Zwischenruf: Fillon

Ich weiß, Sie sind im Karneval- oder Fastnachtsfieber, Sie wollen das alles gar nicht wissen, und Sie wollen vermutlich überhaupt gar nicht so viel von französischer Politik wissen, aber wenn man einmal angefangen hat, sich zu interessieren und darüber zu schreiben, dann kann man wichtige Dinge nicht einfach auslassen, nicht wahr. Ich werde das „Politische“ auch zukünftig „Zwischenruf“ betiteln, dann wissen Sie gleich, um was es geht. Heute wirklich nur ganz kurz, nur schnell dazwischengerufen, zwischen Rucki-Zucki und In unserm Veedel …

Le Parquet financier, eine Art Finanz-Staatsanwaltschaft hat (endlich) entschieden, dass es ausreichend Elemente gibt, den „Fall Fillon“ weiterzuverfolgen und man wird den Fall an einen oder mehrere Untersuchungsrichter weitergeben (ich dachte, so weit wären wir schon gewesen, aber nein, tatsächlich erst jetzt). Fillon, das wissen Sie schon, steht unter Verdacht, seine Frau Penelope jahrelang scheinbeschäftigt zu haben. Während ich das hier schreibe, hält Fillon gerade eine engagierte Wahlkampfrede, sehr patriotisch, und die Claque in der ersten Reihe applaudiert nach jedem Satz und brüllt „Fillon Président! Fillon Président!“. Monsieur Fillon wird nämlich, entgegen ursprünglich anderslautenden Äußerungen, die man doch glaubt, gehört zu haben („Wenn ich belangt werde, werde ich mich von der Kandidatur zurückziehen“), weitermachen, bis zum „Sieg“. Jawohl. Um Frankreich zu retten natürlich. Er ist nämlich, so sagt er, der einzige Kandidat mit einem profunden Programm und staatsmännischen Fähigkeiten (Das sagen auch seine Anhänger, die es schändlich finden, dass man Fillon 55 Tage vor der Wahl dermaßen schwächt! Besser einen Kandidaten, der eines „kleinen“ Vergehens beschuldigt wird, der aber ein fähiger Staatsmann ist, und später keine außenpolitischen Katastrophen verursacht.). Voilà die Rede ist zu Ende. Kein Kommentar zur „Affaire“, er lässt die Anwälte kommunizieren. Vive la France!

Es gibt dazu schon eine AFP-Meldung.

PS: Unter uns, so lange er weitermacht, hofft er, dass man ihn doch nicht belangen wird, und sollte er tatsächlich gewählt werden, dann hat er für fünf Jahre eine Immunität. Und nach fünf Jahren, ach … wer weiß, was dann ist, nicht wahr.

Schon gibts einen weiteren Nachtrag:  Die Finanzstaatsanwaltschaft hat sich deshalb heute noch (Freitag Abend!) zu diesem Schritt entschieden, weil bereits letzte Woche im Parlament ein Gesetz „verabschiedet“, sprich gewählt wurde, das eine (kurze) Verjährungsfrist für genau diese Art Delikte vorsieht. Ooooh! Das hätte Fillon ja retten können (und alle anderen in der gleichen Situation). Das Gesetz tritt bereits nächste Woche in Kraft.

Um es deutlich auszusprechen: Politiker von Rechts und Links haben schnell, still und leise ein Gesetz gewählt, das in gewisser Weise Straffreiheit für Fillon (und andere Politiker in der gleichen Situation) vorsieht (so ähnlich wie es in Rumänien geplant war) Es gibt eine starke Solidarität unter Politikern: Wir machen’s uns schön, so lange wir dran sind. Die Konsequenzen sind uns wurscht, aber wehe, das Volk wählt unzufrieden Marine, die als einzige Kandidatin (noch) nicht im hassenswerten System ist (was nicht stimmt, aber es wird ihr von ihren Anhängern geglaubt).

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die Frau Rauscher

Ok, Sie wollen keine Politik, ich seh’s schon, Sie suchen Karneval. Es ist Weiberfastnacht im Rest der Welt. Meinetwegen. Ich bin in der kürzlich schon verlinkten Bamberger-Lied-Anthologie auf einen Schlager meiner Kindheit gestolpert: Die Fraa Rauscher aus de‘ Klappergass‘. Das muss mehr als 40 Jahre her sein, als ich das zum letzten Mal gehört habe. Weia! Wer hätte geglaubt, dass mir hessische Töne mal so zu Herzen gehen würden?! Kindheit und Heimat kommen da zusammen. Schee!

Und ein Klassiker aus de‘ Määnzer Eck':

Und noch zwei Klassiker aus Määnz. Ei wie schee!

Helau! Und Alaaf nach Kölle!

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Zwischenruf: Bayrou – Macron zusammen en marche

Herrjeh, wenn man einmal nicht hinschaut, passierts! Denn eigentlich müsste ich was ganz anderes schreiben, und ich habe mich gestern schon mit schlechtem Gewissen mit dem letzten Blogtext vertändelt, so dass ich die geradezu sensationelle politische Veränderung gestern fast verpasst habe:

François Bayrou hat Emmanuel Macron ein Bündnis vorgeschlagen, und dieser hat es angenommen! Wow! Das muss man in einer fetten Typographie schreiben. Als historisches Ereignis in der Geschichte Frankreichs wurde diese Veränderung gestern von manch einem Journalisten bezeichnet. Alles könnte sich ändern!

Die Presse hat heute nur dieses eine Titelbild: Bayrou und Macron gemeinsam „en marche“, wie das Motto von Macron lautet. Die Zeitschrift Marianne hatte dieses Bild sogar schon gestern und der junge Redakteur war nicht wenig stolz darauf.

Alle sind erleichtert. Wir auch. Nicht alle, das wäre gelogen. Politiker von Rechts finden es natürlich lächerlich, „Verrat“ wird hier geschrien, und die von ganz Links sind auch nicht zufrieden. Aber langsam, eins nach dem anderen.

François Bayrou kennen Sie nicht? Ganz kurz: 1951 geboren, Sohn eines Landwirts, heute Bürgermeister von Pau, war bereits dreimal Präsidentschaftskandidat, einmal sogar mit recht ordentlichen Zahlen, aber immer nur im ersten Wahldurchgang. Er ist ein sozial-liberaler Zentrumspolitiker, heißt, ein Politiker, der gegen das stete Rechts-Links-Gezerre der französischen Politik ist, und der einzige, der offen sagte, dass Schluss sein müsste, als Staat immer weitere Schulden zu machen. Hier der etwas ausführlichere Wikipedia-Artikel, sogar schon versehen mit den allerneuesten Entwicklungen.

Er war bei der letzten Präsidentschaftswahl die Alternative für manchen Mitte-Rechts Wähler, der nicht Sarkozy wollte, und was diese Wähler ihm in der Folge (und Sarkozy im besonderen) übel genommen haben, und was ihn politisch aufs Abstellgleis gebracht hat, war seine dezidierte Wahlempfehlung im zweiten Wahldurchgang „gegen“ Sarkozy und für Hollande, was Hollande (da ist man sich einig) zum Sieg verholfen hat. Er hätte besser gar nichts gesagt, ist die allgemeine Meinung der verletzten Mitte-Rechts-Wähler.

Bayrou hatte sich für die anstehende Wahl ursprünglich an Alain Juppé angeschlossen, aber nachdem dieser von Fillon überflügelt wurde, lange überlegt, tatsächlich noch einmal selbst anzutreten. Seine Chancen standen aber nicht besonders gut, Wählerstimmen in einen zweistelligen Bereich einzufahren, und er hat insofern tatsächlich im letzten Moment (selbst sein privates Umfeld war wohl überrascht) entschieden, seine eigenen Ambitionen hintenanzustellen und Macron, den er bislang häufig kritisiert hatte, eine Alliance anzubieten. „L’heure est grave“ sagte er. Die Lage ist ernst. Und es gehe um die Zukunft Frankreichs, das sei wichtiger als seine persönliche Eitelkeit, er sagt es sichtlich bewegt, es ist wirklich eine Vernunftsentscheidung, sich hinter einen neuen und so jungen Präsidentschaftskandidaten einzureihen. Aber er will Marine Le Pen verhindern, auch wenn er es so deutlich nicht ausspricht, da er sie als „große Gefahr“ einschätzt, und deren Chancen die Wahl im zweiten Wahldurchgang (egal gegen welchen Kandidaten) zu gewinnen, in den Umfragen immer mehr steigen. Und er will wirklich eine Änderung des Systems, einige Bedingungen sind an die Alliance mit Macron geknüpft: er möchte unbedingt ein Verhältniswahlrecht einführen und ebenso das politische Leben „moralischer“ gestalten.

Bayrou hat genau das: ein aufrichtiges, moralisches Standing, bislang wirklich keine Skandale (so hoffe ich), das könnte Macron, dem ein bisschen „Unterbau“ und Erfahrung fehlen, die älteren, eher konservativen Wähler bringen. Befürchtet wird hingegen, dass sich die jungen Wähler, die wirklich frischen Wind wollten, von der Behäbigkeit des Altpolitikers erschrecken lassen.

Natürlich unterstellt man Bayrou nun trotzdem Karrieredenken, er sei nur scharf auf einen hohen Ministerposten, heißt es. „Verräter“ und „Opportunist“ geifern die rechten Politiker. Das unterstellt man auch dem grünen Politiker François de Rugy, der sich gestern auch noch schnell für Macron und gegen Hamon entschieden hat, dem er eigentlich verpflichtet war. Mit zufriedenem Lächeln (noch schnell aufs richtige Pferd gesetzt zu haben) sagte er gerade, er fühle sich Macron wirtschaftspolitisch näher als Hamon und „Kohärenz sei wichtiger als Gehorsam“, auch ihm ist die „Zukunft Frankreichs wichtiger“.

Nun, Karriere hin oder her, die bislang geradezu katastrophale Situation der Präsidentschaftswahl Frankreichs hat sich gewendet. Uff!

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Wo man singt …

Einmal im Jahr, im Winter, gibt es oben in den Bergen, wo wir unser Sommerhaus haben, in der kleinen Kirche eine Messe. Um dorthin zu kommen, muss man sich in dieser Jahreszeit in der Regel mit Schneeschuhen ausstatten, raquettes heißen die auf Französisch und das Evenement heißt daher gerne „la Messe à raquettes“, eine Schneeschuh-Messe, eigentlich natürlich eine Schneeschuhwanderung mit anschließender Messe. Danach gibt es dort oben ein gemeinschaftliches Picknick und die einzige ganzjährig ansässige Bewohnerin kocht 100 Liter Suppe für alle. Dann geht es wieder runter. Wir haben daran bislang noch nie teilgenommen, aus allerhand Gründen, einer ist die Gesundheit Monsieurs, die so eine Unternehmung an einem Tag (Aufstieg, Messe, Abstieg) nicht zulässt. Dieses Jahr aber haben wir, spontan wie man hier so ist, daran teilgenommen, mit kurzfristig geplanten Zwischenstopps allerdings. Wir waren mit unserer Spontaneität natürlich viel zu spät, um in der Auberge oder in der Gîte weiter oben noch einen Schlafplatz zu ergattern, denn auch viele andere machen diese Wanderung nun in zwei oder gar drei Tagen und reisen vorher schon an, die Plätze sind aber begrenzt. Wir haben, dank der Spontaneität und und Unkompliziertheit aller, trotzdem Schlafplätze gefunden, sehr einfache in Châteauneuf und ebenso einfache oben in unserem Sommerhaus bei 6°C Innentemperatur. Muss man wollen.

Am ersten Abend hat man uns ebenso spontan in der Auberge in Châteauneuf noch zwei Stühle an den langen Tisch gestellt, es war schrecklich eng, das war schon immer so, auch zu Zeiten als ich dort Gäste empfangen habe. So schlecht machen sie das gar nicht in der Auberge, ich hatte da ja so meine Zweifel, ich nehme das zurück.

Es gab zwei Gruppen, acht „Fremde“ und 15 „Einheimische“. Und an unserem Tisch fingen wir an, alte französische Küchen- und Bänkellieder zu singen. „Wir“ ist missverständlich, denn alle außer mir sangen, um korrekt zu sein, ich konnte nicht, weil ich weder Melodie noch Text dieser Lieder kenne und bewegte daher nur rhythmisch den Kopf und summte mit. Mir ist von all diesen Liedern nur „la rirette“ im Kopf geblieben, es ist, wie so oft in Frankreich „coquin“ und aus heutiger Sicht keinesfalls politisch korrekt, ich gebe es mit Rücksicht auf meine weiblichen Leserinnen auch nicht wieder. In Frankreich stört sich aber selten jemand an solchen Anzüglichkeiten, auch keine Frau, und so wurde fröhlich gesungen und am Nachbartisch, mit den eigentlich fremden Gästen, sang man gerne mit. Das war richtig schön. Am Nachbartisch saßen auch zwei Russen, die man irgendwann nötigte, russische Volksweisen zu singen, was sie (nach dem Genuss viel ermutigenden Wodkas) bereitwillig taten, es waren schwermütige Lieder, die sie mit Inbrunst sangen. Und dann war die Reihe an mir: Was singt man denn so in Deutschland, Christjann?“ Und „Du hast doch so eine schöne Stimme, sing uns mal was!“

Eh beh. Was singen Sie denn so abends im Freundeskreis? Sehen Sie. Kein Mensch singt heute noch, oder? Wir haben früher sogar im Auto gesungen, damals gab es nämlich noch nicht mal Autoradio, das kann man sich ja kaum noch vorstellen. Aber WAS haben wir da nur gesungen? Mein Kopf blieb leer. Mir wollte wirklich nichts einfallen. Nichts. Also nichts Deutsches. „Bella Ciao“ hätte ich singen können, oder „The House of the Rising Sun“, aber ich fand, dass ein italienisches Partisanenlied oder ein Lied über das Schicksal von armen Typen in New Orleans wenig mit dem deutschen Liedgut zu tun haben. Herrjeh, dabei singe ich wirklich gerne. Immer schon. Keine Jugendfreizeit, kein Lagerfeuer, an dem ich nicht alle Lieder der Mundorgel rauf und runter geschmettert habe. Aber mir fiel nichts ein. Mein stets singender Pfadfindervater drehte sich verzweifelt im Grab herum. Als ich an meinen Vater denke und an all die Pfadfindertreffen, taucht aus irgendwelchen Hirnwindungen immerhin „Mariechen saß weinend im Garten“ auf. Aber leider wollten mir weder Melodie noch Text verlässlich dazu einfallen. Hatte sie nicht ein Kind mit dem Schuster aus Treuenbrietzen?  In Unkenntnis des Ortes Treuenbrietzen habe ich das Lied früher nie verstanden, ich dachte der Schuster käme mit ‚treuen Absichten‘ und war dann sehr schockiert von seinem Verhalten.  Aber nein, ich verwechselte Mariechen mit Sabinchen, alle Frauen im Diminutiv, Ännchen, Käthchen, Röschen. Erst hier, vor dem PC finde ich wieder die richtigen Zusammenhänge. Sabinchen wars, das Frauenzimmer, deren Blut am Ende spritzt und der Schuster, der rabenschwarze Hund, steht um sie herum. Uh, wie grausig.

Dort oben fallen mir dann nur Lieder wie „Wildgänse rauschen durch die Nacht“ ein, aber ich bin plötzlich unsicher, war das nicht eigentlich ein Kriegslied? So etwas möchte ich hier gerade nicht zum besten geben. Oder „Wir lagen vor Madagaskar“. Das wäre vielleicht sogar gegangen, trotz Pest und Leichen, die über Bord gehen, da gehts ja auch um Sehnsucht und Heimat. Aber ich bin total verunsichert, was haben „wir“ eigentlich vor Madagaskar gemacht?, frage ich mich. War das vielleicht ein Sklavenschiff? Keine Ahnung. Besser singe ich es nicht, denn ich müsste ja auch erklären, was ich singe. „Sing ‚Lilly Marleen'“, drängt mich Monsieur, weil ich das schonmal irgendwo gesungen habe, aber mein Kopf ist leer, der Text ist weg. Wie schade.

Hier zu Hause, weiß ich natürlich wieder alles: „Jetzt fahrn wir übern See, übern See …“ trällere ich, und, ach, die Geschichte von der Flunder, zwo, drei, vier, die unglücklich in den Harung verliebt ist, tirallala.  Oder „Zogen einst fünf wilde Schwäne …“. Jetzt könnte ich auch schwermütig „Sing, Nachtigall sing“ geben oder fröhlich „Veronika, der Lenz ist da“, oder „Nur nicht aus Liebe weinen“ und natürlich „Lilly Marleen“ oder meinen absoluten Lieblingsschlager: „Heißer Sand“ von Mina.

Auf der Suche nach manch einem Text bin ich übrigens auf diesen (der volkskundlichen Liedforschung zugehörigen) Blog gestoßen und habe mich an der einen oder anderen Stelle sehr amüsiert. Und erstmals hat man mir den Sinn des rätselhaften Liedes „Heißer Sand“ erklärt. Ganz groß!

Ich bin übrigens festen Willens, mir ein kleines deutsches Gesangs-Repertoire anzueignen. Die nächste Gelegenheit zu singen, kommt in Frankreich bestimmt.

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Zwischenruf: über Fillon, Macron und die anderen

Während in Cannes am Wochenende der Frühling ausgebrochen ist und die Mandelbäume sich in weiße und rosafarbene Blütenwolken verwandelt haben, sind wir spontan in die Berge und in den Schnee gefahren. Bis gestern Abend einschließlich. Es war wundervoll und liefert zukünftig mindesten zwei Beiträge für „Was schön war“. Dort oben, ohne Handyempfang, ohne Internet, ohne Fernsehen und Radio und auch ohne Zeitung, waren wir wirklich wie aus der Zeit gefallen. Ich dachte mir, wenn es einen Krieg geben sollte, dann werde ich mich nach da oben zurückziehen und krieg dann einfach gar nichts mit vom Krieg. Im letzten Krieg kamen die Deutschen nicht bis hier hinauf. Nur die Italiener. Die waren der eigentlich Feind da oben und auf so manchem Gipfel lagern noch Stacheldrahtrollen. Ich würde natürlich wünschen, dass dann da oben zukünftig gar niemand Feind ist. Und würde dann einfach vor mich hinleben, und das ist insbesondere im Winter anstrengend genug, mit der Kälte und dem Schnee und dem Holz holen und Feuer machen und dem sich ernähren, und darüber würde die Zeit vergehen und irgendwann käme ich wieder runter und dann wäre alles anders. So ging es mir gestern nach nur drei Tagen. Alle reden von Schweden und ich verstehe nicht, warum. Was war in Schweden? Gar nichts sagen manche, nur ein Songcontest und etwas Schnee auf den Straßen. Aber der amerikanische Präsident war dank einer schlechten Fernsehsendung schlecht informiert und glaubte, es wäre etwas anderes los gewesen. „Alle reden von Schweden“ stimmt natürlich gar nicht. Die Deutschen reden von Schweden. Und von Trump. Die Franzosen reden nachwievor über Fillon, Macron und die anderen. Und daran hat sich in den vergangenen drei Tagen auch nichts geändert. Ich hätte Ihnen in den letzten Tagen ja ständig erzählen können, was Fillon gesagt hat und was Macron gesagt hat und was Le Pen gesagt hat, aber es war so ein bisschen wie im Kindergarten mit ätschibätsch und so (Macron wurde ein homosexuelles Doppelleben unterstellt, und diese Info kam wohl aus „gut unterrichteten“ russischen Kreisen), aber all das war so unsäglich und ich wartete ehrlich gesagt auf etwas Entscheidendes, um Ihnen zu sagen: So. Ist. Es. Jetzt.

Ist. Es. Nicht. Fillon ist immer noch da. Es ist nicht zum Aushalten. Er hat, wie zwischenzeitlich herauskam, auch seine Kinder für ein bisschen Computerarbeit oder was weiß ich, sehr gut entlohnt. Aber das ist ja alles legal und alle machen das, nicht wahr. Er hat sich zwar entschuldigt beim französischen Volk, damit es schön stille hält, und damit muss es jetzt aber auch mal gut sein. Die Richter halten tatsächlich schön still und man weiß nicht, ob sie irgendwann kurz vor der Wahl oder danach oder auch gar nicht zuschlagen wollen. Sehr unsicher das alles für Fillon, aber er macht verbissen Wahlkampf, letzte Woche in Übersee, Outre-mer heißen all die kleinen Inselchen aus Kolonialzeiten, wo der Empfang trotz der warmen Temperaturen ein wenig frostig war, weil sich die Leute dort eine Summe von 800.000 Euro (Sie erinnern sich: Penelopes „Einkommen“) gar nicht vorstellen können. Fillons Umfrageergebnisse (wer würde ihn als Präsidenten wählen, wenn heute Wahl wäre) sind insgesamt deutlich hinter Marine Le Pen (1.!) und Macron (2.!) zurückgefallen. Vorfeiern bringt Unglück, sag ich’s doch!

Macron hingegen hat noch nicht mal sein Programm vorgestellt, vielleicht hat er noch keins, was ihm seine Gegner spöttisch unterstellen, vielleicht will er es auch nur noch nicht vorstellen, weil es den Rechten dann nicht rechts genug ist und den Linken nicht links genug, und dann fängt das Geschacher an. Es ist unglaublich, dass er dennoch Säle füllt und den Menschen dort voller Zärtlichkeit zuruft „Je vous aime farouchement, mes amis!“ Und die so sehr geliebten „Freunde“ und nicht etwa Wähler oder schnöde das Volk, die sind hin und futsch, von diesem Zuversicht ausstrahlenden Charmeur. Er lächelt. Er ist positiv. Alles wird gut. Dummerweise hat er bei einem Algerienbesuch gesagt, dass die Kolonisation, die Outre-mer doch so schön geklappt hat, in Algerien hingegen „ein Verbrechen gegen die Menschheit“ gewesen sei und man müsse sich dafür entschuldigen. Das hat vielleicht den Algeriern gefallen und vielleicht wollte Macron in den Banlieus ein Zeichen setzen, denn da geht es gerade wieder hoch her, aber den Franzosen hier im Süden, wo viele Pieds Noirs und Harkis und ihre Nachkommen leben, gefiel es absolut nicht. Schwieriges Thema. Ich finde ja auch, dass mal einer anfangen müsste, sich zu entschuldigen, zumindest für das, was im Algerienkrieg passiert ist, aber soweit ist noch keiner, außer vielleicht Macron, aber es ging nicht um den Krieg, sondern um die Kolonisation, und diese etwa mit der systematischen Vernichtung der Juden gleichzusetzen („Verbrechen gegen die Menschheit“), ist vielleicht doch fragwürdig.

Mélenchon hält dank moderner Hologrammtechnik an zwei Orten gleichzeitig Versammlungen ab und ist von sich und seinem Double selbst am allermeisten begeistert. Dass sich die Linke von Mélenchon, die Grünen und die PS mit Hamon zusammenschließen müssten, um überhaupt etwas auszurichten, ist zwar allen Beteiligten klar, aber keiner will zurückstecken. Mélenchon findet, er habe die älteren Rechte, alle sollten sich also hinter ihn als Kandidaten stellen. Das sieht Hamon genau andersherum: Mélenchon hat es noch nie geschafft, ich bin der Kandidat der Hoffnung!

Ach so, und François Bayrou, der Zentrumspolitiker, der, weil er zu ehrlich ist, nie einen Blumentopf gewinnen konnte, sagt hin und wieder, „Coucou! Vielleicht bin ich auch noch Kandidat, ich weiß es noch nicht, ich überlege noch.“

Und da wundert man sich, dass Marine Le Pen supergute Umfrageergebnisse hat?! Sie sagt spöttisch, „ich muss nicht mal gut sein, die anderen sind so schlecht“. Leider hat sie Recht.

Voilà, ich wollte doch mal einen Zwischenbericht geben, auch wenn er so unbefriedigend ausfällt und Sie es in diversen deutschen Zeitungen auch nachlesen können oder vielleicht sogar getan haben. Aber Martin Oetting, auf dessen Blog Kaffee und Kapital ich neulich hingewiesen habe, hat wiederum mich verlinkt (merci!) und will, das sagt er zumindest, immer mal hier reinschauen, um zu wissen, was sie gerade so denken, die Frenchies. Da will ich ihn nicht enttäuschen und nur über schlecht gelierte Orangenmarmelade schreiben, nicht wahr. Obwohl dies kein dezidierter Politikblog ist und auch nicht werden wird. Es ist weiterhin ein „Anything goes“-Blog über mein Leben in Frankreich. Ich sage das auch deshalb, weil meine Besucherzahlen sich in den letzten Monaten, dank des mehrfachen Verlinkens durch Herrn Buddenbohm aber auch von anderen, buchstäblich verdoppelt haben, was ich natürlich unfassbar klasse finde, aber während ich früher wusste, für wen ich in etwa schreibe, für Eva und Marion und Jasmin nämlich und für noch ein paar andere Stammleserinnen, die ich jetzt nicht alle auflisten will, also, wir waren so ein kleiner Haufen netter Frauen, und ab und zu schaute auch mal ein Herr rein, nicht wahr, aber jetzt, jetzt weiß ich gar nicht, wer all die vielen tausend neuen LeserInnen so sind, und das ist ein bisschen fremd für mich. Ich kenne Sie nicht, Sie kennen mich nicht. Sie müssen mir jetzt nicht alle schreiben, um sich vorzustellen, nein, um Gottes Willen nur das nicht, ich habe eh schon viel zu viele Menschen, die mir jenseits der Kommentare schreiben, darüber freue ich mich auch immer sehr, aber vielleicht kann ich das zukünftig nicht mehr alles beantworten. Es wird doch ein bisschen viel. Muss ich sehen. Lesen tue ich natürlich alles, immer! Und ich freue mich aufrichtig, wenn Sie hier lesen, und wenn es Ihnen irgendwie zusagt, das eine oder das andere oder alles, dann bleiben Sie gern da, kommen Sie wieder, machen Sie das, wie Sie wollen, alles ganz ungezwungen hier.

Und wie Sie sehen, schreibe ich nachts, tags kommt man ja zu nichts.

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Und schon (22.02.2017 abends) kommt ein Nachtrag, alles dreht sich so schnell: 

Francois Bayrou sagte gerade, dass er nicht als Kandidat antreten werde, hingegen wird er sich, tatataaa mit Macron zusammentun! Ganz neue Variante.

 

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Nachmittags-Februar-Blau

blau und weiß

Terrasse am Meer

Strand

Schaum

Möwen

Möwen fliegen

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Nur der Pudding hört mein Seufzen

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Gut, die Überschrift trügt. In unserem Fall geht es noch immer um die bittere Orangenmarmelade. Geseufzt wird hier allerdings. Gibt es irgendeinen Blog, in dem so gnadenlos ehrlich alle missratenen Food-Ergebnisse preisgegeben werden? Denn vermutlich bin ich der einzige Mensch, dem die Konfitüre auch mit Gelierzucker nicht fest wird.

Ich komme mir ja zunehmend vor wie Julian Barnes in „Der Pedant in der Küche“, der sich verzweifelt fragt, wie groß ist bitteschön eine mittlere Zwiebel ?! All meine naive „Ich mach‘ einfach mal“-Kocherei wird nämlich immer verkrampfter. Ich habe zwar den erforderlichen Sucre de canne, blond (klingt zwar wie „blonder Zucker aus Cannes“ meint aber „heller Rohrzucker“ ) der besagten Marke (Beghin-Say) erstanden, damit begannen aber neue Schwierigkeiten: Nur 5 Minuten kochen lassen! steht auf der Packung. Keinesfalls länger. 7 Minuten für Früchte, die mit Wasser vollgesogen sind („gorgé d’eau“). An welche Früchte denken die Menschen aus der Gelierzuckerbranche da so? Mir will nichts einfallen. Meine Orangen liegen seit 24 Stunden in Wasser, ich denke, dass ist ziemlich „gorgé“ und entscheide mich für die 7 Minuten-Kochzeit. Achtung, nicht länger kochen, steht da und ganz klein: keine Zitronen verwenden. Wie jetzt? Zwischen meinen gewässerten und kleingeschnippelten Orangen schwimmen auch zwei ebenso kleingeschnittene Zitronen. Ich vermute, dass sich die den Zitronen eigene Säure mit der dem Gelierzucker hinzugefügten nicht verträgt. Vielleicht hebt sich zweimal Zitronensäure auch gegeneinander auf. Minus und Minus gibt Plus. Warum das so ist, habe ich zwar nie verstanden, nehme es aber hin. So wie ich die gesamte Mathematik unverstanden hingenommen habe. Ich kann nicht rechnen. Dyscalculie heißt diese Unfähigkeit auf Französisch. Egal, ich schweife ab. Das liegt nur daran, dass ich heute morgen schon um Vier Uhr aufgestanden bin, selbst für die Katze war es zu früh, sie blieb gähnend auf dem Sofa liegen, und ich mich schon den ganzen Tag wie ein Zombie fühle. Wo war ich? Die Zitronensäure. Genau. Erstes Problem: die Zitronen. Zweites Problem: die Kochzeit. Nur sieben Minuten statt der sonst üblichen 40, da sind meine Orangenschalen noch gar nicht richtig weichgekocht. Ich lese bei Micha nach. Die (hat natürlich ein anderes Rezept und) kocht im ersten Durchgang alles eine Stunde (in meinem Rezept 30 Minuten) „auf etwa die Hälfte ein“ und beim zweiten Kochen mit dem Zucker gibt sie „zehn bis 15 Minuten sprudelnd kochen“ an. Und: „Gelierprobe! Eventuell länger kochen“ schreibt sie. Wie denn jetzt? Der Gelierzuckerhersteller sagt ausdrücklich „nicht länger als sieben Minuten kochen“. Aber warum, erklären sie nicht. Weil sich das Pektin herauskocht? Weil die Marmelade dann in einen weiteren Aggregatszustand wechselt? Flüssig, fest, gasförmig? Oder weil sie vielleicht explodieren wird? Herrgottnochmal. Ich mache es also so wie Micha. Erster Tag: eine Stunde leise köcheln. Am nächsten Tag gebe ich den Zucker hinzu. Sucre de canne, blond. Blonder Zucker aus Cannes. Ich wiege sogar erstmals die „etwa auf die Hälfte“ eingekochte Masse ab, weil sie bei mir nur auf etwa Zwei Drittel eingekocht ist und ich ja die richtige Zuckermenge nehmen will (1:1). Ich nehme für 2,8 Kilo Früchte 2,5 Kilo blonden Zucker. Ist in etwas 1:1. Und koche wieder. Ab wann kocht es? Ab der ersten Bewegung im Topf? Ab dem ersten Blubberbläschen? Oder wenn’s richtig sprudelt? Es sprudelt und erstmals habe ich sogar Schaum, nein, nicht vor dem Mund, auf der Marmelade, den ich abschöpfe. Nach 7 Minuten sprudelndem Kochen mache ich die erste Gelierprobe. Nix is. Ich gebe noch drei Minuen hinzu. Gelierprobe negativ. Ich koche noch etwas weiter und tropfe ununterbrochen Marmelade auf Teller. Nur nicht den Moment verpassen. Wird sie fest? Ja? Nein. Am Topfrand geliert es immerhin. Am Kochlöffel auch. Reicht das schon? Vielleicht wird alles beim Abkühlen fest? Was passiert, wenn ich zu lange koche? Gelierprobe hin, Gelierprobe her, ich denke, es reicht und fülle die Marmelade in die sterilisierten Gläser und stelle diese auf den Kopf. Der Marmeladenschaum und ein Rest bleiben offen in zwei Gläsern stehen. So kann ich gleich die Konsistenz testen.

Heute morgen um Vier stecke ich erwartungsvoll den Löffel hinein. Und? Flüssig.

Ok, nicht ganz flüssig, aber auch nicht richtig geliert. Und: mild, aber zu süß. Viel zu süß. Liegt das am Zucker? Ich erinnere mich plötzlich an eine Szene aus dem Film Bella Martha, wo der Psychologe (August Zirner) versucht, eine bestimmte französische Tarte nachzukochen und Martha (Martina Gedeck), die mit dem gekosteten Ergebnis nicht zufrieden ist, fragt, „haben Sie auch bestimmt diesen Zucker genommen, den ich Ihnen genannt habe?“ Und er fragt, „wollen Sie sagen, Sie könnten schmecken, welchen Zucker ich genommen habe?“ Und sie antwortet, „nein, natürlich nicht. aber ich kann schmecken, welchen Zucker Sie NICHT genommen haben“. Das habe ich früher, als ich ausschließlich weißen Zuckerrübenzucker kannte, nicht verstanden. Aber jetzt verstehe ich das. Ich muss mal eine Zuckerverkostung machen. Es gibt (in Frankreich) so viele Varianten von Zucker!

Als erstes aber habe ich eine Bitterorangenmarmelade-Verkostung gemacht. Und eine Blindverkostung mit Monsieur. Dazu habe ich zusätzlich noch drei Gläser Marmelade der letzten Jahre geöffnet. Die mit Agar-Agar gelierte vom letzten Jahr war leider vergoren und flog weg. Die vom vorletzten Jahr ist superdunkel, weil ich sie zum Festwerden zweimal lange gekocht habe. Ein Glas von ichweißnichtwann aber ist perfekt. Hellorange, fest, geschmacklich gut. Nicht zu süß, nicht zu bitter. Das kommt auch bei der Blindverkostung mit Monsieur heraus. Ich konnte es also schonmal. Ganz ohne Gelierzucker und ohne Stress.

Die neueste Marmelade finden wir beide zu süß. Die vorletzte hat einen leicht angebrannten Geschmack, denn leider sind mir die Orangen beim ersten Kochen angehängt und dieser leicht verbrannte Geschmack bleibt. Essbar sind sie natürlich alle. Aber perfekt sind sie nicht. Zu flüssig die letzten. Das mag man ja ungern verschenken, denn eigentlich dient mir Marmelade, und vor allem die Orangenmarmelade, immer als kleines Mitbringsel. So macht man das hier. Aber vielleicht verschenke ich meine unperfekten Marmeladen an die Restos du Coeur. Oder ist das politisch unkorrekt? Sie sehen, ich bin total verunsichert. Und jetzt ist Schluss mit den Orangen.

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12 /12 im Februar 2017

Das frühe Aufstehen unter der Woche führt dazu, dass ich selbst am Wochenende früh wach werde. Von ganz alleine. In der Küche wartet noch das Geschirr auf Monsieurs Einsatz. Der schläft noch. Wir hatten Gäste gestern Abend. Es wurde spät.

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Ich mache mir Kaffee und setze mich vor den PC und schreibe (am 5. Duval! Noch ist der 4. nicht erschienen, schon gehts weiter). Pepita, wie immer frühmorgens sehr verliebt, unterstützt mich.

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Gegen 10 gehe ich auf den Markt. Ich will Orangen und Zitronen kaufen: Orangenmarmelade 2. Versuch. Ich gehe auch in einen Bioladen, finde aber den von Micha angepriesenen Gelierzucker nicht und auch keinen anderen (Ascorbinsäure (Pektinfördernd) gibt es anscheinend in Frankreich nur als Lutsch-, Kau- oder wasserlösliche Tabletten. Daher will ich es diesmal mit Gelierzucker wagen). Ich kaufe im Bioladen immerhin ein paar Buchweizenwaffeln (kein Foto, dafür zwei vom Markt, es ist dort so schön!)

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Zurück, spült Monsieur die Berge von Geschirr qualitätsvoll von Hand und ich helfe ihm beim Abtrocknen. Danach gibts die Reste von gestern zum Mittagessen (Thunfischsteaks, Reis, Zitronentarte). Danach Sieste. Ich bin noch müde vom Vortag bzw. von der Vornacht. Eigentlich müsste man immer den Vortag auch erzählen: Nachts um halb Vier wache ich von beißendem Rauchgeruch auf und denke natürlich, das Haus brenne. Die Wohnung war voller Rauch. Panik. Es war aber nur der Nachbar von unten, der nachts, fragen Sie mich nicht warum, ein großes Stück Fleisch in einem Bräter schmurgeln ließ und dabei eingeschlafen ist. Das Haus hat auch heute noch immer diesen Brandgeruch im Treppenhaus. Die Sieste wird wegen der verkürzten Nacht daher heute etwas länger.

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Danach bin ich unternehmungslustig, es ist aber zu viel Wind, um Spazierenzugehen. Ich fahre in einen Nachbarort, um einen Film zu sehen, der hier noch nicht oder schon wieder nicht mehr läuft. Es ist ein Elend mit den Kinos in der Filmstadt. Lange Schlange vor der Kasse, aber „Jackie“ in der Originalfassung will so gut wie keiner sehen. Alle stehen für La La Land oder die 50 noch dunkleren Grauschleier an. Ich bekomme einen Platz, habe aber die ersten 5 Minuten verpasst. Dennoch: Natalie Portman spielt herzzerreißend. Habe ein neues (deutsches?) Wort gelernt: Biopic heißen die biographischen Filme neuerdings. Jackie, der Film, sei mehr als das, heißt es in den Kritiken, ich stimme zu.

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Als ich aus dem Kino komme, dieser Himmel! Großartig. Sehr viel Wind allerdings.

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Abends werden hier nochmal Orangen und Zitronen geschnippelt für die nächste Fuhre Marmelade.

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Nach dem Essen (Reste) freue ich mich auf „Comedian Harmonists“ im TV, aber ich habe mich im Sonntag geirrt, das gibt es erst nächste Woche. Wir sehen alternativ einen alten Jean Gabin Film (mit dem noch ganz jungen Lino Ventura!): „Le Rouge est mis“. („Die Nacht bricht an“, ist der deutsche Titel.) Endet blutig. Ich kannte ihn aber schon. Dann veröffentliche ich die Fotos hier, zunächst ohne Text. War schon zu müde.

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Voilà, so war mein Sonntag.

Und das ist 12 von 12 im Februar. Schon mehr als Zweihundert (!) andere, wie immer bei Frau Kännchen!

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Was schön war

Trotz trübem Wetter rausgehen und die Mandelblüte fotografieren.

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WMDEDGT 02/2017

Heute ist, wie jeden 5. des Monats, WMDEDGT dran. Tagebuchbloggen. Die reizende Frau Brüllen, die jeden, jeden Tag schreibt, ruft einmal im Monat dazu auf, es ihr gleichzutun.

7.59 Uhr: wach geworden, Pepita liegt schwer zwischen meinen Füßen. Darf sie eigentlich nicht, aber sie schleicht sich jede Nacht irgendwann aufs Bett, meistens spüre ich es, weil sie Tendenz hat, sich massiv anzukuscheln, heute Nacht habe ich es nicht gespürt. Monsieur schläft (wieder) tief und fest – er war, wie zur Zeit fast jede Nacht vermutlich gegen 3 Uhr wach, hat Geschirr gespült, gegen den PC ein paar Runden Bridge gespielt und legt sich gegen 5 oder 6 Uhr nochmal wieder hin. Da ich unter der Woche jetzt gegen kurz vor 5 Uhr aufstehe (!), treffen wir uns manchmal auf dem Weg vom/ins Bett.

Ich koche mir Kaffee, esse ein getoastetes Brot mit der flüssigen Orangenmarmelade, Pepita trinkt Wasser aus dem Wasserhahn. Danach macht sie mir „un gros câlin“ wie man hier sagt: eine Katzenliebeserklärung mit Schnurren, Reiben, auf dem Bauch herumtreten und sie lässt sich dann gemütlich auf meinen Knien nieder.

8.32 Uhr: Pepita hüpft von meinen Knien und ich stehe auf und setze mich am Esstisch an das Notebook. Blick auf den nass-hellgrauen Himmel. Ich habe Rücken und Arm, der Rücken lehnt an einer Wärmflasche, der Arm liegt beim Schreiben auf dem Tisch. Rücken ist auch ein Matratzenproblem, und hallo, falls ein Matratzenproduzent hier mitliest, ich würde auch gern eine Matratze testen! 160×200 bitteschön. Wobei ich auch mit unserer, noch nicht allzu betagten, oder besser benachteten, Matratze anfangs super zufrieden war. Was sind schon hundert Nächte im Leben einer Matratze (der Zeitraum, den ein Matratzenhersteller manch einer Dame in meinem Blogumfeld zum Testen der Matratze zugesteht). Aber wie sieht es nach zwei, drei oder mehreren Jahren aus? Oder was ist neuerdings der empfohlene Rhythmus für den Matratzenwechsel?

8.59 Uhr ich schreibe hier, dabei wollte ich zunächst anderes schreiben. Das tue ich jetzt. Dabei sehe ich ein Stück eines Filmchens.

11 Uhr. Monsieur reserviert für uns einen Tisch in unserem Lieblingsrestaurant in Théoule, Attention! Geheimtipp! Dort gibt es heute ein achtgängiges Menü rund um den Fisch. Ich schreibe noch ein bisschen am anderen Text, dann hübsche ich mich auf und wir fahren durch den Regen, an bewegtem Meer vorbei, bis nach Théoule.

12.30 Uhr sitzen wir an einem der quadratischen Tischchen und schon gehts los. Ein Dégustationsmenü, 8 Gänge, drei (kleine) Vorspeisen, drei (kleine) Hauptgänge und zwei (kleine) Desserts, Apéro, Wein, Wasser und Kaffee gehören dazu. Wir essen. Acht Gänge, aber es sind wirklich nur Häppchen, wenn man viel Hunger hätte, wäre man verloren; alles schön anzusehen, sehr fein vom Geschmack. Viel mehr passiert nicht mehr heute.

16.15 Uhr. Wir bezahlen und fahren wieder heim. Die Sonne kommt etwas raus und wir sehen ein Stück Regenbogen über dem Meer.

16.45 Uhr: Monsieur kann gerade noch die Schuhe ausziehen, dann fällt er schon in eine komatöse Sieste, denn er hat den Apéro und den Wein für zwei Personen ganz alleine getrunken (wir lassen nichts umkommen und der Wein war gut). Ich lege mich (mit Wärmflasche) auch kurz hin, vor allem, um mich aufzuwärmen, ich habe Eisbeine. Französische Bistrots und Restaurants sind im Winter eisekalt: schlecht isoliert, zugige Fenster und Türen, keine Heizung. Ich schlafe aber auch einen Moment ein.

18.00 Uhr: Monsieur holt seine Mutter bei einer Cousine ab und bringt sie nach Hause. Ich sehe Filmchen und schreibe meinen Text (s. o.) zu Ende.

Später am Abend schaut Monsieur fern und ich höre Marine Le Pen mit feierlicher Stimme sagen, sei sie die „Kandidatin des Volkes“. Sie hat heute ihr Programm vorgestellt, 144 Punkte umfasst es, aber weder Monsieur noch ich haben dafür heute Abend noch Aufnahmekapazität. Sie wird gerade, nur damit Sie das wissen, neben Macron als aussichtsreichste Kandidatin für die Präsidentschaft gesehen. Fillon krallt sich noch an sein „Amt“ als Kandidat fest („Ich bin gewählt worden!“) und das, obwohl ihn keiner mehr will, und Benoît Hamon wird nicht genug Stimmen bekommen. Es wird, so viel ist sicher, eine spannende Wahl. Nichts ist vorhersehbar.

22 Uhr. Monsieur schläft schon. Ich auch gleich. Dies war ein sehr französischer Sonntag.

Danke fürs Lesen, andere Tagebuchblogger, wie immer, am Ende von Frau Brüllens Beitrag.

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La La Langweilig

Kann es sein, dass ich der einzige Mensch bin, dem La La Land nicht gefallen hat? Oder wagt es nur kein anderer mehr zu sagen, nachdem dieser Film so viele Golden Globes abgeräumt hat? Er MUSS doch toll sein, er MUSS mir doch Lust gemacht haben, zu singen und zu tanzen, wenn alle das sagen, oder? Aber, oh Gott, NEIN, hat er nicht. Ich habe mich gelangweilt. Ich hatte sogar zwischendurch Lust, aufs Handy zu schauen for some interesting news, und das ist vielleicht für Sie normal, aber nicht für mich. Der Film hat mich nicht mitgerissen, auch wenn ich die erste Szene mit den über die Autodächern tanzenden Menschen vielversprechend fand, danach wurde es banal, fade und dünn, sehr sehr dünn: Die Handlung, die Stimmchen, der Tanz. Grmpf.

Und das alles im bonbonrosafarbenen Dekor Hollywoods. Natürlich verstehe ich, was der Film will, mit all seinen „Zitaten“ und Anspielungen, ich verstehe auch die Botschaft, jaaa sicher, aber es plätschert so vor sich hin und an mir vorbei. Das hat man alles schon gesehen. Und die Palmen, den Glamour von Hollywood, die Sonnenuntergänge, gähn, ich bin vermutlich zu alt und zu versnobt, denn weder das noch Paris auf Pappkarton und Geschichten von jemandem, der barfuß in die Seine springt, wirklich, das reißt vielleicht zwanzigjährige Amerikanerinnen vom Hocker, oh how’s that romantic, aber nicht mich müde, alte Europäerin. Dann sehe ich mir lieber nochmal Singing in the Rain oder Ein Amerikaner in Paris an.

Eine kritische Stimme habe ich gefunden, es irritiert mich, dass es schon wieder in dieser Zeitung ist, die ich früher nicht gelesen habe, ist es das Alter, das mich konservativer macht?! Die Kritik ist natürlich schrecklich film-intellektuell, als Filmkritiker hat man natürlich wirklich alles schon gesehen, und weiß genau, woher manche Ideen und Szenen eigentlich stammen, sieht Zusammenhänge und hat tiefere Einsichten, dem kann ich manchmal nicht ganz folgen, auf jeden Fall aber heißt es dort, dass der Film im Grunde ein Remake des französischen Films Les Demoiselles des Rochefort sei, den ich mir daraufhin natürlich angesehen habe. (Kriegen Sie auch hier, in der besten Qualität die ich finden konnte, immerhin der ganze Film, aber eben Französisch und leider mit spanischem Untertitel :D ).

Und ja, es gibt Ähnlichkeiten, es wird in bunten Farben gehüpft, getanzt, gesungen und geliebt, (und Gene Kelly spielt mit, neben Catherine Deneuve und Michel Piccoli), aber ein Remake, hm, ich weiß nicht, aber natürlich würde ich niemals einem Filmkritiker widersprechen. Von diesem Film aber kam ich zu Les Parapluies de Cherbourg, auch da wird gesungen, geliebt und sich verlassen (ALLES wird gesungen, das ist dann doch ein bisschen anstrengend!)

Diese Geschichte (ein Liebespaar, er muss „weit fort“, sie, von ihm schwanger und ohne Lebenszeichen von ihm, heiratet gezwungenermaßen einen anderen) erinnert mich allerdings ganz stark, nein, nicht an Singing in the Rain, wie man bei den Regenschirmen denken könnte, sondern an Marcel Pagnols Marius. Letzten Endes ist wohl alles schon mal da gewesen, und selbst mein absoluter Lieblingsfilm The Artist hat sich einen Teil seiner Geschichte ausgeliehen, diesmal aber von Singing in the Rain. Ich schwöre, ich habe den Titel meines Beitrags selbst ausgedacht! Anyway, das sind alles wunderbare Filme für einen verregneten Sonntagnachmittag auf der Couch!

ps: Der Inhalt (und Text) der Demoiselles de Rochefort ist übrigens recht freizügig, uneheliche Kinder, Sex und anderes wird offen ausgesprochen: „denkst du nicht, wie sehen in den Kostümen ein bisschen nuttig aus?“ fragt eine Schwester die andere.

Eine andere Szene in Les Demoiselles de Rochefort finde ich aus heutiger Sicht wirklich unglaublich: Yvonne, Cafébesitzerin, kann nicht weg aus dem Café, um ihren jüngsten Sohn (unehelich, wie auch schon die beiden Zwillingsschwestern) von der Schule abzuholen und bittet zwei unbekannte Männer des Zirkus‘, der gerade in die Stadt kam, und die bei ihr etwas essen, ihr Kind abzuholen. Vor der Schule wartet zwar schon brav die Halbschwester, Catherine Deneuve, auf den kleinen Bruder, sie gibt ihn aber, ohne mit der Wimper zu zucken, an die beiden unbekannten Männer ab, weil sie besseres vorhat. „Das ist auch bestimmt keine Entführung?“ fragt sie. „Wenn, dann würden wir es Ihnen nicht sagen“, antworten die Männer. „Das stimmt natürlich“, sagt sie und lässt den Bruder daher in der Obhut der beiden Männer, die ihm Bonbons kaufen! Ich fasse es nicht.

Wenn Sie wüssten, wie französische Schulen heute gesichert sind, mit Mauern und Toren und Sicherheitspersonal. Und sehr kleine Kinder müssen sogar persönlich abgeholt werden und dafür unterschreiben Sie auf einer Liste, auf der Sie natürlich stehen müssen. „Ich kenne Sie nicht“, sagt die Aufsicht führende Lehrerin streng zu mir und fragt das Kind vorsichtshalber, wer ich sei. Und das Kind, sonst lustig und frech, sagt eingeschüchtert „das ist Christjann“. Und auf die Frage, wer ich denn für sie sei, Tante, Großmutter, Nachbarin, sagt es verlegen: „Ich weiß nicht.“ Ha! Die Aufsicht führende Lehrerin sieht mich kritisch an. Ich versuche zu scherzen, sage, „ich bin die dritte Großmutter“, haha, aber die Lehrerin findet das nicht komisch. Ich erkläre, ich sei Stiefgroßmutter, die zweite Frau des Großvaters, verhaspele mich dabei und es klingt so, als habe Monsieur mehrere Frauen, aber, sage ich, „ich stehe auf der Liste“. „Aha“, sagt die Lehrerin, aber es stimmt, und ich habe auch meinen Personalausweis dabei und unterschreibe, dass ich das Kind entführen werde. Das glaubt zumindest die Lehrerin.
Vor fünfzig Jahren konnte man sein Kind in Frankreich einfach von zwei fremden Männern von der Schule abholen lassen. Und vor knapp fünfzig Jahren bin ich in Deutschland einfach alleine von der Schule nach Hause gegangen. Les temps changent.

pps: gerade noch das hier gefunden: alle Film“zitate“ von La La Land

La La Land – Movie References from Sara Preciado on Vimeo.

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… und Dalida

Jetzt habe ich doch tatsächlich Dalida vergessen, spricht für sich, möchte man meinen… Ich war gestern nämlich noch im Kino, ganz alleine. Ich wusste schon, dass mich niemand begleiten wollte, ich hatte auch keine Lust auf kritische Bemerkungen und genoss meine anderthalb Stunden Kitsch. Man braucht ja hin und wieder etwas Auszeit von der Wirklichkeit, n’est-ce pas?!

Dalida, der Film bekam hier fast nur freundliche Kritiken, niemand wollte Orlando, den Bruder Dalidas, Ex- und immer noch Manager der verstorbenen Sängerin, kränken. Alle lobten ausschließlich und zunehmend enthusiastisch „das Casting“, also die Schauspieler, die extrem gut gewählt seien, und ja, die Dalida-Darstellerin Sveva Alviti ist glaubwürdig, „émouvante“ wird auch gesagt, und man leidet wirklich mit, wenn sie „Je suis malade“ singt. Sie hat feinere Gesichtszüge als Dalida, was dem Bild Dalidas aber nicht abträglich ist. Ansonsten fand man wohl nicht viel zu diesem Film zu sagen.

Er ist nach einer Biographie, die Orlando über das Leben seiner Schwester verfasst hat, entstanden, und Orlando ist ebenso einer der Produzenten. Er hatte schon mehrere Filmprojekte, die ihm nicht angemessen erschienen, im Vorfeld abgelehnt. Der Film ist also keine kritische Aufarbeitung von was auch immer, sondern ein Hochglanzporträt, das zur Legendenbildung Dalidas beitragen soll und vermutlich auch wird: Für mich war es wie anderthalb Stunden Zeitschriftenblättern beim Friseur: Dalida, ihre Lieder, ihr Erfolg, ihre Männer (die sich, und das ist wirklich tragisch, fast alle umgebracht haben), ihre Einsamkeit und Komplexe, und ihre Selbstmordversuche. Dass sie neben dem Singen und der Liebe auch noch etwas anderes im Kopf hatte, wird mit einer etwas aufgesetzt wirkenden Szene, in der sie Heidegger liest, bewiesen; die philosophische Phase dauert aber nicht allzulang, dann gibt es schon den nächsten Liebhaber.

Ganz ehrlich, der Film ist leicht, um nicht zu sagen seicht, nicht aufregend erzählt und man muss Dalidas Lieder schon mögen, um ihn zu genießen. Ich war auf Kitsch à la Gala eingestellt und wurde nicht enttäuscht :) Es gab ein paar berührende Momente, aber auch Längen. Lust, ihre Lieder zu hören, habe ich aber immer noch. Kleine Auswahl gefällig?

ps: Danke für den Schlusspunkt und das wahrhaftige und traurige Lied, das im Film auch am Ende läuft. Dalida hat sich im Mai vor 30 Jahren in Paris das Leben genommen.

 

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Plaudereien: Politik, Orangen und Mangold

Bon. Nur wenige politische Details heute, aber es geht mit Herrn Fillon hart zur Sache. Manche sagen, er sei fini und im Hintergrund suchten sie schon einen Nachfolger. Möglich ist das. Juppé hat vorsichtshalber schon abgewinkt. Und letzte Meldung: Marine Le Pen hat so ein ähnliches Problem mit ihren Mitarbeitern, die sie über das Europa Parlament bezahlen ließ, sie schreit ebenso „Skandal“ aber ihre Wähler, sagte gestern eine Journalistin „seien ‚etwas autistisch‘ und sie stünden, anders als bei Fillon, dennoch geschlossen hinter ihr.“

Nein, heute gibt es etwas südfranzösische Leichtigkeit. Ich sehe nämlich, wie oft „Orangenwein“ angeklickt wird, nicht wahr – aber Orangenwein mache ich persönlich nicht mehr, ich mache nur noch Konfitüre aus Bitterorangen. Gestern habe ich sie gekocht, nach einem (klick) bewährten Rezept. Leider ist sie, wie schon letztes Jahr, nicht fest geworden. Ich werde sie also noch einmal kurz aufkochen und mit Agar Agar gelieren lassen. Das hat letztes Jahr dann gut geklappt, und das sehr Glatte, das die gelierten Speisen mit Agar Agar annehmen, finde ich bei Konfitüre gut (nicht so bei Panna cotta, so viel zu meiner unmaßgeblichen Food-Meinung). Ich weiß nicht, warum die Konfitüre nicht mehr fest wird, anfangs hatte ich diese Probleme nicht. Letztes Jahr dachte ich, es läge an der schwindenden Energie unserer Orangenbäume und ihrer Früchte. Die Bäume sind schon sehr alt, die Orangen wurden immer leerer, sprich, sie hatten kaum noch Fruchtfleisch und so gut wie keine Kerne mehr. Dieses Jahr trugen unsere drei Bäume zusammen gerade mal 5 (in Worten fünf) kleine Orangen. Damit kann man gar nichts mehr machen und ich musste mit erbettelten Fremdorangen, die größer sind und dunkleres Fruchtfleisch haben (und viele Kerne), experimentieren. Die Konfitüre wurde dunkler, geschmacklich prima, aber, trotz besserer Orangen, nicht fest. Ein Alternativrezept, gefunden bei Micha, das vielleicht nächstes Jahr ausprobiert wird, gebe ich Ihnen auch mal. (Lassen Sie sich nicht täuschen, nach der Minestrone (die Sie natürlich auch nachkochen können) gibts den Link zur Orangenmarmelade.)

Orangenmarmelade  kopfüber  auslöffeln  Orangenmarmelade

Ich habe außerdem eine niçoiser Spezialität gebacken: la tourte de blettes. Mangoldkuchen. Das ist, anders als man denken könnte, keine salzige Angelegenheit, sondern ein süßer Kuchen! Meine erste tourte de blettes habe ich in Nizza in der Altstadt in einer winzigen Bäckerei erstanden und ich erinnere mich immer noch, wie überrascht ich von dem fremden Geschmack war (ich wusste damals nicht mal, WAS ich aß, war nur von dem Blech mit dem Kuchen in der Auslage so angezogen). Etwas gewöhnungsbedürftig ist es vielleicht, aber ich bin dieser tourte verfallen.

Mangold ist ein altes Gemüse, das, wenn ich es richtig sehe, wieder im Trend liegt, hier im Süden Frankreichs aber nie vergessen war. Mangold wächst angeblich wie Unkraut, wenn man ihn einmal angepflanzt hat, und vermutlich hatten die Bauern davon einfach zu viel und die Nase voll von der salzigen Mangoldtarte, die man hier auch macht (bei Micha gibt es allein 28 salzige Mangoldrezepte!), und sie haben daher eine süße Tarte für den Mangold erfunden. Die sie dann aber mit einer zusätzlichen Teigschicht zudecken (und in diesem Fall zusätzlich mit Puderzucker bestreuen) und dann wird aus der tarte eine tourte (sprich: turt).

Leider sind meine Fotos von der Produktion unscharf geworden, ich sags Ihnen die Weitsichtigkeit im Alter macht mich ganz fertig, daher kriegen sie nur das Originalrezept des Patissiers vom Negresco abgebildet, an das ich mich weitgehend gehalten habe. Der große Klassiker ist vielleicht das Rezept von Jacques Medecin (ein umstrittener Niçoiser Bürgermeister, der ins südamerikanische Exil flüchten musste, um dem Gefängnis zu entgehen, Sie sehen, wir haben das öfter hier, aber ich wollte ja nicht so viel von französischer Politik erzählen). Richtig klasse war die Auflaufform nicht, die ich gewählt hatte, aber ich hatte ein wenig mit der Teigmenge und der Mangoldmenge jongliert und musste letztlich auf diese kleine, zu hohe Form ausweichen. Der Kuchen zerbröselte dann natürlich auch beim mühevollen Herausnehmen. Sie sehen, Sie sind quasi live dabei und hier wird nichts geschönt. Lecker wars aber!

Mangold  tourte de blettes  patissier  zerbröselte tourte

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zur französischen Aktualität

Wir haben hier viel zu viel mit unserem „Penelope-Gate“ und der Vorbereitung der sozialistische Stichwahl zu tun gehabt, als dass wir uns in der vergangenen Woche auch noch groß mit Trumps Politik befasst hätten. In Deutschland ist das anders, soweit ich sehe.

Es schüttelt mich, wenn ich sehe, was Trump macht. Beim Mittagessen sagte ich zu Monsieur, dass das einzig Gute daran hoffentlich ist, dass die Franzosen rechtzeitig sehen, was ihnen blüht, wenn sie die ebenso populistisch arbeitenden Kandidatin des FN zur Präsidentin wählten. Und sie daher vielleicht vernünftiger wählten. Monsieur zog nur die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel nach unten. Ich dachte, er verstehe mich nicht. „Die Franzosen“, wiederhole ich, „wählen vielleicht vernünftiger. Zukünftig. Ende April. Nein?“ „Träum weiter, Mädchen“, sagt Monsieur und schüttelt den Kopf. Ich seufze. Ich weiß es eigentlich. „Amerika?“ fragt der gemeine Franzose. „WTF hat Amerika mit uns zu tun?“ Der gemeine Franzose denkt nur bis zur Staatsgrenze.

Zum „Penelope-Gate“: Damit es klar wird,  es ist nicht illegal, seine Frau, seinen Sohn oder Tochter oder den Neffen auf einen Posten als attaché parlemantaire zu setzen. Das wird wohl auch häufig gemacht. Die Abgeordneten sind oft abwesend, sie brauchen jemanden, (oft auch mehrere Mitarbeiter) der sie im Parlament vertritt, und der sie umgekehrt über alles dort auf dem Laufenden hält. Jeder Abgeordnete hat für diese sogenannten attachés parlemantaires insgesamt 9500 Euro monatlich zur Verfügung. Normalerweise teilen sich diesen Betrag drei Mitarbeiter. Es ist selten, dass ein Mitarbeiter 5000 oder gar 7500 Euro erhält. Wäre aber legal. Nicht legal wird es, wenn der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin gar nicht arbeitet und das Geld trotzdem einstreicht. Was möglicherweise der Fall von Penelope Fillon ist.

Fillon zeigte sich die ganze Woche extrem angegriffen, verletzt, wütend und verteidigte wie ein Löwe seine Frau. Ihn ein bisschen aus der Reserve gelockt zu haben, zu sehen, dass dieser kalte Mann Gefühle hat, hat ihm sogar Sympathien eingebracht. Neben dem Ärger.

Die Franzosen sind nämlich ziemlich sauer und Fillons Position ist durch diese Affaire wirklich geschwächt. Diese Politiker, die schon genug Privilegien haben und zusätzlich in den Topf der öffentlichen Gelder greifen, um sich zu bereichern, und das ohne jedes Unrechtsbewusstsein, man hat sie satt. Und jetzt auch noch der „aufrichtige“ Fillon. Was für eine Enttäuschung.

Fillon hat jedoch nichts eingestanden, sondern den Gegenangriff gestartet: Man wolle ihm etwas anhängen, ihn bewusst als Präsidentschaftskandidaten in Misskredit bringen und das, indem man seine Frau angreife. DAS sei ein Skandal! Gerade eben vor 15000 versammelten rechten Politikern hat er zusätzlich laut gesagt, er liebe seine Frau! Wie schön. Aber daran hatten wir auch keinen Zweifel.

Nun ja, seine Erläuterungen, wie sehr er seine Frau liebt und wie sehr diese ihn unterstützt, wird er jetzt den Richtern erklären müssen.

Die Stichwahl zwischen Manuel Valls und Benoît Hamon hat wohl Benoît Hamon mit über 58% der abgegebenen Stimmen für sich entschieden. Es ist verrückt. Alles kann passieren.

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ps: eine treffende Analyse der gerade aktuellen Situation gibt es (schon seit gestern Abend) hier. (Für die Kommentare unter dem Artikel keine Gewähr) Aber bis zur Wahl kann noch viel passieren. Hoffentlich.

pps: Ich bin hier in Frankreich übrigens viel politischer als ich in Deutschland je war. Es liegt viel an Monsieur, der das einfordert, gebe ich zu. Ich bin aber ganz zufrieden damit, mich nicht mehr nur als „mitlaufendes“ Lamm einer Herde zu verstehen, mit viel Gefühl und wenig Wissen. Es ist anstrengend, auch wahr. Manchmal ist es mir auch alles zu viel. Ich darf hier ja nichtmal wählen. Ich habe aber das unbehagliche Gefühl, dass wir vielleicht in einer Vorkriegszeit leben, vergleichbar der Weimarer Republik, und wir uns später, genau wie unsere (Eltern und) Großeltern, fragen (lassen) müssen, „wie konnte das alles passieren?“ Ich mag daher, was Sibylle Berg gerade schrieb. Ich werde in Frankreich vermutlich nicht in eine Partei eintreten, höchstens vielleicht eines Tages auf Dorfebene. Aber mich dafür zu interessieren, was politisch passiert, ist mir wichtig geworden. Hier ist jemand, dem das (in Deutschland) ähnlich geht, und der sein Sabbatjahr dazu benutzen will, sich (und seine Leser) zu informieren. (Dank für beide Links, wie so oft, an Maximilian Buddenbohm.)

 

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am Meer – was schön war

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kleines Glück – was schön war

Wir waren heute bei einer Beerdigung. Ein betagter Herr, der nicht allzu lang gelitten hat, wurde verabschiedet, seine Lebenszeit war abgelaufen. Seine Tochter hat sehr schöne Abschiedsworte gefunden und liebevoll von ihrem Vater erzählt. Er habe seine Familie gerne um sich gehabt, und sei froh gewesen, dieses Familiengefühl an die Kinder und Enkelgeneration weitergegeben zu haben. Sie sagte noch viel mehr, treffendes wohl, alle nickten und lächelten, ich habe das meiste schon wieder vergessen, kannte ihn auch kaum. Aber einen Satz habe ich nicht vergessen, er habe das kleine Glück im Alltag gelebt.

Mir ging heute Nachmittag viel durch den Kopf: Thema Zeit. Thema Leben. Thema Glück. Alles hängt ja irgendwie zusammen, nicht wahr. Was würden andere von mir sagen, an meiner Beerdigung? Mal abgesehen davon, dass es vielleicht gar niemanden mehr geben wird, der etwas sagen könnte. Nach mir kommt ja niemand mehr. Aber gesetzt den Fall, irgendjemand würde etwas sagen, würde er oder sie am Ende sagen, ich habe das kleine Glück im Alltag gelebt? Würde man gar sagen, ich hatte ein glückliches Leben? Das mit dem Glück treibt mich ja immer mal wieder um und seit Tagen versuche ich einen Text zum Thema Zeit und Glück zu schreiben, habe aber das Gefühl, ich komme, selbst wenn ich dafür eigene Lebensbeispiele wähle, nicht von abgelutschten Platitüden weg. Insofern lasse ich zwei Textentwürfe verschimmeln und liste hier nur meine kleinen Alltagsglücksmomente auf. Kleines Glück diese Woche war (nach dem Montag, auch) am Dienstag.

Die Sonne schien (gerade scheint sie nicht so oft) und statt Sieste habe ich mir spontan die Zeit genommen (!) und bin spazierengegangen und habe Mimosen und Eukalyptus fotografiert. Es war mild und so grün und ruhig und die Vögel zwitscherten und die Mimosen rochen stark.

EukalyptusMimosengrünMimosen Gegelichtkleine MimosenbäumeMimosen HimmelJemand fragte mich, wie Mimosen riechen, ich kann es gar nicht beschreiben. Nicht sehr angenehm eigentlich. Intensiv, streng und ein bisschen muffig, finde ich.

Irgendwo habe ich heute gelesen, dass die Menschen „draußen“ nachweislich glücklicher sind, aber dessen ungeachtet nicht oft genug rausgehen. Stimmt. Viel öfter rausgehen will ich.

Ich kam froh gestimmt zurück und es gab auch noch Post. Und weil ja immer alles auf einmal kommt, gab es gleich zwei Päckchen. Völlig überraschend.

Päckchen K800_DSC01611Sehr, sehr schön. Viel Liebe und Macarons, Briefe, Texte, Glücksdrachen, Lesezeichen und Ingwertrinkschokolade. Und noch viel mehr. Ich habe immer noch Freunde in der Welt, auch wenn ich mich so selten melde. Danke!

 

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… zur Aktualität

Ich wollte eigentlich bis zur erfolgten Stichwahl nächsten Sonntag warten, bis ich noch einmal etwas zur aktuellen Politik Frankreichs sage, ich bin nicht sicher, ob Sie das wirklich so interessiert?! Aber ich kann nicht anders, es passiert einfach zu viel …

In der Nachbereitung der vergangenen Wahl wurden nicht nur die Zahlen der Wählerstimmen möglicherweise gefälscht, sondern auch gemunkelt, dass einer der Präsidentschaftskandidaten, Vincent Peillon, ein guter Freund des amtierenden Präsidenten, sich nur zu dem Zweck habe aufstellen lassen, um Manuel Valls (entscheidende) Wählerstimmen wegzunehmen. Kleiner Racheakt vom scheidenden Präsidenten an seinem Ex-Premier? Möglich ist das, aber es ist nur ein Gerücht. Kein Gerücht, sondern Tatsache ist, dass der bisher so wahnsinnig „aufrichtige“ Präsidentschaftskandidat François Fillon heute einen Wutanfall bekommen hat, weil die satirische  Zeitung le Canard enchainé aufgedeckt hat, dass er seiner Gattin Penelope jahrelang für eine eher fiktive Tätigkeit als attaché parlemantaire jeden Monat tausende von Euro hat zukommen lassen. Das ist keine unübliche Praktik der französischen Politiker und wäre vermutlich auch weniger skandalös, wenn Fillon nicht so sehr den aufrichtigen Katholiken hätte heraushängen lassen. Das schwächt die Position Fillons erheblich. Und schon reibt sich Marine erneut die Hände. Verzeihen Sie, aber es ist zum Kotzen!

Ich hatte ursprünglich geplant, letztes Jahr die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen (bzw. die doppelte Staatsbürgerschaft), vor allem, um bei dieser Präsidentschaftswahl wählen zu dürfen. Ich hatte dann aber keine Energie, mich für die diversen Sprach- und Staatsbürgerprüfungen vorzubereiten und mir all die Napoleons und die Lebensdaten von Victor Hugo einzubläuen. Insofern bin ich immer noch Ausländerin und darf zumindest den zukünftigen Präsidenten nicht mitwählen. Letzen Endes auch egal, ich hätte nämlich vermutlich „Blanc“ wählen müssen, bei all dem Gemauschel und all den eitlen Kinderspielchen dieser Herren und Damen, die im Prinzip alle aus dem gleichen Stall, sprich der ENA, der École nationale d’administration, einer Verwaltungshochschule, die die Elite der französischen Verwaltungsbeamten ausbildet, stammen.

… à suivre …

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Was schön war

Überraschend den Nachmittag bei Freunden verbracht, intensive Gespräche geführt, voll Wärme, Vertrauen und Liebe. Danke V. und J. Beim Heimfahren dieser Blick auf St. Paul de Vence. Wundervoll. Danke!

St Paul de Vence

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Zwischendurch … zur Aktualität

Es gibt da ein tolles und sich zu Lesen lohnendes lesenswertes (glauben Sie mir wäre das Wort neulich eingefallen?! tss, die deutsche Sprache geht mir peu à peu verloren, schlimm ist das!) Interview mit einem Zeitforscher in der ZEIT über Uhren, Zeitrechnung, Zeithaben und Langsamkeit (Dank dafür an Maximilian Buddenbohm, ein schneller und zuverlässiger Medien…äh Auswerter?!) Es ist ein bisschen lang, das Interview, man muss sich schon die Zeit dafür nehmen, verzeihen Sie das banale Wortspiel, aber informativ ist es. Wussten Sie etwa, dass es in Japan bis 1871 nicht mal ein Wort für Zeit gab und entsprechend auch keine Zeitmessung?! Ich merke, ich will unbedingt auch nochmal was zum Thema „Zeit“sagen. Die nächsten Tage vielleicht.

Eben will ich, der Aktualität geschuldet, und weil ich das auch bei der Primaire de la Droite gemacht habe, nur schnell das überraschende Ergebnis der Primaire de la Gauche verkünden. Man hat ja so seine Verpflichtungen, nicht wahr.

Heute hat in Frankreich die erste Vorwahl der Linken für den zukünftigen Präsidentschaftskandidaten stattgefunden und es gab, wie auch bei Wahl des rechten Präsidentschaftskandidaten Ende November, eine Überraschung: Benoît Hamon stellte den erwarteten Sieger Manuel Valls in den Schatten. Wer ist denn bitte Benoît Hamon?!  Ich musste erstmal nachlesen, wer er ist und was er eigentlich will, so wenig haben mich die sieben Kandidaten der Linken bislang begeistert. Außerdem waren noch in den letzten Sondagen Manuel Valls (der „Rechte“ unter den Linken) oder der eher charismatische, Europa ablehnende „linke“ Arnaud Montebourg „vorne“ gesehen worden.

Eben gerade hat Benoît Hamon gesprochen: ein unscheinbarer junger Mann (5 Jahre jünger als ich) mit kleinem Sprachfehler (leichtes Lispeln). Hamon will unter anderem bedingungsloses Grundeinkommen für alle, ein Visa für Flüchtlinge und die Legalisierung von Cannabis durchsetzen. Er hat sich in den USA mit Bernie Sanders getroffen und eben gerade seine Nähe zu Abbé Pierre betont, sprich, das Ökologische und das Soziale sind ihm wichtig. Ein echter Linker also. Manuel Valls antwortete ihm gerade „freundschaftlich“ und ließ durchblicken, dass Hamons Ideen unrealistisch seien. Valls rief die linken WählerInnen auf, nächsten Sonntag „vernünftig“ (und für ihn) zu stimmen, denn „Regieren sei nicht einfach“ und besser sei eine kompromissbereite, reformierende Linke (mit ihm) in der Regierung, als eine revolutionäre Linke in der Opposition. Nun ja, wir werden sehen. „Rien n’est écrit“ sagen hier manche Kommentatoren. Nichts ist sicher, alles kann passieren.

ps: die Wahlbeteiligung an dieser ersten Vorwahl für den linken Präsidentschaftskandidaten (nächsten Sonntag gibt es dann die Stichwahl zwischen Valls und Hamon) war vermutlich so gering, dass man die Zahlen nicht mal rausgeben will. Emmanuel Macron, linker aber parteiloser Präsidentschaftskandidat, sprach entsprechend von der „Déprimaire de la Gauche“.

pps: Um an diesen Vorwahlen teilzunehmen, muss man natürlich im Besitz einer gültigen carte éléctorale sein, in den Wahlbüros eine Charta unterzeichnen, dass man den Werten der Linken, respektive der Rechten, zustimmt und man muss einen bzw. zwei Euro bezahlen (zwei Euro bei den Rechten, einen bei den Linken) – dieses eingenommene Geld dient zur Finanzierung der zukünftigen Kampagne.

 

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Wer zu spät kommt …

Ich bin mal wieder zu spät. Mit allem, immer wieder. Dieses Erlebnis hatte ich vor ein paar Jahren schonmal, als ich eine kleine Karriere als Kolumnistin begonnen hatte. Ich hatte tolle Ideen im Kopf für meine kleine wöchentliche Kolumne, aber alles war gerade schon anderswo gesagt oder geschrieben worden. Ich war immer gerade einen Tick zu spät.

Gerade eben ist mir die Klappentexterin in gewisser Weise zuvorgekommen. Sie hat eine Lese-Auszeit geschenkt bekommen (wie genial!) und durfte drei Tage in einer hübschen Hütte im Schnee nur lesen. Und schon schreibt sie darüber. Das ist MEIN Thema, möchte ich schreien. ICH hatte die Idee! Auf Facebook kursierte jetzt schon mehrfach ein Aufruf, sich dort (dummer) Kommentare zu entheben und stattdessen ein ganzes Buch von vorne nach hinten durchzulesen. Hab‘ ich gemacht. Ich habe (so hoffe ich) keine dummen Kommentare geschrieben, hingegen mehrere Tage in jeder freien Minute und sogar halbe Nächte gleich zwei dicke Bücher durchgelesen, zum selben Thema allerdings: die Familie Mann. Schon lange habe ich nicht mehr so intensiv „nur zum Vergnügen“ gelesen, am Ende fieberte ich dem Aussterben der Familienmitglieder allerdings entgegen, so missvergnügt hat mich das Lesen um diese dsyfunktionale Familie, wie man sie heute vermutlich bezeichnen würde, dann doch, und auch so erschöpft. Thomas Manns Leben und Werk liegen mir ja noch aus Uni-Zeiten eher schwer im Magen, kritische Töne zu ihm waren damals noch so gut wie tabu und noch niemand hatte ihn, seine Rolle in der Familie und dieselbe einer kritischen Betrachtung unterzogen. Wie anders ist das heute. Wie offen spricht man heute von seiner „Homoerotik“, wie offen von Klaus und Golos Homosexualität und von Erikas Hin- und her zwischen den Geschlechtern. Um nur ein Thema zu nennen. Habe ich früher die Kinder Thomas Manns ausschließlich als Opfer ihres egozentrischen Vaters gesehen, so sehe ich sie nach der Lektüre der beiden Bände durchaus kritischer und meine Lust, Klaus Manns „Wendepunkt“ (und dann auch noch in der französischen Fassung) zu lesen, geht gerade gegen Null. Nur Golo Mann ist mir wirklich sympathisch geworden, und die von allen einmütig verachtete Monika Mann weckte bei mir zumindest eine Neugierde, und ich habe (ähnlich wie wohl ihre Biographin) das Bedürfnis, sie zu verteidigen gegen so viel Familienhass.

Über den Versuch wieder früh(er oder später) aufzustehen, um Zeit zum Schreiben zu finden, hat Herr Buddenbohm schon geschrieben, wie er sowieso über alles immer schon geschrieben hat und das trotz Kindern, darüber hat Smilla Dankert aber hier schon geschrieben. Ich kann also nur noch, wie früher in der Schule, „das hab ich auch gerade sagen wollen!“ hinterherrufen. Smilla schreibt im gleichen Post wiederum vom erholsamen „Nichtstun“ auf Helgoland (übrigens illustriert mit großartigen Fotos, die ihr Nichtstun widerlegen). Zu meinem Bedürfnis nach „Nichts“, nach Stille und nach Einsamkeit könnte ich auch was sagen, hallo! … aber ach, was solls. Zum Winter und zum (Winter-)Wald, was mir hier tatsächlich zumindest zeitweise fehlt, hat Friederike schon wiederholt geschrieben und ebenfalls wundervollst fotografiert und noch viel mehr Menschen haben sich bei Astrid geäußert. Und ich?

Ich hätte dazu auch gerne was gesagt, aber ich bin zu spät dran, alle sind schon wieder weitergezogen, während ich gerade ein paar Tage gelesen habe. Ich fange außerdem wieder an, „ernsthaft“ zu arbeiten und zu schreiben (weshalb ich wie gesagt versuche, wieder in aller Herrgottsfrühe aufzustehen), das Blogschreiben gerät dabei wie stets etwas ins Hintertreffen und alles, was ich Ihnen auch noch zu Anfang des Jahres hätte mitgeben und erzählen wollen, (haben Sie, wie in manchen Kreisen üblich, ein begleitendes, unterstützendes Wort für dieses Jahr gewählt? / Meine Suche nach einem geeigneten Taschenkalender und über das Stöbern in alten Kalendern, was wenig heiter wurde, weshalb ich das Thema dann gar nicht erst öffentlich anging. / Dass ich nichts für die Rubrik „Was schön war“ vermelden kann, was ich wiederum nicht schön finde und mich daher erneut mit dem Thema „was ist Glück?  Glücklichsein? Gibt es Glück überhaupt?“ auseinandersetze und anderes mehr), all das schwindet so dahin und sei hier wenigstens ansatzweise erwähnt, und falls es schon jemand anders auf seinem Blog erzählt hat, dann wissen Sie immerhin, dass ich es auch gerade hätte sagen wollen.

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