtshalber, wer ich sei. Und das Kind, sonst lustig und frech, sagt eingeschüchtert „das ist Christjann“. Und auf die Frage, wer ich denn für sie sei, Tante, Großmutter, Nachbarin, sagt es verlegen: „Ich weiß nicht.“ Ha! Die Aufsicht führende Lehrerin sieht mich kritisch an. Ich versuche zu scherzen, sage, „ich bin die dritte Großmutter“, haha, aber die Lehrerin findet das nicht komisch. Ich erkläre, ich sei Stiefgroßmutter, die zweite Frau des Großvaters, verhaspele mich dabei und es klingt so, als habe Monsieur mehrere Frauen, aber, sage ich, „ich stehe auf der Liste“. „Aha“, sagt die Lehrerin, aber es stimmt, und ich habe auch meinen Personalausweis dabei und unterschreibe, dass ich das Kind entführen werde. Das glaubt zumindest die Lehrerin.
Vor fünfzig Jahren konnte man sein Kind in Frankreich einfach von zwei fremden Männern von der Schule abholen lassen. Und vor knapp fünfzig Jahren bin ich in Deutschland einfach alleine von der Schule nach Hause gegangen. Les temps changent.

pps: gerade noch das hier gefunden: alle Film“zitate“ von La La Land

La La Land – Movie References from Sara Preciado on Vimeo.

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… und Dalida

Jetzt habe ich doch tatsächlich Dalida vergessen, spricht für sich, möchte man meinen… Ich war gestern nämlich noch im Kino, ganz alleine. Ich wusste schon, dass mich niemand begleiten wollte, ich hatte auch keine Lust auf kritische Bemerkungen und genoss meine anderthalb Stunden Kitsch. Man braucht ja hin und wieder etwas Auszeit von der Wirklichkeit, n’est-ce pas?!

Dalida, der Film bekam hier fast nur freundliche Kritiken, niemand wollte Orlando, den Bruder Dalidas, Ex- und immer noch Manager der verstorbenen Sängerin, kränken. Alle lobten ausschließlich und zunehmend enthusiastisch „das Casting“, also die Schauspieler, die extrem gut gewählt seien, und ja, die Dalida-Darstellerin Sveva Alviti ist glaubwürdig, „émouvante“ wird auch gesagt, und man leidet wirklich mit, wenn sie „Je suis malade“ singt. Sie hat feinere Gesichtszüge als Dalida, was dem Bild Dalidas aber nicht abträglich ist. Ansonsten fand man wohl nicht viel zu diesem Film zu sagen.

Er ist nach einer Biographie, die Orlando über das Leben seiner Schwester verfasst hat, entstanden, und Orlando ist ebenso einer der Produzenten. Er hatte schon mehrere Filmprojekte, die ihm nicht angemessen erschienen, im Vorfeld abgelehnt. Der Film ist also keine kritische Aufarbeitung von was auch immer, sondern ein Hochglanzporträt, das zur Legendenbildung Dalidas beitragen soll und vermutlich auch wird: Für mich war es wie anderthalb Stunden Zeitschriftenblättern beim Friseur: Dalida, ihre Lieder, ihr Erfolg, ihre Männer (die sich, und das ist wirklich tragisch, fast alle umgebracht haben), ihre Einsamkeit und Komplexe, und ihre Selbstmordversuche. Dass sie neben dem Singen und der Liebe auch noch etwas anderes im Kopf hatte, wird mit einer etwas aufgesetzt wirkenden Szene, in der sie Heidegger liest, bewiesen; die philosophische Phase dauert aber nicht allzulang, dann gibt es schon den nächsten Liebhaber.

Ganz ehrlich, der Film ist leicht, um nicht zu sagen seicht, nicht aufregend erzählt und man muss Dalidas Lieder schon mögen, um ihn zu genießen. Ich war auf Kitsch à la Gala eingestellt und wurde nicht enttäuscht :) Es gab ein paar berührende Momente, aber auch Längen. Lust, ihre Lieder zu hören, habe ich aber immer noch. Kleine Auswahl gefällig?

ps: Danke für den Schlusspunkt und das wahrhaftige und traurige Lied, das im Film auch am Ende läuft. Dalida hat sich im Mai vor 30 Jahren in Paris das Leben genommen.

 

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Plaudereien: Politik, Orangen und Mangold

Bon. Nur wenige politische Details heute, aber es geht mit Herrn Fillon hart zur Sache. Manche sagen, er sei fini und im Hintergrund suchten sie schon einen Nachfolger. Möglich ist das. Juppé hat vorsichtshalber schon abgewinkt. Und letzte Meldung: Marine Le Pen hat so ein ähnliches Problem mit ihren Mitarbeitern, die sie über das Europa Parlament bezahlen ließ, sie schreit ebenso „Skandal“ aber ihre Wähler, sagte gestern eine Journalistin „seien ‚etwas autistisch‘ und sie stünden, anders als bei Fillon, dennoch geschlossen hinter ihr.“

Nein, heute gibt es etwas südfranzösische Leichtigkeit. Ich sehe nämlich, wie oft „Orangenwein“ angeklickt wird, nicht wahr – aber Orangenwein mache ich persönlich nicht mehr, ich mache nur noch Konfitüre aus Bitterorangen. Gestern habe ich sie gekocht, nach einem (klick) bewährten Rezept. Leider ist sie, wie schon letztes Jahr, nicht fest geworden. Ich werde sie also noch einmal kurz aufkochen und mit Agar Agar gelieren lassen. Das hat letztes Jahr dann gut geklappt, und das sehr Glatte, das die gelierten Speisen mit Agar Agar annehmen, finde ich bei Konfitüre gut (nicht so bei Panna cotta, so viel zu meiner unmaßgeblichen Food-Meinung). Ich weiß nicht, warum die Konfitüre nicht mehr fest wird, anfangs hatte ich diese Probleme nicht. Letztes Jahr dachte ich, es läge an der schwindenden Energie unserer Orangenbäume und ihrer Früchte. Die Bäume sind schon sehr alt, die Orangen wurden immer leerer, sprich, sie hatten kaum noch Fruchtfleisch und so gut wie keine Kerne mehr. Dieses Jahr trugen unsere drei Bäume zusammen gerade mal 5 (in Worten fünf) kleine Orangen. Damit kann man gar nichts mehr machen und ich musste mit erbettelten Fremdorangen, die größer sind und dunkleres Fruchtfleisch haben (und viele Kerne), experimentieren. Die Konfitüre wurde dunkler, geschmacklich prima, aber, trotz besserer Orangen, nicht fest. Ein Alternativrezept, gefunden bei Micha, das vielleicht nächstes Jahr ausprobiert wird, gebe ich Ihnen auch mal. (Lassen Sie sich nicht täuschen, nach der Minestrone (die Sie natürlich auch nachkochen können) gibts den Link zur Orangenmarmelade.)

Orangenmarmelade  kopfüber  auslöffeln  Orangenmarmelade

Ich habe außerdem eine niçoiser Spezialität gebacken: la tourte de blettes. Mangoldkuchen. Das ist, anders als man denken könnte, keine salzige Angelegenheit, sondern ein süßer Kuchen! Meine erste tourte de blettes habe ich in Nizza in der Altstadt in einer winzigen Bäckerei erstanden und ich erinnere mich immer noch, wie überrascht ich von dem fremden Geschmack war (ich wusste damals nicht mal, WAS ich aß, war nur von dem Blech mit dem Kuchen in der Auslage so angezogen). Etwas gewöhnungsbedürftig ist es vielleicht, aber ich bin dieser tourte verfallen.

Mangold ist ein altes Gemüse, das, wenn ich es richtig sehe, wieder im Trend liegt, hier im Süden Frankreichs aber nie vergessen war. Mangold wächst angeblich wie Unkraut, wenn man ihn einmal angepflanzt hat, und vermutlich hatten die Bauern davon einfach zu viel und die Nase voll von der salzigen Mangoldtarte, die man hier auch macht (bei Micha gibt es allein 28 salzige Mangoldrezepte!), und sie haben daher eine süße Tarte für den Mangold erfunden. Die sie dann aber mit einer zusätzlichen Teigschicht zudecken (und in diesem Fall zusätzlich mit Puderzucker bestreuen) und dann wird aus der tarte eine tourte (sprich: turt).

Leider sind meine Fotos von der Produktion unscharf geworden, ich sags Ihnen die Weitsichtigkeit im Alter macht mich ganz fertig, daher kriegen sie nur das Originalrezept des Patissiers vom Negresco abgebildet, an das ich mich weitgehend gehalten habe. Der große Klassiker ist vielleicht das Rezept von Jacques Medecin (ein umstrittener Niçoiser Bürgermeister, der ins südamerikanische Exil flüchten musste, um dem Gefängnis zu entgehen, Sie sehen, wir haben das öfter hier, aber ich wollte ja nicht so viel von französischer Politik erzählen). Richtig klasse war die Auflaufform nicht, die ich gewählt hatte, aber ich hatte ein wenig mit der Teigmenge und der Mangoldmenge jongliert und musste letztlich auf diese kleine, zu hohe Form ausweichen. Der Kuchen zerbröselte dann natürlich auch beim mühevollen Herausnehmen. Sie sehen, Sie sind quasi live dabei und hier wird nichts geschönt. Lecker wars aber!

Mangold  tourte de blettes  patissier  zerbröselte tourte

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zur französischen Aktualität

Wir haben hier viel zu viel mit unserem „Penelope-Gate“ und der Vorbereitung der sozialistische Stichwahl zu tun gehabt, als dass wir uns in der vergangenen Woche auch noch groß mit Trumps Politik befasst hätten. In Deutschland ist das anders, soweit ich sehe.

Es schüttelt mich, wenn ich sehe, was Trump macht. Beim Mittagessen sagte ich zu Monsieur, dass das einzig Gute daran hoffentlich ist, dass die Franzosen rechtzeitig sehen, was ihnen blüht, wenn sie die ebenso populistisch arbeitenden Kandidatin des FN zur Präsidentin wählten. Und sie daher vielleicht vernünftiger wählten. Monsieur zog nur die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel nach unten. Ich dachte, er verstehe mich nicht. „Die Franzosen“, wiederhole ich, „wählen vielleicht vernünftiger. Zukünftig. Ende April. Nein?“ „Träum weiter, Mädchen“, sagt Monsieur und schüttelt den Kopf. Ich seufze. Ich weiß es eigentlich. „Amerika?“ fragt der gemeine Franzose. „WTF hat Amerika mit uns zu tun?“ Der gemeine Franzose denkt nur bis zur Staatsgrenze.

Zum „Penelope-Gate“: Damit es klar wird,  es ist nicht illegal, seine Frau, seinen Sohn oder Tochter oder den Neffen auf einen Posten als attaché parlemantaire zu setzen. Das wird wohl auch häufig gemacht. Die Abgeordneten sind oft abwesend, sie brauchen jemanden, (oft auch mehrere Mitarbeiter) der sie im Parlament vertritt, und der sie umgekehrt über alles dort auf dem Laufenden hält. Jeder Abgeordnete hat für diese sogenannten attachés parlemantaires insgesamt 9500 Euro monatlich zur Verfügung. Normalerweise teilen sich diesen Betrag drei Mitarbeiter. Es ist selten, dass ein Mitarbeiter 5000 oder gar 7500 Euro erhält. Wäre aber legal. Nicht legal wird es, wenn der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin gar nicht arbeitet und das Geld trotzdem einstreicht. Was möglicherweise der Fall von Penelope Fillon ist.

Fillon zeigte sich die ganze Woche extrem angegriffen, verletzt, wütend und verteidigte wie ein Löwe seine Frau. Ihn ein bisschen aus der Reserve gelockt zu haben, zu sehen, dass dieser kalte Mann Gefühle hat, hat ihm sogar Sympathien eingebracht. Neben dem Ärger.

Die Franzosen sind nämlich ziemlich sauer und Fillons Position ist durch diese Affaire wirklich geschwächt. Diese Politiker, die schon genug Privilegien haben und zusätzlich in den Topf der öffentlichen Gelder greifen, um sich zu bereichern, und das ohne jedes Unrechtsbewusstsein, man hat sie satt. Und jetzt auch noch der „aufrichtige“ Fillon. Was für eine Enttäuschung.

Fillon hat jedoch nichts eingestanden, sondern den Gegenangriff gestartet: Man wolle ihm etwas anhängen, ihn bewusst als Präsidentschaftskandidaten in Misskredit bringen und das, indem man seine Frau angreife. DAS sei ein Skandal! Gerade eben vor 15000 versammelten rechten Politikern hat er zusätzlich laut gesagt, er liebe seine Frau! Wie schön. Aber daran hatten wir auch keinen Zweifel.

Nun ja, seine Erläuterungen, wie sehr er seine Frau liebt und wie sehr diese ihn unterstützt, wird er jetzt den Richtern erklären müssen.

Die Stichwahl zwischen Manuel Valls und Benoît Hamon hat wohl Benoît Hamon mit über 58% der abgegebenen Stimmen für sich entschieden. Es ist verrückt. Alles kann passieren.

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ps: eine treffende Analyse der gerade aktuellen Situation gibt es (schon seit gestern Abend) hier. (Für die Kommentare unter dem Artikel keine Gewähr) Aber bis zur Wahl kann noch viel passieren. Hoffentlich.

pps: Ich bin hier in Frankreich übrigens viel politischer als ich in Deutschland je war. Es liegt viel an Monsieur, der das einfordert, gebe ich zu. Ich bin aber ganz zufrieden damit, mich nicht mehr nur als „mitlaufendes“ Lamm einer Herde zu verstehen, mit viel Gefühl und wenig Wissen. Es ist anstrengend, auch wahr. Manchmal ist es mir auch alles zu viel. Ich darf hier ja nichtmal wählen. Ich habe aber das unbehagliche Gefühl, dass wir vielleicht in einer Vorkriegszeit leben, vergleichbar der Weimarer Republik, und wir uns später, genau wie unsere (Eltern und) Großeltern, fragen (lassen) müssen, „wie konnte das alles passieren?“ Ich mag daher, was Sibylle Berg gerade schrieb. Ich werde in Frankreich vermutlich nicht in eine Partei eintreten, höchstens vielleicht eines Tages auf Dorfebene. Aber mich dafür zu interessieren, was politisch passiert, ist mir wichtig geworden. Hier ist jemand, dem das (in Deutschland) ähnlich geht, und der sein Sabbatjahr dazu benutzen will, sich (und seine Leser) zu informieren. (Dank für beide Links, wie so oft, an Maximilian Buddenbohm.)

 

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am Meer – was schön war

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kleines Glück – was schön war

Wir waren heute bei einer Beerdigung. Ein betagter Herr, der nicht allzu lang gelitten hat, wurde verabschiedet, seine Lebenszeit war abgelaufen. Seine Tochter hat sehr schöne Abschiedsworte gefunden und liebevoll von ihrem Vater erzählt. Er habe seine Familie gerne um sich gehabt, und sei froh gewesen, dieses Familiengefühl an die Kinder und Enkelgeneration weitergegeben zu haben. Sie sagte noch viel mehr, treffendes wohl, alle nickten und lächelten, ich habe das meiste schon wieder vergessen, kannte ihn auch kaum. Aber einen Satz habe ich nicht vergessen, er habe das kleine Glück im Alltag gelebt.

Mir ging heute Nachmittag viel durch den Kopf: Thema Zeit. Thema Leben. Thema Glück. Alles hängt ja irgendwie zusammen, nicht wahr. Was würden andere von mir sagen, an meiner Beerdigung? Mal abgesehen davon, dass es vielleicht gar niemanden mehr geben wird, der etwas sagen könnte. Nach mir kommt ja niemand mehr. Aber gesetzt den Fall, irgendjemand würde etwas sagen, würde er oder sie am Ende sagen, ich habe das kleine Glück im Alltag gelebt? Würde man gar sagen, ich hatte ein glückliches Leben? Das mit dem Glück treibt mich ja immer mal wieder um und seit Tagen versuche ich einen Text zum Thema Zeit und Glück zu schreiben, habe aber das Gefühl, ich komme, selbst wenn ich dafür eigene Lebensbeispiele wähle, nicht von abgelutschten Platitüden weg. Insofern lasse ich zwei Textentwürfe verschimmeln und liste hier nur meine kleinen Alltagsglücksmomente auf. Kleines Glück diese Woche war (nach dem Montag, auch) am Dienstag.

Die Sonne schien (gerade scheint sie nicht so oft) und statt Sieste habe ich mir spontan die Zeit genommen (!) und bin spazierengegangen und habe Mimosen und Eukalyptus fotografiert. Es war mild und so grün und ruhig und die Vögel zwitscherten und die Mimosen rochen stark.

EukalyptusMimosengrünMimosen Gegelichtkleine MimosenbäumeMimosen HimmelJemand fragte mich, wie Mimosen riechen, ich kann es gar nicht beschreiben. Nicht sehr angenehm eigentlich. Intensiv, streng und ein bisschen muffig, finde ich.

Irgendwo habe ich heute gelesen, dass die Menschen „draußen“ nachweislich glücklicher sind, aber dessen ungeachtet nicht oft genug rausgehen. Stimmt. Viel öfter rausgehen will ich.

Ich kam froh gestimmt zurück und es gab auch noch Post. Und weil ja immer alles auf einmal kommt, gab es gleich zwei Päckchen. Völlig überraschend.

Päckchen K800_DSC01611Sehr, sehr schön. Viel Liebe und Macarons, Briefe, Texte, Glücksdrachen, Lesezeichen und Ingwertrinkschokolade. Und noch viel mehr. Ich habe immer noch Freunde in der Welt, auch wenn ich mich so selten melde. Danke!

 

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… zur Aktualität

Ich wollte eigentlich bis zur erfolgten Stichwahl nächsten Sonntag warten, bis ich noch einmal etwas zur aktuellen Politik Frankreichs sage, ich bin nicht sicher, ob Sie das wirklich so interessiert?! Aber ich kann nicht anders, es passiert einfach zu viel …

In der Nachbereitung der vergangenen Wahl wurden nicht nur die Zahlen der Wählerstimmen möglicherweise gefälscht, sondern auch gemunkelt, dass einer der Präsidentschaftskandidaten, Vincent Peillon, ein guter Freund des amtierenden Präsidenten, sich nur zu dem Zweck habe aufstellen lassen, um Manuel Valls (entscheidende) Wählerstimmen wegzunehmen. Kleiner Racheakt vom scheidenden Präsidenten an seinem Ex-Premier? Möglich ist das, aber es ist nur ein Gerücht. Kein Gerücht, sondern Tatsache ist, dass der bisher so wahnsinnig „aufrichtige“ Präsidentschaftskandidat François Fillon heute einen Wutanfall bekommen hat, weil die satirische  Zeitung le Canard enchainé aufgedeckt hat, dass er seiner Gattin Penelope jahrelang für eine eher fiktive Tätigkeit als attaché parlemantaire jeden Monat tausende von Euro hat zukommen lassen. Das ist keine unübliche Praktik der französischen Politiker und wäre vermutlich auch weniger skandalös, wenn Fillon nicht so sehr den aufrichtigen Katholiken hätte heraushängen lassen. Das schwächt die Position Fillons erheblich. Und schon reibt sich Marine erneut die Hände. Verzeihen Sie, aber es ist zum Kotzen!

Ich hatte ursprünglich geplant, letztes Jahr die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen (bzw. die doppelte Staatsbürgerschaft), vor allem, um bei dieser Präsidentschaftswahl wählen zu dürfen. Ich hatte dann aber keine Energie, mich für die diversen Sprach- und Staatsbürgerprüfungen vorzubereiten und mir all die Napoleons und die Lebensdaten von Victor Hugo einzubläuen. Insofern bin ich immer noch Ausländerin und darf zumindest den zukünftigen Präsidenten nicht mitwählen. Letzen Endes auch egal, ich hätte nämlich vermutlich „Blanc“ wählen müssen, bei all dem Gemauschel und all den eitlen Kinderspielchen dieser Herren und Damen, die im Prinzip alle aus dem gleichen Stall, sprich der ENA, der École nationale d’administration, einer Verwaltungshochschule, die die Elite der französischen Verwaltungsbeamten ausbildet, stammen.

… à suivre …

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Was schön war

Überraschend den Nachmittag bei Freunden verbracht, intensive Gespräche geführt, voll Wärme, Vertrauen und Liebe. Danke V. und J. Beim Heimfahren dieser Blick auf St. Paul de Vence. Wundervoll. Danke!

St Paul de Vence

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Zwischendurch … zur Aktualität

Es gibt da ein tolles und sich zu Lesen lohnendes lesenswertes (glauben Sie mir wäre das Wort neulich eingefallen?! tss, die deutsche Sprache geht mir peu à peu verloren, schlimm ist das!) Interview mit einem Zeitforscher in der ZEIT über Uhren, Zeitrechnung, Zeithaben und Langsamkeit (Dank dafür an Maximilian Buddenbohm, ein schneller und zuverlässiger Medien…äh Auswerter?!) Es ist ein bisschen lang, das Interview, man muss sich schon die Zeit dafür nehmen, verzeihen Sie das banale Wortspiel, aber informativ ist es. Wussten Sie etwa, dass es in Japan bis 1871 nicht mal ein Wort für Zeit gab und entsprechend auch keine Zeitmessung?! Ich merke, ich will unbedingt auch nochmal was zum Thema „Zeit“sagen. Die nächsten Tage vielleicht.

Eben will ich, der Aktualität geschuldet, und weil ich das auch bei der Primaire de la Droite gemacht habe, nur schnell das überraschende Ergebnis der Primaire de la Gauche verkünden. Man hat ja so seine Verpflichtungen, nicht wahr.

Heute hat in Frankreich die erste Vorwahl der Linken für den zukünftigen Präsidentschaftskandidaten stattgefunden und es gab, wie auch bei Wahl des rechten Präsidentschaftskandidaten Ende November, eine Überraschung: Benoît Hamon stellte den erwarteten Sieger Manuel Valls in den Schatten. Wer ist denn bitte Benoît Hamon?!  Ich musste erstmal nachlesen, wer er ist und was er eigentlich will, so wenig haben mich die sieben Kandidaten der Linken bislang begeistert. Außerdem waren noch in den letzten Sondagen Manuel Valls (der „Rechte“ unter den Linken) oder der eher charismatische, Europa ablehnende „linke“ Arnaud Montebourg „vorne“ gesehen worden.

Eben gerade hat Benoît Hamon gesprochen: ein unscheinbarer junger Mann (5 Jahre jünger als ich) mit kleinem Sprachfehler (leichtes Lispeln). Hamon will unter anderem bedingungsloses Grundeinkommen für alle, ein Visa für Flüchtlinge und die Legalisierung von Cannabis durchsetzen. Er hat sich in den USA mit Bernie Sanders getroffen und eben gerade seine Nähe zu Abbé Pierre betont, sprich, das Ökologische und das Soziale sind ihm wichtig. Ein echter Linker also. Manuel Valls antwortete ihm gerade „freundschaftlich“ und ließ durchblicken, dass Hamons Ideen unrealistisch seien. Valls rief die linken WählerInnen auf, nächsten Sonntag „vernünftig“ (und für ihn) zu stimmen, denn „Regieren sei nicht einfach“ und besser sei eine kompromissbereite, reformierende Linke (mit ihm) in der Regierung, als eine revolutionäre Linke in der Opposition. Nun ja, wir werden sehen. „Rien n’est écrit“ sagen hier manche Kommentatoren. Nichts ist sicher, alles kann passieren.

ps: die Wahlbeteiligung an dieser ersten Vorwahl für den linken Präsidentschaftskandidaten (nächsten Sonntag gibt es dann die Stichwahl zwischen Valls und Hamon) war vermutlich so gering, dass man die Zahlen nicht mal rausgeben will. Emmanuel Macron, linker aber parteiloser Präsidentschaftskandidat, sprach entsprechend von der „Déprimaire de la Gauche“.

pps: Um an diesen Vorwahlen teilzunehmen, muss man natürlich im Besitz einer gültigen carte éléctorale sein, in den Wahlbüros eine Charta unterzeichnen, dass man den Werten der Linken, respektive der Rechten, zustimmt und man muss einen bzw. zwei Euro bezahlen (zwei Euro bei den Rechten, einen bei den Linken) – dieses eingenommene Geld dient zur Finanzierung der zukünftigen Kampagne.

 

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Wer zu spät kommt …

Ich bin mal wieder zu spät. Mit allem, immer wieder. Dieses Erlebnis hatte ich vor ein paar Jahren schonmal, als ich eine kleine Karriere als Kolumnistin begonnen hatte. Ich hatte tolle Ideen im Kopf für meine kleine wöchentliche Kolumne, aber alles war gerade schon anderswo gesagt oder geschrieben worden. Ich war immer gerade einen Tick zu spät.

Gerade eben ist mir die Klappentexterin in gewisser Weise zuvorgekommen. Sie hat eine Lese-Auszeit geschenkt bekommen (wie genial!) und durfte drei Tage in einer hübschen Hütte im Schnee nur lesen. Und schon schreibt sie darüber. Das ist MEIN Thema, möchte ich schreien. ICH hatte die Idee! Auf Facebook kursierte jetzt schon mehrfach ein Aufruf, sich dort (dummer) Kommentare zu entheben und stattdessen ein ganzes Buch von vorne nach hinten durchzulesen. Hab‘ ich gemacht. Ich habe (so hoffe ich) keine dummen Kommentare geschrieben, hingegen mehrere Tage in jeder freien Minute und sogar halbe Nächte gleich zwei dicke Bücher durchgelesen, zum selben Thema allerdings: die Familie Mann. Schon lange habe ich nicht mehr so intensiv „nur zum Vergnügen“ gelesen, am Ende fieberte ich dem Aussterben der Familienmitglieder allerdings entgegen, so missvergnügt hat mich das Lesen um diese dsyfunktionale Familie, wie man sie heute vermutlich bezeichnen würde, dann doch, und auch so erschöpft. Thomas Manns Leben und Werk liegen mir ja noch aus Uni-Zeiten eher schwer im Magen, kritische Töne zu ihm waren damals noch so gut wie tabu und noch niemand hatte ihn, seine Rolle in der Familie und dieselbe einer kritischen Betrachtung unterzogen. Wie anders ist das heute. Wie offen spricht man heute von seiner „Homoerotik“, wie offen von Klaus und Golos Homosexualität und von Erikas Hin- und her zwischen den Geschlechtern. Um nur ein Thema zu nennen. Habe ich früher die Kinder Thomas Manns ausschließlich als Opfer ihres egozentrischen Vaters gesehen, so sehe ich sie nach der Lektüre der beiden Bände durchaus kritischer und meine Lust, Klaus Manns „Wendepunkt“ (und dann auch noch in der französischen Fassung) zu lesen, geht gerade gegen Null. Nur Golo Mann ist mir wirklich sympathisch geworden, und die von allen einmütig verachtete Monika Mann weckte bei mir zumindest eine Neugierde, und ich habe (ähnlich wie wohl ihre Biographin) das Bedürfnis, sie zu verteidigen gegen so viel Familienhass.

Über den Versuch wieder früh(er oder später) aufzustehen, um Zeit zum Schreiben zu finden, hat Herr Buddenbohm schon geschrieben, wie er sowieso über alles immer schon geschrieben hat und das trotz Kindern, darüber hat Smilla Dankert aber hier schon geschrieben. Ich kann also nur noch, wie früher in der Schule, „das hab ich auch gerade sagen wollen!“ hinterherrufen. Smilla schreibt im gleichen Post wiederum vom erholsamen „Nichtstun“ auf Helgoland (übrigens illustriert mit großartigen Fotos, die ihr Nichtstun widerlegen). Zu meinem Bedürfnis nach „Nichts“, nach Stille und nach Einsamkeit könnte ich auch was sagen, hallo! … aber ach, was solls. Zum Winter und zum (Winter-)Wald, was mir hier tatsächlich zumindest zeitweise fehlt, hat Friederike schon wiederholt geschrieben und ebenfalls wundervollst fotografiert und noch viel mehr Menschen haben sich bei Astrid geäußert. Und ich?

Ich hätte dazu auch gerne was gesagt, aber ich bin zu spät dran, alle sind schon wieder weitergezogen, während ich gerade ein paar Tage gelesen habe. Ich fange außerdem wieder an, „ernsthaft“ zu arbeiten und zu schreiben (weshalb ich wie gesagt versuche, wieder in aller Herrgottsfrühe aufzustehen), das Blogschreiben gerät dabei wie stets etwas ins Hintertreffen und alles, was ich Ihnen auch noch zu Anfang des Jahres hätte mitgeben und erzählen wollen, (haben Sie, wie in manchen Kreisen üblich, ein begleitendes, unterstützendes Wort für dieses Jahr gewählt? / Meine Suche nach einem geeigneten Taschenkalender und über das Stöbern in alten Kalendern, was wenig heiter wurde, weshalb ich das Thema dann gar nicht erst öffentlich anging. / Dass ich nichts für die Rubrik „Was schön war“ vermelden kann, was ich wiederum nicht schön finde und mich daher erneut mit dem Thema „was ist Glück?  Glücklichsein? Gibt es Glück überhaupt?“ auseinandersetze und anderes mehr), all das schwindet so dahin und sei hier wenigstens ansatzweise erwähnt, und falls es schon jemand anders auf seinem Blog erzählt hat, dann wissen Sie immerhin, dass ich es auch gerade hätte sagen wollen.

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Sonntagsspaziergang

GegenlichtEs war lange so mild, dass bei uns im Garten schon die Narzissen blühen UND der Mimosenbaum zeigt erste Ansätze seiner gelben Flaumbällchen. Wir gingen am Sonntagnachmittag daher bei schönstem Sonnenschein Richtung La Croix de Garde, um mal zu schauen, wie weit die Mimosen da so sind. Kaum angekommen, zog es sich zu und wurde gewittrig dunkel. Fiel aber kein Tropfen Regen, Schnee natürlich auch nicht. Wo denken Sie hin. Côte d’Azur verpflichtet.

La Croix de GardeUnd JA, es gibt schon knallgelbe Mimosenbäume, allerdings sind es „Kulturmimosenbäume“, die irgendwann extra angepflanzt wurden, und sie stehen in Gärten.

KulturmimosenIm Naturpark ist es bislang nur grün, die Mimöschen sind noch ganz klein. War aber trotzdem schön.

Grünk800_dsc01556MimöschenWir werden das natürlich weiterhin beobachten.

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WMDEDGT Januar 2017

Oh, oh, es ist der erste 5. im neuen Jahr und es hat sich nichts geändert, auch dieses Jahr will Frau Brüllen an jedem 5. wieder von uns wissen, was wir eigentlich so machen, den lieben langen Tag: WMDEDGT?! Auf gehts zum Tagebuchbloggen! Und ich war mal schnell gucken, es ist schon ganz schön voll da!

Mein Tag beginnt spät, gegen 9 Uhr, denn die letzten Tage und Nächte waren bewegt: la crise de foie, ich schrieb darüber. Heute Nacht hatte ich Angst, es könnte auch was Schlimmeres sein und deswegen schlief ich lange nicht ein und wache entsprechend spät auf. Immerhin habe ich nachts beschlossen, meine Verdauungsstörungen doch einem Arzt anzuvertrauen. Da gehe ich heute früh hin und warte gar nicht so lange im erstaunlich leeren Wartezimmer. Der Arzt drückt mir auf dem Bauch herum und es ist dann wohl doch nicht die Galle, sondern der in Cannes grassierende Magen-Darm-Virus. Um Viertel nach Elf bin ich wieder zuhause und sinke etwas erschöpft aufs Sofa. Monsieurs Frage, was wir heute essen, habe ich nur ein kurzes Rülpsen entgegenzusetzen. Er nickt resigniert. Noch ein Tag, an dem er, ganz autonom, ein Stück Fleisch in die Pfanne werfen muss. Ich esse später zerdrückte Banane und etwas Apfelkompott, dazu gibts ein leckeres Glas Stilles Wasser und ein aufgelöstes Citrat de Bétaïne. Monsieur will später einen „richtigen“ Krankenbesuch machen (wir haben viele Menschen in unserem Umfeld, die sich mit der bösen K-Krankheit herumschlagen) und ich weiß nicht warum, vermutlich ist meine Fähigkeit, mich in der französischen Sprache auszudrücken, angesichts meines eigenen Leidens heute eher grobmotorisch auf jeden Fall sage ich etwas, was Monsieur nicht gefällt und auch wie ich es sage, gefällt ihm nicht und wir fangen an, uns zu streiten und das dauert. Damit ist dann auch die Sieste eher wenig erholsam, denn keiner von uns kann wirklich schlafen.

Irgendwann nähern wir uns wieder an, Monsieur geht gegen 15 Uhr aus dem Haus, ich klicke ein bisschen im Internet herum.

Ich stoße in FB auf meiner Timeline auf das Bild eines braven kleinen Mannes aus den Bergen: Jean-Pierre Cotton, der überraschend gestorben ist, und heute in Guillaumes beerdigt wurde. Es rührt mich an. Ich mache mir einen Tee, setze mich aufs Sofa und lese die Kommentare und denke an Jean-Pierre. Button d’Or, Butterblume, war sein Spitzname und tatsächlich passte dieser Name zu ihm: klein, rundlich, sanft und mit sehr gelben Haaren. Er war ein so freundlicher und großzügiger Mann, er liebte seinen Garten und konnte einem stundenlang in voller Ernsthaftigkeit von seinen Tomaten oder Kartoffeln erzählen, viel mehr Austausch gab es zumindest mit mir nicht und manchmal war auch das etwas mühsam (für mich), weil alles mit ihm so lange dauerte, und er kaum zu bremsen war, wenn er einmal angefangen hatte. Aber er hatte nur seinen Garten, den saubersten und gepflegtesten und ergiebigsten Gemüsegarten im ganzen Tal, wage ich zu sagen. Und er gab allen von seiner Ernte ab, verschenkte großzügig Salat oder Tomaten, Zucchini oder Bohnen, und er gab immer mehr, als man erbat. Er lud auch großzügig in der Bar Tabac ein, allez, ein Gläschen Roten für alle oder was immer man wollte. Manche lächelten über ihn, er war ein bisschen einfältig und man sah ihm an, wenn er sich wieder in eine Frau verliebt hatte. Der kleine rotgesichtige Mann strahlte dann noch mehr als sonst. Aber nie ist es etwas geworden mit den Frauen, die sich gerne ein Glas bezahlen ließen und auch gerne mit einer Kiste Gemüse davongingen, aber mehr, mehr ist daraus nie geworden. Aber er war ihnen nie böse, er war überhaupt niemals jemandem böse, vielleicht ein bisschen traurig oder resigniert. Ich hätte ihm gern ein liebes Frauchen gewünscht, aber er verliebte sich natürlich immer in unerreichbare Stadtschönheiten. Ich bin froh, zu erfahren, dass viele, viele Menschen zu seiner Beerdigung gekommen sind, um ihm ein letztes Geleit zu geben. Er wird fehlen, da oben in den Bergen.

Dann beschließe ich, noch etwas „halbwegs Richtiges zu tun“ und mein Zeitungsabo für eine Wochenzeitung zu kündigen, die ich nicht lese. Es war eine Fehlentscheidung gewesen. Sie sollte eine andere Wochenzeitung ersetzen, die ich fast mein ganzes Leben lang gelesen hatte, und die ich plötzlich „über“ hatte,  jedes Mal dachte ich, die „besseren“ Beiträge stünden woanders. Seitdem ich sie gekündigt und durch eine andere ersetzt habe, geht es mir genau umgekehrt. Ich finde nun plötzlich, die besseren Beiträge stehen in der gerade gekündigten Zeitung. Ich konnte mich mit der „neuen“ Zeitung nicht anfreunden. Sie liegt ungelesen hier, Woche für Woche. Nur fürs Rumliegen ist sie ein bisschen zu teuer. Schluss jetzt. Ich wollte dann noch schnell die letzte Rechnung für eben dieses Abo überweisen und stelle fest, dass mir die Internetbank mein Konto blockiert hat, weil meine persönlichen Angaben „zweifelhaft“ wirkten und meine Kontobewegungen Anlass gäben, an Geldwäsche zu denken. Terrorismus ist ein weiteres Wort, das sie erwähnen. Na danke schön. Meine Situation: Ausländerin, die ihr Geld aus dem Ausland bezieht und zwar eine größere Summe, aber eben nur einmal im Jahr (so werden Autoren nunmal bezahlt) statt brav monatlich kleine Häppchen, das lässt sich schlecht erklären, dafür gibt es in keinem Formular irgendwelche Kästchen. Auch das Finanzamt sieht meine Einkünfte immer sehr misstrauisch an, und ich muss jedes Jahr erneut persönlich vorsprechen.  Gut, ich beschließe, im gleichen Aufwasch die Internetbank zu kündigen, die ich eigentlich nur gewählt habe, weil die Auslandsüberweisungen, Euro hin oder her, Europa hin oder her, mit der klassischen französischen Bank immer so aufwändig waren, und ich ums Verrecken keine Auslands-Online-Überweisungen machen konnte. Französische Briefe dauern bei mir lang, ich radebreche noch mühsam diese höfliche Abschlussformel, die mir stets unverständlich bleibt: Dans cette attente je vous prie, Madame, Monsieur blablabla. Voilà. Erledigt. Es bleibt kompliziert.

Monsieur ist zurück, die Nachrichten laufen im TV, ich werde mir etwas Reis kochen, dazu einen kleinen Thymiantee, Monsieur isst vielleicht die Reste seiner gestrigen Tütensuppe. Selbst ist der Mann. Später wird vielleicht noch ein bisschen gelesen. Ich habe von Monsieur die Klaus Mann Biographie geschenkt bekommen, auf Französisch. Gestern habe ich das Vorwort schon gelesen: Klaus Mann hatte seine Autobiographie (mit Mitte 40!) zunächst auf Englisch verfasst und in den USA veröffentlicht, später dann zurückübersetzt ins Deutsche und ich lese jetzt die französische Übersetzung eines cosmopoliten Mannes, der sich in Cannes im Mai 1949 das Leben genommen hat. Hm, kein sehr glücklicher Abschluss für den Text, vielleicht fällt mir nach dem Essen noch etwas ein.

Genau, ich sehe doch kurzfristig einen alten Depardieu-Film im Fernsehen :) Das war mein Tag. Danke, wenn Sie mir bis hierhin gefolgt sind. Bonne soirée!

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Leberkrise

T’as une crise de foie, stellte Monsieur trocken fest. Eine Leberkrise? Das Wort erinnert mich stark an die Leber-Party, von der in meiner Kindheit immer wieder im Radio zu hören war. Ich stellte mir vor, dass im Britischen Parlament ständig Partys gegeben wurden, bei denen man besonders viel Leber aß. Weil ich das vermutlich so unerklärlich fand (ich mochte damals keine Leber) hat es sich mir so ins Gedächntis gebrannt, dass es das erste ist, was mir zu la crise de foie einfällt. Leberkrise, Leber-Party. Auch Georg Leber, bereits verstorbener SPD-Politiker, fällt mir wieder ein, schon komisch was das Hirn alles gespeichert hat und bei Gelegenheit wieder hochspült. Natürlich weiß ich heute, dass die Labour-Partei keine ausschweifenden Partys im Britischen Parlament geschmissen hat; meine Leberkrise aber hat ihre Ursache durchaus in den aufwändigen Menüs der diversen Réveillons, wie hier Weihnachts- und Silvesterabend heißen und von den Tagen dazwischen, wo man sich weiterhin einlädt und/oder die Reste vertilgt. Das letzte Bierchen war vermutlich schlecht, würde manch einer vielleicht sagen, aber ich trinke ja nicht mal Alkohol, bei mir war es vermutlich der letzte Schokotrüffel oder die Foie Gras mi-cuit oder der gefüllte Kapaun oder eine der unzähligen Marennes-Oléron Austern oder die Buttercreme-Bûche de Noël, oder die ewige Wiederholung derselben auschweifenden Luxus-Genüsse der Jahresendfeste der Franzosen. Zu viel, von allem viel zu viel. Und zu fett. Viel zu fett. Ich möchte nicht wissen, wie schlecht es mir gegangen wäre, hätte ich das alles noch, wie es sich gehört, mit Sauternes, diversen Grand Crus und Champagner weggespült.

Was wimmert man nicht alles, während man sich, von kaltem Schweiß bedeckt, abwechselnd im Bett herumwälzt oder über die Kloschüssel beugt und der Magen in konvulsische Zuckungen all die Leckereien in jetzt schon stark fermentierter Form wieder von sich gibt. Mir ist so schlecht, oh Gott ist mir schlecht. Bitte, bitte lass es bald vorbei sein, nie wieder will ich irgendwas essen, nie wieder Schokolade, ganz bestimmt nie wieder, und bei dem Gedanken an Schokolade krampft sich der Magen noch einmal zusammen. Selbst das Erbrechen bringt nur kurzzeitig Erleichterung, ich wälze mich eine Nacht und einen Tag wimmernd und stöhnend im Bett herum. Monsieur bringt mir Hepagrume, ein altmodisches Mittel in Ampullen für Verdauungsstörungen, es wirkt nur bedingt. Abends bekomme ich noch leichtes Fieber. Ich fröstele, gleichzeitig glühe ich. Crise de foie, Monsier ist ganz ungerührt, zu viel Schokolade, sagt er, das geht vorüber. Er brät sich sein Steak diesmal alleine und macht immerhin freundlicherweise die Küchentür zu, damit ich es nicht riechen muss. Die zweite Nacht schlafe ich zumindest durch, aber in meinem Bauch liegt noch immer ein schwerer Stein und ich spüre, ich bin nur einen Millimeter von erneutem Ekel entfernt. Heute morgen ging immerhin schon ein Tee.

schoum-flacon-540-ml_pIch suche Leberkrise im deutschen Kursbuch Gesundheit und stoße nur auf Leberkrebs oder Hepatitis. Von beidem bin ich hoffentlich noch weit entfernt, meine Gesichtsfarbe ist zwar fahl, aber nicht gelb. Das Internet beschert mir mehrere Artikel, die besagen, la crise de foie, Nationalkrankheit der Franzosen, gebe es gar nicht, zumindest nicht außerhalb Frankreichs. Von Schoum ist da die Rede, einer gelben Lösung auf Pflanzenbasis, die bei la crise de foie eingesetzt wird. Monsieur lacht, als ich ihm das sage. Schoum ist wohl das allerletzte Mittel für schwere Alkoholiker, um deren erschöpfte Leber noch ein wenig zu aktivieren, sagt er. Warum es dann mit 95%Alkohol versetzt ist, erschließt sich mir nicht so ganz, aber es geht wohl darum, das Übel mit dem Übel zu bekämpfen, wie so oft in der Pflanzenmedizin. Es ist peinlich, la solution Schoum in der Apotheke zu erfragen, wie ich diesem netten Text entnehme. Helfen soll aber auch Hepagrume, das Mittel unserer Wahl, das außerdem weniger schlecht beleumundet zu sein scheint. Und zusätzlich ein paar Tage Diät. Das kann ja sowieso nicht schaden. Es gäbe gar keine crise de foie, sagte ich gerade vorwurfsvoll zu Monsieur, nachdem ich mich im Bett liegend durch mehrere Texte auf meine Smartphone gearbeitet habe. Das sei eine rein französische Krankheit. Monsieur zuckt mit den Schultern. Das zeigt nur, dass du eine echte Französin geworden bist, ist sein ganzer Kommentar.

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