Die Glocken läuten

In der Karwoche schweigen traditionell die Kirchenglocken. Aber heute um 18.50 Uhr werden die Glocken der Kathedralen Frankreichs und die vieler andere Kirchen „aus Solidarität“ für Notre-Dame läuten. Um 18.50Uhr vor zwei Tagen war der Brand ausgebrochen.

Und hier kommen die —> (klick) solidarisch läutenden Glocken. Oder hier:

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Notre-Dame ist noch da

Dieses Bild flimmerte heute früh auf dem sofort eingeschalteten Fernsehbildschirm. Wieder geht es mir so ähnlich
wie seinerzeit nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Ich schlafe mit dem Gedanken an Notre-Dame ein und als ich aufwache, ist der Zustand von Notre-Dame das erste, was ich wissen will. Die
Nachrichten sind vielleicht nicht gut, aber erleichternd, was den Brand und die Zerstörung des
Dachstuhls und des Spitzturmes nicht weniger tragisch machen. Aber die „Struktur“ der Kathedrale wurde gerettet, das wusste ich schon
heute Nacht, nur wusste ich nicht genau, was es eigentlich meint. Als Monsieur mich nachts fragte, ob das Gewölbe noch stehe, musste ich passen. Aber ja, jetzt weiß ich, das gotische Gewölbe steht noch! Die Türme stehen noch! Die Glocken sind noch da und nicht abgestürzt! Die Orgel ist so gut wie nicht beschädigt und die Rosetten(fenster) sind ebenso heil geblieben. Und im Inneren wurden viele Kunstwerke geborgen, teils mit einem Roboter, als es für die Feuerwehrleute zu
heiß wurde. (Wie man sich das vorstellen muss, möchte ich gerne nochverstehen.) Es wurden auch Reliquien aus dem Kirchenschatz geborgen – ein Teil der Dornenkrone, die Jesu getragen haben soll,  ist darunter. Das mit den
Reliquien ist mir persönlich fremd, aber ich freue mich, wenn sie erhalten wurden für die, denen sie etwas bedeuten. Der Altar ist unbeschädigt und darüber strahlt das Kreuz. Ein symbolisches Bild: ich bin noch da, sagt die
Kathedrale. Sie hat den Flammen getrotzt, wohl auch dank der vorsichtigen Arbeit der Feuerwehr. Ich habe gestern oft wütend gedacht, als ich die so winzig wirkenden Löschstrahlen der Feuerwehr sah, warum setzen sie denn nicht
diese Löschflugzeuge ein, wenn man sie sofort hätte losfliegen lassen (die Canadaires sind in Marseille stationiert) hätten sie in zwei Stunden spätestens da sein können. Aber, habe ich heute erfahren, sie hätten jeweils 8-10 Tonnen Wasser
ungeregelt hinunterplatschen lassen und damit vermutlich mehr zerstört als gerettet.

Heute morgen las ich irgendwo den ruhigen Kommentar einer Mediävistin, der mir gut tat. Kathedralen sind nie
fertig, sagte sie. Kathedralen werden im Laufe der Jahrhunderte erbaut, zerstört, brennen ab, werden wieder aufgebaut, um- und angebaut, bekommen neue Elemente und vereinen so verschiedene Stilrichtungen. Das greift etwas auf, was
ich sofort dachte, ich würde mir nämlich keinen verklärenden 1:1 Wiederaufbau wünschen. Ich würde mir etwas Neues wünschen, etwas, was Notre-Dame wiederaufstehen lässt, aber die Narben zeigt und gleichzeitig den Übergang zu
etwas Neuem, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich wünschte mir einen Architekturwettbewerb und Visionen für das Jahrhunderte überdauernde Herz von Paris.

Sie wissen das vielleicht alles schon, es geht ja alles so schnell heutzutage. Ich gebe Ihnen dennoch diesen deutschen Artikel. Oder diesen aus dem Figaro in französischer Sprache. Heute gab es schon eine Art Spendenwettbewerb, die Milliardärsfamilie Pinault begann und kündigte an, 100 Millionen Euro zum Wiederaufbau zu spenden, Familie
Arnault, ebenfalls Milliardäre, setzten noch einmal 100 Millionen drauf. Falls Sie 300 Millionen spenden wollen, der Platz ist momentan noch frei, auch wenn die Familien Bouygues und Bettencourt ebenfalls hohe Summen zur Verfügung stellen.
Die Spenden können sie von der Steuer absetzen, was Philippe Poutou (trotzkistischer Ex-Präsidentschaftskandidat) dazu brachte, über die Steuernischen für die Superreichen zu wettern und darüber, dass sie für soziale Projekte keinen Cent lockermachen.

Es gibt in dem Zusammenhang noch viel mehr Kritik, wie ich über FB erstaunt zur Kenntnis nehme. Nein, nicht alle trauern um Notre-Dame. Nicht alle sind so emotional wie ich. Wenns brennt, brennts. Ist doch nur ein Gebäude (tatsächlich gab es „nur“ Materialschaden, kein Mensch kam dabei ums Leben!). In China fällt ein Sack Reis um. Im Mittelmeer ertrinken Menschen. Ich bin tatsächlich schon so französisiert, dass mich die deutschen Kommentare dieser
Art verletzen. In Frankreich trauern auch nicht alle, aber das Gemeinsamkeitsgefühl ist doch stärker. Die Frage, wem „nützt“ dieser Schaden, wurde gestellt. Wem nützt, dass Notre-Dame ausgerechnet in der Karwoche so beschädigt wurde? Dass dieses Gebäude Jahrzehnte lang nicht mehr in seiner Schönheit gesehen werden wird? Wer hätte etwas davon gehabt, wenn Notre-Dame vollkommen zerstört gewesen wäre? Ich bin auch nicht frei davon zu denken, dass es vielleicht kein Unfall war. Im Falle von Notre-Dame aber bringt es die Menschen (bislang) eher zusammen, die Franzosen fühlen sich verletzt, aber geeint in ihrem Schmerz. Das Projekt des Wiederaufbaus von Notre-Dame (vielleicht noch schöner als vorher?!) eint uns (bislang zumindest). Wenn mir Ave-Maria-Gesänge auch eher fremd sind, das gemeinsame Beten und Singen vor und für Notre-Dame freuen und rühren mich. Wir sind verletzt, aber wir sind noch da. Gemeinsam. Bewusster und stärker vielleicht. Wenn Christsein ein mutiger Akt wird, vielleicht bekennen sich dann mehr Menschen dazu? Ich suche mir für Ostern auf jeden Fall bewusst eine Ostermesse.

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ps: ich habe heute große Probleme mit dem Layoutprogramm, das meinen Text ums Verrecken nicht korrekt abspeichern und veröffentlichen will, ich habe jetzt irgendwie getrickst, aber der Text sieht komisch aus. Müssen wir so hinnehmen.

 

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Notre-Dame de Paris

Heute Abend (in der Zwischenzeit ist es gestern) in weniger als drei Stunden sind große Teile der Kathedrale Notre-Dame de Paris abgebrannt. Neun Jahrhunderte Geschichte, die Revolution und sämtliche Kriege hat sie überstanden, und die Restaurierung wurde ihr (möglicherweise) zum Verhängnis. Noch weiß man nichts Genaues, aber man spricht von einem Kurzschluss oder Schweißarbeiten, die das Feuer eventuell ausgelöst haben. Als der 96 Meter hohe hölzerne Turm, la flèche, (der Dachreiter auf Deutsch) abbricht und fällt, schluchzt nicht nur ganz Paris auf, auch ich vor dem Fernseher weine. Ich habe alle meine Paris-Fotos durchgesehen: ich habe den Eiffelturm hunderttausendmal abgelichtet, selbst den Arc de Triomphe habe ich, wie kann es sein, dass ich die Kathedrale nicht einmal fotografiert habe?! Schnöde ignoriert, wie etwas, was einfach ganz selbstverständlich da ist. Hinter den Bouquinisten, auf dem Weg zum Musée d’Orsay habe ich sie immer gesehen und nicht einmal fotografiert. Wann war ich das letzte Mal in der Kathedrale gewesen? Ich weiß es nicht mehr, es ist mehr als dreißig Jahre her. Es sei, als sei plötzlich jemand gestorben, dem man nie gesagt habe, wie sehr man ihn liebe, sagte vorhin jemand in einer der vielen Direktsendungen, die es heute Abend gab. This is so heartbreaking sagte eine amerikanische Freundin, die noch nie in Frankreich war und sich so auf ihren ersten Parisbesuch im Sommer freute. So fühle ich mich auch. Trauernd. Traurig.

Wir werden Notre-Dame, das Herz von Paris, wieder aufbauen, sagte Macron vorhin. Es wird Jahre dauern, Jahrzehnte, das größte Problem aber sei nicht das fehlende Geld (es wird eine Spendenaktion geben) sondern die (fehlenden) Menschen, die Wissen, Können und Fertigkeiten haben, um einen solchen Dachstuhl wieder aufzubauen. Ob die Glasfenster und die Orgel unbeschädigt sind, ist heute Abend noch nicht sicher.

Im folgenden (französischsprachigen) Video geht es zunächst viel um die Architektur von Notre-Dame (anscheinend „bewegte“ sich die Kathedrale und die Baumeister versuchten mehrfach, sie zu stabilisieren) – tolle Aufnahmen innen und außen und von oben – auch wenn man den Text vielleicht nicht versteht. Später sieht man die Kathedrale in historischen Aufnahmen – und die Tränen Kohls beim Abschied von Francois Mitterand und sogar Yasser Arafat ist dabei.

ps: die drei Fotos der brennenden Kathedrale habe ich der Internetseite des Le Figaro sowie der Zeitung l’Alsace entnommen.

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Rund um die Insel

Einmal noch kriegen Sie Inselfotos – nur damit Sie wissen, was Sie verpasst haben ;-) einen tollen Ausflug, eine nette kleine Gruppe, gemütliches Spazierenschlendern (nachdem ich gerade schon zweimal in zügigem Schritt über die Insel gewandert bin, war das Tempo dieses Mal ein Vergnügen!) und, trotz wackeliger Voraussagen und mitgeschlepptem Schirm, hatten wir allerschönstes Wetter! Zum ersten Mal hat sich mein winterblasses Gesicht etwas gerötet und über Nacht hat sich die Rötung in einen zartbraunen Teint verwandelt. Ab sofort ist Sonnencreme angesagt. Obwohl … heute ist es schon wieder bedeckt und windig –

Hier eine kleine Auswahl der gestrigen Inselfotos. Kennen Sie schon, ist immer dasselbe, aber schön ist es trotzdem. 

à bientôt!

*falls eine der Personen auf den Fotos nicht damit einverstanden ist, hier gesehen zu werden, bitte eine kurze Meldung an mich. Merci!

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Lust auf die Insel?

Gestern begleitete ich eine Journalistin durch Cannes und auf die Insel Ste. Marguerite. Es war, wie fast für die ganze Woche, Regen angesagt. Besonders warm sollte es auch nicht sein. Ich zog mich dreimal um und entschied mich dann doch für den Wintermantel und ein warmes Halstuch, einen Schirm hatte ich auch dabei. Die Wolken wurden zwar zunehmend dichter, gegen Ende war der Himmel sogar richtig schwarz und es donnerte und blitzte, aber wir haben es trockenen Fußes geschafft. Zwischenzeitlich kam ich mir total lächerlich vor mit dem Mantel, während die kleinen Segler der Segelschule ihre Bootchen ins Wasser schoben und dazu selbst bis zum Bauch im Meer standen.

Morgen begleite ich noch einmal Journalisten dorthin und am Samstag geht es zum dritten Mal in dieser Woche auf die Insel – mit Michael Chevalier und Ihnen, wenn Sie vor Ort sind und mitwandern wollen. Denken Sie daran, Laufschuhe anzuziehen, ich war gestern (es war offiziell nur eine „kurze“ Tour) eher stadtfein, das wird auf Dauer etwas anstrengend! Ich lasse hier noch einmal Michael Chevalier zu Wort kommen:

Liebe Wanderfreunde, als wir im Februar 2011 zum ersten Mal einen Ausflug zur Ile Sainte-Marguerite gemacht haben, waren wir mehr als 25 Teilnehmer – jetzt werden wir nur 9 Ausflügler sein.

Die Fähre der Riviera-Lines startet um 10.00 Uhr ab der Embarcadère Ile Sainte-Marguerite vom Hafen in Cannes. Gleich daneben gibt es ausreichend Parkplätze: Quai Max Labeuf – 43.546677,7.013864.  (Anm. der Autorin: Achtung, die sind kostenpflichtig!) Um 10.15 Uhr werden wir uns am Landesteg auf der Insel treffen und gehen zuerst zum Fort Royal Sainte-Marguerite hinauf und lernen dort bei der Besichtigung die immer noch historisch wirkende Atmosphäre dieser weitläufigen Festungsanlage kennen. Der Eintrittspreis beträgt ca, € 3 pP. (Anm. der Autorin: Der Preis beträgt für Nicht-Cannois 6,50 €)

Danach beginnen wir mit einem kleinen Abstecher über die beiden historischen Friedhöfe unsere Rundwanderung um die Insel – etwa 7 Kilometer lang, ohne weitere Steigungen, Irgendwo auf der Mitte der Strecke werden wir an einem gemütlichen Platz gegenüber der Ile Saint-Honorat Zeit für ein ausgiebiges Picknick haben. Dann geht es weiter zur Westspitze der Insel und am Anleger vorbei zum Restaurant Escale d’Hiver, wo wir gegen 15.00 Uhr eintreffen werden. Die Rückfahrt der Fähre ist um 16.15 und um 17.00 Uhr.

Die Wetterprognosen sind im Augenblick nicht schlecht – es empfiehlt sich aber einen leichten Wind- und Wetterschutz mitzunehmen. Wanderausrüstung ist nicht erforderlich, lediglich der Rucksack mit den Picknickutensilien und der Fotoapparat sind angesagt. (Anm. der Autorin: und bequeme Laufschuhe!)

Damit ihr vorab einen kleinen Eindruck von der Wanderstrecke bekommen könnt, habe ich hier einen Videoclip bereitgestellt:

Ich freue mich, euch am Samstagmorgen zu treffen!

Bien amicalement, Michael


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Ballon – Le vent de la liberté

Veranstaltungstipp (in Zusammenarbeit mit der Association Cinécroisette) : Am Montag um 19.30 Uhr im Kino Les Arcades 77, Rue Felix Faure, 06400 Cannes : Ballon – Le vent de la liberté. Deutsch mit französischen Untertiteln.

ps: Nachhaltig sehr berührender Film! Super spannend! Ich habe bis zur letzten Sekunde mitgefiebert und das, obwohl man das Ende ja eigentlich kennt. Es gab, zumindest für mein Empfinden (ich kenne das Leben im Osten ja eigentlich nicht), keine falschen Töne. Im Abspann sieht man Originalfotos des zurückgelassenen Ballons (Stasi-Material) und der beiden geflüchteten Familien; dann „zehn Jahre später“ die dokumentarische Filmszene, in der Genscher, auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag, den dort ausharrenden DDR-Flüchtlingen mitteilt, dass „ihre Ausreise möglich geworden“ sei. Ich habe in dem Moment Tränen in den Augen und schnüffele leicht, als das Licht wieder anging. Neben uns saß zufällig ein Deutscher, der die DDR seinerzeit auch flüchtend verlassen hatte. Er ist berührt, hat auch Tränen in den Augen, atmet schwer. Wir fangen an zu reden und sind uns einen Moment sehr nah. Unsere Geschichte.

Das französische Publikum (etwa 60-70 Personen immerhin) applaudierte. So macht man das in Cannes, wenn man einen Film mag. :-)

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Rendezvous auf der Insel?!

Hier wird derzeit wenig geschrieben, es tut mir leid, aber das Real Life ist gerade sehr fordernd. Trotzdem schlage ich mal wieder ein Rendezvous vor – und zwar einen Ausflug auf die Ile Ste. Marguerite. Wär‘ das was? Laufen statt Lesen sozusagen. Natürlich habe ich selbst absolut gar keine Zeit, so etwas zu organisieren, ich hänge mich schlicht an einen von Michael Chevalier* organisierten Ausflug dran, den ich hier zu Wort kommen lasse:

Liebe Wanderfreunde,
heute möchte ich euch ein ganz spezielles Wanderziel vorschlagen, das gut in diese frühsommerliche Zeit passt: „Wir erkunden die Ile Sainte-Marguerite“. Vor ziemlich genau zehn Jahren haben wir als eine der ersten Wanderungen mit grossem Erfolg diesen Ausflug gemacht – also Zeit, wieder einmal dorthin zu fahren und diese wunderschöne Insel zu erleben.Abfahrt ist am Samstag, den 13. April, um 11 Uhr am Hafen in Cannes mit dem Fährschiff der Riviera-Lines nach Sainte-Marguerite, wo wir uns am Landesteg treffen werden.

Von dort gehen wir zuerst zum Fort Royal Sainte-Marguerite hinauf und lernen dort die immer noch historisch wirkende Atmosphäre dieser weitläufigen Festungsanlage kennen. Hier haben sich seit Beginn der Bauarbeiten im Jahr 1624 viele geschichtlich grosse und kleine Ereignisse abgespielt.

Danach beginnen wir mit einem kleinen Abstecher auf die beiden historischen Friedhöfe unsere Rundwanderung um die Insel – etwa 8 Kilometer lang, ohne weitere Steigungen, Irgendwo auf der Mitte der Strecke werden wir an einem gemütlichen Platz gegenüber der Ile Saint-Honorat Zeit für ein ausgiebiges Picknick haben.

Dann geht es weiter zur Westspitze der Insel und zum Vogelschutzgebiet Etang du Batéguier, das gleich neben dem Fährschiffanleger liegt. Um 16.15 Uhr ist die Abfahrt zurück nach Cannes.

Wer sich ein wenig auf diesen Ausflug einstimmen möchte, bekommt mit diesem Videoclip aus meiner Sammlung einen herrlichen Eindruck von den Iles de Lérins und dem Golf de La Napoule. Oder lest doch einfach den neuen Kriminalroman von Christine Cazon: „Auf einer Jacht im Hafen der Île Sainte-Marguerite wird ein Matrose tot aufgefunden. War er im Kokshandel verstrickt? Commissaire Léon Duval mietet sich im Forsthaus ein und ermittelt. STÜRMISCHE COTE D’AZUR, der dritte Fall für Kommissar Duval“.

Gebt mir bitte bis Dienstag, den 9. April, Bescheid wenn ihr an diesem Ausflug teilnehmen möchtet. Ich sende euch dann rechtzeitig alle erforderlichen Informationen.. Amicalement Michael

Ich war seinerzeit dabei auf dieser von Michael erwähnten Insel-Wanderung, (ich glaube allerdings, dass es nur acht Jahre her ist) und wer hätte damals gedacht, dass ich nur ein paar Jahre später einen Krimi geschrieben haben würde, der dort spielt?! Das Leben ist schon verrückt manchmal. Ich bin zwar derzeit oft auf der Insel und in der nächsten Woche sogar gleich zweimal, ich würde aber, weil ich schon lange mal wieder einen Ausflug mit Michael und seiner Wandergruppe machen möchte, auch am 13. April noch ein drittes Mal hinfahren. Und Sie?!

Überlegen Sie es sich – ich kläre in der Zwischenzeit mal ab, wie ich Sie ohne viel Mühe direkt mit Michael Chevalier in Kontakt bringe, er hat keine Website, ist aber beispielsweise auf Facebook zu finden. Auf jeden Fall werde ich ergänzende Informationen hier veröffentlichen.

*Michael Chevalier, ehemaliger Eventmanager, lebt teils in Deutschland, teils an der Côte d’Azur, organisiert ehrenamtlich seit 2009 Wanderungen im Var und im Hinterland der Côte d’Azur.

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1. Deutsches Filmfestival, ein Nachtrag

Hier noch ein kurzer Nachtrag, und damit Sie ihn auch finden, bekommt er einen eigenen Eintrag: Wie war es denn das Filmfestival?, wurde ich hinter den Kulissen mehrfach gefragt. Ich war ja selbst nicht anwesend, ich war unterwegs und kaum war ich zurück, hatte ich viel, sehr viel um die Ohren und ich murmelte und murmele auch weiterhin ständig „ease“ vor mich hin und sage mantramäßig „alles wird gut“, vielleicht schaffe ich es auch, Ihnen von all dem irgendwann zu erzählen, derzeit habe ich auf jeden Fall das Gefühl, ständig außer Atem zu sein, und genau wie dieser Satz komme ich im real life zu allem und nichts. Können Sie mir folgen? Ich musste also erst Zeit finden, den Organisator des Filmfestivals zu befragen. Eine Freundin hatte mir zwischenzeitlich schon ein vernichtendes „bof“ aufs Handy geschickt. Bof, mit heruntergezogenen Mundwinkeln eher bff ausgesprochen, heißt allerhöchstens „naja“. Ihr hat schon Barbara nicht gefallen. Zu langsam. Uninteressant. Bof eben. Und „Alles ist gut“, den fand sie doppelt „bof“. Keine Musik, keine Dialoge. Kein Film in ihren Augen. C’est pas un film, sagte sie tatsächlich. Hm. Ich mochte „Alles ist gut“ auch nicht so richtig, aber eher, weil mich die Hauptdarstellerin in ihrer Rolle nervte. „Sag was!“, hätte ich sie anschreien wollen und schütteln, „sag was verdammt nochmal!“ Sie regte mich auch deshalb so auf, weil ich lange Jahre so ähnlich war. Nichts sagen, lächeln, runterschlucken. Alles ist gut. Kann ich heute nicht mehr aushalten. Ich war auch nicht sicher, ob es ein guter Film für ein erstes deutsches Filmfestival in Cannes sei, aber immerhin ist es der Film einer jungen Regisseurin, es ist ein Film, der im Heute spielt und das Thema ist aktuell und lädt absolut zur Auseinandersetzung über allerhand Themen ein. Das Urteil der Freundin „das ist doch kein Film“ traf mich dann schon. Es ist eben ein deutscher Film. So sind wir. Wir reden viel. Machen weniger Klamauk. Ich rede mit Deutschen ganz anders als mit Franzosen. Wir sind uns kulturell vermutlich ferner als wir immer glauben wollen.

Die Reaktion des Organisators aber war eine ganz andere: „Es war ein toller Erfolg“, rief er mir begeistert durchs Telefon zu, als ich ihn endlich befragte. „Drei ausverkaufte Abende, wir mussten Leute abweisen, weil man uns den allerkleinsten Saal mit nur 70 Sitzplätzen zugewiesen hatte!“ Und die Zuschauer, mit Abstimmzetteln befragt, hatten die Filme im Schnitt mit Acht (von Zehn) Punkten bewertet. Am besten hatte der Thriller „Die Vierhändige“ gefallen. Das finde ich zwar persönlich befremdlich, aber bitte, warum nicht. Ich habe über „Die Vierhändige“ gelesen und nur Gutes gefunden und „unsere“ Zuschauer mochten ihn auch. Super! Alles richtig gemacht, könnte man sagen. Und wir machen daher weiter. Wir wissen, dass es mindestens 70 Personen gibt, die sich für den deutschen Film interessieren, das ist mehr, als bei so manch anderem Festival, wo man manches Mal zu fünft, einschließlich des eingeflogenen Filmemachers, in einem Saal sitzt. (Und auch der neue Film mit Sandrine Kiberlain „Mon Bébé“ lockte hier nur 15 Personen in den 300 Zuschauer fassenden Saal.) Die Kinobetreiber fanden es auch gut und haben uns für die nächsten Séancen größere Säle versprochen. Hurra! Wir wollen, sobald die Filme mit Untertiteln versehen und auf den französischen Markt geschickt werden, Vorpremieren anbieten und zwar sehr wahrscheinlich von „Ballon“, „Das schweigende Klassenzimmer“ und „Werk ohne Autor“. Und vielleicht bekommen wir auch noch „Bella Martha“ zu sehen. Irgendein Verleih hat dann doch noch eine Kopie mit Untertiteln im Keller gefunden. Und ich arbeite persönlich daran, dass wir eines Tages auch einen Film von Fatih Akin zeigen!

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1. Deutsches Filmfestival Cannes

Hoho! Der Titel klingt wahrlich reißerisch! Schrauben Sie Ihre Erwartungen runter, alles wird ganz klein, es ist aber dennoch das erste Mal, dass hier mehrere aktuelle deutsche Filme gezeigt werden, und das immerhin feiern wir!

Zwischendurch war ich ein bisschen unglücklich, Sie haben sich alle so engagiert, mir hier und da und dort noch Filmvorschläge geschickt, vielen Dank! Ich habe wahnsinnig viele Filme gesehen und gab Besprechungen und Eindrücke weiter. „Wie weit seid ihr denn?“, wurde ich schon von Ihnen gefragt. „Wie läuft es denn ab?“ „Weiß ich auch nicht“, musste ich antworten. Denn, wie so oft in Frankreich, passierte nichts. Also scheinbar passierte nichts, sagen wir so. Und ich fühlte mich mal wieder so zwischen allen Stühlen. Wollte Ihnen dieses Filmfestival und das Interesse der Franzosen für Deutschland und deutsche Filme so gerne in schillernden Farben darstellen, Diskussionen und Themen wiedergeben und ich bedrängte den Präsidenten des Vereins mit Fragen und bat um Informationen, aber er antwortete mir einfach nicht. So ist das hier. Ich dachte, ich werde einmal mehr einen Text zu Organisation, Spontanität und dem französischen Verständnis von Freiheit schreiben. Liberté! rief  Jakob aus Schabbach in „Die andere Heimat!“, die ich so gerne hier vorgeführt gesehen hätte. Lange der (nicht nur von mir) favorisierte Film. Zwei Filme eigentlich, was die Vorführung erschwerte.

Gestern also bekam ich Nachricht. Pas trop tôt, wie man hier ironisch sagt, „nicht zu früh“, gemeint ist, „bisschen spät“. Denn das Filmfestival findet am kommenden Wochenende statt. Das ist Ihnen zu kurzfristig? Da haben Sie jetzt schon was anderes vor? Tant pis. Pech. Für Sie natürlich. Hier müssen Sie viel spontaner sein. Wenn Sie sich das Wochenende freigehalten hätten, hätte es auch genauso gut gar nicht stattfinden können. Mehr als ein Achselzucken als Entschuldigung hätten Sie nicht bekommen. Da hilft kein Aufregen. So ist das hier. Lange Rede, ich war nicht bei der Entscheidung beteiligt und es werden drei Filme gezeigt. Drei? Ja, nur drei! Die Kinos, mit denen wir zusammenarbeiten, hatten keine freien Säle. Aber das hatten Sie uns doch versprochen?! Eh beh, ja, aber jetzt ist es so. Es sind ja offizielle Kinovorführungen, die Kinochefs sind nett, aber sie sind nicht die Heilsarmee. Geld verdienen wollen Sie schon. Also, jetzt drei Filme, später im März kriegen wir vielleicht noch einen oder zwei andere Filme unter. Das 1. Deutsche Filmfestival in Cannes bekommt also einen eher zögerlichen Auftakt. Schade, oder auch nicht. Denn ich bin gar nicht da am Wochenende und komme so hoffentlich wenigstens in den Genuss der zwei später gezeigten Filme.

Tatatataaaa … Trommelwirbel – Cinécroisette proudly presents:

Das isses? Ja. Das isses. Ach.

Ich gebe zu, ich war zunächst super enttäuscht. Ein Thriller! Und kein Fatih Akin. Nicht Doris Dörrie. Nicht Heimat. Nicht Bella Martha. Nicht Sophie Scholl. Gut, nachdem ich die Enttäuschung etwas verdaut habe, kann ich den Erklärungen zustimmen:

„Wir wollen“, sagt Serge Basilewski, seines Zeichens Président de l’association, der Vereinsvorsitzende zu deutsch, „etwas Neues zeigen, also einen oder zwei in Frankreich komplett unveröffentlichte Filme oder eine Vorpremiere; wir wollen einmal nicht das ewig durchgekaute Zweite-Weltkriegsszenario, hingegen Filme, die den Osten (bzw. Deutschland in den 80er Jahren) zeigen, und drei unterschiedliche Genres sollten es sein. Einen Film von Petzold wollen wir dabeihaben“ und, füge ich hinzu, ein Film einer Filmemacherin sollte es auch sein. Das alles waren die Auswahlkriterien für zunächst drei Filme. Das haben wir hingekriegt. Immerhin. Und immerhin ist Barbara von Christian Petzold dabei. Für den habe ich mich sehr stark gemacht.

Später im Monat würden wir gerne noch Ballon zeigen und Werk ohne Autor, sobald die Versionen mit französischen Untertiteln verfügbar sind. Insbesondere Werk ohne Autor (ja, ich habe die Diskussion mit Gerhard Richter mitverfolgt) interessiert hier die Kinochefs. Dafür kriegen wir also bestimmt einen Saal. So siehts aus.

Kommen Sie zahlreich, möchte ich Ihnen zurufen, vom Interesse des Publikums und der Anzahl der verkauften Plätze hängt die Zukunft für weitere „deutsche Festivals“ ab! Für Mitglieder der Association sind die Vorführungen gratis, für alle anderen beträgt der Eintrittspreis 6.50€. Die Filme laufen in der VOST, version originale soustitré, deutsch mit französischen Untertiteln. Und leider bin ich selbst nicht dabei, es wird also kein inoffizielles Treffen mit der Autorin. Ein andermal.

Hier noch der offizielle Link zum Verein CinéCroisette.

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Ausflug nach Monaco

Ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen hatten, aber die Autorin hatte einen Leseabend in Monaco. Wo bitte? Sie haben richtig gelesen, in MONACO! Eingeladen hatte der Deutsche Internationale Club des Fürstentums Monaco, dessen Ehrenvorsitzender, Sie denken es sich, Seine Durchlaucht Prinz Albert II von Monaco ist. Ort der Lesung war der Yachtclub von Monaco, ein noch ziemlich neues Gebäude am Hafen, das an ein Kreuzfahrtschiff erinnert, und dort in der Sunrise Bar im 5. Stock, quasi auf dem Oberdeck.

Die großzügige Einladung beinhaltete vor der Lesung eine private Tour durch Monaco (nein, nicht mit Prinz Albert) und ein Abendessen danach, im Restaurant des Yachtclubs. Monsieur war freundlicherweise miteingeladen. Ich wusste, dass mein Wagen am Yachtclub, wo wir auch den Treffpunkt für die Monaco-Tour hatten, von einem voiturier geparkt würde. Es ließ mich im Vorfeld lachen, unser kleines, verbeultes Autochen in Monaco zwischen all den Luxusautos – so etwas hatte der voiturier sicher noch nie geparkt. Ich zwang Monsieur, es wenigstens durch die Waschanlage zu fahren und auch von Innen etwas zu entmüllen. Wir kleideten uns so gut wir konnten und fuhren los. Ich hatte mir angesehen, wo der Yachtclub lag und ließ mir zusätzlich den Weg von Google Maps auf dem Handy anweisen. Monaco ist klein, aber für Unkundige doch etwas verwirrend.

Nun, vielleicht wissen Sie es, Monaco ist fast vollständig untertunnelt, und mein GPS verlor sich in den Tunneln, und bis es sich wieder gesammelt hatte, musste ich schon selbstständig entscheiden, wohin ich abbiegen wollte. Nirgends war der Hafen oder der Yachtclub angeschrieben, „links oder rechts?“, frage ich Monsieur, der zuckt mit den Schultern, und ich fahre nach links. Nach 50 Metern kommen wir zu dem berühmten Platz vor dem Casino, vor dem Café de Paris und vor dem edlen Hotel de Paris und ich wurde panisch. Es ist DIE m’as-tu-vu Strecke, ich kenne sie aus dem Fernsehen, immer, wenn man Monaco zeigt, zeigt man diesen Ort: an der Terrasse des Café de Paris fährt man vorbei, wenn man von der Welt gesehen werden will. Ich will ganz bestimmt nicht gesehen werden mit dem kleinen verbeulten Toyota, von gar niemandem, aber es gibt kein Entrinnen, ich kann mich nur einreihen zwischen Porsche und Rolls Royce und Maserati und einem röhrenden Ford Mustang und einmal den kleinen Platz umrunden. Ich werde rot vor Scham  und Aufregung.

Und wohin jetzt? Ich bin etwas nervös, wir sind schon leicht zu spät für das Rendezvous am Yachtclub, ich sehe eine Polizistin, die kurz hinter dem Platz steht, fahre auf sie zu, lasse die Scheibe runter und frage nach dem Yacht Club. „Yacht Club?“ (Joht Klöbb spricht man das hier aus, falls Sie je in die Verlegenheit kommen sollten) wiederholte sie ungläubig. Ich nicke. Sie zeigt geradeaus und sagt etwas, was ich nicht verstehe, weil Monsieur gleichzeitig spricht. „Du stehst ungeschickt, recule!„, fordert er mich auf. Fahr ein Stück zurück, meint er. Ich werfe einen Blick zu ihm und vor dem Rückwärtsfahren glücklicherweise in den Rückspiegel und sehe einen Bus, der mich fast von der Straße schubst. „Recule!“ sagt Monsieur ungeduldig. „Ich kann nicht, da ist ein Bus“, entgegne ich gereizt. „HÖREN SIE MIR EIGENTLICH ZU?“, ruft die Polizistin laut und sieht mich streng an. „Ja, ja, natürlich.“ Ich werde noch röter und wiederhole dumm jedes Wort, das sie sagt, „geradeaus, links, Tunnel …“  bedanke mich und fahre los. „Nach fünfzig Metern rechts“, mischt sich überraschend wieder das GPS ein. Was denn jetzt? Rechts oder links? Ich vertraue, warum auch immer, dem GPS und nach zwei weiteren Kurven fahre ich am Yachtclub vorbei, allerdings auf der falschen Seite und ich mache entschlossen einen U-turn. Dann komme ich weder vor noch zurück, wir stehen direkt hinter einem geparkten silbernen extravaganten Porsche, der gerade von ein paar jungen Männern fotografiert wird, daneben geht es auf die höher liegende Zufahrt zum Yachtclub. Sie ist mit dickem Teppich ausgelegt. „Fahr hoch“, sagt Monsieur. „Auf den Teppich?“, frage ich fassungslos, traue mich nicht und würde gern jetzt hier diskret rückwärtsfahren. Hinter mir steht aber bereits ein großer Geländewagen, der seinerseits gerne dort hochfahren würde. Ein livrierter Mann eilt auf uns zu. „Was machen Sie denn hier?“ fragt er. „Es sieht vielleicht nicht so aus, aber wir haben hier eine Verabredung“, sage ich entschuldigend. „Was soll das heißen, es sieht nicht so aus?!“, mischt sich Monsieur verärgert ein, „wir SIND hier verabredet!“ „Dann fahren Sie hoch, Sie blockieren hier alles!“ winkt er mich durch. Oben reißt ein anderer livrierter Herr uns augenblicklich die Autotüren auf. Aus dem Geländewagen hinter uns steigt bereits die Dame, mit der wir verabredet sind. „Ich dachte mir schon, dass Sie das sind“, lacht sie. Unser Toyota ist schon verschwunden, wir steigen in den Geländewagen und bekommen eine Stunde lang eine exklusive Monaco-Führung. Jede Straße (es gibt nicht so viele) wird abgefahren und wir erfahren zu jedem Stadtviertel und fast zu jedem Gebäude etwas. Eine 100 Quadratmeterwohnung im neuen Turm Odéon kostet etwa 56.000 Euro Miete pro Monat. In jedem neuen Gebäude müssen, das ist eine Regel, immer Wohnungen zu einem normal erschwinglichen Preis für die Monegassen mit eingeplant werden. Aber sicher nicht die Penthousewohnung, die zurzeit als teuerste Wohnung der Welt gehandelt wird. Wir fahren durch das Monaco der Monegassen, wo man in ganz normalen Läden und Supermärkten zu einem ganz normalen Preis einkaufen kann und später hinauf auf den Hügel mit der Altstadt und dem Palast der Grimaldis.

Man will es gar nicht glauben, aber in meinem Leben war ich tatsächlich erst dreimal in Monaco. Das erste Mal mit einer Jugendgruppe, ich war dreizehn und fühlte mich großartig, weil man uns erstmals Geld in die Hand gedrückt hatte, damit wir unsere Mittagsverpflegung, einen Sandwich, selbst kaufen konnten. Ich erinnere mich vage an die großen bunten Geldscheine; es schien mir so viel Geld zu sein und ich hätte gerne noch ein Eis und eine Cola und eine Ansichtskarte oder was auch immer, aber dann blieb nach dem Kauf des Sandwichs doch gar nichts davon übrig. Das Sandwich war so üppig belegt, wie ich das aus Deutschland nicht kannte und sogar mit dicken schwarzen Trauben, in die ich herzhaft biss, um sie dann sofort angeekelt auszuspucken. Igitt! Was war das denn?! Die „Trauben“ entpuppten sich als Oliven und es war meine erste Begegnung mit ihnen. Lustig, es fiel mir gestern, als wir vor dem Palais vorbeifuhren, wieder ein. Das zweite Mal begleitete ich Monsieur zu einer Untersuchung in der Herzklinik kurz vor seiner Herz-OP und hatte wenig Sinn für Tourismus, und das dritte Mal brauchte ich ein bisschen Monaco-Flair für den zweiten Duval-Krimi, kam aber nicht so weit rum, wie jetzt bei der Führung.

Monaco hat sogar ein Gefängnis erfahren wir und sehen Stacheldraht und Gitter zwischen Palmen hervorblitzen, die Zellen haben Meerblick und angeblich kommt das Essen vom Hotel de Paris. Rein ins Gefängnis kommt man wohl schnell, es reicht schon, unfreundlich zu einem Polizisten zu sein. Ob das alles stimmt?! Ich wollte es nicht testen. Und zum Abschluss fahren wir noch einmal um den Platz vor dem Casino und am Café de Paris vorbei. Jetzt aber in einem standesgemäßen Auto. Wir halten vor dem Hotel de Paris, man reißt uns die Türen auf, erst die des Autos, dann die des Hotels und wir sehen die schöne Halle und den Innenhof des frisch renovierten 5 Sterne Hotels. Alles ist neu und hell und edel und sehr geschmackvoll. Von dort geht es zum Casino mit öffentlichen und privaten Spielsälen, der Eingang der Oper liegt ebenfalls hier (der Prinz hat übrigens einen eigenen Eingang!) und zum Abschluss laufen wir ein paar Schritte durch ein am Vortag wiedereröffnetes „nagelneues“ Stadtviertel (das Ursprüngliche wurde abgerissen), edle Boutiquen (Prada, Akris) in geschwungenen Kurven aus Glas. Akris ist übrigens die Lieblingsmodemarke von Charlène, erfahre ich. Nach Charlène wurde dort auch eine neue Straße benannt.

Dann fahren wir zum Yachtclub, auch hier bekommen wir alles gezeigt – ein edler Club, beinahe ein Museum, das Erdgeschoss voller Schiffsmodelle, großformatiger Fotografien und Plakate und einer Sammlung von „demi-coques“, den deutschen Begriff dafür kenne ich leider nicht. Ein Restaurant und unterschiedliche Säle und im 5. Stock die Cocktailbar, in der ich schnell noch Bücher ausbreite und mich an einem Tischchen installiere. Die Gäste kommen schon. Man stellt sich und uns vor und ich werde mehrfach behandkusst. Es gibt Häppchen und Getränke. Ich bin unsicher, ob ausgerechnet der 5. Krimi, der im rauen Hinterland von Nizza spielt, eine Geschichte von Wölfen und Schafen, hier gut ankommen wird, aber man hört mir aufmerksam zu, niemand starrt auf sein Smartphone und niemand geht. In der Pause wird lebhaft diskutiert und gefragt und wir müssen die Diskussion abbrechen, weil ich noch ein kleines Stück aus dem noch unveröffentlichten Krimi lesen soll und wir danach pünktlich im Restaurant sein wollen. Natürlich kommen wir zu spät, weil noch Bücher gekauft und signiert und Fotos gemacht werden. Im Restaurant bekomme ich wieder Handküsse zur Begrüßung, Monsieur hingegen muss sich eine Kravatte leihen, und er steht als deutscher Herr Dreher auf der Einladungsliste. Monsieur ist hier „der Mann von“ :-)

Mittags hatte ich für uns extra „nur etwas Leichtes“ gekocht, nämlich Lachs mit Gemüse, damit wir abends noch ein Menü essen können, und was hat uns der neue Chefkoch des Yachtclubs zugedacht? Lachs mit Gemüse. Aber alles ist bio und das Gemüse aus dem Wok, und angerichtet ist alles wie ein Kunstwerk, und vorher gab es noch lauwarmen Wachtelsalat und danach ein köstliches Mandarinensoufflé. Sublime! Und nein, ich habe mich in diesem Rahmen nicht getraut, irgendetwas mit dem Handy zu fotografieren. Nirgends übrigens. Nur den Blick aus dem 5. Stock habe ich gewagt, aber er gibt nicht wieder, wie edel der Rahmen war. Spät abends fahren wir zurück, drücken dem voiturier, der uns den Toyota vorfährt, und dem Rezeptionisten, der meinen Bücherkarton in den Kofferraum verstaut, diskret je einen Schein in die Hand und fahren zurück nach Cannes, das mir angesichts der hochflorigen Teppiche, des edlen Glitzer und der Dichte der Porsches, Bentleys und Rolls Royces in Monaco nun beinahe ärmlich vorkommt.


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Erste Filmauswahl

Jetzt aber ganz schnell mal was geschrieben, ich komme zu gar nichts mehr, vor lauter Filme gucken. Danke! Danke! Danke! für alle Ihre Vorschläge! Toll, echt! Wie ich in dem einen oder anderen Kommentar schon schrieb, toller Nebeneffekt ist, dass ich auch jenseits dessen, was wir vermutlich zeigen werden, so viel Neues zu sehen kriege. Also neu für mich. Sehr schön finde ich das, und egal, ob das jetzt Sauerkrautkoma ist oder der Sommer in Orange, Aenne Burda oder Weit. Ich schau alles an! Auf jeden Fall den Trailer, das eine oder andere gibts in der Mediathek, anderes kommt auf eine „Will-ich-sehen-Liste“ und wenn es mal „Zehn Filme für den Preis von Einem“ gibt, dann bestelle ich mal eine Ladung für die langen Winterabende.

Hier jetzt ein kleiner Zwischenbericht und Einblick in das Prozedere:

Es wird das erste deutsche Filmfestival in diesem Filmclub, Cinécroisette heißt er, der so gut wie keine finanzielle Unterstützung der Stadt bekommt (also gerade so viel, dass man die Stadt immer auch als Unterstützer nennen muss) und sich insofern selbst trägt und vor allem vom Engagement seines Vereinspräsidenten, wie man den Vorsitzenden hier nennt, und seiner Lebensgefährtin lebt. Sprich, wir haben ein kleines Budget. Neue („große“) Filme (von bekannten Filmemachern) mit noch hoher Leihgebühr können wir uns nicht leisten. Dennoch werden die Filme nicht flimmerig auf einem weißen Leintuch im Keller eines Mitglieds gezeigt, sondern wir arbeiten ganz klassisch mit drei oder vier Kinos in Cannes und in Le Cannet zusammen, d.h. wir brauchen Filme, die so aufbearbeitet sind, dass sie mit der aktuellen Filmtechnik zu zeigen sind, und es kostet Eintritt. Die Filme müssen also zugkräftig sein, schon um die Kinos zu überzeugen, die uns dafür einen Saal zur Verfügung stellen, und sie sollten dort nicht schon gezeigt worden sein, denn dann hat das am deutschen Film interessierte Publikum sie schon gesehen und kommt nicht nochmal. Die Filme müssen über den offiziellen französischen Filmverleih zu bekommen sein, so haben sie Untertitel, ohne die sie hier nicht funktionieren. Dem fielen zum Beispiel „Der Junge muss an die frische Luft“ zum Opfer oder „25 km“: nix französischer Filmverleih, nix Untertitel, nix guckstu. Kann ja noch kommen, beide Filme sind relativ neu und wir laufen uns ja auch erst warm. Nächstes Jahr vielleicht.

Alles in allem werden an vier Tagen etwa sechs Filme gezeigt (Freitag Abend, Samstag früh und Abend, Sonntag früh und Abend und Montag Abend). Wir versuchen also einem französischen Publikum in sechs Filmen das aktuelle (in etwa die letzen 15 Jahre) deutsche Kino, deutsche FilmemacherInnen und deutsche Themen anzubieten. Es sollte nicht zu abseitig sein, nicht zu bizarr, nicht zu fremd. Wir wollen das Publikum ja nicht erschrecken, sondern anlocken. Franzosen sind anders, sie lachen zum Beispiel kein bisschen über Dinner for One, und Der Tatortreiniger wird hier auch nicht verstanden. 

Bekannt sind hier bereits: Das Leben der anderen, Godbye Lenin, Toni Erdmann, die Filme von Michael Haneke, Liebe und Das weiße Band (die bekamen je eine Palme), Drei Tage in Quiberon; die werden wir also nicht noch einmal zeigen. In unserer engeren ersten Auswahl waren (in willkürlicher Ordnung):

Andreas Dresen: Gundermann

Eva Trobisch: Alles ist gut.

Doris Dörrie: Kirschblüten – Hanami

Christian Petzold: Barbara. Phoenix. Transit

Fatih Akin: Soul Kitchen. Auf der anderen Seite. Tschick. The Cut.

Sönke Wortmann: Diplomatie.

Hans Weingartner: 303

Oliver Kühnle: Die Vierhändige.

Edgar Reitz: Die andere Heimat (2 Teile)

Robert Schwentke: Der Hauptmann

Lars Kraume: Das schweigende Klassenzimmer

Jan-Ole Gerster: Oh Boy

Sandra Nettelbeck: Bella Martha.

Marc Rothemund: Die letzten Tage der Sophie Scholl

Die sehe ich jetzt alle an. Manche kenne ich auch schon, sehe ich mir aber nochmal an. Mit der Frage im Kopf, ob es den Franzosen gefallen könnte, ob es ein aussagekräftiger Film für Deutschland ist undsoweiter. Sechs Filme sollen übrig bleiben, die Deutschland umfassend zeigen. Können Sie ja mal mitüberlegen, wenn Sie wollen. Wir haben schon eine Menge Filme aussortiert. Warum und was übrig bleiben wird, erzähle ich Ihnen das nächste Mal.

Schönen Abend wünsche ich! Bon cinéma!


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Kleine Bitte: (neue) deutsche Filme gesucht

Seit ein paar Tagen oder besser Nächten schlage ich mir diese um die Ohren, weil mich ein Freund, der hier in Cannes einen Filmclub leitet, und der Anfang März zum ersten Mal ein kleines deutsches Filmfestival organisieren wird, um Mithilfe gebeten hat. Ich schaue mir also (relativ) neue deutsche Filme oder wenigstens ihre Vorfilme an und lese Kritiken. So richtig glücklich bin ich nicht, mit dem, was ich finde. Kann es sein, dass wir in Deutschland immer noch oder nur Filme zum Zweiten Weltkrieg inklusive Nachkriegsdeutschland drehen?! Ich krieg ja nicht mehr so viel mit von der deutschen Kultur, die leiseren Töne schwappen selten über die Grenze und bis hier unten in die südliche Provinz. Wer macht denn bitte den deutschen Gegenwartsfilm, der (erwachsene!) Deutsche und Deutschland von heute zeigt? Gerne auch amüsant und leicht (können wir das?) aber weder Kinderfilm noch Klamotte bitte. Das Publikum, das hier bespielt werden soll, ist eher ähm sagen wir mittelalt, konservativ aber filmerprobt. Da wir als Deutsche hier sowieso immer auf die Rolle des Besatzers und Nazis festgelegt werden, würde ich nur einen (maximal zwei) Film(e) wählen wollen, der/die damit zu tun hat(ben). Dann wünsche ich mir, dass wir das Publikum überraschen und andere Facetten des Lebens und der Geschichte der Deutschen und Deutschlands zeigen können. Ich nenne erstmal nicht unsere bzw. meine erste Auswahl, damit Sie nicht voreingenommen sind. Gibt es einen Film oder zwei oder drei (aus technischen Gründen der letzten 10-15 Jahre), die Sie als aussagekräftig für das Deutschland von heute halten und Franzosen gerne zeigen würden?! Die Antworten dürfen ganz kurz sein – mit oder ohne Begründung! Danke!!!

Mehrfachnennungen sind ok und zeigen nur einen Konsens, durchaus hilfreich! :-)

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Herbst in Peking

Monsieur hat am Montag auf dem Flohmarkt diese noch unaufgeschnittene Ausgabe von Boris Vians L’Automne à Pékin gefunden.

Buch mit Dessertmesser

Gedruckte Bücher, das wissen Sie vielleicht, werden seit je in einem eigenartig, dem Laien wirr erscheinenden Seiten-Schema (dem Ausschießschema) auf Papierbögen gedruckt, diese werden dann gefalzt und alle gefalzten Bögen aufeinandergelegt (die Seiten sind dann wundersamerweise in der richtigen Reihenfolge!) und der so entstandene Buchblock wird in der Regel an drei Seiten beschnitten. An der hinteren Seite wurden diese gefalzten Bögen früher mit Fäden zusammengebunden und in einen Einband verwebt. Heute wird diese Seite in der Regel auch aufgeschnitten und zackzack in den Einband geklebt. Das nur als minimale Information – für den Fall, dass Sie nur noch Videos schauen. Neulich fragte tatsächlich eine Instagrammerin, ob eigentlich noch irgendjemand ihre „langen Texte auf Insta“ läse oder ob sie nicht zukünftig nur noch Videos anbieten solle. Die jungen Leute sind ja alle kleine Entertainer heute. Willste Video? Mach isch dir! Zurück zum Buch. Wir sind ja altmodisch hier.

Früher, mes chers lecteurs, hat man (nicht nur) in Frankreich seine Bücher unbeschnitten erworben. Die aufeinandergelegten Bögen waren gebunden oder in einen Einband geklebt und das wars. Je nach Falzung waren die Seiten dann oben, an der Seite und unten verschlossen. Die Seiten vorsichtig mit einem Papiermesser (bei uns ist es ein schlichtes Dessertmesser) dann selbst aufzuschneiden und sich der Lektüre langsam zu nähern, galt (und gilt dem Gatten beispielsweise noch immer) als Vergnügen. Später brachte man das gelesene Werk vielleicht zu seinem Buchbinder, damit er es schön in Leder, Leinen oder Halbleinen binden möge. So geschützt stellte man das schöne Buch in seine private Bibliothek und es überdauerte die Jahrzehnte, ein Leben, manchmal auch länger. Natürlich machte man das nur mit den Werken, die man literarisch, wissenschaftlich oder aus anderen Gründen besonders schätzte. Und natürlich machten es nur bibliophile Menschen, die zusätzlich über die finanziellen Mittel verfügten.

Vielleicht kommt die  französische „hohe“ Literatur auch deshalb bis heute in schlichten und blassen Pappbänden in die Buchhandlungen (während die Unterhaltungsliteratur bunte Einbände bekommt), eine Reminiszens an die Zeit, in der man die hochgeschätzte Literatur noch selbst binden ließ. Heute allerdings sind auch die literarischen Pappbände beschnitten, klar, die Technik schreitet fort, und wer hat heute noch Zeit und Lust, vor dem Lesen umständlich Seiten aufzuschneiden?! Und vermutlich lässt auch niemand mehr seinen Camus oder seinen Houellebecq binden.

Der gefundene Roman von Boris Vian war also noch unaufgeschnitten und das seit den frühen sechziger Jahren. Es gab übrigens auch zehn nummerierte Exemplare, Buchschätzchen für Sammler, und fünf weitere Bücher HC hors commerce, die den Mitarbeitern (Drucker, Lektor, Verleger) vorbehalten waren. Gedruckt wurde es am 22. November 1963 vom Maître Imprimeur Joseph Floch in Mayenne. Das steht alles auf der letzten Seite, das habe ich mir nicht ausgedacht.

Ich habe noch nie etwas von Boris Vian gelesen, auch nicht L’Écume des jours (dt. Der Schaum der Tage) oder den Skandalroman J’irai cracher sur vos tombes (dt. Ich werde auf eure Gräber spucken). Raymond Queneau, der Autor von Zazie dans le métro, findet, so steht es auf dem Klappentext, L’Automne à Pékin sei „un livre beau et étrange“. Aha. Ich wollte donc nur mal schnell wissen, um was es in L’Automne à Pékin so geht, und da bei mir das Lesen auf Deutsch immer noch schneller geht als auf Französisch, gab ich dazu den deutschen Titel bei google ein: Herbst in Peking. Und siehe da, Boris Vian fand ich nicht, stattdessen die Musik einer (ex-DDR)-Band (darf man noch DDR sagen?!) Völlig unbekannt für mich. Finde ich gerade spannender als Boris Vians Roman, in dem es übrigens laut Klappentext weder um den Herbst noch um Peking geht.

Ob mich dieser Beitrag für eine zukünftige Einreise nach China diskreditieren wird, steht noch dahin, die chinesischen Suchmaschinen, die mich neuerdings massenhaft beehren,  kriegen auf jeden Fall was zu tun.

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Cannes zu Fuß – Le Boulevard Montfleury

Exakt vor einer Woche bin ich in diese Ecke Cannes‘ gefahren – vor allem, weil ich dieses Haus fotografieren wollte, ohne zu wissen, dass es „Chalet Montfleury“ heißt und zunächst, ohne zu realisieren, dass ich mich auf dem Boulevard Montfleury befinde.

Chalet Montfleury

Montfleury. Da klingelte etwas. Vielleicht erinnern Sie sich. Ich habe schon einmal davon gesprochen. Hier befindet sich eine Stele, ein Gedenkstein für die am 15. August 1944 erschossenen Gefangenen der Gestapo, die irgendwo hier, Hausnummer 42, seinerzeit in der Villa Montfleury ihren Cannoiser Sitz hatte. Das weiß ich, seit letztes Jahr die Ausstellung „Cannes sous l’occupation“ (Das besetzte Cannes) im Stadtarchiv zu sehen war. Gesehen hatte ich diese Stele in echt noch nie, und das obwohl ich schon oft über diese Straße gefahren bin. Hier im Quartier Montfleury befindet sich nämlich auch das Hallenbad, in dem ich eine Zeitlang regelmäßig schwimmen gegangen bin. Das Hallenbad (mit dem unfreundlichsten Personal ever, das außerdem, obwohl noch recht neu, schon ziemlich heruntergekommen ist) heißt auch Montfleury, Piscine Montfleury und es liegt im Parc Montfleury, einer neu angelegten Parkanlage mit Tennisplätzen.  Alles heißt hier Montfleury stelle ich fest, obwohl Schwimmbad und Parkanlage an der Avenue Beauséjour liegen, die hier ganz unspektakulär in einer Kurve beginnt, weshalb ich mir nie bewusst war, dass ich über den Boulevard Montfleury hierher kam. Hier war also die Villa Montfleury mit dem traurigen Schicksal und hier muss also diese Stele sein.

Villa Montfleury (credits: Archives municipales de la ville de Cannes)

Nun, von der Villa ist nichts mehr übrig, sie wurde irgendwann abgerissen, um ein großes Appartmenthaus auf dem weitläufigen Gelände zu bauen.

Palais Montfleury
Boulevard Montfleury auf der Höhe der Stele; Slamlomlaufen zwischen Palmen, Olivenbäumen und Strommasten auf dem Trottoir

Nur die sehr diskrete Stele erinnert noch an Villa, an die Gestapo und die Gefangenen, die man am Tag des Débarquements der Alliierten erschossen hatte. Zwei haben (hinter und unter den Körpern ihrer Mitgefangenen) überlebt und konnten so erzählen, wie es sich zugetragen hat.

Gedenkstein für die Opfer der Gestapo

Ich wüsste gerne etwas mehr zu der Villa. von der es lapidar immer nur heißt „Die Gestapo hatte dort ihren Sitz in Cannes“. Wem hat sie vorher gehört? Oder stand sie leer? Was ist danach passiert? Ich finde aber nichts, vielleicht müsste ich mal selbst im Stadtarchiv nachforschen, aber wann, herrjeh, man kommt ja zu nichts. Mehr zufällig laufe ich die kleine Avenue des Palmiers hinein, die auf dieser Höhe vom Boulevard abzweigt, wundere mich über den schlechten Straßenzustand der Sackgasse und stehe plötzlich vor Monsieurs Elternhaus, das jetzt anderen Menschen gehört.

Avenue des Palmiers
holprige Straße

Ich bin perplex. Hier, in unmittelbarer Nähe der Villa Montfleury ist Monsieur groß geworden. Er ist erst kurz nach dem Krieg geboren, aber vielleicht hat er Erinnerungen an die Villa? Weiß er, wem sie gehörte? Hat man sich etwas darüber erzählt? Hat er als Kind heimlich auf dem Gelände der vielleicht aufgegebenen Villa gespielt? So wie ich als Kind in aufgegebenen Kleingärten in der Nachbarschaft herumgelungert habe, auf Bäume kletterte, mir beim Herunterfallen einen abgebrochenen Ast ins Knie rammte und davon immer noch eine gewaltige Narbe habe, Rhabarber und Erdbeeren futterte und immer auch so ein bisschen Angst hatte, von der alten Frau Schwarz erwischt zu werden, der einer der Gärten noch gehörte. Der Name „Frau Schwarz“ ist mir gerade eben erst wieder eingefallen. Das Gedächtnis ist schon eigenartig, nicht wahr?! Ich befrage also Monsieur, als ich nach Hause komme. Erinnert er sich an etwas? Rien. Nix. Gar nix. „Hat man die Villa vielleicht abgerissen, wegen ihrer dunklen Geschichte?“ Er zuckt die Schultern. Ich meckere ein bisschen über das permanente Ignorieren der Franzosen von Geschichte (aus dieser Zeit) und Monsieur jault auf. „Wenn man alle Häuser, in denen die Polizei ein Verbrechen begangen hat, abreißen wollte, da hätte man viel zu tun“, sagt er. Ich lasse das mal so stehen. Vermutlich hat man die Villa abgerissen, weil man einen guten Immobiliendeal machen konnte und auf dem weitläufigen Grundstück diese riesige Appartementanlage gebaut hat.

Ich laufe jetzt bewusst zum Anfang des Boulevards Montfleury, der ziemlich weit weg, im eher ärmlichen Viertel rund um dem Boulevard de la République beginnt. Kleine Häuser mit Handwerksbetrieben wechseln sich mit riesigen, schon in die Jahre gekommenen Appartementanlagen ab.

Boulevard Montfleury Anfang
École primaire Hélène Vagliano

Das langgezogene Gebäude, das ein bisschen aussieht wie ein Gefängnis, ist die Grundschule Hélène Vagliano  (Wa-gli-a-no spricht der Franzose das aus). eine junge Frau, die in der Résistance war, gefoltert und erschossen wurde. Für sie wurde diese Gedenktafel an der Schule angebracht, die, wie so oft bei dieser Art Gedenktafeln, länger dem Bürgermeister dankt und gedenkt, der die Tafel angebracht hat, als der jungen Frau, der diese Tafel eigentlich gedenken soll.

Gedenktafel für Hélène Vagliano (Heroine de la Resistance) und Michel Mouillot (Ex-ex-ex-Bürgermeister)

Boulevard Montfleury rechte Straßenseite
linke Straßenseite
Club net – eine Reinigung

Und nur zwei Schritte weiter wird es überraschend edel: links, etwas zurückgesetzt, das pompöse Bauwerk des ehemaligen Grandhotels, das in eine Wohnanlage umgebaut wurde: Le Gallia.

Le Gallia heute
und früher
Le Gallia Seitenansicht

Nun folgen moderne Appartmentanlagen, eine größer als die andere. Sie wechseln sich mit mittleren und größeren alten (versteckten) Villen ab.

Residence Montfleury Eingang
exzentrische Architektur
Zypressen!
Privatstraße zu Schlössern und Villen
Nostalgie-Briefkasten (noch wird er geleert)

Und schon sind wir wieder auf der Höhe des verlassenen Chalet Montfleury und der Boulevard schlängelt sich daneben klein und sehr kurvig nach oben.

Chalet Montfleury

Dahinter sieht es ein bisschen verfallen aus und während ich dort herumstiefele kommt mal wieder die Police Municipale angefahren und inspiziert mich. Dieses neugierige Herumlaufen, Schauen und Fotografieren hat man in Cannes nicht so gern (Ich wartete eigentlich auf die Frage: Warum laufen Sie hier herum? Haben Sie kein Auto? — Gestern sah ich einen uralten Western, da wurde ein Mann angeherrscht „Warum haben Sie keine Waffe?!“ Das nur am Rande.) Sicherheit undsoweiter. Ich kann es verstehen, aber es ist ein Aspekt, der mir diese Cannes-Spaziergänge etwas verleidet.

Rückseite des Chalet Montfleury
seriöse Kurven
Für Fußgänger gibts Treppen
Pflanzenkunstwerk an Lampen und Stromkabel

Und siehe da, in einer Kurve entdecke ich einen inoffiziellen Zugang zur Trasse der ehemaligen Bergbahn, der Boulevard schlängelt sich parallel zur Trasse nach oben. Über die Bergbahn habe ich hier schon einmal berichtet.

die Trasse der ehemaligen Bergbahn

Viel weiter laufe ich nicht nach oben. Er ist ganz schön lang der Boulevard Montfleury, von hier steigt er jetzt ziemlich an und ich gebe auf. Zu Hause auf der Karte habe ich gesehen, dass nicht viel gefehlt hat – den Rest mache ich vielleicht nachher, on verra.  

Blick von halber Höhe des Boulevards über Cannes

Dieser Text darf als Beitrag zum heutigen Gedenktag der Opfer des Nationalssozialismus verstanden werden.


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Ease [iiiehs]

Das mit den Vorsätzen im neuen Jahr, das wissen wir schon, das wird nix. Es hat viel damit zu tun, sagen uns die Psychologen, dass man bei den Vorsätzen etwas „tun“ will: dreimal in der Woche ins Fitnessstudio gehen, zehn Kilo abnehmen, gesünder essen, früher Schlafen, weniger Alkohol, disziplinierter Arbeiten was auch immer. Beginnt man das Jahr mit einer Grippe und geht daher schon gleich mal nicht schwungvoll ins Fitnesstudio, ist man quasi schon in der ersten Woche gescheitert mit seinen Vorsätzen. In den letzten Jahren hat sich in gewissen Kreisen eine andere Art von Vorsatz für das neue Jahr entwickelt, das weniger das „Tun“ als das „Sein“ in den Vordergrund stellt: The Word of the Year. Ein Wort, das man sich als Jahresmotto wählt, eine Eigenschaft, die man in seinem Sein braucht oder mehr davon haben will und es daher „in sein Leben einlädt“ (um mal in der typischen Sprache zu bleiben). Das kann (Selbst-)Liebe sein, wenn es einem daran mangelt, oder Vertrauen (statt wildem Aktionismus), dass sich die Dinge schon fügen wollen, oder Spielen, wenn man sein ernstes Dasein spielerischer angehen will oder ganz konkret mit (seinen) Kindern (oder Enkeln) mehr unternehmen will. Mein diesjähriges Wort ist das englische EASE. Leichtigkeit oder Légèreté sind die deutsche oder französische Entsprechung. EASE. Ich brauche EASE. Ich bin so dermaßen nicht EASE. Nichts ist easy für mich. Alles ist schwer, kompliziert und voller nervöser Gedanken. Was wäre wenn … wenn all die Leute, die uns zum neuen Jahr geschrieben oder angerufen haben und sagten „und in diesem Jahr sehen wir uns aber mal wieder“, was natürlich meint, „wir kommen Euch an der schönen Côte d’Azur mal besuchen“, wenn die nun alle wirklich kämen, zum Beispiel. Wo und wann soll und werde ich arbeiten, wenn alle diese lockeren Franzosen wirklich kämen und blieben? Allein die Vorstellung macht mich nervös und unruhig in der allersten noch ganz frischen Januarwoche dieses fast noch nagelneuen Jahres. Ich mache mir jetzt schon Sorgen, statt mich einfach hinzusetzen und mit dem Schreiben anzufangen. Den Rest sehen wir dann. Ganz ruhig. Ausatmen. EASE.

Ich habe mich für das englische EASE entschieden, weil es sich so schön weich aussprechen und denken lässt und (zumindest für mich) keine sexuellen Assoziationen weckt, wie sie das französische Légèreté für mich hat. Légèreté. Huuuh, das klingt nach koketter Lingerie, nach leichten Mädchen und anderen Frivolitäten. Ein bisschen „Je m’en fous“ und „tant pis“ ist auch dabei, also ein lässiges „ph, mir doch egal“ oder „na und“ und wissen Sie was, während ich das schreibe, denke ich, hallo, davon brauche ich auch was. Légèreté. Nur das deutsche Leichtigkeit kommt irgendwie plump und schwer daher. LEICHTIGKEIT. Hmpf.

Ich brauche EASE und LÉGÈRETÉ. Das hat mich doch mal so angezogen, dieser leichte Lebensstil hier in Frankreich, oder? Ich, die ich so gar nicht leichtlebig bin, (und nein, ein leichtes Mädchen bin ich sicher nicht, nur für den Fall, dass Sie da Zweifel haben sollten), die ich ernsthaft, verantwortungsvoll und perfektionistisch bin. Ich bin das Gegenteil von EASE und LÉGÈRETÉ. Ich bin immer auf der schweren Seite, nachdenklich, schwerwiegend. Auch mein Körper wiegt schwer. Ich bin sicher: Ich brauche mehr EASE, mehr Leichtigkeit, in meinem Leben!

Ich brauche EASE, um alle Projekte, vor allem das Schreiben, anders zu bewältigen. Das Drama, das ich vor zwei Jahren erlebte, das mich an den Rand vielleicht nicht eines Selbstmords aber erneut an den eines Burnouts brachte, will ich nicht noch einmal erleben. Irgendwie hatte sich mein Krimi in eine andere Richtung entwickelt und das eigentlich vorgesehene Ende passte nicht mehr. Und ich sah weit und breit nicht, wie es ausgehen könnte und starrte uninspiriert und verkrampft auf die Tastatur. „Bist du fertig?“, fragte Monsieur jeden Tag am Telefon. „NE-IN!“, schrie ich. „NEIN ich bin nicht fertig!“ Fix und fertig allerdings war ich. Klar. Die Zeit verstrich und ich musste das Manuskript abgeben. Ich bin selbstverständlich jemand, der vorgegebene Termine einhält, das denken Sie sich vielleicht. Aber selbst ein Aufschub hätte es nicht getan, weil ich nicht mehr konnte. Fix und fertig, wie gesagt. Ich zitterte innerlich, ich schlief nur noch mit Medikamenten, ich ertrug nichts und niemanden mehr, schon gar nicht meine französische Familie, die nun im August wie ein fröhlicher Bienenschwarm in das ruhige Haus in den Bergen einfiel und Apéro hier, Apéro da, ihre unbeschwerte Urlaubsbslaune herausließen. „Oh Christjann, allez, einen Apéro wirst du doch mit uns trinken, entspann dich, hast du nicht genug gearbeitet für heute?“

Am nächsten Tag brüllte ich erstmals in acht Jahren meine Schwiegermutter an, knallte die Türen und verließ das heitere Haus. Lieber ertrug ich die brütende Sommerhitze an der Küste als diese unbeschwerte Familie im Urlaubsmodus. Hallo! ICH.MUSS.ARBEITEN. So lange ich nicht fertig bin gibts nix Apéro, nix Leichtes, nix Leben.

Letztes Jahr wollte ich das so nicht mehr erleben und entschied, dass der Sommer und das Schreiben anders ablaufen sollten. Ohne Drama. Und selbst, wenn es letztes Jahr noch schwieriger war, weil ich monatelang kein eigenes Büro, das heißt keinen abgeschiedenen Raum zum Schreiben hatte und (aus Gründen) auch nicht in das Berghaus fahren konnte, und ich eigentlich täglich dachte, wie soll ich bitte schreiben? So wurde das Buch doch fertig und der Sommer war der undramatischste in all den Jahren. Jetzt also will ich noch mehr davon. Noch mehr EASE. ich will nicht aufhören zu leben, während ich schreibe, mich von allem abschneiden, was mir Vergnügen und Freude macht. Ich will flexibel und spontan sein, Einladungen annehmen und auch aussprechen können, ich will morgens schwimmen gehen, ohne panisch zu denken, mir läuft die Zeit davon. Ich will all das tun und trotzdem Schreiben: EASE.

Ausatmen. EASE.BREATHE.LÉGÈRETÉ, sage ich zu mir wie ein Mantra.

Gestern am späten Abend erfahre ich, dass ich heute mittag die Enkelkinder zum Essen habe. Sofort bin ich eher un-ease und mache mir Gedanken, was ich ihnen kochen  könnte. Der Kühlschrank ist relativ leer. Jedes Mal, wenn ich die Kids habe, läuft es auf Hacksteaks und Nudeln raus und als Vorspeise gibts Karottensalat oder Karottensalat mit Äpfeln. Jedes Mal. Weil es etwas ist, was komischerweise immer da ist. Gerne essen tun sie es auch. Trotzdem denke ich, dieses Mal will ich etwas anderes machen. Damit sie ihrer Mutter nicht wieder sagen, es gab „steak haché et pâtes“ bei Christiane. Ich wühle im Tiefkühlfach und finde einen halben (ungebratenen) Schweinebraten. Der wird es, denke ich mir und lege ihn zum Auftauen in den Kühlschrank. Ich überlege, was ich zum Dessert machen könnte. Französische Großmütter zeichnen sich durch selbstgemachte Desserts aus. Ein bisschen will ich schon konkurrieren mit Mamie Martine und Mamie Hélène (Die Omis heißen hier beide Mamie, die Mama heißt Maman!) Ich mag das Süße auch, wühle im Schrank herum, viel habe ich nicht, und koche zu später Stunde noch einen Reisbrei. Uff. Irgendwie lässt mich der zu bratende Schweinebraten nicht los. Er ist ziemlich groß, wie lange muss der in den Ofen? Ich suche das vor dem Einschlafen noch im Internet. Bei dem Gewicht mindestens drei Stunden bei Niedrigtemperatur und eine halbe Stunde anbraten. Die Kinder kommen um 12 Uhr. Wann muss ich denn dann anfangen? Herrjeh. Und was gibts dazu? Püree? Bratkartoffeln? Wir haben weder Kartoffeln noch Gemüse. Ich habe Lust auf Rosenkohl, den ich gern mit Datteln und Nüssen im Ofen mache. Essen die Kids überhaupt Rosenkohl? Aber wenn der Schweinebraten im Ofen ist, dann kann ich den Rosenkohl nicht auch noch … Ich könnte früh auf den Markt gehen, vielleicht finde ich etwas anderes. Aber Freitags früh ist auch Nathalie da und hilft mir, die Wohnung sauberzumachen. Irgendwie überfordert mich das alles. EASE sage ich mir. EASE, BREATHE. Ich schlafe zwar ein, wache aber heute Morgen nicht früh genug auf, um alles (Markt, Schweinebraten, Nathalie) zeitlich zu bewältigen. Zusätzlich habe ich eine SMS auf dem Handy. Die Enkelin will nach Monaten mal wieder zum Deutsch lernen kommen. Um 11 Uhr. Aha. „Was soll ich den Kids zum Essen machen?“ jammere ich Nathalie und Monsieur vor. „Was regst du dich auf“, sagt Monsieur, „mach‘ Steak haché und pâtes. Das ist easy und sie mögen es.“ Gut, Monsieur sagt nicht easy, er sagt, facile, aber es ist dasselbe. Ich bin weit weg von EASE und sage „aber das mache ich immer, ich wollte EINMAL etwas anderes machen!“ Monsieur rollt die Augen. „Und was mache ich als Entrée?“, frage ich weiter. „Karottensalat“, schlägt Monsieur vor. „Ich mache IMMER Karottensalat. Ich werde eingehen in die Geschichte als die Deutsche, die nur ein Essen machen kann“, jaule ich. „Spaghetti Bolognese“, schlägt Nathalie zur Güte vor, aber das ist mein zweiter Klassiker. „Dann kannst du immerhin schon zwei Essen“, meint sie trocken. Zum Entrée schlägt sie jedoch eine Tarte vor. Tarte geht einfach und Zeit dafür ist auch noch. Ich habe sogar eine Rolle Blätterteig im Kühlschrank, ich habe nur keine Eier mehr. Monsieur geht für seine Mutter einkaufen und ein bisschen auch für uns. Ich schreibe ihm Käse, Äpfel und Karotten auf den Zettel. Für alle Fälle, Karottensalat geht schnell und immer. Ich beziehe mit Nathalie das riesige Deckbett und wir denken noch über ein paar einfache Hauptgerichte nach. Das meiste scheitert daran, dass ich es gerade nicht vorrätig habe. Letzten Endes lasse ich mir von der Enkelin, als sie zum Deutsch lernen kommt, zwei Eier mitbringen und zaubere eine schnelle Variation einer Quiche Lorraine. Während ich Deutsch-Vokabeln abfrage, taue ich etwas tiefgekühlte Ratatouille auf und mache damit eine verlängerte Tomatensoße und dazu gibt es steak haché und eine riesen Menge pâtes. EASE. Danach Käse und Milchreis. Das kleine französische Mittagessen an einem normalen Freitag. Es bleibt kein Krümelchen übrig. „Danke“ sagen die gefräßigen Kids. „War lecker. Wir freuen uns immer schon. Steak haché und pâtes gibts immer nur bei dir!“ „Ach“, sage ich. „Wie schön!“

Ich sags ja: mehr EASE brauche ich! In einem Jahr sprechen wir uns wieder!


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Drama Baby Drama

Nach fünf grippigen Tagen und Nächten habe ich heute erstmals wieder die Nase vor die Tür gesteckt. Bisschen Luft schnappen und Sonnenuntergang gucken wollten wir. Haben wir auch. Wir liefen an der Pointe Croisette über meterhohe trockene Posidonie und umrundeten das ehemalige Palm Beach Casino. Von vorne sieht es noch halbwegs nach Casino aus, von hinten ist es schon ziemlich verfallen, die Hälfte des P von dem immer noch blau leuchtendem Schriftzug Palm Beach fehlt, gläserne Notausgangstüren stehen mitten im Nichts.

Ich habe für den zweiten Krimi dort noch recherchiert und tatsächlich auch um (wenig) Geld gespielt. Man muss ja wissen, von was man schreibt, nicht wahr. Ich habe sechzehn Euro gewonnen und schon ist das Casino pleite. Nein, natürlich ist es nur umgezogen. Trotzdem geht damit eine Epoche zu Ende. Und was aus dem ehemaligen Casino jetzt wird, Hotelkomplex A oder Hotelkomplex B, Abriss oder Renovation und Erweiterung, das steht alles noch nicht fest. In der Zwischenzeit wird es ein bisschen zu einem „lost place“, zu einem verlassenen Ort, der von Urbex-Fotografen (urbex = urban exploration) entdeckt werden könnte. Ich folge auf Instagram einigen Urbexern, die verlassene Orte dokumentieren und finde das absolut spannend und begeisternd. Ach, wäre ich jünger und mutiger, dann  … aber so begnüge ich mich mit legalen Außenaufnahmen.

Alleine waren wir nicht, windgeschützt hinter der Mauer des Cannes‘ Yacht Clubs picknickten mehrere Gruppen von Menschen, ein Wohnsitzloser schob ein mit Plastiktaschen vollgehängtes Fahrrad in eine Ecke und genoss ebenfalls die untergehende Sonne; vielleicht war er auch an seinem Schlafplatz angekommen, was weiß man schon. Zwei Jungs waren auf Schatzsuche und liefen mit einem Metalldetektor am Strand entlang und gruben hier und da eine Münzen aus. Wir saßen auf zwei verlassenen Gartenstühlen und ich habe quasi alle paar Sekunden ein Foto gemacht, weil es immer noch schöner wurde oder weil gerade ein Fischerboot durchs Bild fuhr und noch eins und noch eins.

Je schöner es wurde, desto mehr Menschen liefen dort herum, stellten sich vor uns, sprachen laut in ihr Handy oder hörten damit quäkige Elektro-Chill-out-Musik. Jeder hat andere Vorstellungen von seinem Sonnenuntergangserlebnis.

Dann war die Sonne weg, es wurde kalt, Monsieur drängte zum Aufbruch (schöner wirds nicht, sagte er) ich aber war entzückt vom rosafarbenen Himmel im Osten und machte Fotos, als ich mich dann wieder umdrehte war der Himmel im Westen dramatisch orange, „warte“ schrie ich Monsieur hinterher, aber er hörte mich nicht mehr.

Noch mehr Autos drängten sich auf den Parkplatz, alle wollten den letzten Rest des Sonnenuntergangs sehen, nur Monsieur hatte genug und bereits den Motor angelassen. Nun gut, der Akku meines Handys war auch so gut wie leer, ich stieg ein. Der Himmel wurde sogar noch dramatisch dunkelrot. Aber davon gibts keine Aufnahme mehr.

Voilà, dramatisch-romantische Abendstimmung zum Jahresausklang. Kommen Sie gut rüber!

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Vom Finden und Verlieren und Wiederfinden des Glücks

(Eigen-Werbung) Falls Sie den Film verpasst haben – hier –> Christine Cazon. Merci!

Dreharbeiten (Foto: ZDF)


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Zwischen Nieselregen und Lichterglanz

Frohe und geruhsame Weihnachtstage wünsche ich Ihnen! Geruhsam! Das hatte mir neulich schon jemand gewünscht, da habe ich nur hysterisch aufgelacht.  Es gab noch so viel zu tun, alles überschlug sich vor meinem Abflug nach Deutschland. Geruhsam! Von wegen.

Jetzt, am vierten Advent, kurz vor Heiligabend, am Schreibtisch in meinem deutschen Dachstübchen-Domizil, mit Blick auf den grauen Himmel und steten Nieselregen, umgeben vom Geläut der nahen Kirchenglocken, jetzt, wo das Gerenne vorbei ist, man wirklich nichts mehr kaufen muss und auch alle dringend benötigten Käsekuchen, alle Laugenbrezeln und Bratwürste schon konsumiert worden sind, jetzt spüre ich, dass es ruhiger wird. „Wenn die Stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch wieder ruhiger“ hat Karl Valentin gesagt. Es ist wohl so.

Falls Sie sich am ersten Weihnachtstag am frühen Abend aus dem grauen Nieselregen davonträumen wollen an die sonnige Cote d’Azur (Achtung Werbung!), dann empfehle ich Ihnen diese Sendung mit Horst Lichter und Hardy Krüger jr. : Horst Lichter sucht das Glück. Die beiden Männer fuhren an der Côte d’Azur entlang und philosophierten über das Leben, die Liebe und das Glück und sie trafen sich mit Deutschen, die dort leben. Die Sonne war übrigens auch an der Côte d’Azur nicht immer präsent während der Drehtage im Mai. Sie merken schon, Christine Cazon war auch dabei! Im kleinen  –> (klick) Trailer sehen Sie die Dame im fuchsiafarbenen Kleid, die kurz verschwommen auf einem Balkon erscheint. Das ist sie. Die Autorin. Ich bin auch schon ganz aufgeregt. Also 25.12., erster Weihnachtstag, 19.15 Uhr, direkt nach der Ansprache des Bundespräsidenten (prominenter gehts kaum!). Schalten Sie ein!

Und jetzt nochmal: Frohe und geruhsame Weihnachtstage! Sie bekommen als weihnachtliche Zugabe von mir heute dieses ewas ruckelige Filmchen der „bewegten“ Krippenlandschaft in der Kirche Notre Dame d’Ésperance im Suquet, der Altstadt von Cannes. Sie stammt aus dem Jahr 1920 und wurde vor ein paar Jahren aufwändig restauriert. Sie ist so detailreich, dass es selbst für mich immer (wieder) ein Erlebnis ist, sie anzusehen.

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Pierre et Jean

Zuerst kamen Pierre und Jean.

der Weg war weit
endlich angekommen


Dann kamen noch drei und dann noch noch einer. Alles Franzosen. Ich hätte so gerne auch einen deutschen Wollsoldaten aufgenommen, das ich bekam nur Franzosen. Pierre und Jean werden hier bleiben. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Die anderen sind, nach einer kleinen Ruhepause, schon weiter gereist an ihr endgültiges Ziel.

Pierre und Jean heißen die vier Kameraden Willkommen.


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Frankreich im Herbst oder Zwischen Gilets jaunes und Adventszauber

stellenweise ist es Winter in Südfrankreich

In Frankreich wird im Herbst ja traditionell gestreikt. Dieses Jahr sind es nicht die Gewerkschaften, die dazu aufgerufen haben, nein le peuple, wie man hier sagt, das Volk, der sogenannte kleine Mann (und die kleine Frau) gehen auf die Barrikaden, weil Macron eine Ökosteuer einführen will und als Erstes das Benzin teurer würde. „Die trauen sich was!“ hieß es vor etwa vier Wochen noch ehrfurchtsvoll in dem einen oder anderen deutschen Forum derer, die Frankreich so lieben. „Die machen das einfach! Toll!“ In der Zwischenzeit hat sich der Ton geändert, nachdem man schon wochenlang Autobahnmautstationen, Kreisverkehre, Supermärkte und Zulieferer blockiert und drei Samstage lang (nicht nur) Paris in Schutt und Asche gelegt hat. „Eine Schande, dass sich das so entwickelt hat!“ heißt es jetzt vorwurfsvoll an der gleichen Stelle. „Und dann auch noch im Advent! Da wollten wir doch nach Paris!“ Aber das ist dem Franzosen egal. Touristen hin oder her, er hat die Nase voll, er fühlt sich nicht gehört von der Politikerkaste und seinen Unmut muss er nun zeigen. Ich sage häufig, man spürt bei den Franzosen noch immer die revolutionäre Vergangenheit. Wir haben 1789 schonmal eine Revolution gemacht. Wir können das auch heute noch! Ich als dauerhaft in Frankreich lebende Deutsche nehme das in der Zwischenzeit so hin und arrangiere mich damit, dass manchmal wochenlang keine Post kommt oder kein Zug fährt und dass man derzeit in Supermärkten vor halb leeren Regalen steht und insbesondere samstags besser nirgends hinfahren sollte, weil man blockiert wird, und wenn man seine gelbe Warnweste nicht solidarisch hinter der Windschutzscheibe zeigt und auch noch ordentlich hupt, steht man als „Streikbrecher“ mindestens doppelt so lang irgendwo herum. Und doch heule ich jeden Abend ein bisschen erschrocken über all die Gewalt und Aggression, die via TV in mein Wohnzimmer schwappt. Viele gewaltbereite Gruppen nutzen die Demonstrationen der Gilets Jaunes, um Autos anzuzünden, Schaufenster zu zerschlagen und Läden zu plündern. Weihnachtseinkäufe der anderen Art.

Was will das Volk? Mehr Geld. Oder zumindest keine neuen Steuern. Keine Reformen. Sie wissen jetzt schon nicht wie sie am Monatsende über die Runden kommen sollen, wie soll es werden, wenn alles noch teurer wird? Heute Abend (im Prinzip gestern, ich hatte gestern schon einen Teil veröffentlicht) hat Macron sich geäußert und einen Teil der Reformen zurückgenommen, verspricht ein steuerfreies 13. Monatsgehalt (dort, wo es das gibt) der Mindestlohn soll um 100 Euro angehoben werden und noch ein paar Kleinigkeiten und vor allem soll der Benzinpreis, um den es ursprünglich mal ging, nicht erhöht werden. Aber den Gilets jaunes reicht es jetzt nicht mehr, sie haben sich gerade schön warmgekämpft. Wenn man in vier Wochen Randale Macron weichkriegen kann, dann machen wir weiter. So unglaublich begeisternd wie Macron im Wahlkampf zu den Menschen sprechen konnte, so wenig kann er es jetzt.  „Macron -Démission!“ wird neuerdings auch skandiert. Obwohl das nichts ändern würde, träte er zurück. Weder die Rechte noch die Linke haben etwas anzubieten, geschweige denn das Vertrauen des Volkes, das Heil wird auch von ganz Rechts oder ganz Links nicht kommen, aber gerade die schütten gerne Öl ins Feuer. Mélenchon hat schon dazu aufgerufen, am Samstag wieder zu demonstrieren.

Mit Vernunft kann man hier gerade nicht viel erreichen. Umdenken, weniger Auto fahren oder Fahrgemeinschaften gründen, ach was. Wir wollen, dass alles so bleibt. Dass man die Probleme (und die Staatsverschuldung) so den kommenden Generationen aufhalst, will keiner hören. Viel Unsachliches wird auch von ansonsten Vernünftigen geäußert. Was die Röcke von Brigitte Macron kosten zum Beispiel. Dass der Elysee mit seinem royalen Gehabe sich verschlanken könne und durchaus ein paar tausend Beamte weniger vertragen könnte, mag zwar sein, aber kein Beamter will davon betroffen sein.

Nun gut, sprechen wir von etwas anderem. Es war Weihnachtsmarkt in den Bergen. Schon letzte Woche bin ich für zwei Tage dorthin gefahren (natürlich nicht am Samstag!), um der Freundin, die sich dieses Jahr mit der Organisation noch mehr allein gelassen fühlte als sonst, und unter der Last der Planung zusammenzubrechen drohte, zu helfen.

auf dem Weg in die Berge
unterwegs: Touette sur Var
ein Plaqueminier, die Früchte heißen Kakis

Am Telefon hatte sie geklagt, dass alle versprochen hätten zu helfen, aber keiner bislang etwas täte, es sei noch so viel zu tun und nichts passiert. „Wir haben noch keine Bäume geschlagen und jetzt wird es gleich zu kalt dafür sein. Vielleicht wird es sogar schneien!“, jammert sie. „Es reicht ja nicht, die Bäume zu schlagen, wir müssen sie auch aufstellen und schmücken! Die Lichterketten müssen im Dorf aufgehängt werden! Der Gemeindesaal muss geputzt und dekoriert werden, die Tische müssen gestellt und und gedeckt werden. Das Kellergewölbe, in dem alljährlich Glühwein ausgeschenkt wird, steht noch voller Gerümpel. Wer wird in der Auberge sein, um dort den Kartenspielern bei dem nachmittäglichen Bélote-Wettbewerb Kaffee und Tee anzubieten? (denn auch der letzte Aubergist ist nach zwei Jahren, Ende Oktober, wieder gegangen) Und ich habe noch kein einziges Plätzchen gebacken!“ Sie hat viele Sorgen, aber ich muss dennoch lachen. „C’est la France!“, sage ich.So ist es doch immer, am Ende werden sie doch alle etwas tun und es wird fertig, glaub mir!“ Ich fahre aber dennoch hoch, und wir sehen zusammen den Gemeindesaal an, der immerhin schon ansatzweise geschmückt ist, entrümpeln das Gewölbe und verstecken alles andere hinter Stoffbahnen und Vorhängen. Wir überlegen, planen und dekorieren das Gewölbe und den Saal, und wir schmücken auch noch den großen Weihnachtsbaum am Brunnen und erstaunlicherweise macht es mir nach acht Jahren, oder sind es schon neun? auch wieder richtig Spaß, das zu tun. Abends lese ich ihr den Text vor, den ich anlässlich unseres ersten Weihnachtsmarkts geschrieben hatte. „Ach“, sagte sie, „so war das?“ „Ja“, sage ich. „Es ist jedes Jahr so, du bist nur dieses Jahr etwas empfindlicher, deswegen spürst du es so sehr.“

Le village

Ich verspreche, mich in der folgenden Woche um den Gemeindesaal zu kümmern, damit sie diese Sorge komplett los ist, und werde auch am Weihnachtsmarkttag in der Auberge sein. Außerdem will ich überall präsent sein, wo Not am Mann bzw. an der Frau sein könnte. Wir bleiben in den folgenden Tagen in engem Kontakt, ich segne von Weitem Dinge ab und gebe Ermutigungen. In Cannes erwerbe ich noch etwas Deko für den Eingang der verlassenen Auberge und backe Christstollen und Springerle und Gewürzsterne. Am Donnerstag reise ich mit Mann und dem vorbereiteten Essen für drei Tage wieder an. Ich will der Freundin nicht noch zumuten, für uns mittags und abends zu kochen.

Auberge Deko

Und dann gehts los. Waren wir in der Vorwoche noch allein, so sind jetzt doch schon ein paar Menschen im Dorf. Die Pinguine am Brunnen wurden zwischenzeitlich von einer Omi mit Schals bestrickt.

bloß kein Halsweh bekommen!
Der Wolf bekam auch einen Schal
eine Brieftaube?

Jemand hat die 120 Teller und das Besteck im Gemeindesaal schon gespült. Jetzt treffen wir uns, um  Tische und Stühle aufzustellen. Ich hatte tatsächlich vergessen, wie es hier ist. Nicht nur, dass es ein logistisches Tische-Stühle-Platzproblem zu bewältigen gilt, nein, jeder Neuankommende findet die bestehende Tisch- und Stuhlanordnung aus diesem und jenem Grund nicht gelungen. Il faut pas faire comme ça! So gehts nicht, warum auch immer und wir schieben und rücken, wechseln runde Tische gegen rechteckige aus und schon wieder kommt jemand dazu und hat noch eine andere Idee: „Mais pourquoi vous le faites comme ça? Warum macht ihr es so? So wird es nie was!“ So ist es übrigens bei allem, bei ALLEM, was es zu tun gibt, immer wird man ruppig gefragt, warum man es ausgerechnet so mache, oder die andere weniger aggressive Variante, mit dem erstaunten Ausdruck „ach, so machst du das?“

Kellertür
noch eine Kellertür

Und nein, man antwortet darauf nie, wirklich nie „Ich mache es so, weil ich es so mache und basta!“ oder etwas vergleichbares. Das gehört sich nicht. Immer hört man den Vorschlag des anderen an, diskutiert seine Idee respektvoll und versucht, sie umzusetzen, schon um zu zeigen, dass es so dann doch nicht geht. Hab‘ ich dir gleich gesagt, dass es so nicht geht. So ist es hier. In meinen ersten Jahren war ich fassungslos, wieviel Zeit man damit verplempern kann, Tische zu stellen oder ein Zelt aufzubauen und wieviel dabei geredet werden muss. Das weiß man doch nach ein paar Jahren wie es geht, oder? Das haben wir doch letztes Jahr auch so gemacht. Was muss denn da immer wieder aufs Neue diskutiert werden? Mich ermüdete das. Dann ging ich fort aus diesem Dorf und vergaß all das. In Cannes trat ich zwar auch in den einen oder anderen Verein ein, denn so macht man das hier, aber nirgends bin ich wirklich so drin wie in meinem Dorf bei den Écureuils en marche (den „marschierenden Eichhörnchen“, so heißt der Verein, den wir gegründet haben) und ich engagiere mich auch nirgends so wirklich. Jetzt bin ich also wieder da und erinnere mich. Stimmt, so war das hier. Und es ist immer noch so.  Noch finde ich es amüsant.

Réunion d‘ Écureuils

Als ich beginne, die Tische festlich zu decken, kommt die Weihnachtsmarktorganisationsfreundin hinzu. „Ach so machst du das?“, sagt sie schockiert, als ich zwei große Bahnen Papier für einen Tisch zurechtschneide. Aha. Sie auch. „Wie soll ich es denn deiner Ansicht nach machen?“, frage ich, wie ich es gelernt habe, zurück. „Na, ich dachte so …“, sie erklärt mir ihre etwas mühsame, aber papiersparende Technik, denn wir haben vielleicht nicht genug rotes Papier. Ich will nicht dominant sein und sage, na gut, dann machen wir es so. Richtig schön wird es nicht, es ist ein ziemliches Gewurschtel. Ich muss dann übrigens, Sparsamkeit hin oder her, auch eine banale weiße Rolle Papier für drei Tische anbrechen. Tischläufer haben wir überraschenderweise auch nur für drei Tische. Drei. Wir haben sieben Tische. Wir müssen sehr viel diskutieren. Nachmittags bin ich wieder im Saal, dieses Mal kommt eine andere Dame hinzu, die nicht nur gekränkt ist, weil Monsieur morgens schon die Fenster des Saals geputzt hat, denn das wollte sie doch machen, ich entschuldige mich mehrfach für Monsieurs Übereifer, sie nimmt es gnädig an, muss aber ihre Unzufriedenheit mit der klassischen Frage „Aber warum hast du die Tischdecken so hingeklebt?“ zeigen. „Wäre es nicht besser, zwei Bahnen zurechtzuschneiden, als dieses komische Gewurschtel, das sieht doch nichts aus!“ Langsam finde ich es nicht mehr ganz so amüsant und werde, zugegeben, etwas mürrisch. Ich sage, dass man es mir so aufgetragen habe. „Nein, nein“, entscheidet sie und zerrt ein bisschen an der Tischdecke, bis sie einreißt. „Siehst du, das geht so nicht!“ Ich reiße entnervt die gestückelte und nun auch noch zerrissene weiße Papiertischdecke wieder vom Tisch, während sie ohne Punkt und Komma weiterredet: „Wieso überhaupt dieses weiße Papier? Es sieht so unfestlich aus. Und wieso ein weiß-roter Tischläufer auf den weißen Tischen? Die Bürgermeisterin mit ihren Gästen muss an einem der roten Tische sitzen, die weißen Tische sind ja überhaupt nicht schön, das Rot ist schön, zwei Farben habe ich gesagt, zwei Farben, damit es eine Harmonie gibt, drei Farben sind Karneval.“ „Aber wir haben doch zwei Farben“, erwidere ich, „Rot und Weiß.“ Aber es ist nicht richtig angelegt, ihrer Ansicht nach, der weiße Tischläufer muss auf jeden Fall auf die roten Tische. Sie schüttelt sorgenvoll den Kopf. Der Saal wird nach nichts aussehen. Nun stellt sie Berechnungen an, wie man im nächsten Jahr Papierrollen kaufen könnte, die größenmäßig besser an die Tische angepasst sind, ohne dass es zu so viel Verschnitt kommt. Sie verschwindet und kommt mit einem Metermaß wieder und misst die Tische aus und die Papierrollen und rechnet, und sie schreibt alles auf einen Zettel, den sie im nächsten Jahr um diese Zeit sicher nicht mehr findet. In der Zwischenzeit fange ich an, Teller, Besteck und Gläser zu decken. Wir diskutieren noch einmal über die Lage der Gabel. Mit den Zinken nach unten oder nach oben? Wie sollen wir die Servietten falten? Und noch einmal diskutieren wir die Farbfrage. Weiße Servietten auf die roten Tische? Glücklicherweise muss ich jetzt helfen die Zelte auf dem Dorfplatz aufzustellen und kann sie einen Moment alleine lassen.

Blick aus dem Fenster


Auf dem Dorfplatz ist es nicht besser. Warum denn jetzt fünf Zelte auf dem Dorfplatz aufgestellt werden sollen? Waren es nicht immer nur vier? Jemand zieht mich zur Seite und sagt in vertraulichem Ton: „Es sieht nichts aus, wenn da fünf Zelte stehen und niemand stellt etwas aus. Wer kommt denn überhaupt alles? Der Fromager kommt nicht, heißt es. Und die Töpferin auch nicht. Stimmt das? Das wird eine jämmerliche Angelegenheit dieses Jahr, euer Weihnachtsmarkt, pôpôpôh“ macht er mit heruntergezogenen Mundwinkeln, „und in Guillaumes ist zusätzlich Foire, da kommt sowieso keiner hier hoch, glaub‘ mir, ihr hättet es besser ausfallen lassen sollen …“ Glücklicherweise weiß ich in der Zwischenzeit, was ich von diesem Miesmacher zu halten habe, vor acht (oder neun) Jahren hat er mich schrecklich destabilisert, aber jetzt zucke ich nur mit den Schultern. „On verra“, sage ich. „Das sehen wir noch“ „Das wird nix“, schüttelt er wieder den Kopf, und läuft gebeugt und miesepetrig davon.

Später hilft mir Monsieur im Gemeindesaal beim Servietten falten und ich werfe, mit hysterisch ausgestoßenen „Dior!“-Rufen, wahllos etwas Deko auf die Tische. Das wird zumindest von der Organisationsfreundin halb kritisch, halb bewundernd so behauptet. Sie hatte allerhand Tischläuferreste von den letzten Jahr zusammengesucht und die Tische sehen insgesamt etwas heterogen, aber durchaus kunstvoll aus. Also immer im Rahmen dessen, was möglich ist, nicht wahr. Um den Ereignissen vorzugreifen, die Bürgermeisterin sitzt dann abends doch an einem der weiß gedeckten Tische, weil sie ihn so edel findet :-)

Kürzen wir etwas ab. Alles wird gut. Es ist kalt, aber die Sonne scheint und der Sturm, der nachts beinahe die Zelte weggeweht hatte, hat nachgelassen. Nein, der Fromager kommt wirklich nicht, er hat einfach keinen Käse mehr zu verkaufen, die Töpferin kommt, wie erwartet, auch nicht, die ist in der Weihnachtsmarktkategorie aufgestiegen und stellt jetzt in Nizza aus, aber wir haben dennoch genug Aussteller, die Bastelarbeiten der zwei Grundschulen im Tal bekommen einfach etwas mehr Raum und auch die Frau, die die Kinder schminkt.

Wir haben auch Musik, denn die Musikbeauftragte kam am Freitag schon aus Toulon, um der Samstagsblockade zu entgehen (Toulon und Marseille sind zwei „harte“ Streikzentren). Dass ich am Vortag noch für den Fall des Falles stundenlang Weihnachtsmusik auf einen USB-Clé gezogen habe, tant pis. Wir haben Süßes und Salziges im Angebot, dazu handgearbeitete Türkränze, Duftkerzen, Geschnitztes aus Holz, es gibt eine Tombola, man kann eine Reise oder ein Essen gewinnen.

Ein Dorfbewohner röstet Maronen, ein anderer macht, obwohl er noch nicht lange wieder aus dem Krankenhaus zurück ist und noch an Krücken geht, die traditionellen Créspés (frittierter Brotteig), es gibt heiße Schokolade, Kinderpunsch und Glühwein.

Glühwein und Kinderpunsch
Das Lebkuchenhaus

Und eine Dorfbewohnerin hat, wie jedes Jahr, ein Lebkuchenhaus gebacken, das am späten Nachmittag mit den Kindern aufgegessen werden wird. Und der Nikolaus kommt mit seinem Esel, und nicht zu spät, wie befürchtet (die Krepppapierblumen an seinen Körben, wurden auch im Dorf handgearbeitet!) und wie durch ein Wunder wuseln plötzlich jede Menge Kinder durch das Dorf , die von ihm Mandarinen und Schokolade bekommen und den Esel streicheln dürfen, und die Kleinen dürfen auch auf dem Esel sitzen und durch das Dorf reiten.

St. Nicolas und sein Esel

Tatsächlich sind doch viele Menschen von Guillaumes und anderswo gekommen, der Nikolaus mit seinem Esel ist eine tolle Attraktion. Mittags schenken wir die Gemüsesuppe kostenlos aus, damit die Menschen auf dem Platz bleiben und nicht alle stundenlang zum Essen verschwinden und nicht mehr wieder kommen. Ich rede mit allen, vor allen mit denen, die ich nicht kenne und kaufe jedem etwas ab, so gehört sich das, sonst kommt nächstes Jahr gleich keiner mehr. Ich habe am Ende jede Menge Weihnachtsgebäck, einen von Grundschulkindern reizenden selbstgebastelten Mini-Weihnachtsbaum und andere Kleinigkeiten, ein Armband, einen hölzernen Kochlöffel und hausgemachten Essig und Kräuter, die ein langes Leben versprechen. 

Um halb drei beginnt ein Kartenspielwettbewerb in der Auberge und ich stehe nun hinter der Theke und serviere Tee und Kaffee und Limonade. Ich mache das so selbstverständlich, dass mich alle behandeln, als sei ich immer noch hauptamtliche Aubergistin. „Was trinkt denn Charlotte normalerweise?“, fragt mich ein Herr, der seiner Kartenspielpartnerin ein Getränk ausgeben will. Ich weiß es aber tatsächlich nicht, Charlotte war zu meiner Zeit nie in der Auberge, aber das sage ich nicht, empfehle hingegen ein Mineralwasser und liege nicht falsch. Ob ich nicht ein Schnäpschen in den Kaffee gießen könnte, werde ich von einem anderen Herrn gefragt, das kann ich leider nicht, mein Angebot ist auf einen plauschigen alkoholfreien Nachmittag beschränkt. Und ich habe auch keine leeren Plastikflaschen abzugeben, wie eine ältere Dorfbewohnerin, hofft. Sogar die Bürgermeisterin schlägt mir vor, die Auberge wieder zu übernehmen – das wärs doch, meint sie, und im Winter hätte ich sogar noch genug Zeit zum Schreiben.

Dann muss ich den Dienst in der Auberge aber doch kurzzeitig jemand anderem übertragen, denn in der Kirche müssen zwei Lieder geprobt werden und meine Stimme wird benötigt.

Wir bereiten ein Chanson von Aznavour vor und eines von Patrick Fiori (Les gens qu’on aime:  sagen wir den Menschen, dass wir sie lieben, so lange wir sie noch haben), und während wir noch üben, kommt schon le diacre, der Diakon, denn auch der junge Pfarrer hat seine Soutane (vorübergehend) an den Nagel gehängt und befragt sich irgendwo an einem Rückzugsort, ob er wirklich für das Priesteramt gemacht ist. Der Diacre ist gleichzeitig der Landarzt des Tals, so ist das hier. Er findet es schön, dass wir singen wollen und ist auch einverstanden, dass wir nach der Andacht in der Kirche noch den Apéro nehmen. „Das Haus Gottes ist für die Menschen gemacht“, sagt er.

Die Andacht ist so gut besucht wie selten (das liegt sicher auch am versprochenen Champagner-Apéro), es ist stimmungsvoll und nur mit Kerzen erleuchtet, wir singen die vorbereiteten Lieder und manch einer wischt sich ein Tränchen aus dem Auge. Nach dem Apéro ziehen wir in den Gemeindesaal. Das Essen wird dieses Jahr, mangels Aubergist, vom jungen Metzger des Nachbarorts ausgerichtet. Ich weiß, wie schwierig die Verhältnisse für den Service in diesem Saal sind und bin voller Bewunderung. Sie sind nur zu zweit und machen das perfekt, lecker ist es auch.

ohne Foie gras geht hier nichts

Danach wird spontan getanzt, die ersten klappen schon die Tische zusammen und zackzack werden die so mühevoll angeklebten Tischdecken abgerissen, zusammengeknüllt und die eben noch bewunderte Tischdeko weggeworfen und während andere noch den Kaffee trinken, wird in einer Ecke schon gehoppst. Sogar die Organisationsfreundin kann jetzt, wo alles gut gelaufen und fast vorbei ist, erleichtert lachen und ein bisschen tanzen, zum ersten Mal seit langer Zeit, sehe ich sie wieder so fröhlich. Wie wunderschön. Alle sind froh und zufrieden. Der Weihnachtsmarkt war ein Erfolg. Na klar. Und nächstes Jahr machen wir es wieder. Und ich bin dabei. Logisch.






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