Berlin

cl5_cqzwkaabseiIch wollte nichts zu Berlin sagen, weil ich dachte, das würden andere schneller und besser machen können. Ich lebe schon so lange nicht mehr in Deutschland, ich kann so vieles nicht mehr richtig einschätzen. Ich wollte nicht belächelt und mit einem abwinkenden, „ach du, du lebst hier doch gar nicht mehr, was weißt du schon, wie es hier ist“ bedacht werden. Nein, ich weiß nicht, wie es in Berlin und überall in Deutschland ist. Wie das Leben dort aktuell ist, mit allem, was Sie beschäftigt und umtreibt.

Berlin kenne ich noch aus Mauerzeiten, ich kenne es kurz nach der Maueröffnung, als man für einen kurzen Moment dachte, alles, wirklich alles sei möglich, und ich war immer wieder in Berlin. Ich habe liebe Freunde in Berlin. Ich mag Berlin. Ich habe mich dort immer sehr frei gefühlt.

Ich weiß nicht, wie das Leben in Deutschland und Berlin ist, aber ich weiß aus Frankreich, wie sich das Leben nach einem Attentat anfühlt. Fassungslos. Traurig. Angstvoll. Es bricht einem das Herz. Und die Angst kriecht einem den Nacken hoch. Und alles verklumpt sich zu einem komischen Gefühlsgemisch und man denkt und sagt so allerhand Unqualifiziertes. Ich wünsche uns allen (immer wieder) einen wachen Geist, um nicht in diesem Nebel aus unklaren Gefühlen, Angst, Traurigkeit und vielleicht auch Hass steckenzubleiben. Und den Mut weiterzuleben. Rauszugehen, auf Weihnachtsmärkten Glühwein zu trinken, laut Weihnachtslieder oder was auch immer zu singen und zu leben. Lassen wir uns nicht einschüchtern! Und lassen wir nicht dem Terrorismus das letzte Wort!

Und deswegen schreibe ich jetzt doch etwas.

Denn ich finde es unerträglich zu hören oder zu lesen,  es sei Merkels Schuld, ihre Flüchtlingspolitik sei Schuld oder es seien „die Toten Merkels“! Unerträglich! Es sind die Toten des Atten-Täters und des IS (hier sagt man Daesh). Es sind die Toten des Terrorismus! Voilà, das wollte ich wenigstens einmal laut gesagt haben.

Eigentlich wollte ich Ihnen geschrieben haben, dass Weihnachten dieses Jahr bei mir ausfällt. Endzeitstimmung mal wieder. Das war sogar noch vor Berlin. Nach allem, was passiert ist und mit diesen entsetzlichen Bildern aus Syrien im Kopf. Weihnachten kann ich dieses Jahr nicht. Dazu kam, selbst wenn Sie mich lächerlich finden wollen, dass es hier so warm war und die Sonne schien, das passt für mich nachwievor nicht zu einem weihnachtlichen Gefühl. Das Jahr war anstrengend, die Adventszeit zu kurz, ich bin zu spät für Geschenke, Ideen habe ich auch nicht und mir ist das Geschiebe und Gedränge in den Läden lästig. Geschenke, ach je. Ich hatte auch keine Weihnachtsdeko. Die angeheirateten Enkelkinder sind jetzt schon so groß, dass sie bei der sich im Kerzenschein drehenden Weihnachtspyramide nicht mehr in Verzückung geraten, das Weihnachtsessen findet nicht bei uns statt (ich habe mich dezent zurückgehalten), Monsieur ist es eh wurscht, muss also alles nicht sein, tant mieux. Umso besser. Mein Back-wahn hat sich mit den missratenen Christstollen erschöpft. Weihnachtskarten werde ich wohl erstmals auch nicht schreiben, was soll man auch wünschen in diesen Zeiten?! Weihnachten fällt aus. Basta.

Aber wissen Sie was? Gestern kam ein verspäteter Adventskalender und viele Texte darin rührten mein Herz, heute kam ein Päckchen mit deutschen Plätzchen und deutscher Weihnachtsdeko einschließlich echter Tannenzweige, so dass ich beschloss, nun doch die Weihnachtskrippe aufzubauen und ein bisschen zu dekorieren, nicht für die Kinder, nein, für mich, um mein verzagtes inneres Kind leicht im Arm zu wiegen. Und tatsächlich gab die sparsam verteilte Weihnachtsdeko den heute einzigen Anlass zum Lächeln: die schon so lethargisch gewordene Katze hat sich nämlich wie wild auf die Goldsterne gestürzt und einen nach dem anderen vom Tisch gefegt. Ha! Sie sah mich danach triumphierend an. „Die Goldsterne haben angefangen“, sagte sie leichthin und leckte sich ausgiebig die Pfoten. Natürlich. Die Aggressivität von Goldsternen ist ja bekannt. Früher lief die Katze auch gern durch die Krippenlandschaft und kickte abwechselnd die Plastikschafe oder den armen Josef vom Regal.

Ich hielt das Jesuskind in der Hand und zögerte – hier baut man die Krippenlandschaft früh auf, legt das Jesuskind aber erst in der Heiligen Nacht in die Krippe. Aber ich legte es entschlossen jetzt schon hinein. Das ist doch die Weihnachtsbotschaft: Jesus, das Kind in der Krippe, Liebe. Vielleicht glauben Sie das alles nicht, mit dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, und der unbefleckten Empfängnis undsoweiter, müssen Sie auch nicht, aber das, was das Christentum auszeichnet, ist doch die Liebe. Die Liebe, die mit Jesus Christus in die Welt kam. Und Liebe brauchen wir wohl mehr denn je. Viel viel Liebe. Davon kann man gar nicht genug bekommen. Das ist die Botschaft dieser Tage, würde ich meinen. Lieben gegen alle Widerstände, Jesus hat das gemacht, wir können das auch machen, Guerilla Loving sozusagen. Ich glaube, Weihnachten findet doch statt.

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Christine sieht das übrigens genauso!

 

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Der Himmel über Paris … la fin

im NebelIch hatte mir ja extra diesen „Wo mache ich Pipi in Paris?“-Führer gekauft, ihn aber nur einmal mitgeschleppt und dann brauchte ich ihn nichtmal, oder sagen wir, indirekt vielleicht schon, denn, einmal aufs Thema fixiert, fand ich öffentliche Toiletten erstaunlich oft. In Parks, an Metrohaltestellen, unter Brücken und hier und da. Einmal,

Parc Georges Brassens Katzenbücher Flohmarkt Brel Ferret Brassens

im 15. Arrondissement, ganz nahe am Parc Georges Brassens (das ehemalige Schlachthofgelände, dort war ein Bücherflohmarkt und ach, über Brassens sollte ich auch einmal schreiben!) habe ich dann auch ein vollautomatisches Häuschen benutzt. Gratis übrigens, ganz anders als in Cannes. So richtig weiß man ja nie, was einen darin erwartet, aber es war total sauber. Wird nach jedem Benutzer vollautomatisch gereinigt. Man muss aber immer abwarten, bis das Lichtchen neben der Eingangstür grün leuchtet. Und wenn man drin ist, verriegelt sich die Tür auch ganz von alleine. Man muss gar nichts tun, draußen leuchtet derweil das Besetztzeichen. (Das hat mir natürlich Monsieur bestätigt, ich war ja nicht gleichzeitig drinnen und draußen, logisch nicht wahr?!) Ich habe ja immer so ein bisschen Angst, dass die vollautomatische Reinigung einsetzt und man komplett durchnässt herauskommt (irgendwo habe ich das mal gelesen), aber so etwas passiert wohl nur, wenn man nicht auf die Lichtchen an der Eingangstür achtet. Also, anders als an Fußgängerampeln, geht der Franzose hier wirklich nur bei Grün los.

toilette publique Eingang Lichtchen Blick nach innen

Ich ließ mich diesmal, abgesehen von den touristischen Besuchen im Picassomuseum, dem Eiffelturm und der Fondation Louis Vuitton, zumindest, wenn ich alleine war, einfach treiben.

dsc01157 dsc01156 dsc01155 dsc01151allemand Bistro soupe de tears cafe gourmand

Lief in unspektakulären Wohnvierteln herum und freute mich über viele kleine Alltagsszenen, die ich dabei entdeckte. Einmal fragte mich eine junge Französin nach dem Weg. Eine Französin fragte MICH nach dem Weg!

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Ich habe zum ersten Mal auch Fahrradfahrer bewusst wahrgenommen. Es gibt sogar Fahrradwege in Paris. Die Fahrradkuriere sausen natürlich jenseits aller Fahrradwege in einem Affenzahn auf ihren Rennrädern quer über sämtliche Kreuzungen, sogar um den Arc de Triomphe hüpfte einer inmitten des mehrspurigen Autoverkehrs slalomartig herum. Zu schnell für meine Kamera waren sie fast alle. Es gab hin und wieder auch sportliche Trittrollerfahrer, neben den vielen rollernden Kindern, die ihre Roller vor der Ecole Maternelle geparkt hatten. Ich sah aber auch Mütter, die ihre Hollandfahrräder mit Kindersitzen in der Nähe von Metrostationen angeschlossen hatten, und sich abends mit Kind und Einkaufstaschen aufs Rad schwangen. Mutig. Alle.

KIndersitz Kurier Räder drei Rad

Das Berührendste erlebte ich am letzten Tag. Angezogen von bunten Herzen und Kerzen am Zaun eines Parks entdeckte ich einen Erinnerungsort für den dort vor kurzem verstorbenen Obdachlosen Georges H. Er, ein SDF (sans domicile fixe), hatte in diesem Park gelebt, war also kein SDF im wortwörtlichen Sinn, denn er hatte ja ein „domicile fixe“, einen festen Wohnsitz, nur war er unter freiem Himmel: in diesem Park eben. Die liebevollen Zeichen, dass an ihn gedacht wurde, haben mich sehr berührt.

k800_dsc01445 Ami stairway to heaven SDF 

Klammer auf: Man kann vor Weihnachten ja nicht ohne eine Botschaft und so, tut mir leid, aber da müssen Sie jetzt durch. Also, ich freute mich, dass man an diesen verstorbenen SDF so freundlich dachte, und vielleicht, es klingt auf den Zetteln zumindest so, war man auch freundlich zu ihm, als er noch lebte. Denn das ist ja das Wichtigere, nichtwahr. Es gibt viele SDF’s in Paris, und sicher auch in Ihrer Stadt, ich muss Ihnen da nichts erzählen. Manche schlafen in der Metro. Manche stehen vor einer Bäckerei, wenn sie Hunger haben. Deutliches Zeichen. „Hö“, machen Sie vielleicht, „mach erst mal selber was!“. Hab‘ ich. Mache ich. Ich kann nicht allen helfen und nicht die ganze Welt retten, aber ich unterstütze einen Mann und eine Frau hier in Cannes. Immer mal wieder, und auf jeden Fall immer, wenn ich an ihrem Standort vorbeikomme. Und die Frage, ob sie etwas (Besonderes) brauchen, oder ob sie sich was wünschen (zu Weihnachten) stelle ich auch mal. Geht ganz einfach. Kann man dann vielleicht nicht erfüllen (bei neuen Zähne musste ich passen, ich kenne keinen Zahnarzt, der so etwas übernehmen würde), aber er hatte sich gefreut, dass ich gefragt hatte. In Lille hat letztes Jahr ein Student eine schöne Aktion angeleiert. Und es gibt ganz viele andere dieser Art, gerade jetzt, wenn Sie sich alleine nicht trauen, möglicherweise. Wobei es nicht ehrenrührig ist, sich jemanden zu suchen, der einem sympathisch ist, denke ich. Ich bin nicht sicher, ob ich stark alkoholisierte Männer liebevoll unterstützen könnte. Ich schreibe das, weil ich gerade etwas gelesen habe. Aber das können vielleicht andere. Abschließend noch ein Kapitel der Geschichte eines deutschen Freundes, der auch ein paar Jahre als SDF unterwegs war, und den es nach Marseille verschlagen hat. So. Reicht schon. Klammer zu.

Zuguterletzt fotografierte ich schnell noch das kleine Häuschen, das unserem Pariser Domizil gegenüberstand. Eigentlich wollte ich nur diesen Kontrast des kleinen Häuschens neben den herrschaftlichen Häusern festhalten, und ging dann doch näher ran, um die verschiedenen Plakate an der Fassade zu lesen. Eine Fahne hatte sich über der Tür verhakt. Was war das? Ein Handwerksbetrieb vielleicht?

kleines Haus

Nein, zu meiner Überraschung war und ist es eine Grundschule. Ich überflog die Anschläge zu den Schulaktivitäten und Ferienzeiten und blieb dann an einer schwarzen Marmortafel hängen, die ebenfalls dort angebracht war. Mehr als 80 kleine jüdische Kinder aus dem Viertel wurden von hier zwischen 1942 und 1944 in Konzentrationslager verschleppt. Keines von ihnen hat überlebt.

gedächtnisltafel

Ach. Es trifft mich, dass sich das genau gegenüber des Hauses, in dem wir logierten, ereignet hat. Als hätte ich etwas ändern können. Wenn ich nur schon dagewesen wäre, vor mehr als siebzig Jahren. Ne les oublions jamais. Vergessen wir sie nie, lautet der letzte Satz auf der Gedächtnistafel.

Das war Paris. Sie merken schon, lauter fröhliche Geschichten, es geht in Riesenschritten Richtung Weihnachten, auch wenn die Welt da draußen schlecht ist. Ich will versuchen, meine unweihnachtliche Stimmung noch rechtzeitig in einen Text zu fassen. Anschließend will es ja sonst wieder keiner lesen. Also, bis dahin!

Und dann passierte Berlin. Der Text ist seit Sonntag Abend fertig und war auf „Dienstag früh veröffentlichen“ gesetzt. Ich wollte Sie nicht so zuknallen mit Paris und habe ihn daher nicht schon montags in die Welt geschickt. Heute Abend, nachdem ich andere Blogs gelesen habe, habe ich noch etwas ergänzt. Aber jetzt interessiert Sie das Geplänkel aus Paris natürlich nicht mehr. Ich frage mich, ob ich den Text gar nicht veröffentlichen soll?! Oder später? Wann? Ich schicke diesen Text jetzt raus. Still und leise, mitten in der Nacht. Damit das Paris-Thema fertig ist, und weil es darin auch um Themen geht, die mir wichtig sind. Dann werde ich mal einen Moment schweigen, vielleicht. Ich fühle mich nicht berufen, etwas zu Berlin zu sagen. Weder heute noch in den folgenden Tagen. Ist ja auch noch alles nicht klar. Ich bin erschüttert und triste. Ich bin ein Berliner. 

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Der Himmel über Paris … Teil 3

Arc de Triomphe

Es war grau und später regnete es, als ich mich zur Fondation Louis Vuitton in den Bois de Boulogne aufmachte. „Schau dir dort unbedingt die Ausstellung in der Fondation Vuitton an“, sagte mir eine Freundin, als ich erzählte, wir würden gleich nach Paris fahren. War mir peinlich, ich hatte nicht mal den Hauch einer Ahnung, was und wo die Fondation Louis Vuitton sein könnte. Sieh an, es ist ein Kunstort, den sie heimlich hinter meinem Rücken in Paris gebaut haben. Was habe ich eigentlich im Oktober 2014 gemacht, als das Gebäude, erbaut vom Architekten Frank Gehry, eingeweiht worden ist? Alle Feuilletonartikel in der Zeitung verschlafen? Mein erstes kulturelles Loch hatte ich ja, als ich fünf Jahre in meinem Bergdorf gelebt habe. Den Anschluss an verpasste Filme, Ausstellungen und Kunstevents habe ich nie mehr geschafft, es auch nicht gewollt, wenn ich ehrlich bin. Dass ich in den fünf Jahren ganz gut gelebt habe und die Erde sich auch weitergedreht hat, obwohl ich weder aktiv noch passiv am Welt-Kulturgeschehen teilgenommen habe, war überraschend. Monsieurs Kulturloch ist noch viel größer, fünfzehn Jahre lang hat er in einem korsischen Dorf gelebt. Was in den Achtzigern auf dem Kontinent passiert ist, davon hat er so gut wie keine Ahnung. Aber als er zurückkam, war es für ihn schwierig, den Anschluss zu finden. Ganz generell, an das Leben „auf dem Kontinent“. Ich schweife ab. Die Fondation Vuitton also. Die Sammlung Chtchoukine. Sollte toll sein. Ich hatte eine Karte (Monsieur hatte nur müde abgewinkt) vorab bestellt, damit ich mir das Schlangestehen am Ticketschalter ersparen konnte. Pustekuchen. Ich musste schon am Arc de Triomphe für den kleinen Shuttlebus Schlange stehen.

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Und dann stand ich, trotz Vorabticket, in einer der drei Schlangen (Schlange A: ohne Ticket, Schlange B: mit Ticket Einlass zur vollen Stunde, Schlange C: mit Ticket Einlass zur halben Stunde) an, und, ehrlich gesagt, waren die Besucher ohne Ticket diesmal schneller drin. Welche Schmach. In meiner Schlange schafften wir es aber gerade auch noch vor dem Regen. Überdacht ist da nämlich nix. Man steht vor diesem Luxusgebäude, das aussieht wie ein Schiff mit geblähten Segeln, im Freien herum und muss zunächst durch einen Sicherheitscontainer.

Schlange vor der FLV

Ich hatte tolle Fotos von dem Gebäude gesehen. Komischerweise waren die weißen „Segel“, die man auf allen Fotos sieht, jetzt bunt gefleckt und wirkten selbst an, oder auch wegen, dem grauen, sonnenlosen Wintertag gar nicht fröhlich, nur irgendwie plastikmäßig.

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Man konnte sich auch nicht wirklich so richtig vom Gebäude entfernen, um einen Eindruck von Weitem zu bekommen, denn drumherum ist ja überall Wald.

Bois de Boulogne

Der Bois de Boulogne ist ein richtiger Stadtwald, zerschnitten von Schneisen und Wegen und Straßen, aber eben Wald. Mit einem zweifelhaften Ruf, das wissen Sie vielleicht. Aber ich wollte ja auch keinen Waldspaziergang machen, sondern die Ausstellung ansehen.

von weitem

Drinnen im Schiffsgebäude war alles groß, hoch und leer. Wir wurden in engen, abgsperrten Wegen mit sehr viel Sicherheitspersonal über drei Etagen zur Kunst geleitet. Es ging nur vorwärts. Und es war voll. Man sah schon wieder nur Menschen vor der Kunst und nicht die Kunst selbst. Ich war in Nullkommanix schon wieder genervt und marschierte eher unwillig durch den ersten Saal mit Porträts und, wie nennt man von sich selbst gemalte Porträts?! Autoporträts?! Sagt man das? Wie dem auch sei: diverse (und ausschließlich) Herrenköpfe.

Picasso

Van Gogh

Menschen vor Bildern

Dann kamen die Impressionisten, ich habe die Hälfte schon wieder vergessen, so viele waren es: Mehrere Manets, Monets und Renoirs. Vor einem fast völlig die Wand einnehmenden Déjeuner sur l’Herbe geriet ich fast in Wut, weil eine Dame im roten Pullover, die sich etwa zehn Mal davor fotografieren ließ, so lange den Blick darauf versperrte. (Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich das nicht fotografiert habe. Heute fände ich es witzig, das zu zeigen, aber dort ärgerte ich mich nur maßlos.)

déjeuner sur l'herbe

Dann: Frauenporträts (immerhin!)

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Dann Gemälde von Cezanne und vom Zöllner Rousseau, und ein Saal fast ausschließlich mit großformatigen Gauguins.

Gauguin

Und dann ein Saal voller Matisse‘. Und etwas veränderte sich in mir. J’étais émue par les Matisses, erzählte ich später. Ich war so ge- und berührt von den Matisse-Gemälden. So groß, so leuchtend farbig, so wundervoll fand ich sie, ich hatte Tränen in den Augen und konnte mich kaum von ihnen lösen.

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Und ich wurde milder mit den Menschen, denn ich verstand jetzt das Raunen in den Sälen und die aufgeregte Nervosität der Besucher, die sich vor den Gemälden drängten. Ich schätze, es waren etwa 80 Prozent Franzosen, und sie waren die ganze Zeit, so wie ich bei den Matisses, gleichzeitig gerührt und aufgewühlt. Mit einem gewissen Besitzerstolz betrachteten sie jedes einzelne Gemälde lange und intensiv, so, als habe man ihnen endlich „ihre“ lang verschollene Kunst zurückgebracht.

Chtchoukine hatte die Kunst seinerzeit redlich erworben, hatte im großen Stil, mal eben hier dreißig Picassos und mal da zwanzig Matisses‘, gekauft. Matisse hatte sich selbst nach Russland begeben, um seine Gemälde in den rosa Salon des Chtchoukine-Palastes zu hängen. Nach der Russischen Revolution aber musste Chtchoukine mit seiner Familie fliehen und landete über Umwege in Paris, wo er 1948 im Alter von 82 Jahren starb. Der russische Staat beschlagnahmte seinen Besitz und teilte seine Gemäldesammlung in zwei Nationalmuseen auf. Vieles verschwand aber über Jahrzehnte in den Archiven, da es der Staatsführung als nicht genehm galt.

Die Ausstellung in der Fondation Vouitton ist gigantisch. Dabei sahen wir nur etwa die Hälfte (= 130 Gemälde) dessen, was Chtchoukine seinerzeit besaß. Was für ein unfassbar großer Besitz an (damals) moderner Kunst.

Gegen Ende wurde es moderner und damit ruhiger in den Sälen: des Raunen vor den abstrakter werdenden Picassos, Braques und ein paar russischen Künstlern wie Malewitsch wurde leiser, und die Menschen standen weniger gehäuft und weniger lange vor den Gemälden, die vielleicht schwerer zugänglich sind, aber man war vielleicht auch einfach schon gesättigt.

Violine

Ich hätte danach gerne einen Kaffee getrunken und mich mal einen Moment hingesetzt, um alles nachwirken lassen. Die nüchternen Bänke in der Mitte der Säle waren nämlich nicht nur wenig einladend, sondern man sah von dort auch gleich gar nichts mehr, zumindest keine Kunst. Aber es gab keine Sitzgelegenheit. Nirgends. Alles nur hoch und weit und leer. Und vor dem edlen Restaurant, das ab 16 Uhr immerhin einen Gouter anbot, stand schon wieder eine lange Schlange. Complet. Rein kam man nur, wenn andere Gäste rauskamen. 

Restau Schlange

Ich drückte mich also mit vielen anderen noch eine Weile in der Buchhandlung herum, blätterte noch einmal den Ausstellungskatalog durch (tonnenschwer, blieb daher ungekauft), und stand dort für ein paar Postkarten mal wieder in einer langen Schlange an der Kasse an, und dann warf ich mich, was sollte ich auch sonst tun, in den kalten Regen und wartete in einer weiteren langen Schlange wieder auf den Shuttlebus zurück zum Arc de Triomphe. Danach hatte ich Fuß und Rücken und ich frage mich, wie man das alles „durchsteht“, wenn man noch etwas älter ist.

Champs Elysee

Hier ein Nachtrag, daher auch in Rot, falls Sie sich noch einmal hierher verirren sollten: ich habe mich sehr beeilt, diese Texte zu schreiben und ich hätte vieles noch schöner machen können (manche Sätze vielleicht auch, ich habe auch ein „n“ getauscht), ich bin eben auf der Seite der Fondation Vuitton über zwei sehr anrührende kleine Filme gestolpert, die ich Ihnen hier verlinke: Sie können einen Tänzer in der Ausstellung verfolgen, so sehen Sie einen kleinen Teil der Ausstellung quasi alleine, UND er beginnt bei Matisse! Im zweiten kleinen Film wird erzählt, wie die Ausstellung zustande kam, auf Bitte der Familie Chtchoukine nämlich, und man sieht auch einen Enkel von Chtchoukine, der beglückt ist, zumindest einen Teil des „Familienerbes“ sehen zu können; ist auf Französisch, aber auch die Bilder sprechen für sich.

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Der Himmel über Paris … Teil 2

Blick über Paris… bewölkte sich zusehends und ich beeilte mich, auf den Eiffelturm zu steigen. Alleine, Monsieur war das alles viel zu touristisch, war mir aber egal, ich wollte das endlich machen. Auch hier Anstehen. Lange Schlangen bei der ersten Sicherheitskontrolle, um überhaupt auf das neuerdings abgesperrte Gelände unter dem Eiffelturm zu gelangen. Dort dann streng blickende Militärpatrouillen mit dem Maschinengewehr im Anschlag. Nochmal Anstehen für den Einlass in einen der vier Eiffelturmfüße. Ich habe die Treppen im Südturm gewählt. Nicht nur, aber auch, weil die Schlange die kürzeste war. Erneute Sicherheitskontrolle im Eingangsbereich. Aus dem Rucksack des deutschen Paares vor mir wurde ein Vorhängeschloss gefischt und zack gnadenlos zerstört, noch bevor der junge Mann verstanden hatte, warum. Die Stadt Paris geht, seitdem ein Teil des Brückengeländers der Pont des Arts unter dem Gewicht der sogenannten Liebeschlösser zusammengebrochen war, gegen das Anbringen derselben rabiat vor. Die Geländer der ach so romantischen Brücke Pont des Arts werden gegen Glasscheiben ausgetauscht, an die man zumindest keine Schlösser anbringen kann, und der Eiffelturm soll von dieser zweifelhaft romantischen aber schwerwiegenden Geste komplett verschont bleiben.

In meiner Handtasche war nichts, was Anlass zur Klage gab und ich durfte endlich die 1665 Stufen nach oben, bis zur zweiten Etage, stapfen. Von dort zur Spitze geht es nur über einen, erneut kostenpflichtigen, Aufzug weiter. Habe ich nicht gemacht. Die Schlange war mir zu lang, Ticket hatte ich auch noch nicht. Aber die zweite Etage hat mir vollkommen gereicht. Tolle Blicke, ich konnte gar nicht genug bekommen vom Schauen, der Himmel gab sich dekorativ und trotz der vielen Menschen war es dort erträglich. Ich habe bestimmt zwei Stunden dort oben verbracht (einschließlich Schlangestehen für einen Kaffee) und war sehr zufrieden, umso mehr, als es die folgenden Tage trüb und regnerisch war (die Metro dafür aber wieder kostenpflichtig) und gerade eben wird dort sogar gestreikt. Glück gehabt!

Kuckuck, da isser ja!

Kuckuck

näher dran

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Und rauf gehts …

Treppen

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Blicke von der ersten Etage: im Hintergrund Sacre Coeur.

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das Gleiche etwas rangezoomt. Das rote Gebäude ist das Musée du Quai Branly. Im Innenhof des Gebäudes gibt es übrigens einen erstaunlichen kleinen Park: wild und ruhig.

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Selfie in der Sonne. Ich war da.

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Blick von der zweiten Etage. So ganz allein ist man nicht. Das komische einsame Hochhaus neben dem rasierten Herrenkopf ist die Tour Montparnasse

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Und wieder runter. Mit dem Aufzug.

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k800_dsc01324Hey, war toll!

… wird fortgesetzt …

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Der Himmel über Paris … Teil 1

der blaue Himmel über Paris… war blau! Wie jetzt? Das sollte Smog sein? Anscheinend, denn die Metro war gratis, damit der Anreiz, das Auto stehenzulassen, größer war. Uns kam das alles nur entgegen. Gratis Metro und blauer Himmel, aber es war doch deutlich kälter als im Süden und ich war auch sofort richtig doll erkältet und fünf Tage lang angematscht, stopfte mich abwechselnd mit Aspirin und Dolipran voll, löffelte Honig und lutschte Halspastillen gegen den entzündeten Hals. Raus ging ich natürlich trotzdem. Das wär ja noch schöner gewesen, den Parisaufenthalt im Bett zu verbringen. Einmeterzwanzig übrigens, das Bett. Das erzähle ich ja gern klischeemäßig so herum, wenn ich von französischen Betten rede, diesmal war es wirklich so. Zwei normalproportionierte erwachsene Menschen unter einer Decke auf Einsszwanzig. Sehr sportlich, geht nur in der Löffelchenstellung mit gleichzeitigem Rumdreh-Rhythmus. Ich bin in knapp zwölf Jahren aber schon so französisch geworden, dass das jetzt tatsächlich geht. Bisschen Rücken hat man dann aber schon. Nach fünf Nächten auf engstem Raum, kommt uns unser einssechzigbreites Bett zuhause geradezu Kingsizemäßig vor. Man braucht ja so wenig zum Glücklichsein.

Paris war toll! Na klar, sagen Sie, und haben das natürlich schon vorher gewusst. Ich war da diesmal nicht so sicher. Aber tatsächlich, und trotz Erkältung, hat mich dieser Stadtaufenthalt eher geboostet. Ich habe aber vielleicht auch weniger gemacht, mir mehr Pausen gegönnt, und oft bin ich nicht „nur mal eben schnell“ noch eine Ecke weiter gelaufen, sondern dachte „reicht für heute“.

Was mir auch wirklich sehr schnell reichte, war das Schlangestehen. Vor allem das vor der Kunst. Für das renovierte Picassomuseum hatten wir zwar extra „an-der-Schlange-vorbei-geh-Karten“ im Internet erstanden, aber schon für die Eingangskontrollen (wie am Flughafen) und den Audio-Guide stand man trotzdem an. Und dann stand man gleich wieder vor der Kunst an. Es war so voll, man hatte kein Bild für sich alleine, und kaum ging man einen Millimeter zurück, um das Bild mit etwas Abstand zu sehen, standen sofort wieder Menschen davor und hielten zusätzlich ihr Handy hoch. Das nervte mich ja ziemlich schnell. Ich ließ also die Sonderausstellung (was eint oder trennt) Giacometti und Picasso ziemlich schnell links, meint im Erdgeschoss, liegen,

Giacomettiund gab mir den Rest von Picasso auf mehreren Etagen. Picasso ist Picasso ist Picasso. Und vieles kennt man einfach schon. Ich mochte es aber dennoch.

Dora MaarsitzendJaqueline?MademoiselleImmerhin gab es ein großformatiges Gemälde von Cannes, das ich noch nie gesehen habe,

Cannesund ich mochte auch die Fotos von seinem Atelier der Villa in Cannes sehr.

AtelierUnd die Collagen. Picasso war, wie wir heute sagen würden, ein unermüdlicher Mixed-Media-Artist. Er hat sich einfach mit allem amüsiert, was ihm in die Finger kam, und etwa Collagen aus am Strand gefundenen Müll gebastelt, und selbst eine Fischgräte, des gerade verspeisten Fisches in ein Kunst-Objekt verwandelt.

FischgrätenkunstDie Fragen, was überhaupt Kunst ist und wann und warum aus dieser Fischgräte Kunst geworden ist, und warum man für einen Fischgrätenabdruck in Lehm von Picasso heute vermutlich Millionen zahlen muss, andere Künstler, die großartige Sachen machen, dafür aber nicht mal 250 Euro bekommen würden, wenn überhaupt, diese Fragen stellen sich natürlich immer wieder. (Vielleicht mögen Sie zu diesem Thema nochmal den Film Basquiat ansehen. Spielt nicht in Paris, sondern in New York, passt aber ganz gut, finde ich. Die Filmmusik ist auch toll und: David Bowie spielt Andy Warhol! Hier der komplette Film, aber in der englischen Originalversion:)

Danach hatten wir Hunger und aßen, wie schon bein letzten Mal, im kleinen Eckrestaurant am wundervollen Place des Vosges und ich schlenderte danach ein bisschen durch den Marais.Restau

Bislang mein absolutes Lieblingsviertel. Wie lebendig ist es dort, wie jung, wieviele kleine alternative Cafés und Läden gibt es,

k800_dsc01179 Lädenund wieviel lustige und verrückte Street Art. Ich konnte nicht aufhören, das zu fotografieren. Für Sie in Berlin, Hamburg oder Stuttgart ist das sicher ein alter Hut, aber ich wohne in einem langweiligen und gesetzten Rentnerstädtchen, dort gibt es so etwas gar nicht. So ganz stimmt es nicht, es gibt ein paar dieser gekachelten Pixelkunstwerke, die ich jetzt in Paris wiedergefunden habe, und die mir daher jetzt, sagen wir, „wertvoller“ erscheinen. Und ja, ich frage mich, ist es jetzt „mehr“ Kunst, nur weil das auch an Pariser Hauswänden hängt? (Schauen Sie sich Basquiat an!)

PapillonsMarumk800_dsc01267 k800_dsc01101 k800_dsc01104 k800_dsc01105KunstreveManche Streetartisten machen sich auf einer Wand gegenseitig Konkurrenz und ich fragte mich erstmals, wer eigentlich dieser John Hamon ist, der da auch immer klebt. Viel erfährt man weder auf seiner Homepage noch in den spärlichen Interviews: ein Künstler, der ein Bild von sich als 19jährigen in allen möglichen Variationen produziert und alles auf den Satz „Die Werbung macht den Künstler oder Kunst auf dem Null-Level“ reduziert. (Sehen Sie sich Basquiat an!)

KonkurrenzDie Ausstellung für die Opfer des Bataclan, das nicht weit entfernt liegt (und zu dem ich nicht gegangen bin) in der Bar-Buchhandlung La Belle Hortense aber habe ich, wegen ihrer ungewöhnlichen Öffnungszeit (nachts!), leider nicht gesehen.
la belle HortenseBataclan                                                                                                                            … wird fortgesetzt …

 

 

 

 

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I love Paris … when it drizzles

Pipi in ParisEs geht los. France Météo sagt fünf Tage lang Kälte, Regen und vor allem Bewölkung in unterschiedlicher Dichte voraus. Ich weiß nicht, wo die Bewölkung aufhört und der Smog anfängt, denn den haben wir auch gerade in Paris, und man darf nur einen über den anderen Tag mit dem Auto in der Stadt unterwegs sein, je nachdem, ob man ein Kennzeichen mit gerader oder ungerader Ziffer hat. Kann man vielleicht umgehen, wenn man zwei Autos hat, mit passenden Nummernschildern natürlich. Oder wenn man covoiturage macht, Fahrgemeinschaften bildet. Das ist noch relativ neu in Frankreich mit den Fahrgemeinschaften. Und seit kurzem erst gibt es eine organisierte Mitfahrzentrale, die sich bezeichnenderweise Bla-bla-Car nennt. Die Werbung, die dafür ohne Unterlass im Radio läuft, betont auch nicht etwa Kostenersparnis oder gar Umweltbewusstsein, nein, das Allerwichtigste ist, dass man unterwegs so nett plaudern kann! Der einzige Grund, warum Menschen in diesem geschwätzigen Land zusammen in einem Auto von A nach B fahren wollen, ist, dass sie jemandem zum Reden haben. Ich bin früher in Deutschland ganz viel via Mitfahrzentrale unterwegs gewesen. Habe da vermutlich auch viel geredet. War ok. Muss ich aber nicht mehr haben. Zumindest nicht über neun Stunden. So lange dauert die voraussichtliche Fahrt zwischen irgendeiner Autobahnauffahrt zwischen Nizza und Cannes und Paris irgendwo im Banlieue. Habe ich überprüft, denn Monsieur ist ganz angetan von der Bla-bla-Car-Variante, gabs zu seiner Zeit noch nicht. Dabei ist er absolut nicht der Typ, der gern viel Blabla macht, er ist vielmehr der Typ, der sofort auf dem Rücksitz einschläft, und ich darf mir dann das lange spannende Leben des Fahrers anhören. Nein Danke. Ich habe preislich halbwegs vergleichbare SNCF-Billets gefunden, in einem éspace calme, einem Ruhe-Abteil. Da wird noch genug geschwätzt, der Franzose kann gar nicht anders.

Voilà, wir sind gleich ein paar Tage unterwegs. Ich bin eigentlich schon ein bisschen müde. Das Jahr war anstrengend, und Stadt muss ich auch immer weniger haben. Aber Paris! Paris ist ja nicht irgendeine Stadt, nicht wahr. Daher werfen wir uns also ins bewölkte, drisselige Vorweihnachtsgetümmel, und ich habe schon diverse Tickets im Internet bestellt, damit wir immerhin an den Schlangen an den Museumskassen zügig vorbeistapfen können; nicht aber für den Eiffelturm, obwohl es da immer sehr lange Schlangen gibt, Sie erinnern sich vielleicht, und ich da jetzt wirklich mal rauf will. Aber für 50 Euro mit dem Kopf im Nebel ist ja auch Quatsch. Das sehen wir also vor Ort.

Ich habe zur Einstimmung noch ein bisschen I love Paris hören wollen und war jetzt ganz überrascht, wer das alles gesungen hat, nicht nur Sinatra, nicht nur Ella, sondern auch Doris Day und Vanessa Paradis. Ich suchte lange nach der (für mich und für Sie) besten Version, der schönsten Stimme UND den schönsten Paris-Bildern, aber ich konnte mich nicht entscheiden, außerdem wurden die stimmungsvollen Bilder des Woody Allen Films Midnight in Paris mehrfach unterlegt. Die Version von Vanessa Paradis zeigt nur Vanessa-Fotos und wäre so rausgefallen, ich mag sie aber trotzdem. Sie kriegen jetzt mehrere Varianten, ist nicht neu, hab ich so schon immer mal bei Herrn Buddenbohm gesehen, dem ich nicht nur dafür danke, sondern auch fürs Verlinken, das mir kürzlich ein nie erlebtes Besucher-Hoch beschert hat. Weihnachten naht.

Here we go. I love Paris.

Die dynamische Swing-Jazzy Variante mit Frank.

Schmelzende Töne mit Doris.

Jazz-Manouche.

Die französischste Variante mit Vanessa.

Mein Favorite. Ella.

Und heute morgen bin ich aufgewacht und summte das Lied mit einem deutschen Text. Oh, das Unterbewusstsein hat Caterina Valente nach oben gespült!

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WMDEDGT Dezember 2016

WMDEDGT, kurz für Was machst du eigentlich den ganzen Tag?, ist die Frage, mit der von Frau Brüllen allmonatlich am 5. zum Tagebuchbloggen aufgerufen wird.

Mein Tag beginnt um 8.22 Uhr. Pepita springt aufs Bett. Wo bleibst du denn?, miaut sie und tritt beharrlich schnurrend ihre Füßchen in meinen Bauch. Ich erwache etwas zerschlagen, das Wochenende in den Bergen war intensiv und sehr kalt, auch in dem alten Haus, in dem wir logiert haben. (Wenn Sie wissen wollen, wie es da oben so ist, können Sie sich gerne hier den Text vom letzten Nikolausfest durchlesen. Das habe ich dieses Jahr nicht dokumentiert.) Ich habe dort wenig und nicht besonders  gut geschlafen und heute, wen wunderts, schon wieder Halsweh. Monsieur ist bereits wach. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher, in der Küche brüllt das Radio. Ich mache mir Kaffee und uns Obstsalat vor politischer Geräuschkulisse: Matteo Renzi ist nach verlorenem Referendum zurückgetreten. Und Manuel Valls hat angekündigt, sich heute Abend um 18.30Uhr äußern zu wollen, im Klartext heißt das, er wird als Premierminister zurück- und als Präsidentschaftskandidat der Linken antreten. Keine Überraschung. Überraschend war hingegen, dass Hollande vor vier Tagen erklärte, eben dies nicht mehr tun zu wollen, als erster Präsident in der Geschichte Frankeichs überhaupt. „Lucide“, hellsichtig, wurde seine Entscheidung von allen Seiten gelobt. Böse Zungen zischten hingegen, dass dies seine erste gute Entscheidung in den vergangenen fünf Jahren gewesen sei. Österreich hat, uff, Alexander van der Bellen „wieder“gewählt. Das war aber schon gestern Abend klar.

9.22 Uhr Monsieur fährt zu seiner Mutter, ich schalte Radio und Fernseher aus und hüpfe ins Bad. Danach Küche. Die zweite Fuhre Christstollen für dieses Jahr will gebacken werden. Die, die ich für den Weihnachtsmarkt gebacken habe, waren zum allerersten Mal wirklich so, dass ich stolz war: Aufgegangen, formschön und mürbe und schmeckten prima (ich habe extra einen kleinen zum Probieren für uns gebacken). Ich bin daher guter Dinge, wiege, schneide, hacke, mörsere und mische die Zutaten und setze zunächst den Vorteig an, den ich dann bei 35° in den Backofen verfrachte, den einzig verlässlich warmen Ort in der Wohnung.

Ich versuche vergeblich, meine Mutter telefonisch zu erreichen und klicke ein bisschen in FB und den Mails herum. Monsieurs Tochter kommt, ein Volleyball hat gestern ihr Brillengestell zerbrochen, aber Monsieur ist nicht da, und wir finden den wundersamen Zweikomponentenkleber nicht, mit dem hier alles repariert wird.

Der Vorteig ging gut auf, ich mache jetzt den Teig und gebe ihn wieder zurück in den Ofen.

11.40 Uhr. Ich werfe eines der vom Wochenende übrig gebliebenen Filet mignons (wir waren weniger zahlreich als erwartet) in den Bräter, werfe Zwiebeln und Speck dazu, brate das kurz an, lösche mit Weißwein ab und lasse das jetzt vor sich hin köcheln.

12.18 Uhr Monsieur ist  zurück. Er hat Gratin d’Aubergines beim Tiefkühlhändler  erstanden. Aber ich sage non non non, es gibt Filet mignon. Das Gratin wandert in die Tiefkühlschublade. Zum Schweinefilet gibts die restlichen frischen Nudeln und den restlichen Feldsalat und den restlichen Käse vom Wochenende. Nur vom Tiramisu war leider kein Rest geblieben.

12. 40 Uhr. Wir essen und diskutieren noch einmal über das Essen, das der neue Aubergist für den festlichen St. Nicolas-Abend gemacht hatte. Die Meinungen gingen gestern von dégueulasse bis médiocre, ganz schlecht bis mittelmäßig. Nur ich, die ich ihn gar nicht besonders mag, habe ihn verteidigt. Denn ich habe auch gesehen, dass er den Saal schön dekoriert hatte (nach mir hatte das niemand mehr gemacht), die Tische schön gedeckt und es gab keinen einzigen Gang auf Papptellern, was bedeutet, irgendjemand musste zwischendurch in dem winzigen Kämmerchen die Teller spülen, denn es gibt nicht ausreichend Geschirr für ein mehrgängiges Menü für sechzig Leute. Aber der Service dauerte lang, das Essen kam nicht immer heiß an, die ersten hatten ihren Gang schon aufgegessen, als die letzten damit noch nicht mal serviert waren. Es gab Kürbissuppe zum Entrée, und das liebe Leute, das ist für ein festliches Essen im ländlichen Frankreich ein No-go. Kürbisse hat man selbst genug im Garten und Kürbissuppe kocht hier im Dorf jeder, jeden zweiten Tag, das will man nicht essen, wenn man „ausgeht“ und dafür bezahlen muss, selbst, wenn das Süppchen recht fein geworden ist. Ebensowenig geht Rindfleischeintopf mit Kartoffeln. „Und die Soße war nicht mal gebunden“, zeterten die Hausfrauen untereinander. Das will ein Aubergist sein? Und zwei läppische Scheibchen Käse! Und zerbröselter Apfelstreuselkuchen! Nun ja. Wir haben an einem netten Tisch gesessen und viel gelacht, tatsächlich fand ich es daher nicht so schlimm mit dem Festessen. Aber auch Monsieur ist der Meinung, dass das erste Essen des Aubergisten eine Enttäuschung war.

13.45 Uhr Blick in den Ofen. Der Teig liegt schwer wie ein Stein in der Schüssel. Ich knete ihn noch einmal durch und beschließe, erstmal eine Sieste zu machen. Tatsächlich schlafe ich wie tot nochmal eine Stunde.

14.45 Uhr Mache mir einen Espresso und werfe einen Blick in den Ofen, der Teig will nicht aufgehen. „Abwarten und Tee trinken“ habe ich an den Rand des Rezepts für diesen Fall geschrieben. Ich gebe dem Teig nochmal eine Stunde. Streue schnell noch Linsen auf feuchte Watte, das hätte ich eigentlich gestern am 4. Dezember, an Ste. Barbe, noch machen sollen, eine Freundin hatte mir extra eine Erinnerungsmail geschrieben, aber wir kamen spät und müde zurück, und ich hatte es wieder vergessen. Hier werden am Barbaratag keine Obstbaumzweige geschnitten, die an Weihnachten blühen sollen, nein, hier lässt man Weizen oder Linsen sprießen: wenn sie an Weihnachten schön aufgegangen sind, ist das ein Zeichen für künftigen Geldsegen, kann ja nie schaden.

Die erste Weihnachtspost aus dem Briefkasten gefischt, es rührt mich und erschöpft mich gleichermaßen. Ich glaube, dieses Jahr schreibe ich keine Weihnachtskarten. Nehme mir vor, einen Text über den Dezember zu schreiben. Alle haben über den trüben November geschrieben. Mich erschöpft der Dezember viel mehr.

16.20 Uhr: Ich arbeite die Früchte in den halbwegs aufgegangenen Teig ein. Ich habe die Hände voll klebrigem Teig, als meine Mutter anruft. Monsieur hält mir den Hörer ans Ohr, ich rufe in den Hörer, dass ich gleich zurückrufe. Als ich es versuche, ist bei meiner Mutter schon wieder besetzt. Heute ist der hundertste Geburtstag meiner (bereits verstorbenen) Großmutter. „Kleiner Nikolaus“ hieß der Geburtstag meiner Oma früher bei uns, und ich bekam (zusätzlich) einen kleinen gefüllten Nikolausstiefel immer schon einen Tag vor dem offiziellen Nikolaustag. Das fällt mir gerade wieder ein. Ein bisschen vorfeiern gibts also auch bei uns.

17.53 Uhr: Nach dem Telefonat ist der Teig immer noch nicht richtig aufgegangen. Ich knete nochmal den Teig durch. Monsieur hat sich schon vor dem Fernseher installiert. Die erwartete Ankündigung von Manuel Valls ist in allen Sendungen Thema Nummer 1. Manuel Valls gilt als „Rechter“ der Linken und ist umstritten. Die Linke ist so zerstritten wie nie. Man zweifelt, dass sich die Linke auf ihn einigen könnte.

18.32 Uhr Voilà, Manuel Valls hat es ausgesprochen: Alors oui, je suis candidat à la présidence de la République... Er wird als Präsidentschaftskandidat antreten. Und er verlässt sein Amt des Premierministers ab morgen. Jetzt fragen sich natürlich alle, durch wen Francois Hollande ihn ersetzen wird.

18.59 Uhr. Vier kleine Christstollen sind im Backofen. Ich jongliere mit Temperatur und Ober- und Unterhitze oder doch Umluft. Sie gehen zunächst eher in die Breite. Grrrrr.

19.52 Uhr. Vier kleine Christstollen sind enfin mit Butter bestrichen und mit einem Vanille-Puderzuckergemisch bestreut. Sehen jetzt doch gar nicht so schlecht aus.

20.03 Uhr Jetzt gibt es die Reste von heute Mittag zum Abendessen.

20.40 Uhr Ich werde jetzt noch ein Bad nehmen und dann im Bett einen der drei BD’S, die ich aus der Médiathèque ausgeliehen habe, lesen: nach Kinderland von Mawil und Les Pieds-noir à la mer von Fred Neidhardt, ist jetzt Suite française dran, nach dem posthum veröffentlichten Roman von Irène Nemirowsky.

Die anderen Beiträge für WMDEDGT gibts (klick –>) hier .

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Vorfeiern

Vorfeiern ist in Frankreich ja kein Unglückbringendes No-go. Immer wird hier vorgefeiert. Gut, es wird manchmal auch nachgefeiert, hin und wieder wird tatsächlich auch am eigentlichen Tag ein Geburtstag gefeiert, aber meistens, so scheint es mir zumindest, wird vorgefeiert. Am kommenden Wochenende werden wir im Bergdorf das Patronatsfest St. Nicolas mit unserem schon traditionellen (hoho!) Weihnachtsmarkt vorfeiern. Nikolausi kommt also schon am 3. Dezember. Warum auch nicht. Der Schäfer, der sich zu diesem Zweck immer als Bischof verkleidet, schlachtet allerdings am selben Tag sein Schwein. Schlachtfest ist ein feuchtfröhliches Fest und ich hoffe, der Schäfer wird trotzdem noch ein würdiger Nikolaus sein.

Am vergangenen Wochenende haben wir in der Familie drei Geburtstage zusammen vorgefeiert, die eigentlich erst morgen und im Dezember dran gewesen wären. Ich hätte mich mit meinem Mitte-Dezember-Geburtstag auch noch dranhängen können, vier Geburtstage in einem Rutsch, wie praktisch. Ich, als Deutsche, kann ja aber nicht vorfeiern, macht man nicht, oder? Zwar bin ich nicht abergläubisch, aber dennoch … Mein pragmatischer Vorschlag, Weihnachten auch gleich mitzufeiern, dann hätten wir das auch schon erledigt, wurde jedoch nicht wirklich erfreut aufgenommen. Vor allem die Kinder, die meinen Vorschlag ernst nahmen, schrien entsetzt auf, fürchteten sie doch, sie würden dann nur einmal Geschenke kriegen.

Am vergangenen Wochenende haben die konservativen Wähler Frankreichs (auch) im zweiten Durchgang der Primaire, einer Art Vorwahl, überraschend François Fillon zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gewählt. Seitdem steht Frankreich, und nicht nur das konservative, Kopf: niemand hat ihn kommen sehen, aber nun wird François Fillon euphorisch schon als zukünftiger Präsident vorgefeiert (zumindest vom konservativen Lager). Ich weiß nicht, ob Sie von mir ein Statement dazu erwarten.?! Fillon ist einer der konservativeren Konservativen, viel mehr weiß die große Mehrheit kaum von ihm. Hektisch werden jetzt daher überall Sendungen angesetzt, die uns den unerwarteten Sieger vorstellen sollen: er ist 63, seit 30 Jahren mit der gleichen Frau verheiratet, Vater von 5 Kindern, und er fährt gerne Autorennen. Politisch stand er bislang in der 2. Reihe, war etwa Premierminister unter Sarkozy, dabei absolut loyal, und er hat nicht einen Fleck auf der weißen Weste. Kein Skandal, keine Steuerhinterziehung, es gibt nichts, was man ihm, anders als den anderen Kandidaten, vorwerfen könnte, höchstens mangelndes Charisma. Und sein Programm ist so konservativ, dass, sollte er tatsächlich gewählt werden, vermutlich 50% der Bevölkerung dagegen auf die Straße gehen werden. Für ihn spricht jedoch, dass er nicht korrupt zu sein scheint und Aufrichtigkeit mit Erfahrung vereint. Mit ihm haben wir zumindest einen starken konservativen Gegenkandidaten zu Marine LePen, die sich bislang vergnügt und hoffnungsfroh die Hände rieb, aber langsam wohl anfängt, sich zu sorgen.

Die Linke ist mit ihrer Primaire noch nicht so weit. Hollande, obwohl so unbeliebt wie noch kein Präsident vor ihm, ist nicht abgeneigt, wieder zu kandidieren. Aber auch sein Premierminister scheint das vorzuhaben. Ebenso der junge Emmanuel Macron, der parteilos antritt. Vorgefeiert wird hier noch lange nichts.

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Axel, Claude und Dominique

„Persönlich, aber nicht privat“, wäre eine gute Art zu bloggen, hat mir kürzlich Kiki geraten. Ich weiß gar nicht so richtig, wie das gehen soll, ich bin vermutlich schon immer viel zu privat. „Nicht intim“ sagte hingegen Micha. Gut, das verstehe ich. Aber Kiki hat auch ihre Zeichnungen und Designs und ihren Bären anzubieten, Micha hat ihre leckeren Rezepte, aber ich nur mein Gelaber. Über Cannes und Frankreich vorzugsweise, aber nicht nur. Bleibt aber doch immer meine Geschichte, mein Leben. Wie sollte ich denn da nicht privat sein? Aber „ich habe es wohl gehört“, wie man hier sagt, und ich bewege das alles in meinem Herzen.

Deswegen kommt heute eine ganz intime Geschichte, hehe. Jetzt klicken bitte alle, die das nicht lesen wollen, weg. Dankeschön. Intimes Frauenthema. Hier klicken jetzt meine drei männlichen Leser auch weg. So. Ich warte noch einen Moment …….. soooodele …… ich schiebe die Bleistifte auf dem Tisch hin und her, hole mir noch einen Kaffee  …….. Noch jemand da? Gut. Nur Sie und ich. Prima, dann sind wir ja jetzt ganz unter uns. Tatsächlich ist es ja ein interessantes Phänomen, dass man sich Fremden viel leichter anvertraut als der eigenen Familie oder Freunden. Das nimmt manchmal auch ganz komische Auswüchse an: Es gab mal einen Sendung, war das „Nur die Liebe zählt?“ oder doch noch etwas anderes, ich weiß es nicht mehr, aber da gab es verklemmte Jungs, die sich nicht getraut haben, dem angehimmelten Mädchen aus der Clique ihre Liebe zu erklären, die haben es dann, dank der Sendung, vor laufender Kamera im vollbesetzten Fußballstadion in ein Mikro gestammelt. Dann gings plötzlich. Ganz intim. So. Langes Vorgeplänkel. Sind Sie noch da? Sie können noch wegklicken.

Ich war heute früh beim Gynäkologen. Nach gefühlten Ewigkeiten mal wieder. Ich gehe nicht gerne zum Gynäkologen. Zu intim irgendwie. Ja, lachen Sie nur. Ich war schon in Deutschland ungern beim Gynäkologen, das fing schon mit dem allerersten an. Eine Frau. Wenig einfühlsam. Brutal könnte man auch sagen. In jeder Hinsicht. Warum wird man Gynäkologe? Gynäkologin? Um es den Frauen mal so richtig heimzuzahlen? Leider bin ich ja so oft umgezogen in meinem Leben, so dass ich, selbst wenn ich mal zufällig eine gute Gynäkologin oder einen guten Gynäkologen hatte, nicht sehr lange bei ihr/ihm geblieben bin. Aber viel häufiger gab es wenig freundliche ÄrztInnen und unwürdige Situationen, wo man zwischen Wartezimmer und Sprechzimmer nackt in einem Kabuff hockte und alles, drinnen wie draußen, mitbekam. Schrecklich. Nein, das war nicht kurz nach dem Krieg, wenn auch im bereits vergangenen Jahrhundert, aber noch in den Neunzigern in Göttingen war das so. In Frankreich bin ich zunächst zu einem Gynäkologen nach Nizza gefahren, eine junge Frau aus dem Bergdorf hatte ihn mir empfohlen, er hat ihre beiden Kinder auf die Welt gebracht. Das hat mich überzeugt. Zunächst bekomme ich einen Termin noch in derselben Woche, was mich, an Wartezeiten zwischen drei und sechs Monaten gewöhnt, schon einmal umhaut. Es ist eine Gemeinschaftspraxis, drei Ärzte, eine Handvoll Arzthelferinnen, ein riesiges Design-Wartezimmer mit Skulpturen und großformatigen, wildbunten Gemälden und wulstigen Sofalandschaften. Es ist allerdings voll. Wenn ich den Termin auch schnell bekommen habe, hier warte ich (auch zukünftig jedes Mal) stundenlang. Dann der Arzt. Mittelalt, kräftig, braungebrannt, am Hals offenes, rosafarbenes Hemd, kein Kittel, Goldschmuck, singend und mit den Arzthelferinnen scherzend. Ich, völlig verschüchtert, erinnere mich an kein einziges französisches Wort mehr. Insofern denke ich, wenn er mich duzt, dann ist das, um mich etwas aus der Schockstarre zu lösen. Er pfeift fröhlich bei allem, was er tut und fragt dann gutgelaunt „on va faire un p’tit frotti ?“ Mir wird heiß. Un p’tit frotti, in meinen Ohren klingt das irgendwie unanständig, se frotter heißt, sich an etwas oder jemandem reiben und klingt für mich wie ein Vorschlag zu, verzeihen Sie, fickificki. Meint er aber nicht. Un frotti ist das offizielle Wort für Abstrich, ich nicke dann auch ergeben, aber ich bin doch durcheinander. Später macht er mir Komplimente zu meiner Jungmädchenbrust, und zum Abschied küsst er mich. Diese Wangenküsschen, Sie wissen schon. Bei den schnodderigen und kurzangebundenen Arzthelferinnen stelle ich einen Scheck über 60 Euro aus für den Docteur und nochmal 40 Euro für den frotti, nein, natürlich fürs Labor, und wanke hinaus. Alles ist mir fremd. Die Küsserei, das Scheckausstellen und überhaupt. Ist das so in Südfrankreich?

Ich beruhige mich, aber irgendwann gefiel mir die Duzerei und das Geküsstwerden nicht mehr, und ich ging nicht mehr zu ihm und auch zu niemand anderem. Jetzt musste es aber doch mal sein. Seit einem Jahr schiebe ich das schon vor mir her und suchte nach einem Gynäkologen, besser einer Gynäkologin, in der Hoffnung, dass sie mich nicht küssen wird und meine Brüste etwas sachlicher betastet. Ich frage im Bekanntenkreis herum. Niemand ist mit seinem Gynäkologen wirklich zufrieden. Ich fange also an, wie alle Expat-Deutschen, in den „Deutsche in Südfrankreich-Foren“ nach deutschen Ärzten zu suchen. Eigentlich wollte ich das nie, ich finde das snobistisch. So erfahre ich aber, dass es in der Nähe von Monaco einen guten deutschen Gynäkologen geben soll. Einen Mann. Ich hätte, wie gesagt, lieber wieder eine Frau. Er wird mir aber mehrfach empfohlen. Ich zögere dennoch. In der Nähe von Monaco, das bedeutet schon für die einfache Fahrt mindestens eine Stunde Autobahn. Und dann hat er im Zweifelsfall Belegbetten in Monaco. Das ist mir alles zu weit und zu kompliziert. Ich suche letztlich in der Privatklinik im benachbarten Mougins, die einen guten Ruf hat, und finde auch hier eine Gynäkologen-Gemeinschaftspraxis. Ich entscheide mich für eine der Ärztinnen, Dominique L. Nach drei Monaten Wartezeit, stehe ich heute einer wirklich reizenden Sekretärin gegenüber, verbringe knapp zehn Minuten im hellen, aber eher nüchternen Wartezimmer. Dann bittet mich ein kleiner Mann ins Sprechzimmer: Madame Dreher? Oui?! Dominique ist ein Mann.

Wieso ist denn bitte Dominique ein Mann? Wieso heißt ein Mann nicht Dominic? Diese französischen Vornamen machen mich ganz krank. Wir haben in den Bergen einen Bekannten, der heißt André. Eine Freundin, ebenfalls dort oben, heißt Andrée. Spricht sich gleich, und oft genug kommt es zu Missverständnissen. André-e wird dann immer betont, wenn man von ihr spricht. Dort oben waren wir zu einer Hochzeit eingeladen. Eine Patchworkfamilie. Er hat zwei Kinder aus erster Ehe, Emma und Jules, sie hat eine Tochter, und die heißt: Axel. Ein Mädchen heißt Axel? Ich krieg mich kaum wieder ein und denke an meinen deutschen Wanderfreund Axel, das muss ich ihm erzählen beim nächsten Mal. Natürlich heißt das Mädchen nicht Axel, es heißt Axelle, das wird betont wie etwa Michelle, ma belle. Männer können auch Michelle heißen, dann schreibt es sich aber Michel, und führt entsprechend zu Missverständnissen, wenn man, was nicht unwahrscheinlich ist, etwa Michel UND Michelle kennt. So. Angelique, Frédérique, Veronique sind alles Frauennamen. Dominique ebenso. Aber wie ich seit heute weiß,  ist Dominique auch ein Männername. Claude hingegen ist überraschend auch ein weiblicher Vorname. Ob Claude Mann oder Frau ist, muss aus dem Kontext erschlossen werden.

Dominique L., mein Gynäkologe, erweist sich aber als durchaus sachlich, siezt mich und statt mich zu küssen, drückt er mir schlaff die Hand. Und ich musste auch nicht nackt in irgendwelchen Kämmerlein herumsitzen. Alles gut.

 

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Die Villa Rothschild – la médiathèque de Cannes

Villa Rothschild Blick GartenWas tut man bei diesem stürmisch-regnerischen Wetter? Man geht vielleicht ins Museum oder ins Kino oder in die Bibliothek. Heute waren wir in der Bibliothek. Médiathèque heißt das hier ganz modern. Denn, wie es sich für eine Cannoiser Stadtbibliothek gehört, kann man dort auch andere Medien, also CD’s und vor allem Filme DVD’s ausleihen. In der Tat ist die Videothèque so umfangreich, dass man, wollte man alle Filme ansehen, vermutlich für den Rest seines Lebens gut beschäftigt ist. Die Médiathèque von Cannes hat mehrere Zweigstellen und verfügt zusätzlich über einige Bibliobusse, die einmal wöchentlich andere Stadtviertel anfahren und dort an zentralen Punkten stehen (bei uns ist das etwa vor dem Bäcker), und dort auf LeserInnen warten. Ich war noch nie in einem Bibliobus, aber es gab vor längerer Zeit einen sehr schönen Text über das, was so ein (vergleichbarer deutscher Bücher-)Bus und seine Bücher bewirken können. Der Text wurde eine Zeitlang überall verlinkt, aber vielleicht kennen Sie ihn noch nicht.

Der Hauptsitz der Médiathèque in Cannes aber befindet sich in der Villa Rothschild, einem neoklassizistischen Bau, erbaut Ende des 19. Jahrhunderts. Vermutlich ist das meiner deutschen Herkunft und Geschichte zu verdanken, dass ich mich Gebäuden, die einen so deutlich jüdischen Herkunftsnamen tragen und heute in öffentlichem Besitz sind, immer ganz vorsichtig nähere. Als dürfte ich dort eigentlich nicht richtig sein. Immer ist da sofort dieser Gedanke von unrechtmäßig angeeignetem Besitz. Ach, sehe ich sie seufzen, das wird ja schon wieder kein lustiger Text. Warum kann sie denn nicht einfach ein paar nette Fotos ohne Text veröffentlichen, fragen Sie sich vielleicht gerade. Nun, Sie können noch schnell wegklicken. Oder, Vorschlag zur Güte: Sie schauen nur die Fotos an.

Verrerie Säulen Auffahrt Villa Rothschild  Eingang

Ich wollte also ganz klar auch etwas rauskriegen zur Villa Rothschild, aber zunächst ging ich mal hinein. Und wenn Sie schon lange mal zu einem herrschaftlichen Gebäude vorfahren wollten, dann gehen Sie in die Bibliothek, oder besser fahren Sie, denn hier können Sie das tun: Man darf mit dem Auto auf das Gelände und sogar bis direkt vor den Eingang fahren, und es gibt sogar eine handvoll kostenloser Parkplätze. Es hält Ihnen hier aber, anders als bei den Grandhotels, niemand die Tür auf und Sie können auch niemandem den Schlüssel zuwerfen, damit er Ihnen das Auto parkt.

Interieure Blick in den Garten Hinweisschilder Kopierer

Einmal drin ist es eine eigenartige Mischung aus neoklassizistischem Pomp und etwas angegammeltem Stadtbibliothekscharme. Aber das Großartige überwiegt in meinen Augen. Hohe Decken, Stuck, Fresken, ein geschwungenes Treppenhaus, Statuen und Kamine, Spiegel und knarzendes Parkett. Bodentiefe Fenster mit Blick in den angrenzenden Garten und vor allem, das gerade renovierte und wieder eröffnete kleine Schmuckstück: der Lesesaal in der Verrerie, ein Glashaus. Hier könnte ich stundenlang sitzen und Zeitungen und Zeitschriften lesen.

Lesesaal Verrerie Charlie hebdo Himmel

Heute aber lief ich ein bisschen herum und machte Fotos, und versuchte dabei, die anwesenden Nutzer, die in den Lesesälen lasen oder arbeiteten, nicht allzusehr zu stören. Die Médiathèque bietet ein Multimediaprogramm mit Internet und Trallala an, man muss sich aber kostenpflichtig dafür angemeldet haben. Wir haben nur einen klassischen Leseausweis, der uns berechtigt eine gewisse Anzahl Bücher und andere Medien auszuleihen. Ich stand ehrfürchtig vor dem Regal mit BD’s und Graphic Novels. Alles, was mein Herz begehrt und was es in der zunehmend schlecht sortierten Fnac nicht zu kaufen gibt. Mit drei Bänden machte ich heute den Anfang.

Treppenhaus Administration Dienstmädchentreppenhaus Café

Ein Hinweis auf ein Café im Obergeschoss ließ mich die Stufen des hellen Treppenhause nach oben nehmen. In dieser Etage, hinter den geschlossenen Holztüren der heutigen Bibliotheksverwaltung, befanden sich früher die ehemaligen Arbeitsräume des Personals der Familie Rothschild, wie mir eine auskunftsfreudige Angestellte erklärte. Und ganz oben, unter dem Dach waren, wie überall, die Zimmer der Dienstmädchen. Es gab natürlich auch ein Dienstbotentreppenhaus, der heute als Notausgang fungiert.

Das Café aber entpuppte sich als Automat, der diverse Heißgetränke und Schokoriegel anbietet. Ich fragte die nette Angestellte, ob man nicht daran denken würde, ein angeschlossenes Café auf der Terrasse oder im Garten zu eröffnen. Sie sah mich erschrocken an, als habe ich etwas Verbotenes gesagt. Natürlich ist eine Bibliothek, selbst eine Stadtbibliothek, ein Ruheort. Tassenklappern und Löffelklirren und geschwätzige Cafégäste will man hier nicht haben. Ich WEISS das eigentlich. Ich habe selbst ein paar Jahre in einer Bibliothek gearbeitet. Psssscht! war das Wort, das ich dort am meisten gezischt habe. Aber es gehe auch nicht, weil die Villa unter Denkmalschutz stehe, erfahre ich. Alles ist schwierig. Man darf nichts verändern, beinahe nicht mal einen Nagel einschlagen. Demnächst wird sogar der hölzerne Eingangsbereich wieder zurückgestaltet, der dem funktionellen Ausleihsystem zum Opfer gefallen war.

Deckenfrresko

Zu Hause habe ich ein bisschen über die Geschichte der Villa Rothschild nachgelesen. Ich verlor mich zunächst ein bisschen in den umfangreichen Artikeln zur wohlhabenden Bankiersfamilie Rothschild, die sich, ursprünglich mal aus Frankfurt/Main stammend, im Laufe der Zeit in alle möglichen Zweige verästelt hat: den Londoner Zweig, den Pariser Zweig, den Wiener und den Neapolitanischen Zweig…  James de Rothschild, trotz des englischen Vornamens der Begründer des Pariser Zweigs, verheiratete sich mit einer gewissen Betty. Betty kam Ende des 19. Jahrhunderts nach Cannes, es gefiel ihr und sie ließ sich letztlich dort diese Villa bauen. Nach ihrem Tod lebten ihr Sohn Alphonse und später dessen Sohn Edouard dort und die Villa war stets ein „haut lieu de la vie mondaine“. Aristokraten, Industrielle und Mitglieder der High Society trafen sich dort zu festlichen Einladungen und Empfängen. Bis 1939. Dann wurde die Villa beschlagnahmt und während des zweiten Weltkriegs war sie, das sagt die Stadt nicht, Sitz der Kommandatur. Nach dem Krieg wurde die Villa dann von der Stadt Cannes erworben, mit dem Ziel, dort eine Bibliothek einzurichten. Wie das alles vor sich ging und was aus der in Cannes ansässigen Familie Rothschild seinerzeit wurde, und ob oder warum nicht sie die Villa zurückgefordert haben, erfährt man natürlich nicht so einfach. Wie so oft denke ich, ich sollte mal das Stadtarchiv aufsuchen. Da war ich nämlich auch noch nie. Hoffentlich gibt es noch ein paar verregnete Tage.

 

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Novemberregen

Hey windowpaneGerade habe ich eine Mail bekommen, dass mein Blog zwar interessant sei, aber oft so traurig. Ich habe mir daraufhin meine letzten Einträge angesehen und ja, vielleicht stimmt es. Lustig ist das alles nicht. Aber mal ehrlich, finden Sie das Leben gerade lustig? Ich bin ja nicht als Klassenclown angetreten, ich erzähle einfach ein bisschen aus meinem Leben. Manchmal kann ich das wohl ganz witzig tun, insbesondere, wenn es gar nicht witzig ist, aber nun ja, nicht immer. Dabei bin ich gerade ganz zufrieden mit meinem Leben. Das schreibe ich so lapidar hier hin, aber das ist ziemlich neu, ich konnte das nicht immer sagen. Denn auch wenn mein Leben lange Jahre ganz nett ausgesehen hat, so war ich damit nicht zufrieden, um mal dieses G-Wort nicht immer überzustrapazieren. Aber ich habe wohl einen Hang zur Schwermut, und leicht ist das Leben nicht für mich. Und es wird nicht leichter, nur weil ich an der Côte d’Azur lebe und hier so viel die Sonne scheint. Man nimmt sich ja immer mit, nicht wahr, auch wenn diese Weisheit schon so abgenudelt ist, so ist es eben. Heute scheint aber gar nicht die Sonne, es regnet, seit drei Tagen schon.

Kreise und QuadrateEs gab an vielen Orten schon wieder Überschwemmungen und im Hinterland sind mal wieder ein paar Straßen gesperrt, weil komplette Hänge abgerutscht sind. Ich mag ja Regen. Ich mag auch, wenn es ein bisschen grau ist. Wir haben November immerhin. Wenn Sie mir vor zehn Jahren gesagt hätten, dass ich ausgerechnet den deutschen Herbst vermissen würde, hätte ich Sie ausgelacht. Und den deutschen Wald. Buchenwälder. Buntes Laub. Fallende Blätter. Ich mag (und vermisse) die vier Jahreszeiten. Hier ist es auch im Winter immer nur blau und grün, und immer blüht irgendetwas. Ja, das ist schön, aber es entspricht nicht meinem Gefühl von Herbst und Winter. Brachzeit. Mir fehlt dieses nach Innen gehen. So. Schon wieder nicht lustig. Dabei war es schön heute. Ich bin nämlich rausgegangen, trotz Regen und Wind. Es war toll!

pointe de la croisetteAn der Pointe de la Croisette. Äußerster Zipfel im Osten von Cannes.

RegenschirmeBlick zum EsterelPalm Beach Palmen im RegenChaises bleues

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Santé! oder Abstinent im Land des Weines

Der letzte Beitrag hat mir ein ungeahntes Besucherhoch auf dem Blog beschert, Tendenz steigend. „Die Seele bloggen“ scheint LeserInnen anzuziehen. Das freut mich natürlich, macht aber auch ein bisschen Angst: Wer sind denn all die, die plötzlich reinklicken, um zu lesen, wer da seine Seele vor ihnen ausbreitet?! Da verzagt das Seelchen und rollt sich schnell wieder ein.

60135_web_r_by_www-jenafoto24-de_pixelio-deAber nichtsdestoweniger wollen wir diesen unverhofften Aufwind natürlich gern ausnutzen, um einen versprochenen Text über ein kontroverses Thema zu schreiben: Abstinenz. Ich trink‘ nix. Stimmt natürlich nicht, gerade eben trinke ich einen Verveine-Orangen-Kräutertee, tisane heißt das Kräuterteechen im Französischen. Kräuterteechen werden hier gern nach üppigen Essen getrunken. Um den Magen wieder zu beruhigen. Une p’tite tisane, klassisch mit Verveine oder Minze, ist aber eher das Getränk für die Dame. Der Herr wählt vielleicht un p’tit Calva(dos) oder einen Cognac. Sehr angesagt als Digestif an der Côte d’Azur ist auch immer noch Limoncello, und in den Bergen gern ein selbstgebastelter Kräuterschnaps Genre Genepi, mit vielleicht selbst gepflückter Edelraute. Habe ich früher gerne getrunken. Viel lieber als Kräutertee. Trinke ich aber nicht mehr. Weder Genepi noch Wein, noch Bier, auch keinen fruchtigen Cocktail und auch keinen Glühwein mehr. Und zum Apéro gibts für mich auch keinen Orangenwein mehr, obwohl ich den, genau wie den Limoncello, vor ein paar Jahren noch selbst angesetzt habe. Auch keinen Campari und keinen Suze, alles leicht bittere alkoholische Getränke, die ich mal sehr mochte. Trinke ich nicht mehr. Non merci, pas d’alcool pour moi, sage ich, und in der Regel wirds jetzt schwierig. Man stutzt und fragt nach. „Keinen Alkohol?“ „Nicht mal diesen ausgezeichneten Bordeaux XY?“, fragt der Gastgeber irritiert. „Wenigstens ein Schlückchen zum Probieren?“ „Nein?“ Er überlegt, vielleicht bin ich ja total versnobt und trinke nur Champagner?! Nein, auch keinen Champagner, lehne ich ab. Ah bon, häufig sind die Gastgeber jetzt etwas pikiert. Ich weiß nicht, ob sie gekränkt sind, weil ich ihre sorgfältig vorbereitete Weinauswahl verschmähe: zum Entree einen leichten Weißwein, einen schwereren Roten zum Hauptgang und auf jeden Fall zum Käse, einen Süßwein zum Dessert, oder weil ich ihnen mit meinem Verzicht auf Alkohol vor Augen führe, was sie so alles süppeln während eines einzigen Essens. Dabei zähle ich weder laut mit, wie oft die Gläser nachgefüllt werden, noch ziehe ich die Augenbrauen hoch und ich mache auch sonst keine Szene. Aber allein meine Nüchternheit reicht, dass man sich irgendwie unwohl und beobachtet fühlt. Keinen Alkohol trinken ist in Frankreich genauso unbeliebt wie kein Fleisch essen. Vegetarier und Veganer haben es eher schwer in Frankreich und sind eine eher bespöttelte Randerscheinung. Wenn Sie keinen Alkohol trinken und weder bekennender Muslim oder bekennender trockener Alkoholiker sind, dann sind Sie sehr suspekt. Da man mir weder das eine noch das andere zutraut, muss gefragt werden.

Immer wird gefragt. Ich habe noch nicht einmal erlebt, dass man es einfach akzeptiert. Höchstens im Restaurant. Die Kellner im Restaurant fragen nicht nach, reißen mir aber ratzfatz das Weinglas aus den Händen. Wenn ich Wasser trinken will, dann nur aus dem Wasserglas. Die anderen aber fragen nach. Nehme ich Medikamente, die sich nicht mit dem Alkohol vertragen? Ist es, weil ich die bin, die nachher fahren muss? Nein? Was um Himmels Willen veranlasst mich dann, diese heitere und zunehmend angeheiterte Runde mit meiner Abstinenz durcheinanderzubringen?!

Selbst meine Schwiegermutter, die den Weinkonsum im Sommerhaus streng überprüft und, zumindest heute, über alle Exzesse erhaben ist, sagt mit leicht grünlicher Stimme in meine Richtung, Feste ohne Alkohol seien keine Feste. Und früher, ja früher, da habe man noch zu feiern verstanden! Früher, erzählt mir Monsieur, früher habe er seine Mutter manchmal auf allen Vieren den Berg hochkraxeln sehen, so heiter sei sie von den Festen nach Hause gekommen. Ach ja, früher habe ich auch hin und wieder gern Nachmittage mit Freunden im Bistro verbracht und das eine oder andere Glas Rosé gekippt. War lustig, entspannt, die Konturen der Welt verschwammen zusehends und alles schien, genau wie der Wein, rosig. Tatsächlich fehlt mir dieser leichte Kontrollverlust, denn die Konturen der Welt werden nun nicht mehr watteweich, die Welt bleibt eckig, dreckig und kalt, und mein Verstand scharf. Denn ja, ich bin nüchtern. Die zunehmend unkohärent erzählten Schwänke aus dem Leben von J-F finde ich mühsam und kann mir ein Lächeln nur noch schwer abringen. Der Abend wird lang, ich würde gern gehen, aber gerade wurde noch eine Flasche dieses ausgezeichneten Bourgogneweines geöffnet, allez, einen noch pour la route

Histaminintoleranz gilt als unspezifische Erkrankung. Unspezifisch sagen die Ärzte, wenn sie nicht wissen, was sie sonst sagen sollen zu Patienten mit diversen Beschwerden, deren Ursache unklar ist. Klingt professionnell für  „Nichts ist klar“. In Frankreich komme ich aber nichtmal zu dieser Wischiwaschi-Diagnose, denn Histaminintoleranz ist in Frankreich nicht bekannt. Kein Wunder. In diesem Land hat diese Unverträglichkeit keine Chance, bei all den lang gelagerten Weinen, dem Champagner, dem reifen Käse, den luftgetrockneten Salamis und all den anderen Schweinereien, die ein Maximum an Histamin in sich tragen. Histaminunverträglichkeit kennt keiner, erkläre ich aber die Symptome, wird es auch nicht besser. Diese Symptome kennt hier auch keiner, versteht keiner.

Auch bei Ärzten rede ich mir erfolglos den Mund fusselig und komme bestenfalls mit einem Rezept für Antihistaminika wieder heraus. Auch der Homöopath zuckt ratlos die Schultern, verschreibt mir ein Maximum an Kügelchen und hat von Darmsanierung noch nie gehört. Also helfe ich mir selbst, schlucke Antihistaminika und vermeide weitgehend das, was die Symptome auslöst. Alkohol ist da ganz vorne dabei. Schnupfen, Quaddeln, roter Kopf und vor allem bin in schnell betrunken, viel schneller und mit viel weniger Alkohol als andere. Ich werde ebenso schnell wahnsinnig müde und mein Mittagsschläfchen wird zu einem tiefen langen Schlaf, aus dem ich in einem zerschlagenen Zustand aufwache, so als habe ich die ganze Nacht gefeiert und getrunken. Am Folgetag habe ich Anzeichen einer Migräne, mit wellenartig auftretenden Stichen in der einen oder anderen Kopfhälfte. Nicht schön.

Es war nicht immer so absolut unmöglich Alkohol zu trinken, es war ein schleichender Prozess, ich habe es erst lange nicht verstanden und dann ebenso lange nicht wahrhaben wollen. Heute bin ich schon von einem halben Fingerhut Alkohol betrunken. Ich spüre die Wirkung des Alkohols heftig und in einer Geschwindigkeit, ohne dabei den Geschmack des Getränks genießen zu können. Es haut mich buchstäblich um, und ich trinke daher wirklich gar keinen Alkohol mehr. Heute habe ich nicht mal mehr Lust, ein Moncheri zu essen. Ich habe aber ebenso keine Lust mehr, das jedes Mal zu erklären und mich dafür zu rechtfertigen. Ich trinke nicht. Basta.

Ich scheine der einzige Mensch in Frankreich zu sein, der dieses Problem hat. Da es so unverständlich ist, kann es sich auch keiner merken, und bei jeder Einladung fragen dieselben Menschen wieder irritiert nach. Wie? Kein Alkohol? Es ermüdet mich. Auch nach drei Jahren Abstinenz meinerseits gibt es häufig keine alkoholfreie Alternative beim Apéro für mich. Was möchtest du trinken, Christjann?, fragt man mich. Ich sehe die Flaschen auf dem Couchtisch an und frage zurück: Was gibt es denn? Campari, Whisky, Pastis, Orangenwein … wird aufgezählt. Es gibt nichts ohne Alkohol. Die Dame des Hauses ist ungehalten, als ich das sage. Dann trink Wasser, sagt sie patzig. Wasser mit Grendinesirup schlägt jemand anderes versöhnlich vor. Ich lehne Grenadinesirup, das banalste aller Kindergetränke, ebenso patzig ab und trinke Wasser.

Vor kurzem waren wir bei der erneuten Eröffnung der Auberge im Bergdorf. Es ist schon der vierte Nachfolger in knapp sieben Jahren. Ich bin nicht sicher, ob der neue Aubergist, ein schon älterer Herr, so richtig gut ins Dorf passt, und Wetten wurden schon abgeschlossen, ob er nach dem ersten Winter noch da sein wird. Beim Eröffnungsabend gab es ein kleines Buffet mit aufgetauten Picard-Häppchen und einen (kalten) Punsch. Punsch, eine unbestimmte alkoholisches Mischung mit Früchten, ist hier sehr angesagt, kam grundsätzlich gut an. Aber unter den etwa hundert Anwesenden, waren bestimmt zwanzig Jugendliche und eine Handvoll kleiner Kinder. Für die gab es nichts. Ich, als ehemalige Aubergistin, erlaubte mir ebenfalls, nach einem Getränk ohne Alkohol zu fragen. Irgendwas müssten sie doch haben in der Auberge: Orangina, Cola, Orangensaft, Eistee … Ja, sagte die Gattin des neuen Aubergisten unwillig, das hätten sie wohl, aber es sei noch nicht richtig gekühlt, das könne sie mir nicht anbieten. Einen Grenadinesirup schlug sie lustlos vor. Diesmal wollte ich gern einen Grenadinesirup, einfach aus Prinzip. Nach kurzer Zeit kam die Dame unverrichteter Dinge zurück, der Grenadinesirup stehe so weit oben, da komme sie jetzt nicht dran. „Herrgott, trinken Sie doch den Punsch“, sagte sie in verärgertem Ton, „da ist doch auch viel Fruchtsaft drin!“

Ihre Einladung zum jährlichen Gelage für den neuen Wein, der angekommen ist, Sie wissen schon Le Beaujolais nouveau undsoweiter, habe ich dann auch nicht angenommen.

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Foto: www.JenaFoto24.de  / pixelio.de

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Abendstimmung

Abendstimmung

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Die Seele bloggen

„Hört auf, Eure Seele zu bloggen“, schrieb neulich jemand in einem Kommentar zu einem langen (und auch ein bisschen langatmigen) Text von Stefan Mesch über das Nacktsein im Internet. Nackt im buchstäblichen Sinne von „unbekleidet sein“, und nackt im Sinne von etwas Intimes von sich preisgeben. Solle man nicht tun. Man solle das Internet höchstens nutzen, um Bahntickets zu buchen. Ausgerechnet Bahntickets. Das zeigt, dass dieser Mensch keine Ahnung hat. Ich könnte jetzt einen albernen Text schreiben, über die Unmöglichkeit, französische Bahntickets bei der SNCF im Internet zu buchen, aber das ist ja nicht das Thema. Nackt sein im Internet ist das Thema. „Sich nackig machen“ steht irgendwo anders. Nackig, uuuuh, da krieg ich Pickel, auch gebildete Menschen sagen das jetzt, wie schrecklich. Wann hat das denn angefangen? Vermutlich meint man das ironisch und mir fehlt nur der Kontext, denn zu meiner Zeit sagte man „nackig“ nur in Südhessen (und da sagt man eher naggisch),  aber in Südhessen sagt man auch buntisch, oder besser bundisch (mit den Konsonanten ist es schwierig in Südhessen) statt bunt, dochdoch, sagt man da, das ist da auch ok. Da ist auch naggisch irgendwie ok, in Südhessen geht das. Aber sonst überall sagte man, zu meiner Zeit zumindest, „nackt“ bitteschön.

Aber früher sagten erwachsene Menschen auch nicht „Wie geil ist das denn?“ Man sagte vielleicht „Wow, das ist ja toll!“ Oder meinetwegen „Das ist ja geil!“, wenn man schon unbedingt „geil“ sagen wollte. Nun, ich fürchte, mir geht der Anschluss an die deutsche Sprache peu à peu verloren, ich krieg ja nix mehr mit. Irgendwann werde ich wohl komplett veraltetes Deutsch sprechen, egal, denn das ist alles nicht das Thema. Sich preisgeben, sich zeigen, sich exhibitionieren im Internet, ist das Thema. Soll man nicht. Das Internet vergisst nix. Einmal ins Web gestellt, für immer blamiert. Schlimm. Gefährlich. Vor allem, wenn man unter seinem Klarnamen schreibt und sich nicht geschickterweise hinter einem Pseudonym versteckt. In meiner Generation, die die Welt noch Computer- und Internetfrei kannte, hat man durchaus Vorbehalte gegen das Bloggen. So richtig verstehen es meine Freunde glaube ich nicht, dass ich so viel Privates in die Welt hinausposaune. Die Familie auch nicht. Auch wenn alle es gern lesen. Hin und wieder, und so lange es nett ist zumindest. Wenn ich manchmal so ein bisschen rotzig werde, dann zuckt man sicher an dem einen oder anderen Rechner zusammen. Muss sie das sagen? Wenn das mal gut geht! Dabei sage ich ja noch nicht mal alles. Wenn Sie wüssten …

Ich selbst lese auch lieber persönliche Texte und glaube, anders als der Kommentator, der das Internet nur zum Tickets bestellen nutzen möchte, ich glaube, dass persönliche Texte im Web durchaus einen Sinn haben und etwas bewirken können, bei dem, der sie schreibt und auch bei dem, der sie liest. Sie erinnern sich vielleicht, dass ich seinerzeit über das Sterben meines ersten Mannes geschrieben habe. Das war damals noch nicht so üblich, und ich finde diese Texte und den Austausch, den es damals auf meinem Blog gab, auch aus heutiger Sicht immer noch bemerkenswert. Aber kann, darf, muss man alles, was einen bewegt, öffentlich machen?

Ich habe zwei Themen, die mir auf der Seele brennen, die ich gerne loswerden möchte, jenseits meines Tagebuchs, das ich ja auch immer noch schreibe. Aber noch zögere ich. Eine Auto-Zensur findet durchaus statt. Doch, doch. Nicht etwa, weil ich ja gar nicht weiß, wer alles so mitliest, sondern genau deswegen, weil ich weiß, wer mitliest. Was sollen denn die Leute denken? Genau. Manches geht nur in Ansätzen, und Manches geht eben nicht. Oder doch? On verra.

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You want it darker

cohenSie wissen es sicher schon. Als ich beim Müslilöffeln ins Internet klickte, war es schon voll damit. Leonard Cohen ist tot. Vielleicht liegt es daran, dass die schlechten Nachrichten sich gerade häufen, vielleicht liegt es an den trauigen Novembergedenktagen, den sich jährenden Attentaten, ich weiß es nicht, aber, als ich las, dass Leonard Cohen gestorben ist, der gerade noch ein Album mit dem sprechenden Titel You want it darker veröffentlicht hat, kamen mir die Tränen.

Im Sommerhaus höre ich jedes Jahr eine kratzige Vinylplatte mit seinen alten Songs. Wenn Monsieur fragt, was soll ich denn mal auflegen, sage ich immer: Cohen. Ich will Suzanne hören. Es ist ein Ritual. Diese Platte hat er aufgelegt, als wir zum ersten Mal zusammen und alleine im Sommerhaus in den Bergen waren. Dieses Zusammenspiel von innerer und äußerer Ruhe, Stille, diese großartige Natur und dieses eigenartige, altmodische Haus mit den hohen Fenstern bis zum Himmel … Wir auf dem durchgesessenen Ledersofa, Monsieur sitzt, ich liege und habe meinen Kopf auf seinen Knien, und Leonard Cohen singt. Dieses Bild habe ich im Kopf und im Herzen, diese Stimmung, wenn mich jemand fragt, warum bist du überhaupt mit Monsieur zusammen, diesem schweigsamen, grauen Mann. Es ist diese Ruhe. Die Geborgenheit. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich ausatmen und wusste, ich darf mich ausruhen. Ich wusste, Monsieur ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.

Als ich Monsieur vor zwei Jahren die vorletzte Platte Popular Problems von Cohen schenkte, mussten wir uns beide erst an diese dunkle Stimme gewöhnen. Diesen Sprechgesang. War das noch mein, unser Cohen? Aber je länger ich ihn hörte, desto mehr mochte ich ihn so. Erst kürzlich sah ich, dass er eine weitere Platte veröffentlich hat: You want it darker. 

I’m ready, my Lord, singt er in dem gleichlautenden Song.

Er war wohl soweit.

Heute ist der 11. November, in Frankreich großer Gedenktag für die Opfer des Ersten Weltkriegs. Trotz unglaublich blauem Himmel und Sonnenschein kommt mir die Welt ohne Leonard Cohen heute dunkler und düsterer vor.

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Ach …

etoiles disparusVor kurzem habe ich in Nizza zum ersten Mal die offiziell-inoffizielle Gedenkstätte zum Attentat vom 14. Juli gesehen. Das Blumenmeer entlang der Promenade wurde in der Zwischenzeit überwiegend in den Park gegenüber verlagert und dort, rund um den Musikpavillon, ist das Gelände nun übersät mit Stofftieren, Blumen und Kerzen.

Pavillon de MusiqueAber auch an der Promenade des Anglais finden sich noch immer Stofftiere, Kerzen, Blumen und Kieselsteine vom nahen Strand.

Promenade des AnglaisBlumenMan kann verblasste Botschaften in allen Sprachen lesen.

ti voglio beneVictoriaCoeurMamanAlles ist durch Sonne, Wind und Regen schon sehr mitgenommen, dennoch sind beide Orte sehr berührend.

fragil

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WMDEDGT im November

Oups, es ist der fünfte November! Facebook spült ja immer irgendwelche Erinnerungen nach oben und hat mich gerade mit meinem allerersten Beitrag für Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag, kurz WMDEDGT, konfrontiert. Das fragt Frau Brüllen allmonatlich am 5., und schon lange habe ich nicht mehr mitgemacht. Heute aber passt es, auch wenn ich nicht so viel gemacht habe, oder vielleicht passt es auch genau deswegen.

Aufstehen so gegen Acht. Heute ist Nathalie-Tag. Sie kommt um Neun. Bis dahin will ich in Ruhe gefrühstückt haben, im Bad gewesen sein und ein kurzes Vor-Aufräumen vorgenommen haben. Nathalie ist meine Hilfe seit ein paar Monaten. Eine alleinerziehende Mutter, deren gerade flügge gewordenes Mädchen auch schon alleinerziehende Mutter geworden ist. Alles schon nicht einfach, auch wenn die ganz Kleine ein Sonnenschein ist. Und dann wurde Nathalie arbeitslos. Und es wurde knapp mit dem Geld. Als ich Nathalie das erste Mal sah, war sie ziemlich deprimiert, grau im Gesicht und sie roch nach Alkohol. Das kann ich nicht mehr so gut aushalten seit ich selbst keinen Alkohol mehr trinke, aber ich wollte so gerne jemanden haben, der mir hilft, diese Wohnung halbwegs in Ordnung zu halten, und sagte „ja“. Nathalie sagte auch „ja“ – obwohl Hausarbeit nicht ihre liebste Tätigkeit ist, denn früher war sie Chefsekretärin einer kleinen Sicherheitsfirma, die in Konkurs gegangen ist. Aber Nathalie ist knapp über 50 und gilt als schwer vermittelbar. Fremdsprachen, die man heute für so einen Posten können muss, kann sie nicht. Einen Führerschein hat sie auch nicht. Jetzt macht sie einen vom Arbeitsamt verordneten Intensivkurs Englisch und kann nur noch samstags zu uns kommen.

Während ich frühstücke, will ich nur schnell den Silberbecher mit frischem Vogelsand auffüllen – feiner, weißer Sand, in den ich meine Räucherstäbchen stecke oder mein Papier d’Arménie abbrennen lasse und zerre an dem Sack mit Sand, der im Küchenunterschrank neben dem Katzenfutter steht. Pepita hat aber auch schon mal an diesem Sack gezerrt, vielleicht roch der Muschelsand für sie verführerisch, ich weiß es nicht, der Sack ist auf jeden Fall angefressen und es rieselt aus vielen kleinen Öffnungen, ich hinterlasse überall in der Küche Sand und werfe den Sack erschrocken ins Waschbecken. Es rieselt. Der Boden des Küchenunterschrank ist auch voll mit Sand. Ich weiß, was ich heute mit Nathalie machen werde.

Um 9 Uhr kommt Nathalie. Sie hat die langen Haare abgeschnitten und trägt sie jetzt lockig kinnlang, steht ihr gut. Sie sieht trotz des Regenwetters froh aus, der Englischkurs, den sie fürchtete, gefällt ihr gut, ist wirklich intensiv und keine Zeitverschwendung. Ich lasse sie in der Küche und mit dem Küchenschrank zunächst alleine und räume in den angrenzenden Zimmern in Windeseile, zumindest grob, auf. Nathalies Anwesenheit hilft mir bei dem Versuch, wenigstens einmal in der Woche all unsere Unordnung zu bändigen, all die herumliegenden Klamotten im Schlafzimmer wieder zusammenzufalten oder in Schränke zu hängen, die Briefe, Papiere, Zeitungen und Bücher im Wohnzimmer und all den Krempel auf den diversen Kommoden und Tischen zusammenzuschieben, zu ordnen und das eine oder andere vielleicht sogar wegzuwerfen.

Dann durchforste ich mit Nathalie vier große Kisten mit Putzmitteln aus grauer Vorzeit, inklusive Sattelfett und Kupferpoliermittel, trenne mich von verrosteten Dosen und dubiosen Flaschen, deren Inhalt ich nicht mehr bestimmen kann, dazu Schwämme, Bürsten, und wühle mich durch eine weitere Kiste mit Schuhputzzeug. Sie ist voller halbausgedrückter Tuben Schuhcreme, vorzugsweise in den Farben Blau und Braun. Und eine Kiste mit Katzenkram. Und Plastiktüten. Und Papiertüten. Hunderte. Und eine Plastiktüte voller zusammengeknüllter Plastiktüten. Tausende vermutlich. Wie es dieses Land und seine Bewohner je schaffen werden, ohne all diese Tüten zu leben, wie es für nächstes Jahr geplant ist, weiß ich nicht. Ich habe zwei riesige Basttaschen zum Einkaufen und jede Menge wiederverwendbare große Plastiktaschen und trotzdem sammeln sich in Windeseile wieder Tüten in allen Farben, Größen, Formen und Stärken an. Am Ende haben wir zwei große Müllsäcke voller Kram wegzuwerfen, der Küchenunterschrank ist aber immer noch voll. Man fragt sich, wie das alles vorher da reingepasst hat.

Das alles hat lange gedauert. Nathalie wirbelt nun mit dem Staubsauger in den anderen Räumen und ich überlege, was ich zu Mittag machen könnte. Kaum habe ich Fleisch aufgetaut, kommt Monsieur mit zwei neuen prallgefüllten Plastiktüten nach Hause. Er hat mit seiner Mutter Einkäufe gemacht und das eine oder andere, das ihn inspiriert hat, für uns mitgebracht. Das alles wird beguckt und verstaut. Kurzerhand wird das aufgetaute Fleisch in den Kühlschrank verfrachtet, wir essen jetzt frische Lammleber.

Eigentlich ist jetzt Wochenende. Die Wohnung ist sauber. Draußen regnet es. Ich lese ein bisschen im Internet herum, Monsieur spielt gegen den PC Bridge. Beide machen wir eine kleine Sieste. Pepita schleicht sich dazu. Um Viertel vor Drei stehe zumindest ich wieder auf, mache mir einen Kaffee und setze mich an den Schreibtisch. Das Manuskript von Christine ist gesetzt und die erste Umbruchkorrektur wird Korrektur gelesen. Ich finde nicht viel, grübele aber doch über den einen oder anderen Satz und schlage in vorigen Büchern nach. Wie haben wir französische Worte da behandelt? Klein oder groß? Kursiv oder nicht? Muss ich morgen noch einmal drüber nachdenken. Denn schwupps ist es Sechs Uhr und Monsieur schaltet zur täglichen Politiksendung den Fernseher an. Kleiner Klick in FB: Stelle fest, es ist der Fünfte. Siehe oben.

Neben mir köchelt ein Milchreis. Das richtige Essen für einen regnerischen Novemberabend. Nachher nehme ich ein Bad.

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Two to Toulouse*

Saint SerninGanz schnell noch Toulouse. Unsere letzte Station. Hier wohnt Monsieurs Sohn seit ein paar Jahren, die Stadt war also unumgänglich. Ich war nach Bordeaux schon etwas erschöpft und sah einem neuen Stadtbesuch eher lustlos entgegen. Ich konnte mir auch nichts mehr merken, von dem was man mir erzählte, aber ich mochte Toulouse trotzdem sofort. Toulouse ist wieder eine Backsteinstadt, aber der Backstein ist viel heller als in Albi. Toulouse heißt daher auch gern „la ville rose“, Albi hingegen „la Rouge“. Das Schöne aber sind die pastellblauen Fensterläden überall. Beides zusammen macht diese Stadt so hell und freundlich. Gerne noch einmal länger irgendwann.

Fassadenan der GaronnePastellorange und pastellGaronne Ufer

* „Two to Toulouse“, so beginnt ein Uralt-Witz, der bizarrerweise in meinem Hirn hängengeblieben ist. Witze kann ich mir in der Regel nämlich nicht merken und schon gar nicht erzählen. Abgesehen von ein paar Absurditäten à la „Was ist der Unterschied zwischen einer Elster?“ „Beide Beine sind gleichlang, besonders das rechte.“ Haha. „Two to Toulouse“ sagt ein englisches Paar am Fahrkartenschalter. Manchmal sagt noch ein zweites Paar „Two to Toulouse too“. Der Ticketverkäufer antwortet daraufhin „Tätäterätätä“. Haha.

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Blut an den Wänden oder Bouquinisten in Bordeaux

So, jetzt bringen wir aber mal den Bericht über den gefühlt schon soooo lang zurückliegenden Urlaub zu Ende, damit wir mit was anderem weitermachen können. Ich will ja eigentlich immer so viel schreiben und ich schulde auch noch Briefpost hier und da, falls Sie auf Post von mir warten, seien Sie gewiss, ich habe Sie nicht vergessen, aber der Arm tut beim Schreiben gleich wieder weh, so dass ich dachte, ein Päuschen könnte nicht schaden. Kam mir nicht ungelegen, denn, ehrlich gesagt, ich wollte auch mal „frei“ haben vom Schreiben und vom PC und vom Online-Sein. Dieses Bedürfnis können ja vermutlich nur noch andere schreibende Dinosaurier-Alte verstehen, die schon urzeitlich vor sich hinvegetierten, bevor es Computer und das Internet gab und die seinerzeit Uni-Hausarbeiten noch mit der Schreibmaschine getippt und dafür tatsächlich noch in verstaubten Bibliotheken in dicken Enzyklopädien Artikel gelesen und sie allenfalls fotokopiert haben. Ach, früher … nie hätte ich gedacht, dass ich auch mal so eine „früher war alles besser“-Litanei anstimmen würde. Nein, war es ja sicher nicht, und ich bin tatsächlich ein Internet-Junkie der anderthalbten Stunde. Trotzdem sperre ich mich ein bisschen gegen dieses ständig und überall präsent sein. Diese Tipperei stets und ständig und immer schneller. Whatsapp, Twitter, Snapchat. Twitter zum Beispiel ist gar nichts für mich. Da wird ja im Sekundentakt Originelles rausgehauen, dass ich immer nur staunen kann. Ehrlich, auch wenn ich hin und wieder irgendwo Lieblingstweets lese, da will ich gar nicht mitspielen, das ist mir zu anstrengend. Kinder habe ich ja auch nicht, deren originelle Aussagen sowieso den größten Teil der Twitterei ausmachen, wie mir scheint. Früher hieß sowas „Kindermund“ und man las es vielleicht hin und wieder in der Bäckerblume auf Seite 3. Die Bäckerblume habe ich gerade mal gegoogelt und wissen Sie was, dieses Heftchen meiner Kindheit gibts tatsächlich noch. Und schon wieder sind wir bei der guten alten Dinosaurierzeit. Die Überleitung zu Bordeaux ergibt sich so geradezu spielerisch, aber nein, nicht was Sie denken, Monsieur wollte dort nicht etwa lange gelagerten Wein erwerben, sondern die dortigen Dinosaurier-Bouquinisten aufsuchen, die, die noch nicht ausgestorben sind, zumindest, und er drängte schon kurz nach dem Austernessen zum Aufbruch. Ich hätte durchaus noch gerne ein, zwei Tage im Bassin d’Arcachon verbracht, selbst wenn das Publikum dort dem von Cannes sehr ähnelt: die grauhaarige Bel-Age-Generation wandert dort stramm durchs Watt oder radelt gemütlich die Küste entlang. Hätte ich trotzdem gerne gemacht, aber nein, wir waren schon zügig auf dem Weg nach Bordeaux.

Vor etwa zwanzig Jahren war ich dort schon mal, aber alles, was mir von Bordeaux in Erinnerung geblieben ist, war genervtes Autofahren und verzweifelte Parkplatzsuche. Das wird diesmal sicher anders, dachte ich, Autofahren in französischen Städten ängstigt mich ja nun nicht mehr. Wir suchten dann auch nicht verzweifelt Parkplatz, sondern abends ein freies Hotelzimmer, aber ich greife vor. Zunächst suchten wir Bouquinisten. Bei einem ersten (und nicht dokumentierten) Bouquinisten stolperte ich sofort über eine zweibändige BD/Graphic Novel über das Leben eines Werft-Arbeiters in Bordeaux während der deutschen Besatzung, mein stetes, düsteres Interessengebiet. Und Monsieur fand Ersatz für den einen oder anderen im letzten Jahr abgesoffenen Krimi. Nicht alle Bouquinisten, die Monsieur im Gedächtnis hatte, gab es noch, und mancher Laden sieht schon etwas abgewirtschaftet aus. Und innen etwas leer. Ich erstand immerhin L’Argot pour les Nuls. (Umgansgsprache für Dummies) Schon lange will ich einen Text über die Umgangssprache schreiben. Ein Anfang ist jetzt also gemacht, auch wenn ich das Layout dieser Buchserie grauenhaft finde und mir schon das Schmökern darin keinen richtigen Spaß macht.

Quai des livresEs gab aber auch Buchhandels-Neuentdeckungen. Ich nutzte erstmals mein Handy als Navigationssystem, das klappte prima, rödelte aber den Akku schnell leer. So kamen wir zu La Nuit des Rois (Die Nacht der Könige). Der Laden besteht aus mehreren hintereinander liegenden kleinen Räumen und bietet eher edlere Sammlungen an. Der junge und engagierte Besitzer konnte dann auch über den Verbleib eines anderen, großen Buchantiquariats Auskunft geben, das zumindest Monsieur verzweifelt suchte: Ausgestorben, natürlich. Das Dinosaurier-Schicksal.

La nuit des Roisauf der leiterNach dem Essen ließ ich Monsieur mit seinen Bücherschätzen in einem Straßencafé sitzen und suchte in der Innenstadt eine der drei französischen Filialen von OSKA. Sie kennen ja vermutlich mein Klamotten-Dilemma in Frankreich, das zieht sich ja in unregelmäßigen Abständen durch meinen Blog. OSKA ist deutsche Mode (in deutschen Schnitten und Größen!) in Frankreich. Hurrah! Ich war die einzige Kundin und probierte mit der supernetten Verkäuferin die ganze Winterkollektion durch. Was für eine Wohltat! Es gab letztlich zwei Hosen und ich war hochzufrieden.

Bordeaux fing gut an. Parkplatz hatten wir auch. Fürs Übernachten machte ich mir auch keine Sorgen, wir sollten bei einem Jugendfreund von Monsieur nächtigen. Der Jugendfreund war mir als Ex-Politiker und Teil der „gehobenen Bourgeoisie“ von Bordeaux angekündigt worden und ich schleppte für diese Begegnung zwei bessere Ausgehgarderoben mit mir herum, von denen ich hoffte, sie seien letztendlich nicht zu doll verknittert. Aber wir erreichten ihn telefonisch nicht. So versuchte ich am späten Nachmittag, mit dem kümmerlichen Rest meines Handy-Akkus, uns innenstadtnah ein bezahlbares Hotelzimmer zu suchen. Gab keins. Gar keins. Weder bezahlbar und auch sonst nicht. Wir setzten uns ins Auto und fuhren im Stop and Go-Feierabendverkehr durch Bordeaux und weder die ultramoderne Zugbrücke noch das wulstig aussehende neue Wein-Museum, La Cité du Vin, an denen wir vorbeischlichen, beeindruckten uns angesichts unserer dringlicher werdenden Suche bei einsetzender Dunkelheit. Wir tuckerten durch Bacalan, das Hafen- und Arbeiterviertel, von dem in meinem Bordeaux-BD die Rede war. Das ganze Gelände ist im Umbruch und wird in ein Wohngebiet umgewandelt, das immerhin schon 2025 fertig sein soll, aber noch ist alleOuvrier in Bordeauxs eine Riesenbaustelle voller gesperrter Straßen (Route barré) und Umleitungen (Déviation). Von einer dieser déviations erhaschten wir einen Blick auf die düsteren Reste der riesigen, bunkerähnlichen U-Boot-Basis aus viel Beton. Sie ahnen schon, wer das erbaut hat. Nirgendwo war bislang ein Hotel ausgeschildert und wir näherten uns schon dem Autobahnzubringer. In dieser lieblichen Gegend fanden wir dann endlich ein hässliches Betongebäude, vor dem, auf einem riesigen umzäunten Gelände, hunderte von LKWs parkten. Auf dem Dach des Gebäudes blinkte es Grün, über dem Eingang hingegen Rot. Restaurant stand da. Aha. Ein Fernfahrerhotel. Ich wartete auf dem Parkplatz und redete es mir schön und dachte, immerhin könnte ich so etwas erzählen, aber Monsieur kam schon mit resignierter Gesicht wieder heraus. Complet. Ganz in der Nähe solle es aber andere Hotels geben. Tatsächlich fanden wir einen neutralen weißen Kasten, hoch eingezäunt und umgeben von Ausfallstraßen. Die Situation erinnerte mich an eine Hotelsuche nachts in Bamako, seinerzeit mit meinem französischen Freund. Damals landeten wir weit außerhalb in einem Rot erleuchteten hotel de passe, einem Stundenhotel. Das einzige, was mitten in der Nacht überhaupt noch geöffnet hatte. Wir hatten dort eine eher schlaflose Nacht verbracht und uns in dem Zimmer mit vergittertem Fenster und Badezimmer ohne fließend Wasser vorsichtshalber eingeschlossen und den Stuhl, wie in vielen Filmen gesehen, mit der Lehne unter die Türklinke gestellt.

Ich sah den anonymen Kasten vor uns misstrauisch an. Es blinkte zumindest nirgends Rot. Und es gab ein freies Zimmer, das letzte, für 47 Euro mit kostenlosem Internetzugang. Drei Einzelbetten am Boden festgeschraubt mit exakt zehn Zentimetern Platz dazwischen. Ein kleines Duschbad. Ich suchte und schnüffelte kritisch herum, aber alles roch frisch und war sauber. Ich erwartete dennoch, nachts diverse Geräusche aus den Nebenzimmern zu hören. Was auch immer. Kam aber nichts. Es war ganz ruhig. Zum Essen fuhren wir jetzt aber nirgends mehr hin sondern futterten uns in einem Fastfood im benachbarten Gewerbegebiet satt. Am nächsten Morgen gabs Frühstück continental für 5 Euro. Gleichzeitig mit uns frühstückten dort drei Handwerker mit großen Kühltaschen, zwei junge Sportler, die sich ihr eigenes Müsli mitgebracht hatten, eine Familie mit drei Kindern und ein Ehepaar mit großem Hund.

870x489_cite-du-vin-a-bordeauxAuf dem Weg zurück in die Innenstadt ging es wieder vorbei am Wein-Museum. Ich mag moderne Architektur eigentlich, aber mit dem Gebäude des Wein-Museums hatte ich schon gestern beim Vorbeifahren so meine Schwierigkeiten. Aber ich trinke ja keinen Alkohol (mehr) und bin daher vermutlich Wein-Architektur-Banausin, denn, das habe ich nachgelesen, die unbekannte Form des Gebäudes soll die Seele des Weins darstellen: „Ce bâtiment ne ressemble à aucune forme connue parce qu’il se veut une évocation de l’âme du vin, entre le fleuve et la ville.“  Da ham Sie’s. Als Abstinenzlerin trank ich aber nirgends den wundervollen Bordeauxwein und das merkwürdig sich an der Gironde Garonne hinfläzende Museum hat mich ebenfalls nicht weiter interessiert.

Abcanneles-bordelaiser immerhin sind wir an einer dieser eher hässlichen Ausfallstraßen auf eine Cannelé-Bäckerei mit Direktverkauf gestoßen. Dort habe ich die berühmten Cannelés bordelais zum ersten Mal wirklich ganz frisch gegessen. Näherungsweise könnte man sie als „Gebackene Puddingküchlein mit Karamellkruste“ bezeichnen. Hmmm, die sind so was von lecker!

Dann gab es einen weiteren ergiebigen Buchhandelstag. Von außen eher schlicht, ist diese Librairie innen eher ein Disquaire. Ein Vinylplattenladen.

Librairie MicitaDer Besitzer kennt jedes Buch und jede Platte, die er hat. Ich kaufte eine der drei Carole King-Platten. Plattensammlung

Au Petit Coin heißt so viel wie bei uns das „stille Örtchen“ und ehrlich gesagt roch es in dem Viertel auch an jeder Straßenecke nach allen menschlichen Ausscheidungen. Das war bei der Namenssuche sicher nicht beabsichtigt. Innen drin aber roch es, wie in so vielen Antiquariaten, nur so ein bisschen Papier-muffig.  au petit coin

Die Bücher immerhin in edlen Weinkisten. Bordeaux, na klar.Bücher in WeinkistenIch entdeckte eine niedliche Handreichung aus den Sechziger Jahren für den Policier: Le Policier et les Jeunes. Wie soll man richtig mit Jugendlichen umgehen? Vor allem keine Vorurteile!, heißt es darin: Ein Hippie mit langen Haaren ist nicht unbedingt auch ein Krimineller oder Drogensüchtiger. Sieh an. Dies alles ist aber so amüsant illustriert, dass ich lange nicht glauben wollte, dass man das damals ernsthaft an Polizisten verteilt hat.

policier-et-les-jeunes kierkegaard

Wir aßen später in bzw. vor einer reinen und riesigen Comicbuchhandlung. Gibt ja alles.

Krazy Cat  Krazy Kat Kuchen

Ich lief dann noch ein bisschen durch die Stadt und fand einen schönen Park,

Park in Bordeauxund wieder meine geliebten Fußabkratzer, les décrottoirs. Die gab es zum Beispiel nicht in Arles und auch nicht in Nîmes. Vielleicht weil römische Städte schon so früh gepflastert waren?!

décrottoir weißdecrottoir blaudecrottoir KrautEs folgte tatsächlich ein zweiter Abend mit Hotelsuche (der Freund war noch immer verschollen). Ich war ja in der Zwischenzeit ganz begeistert von der nüchternen Ehrlichkeit „unseres“ Hotels, und wir fuhren zielstrebig ins Gewerbegebiet neben der Autobahn. Aber da wir nicht reserviert hatten, war diesmal sogar hier nichts zu machen. Ein große Medizinerkongress in Bordeaux hatte die Hotelzimmersituation zusammenschrumpfen lassen. Wir fuhren jetzt alle Hotels im nahe gelegenen Messegelände, euphemistisch Au Lac (am See) genannt, ab. Alles hässliche, funktionelle Kästen, ganz gleich in welcher Preisklasse. Aber alle ausgebucht. Complet. Complet. Complet. Wir bekamen das letzte Zimmer im Novotel, mit Seeblick immerhin. Angesichts des Zimmerpreises und überhaupt erschöpft, gingen wir wieder nicht aus, sondern picknickten mit unseren Vorräten auf dem Kingsize-Hotelbett und sahen fern.

Au LacNun, Bordeaux wird ja manchmal als Konkurrenz zu Paris gehandelt. Ich war auch dieses Mal nicht so wahnsinnig beeindruckt, trotz der Bouquinisten, trotz OSKA und obwohl wir die Quais entlang gefahren sind und ich dort allerhand von dem sah, was Hilke Maunder in ihrem Blog so schön zeigt.

Ich weiß nicht, woran es lag, dass mich diese Stadt erneut nicht in ihren Bann gezogen hat. Vermutlich standen wir einfach zu lange im Stop and Go-Feierabendverkehr in der Riesenbaustelle, und die Hotelsituation tat sicher ein übriges.

Der verschollene Freund hat sich übrigens, nachdem wir gerade eingecheckt hatten, überraschend gemeldet. Nein, sowas aber auch. Großes Missverständnis. Er sei untröstlich und lud uns am nächsten Tag natürlich zum Mittagessen ein. So kam meine Ausgehgarderobe doch noch zum Einsatz und zumindest Monsieur in den Genuss eines edlen Tropfens. Der Freund, ursprünglich kein Bordelais, erzählte von den Eigenheiten der diskreten Stadt, in der alles still und heimlich vonstatten geht. Personne ne dit rien, mais il y du sang sur les murs.

Ps: Falls Sie eher was Bordeaux-Begeistertes lesen wollen, mit Châteaux und lecker Essen und Weinprobe, möchte ich Sie gern zu Arthurs Tochter verlinken. Dort gibt es eine ganze Serie zu ihrer sehr aktuellen Reise durchs Bordeaux, und sie war auch im Wein-Museum! Voici Teil eins, zwei und drei. Danach sind Sie allein vom Ansehen der Bilder pappsatt

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Le Bassin d’Arcachon

Monsieur wollte frische Austern essen und es zog ihn mit Macht nach Arcachon. Wir fuhren also Richtung Norden. Noch einmal machten wir Halt am Atlantik. Vorher waren wir stundenlang durch die flachen Pinienwälder gefahren: Les Landes.

Pinien

Da man im Atlantik nicht so richtig schwimmen kann, zu flach einerseits, die Wellen aber gleichzeitig zu wild, hofften wir, im Bassin d’Arcachon eine gut gefüllte Bucht zum Schwimmen vorzufinden. Ich hatte uns ein einfaches Hotel irgendwo in der Mitte zwischen Arcachon und dem Cap Ferret gebucht und lief von dort gleichmal an den Strand. Nix wars mit Schwimmen. Ebbe. Ich lief also barfuß durchs Watt. Am nächsten Morgen eilte ich wieder an den Strand und fand das gleiche Bild vor. Wann ist denn mal Wasser im Meer, verdammtnochmal?

Ebbe am Abendauf dem TrockenenEbbe

Wir fuhren nach Cap Ferret, ich stieg auf einen hübschen Leuchtturm und danach gabs endlich die von Monsieur so ersehnten Austern in einem der vielen kleinen Cabanons, die dort überall Verkostung der sozusagen hauseigenen Austern anbieten. Was für ein traumhafter Ort: Füße im Sand. Frischeste Austern. Ein würdiges Essen für unseren 6. Hochzeitstag.

LeuchtturmBlicknoch ein BlickSelfieMenü du jourAustern mit BlickAustern

Danach musste zumindest ich nochmal an den Atlantik, da gibt es wenigstens Wasser, auch bei Ebbe. Und es gibt auch noch ein paar Bunker, die wir Deutschen dort mit unserer bekannten Gründlichkeit und viel Beton seinerzeit gebaut haben. Mich schockiert das immer, dass diese Bunker, „Blockhaus“ heißen sie bei den Franzosen, blokkos gesprochen, noch immer dort so wuchtig und obszön am Strand liegen. Immerhin mahnen sie jetzt auch gegen Plastik, denn, um das auch zu sagen, so wundervoll wie die Strände von Weitem aussehen, so schmutzig sind sie.

WellenschaumBunker am StrandBunker nahedifice de memoire

Oeanfrische. So ein Dreck liegt da überall herum.

Ozeanfrische

Zurück am Hotel, eile ich erneut zum Strand und schaffe es gerade, dort noch etwas Wasser vorzufinden, das sich langsam aber entschieden, schon wieder zurückzog.

EbbeSpazieren auf dem Seerot weissAbendstimmung

 

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