Corona Tagebuch – Tag 36

Heute geht alles ums Essen. In der heutigen Augabe von Nice Matin flehen die Restaurateure, dass man sie ihre Lokale wieder öffnen lässt. Essen zum Mitnehmen, um die Krisenzeit zu überstehen, wie es sogar in der deutschen Provinz üblich geworden ist, gibt es hier nicht. Oder nur hin und wieder. Ein Restaurant in Nizza bietet das wohl an. Warum manche das hier dürfen und dort nicht, ist wohl von den jeweiligen Gemeinden abhängig. In einer kleinen Bäckerei in einem Ort im Hinterland, wo man, das ist in Frankreich häufig üblich, seinen Kaffee zum Mitnehmen bekam, darf das Sandwich zum Mitnehmen zwar gekauft, der Kaffee aber nicht mehr verkauft werden.

Für die Restaurants machen sich jetzt auch die Chefs der Gastronomieführer stark, der Guide Gantie und Gault Millau. Sie fordern nicht nur eine schnelle Wiedereröffnung der Restaurants und Cafés, sondern auch Steuerbefreiung. Essen hat in Frankreich quasi religiösen Stellenwert, ich hätte auch vermutet, man die Restaurants relativ bald wieder öffnet. Aber die Lage in Frankreich ist noch weit von Lockerung entfernt, wir robben uns gerade, was die Todesfälle angeht, weltweit an die dritte Stelle vor. Über 20.000 Tote heute. Uns trennt nur noch ein sehr wenig von Italien und Spanien, wobei Mumbai gerade Spanien als stärkstes betroffenes Land erwähnte. Das erklärt vielleicht auch das coole Ambiente in Deutschland, wo es nur etwa 4000 Tote gab, bei über 145.000 positiv getesteten Fällen. Also Zahlen sind Schall und Rauch, ich will auch gar nicht im Einzelnen darauf herumreiten, aber so in etwa.

Der Chef des Gastro-Führers Gault Millau bittet die Franzosen darum, dass sie nach der Wiedereröffnung, so gut sie finanziell können, die Restaurants unterstützen mögen, um sie zu erhalten. Eigentlich muss man das den Franzosen nicht sagen, Essen gehen ist ein Nationalsport. Aber nun ja, alle sind von der Krise geschüttelt und das Budget ist knapp.

Alain Claude Sulzer gibt weiterhin kulinarische Lebenszeichen, diesmal geht es um die Aubergine, und das werde ich demnächst testen, mit der schwammigen Aubergine, dem Lieblingsgemüse des Gatten, wurde ich noch nie richtig warm. Es ist das einzige Gemüse, das ich wissentlich im Kühlschrank vergammeln lasse, wenn Monsieur es mir mitbringt, in der Hoffnung, das sich ihm etwas daraus zaubere. Niemals. Aber möglicherweise kann sich das ändern. Bei uns gab es heute Ofenspargel (grün) und ja, den gibt es hier schon, er ist regional und nicht holzig. Ich habe das schlichte und ultimative Spargel-schmoren-in-Papillote-und-im-Ofen-Rezept von Arthurs Tochter, der ich dafür auf ewig Dank schulde. Astrid peppt ihre Spargelrezepte immer weiter auf, brauchts für mich nicht, ich, wir lieben es schlicht. Aber selbstverständlich mit Vinaigrette, wie man es hier isst. Nix Béchamel. On est en France, wie meine Schwiegermutter, Gotthabsieselig, in dieser Frage spitz anmerkte.

Dazu gabs nochmal die köstlichen Lammkoteletts mit etwas Knobi und Rosmarin, und da die Kartoffeln verkocht waren, zerdrückte ich sie spontan zu Püree. Und da außerdem noch ein Rest Teig von neulich im Kühlschrank herumlungerte, gabs zum Nachtisch eine kleine Apfeltarte.

Und wenn Google Photos wieder arbeiten will, bekommen Sie davon auch ein Foto.

Und gleich gibts von den restlichen Spargel ein Spargelrisotto. Es muss aber noch gemacht werden, deshalb lasse ich Sie jetzt … 

Hier regnet es immer noch, vielleicht hilft dieses Lied.

Und wir werden uns wiedersehen. I don’t know when, I don’t know where, but we’ll meet again. Gefunden via Jens Rosteck.

Bonne soirée! Bis morgen. So gesund wie möglich und so zuhause wie möglich.

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Corona Tagebuch – Tag 35

Fünfunddreißig! Ich schreibe jeden Tag und die Zeit rast trotzdem davon. Wir haben noch drei Wochen Ausgangssperre vor uns, bis es ein bisschen lockerer wird. Sie haben mir gestern zahlreich geschrieben, dass es bei Ihnen in Deutschland noch gar nicht wirklich losginge heute, fake news, und in jedem Bundesland sei es anders, aber irgendwie ist das Öffnen des Einzelhandels und der Buchhandlungen doch ein Signal, auch wenn man nur einzeln in einen Laden darf (es heißt ja nicht umsonst Einzelhandel, kleiner Scherz, haha) und Abstand gehalten werden muss. Und Ikea zögert noch, ist aber schon im Gespräch. Eisdielen dürfen den Straßenverkauf öffnen. Restaurants bieten zumindest Essen zum Mitnehmen an. Ich sah irgendwo Fotos von (vielen) Leuten, die sich an der Isar in der Sonne aalten. Ich lese von einem Draußen-Leben in Köln, Küsschen rechts links wie früher, gemeinsames Spielen von Kindern, gemeinsames Bier von jungen Erwachsenen, ach komm, alles nicht so schlimm. Und bei Croco las ich, es kämen schon wieder Staumeldungen im Radio, und Leute mit Maske würden beim Einkaufen komisch angeschaut. Also aus meiner festen Ausgangssperren-Sicht, meine Lieben in Deutschland, sieht das alles schon sehr locker aus.

Hier wird noch überlegt wegen der zukünftigen Schulöffnung, bislang gibt es mehrere Hypothesen, wie es ablaufen könnte, sicher sei noch gar nichts, sagt der Premierminister; vielleicht soll es erst nur dort losgehen, wo die Corona-Situation weniger dramatisch ist, vielleicht werden die Klassen geteilt und bekommen nur ein über die andere Woche Unterricht in der Schule, vielleicht sollen andere Räume (Sporthallen) miteinbezogen werden und die Bürgermeister sollen ein Mitentscheidungsrecht bekommen, aber klar ist, man will die Schulen öffnen, weil 5-10% der Schüler ohne Internetzugang und ohne PC und damit komplett abgeschnitten vom Unterricht sind.

Maskentragen wird aber vermutlich Pflicht, zumindest in den Öffentlichen Verkehrsmitteln. Ab heute gibt es ein Besuchsrecht bei sterbenden Angehörigen.

Restaurants und Cafés bleiben weiterhin, auch nach dem 11. Mai, geschlossen, genau wie Hotels und andere Unterkünfte. Der Tourismus wird damit fast komplett runtergefahren. Un crève-coeur sei das, etwas, was einem das Herz brechen lässt, bedauert der Premierminister. Ich fand heute (via Tina E.) diesen Reiseblogger, der sich Gedanken über zukünftiges Reisen macht. Alles nicht lustig, zumindest für die, die beruflich damit zu tun haben.   

Aber blicken wir auf das Positive, die Buchhandlungen haben in Deutschland seit heute wieder auf! Das ist doch wundervoll! Und wissen Sie was? Heute kamen meine lang erwarteten Bücher an!

Man sieht ihnen den langen beschwerlichen Weg an, vermutlich mussten sie zwei Wochen Corona-Quarantäne an einem finsteren Ort ausharren, und sie haben auch ein bisschen geweint unterwegs, aber jetzt sind sie da! Großes Merci an den Verlag! Heute kann ich Ihnen natürlich kein Vollmondbild mehr damit basteln, der Mond hat schon wieder stark abgenommen und außerdem regnet es schon seit gestern, der Mond verbirgt sich abends und nachts hinter einer dicken Wolkendecke. Aber genauso ist es ja, das Wetter im April, und in diesem Kriminalroman. Im besten Sinne wechselhaft!

Aber etwas anderes, wundervolles ist, trotz Corona und trotz bislang geschlossener Buchhandlungen, passiert: „Vollmond über der Côte d’Azur“ hat es auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft! Platz 27, wenn das nichts ist! Ich freue mich unbeschreiblich, das hätte ich dieses Jahr nicht erwartet. Großartig! Und das verdanke ich Ihnen, meine lieben Leserinnen und Leser! Ganz herzlichen Dank, dass Sie mein Buch auch unter diesen widrigen Umständen gekauft haben! Danke! Danke! Danke!

Aber: Ein Satz und ein Link noch zum Thema, darauf hatte mich Caro gestern schon aufmerksam gemacht, gesehen habe ich es eben erst. Nur weil es bei mir gerade ganz gut läuft und ich, so wie es aussieht, auch weiterhin Arbeit habe, bedeutet das nicht, dass der Buchhandel, die Verlage und alle, die daran hängen (AutorInnen, ÜbersetzerInnen, GrafikerInnen, DruckerInnen …) unbeschadet durch die Krise kommen werden.

Ich schaffe es derzeit nicht, alle Ihre Kommentare oder Mails einzeln, zeitnah und würdigend zu beantworten, aber ich lese jeden! Und freue mich auch über jeden! Und wenn ich X antworte und Y nicht, so will das nichts heißen, bitte glauben Sie mir, es ist alles ein Zeitproblem. Hier wird auch gearbeitet und telefoniert und auf allen Kanälen geschrieben und getippt und gekocht und gegessen und abends mache ich dann mal alle Konten zu.

Anbei Nizza und Aix-en-Provence „en confinement“. 

Damit lasse ich es für heute. Passen Sie weiterhin gut auf sich auf! Bis morgen! Drin und so gesund wie möglich.

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Corona Tagebuch – Tag 34 Sonntag

Es regnet. Morgens liest Monsieur farblich passend zum Sofa, die Katze träumt mit offenen Augen, auch sie hat ihre Fellfarbe dem Sofa angepasst. So sieht man all die Katzenhaare nicht. Praktisch.

Wir hören Moustaki und Aznavour.

Ich sitze am PC, ich soll was fertig kriegen heute. Mal sehen, ob ich es schaffe. Insofern geht heute der Gatte raus zum Metzger und zum Bäcker. Er füllt nicht mal seine attestation de déplacement aus. Es regnet, sagt er, da geht kein Flic raus. Ich bin besorgt, 135 Euro Strafe immerhin, wenn … aber er behält Recht. Ich habe in der Zwischenzeit schnell eine Wirsing-Ziegenkäse-Pinienkerne-Tarte gebastelt.

Monsieurs Tochter bringt mir jetzt immer ganz viel frisches Gemüse von regionalen Anbietern mit, weil ich neulich so dringend eine Gemüsekiste bestellen wollte und sie keine Lust hatte, noch irgendwohin zu fahren, um sie abzuholen. Dieses Gemüse, da fühle ich mich jetzt noch mehr verpflichtet, will ich in etwas Gutes verwandeln und will, dass wir es frisch essen. Wir essen die Tarte aber jetzt doch heute Abend, denn der Gatte will nicht mehr so lange warten, bis sie fertig ist. Hungrige Männer sind genauso ungeduldig wie hungrige Katzen. ESSEN! JETZT! Er hat Rinderfilet genre tournedos gekauft (wir geben ja sonst kein Geld aus, sagt er, da kann man schonmal das zarte aber teure Filet kaufen).

Das heißt, man dreht das Filet in der Pfanne gerade einmal um tourne-dos, schon ist es fertig. Also, es ist dann roh innen und so soll es hier sein. Dazu gibts Gnocchi, geht schnell, und die letzten zwei Artischocken, die essen wir hier roh mit Vinaigrette. ich habe schonmal gezeigt, wie man die isst, aber man hat ja auch neue LeserInnen, n’est-ce pas ;)

Der Teller wird mit einer Gabel, die man oben darunterschiebt, etwas geneigt, so dass man die Vinaigrette, in meinem Fall nur das Öl, wie in einer Vertiefung vor sich hat. Dort taucht man dann die einzeln abgezupften Blättchen ab.

Sie sehen, man zieht mit den Zähnen anfangs nur ein bisschen des „Fleisches“ aus den Blättern; der Rest ist zu hart

Je weiter man nach innen kommt, desto zarter werden die Blättchen und desto mehr kann man davon essen.

Am Ende schneidet man den Artischockenboden in feine Scheiben und isst sie dann ebenso mit der Vinaigrette. Es ist ein bisschen bitter und man bekommt „stumpfe“ Zähne. Ich finds lecker und es ist die praktischste Vorspeise, die es gibt. Alle machen alles selbst ;)

Die Tarte ist jetzt auch fertig – das Essen für heute Abend.

Der Gatte machte bereits die Sieste, ich sitze hier und schreibe, es regnet immer noch.

Nachdem Aznavour heute früh von den Comédien sang, hatte ich Lust auf Zirkus und siehe da, Le Cirque du Soleil schenkt uns 60 Minuten Spektakel, weil wir nicht zum Zirkus kommen können. Toll, oder?

Und noch ein kleines Video, CoronaVirus-Rhapsody, ist vielleicht schon ein paar Tage alt, ich gebs Ihnen aber mit, weil ich mitbekommen habe, dass es bei Ihnen (in Deutschland) morgen „wieder los“ geht und so viele schon in den Startlöchern stehen. Endlich wieder raus und unter Leute, shoppen, Kaffee trinken, Essen gehen. So sehr der Einzelhandel, der Buchhandel, Cafés und Restaurants unsere Unterstützung brauchen, bitte respektieren Sie die Abstandsregeln und bleiben Sie vorsichtig, und vielleicht doch lieber noch den einen oder anderen Tag freiwillig zu Hause!

Schönen Sonntag noch! Bis morgen! Gesund und trallala und vielleicht sehen wir uns drin und hier!

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Corona Tagebuch – Tag 33

In Kürze die Schlagzeilen: Die 18 Millionen über 70jährigen bleiben nach dem 11. Mai nicht offiziell confiné, er möchte niemanden diskrimieren, sagt Macron, aber es wird ihnen empfohlen, freiwillig drin zu bleiben bzw. man appelliert an ihre individuelle Verantwortung. Bei der Police Nationale gibt es nun noch drei Fälle mehr, bei der Marine aber, Sie erinnern sich, da waren es gestern 680, sind es heute schon 1081 Fälle, die positiv gestestet wurden. Unser Bürgermeister bemüht sich derzeit, ein paar Franzosen und vor allem Cannois aus einem Kreuzfahrtschiff zu holen, die seit vier Wochen in ihrer Kabine festsitzen; das Kreuzfahrtschiff hängt irgendwo vor Sizilien fest und man will sie nicht anlegen lassen. Und, das tollste für mich: Die Märkte sind seit heute wieder geöffnet, Zugang allerdings nur in einem superkomplizierten Verfahren: Man wird nur in begrenzter Zahl eingelassen; steht (in langer Schlange) mit zwei Metern Abstand draußen an;  Fieber wird gemessen, Hände desinfiziert, (noch keine Maskenpflicht), es gibt nur einen mit Barrieren abgesperrten Vorwärts-Parcours, man kann nicht zurück, man darf sich die Ware nicht mehr selbst aussuchen, wird vom behandschuhten und Maskentragenden Händlern bedient, Stände in zwei Meter Abstand, das alles wird von der Police Municipale überwacht. Aber immerhin. Die Schlange und die Wartezeit waren lang, wie ich dem Internet entnehme, für viele waren es zu viele Menschen. Ich warte auf etwas Normalisierung, bis ich dort wieder hingehe. Monsieurs Tochter hat mir die letzten beiden Wochen absolut frisches Gemüse eines regionalen Anbieters aus dem Supermarkt mitgebracht, damit kann ich leben. Und: Das Filmfestival wird zwar abgesagt, aber es wird im Juni wenigsten den Marché, die Filmmesse, also den für uns in der Regel nicht sichtbaren aber viel wichtigeren Teil des Festivals, in einer Online-Version geben. Und hier sind immer noch alle aus dem Häuschen weil die Tour de France Ende August in Nizza starten wird: ein gutes Signal für eine heitere Rentrée heißt es.

Hier die Kanaldeckel von vorgestern (immer mit meinen Schuhen, Verzeihung); es gibt so viele! Und so viele verschiedene: rund, eckig, oval: Abwasser, Strom, Gas, Straßenbeleuchtung … Als ich im Internet suchte, stieß ich auf diesen Hobby-Fotografen, der sich auf Kanaldeckel spezialisiert hat. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Und vielleicht kennen Sie schon die Raubdruckerin, die mit/auf Kanal- und Gullideckeln T-Shirts und Taschen bedruckt?!

Ich habe die Fotos jetzt noch kleiner gemacht und hoffe, dass sie jetzt nicht mehr übereinanderliegen?! Bei mir sieht ja alles immer gut aus, aber nicht auf allen tablets und Handys. Wenn ich von Ihnen nichts höre, denke ich, dass es geklappt hat. Danke!

Und zum Abschluss wundervolle Musik, gefunden beim Podcast Agnes trifft. Merci!

Einen schönen Samstagabend! Bis morgen, gesund und trallalla!

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Corona Tagebuch – Tag 32

Heute Morgen um 5 Uhr wachte ich auf, weil plötzlich so viele Autos durch die Straße rauschten. Um 5 Uhr ist das nächtliche Ausgangsverbot, couvre-feu, zu Ende und alle waren gleichzeitig in unserer Straße unterwegs. So schien es mir zumindest. Ich schlief dann noch ein bisschen ein, aber es blieb ein Montagsgefühl wegen dieses Autolärms, diesem „es geht wieder los nach dem ruhigen Wochenende“. Wir sind früh am Morgen eine Stunde unterwegs gewesen, liefen im Ein-Kilometer-Radius über den Suquet bis ans Meer und zurück. Das Wetter ist nur so halb sonnig und es ist etwas frisch. Es sind insgesamt deutlich mehr Autos und mehr Menschen unterwegs als die letzten Male, auch wenn das auf den Fotos nicht so ausssieht. Und wir sehen Polizei, die am Hafen die Autos kontrolliert.

Wie Sie sehen, sind die Straßen überall noch nass von der Desinfektion. Ich habe mich an den Geruch schon so gewöhnt, dass ich ihn kaum noch wahrnehme. Das Geräusch der einzelnen Autos, die herumfahren oder manchmal auch drei und vier, empfinde ich hingegen als wahnsinnig laut.

Die Gullideckel bekommen Sie vermutlich morgen. Eilt ja nicht. Wir haben ja noch ein paar Tage.

Hier gibt es Petitionen von Eltern gegen die geplante Schulöffnung am 11. Mai; angeblich sind 90% der Eltern und Lehrer dagegen und sprechen sich für eine Rückkehr zur Schule erst im September aus. Die Restaurateure fordern hingegen, die Restaurants zu öffnen, da man dort sehr gut Abstand halten und nur jeden zweiten Tisch besetzen und maximal zwei Personen an einem Tisch akzeptieren könnte.

Ich warte auf die Petition der Senioren, denn es ist weiterhin im Gespräch, dass die über 70 Jährigen und die Menschen mit Vorerkrankungen weiterhin zuhause bleiben sollen. Ich finde das vernünftig, auch wenn gerade die Senioren, die „ihr Leben davonlaufen“ sehen, es nicht drin halten wird. Monsieur ist über 70 und Risikopatient und er sieht der Öffnung mit gemischten Gefühlen entgegen. Und wo kann ich hingehen, ohne ihm das Virus mitzubringen? Zum Friseur? Wenn die Friseurin und ihre Kundinnen nicht getestet sind? Ich werde also aus solidarischen Gründen ebenso auch längerfristig zuhause bleiben, rester confiné, wie es hier heißt. 

Im Commissariat der Police Nationale sind 34 von 160 Polizisten positiv getestet; die Gewerkschaft der Polizei fordert das Gebäude in Quarantäne zu nehmen und 14 Tage zu schließen, da die Zahl der COVID-Fälle täglich zunimmt. Innerhalb der Marine sind knapp 700 Soldaten positiv getestet worden; angeblich hat man die ersten Fälle auf dem Flugzeugträger Charles de Gaulle nicht ernst genommen und die kranken Soldaten zurück in ihre Kabinen geschickt, anstatt sie zu isolieren. Andere durften ihre Familien besuchen und haben dort den Virus weiterverbreitet. Innerhalb einer Woche sind die Zahlen von 50 positiv getesteten Soldaten auf 680 angestiegen.

In der Zeitung gibt es heute eine Doppelseite über Menschen, die das Positive des Zuhausebleibens herausstellen und ein un confinement heureux leben. Da werden Fotos und Dias aus 50 Jahren Reise sortiert, gescannt und bearbeitet. Fotobücher werden gemacht. Jemand zeichnet die Blicke aus seinen Fenstern. Andere stricken und häkeln. Ein Engländer nimmt einen Intensiv-Onlinekurs zum Französischlernen. Und eine Dame macht einen Onlinekochkurs.

Beim Podcast Agnes trifft geht es um Musik und welchen musikalischen Impuls wir heute gehabt haben. Bei mir war es heute Christophe, ein französischer Sänger, der gerade gestorben ist. Ich wusste zunächst nicht, wer er ist, auch als ich das Foto des verlebten Mannes mit dünnen langen Haaren sah, war ich keinen Deut schlauer. Seine Songs, zumindest einen Teil derer, die heute den ganzen Tag liefen, kannte ich aber schon. Christophe ist vielleicht in Deutschland gar nicht bekannt, aber seine Songs werden in französischen Radiosendern häufig gespielt. Hier gibt es ja die Verpflichtung, einen gewissen Anteil französischer Musik bei der Musikauswahl zu berücksichtigen.

So viel für heute. Ich hoffe, Sie hatten einen guten Tag. Wir lesen uns morgen wieder, gesund, so hoffe ich, und drinnen!

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Corona Tagebuch – Tag 31

Vielen herzlichen Dank für alle Ihre Kommentare zum letzten Tagebucheintrag und den erläuternden Gastkommentar von Wolfram, der die Situation in Frankreich grundsätzlich beleuchtet.

Ich wollte gestern nicht so betrübt klingen, wie es wohl den Anschein hatte. Ich kann nur wiederholen, was ich schon ganz zu Anfang der Ausgangssperre schrieb: wir sind in einer privilegierten Situation; wir haben eine ausreichend große Wohnung, haben Strom und warmes Wasser und Internet (das allerdings und insbesondere abends schwächelt, grrr, aber grundsätzlich ist es da), wir sind gesund, bekommen eingekauft und vertragen uns. Für mich persönlich hat sich gar nicht so viel geändert, ich saß schon immer die meiste Zeit drin und am Esstisch und schrieb, selbst bei bestem Wetter. So auch jetzt. Der pensionierte Gatte war auch vorher schon zu Hause. Die Katze hat es sowieso am liebsten, wenn wir alle da sind und zu ihrer Verfügung stehen (Fressen, Streicheln). Ich habe nur grundsätzlich das Thema, diese Zahlenhysterie und das Gezänk überall satt. Alle wissen alles besser, meckern über die Maßnahmen, die „natürlich“ nicht angemessen sind und über die Politiker, über „die da oben“ und vor allem über Macron (siehe Kommentar von Wolfram). Und diese Verschwörungstheoretiker, die glauben, dass es diesen Virus nicht gibt, und dass die Ausgangssperre nur ein Test ist, um zu sehen, was man mit uns noch alles machen kann. All das habe ich satt. Vier weitere Wochen zuhause, die werden wir hinkriegen. Der Ein-Kilometer-Radius, erscheint mir nicht so dramatisch, weil er uns immerhin bis zum Meer führt. Ansonsten rudere ich jetzt neuerdings auch im Hinterhof.

Gerade aber wird im Fernsehen erörtert, dass die Menschen über 70 zu ihrem eigenen Schutz bis Ende des Jahres zu Hause bleiben sollen! Wenn sie das hier durchsetzen, das stelle ich mir dann tatsächlich anstrengend vor.

Im Internet bin ich heute gleich zweimal über den Aufruf zur deutsch-französischen Grenzöffnung gestolpert. Die Deutschen, die an der französischen Grenze leben, aber wollen das nicht. Da gibt es Handgreiflichkeiten, man wirft Eier auf die Franzosen und beschimpft sie, sie sollten in ihrem Corona-Land bleiben.

Bei Herrn Buddenbohm bin ich heute über eine amüsante Geschichte über das „wer drückt auf den Ampelknopf in Zeiten von Corona“ gestoßen. Das würde ein guter Comedie-Akt, wenn ich hier je so etwas machen möchte: Deutsche an der Ampel. Franzosen an der Ampel. Ich hatte da schonmal drüber geschrieben, aber ich finde es nicht mehr, aber Franzosen an der Ampel gibt es so gut wie gar nicht. Oder nur kurzzeitig, dann sind alle schon losgelaufen, ohne auf irgendwelche Knöpfe zu drücken. Und von wegen „Nur bei Grün der Kinder wegen!“ – ich war häufig die einzige, die wegen irgendwelcher Kinder stehenblieb, während deren Mutter sie schnellschnell bei Rot hinüberscheuchte. In Frankfurt hat man Monsieur und mir empört hinterhergerufen, dass es „Hallo! So aber nicht gehe“, als wir bei Rot die Straße überquerten. „Was wollte er?“, fragte Monsieur. „Dass wir nicht bei Rot gehen sollen“, erklärte ich. „Quoi?“ Monsieur wollte es nicht glauben.

Croco und ich, wir haben gestern (unabgesprochen und jede bei sich) „Drei Tage in Quiberon“ gesehen, ein Film über ein Interview mit Romy Schneider. Croco findet Marie Bäumer nicht überzeugend, Monsieur schlief sogar dabei ein. Nur ich, die ich den Film hier schon seinerzeit im Kino gesehen habe, bin auch zum zweiten Mal davon gefangengenommen.

Croco schreibt dann, wie sehr sie die zugebaute Côte d’Azur schockiert hat, die sie in den von mir verlinkten Filmen gesehen hat. Mich hat das Mitte der Achtziger Jahre schon schockiert, als ich zum ersten Mal an der Côte d’Azur war. Ich dachte, auch darüber bereits geschrieben zu haben, aber auch das finde ich gerade nicht mehr. Mitte der Achtziger reiste ich mit meinem damaligen Freund langsam von Dorf zu Dorf und von Campingplatz zu Campingplatz und peu à peu in den Süden. Wir paddelten auf der Ardèche mit einem Klepper Faltboot herum und da waren damals schon viele Menschen und dennoch war es wundervoll. Wir wanderten durch die Gorges du Verdon und saßen auf lauschigen Platanenbestandenen Plätzen in kleine Dörfern herum. Und ich wollte von Anfang an nur an die Côte d’Azur. Ans Meer! Mir ging es nicht schnell genug, auch wenn ich unseren Urlaub durchaus mochte. Und dann waren wir endlich da und ich war entsetzt. Das Meer war privatisiert, nur an ein paar hässlichen Ecken war es ohne Liegestuhlzwang zugänglich. Es war voll und laut, die Buchten eng, das Essen teuer und die Kellner unfreundlich. Das ist die vielgepriesene Côte d’Azur? Das Mittelmeer? Ich heulte vor Enttäuschung. Bei Bandol (das war uns damals noch als Geheimtipp angepriesen worden) fanden wir endlich einen Platz auf einem Campinggelände. Auch dort war es voll, es war ein Bikerwochenende und Motorräder überall. Und ein lautes Ambiente auf dem Platz. Am nächsten Tag standen wir auf der Küstenstraße stundenlang im Stau. Ich hatte extrem schlechte Laune. „Da hast du doch so unbedingt hingewollt“, sagte der Freund ein bisschen süffisant. „Ja, aber jetzt will ich weg hier“, maulte ich. Wir fuhren erneut landeinwärts und schon 15 Kilometer hinter der Küste war es wieder ruhig, die runde Besitzerin des kleinen Restaurants, auf dem erneut im Schatten einer Platane liegenden Platz, so herzlich, das Essen üppig und nicht zu teuer, alles so wie man sich klischeemäßig das ländliche Frankreich vorstellt. Nie wieder Côte d’Azur, sagte ich damals.

Ich habe heute Gullideckel fotografiert, die kriegen Sie vermutlich morgen. Der gesenkte Blick nahm auch all die Hundehaufen wahr. Schrecklich. Niemand nutzt mehr die Tüten, scheint es. Die Haufen fotografiere ich Ihnen aber nicht, auch wenn das ebenfalls sehr französisch ist.

Kein französisches Lied, aber so voller Nach-Corona-Hoffnung. Ich finde viele Musikstücke übrigens via Vonny Marshall-Edwards.

Die Katze maunzt, der Gatte lief auch schon nervös an mir vorbei. Qu’est-ce qu’on mange? steht unausgesprochen im Raum. Ich eile in die Küche. Einen guten Abend zuhause! Passen Sie auf sich auf! Bis morgen!

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Corona Tagebuch – Tag 30

Ach. Eigentlich habe ich keine Lust mehr auf das Thema. Ich habe auch diese meckrigen Kommentare in den sozialen Medien so satt. Ich mag da gar nicht mehr hinklicken. Die Zahlen sind auch schrecklich. Wir haben etwa genauso viel Fälle wie in Deutschland (da wir aber nicht testen aus Mangel an Tests, kann es auch viel schlimmer sein), aber wir haben definitiv fünfmal so viel Tote wie Deutschland. Weswegen Sie gleich viel mehr dürfen als wir. Wie wir noch weitere vier Wochen Ausgangssperre aushalten, wurde ich heute gefragt. Ich weiß auch nicht. Jeden Tag nur diesen einen Tag bewusst leben und nicht in die Zukunft abdriften, die sowieso „flou“ ist, unsicher, vage. Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Aber es geht weiter. Und vermutlich wird es gar nicht sehr viel anders sein wie vorher auch. In Nizza werden schon wieder Handtaschen und Halsketten gestohlen. Von irgendwas muss man ja leben. Auch die Kleinkriminalität erlebt eine Flaute

Es wird kein Filmfestival geben dieses Jahr, kein Jazz in Juan les Pins, kein Theaterfestival in Avignon, die Tour de France soll immerhin nur verschoben werden auf Ende August. Der Bürgermeister sagt, dass es ihm derzeit wichtiger ist Menschenleben zu retten, als Schauspieler über den roten Teppich laufen zu sehen, fordert aber dennoch einen „Marshallplan“ für die Côte d’Azur, denn der Tourismussektor bricht gerade zusammen. Das betrifft in der Region über 600 Hotels, 87 Ferienzentren und knapp 6000 Restaurants; davon sind 75000 Arbeitsplätze direkt betroffen und ebensoviele indirekt. 11 Millionen Touristen haben wir jährlich in unserem Departement (zusammen mit Monaco), über die Hälfte davon aus dem Ausland. Von mir aus könnte das ruhig alles deutlich weniger sein, ich glaube, auch in Venedig vermisst niemand wirklich die vulgären Kreuzfahrtschiffe. Aber nun ja, man hat sich hier auf den Tourismus eingeschossen. Als wir neulich über die stillen Pfade durch Cannes liefen, sagte ich zu Monsieur, dass mir Cannes so wirklich gut gefiele. Er seufzte. „So war es noch vor 50 Jahren“, sagte er. „Vor 50 Jahren war das Leben in Cannes wirklich angenehm.“

Hier können Sie in drei Minuten über das ausgestorbene Cannes fliegen.

Oder einmal in Echtzeit mit dem Rad über die edle Croisette, vorbei am Hotel Majestic, Carlton und Martinez und zurück über die ausgestorbene Rue d’Antibes. Sehr trist, weil auch das Wetter trüb war. Ich komme da nicht hin, das sieht mein 1km-Radius nicht vor, aber ich werde sicher noch ein bisschen irgendwo rumlaufen. Hab ja noch vier Wochen Zeit. Lerne deine Stadt kennen.

Rumlaufen tun auch andere, derzeit vor allem an eher unbevölkerten Orten. In Köln läuft ja auch Niels schon seit ein paar Jahren alle Straßen ab. Das Projekt „Ganz Köln“ wollte ich damals kopieren, mir kamen aber die Attentate und die damit verbundenen extremen Sicherheitsvorkehrungen und die plötzlich sehr misstrauischen Leute dazwischen. Und dann schlicht das Leben, und die Arbeit, die immer mehr wurde.

Ich lasse es für heute mal damit bewenden. Ein kleines Konzert noch zum abendlichen Ausklang.

Ich hoffe, Sie hatten einen guten Tag. Passen Sie auf sich auf! Bis morgen!

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Corona Tagebuch – Tag 29

Tag 29. Ich hoffe, das stimmt so, ich muss das gleich nochmal überprüfen. Neunundzwanzig Tage schon! Und wir kriegen nochmal vier Wochen Verlängerung, nochmal 28 Tage. Der 11. Mai ist jetzt als vorläufiges Ende der harten Ausgangsbeschränkungen festgesetzt worden. Sie wissen das natürlich schon, Präsident Macron hat es gestern Abend verkündet und es war sogar gestern schon in den deutschen Medien. Wenn Sie es ein bisschen ausführlicher, wenn auch auf Französisch haben wollen, dann klicken Sie hier. Er gibt zu, dass Frankreich nicht gut vorbereitet war auf diese Krise, und dass es Fehler und Unzulänglichkeiten gegeben habe. Sein Ton ist nicht mehr so kriegerisch, er bemüht sich väterlich zu sein, bedankt sich bei den Franzosen, dass sie, obwohl sie als undiszipliniert gelten, dieses Mal diszipliniert seien. Auch wenn es eine leichte Besserung der Situation gebe, so sei die Lage im Großraum Paris und dem „Osten“ Frankreichs, also dem Elsass, noch immer angespannt, weshalb die Ausgangssperre aufrechterhalten werden müsse. Es sei nicht leicht, gibt er vor zu wissen, vor allem, wenn man zu mehreren in einer kleinen Wohnung bleiben müsse. Er spricht von häuslicher Gewalt, aber auch von Einsamkeit und Schmerz und davon, dass es möglich werden soll, Sterbende wieder besuchen und von ihnen Abschied nehmen zu dürfen.

Am 11. Mai sollen zunächst Schulen und Kindergärten wieder öffnen, weil zu viele Kinder in prekären Situationen vom Homeschooling nicht erreicht werden; sie weder die Mittel haben noch von den Eltern Unterstützung erfahren. Alles andere, Bistros, Cafés, Restaurants, Hotels, Museen und Kinos bleiben vorläufig noch geschlossen. Konzerte und Festivals soll es nicht vor Juli geben. Auch die Hochschulen werden erst zum Herbst wieder geöffnet. Aber immerhin ist der 11. Mai der Tag, an dem endlich genug Tests und Masken vorrätig sein werden, um zumindest die Menschen, die Symptome zeigen, testen zu können. Masken werden sukzessive zugeteilt und Maskentragen in öffentlichen Verkehrsmitteln zum Beispiel wird Pflicht. Risikopatienten sollen jedoch auch nach dem 11. Mai noch nicht wieder ungeschränkt hinausgehen.

Dann spricht Macron von Hilfen für Arbeiter, Arbeitnehmer und Unternehmer, die gewährt werden sollen, unbürokratisch und schnell; er bittet darum, dass Banken und Versicherungen kooperativ seien; er werde darüber wachen. Außerdem gibt er zu, dass die Menschen, die gerade am schwersten arbeiten, am schlechtesten bezahlt werden, und dass man das überdenken müsse. „Erfinden wir uns neu“, sagt er. „Ich als erstes.“

Diese Kehrtwendung zum Sozialen ist das Ungewöhnlichste. Wir erinnern uns alle an Situationen, in denen Macron mit einer gewissen Arroganz Krankenschwestern, die sich über die kaputtgesparte Arbeitsituation in Krankenhäusern beschwert haben, abgekanzelt hat, und einem Langszeitarbeitslosen sagte, er solle „einfach die Straßenseite wechseln, es gebe dort Arbeit“. Aber es sind „nur Worte“ heißt es heute überall. „Schöne Worte“. Man müsse abwarten, was davon wirklich umgesetzt werde.

In einem Artikel in der Zeitung Marianne (politisch links) wird die Länge der Rede Macrons kritisiert. Wahre Staatsmänner reden kurz, heißt es. De Gaulle habe einen, zwei oder drei Sätze gesagt. Die Queen habe gerade mal vier Minuten gesprochen. Wahre Autorität zeige sich in der Kürze. Die 27 Minuten von Macron werden ihm als Schwäche ausgelegt: „Je mehr man rede, desto weniger Tat gebe es“.

 

Auch unser Bürgermeister kritisiert offen die Entscheidung des Präsidenten (er gehört nicht derselben Partei an, logisch), er findet die Schulöffnung problematisch, und hat einen offenen Brief an alle Bürgermeister der Region verfasst, damit ihre Stimmen gemeinsam gehört werden, um die Entscheidung Macrons rückgängig zu machen. Deutlich wird hier auf jeden Fall wieder das Problem der Zentralisierung und der Dezentralisierung Frankreich, die nicht bis zum Ende gedacht wurde; die Schulen gehören heute in den Verantwortungsbereich der Gemeinden, aber die Entscheidungen werden national, von Paris aus gefällt. Was aber für Paris richtig ist, ist es nicht unbedingt für den Süden oder für den ländlichen Raum.

Der Bürgermeister versucht ebenso eine Entschädigung für sämtliche Hotels und Restaurants zu erwirken, denn in Cannes leben 80% der Bevölkerung vom Tourismus.

 

Etwas anderes, ich habe gestern ein sehr schönes Video von Christine Frischmuth gesehen, Sie erinnern sich, das Mode-Label vom Bodensee. Ich befürchte, es ist außerhalb von Facebook nicht abrufbar. Sie sprach so voller Liebe und Herzblut von ihrer Arbeit, es war sehr berührend. Sie wisse von jedem Knopf, jedem Garn und jedem Reißverschluss in ihrer Produktion, wo er herstamme, sagt sie und sie zeigte einen der schönen Jaquardstoffe (mit Federmuster), die in Frankreich noch richtig gewebt werden (und nicht etwa bedruckt). Ihre Einstellung, weniger und langlebigere Mode herzustellen, wird jetzt auch von den Größeren aufgenommen: Giorgio Armani sagte in einem Interview mit der Zeitschrift Vogue und in einem Brief an WWD, eine kommerzielle Zeitschrift der Modeindustrie, er wolle so wie bisher nicht mehr arbeiten, es sei unmoralisch. Er habe immer an zeitlose Eleganz geglaubt und er finde die Schnelllebigkeit absurd und unmoralisch. Die Modeshows findet er Geldverschwendung, unangebracht und sogar vulgär. Auch er sagt, es sei Zeit sich neu zu erfinden; die wichtigste Lektion dieser Krise sei, zu verlangsamen und zu eine menschliche Dimension zurückzufinden. (gefunden auf FB bei Gina Beltrami via Katrin Weinstock-Aroldi) Ich hoffe, es sind auch bei ihm nicht nur Worte.

Zeitlose, nachhaltige Mode zu machen und das unter fairen Arbeitsbedingungen sind etwas, was Christine Frischmuth mit ihrem Label schon seit 15 Jahren lebt. Ich bin mehr denn je entschlossen, bei frischmut.de etwas zu erwerben.

 

Hoffen wir, dass Dalida nicht Recht behält.

Sie verzeihen die heutige Form, ich habe wiederkehrend ein Internetproblem. Ich bin gerade sehr genervt.


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Corona Tagebuch – Ostermontag

Gestern morgen recht früh versteckten Monsieurs Tochter und ich Ostereier im Vorgarten. Die Enkel sind schon Teenager, aber zumindest die Enkelin hat noch ein kindliche Wesen und wollte gern (noch einmal?) Ostereier suchen. Der Enkel spielte etwas gelangweilt mit. Ich versteckte auch für die Erwachsenen kleine Häschen, so dass wir letzten Endes alle (mit Sicherheitsabstand) im Garten herumsuchten.

Es dauerte schon ein Weilchen, bis alle sorgsam versteckten Schokoeier und Osterhasen gefunden waren. Den größeren Osterhasen aus Zartbitterschokolade für die Enkelin fanden wir nicht mehr. Ihr Bruder hatte seinen aus Vollmilchschokolade schon lange aus dem wuchernden Salbei gezogen und bereits angeknabbert, wir aber standen zunehmend verwirrt im Garten herum. So groß ist der Garten nicht, wo war dieser verdammte Osterhase? Die Enkelin begann zu jammern, sie unterstellte ihrer Mutter, den Osterhasen für sie vergessen zu haben. Niemals würde das passieren. Wenn Sie zwei oder mehr Kinder haben, wissen Sie, wie wichtig es ist, dass alle Gaben exakt ausgewogen zugeteilt werden. Die gleiche Menge Saft oder Eistee, die gleiche Menge an Nachtisch und jeder einen Osterhasen. Nur die Schokolade ist eine andere. Angestrengt überlegten wir, wo der Hase versteckt worden war. Nicht weit vom Zaun, nicht weit vom Eingangstor. Vermutlich war er von außen sichtbar gewesen und jemand hatte ihn kurzerhand mitgenommen. Frechheit, aber es blieb die einzige Erklärung, die wir der Enkelin mit hängenden Schultern und Kopfschüttelnd, zu geben vermochten. Sie aber war aufgelöst und enttäuscht: Kein Osterhase! KEIN OSTERHASE! AUSGERECHNET SIE HATTE KEINEN OSTERHASEN! Dass sie noch einen anderen Osterhasen bekommen hatte und zig Ostereier, mit nichts war sie zu beruhigen. Nein, sie ist gerade kein großes und vernünftiges Mädchen. Nur mit Mühe unterdrückte sie ihre Tränen.

Was wir aber fanden, war eine Zeitung, die seit letztem August unbemerkt im Baum festhing. Der Zeitungsbote wirft die Zeitung ja immer im Vorüberfahren (wie in amerikanischen Filmen) über den Zaun, manchmal klappts nicht.

Ich ging etwas später zum kleinen Lädchen, hier sind Läden ja auch am heiligen Ostersonntag geöffnet, und hoffte, dort noch einen Zartbitterhasen zu finden. Aber das Osterhasenregal war leer. Ich erzählte dem Inhaber, dass ich dringend einen Zartbitterhasen der Marke X bräuchte, weil man ihn der Enkelin aus dem Garten gestohlen hatte. Er sah mich hinter seiner Gesichtsmaske erschrocken an. Er hat selbst einen kleinen Sohn, er weiß, was das bedeutet. Wortlos verschwindet er im Lager und bringt mir einen Schokoosterhasen. Es ist der Letzte. Ich darf ihn nicht mal bezahlen. Ich wäre ihm gern um den Hals gefallen, aber das geht ja momentan alles nicht. Die Enkelin begrüßt den Osterhasen wie einen lang vermissten Freund. „MEIN OSTERHASE!“ juchzt sie. Wo war er? Ich erzähle, dass ich ihn im Lädchen habe kaufen wollen und dass es ein Geschenk des Inhabers sei. Alle sind gerührt von dieser kleinen Geste, nur die Enkelin ist noch hin- und hergerissen, ob sie sich über einen Ersatzosterhasen genauso freuen kann. „Ich war SO enttäuscht!“ klagt sie noch einen Moment. Aber letzten Endes ist es gut. Uff! Ich meine, wer klaut denn Schokoosterhasen, das weiß doch jeder, dass man die immer nur für Kinder versteckt, oder? Glücklicherweise ist E. schon 14, wäre sie 4 Jahre alt gewesen, wäre der Tag eine Katastrophe geworden. Die Tränen, das Schreien, den Zorn und die Enttäuschung will ich mir gar nicht vorstellen.

Ich bekam von der Terrasse einen Blumenstrauß an einer Schnur herabgelassen. Es gibt hier ja nirgends Blumen zu kaufen, so dass Monsieurs Tochter einen Blumenstrauß am Straßenrand gepflückt hat. Selten habe ich mich über Disteln und Eukalyptusblätter mehr gefreut! Und die Enkelin hat ihre ersten mit Zwiebelschalen gefärbten Eier vor unsere Tür gestellt.

Später haben wir unseren ersten Apéro via Videokonferenz. Es dauert lange, bis wir alle dazugeschaltet sind und uns sehen. Es ist fast wie immer, alle reden gleichzeitig und halten ständig Gläser in die Kamera des Mobiltelefons. Dann essen wir gemeinsam und doch getrennt, wir im Innenhof, die Familie auf ihrer Terrasse und ständig schickt man sich nun Fotos vom Essen. Ein Film ploppt auf: ein klitzekleiner Cousin sucht seine Ostereier auf einer Azoreninsel, wo die kleine Familie bis zur Ende der COVID-Krise festsitzt. Es ist kein ganz so ein langes Essen wie sonst an diesen Feiertagen, aber es zieht sich doch und viel passiert an solchen Tagen nicht mehr. Sieste. Ich antworte auf alle Mailschulden und wir telefonieren mit Freunden und Familie. Schon wieder Abendessen. Fernsehen: Barry Lyndon. Nach zwei von drei Stunden Film falle ich bereits ins Bett. Der heutige Tag verlief ähnlich, außer dass ich noch ein paar Stündchen gearbeitet habe.

Osterhase oder Osterkaninchen?

Und hier noch ein paar Osterglocken aus dem Keukenhof.

Ich hoffe, Ihre Ostertage verliefen erfreulich und frühlingshaft. Wir lesen uns morgen wieder, drin und gesund!

ps: Die Ausgangssperre in Frankreich wird bis 11. Mai dauern, sagte Macron gerade in seiner Ansprache; danach langsame Öffnung; Festivals nicht vor Mitte Juli. Morgen mehr dazu.

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Frohe Ostern – Joyeuses Pâques

Frohe Ostern Ihnen allen! Danke an Anne D., die mich auf die Musikauswahl auf Arte aufmerksam gemacht hat. Ich habe mich entschieden, Ihnen am Ostersonntag Beethovens (wir sind im Jubiläumsjahr) Missa Solemnis anzubieten. Vielleicht ist es etwas für Sie.

Machen Sie das Beste aus diesem Tag! Seien Sie so froh und gesund wie Sie können und bleiben Sie zuhause!

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Corona Tagebuch – Tag 26

Wenig Text heute. Wir waren heute früh unterwegs. Ich habe eine andere App gefunden, CovidRadius, mit der man sich sogar Zufallsspaziergänge anzeigen lassen kann. Sehr easy alles. Wir sind dann aber doch gelaufen, wie wir wollten. Zuerst haben wir Flaschen zum Container getragen, hinter den Containern sah ich neulich einen Jogger verschwinden, das hat mich neugierig gemacht, und wir fanden einen völlig unbekannten Weg, der zum normalerweise Autobahnmäßig befahrenen Boulevard du Riou führt. Den bin ich schon einmal gelaufen, lang ists her. Und das Rinnsal, das ich Ihnen beim letzten Spaziergang zum Meer zeigt, das ist der besagte Riou, der jetzt unter dieser Schnellstraße verläuft.

Wir gingen stadteinwärts und schlugen uns rechts hoch, wo Monsieur einen „Pfad von früher“ kannte, um eine Abkürzung zur Mediathek (geschlossen) und zum Meer zu nehmen.

Der Pfad von früher ist jetzt ein Privatweg, aber Monsieur macht nur eine wegwerfende Handbewegung, er sei älter als solche Schilder, er ist hier schon immer gelaufen. Der Weg ist dann weiter hinten offiziell auch gesperrt, das interessiert uns aber auch nicht, wir haben Pfadfinderqualitäten.

Wir kommen auf der Höhe der Mediathek raus, gehen hügelab, kreuzen die Avenue Francis Tonner, die man normalerweise ohne helfende Ampelschaltung nicht überqueren kann, so voll ist sie. Sie sieht jetzt eher mickrig aus, finde ich.

Wir nehmen den kleinen Chemin de la Nadine zum Meer. Wir haben unterwegs einen Arzt getroffen, dessen Vater ein Freund von Monsieurs Vater war, wir plaudern und erfahren, die Situation in den Arztpraxen und in den Krankenhäusern in unserer Region entspannt sich. Uff. (Wir werden trotzdem eine Verlängerung bekommen, früchte ich, Monaco hat sich schon entschieden bis zum 3. Mai weiterzumachen; die Masken „Made in Cannes“ werden uns Normalbürgern auch erst Ende der nächsten Woche zugeteilt, die erste Maske kommt per Post, die andere muss in einem ultrakomplizierten Verfahren abgeholt werden, wäre ja zu doof, wenn wir die jetzt gar nicht mehr bräuchten.)

Ich dränge zum Weitergehen, wir sind in unserem Kilometer-Radius, aber wir überschreiten sonst die Ausgangsstunde. Eilig laufen wir am Meer entlang, wenig Zeit für Fotos, wir wollen noch Fisch kaufen.

Es wird eine Dorade für heute und eine Pélamide (in Scheiben) für die Tiefkühltruhe; die Katze bekommt später den Kopf. Und zurück wie letztes Mal durch den Suquet. Eine Stunde und 15 Minuten. Aber keine Kontrolle.

Ich habs geschafft, ein Bienchen aufzunehmen! Suchbild!

Die Ostertouristen sind trotz alledem unterwegs. Manche versuchen ins ruhigere (freiere) Hinterland zu kommen, vergeblich, wenn Sie dort keinen Erstwohnsitz haben! Angeblich wurden Holländer und Italiener gesichtet; die Concierge-Mentalität lässt schön grüßen. Und ganz Reiche versuchen mit Privatjets einzufliegen.

Vorhin habe ich schon die Zitronentarte gebacken, nach diesem Rezept, nur habe ich jetzt erstmals die eigentlich geforderte Pâte sablée gemacht. Ich fürchte aber die Tarte wird nur schwach zitronig, obwohl die Zitronen schön aussahen, waren sie nicht bio und die Zesten hatten dementsprechend keinerlei Geschmack, weshalb ich nur den Saft nahm. On verra. Nicht im Bild die vielen Eier für die Zitronencreme.

Da ich unkontrolliert war, konnte ich mir heute Abend nochmal erlauben, zum Metzger zu gehen und zu schauen, ob es noch Lamm gibt. Monsieur will Lamm zu Ostern. Ok, ich habe die letzten 5 Lammkoteletts bekommen. Zu spät für Schulter und alles andere. Die Franzosen überlassen trotz Ausgangssperre und verhinderten Familienessen nichts dem Zufall.

So vieles hab ich nicht geschafft, keine Deko zum Beispiel, ich habe nämlich so (ähnliche) Ostereier, allerdings aus Tschechien. Aber dafür habe ich hier geschrieben.

Bis morgen, so hoffe ich. Wir treffen uns drinnen und so gesund wie möglich!

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Karfreitag – Nacht

Ich habe am Abend noch zufällig den Kreuzweg in Rom gesehen, Live-Stream mit Papst. Darüber kann man lachen, auch über die vielen Sprachen, die sich übereinanderlegen, wie bei jedem Live-Event. Französisch über Italienisch. Aber ich bin vor allem sehr beeindruckt, wie reaktiv die Kirche ist. Mir gefällt diese Form des Kreuzwegs, den ich sehe. Ein Kreuzweg der Gefangenen. Gefangene und Opfer haben die Texte geschrieben.

In der Kathedrale Notre Dame in Paris, die letztes Jahr kurz vor Ostern, durch einen verheerenden Brand stark beschädigt wurde, gab es am Nachmittag eine Andacht vor der geretteten Dornenkrone. Eine Handvoll Geistliche, ein Violonist und zwei Schauspieler, die Texte sprachen, waren dort mit Schutzhelmen und in Schutzkleidung versammelt.

(Photo by Ludovic MARIN / POOL / AFP)

Ich zeige Ihnen ein Foto zum Karfreitag aus der kleinen romanischen Kirche St. Maria in Lyskirchen in Köln, die ich vor etwa 16 Jahren entdeckt habe. Es war eine der Nächte der offenen Kirchen, wie es sie immer mal wieder gibt.

Ich hatte mich über zwanzig Jahre lang von allem Katholischen distanziert. Habe es mit allerhand anderen Gruppierungen versucht, evangelisch, evangelikal, esoterisch, die mir alle unecht vorkamen und irgendwann näherte ich mich dem Buddhismus, habe in Vollmondnächten Om gesungen und mich auch da falsch gefühlt. Für lange Jahre war dann die Psychoalanyse mein Gott. Bis zu meinem Burnout im Herbst/Winter 2004. Ich kann es nicht erklären, aber es zog mich in dieser Nacht der offenen Kirchen zurück in die Kirche. Ich war zunächst in Groß St. Martin, aber die Kirche war voller Menschen und ich fand dort nicht das, was ich erhoffte, keine Ruhe, keinen Trost. Es ist wohl vorbei mit der katholischen Kirche für mich, dachte ich. Es geht nicht mehr. Ich bin zu nüchtern geworden. Auf dem Weg zurück kam ich an der kleinen Kirche St. Maria in Lyskirchen vorüber und dachte, na gut, schau ich mir die eben noch an. Ich öffnete die Tür, die Kirche war nur wenig erleuchtet, von irgendwoher erklang leise klassische Musik und vor mir auf den Steinboden war mit hellem Licht ein Spruch projiziert:


„Hinter jedem Winter steckt ein zitternder Frühling und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.“

„Wie tröstlich“, dachte ich und war sehr gerührt. Ich hatte das Gefühl, diese Worte von Khalil Gibran waren nur für mich dorthin projiziert worden. Eine Begrüßung. Ich fühlte mich gesehen und verstanden und war außerdem alleine in der kleinen Kirche. Ich setzte mich in eine Bank und weinte. Sehr lange blieb ich nur sitzen und weinte. Ich wollte gar nicht mehr nach Hause. Später sah ich nach, wann es hier eine Messe gäbe. Sonntags abends. Wie ungewöhnlich. Es war dann auch alles ganz ungewöhnlich. Pfarrer Matthias Schnegg sprach nicht von oben herab, er stellte die Bänke um und stellte sich in unsere Mitte. Wir studierten vorab neue Lieder ein, die wir während des Gottesdienstes mal mit, mal ohne Orgelbegleitung sangen. Pfarrer Schnegg las Bibeltexte und erläuterte sie. Es war intelligent und lehrreich. Seine Worte waren nicht abgenutzt und er verwendete keine heruntergeleierten Floskeln. Hin und wieder verwandelte er die Kirche in ein Theater, manchmal gab es szenische Lesungen mit den Bibeltexten, manches Mal gab es Tanz und Performance, die Osternachtfeier fand wirklich in der Nacht statt und man kam tatsächlich mit dem ersten Tageslicht aus der Kirche: Und es ward Licht. „Von Herzen Dank, dass Sie heute hier waren“, sagte er jedes Mal am Ende der Messe und er meinte es so. Dieser Pfarrer und seine Gottesdienste haben mich in einer dunklen Zeit getragen. Oder Gott. Wie Sie wollen. Seitdem bin ihm oder dem Universum wieder näher gekommen.

In Frankreich habe ich nur einmal einen Pfarrer erlebt, der mich ebenso berührt hat. Ein ehemaliger Schäfer, der Frau und Sohn hatte, und „spätberufen“ Priester geworden ist. Das war natürlich im Bergdorf, das denken Sie sich. Aber er ging weg und bildet nun junge Priester aus. Die haben ein Glück! Und im Kloster St. Honorat, das wissen Sie schon, habe ich auch Ruhe, Trost und Antworten gefunden.

Vielleicht hilft es, in dieser Zeit, an etwas zu glauben. Mir hilft es. Und wie Sie merken, ist es mir in dieser eigenartigen Zeit ein Bedürfnis darüber zu sprechen.

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Corona Tagebuch – Tag 25

Karfreitag ist hier kein Feiertag, Post kam aber trotzdem keine. Ich war heute früh kurz im Lädchen einkaufen, habe in der Apotheke ein Medikament bestellt und beim Bäcker Brot und nochmal Schokoeier und Kekse in verschiedenen Häschenformen erstanden. Den Bäcker freut es, die großen Kinder hoffentlich auch, und ich mache mir nicht noch zusätzlich Arbeit mit Plätzchen backen. Für Ostersonntag plane ich nämlich trotzdem ein Menü, das dem Ostermenü im neuesten Kriminalroman nachempfunden ist, wobei es sein kann, dass die Lammkeule gegen einen auf dem Fischmarkt zu erstehenden Fisch eingetauscht wird. Lammkeule für zwei ist ja auch etwas viel. Und alles in allem wird es weniger als mehr, aber es gibt Petits Farcies als Entrée und eine Tarte au citron meringué als Dessert. Falls Sie sich noch esstechnisch inspirieren wollen, Alain Claude Sulzer liefert hin und wieder kulinarische Lebenszeichen. Sie können natürlich auch jeden Tag mit Nelson Müller kochen, aber für die süßen Hefeosterhasen braucht er schon mal Mehl, Eier und Hefe, das könnte schwierig werden. Wenn es nicht gerade ums Eier färben geht, das geht ohne Eier eher schlecht, gibt es hier Alternativen, was man statt Eiern zum Kochen und Backen nehmen kann. Ersatz ist übrigens eines der deutschen Worte, das sich im Französischen erhalten hat. Genau wie Leitmotiv. Dem muss ich aber ein andermal auf den Grund gehen.

Wir haben aber Eier und es ist die Enkelin, die dieses Jahr das Eierfärben mit Zwiebelschalen übernimmt, ich habe ihr die Anleitung (wir haben es schon ein paar Mal zusammen gemacht) über die Terrasse zugerufen und gerade noch ein Tutorial zugesendet. À propos Tutorial, ich habe eines gefunden, dass mir das Bildverkleinern auf Irfan View erklärte und ich bin ziemlich begeistert. Danke an Sabine S. Ich habe es an den Gartenzaun-Fotos ausprobiert, Sie können mir eventuell Rückmeldung geben, ob die Fotos immer noch den Text überlappen oder ob es diesmal gut gegangen ist. Merci!

Zur Lage: Über das Maskentragen wird jetzt gestritten, der Staat findet es nicht gut, was die Bürgermeister hier und da angeleiert haben und dass jetzt gleich alle, auch Kranke oder Risikopatienten, mit einer wie auch immer gebastelten Maske unterwegs sein wollen. Der Bürgermeister (er hat eine gute Kommunikationsabteilung, das muss man ihm lassen) hat wiederum sehr demonstrativ tausende von offizielle Masken und Schutzkleidung aus „eigenen Stadtbeständen“ an das Krankenhaus geliefert, das eigentlich dem Staat und dem Gesundheitsminister unterstellt ist und von diesem beliefert werden müsste, aber nicht wird (weshalb der Staat hin und wieder importierte Masken beschlagnahmen lässt, ich sprach schon davon); jeder meckert hier über die Inkompetenz des jeweils anderen. In der Apotheke verfolgte ich eine Diskussion, wo eine Pflegekraft sich sorgte, dass ihre über 90 Jährige Patientin eine Maske für sich forderte, um endlich wieder selbst rauszugehen. Ich bin so froh, dass wir das alles mit meiner Schwiegermutter nicht mehr erleben müssen.

Präsident Macron hat sich mit Dr. Raoult getroffen, Sie wissen schon der Chloroquine-Experte; es wird erwartet, dass Monsieur le Président sich am Montag Abend erneut an uns wendet. Wir sind in Frankreich noch nicht über den Berg, auch wenn in unserer Region die Zahlen nicht besorgniserregend sind, ich zumindest erwarte noch keine Lockerung der Ausgangssperre, obwohl man meinen könnte, es wäre bereits lockerer, so viele Autos wie wieder über die Straße preschen. Zu den Verstößen, die die Polizei meldet, gehören jetzt auch viele Raser, die die freien Strecken ausnutzen wollen, und nachts vor allem Drogendealer, die ihre Ware an den Kunden liefern, wie ein Pizzabringdienst.

Zurück zum nahen Osterfest. Ich bin ja katholisch sozialisiert und auch wenn ich mich von Vielem über Jahrzehnte ferngehalten habe, das, was man als Kleine eingetrichtert bekam, das sitzt. Mich hat es irritiert, dass bei der Beerdigung von Jacques Chirac, der eine Messe in großem Pomp bekam, ein Journalist den Zuschauern bei der Liveübertragung allen Ernstes die Messe erklärt hat. Aber nun ja, die Enkelkinder wissen auch nur ganz vage, was es mit Jesus und der Kreuzigung und der Auferstehung so auf sich hat und sie verstehen nicht, dass man so einen „Quatsch“ glauben kann. Luda L. hat mir gerade einen Karfreitag gewünscht, mit allem, was für mich dazu gehört und ich merke, dieses Jahr, wo es nicht möglich ist, ist es mir ein Bedürfnis, nochmal den Kreuzweg „zu gehen“. (Danke Luda). Friederike hat über den Blutschrein in Walldürn geschrieben. Man kann da manchmal live mitbeten. Unreligiös aber ebenso wundersam: Bei Petra Reski finden Sie weitere erstaunliche Bilder vom stillen Venedig.

Bis morgen! Und Sie wissen schon …!

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Corona Tagebuch – Tag 24

Jetzt wirds eng, der 24. Tag hat noch drei Stunden, ich machs daher kurz. Den ganzen Tag ein Gefühl von Samstag gehabt, das wurde noch verstärkt, weil der Gatte heute Nachmittag zum ersten Mal in unserer Geschichte und vielleicht zum ersten Mal in seinem ganzen Leben, spontan den Küchenboden nass gewischt hat. So richtig professionnel, mit Stühle und Tisch verrücken, den Boden freiräumen, zuerst mit dem Besen durch (Monsieur ist ein Anhänger des Besens und lehnt Staubsauger ab) wie sich das gehört. Ich sagte, während ich am PC saß, „du kannst dein Büro und den Eingang auch noch machen“. Ich meinte das ernst und glaubte genauso ernsthaft, er würde das machen, so viel zusätzliche Fläche ist es nicht. „Ich werde doch jetzt nicht die ganze Wohnung machen“ empörte er sich. „Ach nein?“, gab ich zugegeben etwas spitz zurück. „Wer soll es denn deiner Ansicht nach dann machen?“ Darauf wurde mir nicht mehr geantwortet, und ich gebe zu, ich war etwas unleidlich und hielt laut einen Vortrag darüber, was ich alles mache und überhaupt. Ich wischte dann demonstrativ das Büro und den Eingangsbereich, während Monsieur einen Freund anrief und sich mit dem Telefon ans andere Ende der Wohnung begab. Und statt froh zu sein, dass er die Küche wischte, war ich sauer, dass er nur die Küche gewischt hat.

Aber er war vermutlich schon körperlich ausgelastet, die Schlagzahl auf dem Rudergerät im Hinterhof wird täglich mehr, am Ende der Ausgangssperre wird er fit genug sein, den Atlantik rudernd zu überqueren.

Die Katze sprang heute auch erstmals seit Monaten wieder über die Mauer in den verlassenen Park, nachdem sie tagelang auf der Mauer saß und hineinstarrte. Ich fiel vor Schreck fast vom Stuhl, weil ich sie jetzt im Zweifelsfall nicht aus dem (verschlossenen) Park würde retten können, wenn sie von der anderen Seite der Mauer, wo ihr niemand freundlicherweise ein Höckerchen hingestellt hat, nicht mehr hinauf käme. Aber auch die Katze wird durch die Ausgangssperre fitter, sie kam Stunden später zufrieden zurück mit dem staubigsten Fell, dass man sich vorstellen kann, sie hat sich im Park vermutlich auf allen sandigen Wegen und dem Boulefeld gewälzt und warf sich dann hier erschöpft auf den Teppichboden. Nicht schlimm, der ist noch nicht gesaugt, das machen wir dann am richtigen Samstag. Also „wir“ ist eine façon de parler, nur so eine Art zu sprechen. Den Staubsauger nimmt Monsieur ganz bestimmt nicht in die Hand.

Derart spannende Sachen passieren hier, heute Vormittag aber habe ich ein Vorwort geschrieben und Seiten freigegeben, von was erfahren Sie alles bald, und mit mehreren Menschen privat und beruflich hin- und hergemailt und mich nach dem Verbleib von Büchern erkundigt, und mit einer Bank telefoniert und gewartet und etwas erklärt und erst die Drei und dann die Vier gedrückt und wieder gewartet. Ging dann aber gut aus. Deutschlands Bankbeamte sind noch verständig. Dann habe ich Mittagessen gemacht (violetter Spargel, Schweinekotelett, überbackene Polenta, Erdbeeren mit Ananas, ohne Foto) und wir haben draußen gegessen und mit der Familie von oben geplaudert, die auch draußen aßen, und ich habe noch ein bisschen so in die Sonne geblinzelt und nebenbei erschütternde Zahlen in einer Statistik angesehen und denke nicht, dass wir die Ausgangssperre lockern werden. Nochmal zwei Wochen hängen sie uns dran, befürchte ich. In Paris haben sie die Ausgangssperre für Sport verkürzt (drei Stunden morgens und drei abends), weil zu viele Menschen unterwegs waren, was aber nur zur Folge hat, dass umso mehr Menschen in diesen beiden Zeitfenstern draußen herumrennen. Seufz. Sieste bis 15 Uhr. Dann kam der Putz-Streit.

So ungefähr war der Tag, dann rief eine Freundin von ganz früher an und wir verplauderten uns am Telefon. Ich daddelte ein bisschen auf Facebook herum und klickte hier und da, die Bücher sind jetzt überall angekommen, nur nicht bei mir, und verteilte Herzchen, weil sooo viele Menschen mein Buch gekauft haben und es lesen! Danke Ihnen allen! Noch ein paar Mails hin- und hergeschickt, und dann machte ich schon wieder Abendessen. Und schon ist der Tag rum und ich habe noch nichts Interessantes für den Blog gefunden. Und bin dennoch schon sehr müde.

Sie bekommen Herrn Bonelli, den ich ausnahmsweise nur kurz angehört habe, ich vertraue darauf, dass das Thema passt und er es gut vermittelt.

Die Tulpen werden immer schöner!

Und die kleinen Kreidekerle wollte ich Ihnen schon lange zeigen.

Uh, es ist spät, guten Abend, gute Nacht, jetzt gehen Sie auch nicht mehr raus und das ist auch gut so. Schlafen Sie gut und wachen Sie gesund wieder auf!

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Corona Tagebuch – Tag 23


Es ist April in Cannes. Das Wetter ist wechselhaft. Duval erwartet über die nahen Osterfeiertage Familienbesuch, und seine Freundin Annie ist hochschwanger. Das würde schon reichen an Herausforderungen, doch dann stirbt eine Frau unter zunächst unklaren Umständen in einem Bistro in Cannes.  …. Heute ist Auslieferungstag meines neuen Kriminalromans und ich freue mich SO über alle Ihre Nachrichten auf allen Kanälen, dass Sie es schon haben, als E-Book vielleicht oder auch schon als Papierausgabe oder dass Sie es gleich, noch heute oder morgen geliefert bekommen, wie toll, dass das klappt! Und ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie mein Buch kaufen und lesen oder verschenken. Kleiner Wermutstropfen (oder heißt es Wehmutstropfen?): ich selbst habe es noch nicht, heul! Es ist unterwegs, das weiß ich, aber die Post kommt hier nur noch einmal die Woche … Dabei dachte ich mir, ich mache einen tollen Aufmacher mit dem Titel „Vollmond über der Côte d’Azur“ und zeige Ihnen die spektakulärsten Bilder vom wundervollen Vollmond, den wir gerade haben. Ist das nicht ganz großartig, wie wir diesen Termin gewählt haben? Nur von Corona wusste damals keiner was. Seufz.

Der Kriminalroman spielt eigentlich genau jetzt, kurz vor Ostern, an Ostern, nach Ostern, es wird hier auch, passend zum Text, am Osterwochenende wieder regnen, haha, wie hab ich das gemacht ;-) aber er spielt in einer anderen Zeit, in einem Frankreich vor Corona. Es gab an Ostern ein großes Familienessen bei Duval, etwas, was es dieses Jahr bei den meisten französischen Familien nicht geben wird. Es sei denn, sie kriegen ein virtuelles Essen via Zoom oder Skype hin. Wir definitiv nicht.

Herzlichen Dank für Ihre Kommentare, Nachrichten, die Fotos der Buchhandlung (habe ich gesehen), Solidaritätsbekundungen wegen der URSSAF, rassistisch würde ich es nicht nennen, ich denke das Verhalten vieler Beamter ist arrogant (auch, um ihre Inkompetenz zu überspielen) und wissend, dass man sie nicht belangen kann, erlauben sie sich alles.

Was gibts Neues? Ich hatte hier gerade einen langen Text über verstärkte Ausgangssperre und allerhand anderes geschrieben, der aber nicht abgespeichert wurde und jetzt ist es weg, das Internet ist fragil in diesen Zeiten und jetzt habe ich es satt. Verzeihung. 

In der Zeitung war heute eine Anleitung, zum Masken selbst schneidern; wir dürfen gleich nicht mehr ohne Maske raus, bis vor kurzem waren Maskenträger verpönt, man unterstellte den Trägern, krank zu sein, jetzt plötzlich sollen wir alle eine tragen. Ich bastele mir weiterhin eine aus einem mehrfach gefalteten Stück Stoff mit zwei Gummiringen solange bis es die Made-in-Cannes-Masken gibt. Man kann Masken auch aus einem Kaffeefilter, einer Boxershort, einem BH-Körbchen oder aus einem (frisch gewaschenen) Socken basteln, das Internet ist in der Zwischenzeit voll davon.

Ich wartete ja darauf, dass das von eingefleischten Element of Crime Fans gespostet würde, aber vielleicht habe ich es verpasst. Trostmusik in Corona Zeiten.

Um Tiere, die Trost und Freude geben, geht es heute auch bei Agnes trifft.

Und zu Bonellis Buchempfehlungen hatte ich auch ganz viel geschrieben, auch weg, tant pis.

Bei Sonnenuntergang beginnt heute Pessach. Der verlinkte Artikel stammt vom letzten Jahr, aber auch dieses Jahr liegt Pessach nah an Ostern. Frohes Pessach! Happy Passover! für dieLeserInnen, die es feiern. Die Musik stammt heute vom Israel Philharmonic Orchestra.

Haben Sie es so gut, wie Sie können in diesen Zeiten, bleiben Sie zuhause und gesund!

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Corona Tagebuch – Tag 22

Wir erhielten gerade einen Anruf der Mairie, ob wir in Not seien, nachdem wir das verneinten, fragten sie nach, ob wir jemanden kennen würden, der in Not sei. Nicht schlecht, bisschen spät vielleicht, aber immerhin. Wir werden immer mal wieder telefonisch von der Mairie mit Informationen versorgt, als es das Hochwasser gab zum Beispiel, gab es automatisierte Anrufe, mit der Nachricht zu Hause zu bleiben, sie riefen so lange an, bis man über eine Tastenkombination eingegeben hatte, dass man die Nachricht verstanden habe. Wir brauchten etwas länger, weil wir die Nachricht nie bis zum Ende anhörten ;) Monsieur ist als „Senior“ gelistet, weswegen wir auch immer wieder Einladungen zu Kaffeefahrten und für nachmittägliche Tanzveranstaltungen bekommen.

Aber wir sind nicht in Not, uns gehts gut, wir kriegen eingekauft und heute sogar gekocht, oder zumindest Essen  zubereitet und vor die Tür gestellt. Die Enkelin hat Ravioli selbst gemacht, gefüllt mit la Daube, einem Rindfleischragout. Hier ein Foto aus der Manufaktur. Wie Sie sehen, haben wir Mehl.

Wir aßen sie nur mit zerlassener Butter und etwas geriebenem Parmesan, und es war köstlich!

Alles aufgegessen. On a fait l’honneur aux raviolis, sagt man hier. Man hat den Ravioli(s) Ehre erwiesen.

Dass für uns eingekauft wird, aber nicht im üblichen Supermarkt, ist manchmal tückisch. Gerade habe ich eine knappe halbe Stunde nach einer adäquaten litière, einem Katzenstreu, gesucht. Pepita ist ja etwas kapriziös, wenn ihr das Streu nicht zusagt, dann macht sie ihr großes Geschäft entschieden neben das Häuschen oder ganz verschämt hinter den bodenlangen Vorhang. Nicht schön. Aber das verstehen Sie jetzt sicher, denn es ist so, wie wenn Sie ihr übliches dreilagiges weißes Klopapier nicht bekommen und jetzt irgendein kratziges graues nehmen müssen. Sehen Sie! Andere litière als üblich findet die Katze auch doof. Sie will ihre weißen Körnchen, die, die sie schon immer hatte. Die gibts aber nun nicht in dem Supermarkt, in dem man für uns einkauft, und nein, es ist nicht egal, ob das Zeug zusammenklebt oder eine andere Farbe hat oder biologisch abbaubar ist oder was auch immer. Ihr Klopapier ist auch nicht irgendein Klopapier. Und von wegen „nur“ für die Katze, es ist FÜR die Katze! Und wenn Sie x-mal stinkende Häufchen hinter dem Vorhang aufgeklaubt haben, dann wissen Sie das. Ich habe jetzt also genau Angaben einschließlich Foto weitergegeben und hoffe, wir erhalten das Gewünschte.

Heute früh habe ich die seit drei Tagen entworfenen Briefe beendet, immer mit Hilfe des Gatten versteht sich, ich allein scheitere ja im Schriftfranzösisch schon im Adressfeld oder beim Datum, alles anders hier, oder spätestens mit der förmlichen komplizierten Grußformel am Ende. Dans cette attente, veuillez, Madame, Monsieur, agréer l’expression de mes sentiments respectueux ist noch die einfachste Variante und entspricht etwa den „freundlichen Grüßen“. Mit dieser Grußformel kann man so viel ausdrücken, zumindest wenn man die Feinheiten beherrscht, man kann auch unhöflich sein, aber auf extrem höfliche Art. Ich versuche also die Wiederbelebung meiner Micro-Entreprise rückgängig zu machen, die ich, wie ich jetzt erfahren habe, nicht brauche, mit der ich aber komplett anders und unvorteilhaft besteuert würde, aber das wusste die Dame der URSSAF, die mich „beraten hat“, nicht, sie schlägt alles über einen Leisten, so ist es, wenn die Künstlersozialversicherung aufgelöst wird. Man hat es dann mit Menschen zu tun, die nicht verstehen, wie sich ihre Einkünfte ergeben und warum sie jedes Jahr anders ausfallen können und in Zeiten von Krisen wie dieser, wenn unsere Neuerscheinung, an der wir und andere ein Jahr lang sorgfältig gebastelt haben, irgendwo steckenbleibt und sich keiner dafür interessiert, weil alle nur Hefe wollen oder Mehl oder Klopapier oder Masken und keiner lesen will, wer kann sich schon darauf konzentrieren, und die Buchhandlungen sind sowieso geschlossen und der große böse Wolf liefert gerade auch nur Klopapier und keine Bücher, wenn also unsere Neuerscheinung irgendwo versandet und liegen bleibt, dann haben wir im nächsten Jahr kein Geld und das erklären Sie dann mal der Dame von der Sozialversicherung. Autoren? Künstler? Tant pis pour eux. Pech gehabt. Hätten halt was Ordentliches lernen sollen. Sozialversicherungsfachangestellte zum Beispiel. Ein krisensicherer Beruf. Und vermutlich Systemrelevant.

Die Briefe schicke ich vorsichtshalber per Einschreiben, in Zeiten wie diesen, weiß man nie. Die Post würde heute aber nicht abgeholt, bedauert die Dame der kleinen Poststelle, eigentlich eine Bar und ein Zigarettenladen und Rubbellose bekommt man auch, und jetzt ist es auch eine Poststelle, aber ich bin froh darum, die Dame ist viel netter als der ehemalige Postbeamte der richtigen Postfiliale und außerdem hat sie viel großzügigere Öffnungszeiten, sogar jetzt zu Krisenzeiten. Möglicherweise wird die Post morgen abgeholt, sicher ist es nicht. So ähnlich wird im kleinen Lebensmittelladen auch über die Lieferung von Mehl verhandelt. Ich mache ein Foto, weil das Glücksspielunternehmen darauf hinweist, dass Rubbellose keinen Ausgang rechtfertigen, sie seien nur als Zusatzkauf erlaubt. Die Gewinne aber würden, versichern sie uns, auch noch nach Ende der Ausgangssperre ausgezahlt. Auch das sei kein Grund aus dem Haus zu gehen. #restezchezvous

Ich aber gehe noch zum Bäcker und bin total gerührt, sie haben Schokoladenostereier gemacht und Lämmchen aus einer Art Biskuitteig gebacken. Ich habe die letzten Tage nicht gewagt, die schweigsamen Damen damit zu belästigen, ich dachte, sie springen mir vermutlich wütend ins Gesicht. Was sollen sie denn noch alles machen ohne Mehl?! Aber nein, die Stimmung in der Bäckerei ist auch freudiger. Ich bedanke mich für die Lämmchen und die Schokoeier, sage, wie sehr es mich rührt, dass sie das gemacht haben und die Bäckerin lächelt glücklich. Ich bestelle zwei Lämmchen für Sonntag und sie sagt mir, am Sonntag hätten sie auch noch ein größeres Schokoladensortiment. Ich erstehe dennoch bereits ein paar Schokoeier, sie sind teuer, aber das ist mir jetzt egal. Ich unterstütze den Handel in meinem Viertel. Am Eingang hängt seit ein paar Tagen ein Zettel, dass die Bäckerei nicht reich würde in der Krise mit all den Angestellten, die sie hätten und ohne Mehl.

Es wird Ostern. Wir sind in der Karwoche. Pessach steht auch bevor. Ich suchte gerade Informationen, ob wir Ostermessen virtuell ansehen können und erfuhr, es wird im kleinen Kreis eine Karfreitagsmesse im Inneren von Notre Dame geben. Die Kathedrale wurde gerade vor einem Jahr durch Feuer zerstört, es kommt mir vor, als sei das schon ewig her. Der Papst hat schon den Palmsonntag fast alleine im Petersdom gefeiert und er wird dort ebenso fast alleine die Ostermesse feiern und all das wird über Streaming (die Internetseite des Vaticans) übertragen.

Großes Thema heute: die Masken! Jetzt, wo es bald welche gibt, sagt man uns, wie wichtig sie sind und dass es jetzt eine Maskenpflicht geben wird, haha. Bürgermeister, die es geschafft haben, für ihre Stadt Masken aus China oder von anderswo zu bestellen, sehen sich mit der Tatsache konfrontiert, dass man diese Masken bei der Einfuhr sofort für den Staat beschlagnahmt hat und die Gemeinden gehen leer aus. Die Bürgermeister sind entsprechend wütend und schimpfen auf die französische Bürokratie, die nichts selbst hinkriegt. In Cannes aber machen wir unsere Masken selbst, kann noch einen Moment dauern, aber immerhin wird der Staat die wohl nicht beschlagnahmen.

Die Kurpfalz ohne Menschen. Via Friederike Kroitzsch.

Es gibt Momente, da bin ich froh, dass ich so weit weg bin und nicht mitkriege, wie anscheinend über Tagebuchblogs hergezogen wird. Es würde mich sofort einschüchtern. Wie mühsam muss man sich das Gefühl einer Zeit, über die man etwas wissen will, aus Dokumenten zusammensuchen, sei es der Erste oder der Zweite Weltkrieg, sei es die „Zwischenkriegszeit“, die „goldenen Zwanziger“, oder die Nachkriegszeit oder welche Zeit auch immer, die man selbst nicht miterlebt hat. Nicht umsonst hat man ein Feldpost-Archiv und (nicht nur) ein Tagebucharchiv gegründet. Briefe und Tagebücher seien „autobiographische Zeugnisse […] [und] wichtige Quellen für die Geschichts- und Kulturforschung, vor allem für die Erforschung der Alltags- und Mentalitätsgeschichte“ heißt es da. So wahr! Ich freue mich insofern über diesen Beitrag, der das Tagebuchbloggen als „gemeinsame Geschichtsschreibung“ unterstützt. Via Maximilian Buddenbohm.

Amerikanische Schulkinder grüßen ihre Schule und die Lehrer. Via Jessica Smith-Sirten


Und noch mehr Kids. 700 italienische Kinder singen Nessun dorma. Muss eine Wahsinnsarbeit gewesen sein, das zusammenzustellen. Chapeau!

So viel für heute! Bleiben Sie … Sie wissen schon!

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Corona-Tagebuch – Tag 21

Herrjeh, ich bin ein bisschen abgehetzt und bin ich nicht sicher, ob ich hier und heute noch etwas hinkriege. Heute morgen habe ich viel Zeit damit verbracht Briefe an die französische Verwaltung zu verfassen; wenn ich gewusst hätte, wie mühsam das alles immer ist, auch Jahre später, hätte ich versucht, einen pied à terre, ein Standbein in Deutschland zu behalten. Wenn ich eines Tages den Gatten nicht mehr habe, der im Zweifelsfall den Hörer übernimmt, um den ungeduldigen Finanzbeamten zum x-ten Mal meine eigenartige, weil aus der Norm fallende, Situation zu erklären, dann weiß ich nicht, wie es gehen soll. Sie hören mich seufzen. Kürzlich habe ich mich mit der Dame der URSSAF, der Sozialversicherung herumgestritten, weil ich, als ich meinen Namen buchstabierte, sagte „Christiane wie im Französischen“. Sie musste mich dann aber sofort korrigieren, weil es sich „natürlich nicht“ wie im Französischen schriebe, sie behauptete Christiane im Französischen schriebe sich ohne „h“, also „Cristiane“. Ich wagte kurz zu zu sagen, dass ich das nicht glaube (ich kenne mindestens drei französische Christianes), aber … ouhlà, großer Fehler. Tun Sie das nur nie. Als Ausländerin einer Dame der Sozialversicherung zu widersprechen. Leider klingt die deutsche Art zu sprechen in französischen Ohren per se als unfreundlich, mein Französisch mit der nicht perfekten Satzmelodie und nicht angereichert mit verbindlichem Vokabular klingt schnell etwas patzig, zumindest in den empfindlichen Ohren der Damen und Herren der französischen Verwaltung. Es eskaliert quasi jedes Mal, ohne dass ich verstehe warum. Aber so früh, schon beim Buchstabieren des Namens. eskalierte es bislang noch nicht.

Es wurde viel telefoniert heute, wir versichern uns gegenseitig, dass es uns gut geht. Jeder kennt aber jemanden, der einen Corona-Fall kennt. Aber noch ist es nicht ganz nah. Außer bei uns, wir haben Monsieurs Sohn, der aber wieder gesund und 20 Kilo leichter in Homeoffice-réunions sitzt.

Monsieurs Tochter hat heute einen Teil für uns eingekauft, darunter Schoko-Ostereier, die wir am Sonntag im Vorgarten verstecken werden. Die Kinder sind schon groß, aber gerade dankbar für jede Ablenkung. Und: Es gibt wieder nouilles! Hurrah!

Ich bekam Post (Schöne!!! Danke nach Mainz!!!) und elektronische und werde in der nächsten Zeit ein bisschen arbeiten, habe also weniger Zeit für den Blog. Sie merken es, wir sind schon mittendrin. Ich fürchte auch, ich komme in nächster Zeit nicht mehr dazu, Ihre Kommentare zu beantworten, so gern ich das möchte. Das verzeihen Sie mir bitte, kommentieren Sie gern trotzdem, ich und die anderen LeserInnen freuen mich/sich darüber und ich lese alles! 

Was gibts Neues? Wir lassen jetzt Masken „Made in Cannes“ anfertigen. Der Bürgermeister hat Stoff gekauft und sämtliche Nähbetriebe angehalten, mehrfach gefältete Stoffmasken (Viskose zwischen zwei Schichten Baumwolle) nach Norm AFNOR S76-001 zu fertigen, die bald (!) für alle Cannois verfügbar sein sollen. Also vermutlich noch während der Krise. Aber nur eine pro Person. Die kann man dann später mit Goldstickerei verziert auch zum Filmfestival tragen oder auch teuer weiterverkaufen, „Made in Cannes“ immerhin. Aber schon die Ankündigung beruhigt hier, ebenso wie das stete Desinfizieren der Straßen (60 km täglich) mit Chlorwasser.

Seit heute gibt es eine Möglichkeit seine Attestation de déplacement auf dem Mobiltelefon auszufüllen; danach schickt man sie ab und bekommt postwendend eine Code zugeschickt, der von der Polizei bei Kontrollen gescannt werden kann. Wir bleiben beim Papier. Der Gatte hat sowieso kein Mobiltelefon.

Bei Croco gelesen, dass die Tulpen geschreddert werden. Wie ist das traurig. Und hier gibt es keine zu kaufen.
Da muss ich gleich nochmal ein Tulpenvideo vom Keukenhof suchen.

Und Hilke nimmt uns unverdrossen für ein Wochenende mit nach Nizza. Man wird ja noch träumen dürfen.

Nochmal Lovely Day. Ich habs damals auch schon in Endlosschleife gehört.

Oh, gerade kamen schon Anfragen, ob alles in Ordnung sei, der heutige Beitrag fehle. Merci! Sehr lieb! Da kommt er.

Bleiben Sie so gesund wie Sie können und zu Hause!

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Corona Tagebuch – Tag 20 Sonntag

„Wie riecht das Meer?“, frage ich Monsieur, weil wir am Meer sind und mich Croco das neulich fragte und ich es nicht wusste. Ich rieche jetzt immer noch nichts. „Nach Jod“, sagt Monsieur ohne Nachzudenken. Mich macht es nicht schlauer, ich gebe es aber so weiter. Ich rieche das Meer nicht, aber ich höre es. Es plätschert ganz leise an den Strand heute, beinahe spiegelglatt ist es. Und rauscht nur leise hin und zurück. Das Meer atmet denke ich. Aus und ein. Die Stadt ist still. Wir sind am Meer. Es ist so schön.

Ich weiß ja nicht, ob wir uns alle gegenseitig beeinflussen, oder ob wir alle in derselben Energie sind, wie es immer heißt, aber ich habe tief und dennoch schlecht geschlafen und schwer geträumt. Ich irrte zwischen Florenz und Paris herum, es wurde Italienisch, Englisch und Deutsch gesprochen, kein Französisch bizarrerweise, heißt es nicht immer, wenn man in der Sprache des anderen Landes träume, sei man angekommen? Ich irrte herum, verstand aber alle Sprachen. Es ging um einen Prozess und ich hatte vergessen, mich einzuschreiben, um dem Prozess im Publikum beizuwohnen. „Zwei Schöne“, sagt die elegante kleine Dame mit Pagenkopf, die für uns zahlt, damit wir in einem Restaurant auf Toilette dürfen. „Zwei Schöne“, dabei waren wir in Florenz oder ist es jetzt doch wieder Paris? Ich wache auf, es war kein Alptraum, es war ja immerhin nicht mein Prozess, ich bin trotzdem erschöpft und denke an Kafka. Aber es ist früh! Halb Acht! Die Sonne scheint. Ich trinke Kaffee und überrede Monsieur mit mir ans Meer zu gehen. Um halb Neun (oder Halb Neun/halb neun/Halb neun?) sind wir fertig, haben die Ausgehdokumente unterschrieben und laufen los. Im Vorgarten riecht der Pittosporum süß und ich HÖRE Bienen herumsummen! Es ist so ruhig, dass ich die Bienen zuerst höre. Es beglückt mich, letztes Jahr dachte ich, keine einzige Biene im Vorgarten gesehen, geschweige denn gehört zu haben, weshalb ich zu Weihnachten Bienenfreundlichen Blumensamen verschenkte. Selbst habe ich aber keinen gesät.

Wir laufen los, nur wenige Menschen führen einen Hund spazieren, es ist so ruhig, sogar auf der Schnellstraße kein Auto. Blick von Weitem auf das Meer, neben der nun geschlossenen Épicerie. Dort nehme ich erstmals die Karosserie-Werkstatt auf. Hier befindet sich auch die protestantische Kirche, die ich für Wolfram aufnehme. Das kleine Rinnsal, le riou, hat vor ein paar Jahren das gesamte Viertel überschwemmt.

Auf der Uferstraße kein Auto weit und breit. Ich finde es himmlisch. Nur zwei angetrunkene Gestalten drehen mit dem Handy Videos und brüllen „Cest la merde ici, y a rien, la merde“. Nichts sei los und es sei Scheiße. Ich finde es vermutlich als Einzige wundervoll, dass „Nichts“ ist, kein Geräusch, keine Menschenseele, doch, in der Bucht ein Fischer! Ein grüner Papagei sitzt im Dattelbaum und bewirft uns mit Datteln. Wir promenieren am Meer entlang, dann am Hafen. Ein schöner alter Segler aus New York liegt hier, eine Art Hausboot aus Amsterdam neben einem großen weißen Plastikschiff. Und es ist so still. Ich liebe es.

Dann gehen wir zum Fischmarkt am Hafen: Nach dem Hände desinfizieren dürfen in einen vorgeschriebenen und abgesperrten Parcours immer nur ein bis drei Menschen hinein. Mehr Kunden sind wir auch gerade nicht. Drinnen vier Fischverkäuferinnen, ein Fischer. Sie sind gut gelaunt, die Cannois nehmen das Angebot an. Die Zutaten für die Fischsuppe sind so frisch, es zuckt noch auf dem Eis, das ist mir aber zu viel Arbeit. Es wird ein kleiner Barracuda für uns und eine Pelamide, eine Art Thunfisch, für die Familie über uns.

Wir gehen durch den Suquet wieder nach Hause. Exakt eine Stunde waren wir unterwegs und bewegten uns in unserem erlaubten Radius. Es war beglückend!


Bei Herrn B. fand ich heute früh ein ebenso wundervoll stilles Venedig und diese sanfte Musik: Dota vertonte Gedichte von Mascha Kaleko: „Die andern sind das weite Meer, du aber bist der Hafen …“

Ich war da schon sehr weichgespült. Und dann sang Joan Baez à la France, den L’Auvergnat von Brassens. Mehr geht nicht für einen Sonntag.

ps: der Barracuda wurde gegrillt, dazu gab es Reis und ebenso gegrillte allererste und regionale Zucchini, war alles köstlich! Und wir aßen draußen. In der Sonne diesmal. Die Katze bekam den Barracudakopf und macht jetzt eine erschöpfte Sieste. Monsieur ebenso und ich werde das jetzt auch tun.

Genießen Sie den Tag, den Frühling, die Sonne, wie Sie können. Wenige und erträgliche Schmerzen wünsche ich dorthin, wo Menschen Schmerzen haben und krank sind. Und bleiben Sie von diesem Virus verschont!

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Corona Tagebuch – Tag 19

Heute habe ich endlich eine App gefunden, die mir den einen Kilometer anzeigt, den ich in alle Richtungen gehen kann. Ungeahnte Freiheiten tun sich auf. Ich käme sogar bis ans Meer. Also in Sichtweite zum Meer, richtig hin darf man ja nicht mehr. Es sind aber dort so viele Menschen unterwegs, dass ich mir das überlege, ob ich das wirklich machen will. Vielleicht ganz früh, wenn ich es denn schaffe, mal wieder „früh“ aufzustehen.


Auf der Straße roch es wie Schwimmbad: unsere tägliche Portion Chlor gib uns heute … Zwar war ich Brot und Rosé und noch zwei, drei Kleinigkeiten einkaufen (bei uns gibt es Klopapier und Eier, jedoch immer noch kein Mehl) und habe bei der Apothekerin „coucou“ gesagt, aber ich war unentschlossen, was ich fotografieren könnte: Gullideckel? Briefkästen? Zäune? Ich konnte mich nicht entscheiden und nahm nur mal eben die Straße in beide Richtungen auf, es ist aber gefährlicher geworden, die Autos schießen jetzt heran, die Fahrer sind unaufmerksam(er), aber gestresst wie eh und je. Während ich beim Bäcker in der Schlange stehe, knäulen sich drei Autos in einem Ministau am Zebrastreifen und schon wird gehupt!

Wir aßen, Premiere!, im Innenhof, aber bis alles soweit war, war die Sonne schon fast verschwunden. Es gab weißen Spargel aus dem Ofen (superlecker), Schweinekotelett und Gnocchi und kleine Minidesserts vom Bäcker. Im Bild nur die Spargel.


Was gibts Neues? Das Abitur gibts dieses Jahr ohne Prüfungen. Man wird einen Mittelwert aus den bisherigen Noten errechnen und hat das Abi dann geschafft oder auch nicht. Der Enkel ist noch ein Jahr vor dem Abi, die Enkelin aber hat ihr brevet, eine Art Realschulabschluss, jetzt auch einfach so in der Tasche. Sie ist erleichtert, in der Probeprüfung, dem „brevet blanc“ (hier werden die Prüfungen zu Übungszwecken, immer mindestens einmal „blanc“ absolviert) hatte sie nämlich deutlich schlechter abgeschnitten als ihr Notendurchschnitt sonst ist.

Das Ausgangsformular gibt es jetzt in der Zeitung auch in der Version „light“ mit Bildchen für des Schreibens Unkundige. Das war bitter nötig, wir haben mehrfach für zwei der senegalesischen Straßenhändler das Formular ausgefüllt, das sie jetzt krakelig kopieren. „Fotokopieren“ sagen sie. Wir „fotokopieren“ es. Ich habe es erst nicht verstanden, aber sie kopieren, sie übertragen die Angaben in die leeren Formulare.

Wir erwarten das höchste Hoch der Krise für Montag. Die Zahlen für Frankreich sind aber schon jetzt ziemlich unschön, wir stehen in der weltweiten Statistik gleich hinter Italien und Spanien und ich fürchte, es ist alles noch viel schlimmer, denn da wir aus Mangel an Tests niemanden testen, wissen wir nicht, wieviele Infizierte es wirklich gibt. Außerdem werden die Toten in den Altersheimen nicht mitgezählt. Aus Rücksicht auf meine älteren LeserInnen, erzähle ich Ihnen nichts von der Situation in den Altersheimen der Region. Nicht lustig. Österreich immerhin steht ganz gut da. Bravo!

Á propos, Herr Bonelli ist wieder Vater geworden (wir gratulieren), liefert dessen ungeachtet immer noch Videos, ich sehe und höre sie mir auch an, fand aber keines so interessant, dass ich es hier hineinstellen wollte.

Bill Withers ist schon vor ein paar Tagen gestorben. Aber immerhin nicht an COVID19. Eine französische Hommage in sieben Songs. Ich habe ihn erst Ende der Achtziger mit diesem Remix entdeckt und dann komplett alles von ihm in der Endlosschleife gehört. Über ihn wusste ich aber (*schäm*) nichts, erfahre das eben erst aus den Nachrufen.

Eins noch kurz vor Schluss, das habe ich gerade via Herrn B. entdeckt, eine Schule in Hamburg macht für die Schüler zuhause eine „Late-Night-Show“, großartig und unglaublich! Ich habe mehrere dieser Videos angeschaut und habe mich jetzt doch wieder für das hier entschieden, weil mich die Seifenblasen des Hausmeisters (?) auf dem verlassenen Schulhof so gerührt haben und die gemalte Oster-Deko eines Schülers. Ich hatte sofort Lust auf Seifenblasen und überlege nochmal, ob ich nicht doch Osterdeko mache, was ich eben in einem Telefonat noch müde abgewehrt habe.

Late-Night-Show passt ja, ich werde jeden Tag später …

Bis morgen! Und Sie wissen schon … zuhause und gesund!

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(Kein) Corona Tagebuch – Tag 18 – Erinnerungen an eine Buchhandlung

Die Buchhandlung also. Ich freue mich, dass es bei Ihnen so viel auslöst. Danke für die Kommentare der unbekannten Kolleginnen und für den langen Kommentar von Wolfram aus seiner Zeit als „Laufbursche“ für schwergewichtige theologische Literatur. Das Bestellbuch! Die Auswahlsendungen! Die Büchertische! Die Remittenden! Die langen Samstage, die Inventur und das Weihnachtsgeschäft! So viele Erinnerungen drängen sich in meinem Kopf, seit ich angefangen habe, darüber zu schreiben.

Ich habe Fotos gesucht und leider nicht gefunden. Nur das hier. So sah ich damals aus. Unten links das Bewerbungsfoto aus der Zeit. Das andere hatte jemand von mir bei einer Friedensveranstaltung gemacht. Frieden schaffen ohne Waffen, war ein Slogan der Zeit. Schwerter zu Pflugscharen, ein anderer. Ich sammelte Unterschriften gegen die Aufrüstung, gegen die Stationierung der Pershing II Raketen und sang und diskutierte und demonstrierte für den Frieden. So war das zu Anfang der Achtziger Jahre. Jugend im Kalten Krieg. Ich bin eigentlich katholisch, zumindest wurde ich so getauft und erzogen, suchte damals aber eine „frischere“ und „freiere“ Alternative und landete in der evangelischen Gemeinde des Nachbardorfes, wo ich fürderhin (zum Verdruss und Unverständnis meiner katholischen Gemeinde) mithalf. Dass ich meine Ausbildung in der evangelischen Stadtmissionsbuchhandlung anfing, war also durchaus kohärent. Das nur zur Vorgeschichte. In der Buchhandlung war es aber leider nicht frischer und schon gar nicht freier, es war sehr viel konservativer, altbackener, man wünschte sich die Damen und Fräuleins wohlfrisiert und im Rock, brav und gesittet, man bekam keinen Urlaub genehmigt, wenn man dumm genug war zu sagen, dass man die freien Tage mit seinem Freund verbringen wollte, anstelle vage etwas von Familienurlaub zu faseln. Aber Lügen lag mir nicht. Meine freiheitlichen, rebellischen Flügel, die mir gerade wuchsen, wurden energisch zurückgestutzt. Abgesehen davon mochte ich es, umgeben von Büchern zu sein, es machte mir nichts aus, sie zu ordnen und die Regale abzustauben, etwas, das ich damals so oft tat und brav in mein Ausbildungsheft eintrug, dass meine Chefin wünschte, ich möge das ändern, wie sieht das denn aus! Als hätten Sie hier immer nur aufgeräumt und abgestaubt! Ich liebte es, wenn Neuerscheinungen im Laden ankamen, ich liebte das Auspacken der riesigen Buchpakete, es war wie Weihnachten, neue Bücher, ganz egal welche, ich fand alle spannend und las in alles hinein, ich mochte das Auszeichnen mit einer Maschine oder bei empfindlichen Dingen per Hand und mit Bleistift zart auf der Rückseite von Kärtchen oder Heftchen. Ich liebte es, dafür Platz zu schaffen und zu dekorieren. Schaufenster zu gestalten, liebte ich etwas weniger, weil sie entgegen dessen, was wir auf der Buchhändlerschule lernten, nicht „gestaltet“, sondern vollgestopft sein mussten. Wann immer ich einen Platz ließ, quetschte die Chefin noch Bücher hinein, ob sie vom Konzept passten oder nicht. Raum lassen war Platz verschwenden. Wir hatten nur zwei große Schaufenster, die Buchhandlung lag außerhalb der Stadt, es gab keine Laufkundschaft, man musste alles zeigen, was wir hatten.

Auch drinnen war mehr mehr, alle Regale, alle Tische, alle Wände und alle Schubladen des Ladens waren voll. Und auch der Platz um die Kasse füllte sich, obwohl wir noch ganz am Anfang waren von „Zusatzverkäufen“, all dem Schnickschnack, der jetzt in Buchhandlungen mitverkauft wird. Die ersten Buchzeichenkalender, die als „Mitnahmeartikel“ an der Kasse standen, fanden wir noch schrecklich. Unwürdig irgendwie. Meine Chefin, die sich sehr fortschrittlich schon in einer sogenannten ERFA-Gruppe mit anderen christlichen Buchhandlungen, darunter auch die von Wolfram erwähnte Buchhandlung Franck, jedoch die Filiale in Velbert (wenn ich es recht erinnere), austauschte, hatte ständig „neue Ideen“. Kalenderchen an der Kasse war nur eine. Die Tür sollte geöffnet sein und vor dem Laden standen immer Körbe und Regale, die wir morgens rausschleppten und zur Mittagspause (damals gab es noch eine feste anderthalbstündige Mittagspause) und abends wieder hinein, die zufällig vorbeigehende Kunden anziehen sollten. „Schwellenangst“, einen „elitären Ort“ wie eine Buchhandlung zu betreten, waren Themen, die später viel diskutiert wurden, weshalb es heute nur noch sich selbst öffnende Schiebetüren gibt oder gleich gar keine, und der Übergang von außen und innen mit vielen Büchertischen fließend gestaltet wird. Schwupp ist der Kunde drin, und merkt, es hat gar nicht weh getan und vielleicht kauft er auch etwas. Die Chefin hatte sicher Recht mit ihren Aktionen, denn man sah so von Weitem, „dort ist ein Laden“ und „dort ist geöffnet“, ich schämte mich aber immer ein bisschen, denn ich fand, es sah ärmlich aus.

Der Chefin aber war das egal. Regal war Regal. Man nutzte pragmatisch, was da war und Sparsamkeit war das oberste Gebot. Die Chefin, die den Krieg und vor allem den Mangel der Nachkriegszeit erlebt hatte, hob im Laden alles auf, was immer noch gebraucht werden konnte. Als ich an meinem ersten Arbeitstag im Lager (jede Ausbildung beginnt im Lager!) schändlicherweise eine Kordel, mit der ein Paket verschnürt war, mit der Schere durchschnitt, anstelle sie aufzudröseln, erlebte ich schon das erste Donnerwetter. ALLES wurde aufgehoben, alle Kartons, jede Schnur, jedes Stück Papier, jede Büroklammer wurde wiederverwendet.

Im Herbst hängten wir zusätzlich noch Kalender und Adventskalender an einer kompliziert vertäuten Schnur über unseren Köpfen auf und Herrnhuter Sterne ins Schaufenster und nutzten jeden Stauraum, um tausende von Losungen und christliche Tageskalender unterzubringen. Das Weihnachtsgeschäft war gefürchtet und geliebt gleichzeitig, wir hatten während der Adventszeit durchgehend auf und arbeiteten alle vier Samstage bis abends. Frei gabs in der Zeit kaum noch. In meinem ersten Weihnachtsgeschäft heulte ich ständig vor Erschöpfung, so viel Arbeit, so viel Gerenne, soviele Menschen und Wünsche und Sonderwünsche und Buchempfehlungen und Bestellungen und Päckcheneinpacken hatte ich bis dahin noch nie erlebt.

Dass ich gerne Buchhändlerin war, merkte ich, als ich zum ersten Berufschullehrgang in die Buchändlerschule nach Seckbach bei Frankfurt durfte. Es waren mehrere Wochen Internat und Berufsschule in einem. Hier merkte ich aber auch, was andere in anderen Buchhandlungen alles hatten, durften und konnten und vor allem lasen! Was für aufregende Romane es gab! Bei uns im Laden machte schon „Miriam“ von Luise Rinser einen Skandal oder „Der große Boss“, eine provokative Neuerzählung des Alten Testaments, vom Eichborn Verlag. Wir hätten das Buch stapelweise und mit Sonderrabatt einkaufen können, so viele verkauften wir davon, aber wir hatten es aus Prinzip nicht vorrätig, bestellten es immer nur auf Anfrage und fassten dieses unverschämte Skandalbuch mit spitzen Fingern an, als handele es sich um Pornographie. Ich bestellte während des Berufsschulkurses jede Menge Bücher, die ich in meiner Buchhandlung nicht gewagt hätte zu bestellen („Unser Körper unser Leben“). Ich strickte meine ersten Pullover, im Aufenthaltsraum dröhnte Relax von Frankie goes to Hollywood und wir tranken aromatisierten Tee. Die Kurse und die Lehrer dort waren großartig. Ich habe so viel gelernt und auch wieder so gerne, es war so viel freier und interessanter als in der Schule, es gab so viel zu entdecken; ich verbrachte Stunden in der Bibliothek und las und las. Abends gab es zusätzlich Lesungen, ich erinnere mich vor allem an Jurek Becker, der damals Stadtschreiber in Bergen war. Und am Wochenende erkundete ich Frankfurt.

Zurück im Laden wurde die Welt wieder enger und es war mir klar, dass ich, obwohl die Damen nichts mehr wünschten, als mich zu behalten, dort nicht bleiben konnte. Anders als meine Fräulein-Kolleginnen und der eine Kollege, der erste männliche Auszubildende, der nach mir kam, und an dem es nun war, Schimpfe einzustecken und Kisten zu tragen, musste ich weiter. Ich verließ alle religiösen Institutionen, ich hatte genug davon und war reichlich desillusioniert. Der Kontakt verlor sich. Erst zum hundertjährigen Jubiläum der Buchhandlung im April 2010 suchte und fand man mich mit einem Klick im Internet. Seitdem besteht wieder ein sehr herzlicher Kontakt, gehalten vor allem dank des Kollegen und dem „neuen“ Inhaber, der die meiste Zeit seines Arbeitslebens dort verbracht hat. Joachim Keidl und seine MitarbeiterInnen haben die Buchhandlung umgestaltet, aufgepeppt, Vorträge, Lesenächte und Lesungen organisiert, auch mit mir, und sie haben, so treu wie keine andere Buchhandlung, und obwohl Kriminalromane zu meiner Zeit dort ein no-go gewesen wären, meine Krimis immer vorrätig gehabt und auch gut verkauft! Von Herzen Dank dafür!

Hat sich die Buchhandlung wegen ihrer Spezialisierung auf religiöse und theologische Literatur länger gehalten als andere, so bedeutete die Tatsache, dass die christlichen Verlage den Weg in die allgemeinen Buchhandlungen gefunden haben, das langsame Aus. Ein Rückgang der Religiosität tut ein übriges. Es gibt so gut wie keine Konfirmanden mehr. Besondere Bücher oder andere Konfirmationsgeschenke, die von sämtlichen Gemeinden des Landkreises in riesiger Menge bestellt und abgenommen wurden, gibt es nicht mehr. Die Buchhandlung hat im oberen Stock, wo es zu meiner Zeit Schallplatten, Kinderbücher und Devotionalien gab (Kreuze, Kerzen, Krippe- und andere Figuren), zunächst noch ein Café eingerichtet, leckersten Cappuccino und selbstgebackenen Kuchen angeboten, zusätzlich mit einem Kinderzirkus kooperiert und sich letzten Ende verkleinert. Ich besuchte die Buchhandlung noch einmal während des letzten Weihnachtsgeschäfts. Noch immer wurden die Herrnhuter Sterne dort verkauft, noch immer erklärte man, wie man ihn zusammenstecken muss, noch immer fand ich dort schöne Karten, tolle Bücher und eine besondere Stimmung. Aber kaum noch Kunden. Am 10. Januar, 110 Jahre nach Gründung der Stadtmissions-Buchhandlung, wurde sie definitiv geschlossen. (Ich habe davon auch ein Foto, aber es will hier nicht so wie ich will.)

Für die beiden Fotos des letzten Sommer-Schaufensters danke ich meiner Freundin Sabine B. So leere Schaufenster hätte es früher nicht gegeben! ;)

Ein Tag ohne Corona. Ich hoffe, es ist für Sie in Ordnung. Bleiben Sie trotzdem zu Hause und bitte auch gesund!

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