Cannes zu Fuß – Le Boulevard Montfleury

Exakt vor einer Woche bin ich in diese Ecke Cannes‘ gefahren – vor allem, weil ich dieses Haus fotografieren wollte, ohne zu wissen, dass es „Chalet Montfleury“ heißt und zunächst, ohne zu realisieren, dass ich mich auf dem Boulevard Montfleury befinde.

Chalet Montfleury

Montfleury. Da klingelte etwas. Vielleicht erinnern Sie sich. Ich habe schon einmal davon gesprochen. Hier befindet sich eine Stele, ein Gedenkstein für die am 15. August 1944 erschossenen Gefangenen der Gestapo, die irgendwo hier, Hausnummer 42, seinerzeit in der Villa Montfleury ihren Cannoiser Sitz hatte. Das weiß ich, seit letztes Jahr die Ausstellung „Cannes sous l’occupation“ (Das besetzte Cannes) im Stadtarchiv zu sehen war. Gesehen hatte ich diese Stele in echt noch nie, und das obwohl ich schon oft über diese Straße gefahren bin. Hier im Quartier Montfleury befindet sich nämlich auch das Hallenbad, in dem ich eine Zeitlang regelmäßig schwimmen gegangen bin. Das Hallenbad (mit dem unfreundlichsten Personal ever, das außerdem, obwohl noch recht neu, schon ziemlich heruntergekommen ist) heißt auch Montfleury, Piscine Montfleury und es liegt im Parc Montfleury, einer neu angelegten Parkanlage mit Tennisplätzen.  Alles heißt hier Montfleury stelle ich fest, obwohl Schwimmbad und Parkanlage an der Avenue Beauséjour liegen, die hier ganz unspektakulär in einer Kurve beginnt, weshalb ich mir nie bewusst war, dass ich über den Boulevard Montfleury hierher kam. Hier war also die Villa Montfleury mit dem traurigen Schicksal und hier muss also diese Stele sein.

Villa Montfleury (credits: Archives municipales de la ville de Cannes)

Nun, von der Villa ist nichts mehr übrig, sie wurde irgendwann abgerissen, um ein großes Appartmenthaus auf dem weitläufigen Gelände zu bauen.

Palais Montfleury
Boulevard Montfleury auf der Höhe der Stele; Slamlomlaufen zwischen Palmen, Olivenbäumen und Strommasten auf dem Trottoir

Nur die sehr diskrete Stele erinnert noch an Villa, an die Gestapo und die Gefangenen, die man am Tag des Débarquements der Alliierten erschossen hatte. Zwei haben (hinter und unter den Körpern ihrer Mitgefangenen) überlebt und konnten so erzählen, wie es sich zugetragen hat.

Gedenkstein für die Opfer der Gestapo

Ich wüsste gerne etwas mehr zu der Villa. von der es lapidar immer nur heißt „Die Gestapo hatte dort ihren Sitz in Cannes“. Wem hat sie vorher gehört? Oder stand sie leer? Was ist danach passiert? Ich finde aber nichts, vielleicht müsste ich mal selbst im Stadtarchiv nachforschen, aber wann, herrjeh, man kommt ja zu nichts. Mehr zufällig laufe ich die kleine Avenue des Palmiers hinein, die auf dieser Höhe vom Boulevard abzweigt, wundere mich über den schlechten Straßenzustand der Sackgasse und stehe plötzlich vor Monsieurs Elternhaus, das jetzt anderen Menschen gehört.

Avenue des Palmiers
holprige Straße

Ich bin perplex. Hier, in unmittelbarer Nähe der Villa Montfleury ist Monsieur groß geworden. Er ist erst kurz nach dem Krieg geboren, aber vielleicht hat er Erinnerungen an die Villa? Weiß er, wem sie gehörte? Hat man sich etwas darüber erzählt? Hat er als Kind heimlich auf dem Gelände der vielleicht aufgegebenen Villa gespielt? So wie ich als Kind in aufgegebenen Kleingärten in der Nachbarschaft herumgelungert habe, auf Bäume kletterte, mir beim Herunterfallen einen abgebrochenen Ast ins Knie rammte und davon immer noch eine gewaltige Narbe habe, Rhabarber und Erdbeeren futterte und immer auch so ein bisschen Angst hatte, von der alten Frau Schwarz erwischt zu werden, der einer der Gärten noch gehörte. Der Name „Frau Schwarz“ ist mir gerade eben erst wieder eingefallen. Das Gedächtnis ist schon eigenartig, nicht wahr?! Ich befrage also Monsieur, als ich nach Hause komme. Erinnert er sich an etwas? Rien. Nix. Gar nix. „Hat man die Villa vielleicht abgerissen, wegen ihrer dunklen Geschichte?“ Er zuckt die Schultern. Ich meckere ein bisschen über das permanente Ignorieren der Franzosen von Geschichte (aus dieser Zeit) und Monsieur jault auf. „Wenn man alle Häuser, in denen die Polizei ein Verbrechen begangen hat, abreißen wollte, da hätte man viel zu tun“, sagt er. Ich lasse das mal so stehen. Vermutlich hat man die Villa abgerissen, weil man einen guten Immobiliendeal machen konnte und auf dem weitläufigen Grundstück diese riesige Appartementanlage gebaut hat.

Ich laufe jetzt bewusst zum Anfang des Boulevards Montfleury, der ziemlich weit weg, im eher ärmlichen Viertel rund um dem Boulevard de la République beginnt. Kleine Häuser mit Handwerksbetrieben wechseln sich mit riesigen, schon in die Jahre gekommenen Appartementanlagen ab.

Boulevard Montfleury Anfang
École primaire Hélène Vagliano

Das langgezogene Gebäude, das ein bisschen aussieht wie ein Gefängnis, ist die Grundschule Hélène Vagliano  (Wa-gli-a-no spricht der Franzose das aus). eine junge Frau, die in der Résistance war, gefoltert und erschossen wurde. Für sie wurde diese Gedenktafel an der Schule angebracht, die, wie so oft bei dieser Art Gedenktafeln, länger dem Bürgermeister dankt und gedenkt, der die Tafel angebracht hat, als der jungen Frau, der diese Tafel eigentlich gedenken soll.

Gedenktafel für Hélène Vagliano (Heroine de la Resistance) und Michel Mouillot (Ex-ex-ex-Bürgermeister)

Boulevard Montfleury rechte Straßenseite
linke Straßenseite
Club net – eine Reinigung

Und nur zwei Schritte weiter wird es überraschend edel: links, etwas zurückgesetzt, das pompöse Bauwerk des ehemaligen Grandhotels, das in eine Wohnanlage umgebaut wurde: Le Gallia.

Le Gallia heute
und früher
Le Gallia Seitenansicht

Nun folgen moderne Appartmentanlagen, eine größer als die andere. Sie wechseln sich mit mittleren und größeren alten (versteckten) Villen ab.

Residence Montfleury Eingang
exzentrische Architektur
Zypressen!
Privatstraße zu Schlössern und Villen
Nostalgie-Briefkasten (noch wird er geleert)

Und schon sind wir wieder auf der Höhe des verlassenen Chalet Montfleury und der Boulevard schlängelt sich daneben klein und sehr kurvig nach oben.

Chalet Montfleury

Dahinter sieht es ein bisschen verfallen aus und während ich dort herumstiefele kommt mal wieder die Police Municipale angefahren und inspiziert mich. Dieses neugierige Herumlaufen, Schauen und Fotografieren hat man in Cannes nicht so gern (Ich wartete eigentlich auf die Frage: Warum laufen Sie hier herum? Haben Sie kein Auto? — Gestern sah ich einen uralten Western, da wurde ein Mann angeherrscht „Warum haben Sie keine Waffe?!“ Das nur am Rande.) Sicherheit undsoweiter. Ich kann es verstehen, aber es ist ein Aspekt, der mir diese Cannes-Spaziergänge etwas verleidet.

Rückseite des Chalet Montfleury
seriöse Kurven
Für Fußgänger gibts Treppen
Pflanzenkunstwerk an Lampen und Stromkabel

Und siehe da, in einer Kurve entdecke ich einen inoffiziellen Zugang zur Trasse der ehemaligen Bergbahn, der Boulevard schlängelt sich parallel zur Trasse nach oben. Über die Bergbahn habe ich hier schon einmal berichtet.

die Trasse der ehemaligen Bergbahn

Viel weiter laufe ich nicht nach oben. Er ist ganz schön lang der Boulevard Montfleury, von hier steigt er jetzt ziemlich an und ich gebe auf. Zu Hause auf der Karte habe ich gesehen, dass nicht viel gefehlt hat – den Rest mache ich vielleicht nachher, on verra.  

Blick von halber Höhe des Boulevards über Cannes

Dieser Text darf als Beitrag zum heutigen Gedenktag der Opfer des Nationalssozialismus verstanden werden.


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Ease [iiiehs]

Das mit den Vorsätzen im neuen Jahr, das wissen wir schon, das wird nix. Es hat viel damit zu tun, sagen uns die Psychologen, dass man bei den Vorsätzen etwas „tun“ will: dreimal in der Woche ins Fitnessstudio gehen, zehn Kilo abnehmen, gesünder essen, früher Schlafen, weniger Alkohol, disziplinierter Arbeiten was auch immer. Beginnt man das Jahr mit einer Grippe und geht daher schon gleich mal nicht schwungvoll ins Fitnesstudio, ist man quasi schon in der ersten Woche gescheitert mit seinen Vorsätzen. In den letzten Jahren hat sich in gewissen Kreisen eine andere Art von Vorsatz für das neue Jahr entwickelt, das weniger das „Tun“ als das „Sein“ in den Vordergrund stellt: The Word of the Year. Ein Wort, das man sich als Jahresmotto wählt, eine Eigenschaft, die man in seinem Sein braucht oder mehr davon haben will und es daher „in sein Leben einlädt“ (um mal in der typischen Sprache zu bleiben). Das kann (Selbst-)Liebe sein, wenn es einem daran mangelt, oder Vertrauen (statt wildem Aktionismus), dass sich die Dinge schon fügen wollen, oder Spielen, wenn man sein ernstes Dasein spielerischer angehen will oder ganz konkret mit (seinen) Kindern (oder Enkeln) mehr unternehmen will. Mein diesjähriges Wort ist das englische EASE. Leichtigkeit oder Légèreté sind die deutsche oder französische Entsprechung. EASE. Ich brauche EASE. Ich bin so dermaßen nicht EASE. Nichts ist easy für mich. Alles ist schwer, kompliziert und voller nervöser Gedanken. Was wäre wenn … wenn all die Leute, die uns zum neuen Jahr geschrieben oder angerufen haben und sagten „und in diesem Jahr sehen wir uns aber mal wieder“, was natürlich meint, „wir kommen Euch an der schönen Côte d’Azur mal besuchen“, wenn die nun alle wirklich kämen, zum Beispiel. Wo und wann soll und werde ich arbeiten, wenn alle diese lockeren Franzosen wirklich kämen und blieben? Allein die Vorstellung macht mich nervös und unruhig in der allersten noch ganz frischen Januarwoche dieses fast noch nagelneuen Jahres. Ich mache mir jetzt schon Sorgen, statt mich einfach hinzusetzen und mit dem Schreiben anzufangen. Den Rest sehen wir dann. Ganz ruhig. Ausatmen. EASE.

Ich habe mich für das englische EASE entschieden, weil es sich so schön weich aussprechen und denken lässt und (zumindest für mich) keine sexuellen Assoziationen weckt, wie sie das französische Légèreté für mich hat. Légèreté. Huuuh, das klingt nach koketter Lingerie, nach leichten Mädchen und anderen Frivolitäten. Ein bisschen „Je m’en fous“ und „tant pis“ ist auch dabei, also ein lässiges „ph, mir doch egal“ oder „na und“ und wissen Sie was, während ich das schreibe, denke ich, hallo, davon brauche ich auch was. Légèreté. Nur das deutsche Leichtigkeit kommt irgendwie plump und schwer daher. LEICHTIGKEIT. Hmpf.

Ich brauche EASE und LÉGÈRETÉ. Das hat mich doch mal so angezogen, dieser leichte Lebensstil hier in Frankreich, oder? Ich, die ich so gar nicht leichtlebig bin, (und nein, ein leichtes Mädchen bin ich sicher nicht, nur für den Fall, dass Sie da Zweifel haben sollten), die ich ernsthaft, verantwortungsvoll und perfektionistisch bin. Ich bin das Gegenteil von EASE und LÉGÈRETÉ. Ich bin immer auf der schweren Seite, nachdenklich, schwerwiegend. Auch mein Körper wiegt schwer. Ich bin sicher: Ich brauche mehr EASE, mehr Leichtigkeit, in meinem Leben!

Ich brauche EASE, um alle Projekte, vor allem das Schreiben, anders zu bewältigen. Das Drama, das ich vor zwei Jahren erlebte, das mich an den Rand vielleicht nicht eines Selbstmords aber erneut an den eines Burnouts brachte, will ich nicht noch einmal erleben. Irgendwie hatte sich mein Krimi in eine andere Richtung entwickelt und das eigentlich vorgesehene Ende passte nicht mehr. Und ich sah weit und breit nicht, wie es ausgehen könnte und starrte uninspiriert und verkrampft auf die Tastatur. „Bist du fertig?“, fragte Monsieur jeden Tag am Telefon. „NE-IN!“, schrie ich. „NEIN ich bin nicht fertig!“ Fix und fertig allerdings war ich. Klar. Die Zeit verstrich und ich musste das Manuskript abgeben. Ich bin selbstverständlich jemand, der vorgegebene Termine einhält, das denken Sie sich vielleicht. Aber selbst ein Aufschub hätte es nicht getan, weil ich nicht mehr konnte. Fix und fertig, wie gesagt. Ich zitterte innerlich, ich schlief nur noch mit Medikamenten, ich ertrug nichts und niemanden mehr, schon gar nicht meine französische Familie, die nun im August wie ein fröhlicher Bienenschwarm in das ruhige Haus in den Bergen einfiel und Apéro hier, Apéro da, ihre unbeschwerte Urlaubsbslaune herausließen. „Oh Christjann, allez, einen Apéro wirst du doch mit uns trinken, entspann dich, hast du nicht genug gearbeitet für heute?“

Am nächsten Tag brüllte ich erstmals in acht Jahren meine Schwiegermutter an, knallte die Türen und verließ das heitere Haus. Lieber ertrug ich die brütende Sommerhitze an der Küste als diese unbeschwerte Familie im Urlaubsmodus. Hallo! ICH.MUSS.ARBEITEN. So lange ich nicht fertig bin gibts nix Apéro, nix Leichtes, nix Leben.

Letztes Jahr wollte ich das so nicht mehr erleben und entschied, dass der Sommer und das Schreiben anders ablaufen sollten. Ohne Drama. Und selbst, wenn es letztes Jahr noch schwieriger war, weil ich monatelang kein eigenes Büro, das heißt keinen abgeschiedenen Raum zum Schreiben hatte und (aus Gründen) auch nicht in das Berghaus fahren konnte, und ich eigentlich täglich dachte, wie soll ich bitte schreiben? So wurde das Buch doch fertig und der Sommer war der undramatischste in all den Jahren. Jetzt also will ich noch mehr davon. Noch mehr EASE. ich will nicht aufhören zu leben, während ich schreibe, mich von allem abschneiden, was mir Vergnügen und Freude macht. Ich will flexibel und spontan sein, Einladungen annehmen und auch aussprechen können, ich will morgens schwimmen gehen, ohne panisch zu denken, mir läuft die Zeit davon. Ich will all das tun und trotzdem Schreiben: EASE.

Ausatmen. EASE.BREATHE.LÉGÈRETÉ, sage ich zu mir wie ein Mantra.

Gestern am späten Abend erfahre ich, dass ich heute mittag die Enkelkinder zum Essen habe. Sofort bin ich eher un-ease und mache mir Gedanken, was ich ihnen kochen  könnte. Der Kühlschrank ist relativ leer. Jedes Mal, wenn ich die Kids habe, läuft es auf Hacksteaks und Nudeln raus und als Vorspeise gibts Karottensalat oder Karottensalat mit Äpfeln. Jedes Mal. Weil es etwas ist, was komischerweise immer da ist. Gerne essen tun sie es auch. Trotzdem denke ich, dieses Mal will ich etwas anderes machen. Damit sie ihrer Mutter nicht wieder sagen, es gab „steak haché et pâtes“ bei Christiane. Ich wühle im Tiefkühlfach und finde einen halben (ungebratenen) Schweinebraten. Der wird es, denke ich mir und lege ihn zum Auftauen in den Kühlschrank. Ich überlege, was ich zum Dessert machen könnte. Französische Großmütter zeichnen sich durch selbstgemachte Desserts aus. Ein bisschen will ich schon konkurrieren mit Mamie Martine und Mamie Hélène (Die Omis heißen hier beide Mamie, die Mama heißt Maman!) Ich mag das Süße auch, wühle im Schrank herum, viel habe ich nicht, und koche zu später Stunde noch einen Reisbrei. Uff. Irgendwie lässt mich der zu bratende Schweinebraten nicht los. Er ist ziemlich groß, wie lange muss der in den Ofen? Ich suche das vor dem Einschlafen noch im Internet. Bei dem Gewicht mindestens drei Stunden bei Niedrigtemperatur und eine halbe Stunde anbraten. Die Kinder kommen um 12 Uhr. Wann muss ich denn dann anfangen? Herrjeh. Und was gibts dazu? Püree? Bratkartoffeln? Wir haben weder Kartoffeln noch Gemüse. Ich habe Lust auf Rosenkohl, den ich gern mit Datteln und Nüssen im Ofen mache. Essen die Kids überhaupt Rosenkohl? Aber wenn der Schweinebraten im Ofen ist, dann kann ich den Rosenkohl nicht auch noch … Ich könnte früh auf den Markt gehen, vielleicht finde ich etwas anderes. Aber Freitags früh ist auch Nathalie da und hilft mir, die Wohnung sauberzumachen. Irgendwie überfordert mich das alles. EASE sage ich mir. EASE, BREATHE. Ich schlafe zwar ein, wache aber heute Morgen nicht früh genug auf, um alles (Markt, Schweinebraten, Nathalie) zeitlich zu bewältigen. Zusätzlich habe ich eine SMS auf dem Handy. Die Enkelin will nach Monaten mal wieder zum Deutsch lernen kommen. Um 11 Uhr. Aha. „Was soll ich den Kids zum Essen machen?“ jammere ich Nathalie und Monsieur vor. „Was regst du dich auf“, sagt Monsieur, „mach‘ Steak haché und pâtes. Das ist easy und sie mögen es.“ Gut, Monsieur sagt nicht easy, er sagt, facile, aber es ist dasselbe. Ich bin weit weg von EASE und sage „aber das mache ich immer, ich wollte EINMAL etwas anderes machen!“ Monsieur rollt die Augen. „Und was mache ich als Entrée?“, frage ich weiter. „Karottensalat“, schlägt Monsieur vor. „Ich mache IMMER Karottensalat. Ich werde eingehen in die Geschichte als die Deutsche, die nur ein Essen machen kann“, jaule ich. „Spaghetti Bolognese“, schlägt Nathalie zur Güte vor, aber das ist mein zweiter Klassiker. „Dann kannst du immerhin schon zwei Essen“, meint sie trocken. Zum Entrée schlägt sie jedoch eine Tarte vor. Tarte geht einfach und Zeit dafür ist auch noch. Ich habe sogar eine Rolle Blätterteig im Kühlschrank, ich habe nur keine Eier mehr. Monsieur geht für seine Mutter einkaufen und ein bisschen auch für uns. Ich schreibe ihm Käse, Äpfel und Karotten auf den Zettel. Für alle Fälle, Karottensalat geht schnell und immer. Ich beziehe mit Nathalie das riesige Deckbett und wir denken noch über ein paar einfache Hauptgerichte nach. Das meiste scheitert daran, dass ich es gerade nicht vorrätig habe. Letzten Endes lasse ich mir von der Enkelin, als sie zum Deutsch lernen kommt, zwei Eier mitbringen und zaubere eine schnelle Variation einer Quiche Lorraine. Während ich Deutsch-Vokabeln abfrage, taue ich etwas tiefgekühlte Ratatouille auf und mache damit eine verlängerte Tomatensoße und dazu gibt es steak haché und eine riesen Menge pâtes. EASE. Danach Käse und Milchreis. Das kleine französische Mittagessen an einem normalen Freitag. Es bleibt kein Krümelchen übrig. „Danke“ sagen die gefräßigen Kids. „War lecker. Wir freuen uns immer schon. Steak haché und pâtes gibts immer nur bei dir!“ „Ach“, sage ich. „Wie schön!“

Ich sags ja: mehr EASE brauche ich! In einem Jahr sprechen wir uns wieder!


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Drama Baby Drama

Nach fünf grippigen Tagen und Nächten habe ich heute erstmals wieder die Nase vor die Tür gesteckt. Bisschen Luft schnappen und Sonnenuntergang gucken wollten wir. Haben wir auch. Wir liefen an der Pointe Croisette über meterhohe trockene Posidonie und umrundeten das ehemalige Palm Beach Casino. Von vorne sieht es noch halbwegs nach Casino aus, von hinten ist es schon ziemlich verfallen, die Hälfte des P von dem immer noch blau leuchtendem Schriftzug Palm Beach fehlt, gläserne Notausgangstüren stehen mitten im Nichts.

Ich habe für den zweiten Krimi dort noch recherchiert und tatsächlich auch um (wenig) Geld gespielt. Man muss ja wissen, von was man schreibt, nicht wahr. Ich habe sechzehn Euro gewonnen und schon ist das Casino pleite. Nein, natürlich ist es nur umgezogen. Trotzdem geht damit eine Epoche zu Ende. Und was aus dem ehemaligen Casino jetzt wird, Hotelkomplex A oder Hotelkomplex B, Abriss oder Renovation und Erweiterung, das steht alles noch nicht fest. In der Zwischenzeit wird es ein bisschen zu einem „lost place“, zu einem verlassenen Ort, der von Urbex-Fotografen (urbex = urban exploration) entdeckt werden könnte. Ich folge auf Instagram einigen Urbexern, die verlassene Orte dokumentieren und finde das absolut spannend und begeisternd. Ach, wäre ich jünger und mutiger, dann  … aber so begnüge ich mich mit legalen Außenaufnahmen.

Alleine waren wir nicht, windgeschützt hinter der Mauer des Cannes‘ Yacht Clubs picknickten mehrere Gruppen von Menschen, ein Wohnsitzloser schob ein mit Plastiktaschen vollgehängtes Fahrrad in eine Ecke und genoss ebenfalls die untergehende Sonne; vielleicht war er auch an seinem Schlafplatz angekommen, was weiß man schon. Zwei Jungs waren auf Schatzsuche und liefen mit einem Metalldetektor am Strand entlang und gruben hier und da eine Münzen aus. Wir saßen auf zwei verlassenen Gartenstühlen und ich habe quasi alle paar Sekunden ein Foto gemacht, weil es immer noch schöner wurde oder weil gerade ein Fischerboot durchs Bild fuhr und noch eins und noch eins.

Je schöner es wurde, desto mehr Menschen liefen dort herum, stellten sich vor uns, sprachen laut in ihr Handy oder hörten damit quäkige Elektro-Chill-out-Musik. Jeder hat andere Vorstellungen von seinem Sonnenuntergangserlebnis.

Dann war die Sonne weg, es wurde kalt, Monsieur drängte zum Aufbruch (schöner wirds nicht, sagte er) ich aber war entzückt vom rosafarbenen Himmel im Osten und machte Fotos, als ich mich dann wieder umdrehte war der Himmel im Westen dramatisch orange, „warte“ schrie ich Monsieur hinterher, aber er hörte mich nicht mehr.

Noch mehr Autos drängten sich auf den Parkplatz, alle wollten den letzten Rest des Sonnenuntergangs sehen, nur Monsieur hatte genug und bereits den Motor angelassen. Nun gut, der Akku meines Handys war auch so gut wie leer, ich stieg ein. Der Himmel wurde sogar noch dramatisch dunkelrot. Aber davon gibts keine Aufnahme mehr.

Voilà, dramatisch-romantische Abendstimmung zum Jahresausklang. Kommen Sie gut rüber!

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Vom Finden und Verlieren und Wiederfinden des Glücks

(Eigen-Werbung) Falls Sie den Film verpasst haben – hier –> Christine Cazon. Merci!

Dreharbeiten (Foto: ZDF)


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Zwischen Nieselregen und Lichterglanz

Frohe und geruhsame Weihnachtstage wünsche ich Ihnen! Geruhsam! Das hatte mir neulich schon jemand gewünscht, da habe ich nur hysterisch aufgelacht.  Es gab noch so viel zu tun, alles überschlug sich vor meinem Abflug nach Deutschland. Geruhsam! Von wegen.

Jetzt, am vierten Advent, kurz vor Heiligabend, am Schreibtisch in meinem deutschen Dachstübchen-Domizil, mit Blick auf den grauen Himmel und steten Nieselregen, umgeben vom Geläut der nahen Kirchenglocken, jetzt, wo das Gerenne vorbei ist, man wirklich nichts mehr kaufen muss und auch alle dringend benötigten Käsekuchen, alle Laugenbrezeln und Bratwürste schon konsumiert worden sind, jetzt spüre ich, dass es ruhiger wird. „Wenn die Stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch wieder ruhiger“ hat Karl Valentin gesagt. Es ist wohl so.

Falls Sie sich am ersten Weihnachtstag am frühen Abend aus dem grauen Nieselregen davonträumen wollen an die sonnige Cote d’Azur (Achtung Werbung!), dann empfehle ich Ihnen diese Sendung mit Horst Lichter und Hardy Krüger jr. : Horst Lichter sucht das Glück. Die beiden Männer fuhren an der Côte d’Azur entlang und philosophierten über das Leben, die Liebe und das Glück und sie trafen sich mit Deutschen, die dort leben. Die Sonne war übrigens auch an der Côte d’Azur nicht immer präsent während der Drehtage im Mai. Sie merken schon, Christine Cazon war auch dabei! Im kleinen  –> (klick) Trailer sehen Sie die Dame im fuchsiafarbenen Kleid, die kurz verschwommen auf einem Balkon erscheint. Das ist sie. Die Autorin. Ich bin auch schon ganz aufgeregt. Also 25.12., erster Weihnachtstag, 19.15 Uhr, direkt nach der Ansprache des Bundespräsidenten (prominenter gehts kaum!). Schalten Sie ein!

Und jetzt nochmal: Frohe und geruhsame Weihnachtstage! Sie bekommen als weihnachtliche Zugabe von mir heute dieses ewas ruckelige Filmchen der „bewegten“ Krippenlandschaft in der Kirche Notre Dame d’Ésperance im Suquet, der Altstadt von Cannes. Sie stammt aus dem Jahr 1920 und wurde vor ein paar Jahren aufwändig restauriert. Sie ist so detailreich, dass es selbst für mich immer (wieder) ein Erlebnis ist, sie anzusehen.

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Pierre et Jean

Zuerst kamen Pierre und Jean.

der Weg war weit
endlich angekommen


Dann kamen noch drei und dann noch noch einer. Alles Franzosen. Ich hätte so gerne auch einen deutschen Wollsoldaten aufgenommen, das ich bekam nur Franzosen. Pierre und Jean werden hier bleiben. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Die anderen sind, nach einer kleinen Ruhepause, schon weiter gereist an ihr endgültiges Ziel.

Pierre und Jean heißen die vier Kameraden Willkommen.


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Frankreich im Herbst oder Zwischen Gilets jaunes und Adventszauber

stellenweise ist es Winter in Südfrankreich

In Frankreich wird im Herbst ja traditionell gestreikt. Dieses Jahr sind es nicht die Gewerkschaften, die dazu aufgerufen haben, nein le peuple, wie man hier sagt, das Volk, der sogenannte kleine Mann (und die kleine Frau) gehen auf die Barrikaden, weil Macron eine Ökosteuer einführen will und als Erstes das Benzin teurer würde. „Die trauen sich was!“ hieß es vor etwa vier Wochen noch ehrfurchtsvoll in dem einen oder anderen deutschen Forum derer, die Frankreich so lieben. „Die machen das einfach! Toll!“ In der Zwischenzeit hat sich der Ton geändert, nachdem man schon wochenlang Autobahnmautstationen, Kreisverkehre, Supermärkte und Zulieferer blockiert und drei Samstage lang (nicht nur) Paris in Schutt und Asche gelegt hat. „Eine Schande, dass sich das so entwickelt hat!“ heißt es jetzt vorwurfsvoll an der gleichen Stelle. „Und dann auch noch im Advent! Da wollten wir doch nach Paris!“ Aber das ist dem Franzosen egal. Touristen hin oder her, er hat die Nase voll, er fühlt sich nicht gehört von der Politikerkaste und seinen Unmut muss er nun zeigen. Ich sage häufig, man spürt bei den Franzosen noch immer die revolutionäre Vergangenheit. Wir haben 1789 schonmal eine Revolution gemacht. Wir können das auch heute noch! Ich als dauerhaft in Frankreich lebende Deutsche nehme das in der Zwischenzeit so hin und arrangiere mich damit, dass manchmal wochenlang keine Post kommt oder kein Zug fährt und dass man derzeit in Supermärkten vor halb leeren Regalen steht und insbesondere samstags besser nirgends hinfahren sollte, weil man blockiert wird, und wenn man seine gelbe Warnweste nicht solidarisch hinter der Windschutzscheibe zeigt und auch noch ordentlich hupt, steht man als „Streikbrecher“ mindestens doppelt so lang irgendwo herum. Und doch heule ich jeden Abend ein bisschen erschrocken über all die Gewalt und Aggression, die via TV in mein Wohnzimmer schwappt. Viele gewaltbereite Gruppen nutzen die Demonstrationen der Gilets Jaunes, um Autos anzuzünden, Schaufenster zu zerschlagen und Läden zu plündern. Weihnachtseinkäufe der anderen Art.

Was will das Volk? Mehr Geld. Oder zumindest keine neuen Steuern. Keine Reformen. Sie wissen jetzt schon nicht wie sie am Monatsende über die Runden kommen sollen, wie soll es werden, wenn alles noch teurer wird? Heute Abend (im Prinzip gestern, ich hatte gestern schon einen Teil veröffentlicht) hat Macron sich geäußert und einen Teil der Reformen zurückgenommen, verspricht ein steuerfreies 13. Monatsgehalt (dort, wo es das gibt) der Mindestlohn soll um 100 Euro angehoben werden und noch ein paar Kleinigkeiten und vor allem soll der Benzinpreis, um den es ursprünglich mal ging, nicht erhöht werden. Aber den Gilets jaunes reicht es jetzt nicht mehr, sie haben sich gerade schön warmgekämpft. Wenn man in vier Wochen Randale Macron weichkriegen kann, dann machen wir weiter. So unglaublich begeisternd wie Macron im Wahlkampf zu den Menschen sprechen konnte, so wenig kann er es jetzt.  „Macron -Démission!“ wird neuerdings auch skandiert. Obwohl das nichts ändern würde, träte er zurück. Weder die Rechte noch die Linke haben etwas anzubieten, geschweige denn das Vertrauen des Volkes, das Heil wird auch von ganz Rechts oder ganz Links nicht kommen, aber gerade die schütten gerne Öl ins Feuer. Mélenchon hat schon dazu aufgerufen, am Samstag wieder zu demonstrieren.

Mit Vernunft kann man hier gerade nicht viel erreichen. Umdenken, weniger Auto fahren oder Fahrgemeinschaften gründen, ach was. Wir wollen, dass alles so bleibt. Dass man die Probleme (und die Staatsverschuldung) so den kommenden Generationen aufhalst, will keiner hören. Viel Unsachliches wird auch von ansonsten Vernünftigen geäußert. Was die Röcke von Brigitte Macron kosten zum Beispiel. Dass der Elysee mit seinem royalen Gehabe sich verschlanken könne und durchaus ein paar tausend Beamte weniger vertragen könnte, mag zwar sein, aber kein Beamter will davon betroffen sein.

Nun gut, sprechen wir von etwas anderem. Es war Weihnachtsmarkt in den Bergen. Schon letzte Woche bin ich für zwei Tage dorthin gefahren (natürlich nicht am Samstag!), um der Freundin, die sich dieses Jahr mit der Organisation noch mehr allein gelassen fühlte als sonst, und unter der Last der Planung zusammenzubrechen drohte, zu helfen.

auf dem Weg in die Berge
unterwegs: Touette sur Var
ein Plaqueminier, die Früchte heißen Kakis

Am Telefon hatte sie geklagt, dass alle versprochen hätten zu helfen, aber keiner bislang etwas täte, es sei noch so viel zu tun und nichts passiert. „Wir haben noch keine Bäume geschlagen und jetzt wird es gleich zu kalt dafür sein. Vielleicht wird es sogar schneien!“, jammert sie. „Es reicht ja nicht, die Bäume zu schlagen, wir müssen sie auch aufstellen und schmücken! Die Lichterketten müssen im Dorf aufgehängt werden! Der Gemeindesaal muss geputzt und dekoriert werden, die Tische müssen gestellt und und gedeckt werden. Das Kellergewölbe, in dem alljährlich Glühwein ausgeschenkt wird, steht noch voller Gerümpel. Wer wird in der Auberge sein, um dort den Kartenspielern bei dem nachmittäglichen Bélote-Wettbewerb Kaffee und Tee anzubieten? (denn auch der letzte Aubergist ist nach zwei Jahren, Ende Oktober, wieder gegangen) Und ich habe noch kein einziges Plätzchen gebacken!“ Sie hat viele Sorgen, aber ich muss dennoch lachen. „C’est la France!“, sage ich.So ist es doch immer, am Ende werden sie doch alle etwas tun und es wird fertig, glaub mir!“ Ich fahre aber dennoch hoch, und wir sehen zusammen den Gemeindesaal an, der immerhin schon ansatzweise geschmückt ist, entrümpeln das Gewölbe und verstecken alles andere hinter Stoffbahnen und Vorhängen. Wir überlegen, planen und dekorieren das Gewölbe und den Saal, und wir schmücken auch noch den großen Weihnachtsbaum am Brunnen und erstaunlicherweise macht es mir nach acht Jahren, oder sind es schon neun? auch wieder richtig Spaß, das zu tun. Abends lese ich ihr den Text vor, den ich anlässlich unseres ersten Weihnachtsmarkts geschrieben hatte. „Ach“, sagte sie, „so war das?“ „Ja“, sage ich. „Es ist jedes Jahr so, du bist nur dieses Jahr etwas empfindlicher, deswegen spürst du es so sehr.“

Le village

Ich verspreche, mich in der folgenden Woche um den Gemeindesaal zu kümmern, damit sie diese Sorge komplett los ist, und werde auch am Weihnachtsmarkttag in der Auberge sein. Außerdem will ich überall präsent sein, wo Not am Mann bzw. an der Frau sein könnte. Wir bleiben in den folgenden Tagen in engem Kontakt, ich segne von Weitem Dinge ab und gebe Ermutigungen. In Cannes erwerbe ich noch etwas Deko für den Eingang der verlassenen Auberge und backe Christstollen und Springerle und Gewürzsterne. Am Donnerstag reise ich mit Mann und dem vorbereiteten Essen für drei Tage wieder an. Ich will der Freundin nicht noch zumuten, für uns mittags und abends zu kochen.

Auberge Deko

Und dann gehts los. Waren wir in der Vorwoche noch allein, so sind jetzt doch schon ein paar Menschen im Dorf. Die Pinguine am Brunnen wurden zwischenzeitlich von einer Omi mit Schals bestrickt.

bloß kein Halsweh bekommen!
Der Wolf bekam auch einen Schal
eine Brieftaube?

Jemand hat die 120 Teller und das Besteck im Gemeindesaal schon gespült. Jetzt treffen wir uns, um  Tische und Stühle aufzustellen. Ich hatte tatsächlich vergessen, wie es hier ist. Nicht nur, dass es ein logistisches Tische-Stühle-Platzproblem zu bewältigen gilt, nein, jeder Neuankommende findet die bestehende Tisch- und Stuhlanordnung aus diesem und jenem Grund nicht gelungen. Il faut pas faire comme ça! So gehts nicht, warum auch immer und wir schieben und rücken, wechseln runde Tische gegen rechteckige aus und schon wieder kommt jemand dazu und hat noch eine andere Idee: „Mais pourquoi vous le faites comme ça? Warum macht ihr es so? So wird es nie was!“ So ist es übrigens bei allem, bei ALLEM, was es zu tun gibt, immer wird man ruppig gefragt, warum man es ausgerechnet so mache, oder die andere weniger aggressive Variante, mit dem erstaunten Ausdruck „ach, so machst du das?“

Kellertür
noch eine Kellertür

Und nein, man antwortet darauf nie, wirklich nie „Ich mache es so, weil ich es so mache und basta!“ oder etwas vergleichbares. Das gehört sich nicht. Immer hört man den Vorschlag des anderen an, diskutiert seine Idee respektvoll und versucht, sie umzusetzen, schon um zu zeigen, dass es so dann doch nicht geht. Hab‘ ich dir gleich gesagt, dass es so nicht geht. So ist es hier. In meinen ersten Jahren war ich fassungslos, wieviel Zeit man damit verplempern kann, Tische zu stellen oder ein Zelt aufzubauen und wieviel dabei geredet werden muss. Das weiß man doch nach ein paar Jahren wie es geht, oder? Das haben wir doch letztes Jahr auch so gemacht. Was muss denn da immer wieder aufs Neue diskutiert werden? Mich ermüdete das. Dann ging ich fort aus diesem Dorf und vergaß all das. In Cannes trat ich zwar auch in den einen oder anderen Verein ein, denn so macht man das hier, aber nirgends bin ich wirklich so drin wie in meinem Dorf bei den Écureuils en marche (den „marschierenden Eichhörnchen“, so heißt der Verein, den wir gegründet haben) und ich engagiere mich auch nirgends so wirklich. Jetzt bin ich also wieder da und erinnere mich. Stimmt, so war das hier. Und es ist immer noch so.  Noch finde ich es amüsant.

Réunion d‘ Écureuils

Als ich beginne, die Tische festlich zu decken, kommt die Weihnachtsmarktorganisationsfreundin hinzu. „Ach so machst du das?“, sagt sie schockiert, als ich zwei große Bahnen Papier für einen Tisch zurechtschneide. Aha. Sie auch. „Wie soll ich es denn deiner Ansicht nach machen?“, frage ich, wie ich es gelernt habe, zurück. „Na, ich dachte so …“, sie erklärt mir ihre etwas mühsame, aber papiersparende Technik, denn wir haben vielleicht nicht genug rotes Papier. Ich will nicht dominant sein und sage, na gut, dann machen wir es so. Richtig schön wird es nicht, es ist ein ziemliches Gewurschtel. Ich muss dann übrigens, Sparsamkeit hin oder her, auch eine banale weiße Rolle Papier für drei Tische anbrechen. Tischläufer haben wir überraschenderweise auch nur für drei Tische. Drei. Wir haben sieben Tische. Wir müssen sehr viel diskutieren. Nachmittags bin ich wieder im Saal, dieses Mal kommt eine andere Dame hinzu, die nicht nur gekränkt ist, weil Monsieur morgens schon die Fenster des Saals geputzt hat, denn das wollte sie doch machen, ich entschuldige mich mehrfach für Monsieurs Übereifer, sie nimmt es gnädig an, muss aber ihre Unzufriedenheit mit der klassischen Frage „Aber warum hast du die Tischdecken so hingeklebt?“ zeigen. „Wäre es nicht besser, zwei Bahnen zurechtzuschneiden, als dieses komische Gewurschtel, das sieht doch nichts aus!“ Langsam finde ich es nicht mehr ganz so amüsant und werde, zugegeben, etwas mürrisch. Ich sage, dass man es mir so aufgetragen habe. „Nein, nein“, entscheidet sie und zerrt ein bisschen an der Tischdecke, bis sie einreißt. „Siehst du, das geht so nicht!“ Ich reiße entnervt die gestückelte und nun auch noch zerrissene weiße Papiertischdecke wieder vom Tisch, während sie ohne Punkt und Komma weiterredet: „Wieso überhaupt dieses weiße Papier? Es sieht so unfestlich aus. Und wieso ein weiß-roter Tischläufer auf den weißen Tischen? Die Bürgermeisterin mit ihren Gästen muss an einem der roten Tische sitzen, die weißen Tische sind ja überhaupt nicht schön, das Rot ist schön, zwei Farben habe ich gesagt, zwei Farben, damit es eine Harmonie gibt, drei Farben sind Karneval.“ „Aber wir haben doch zwei Farben“, erwidere ich, „Rot und Weiß.“ Aber es ist nicht richtig angelegt, ihrer Ansicht nach, der weiße Tischläufer muss auf jeden Fall auf die roten Tische. Sie schüttelt sorgenvoll den Kopf. Der Saal wird nach nichts aussehen. Nun stellt sie Berechnungen an, wie man im nächsten Jahr Papierrollen kaufen könnte, die größenmäßig besser an die Tische angepasst sind, ohne dass es zu so viel Verschnitt kommt. Sie verschwindet und kommt mit einem Metermaß wieder und misst die Tische aus und die Papierrollen und rechnet, und sie schreibt alles auf einen Zettel, den sie im nächsten Jahr um diese Zeit sicher nicht mehr findet. In der Zwischenzeit fange ich an, Teller, Besteck und Gläser zu decken. Wir diskutieren noch einmal über die Lage der Gabel. Mit den Zinken nach unten oder nach oben? Wie sollen wir die Servietten falten? Und noch einmal diskutieren wir die Farbfrage. Weiße Servietten auf die roten Tische? Glücklicherweise muss ich jetzt helfen die Zelte auf dem Dorfplatz aufzustellen und kann sie einen Moment alleine lassen.

Blick aus dem Fenster


Auf dem Dorfplatz ist es nicht besser. Warum denn jetzt fünf Zelte auf dem Dorfplatz aufgestellt werden sollen? Waren es nicht immer nur vier? Jemand zieht mich zur Seite und sagt in vertraulichem Ton: „Es sieht nichts aus, wenn da fünf Zelte stehen und niemand stellt etwas aus. Wer kommt denn überhaupt alles? Der Fromager kommt nicht, heißt es. Und die Töpferin auch nicht. Stimmt das? Das wird eine jämmerliche Angelegenheit dieses Jahr, euer Weihnachtsmarkt, pôpôpôh“ macht er mit heruntergezogenen Mundwinkeln, „und in Guillaumes ist zusätzlich Foire, da kommt sowieso keiner hier hoch, glaub‘ mir, ihr hättet es besser ausfallen lassen sollen …“ Glücklicherweise weiß ich in der Zwischenzeit, was ich von diesem Miesmacher zu halten habe, vor acht (oder neun) Jahren hat er mich schrecklich destabilisert, aber jetzt zucke ich nur mit den Schultern. „On verra“, sage ich. „Das sehen wir noch“ „Das wird nix“, schüttelt er wieder den Kopf, und läuft gebeugt und miesepetrig davon.

Später hilft mir Monsieur im Gemeindesaal beim Servietten falten und ich werfe, mit hysterisch ausgestoßenen „Dior!“-Rufen, wahllos etwas Deko auf die Tische. Das wird zumindest von der Organisationsfreundin halb kritisch, halb bewundernd so behauptet. Sie hatte allerhand Tischläuferreste von den letzten Jahr zusammengesucht und die Tische sehen insgesamt etwas heterogen, aber durchaus kunstvoll aus. Also immer im Rahmen dessen, was möglich ist, nicht wahr. Um den Ereignissen vorzugreifen, die Bürgermeisterin sitzt dann abends doch an einem der weiß gedeckten Tische, weil sie ihn so edel findet :-)

Kürzen wir etwas ab. Alles wird gut. Es ist kalt, aber die Sonne scheint und der Sturm, der nachts beinahe die Zelte weggeweht hatte, hat nachgelassen. Nein, der Fromager kommt wirklich nicht, er hat einfach keinen Käse mehr zu verkaufen, die Töpferin kommt, wie erwartet, auch nicht, die ist in der Weihnachtsmarktkategorie aufgestiegen und stellt jetzt in Nizza aus, aber wir haben dennoch genug Aussteller, die Bastelarbeiten der zwei Grundschulen im Tal bekommen einfach etwas mehr Raum und auch die Frau, die die Kinder schminkt.

Wir haben auch Musik, denn die Musikbeauftragte kam am Freitag schon aus Toulon, um der Samstagsblockade zu entgehen (Toulon und Marseille sind zwei „harte“ Streikzentren). Dass ich am Vortag noch für den Fall des Falles stundenlang Weihnachtsmusik auf einen USB-Clé gezogen habe, tant pis. Wir haben Süßes und Salziges im Angebot, dazu handgearbeitete Türkränze, Duftkerzen, Geschnitztes aus Holz, es gibt eine Tombola, man kann eine Reise oder ein Essen gewinnen.

Ein Dorfbewohner röstet Maronen, ein anderer macht, obwohl er noch nicht lange wieder aus dem Krankenhaus zurück ist und noch an Krücken geht, die traditionellen Créspés (frittierter Brotteig), es gibt heiße Schokolade, Kinderpunsch und Glühwein.

Glühwein und Kinderpunsch
Das Lebkuchenhaus

Und eine Dorfbewohnerin hat, wie jedes Jahr, ein Lebkuchenhaus gebacken, das am späten Nachmittag mit den Kindern aufgegessen werden wird. Und der Nikolaus kommt mit seinem Esel, und nicht zu spät, wie befürchtet (die Krepppapierblumen an seinen Körben, wurden auch im Dorf handgearbeitet!) und wie durch ein Wunder wuseln plötzlich jede Menge Kinder durch das Dorf , die von ihm Mandarinen und Schokolade bekommen und den Esel streicheln dürfen, und die Kleinen dürfen auch auf dem Esel sitzen und durch das Dorf reiten.

St. Nicolas und sein Esel

Tatsächlich sind doch viele Menschen von Guillaumes und anderswo gekommen, der Nikolaus mit seinem Esel ist eine tolle Attraktion. Mittags schenken wir die Gemüsesuppe kostenlos aus, damit die Menschen auf dem Platz bleiben und nicht alle stundenlang zum Essen verschwinden und nicht mehr wieder kommen. Ich rede mit allen, vor allen mit denen, die ich nicht kenne und kaufe jedem etwas ab, so gehört sich das, sonst kommt nächstes Jahr gleich keiner mehr. Ich habe am Ende jede Menge Weihnachtsgebäck, einen von Grundschulkindern reizenden selbstgebastelten Mini-Weihnachtsbaum und andere Kleinigkeiten, ein Armband, einen hölzernen Kochlöffel und hausgemachten Essig und Kräuter, die ein langes Leben versprechen. 

Um halb drei beginnt ein Kartenspielwettbewerb in der Auberge und ich stehe nun hinter der Theke und serviere Tee und Kaffee und Limonade. Ich mache das so selbstverständlich, dass mich alle behandeln, als sei ich immer noch hauptamtliche Aubergistin. „Was trinkt denn Charlotte normalerweise?“, fragt mich ein Herr, der seiner Kartenspielpartnerin ein Getränk ausgeben will. Ich weiß es aber tatsächlich nicht, Charlotte war zu meiner Zeit nie in der Auberge, aber das sage ich nicht, empfehle hingegen ein Mineralwasser und liege nicht falsch. Ob ich nicht ein Schnäpschen in den Kaffee gießen könnte, werde ich von einem anderen Herrn gefragt, das kann ich leider nicht, mein Angebot ist auf einen plauschigen alkoholfreien Nachmittag beschränkt. Und ich habe auch keine leeren Plastikflaschen abzugeben, wie eine ältere Dorfbewohnerin, hofft. Sogar die Bürgermeisterin schlägt mir vor, die Auberge wieder zu übernehmen – das wärs doch, meint sie, und im Winter hätte ich sogar noch genug Zeit zum Schreiben.

Dann muss ich den Dienst in der Auberge aber doch kurzzeitig jemand anderem übertragen, denn in der Kirche müssen zwei Lieder geprobt werden und meine Stimme wird benötigt.

Wir bereiten ein Chanson von Aznavour vor und eines von Patrick Fiori (Les gens qu’on aime:  sagen wir den Menschen, dass wir sie lieben, so lange wir sie noch haben), und während wir noch üben, kommt schon le diacre, der Diakon, denn auch der junge Pfarrer hat seine Soutane (vorübergehend) an den Nagel gehängt und befragt sich irgendwo an einem Rückzugsort, ob er wirklich für das Priesteramt gemacht ist. Der Diacre ist gleichzeitig der Landarzt des Tals, so ist das hier. Er findet es schön, dass wir singen wollen und ist auch einverstanden, dass wir nach der Andacht in der Kirche noch den Apéro nehmen. „Das Haus Gottes ist für die Menschen gemacht“, sagt er.

Die Andacht ist so gut besucht wie selten (das liegt sicher auch am versprochenen Champagner-Apéro), es ist stimmungsvoll und nur mit Kerzen erleuchtet, wir singen die vorbereiteten Lieder und manch einer wischt sich ein Tränchen aus dem Auge. Nach dem Apéro ziehen wir in den Gemeindesaal. Das Essen wird dieses Jahr, mangels Aubergist, vom jungen Metzger des Nachbarorts ausgerichtet. Ich weiß, wie schwierig die Verhältnisse für den Service in diesem Saal sind und bin voller Bewunderung. Sie sind nur zu zweit und machen das perfekt, lecker ist es auch.

ohne Foie gras geht hier nichts

Danach wird spontan getanzt, die ersten klappen schon die Tische zusammen und zackzack werden die so mühevoll angeklebten Tischdecken abgerissen, zusammengeknüllt und die eben noch bewunderte Tischdeko weggeworfen und während andere noch den Kaffee trinken, wird in einer Ecke schon gehoppst. Sogar die Organisationsfreundin kann jetzt, wo alles gut gelaufen und fast vorbei ist, erleichtert lachen und ein bisschen tanzen, zum ersten Mal seit langer Zeit, sehe ich sie wieder so fröhlich. Wie wunderschön. Alle sind froh und zufrieden. Der Weihnachtsmarkt war ein Erfolg. Na klar. Und nächstes Jahr machen wir es wieder. Und ich bin dabei. Logisch.






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Le Viaduc de la Siagne

Und noch ein Verlust, wir sind im November, da ist das so. Eine alte Eisenbahnbrücke wurde abgebaut.

Le viaduc de la Siagne (credit: SNCF)

Niemand möchte so ein Brückendrama erleben, wie es im August in Genua stattgefunden hat, natürlich nicht. Die Eisenbahnbrücke über die Siagne zwischen der Gemarkung von Cannes La Bocca und Mandelieu, gebaut im 19. Jahrhundert, war für den heutigen Eisenbahnverkehr schon lange nicht mehr ausreichend. Die TGV’s und Güterzüge krochen seit Jahren nur noch vorsichtig und im Schritttempo über die alte Eisenkonstruktion, die ein bisschen aussieht wie die noch nicht ausgewachsene Hohenzollernbrücke in Köln.

Hohenzollernbrücke Köln (credit: wikipedia)

Ich mochte die alte Brücke in Eisenkonstruktion, le Viaduc de la Siagne, gern und hätte mir gewünscht, dass man sie nur stabilisierte und verstärkte, aber es war wohl nicht möglich. Auch hätte ich die Bauarbeiten gerne selbst dokumentiert, aber sie dauerten fast zwei Jahre und merklich veränderte sich lange Zeit kaum etwas.

Und dann ging es plötzlich sehr schnell. Ende Oktober wurde der Eisenbahnverkehr für ein paar Tage eingestellt und jetzt ist sie weg, die Brücke mit den vier Bogen. Ersetzt wurde sie durch eine dem modernen Zugverkehr angepasste, sagen wir, schlichte Variante.

Hier ein kleiner Film, der die Geschichte des Viaduc de la Siagne liebevoll dokumentiert. Adieu petit pont!

Dank geht an Michael Chevalier, der mir diesen kleinen Film via SMS schickte. Ich sah ihn frühmorgens in meinem Telefon und hatte Tränen in den Augen. Jetzt habe ich diesen Film endlich auf Youtube entdeckt und lasse Sie daran teilhaben.

Hier etwas weniger gefühlvolle, aber durchaus interessante Filme zu dieser für unsere Verhältnisse sehr großen und spektakulären Baustelle.

Und noch ein Zeitraffer-Film, der den Einsatz des gigantischen Krans zeigt; in dieser Größe gibt es wohl nur zwei oder drei in Europa. (Achtung, Werbung wegen Namensnennung)


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Das Ende der Platanen

Der Himmel über den kranken Platanen ist dennoch blau

Frankreichweit sind die Platanen krank. Ein Pilz, der nicht behandelt werden kann, frisst sich gnadenlos durch ihre Wurzeln. Der Canal du Midi, Unesco Weltkulturerbe immerhin, bekannt für seine 240-kilometerlange Platanenallee, sieht traurig aus, tausende Platanen wurden bereits gefällt. „Besuch lohnt nicht mehr“ schreiben Touristen auf dem Urlaubs-Schnäppchen-Führer tripadvisor kalt. Eingeschleppt wurde der Pilz, der den Platanen hier zum Verhängnis wurde, man kann es kaum glauben, von amerikanischen GI’s , die Munitionskisten aus befallenem Platanenholz über Marseille ins Land brachten. Die amerikanischen Platanen sind resistent gegen diesen Pilz, nicht so die französischen. Kein Dorfplatz in Frankreich ohne Platane, keine Allee, kein Bouleplatz ohne diese schattenspendenden Bäume, deren Laub seit Jahren und selbst im Frühjahr nicht mehr grün, sondern nur noch gelblich fahl wird. Noch werfen die boulistes unter ihrem Schatten die metallisch klackernden Kugeln. Wie lange noch? In Cannes fallen viele kranke Platanen auf den Allées de la Liberté nun einem Stadtverschönerungsprojekt zum Opfer.

Platane mit Weihnachtsgirlande
Les Allées de la liberté
les boulistes im Schatten der Platanen
Platane als Garderobenständer

Platane gefällt
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Der Krieg ist aus

Wool War I : l’armée de laine

Heute vor hundert Jahren ging der Erste Weltkrieg mit einem Waffenstillstandsabkommen, der sogenannten Armistice, zu Ende. Ich weiß, dass Sie das in Deutschland recht unbeeindruckt lässt, aber in Frankreich kommt man da nicht drumherum. Ich schreibe seit Jahren am 11. November darüber und dieses Jahr natürlich auch. Wird die Erinnerungsarbeit jedes Jahr am 11. November schon großgeschrieben, so ist sie dieses Jahr, dem hundertjährigen Gedächtnis der Armistice, noch potenziert. Im Fernsehen, in der Presse, in allen Schulen und quasi überall geht es nur noch darum. Hier ein Sonderbeitrag von Karambolage. Auch Deutsche kommen in Gesprächsrunden im Fernsehen zu Wort, und dass die Erinnerung des Ersten Weltkriegs in Deutschland nicht ebenso zelebriert wird, stößt hier jedes Jahr aufs Neue auf Befremden. Seit einer Woche tingelt unser Präsident schon an der ehemaligen Frontlinie entlang. Von Straßburg aus ging es nach Morhange (Moselle), Verdun (Meuse), Péronne (Somme) und zur Nekropole de Notre-Dame-de-Lorette à Ablain-Saint-Nazaire (Pas-de-Calais). Bei der letzten Station habe ich gehofft, es würde vielleicht ein Foto geben, der Präsident auf Knien vor der kleinen Wollarmee, an der ich seinerzeit mitgestrickt habe, Sie erinnern sich. Denn dort ist sie nämlich jetzt, die Ausstellung. Schon seit September und sie geht heute, am 11. November zu Ende. Aber nein, leider, kein Foto von Macron und den Wollsoldaten.  Wir wissen nicht, ob Macron die Installation überhaupt gesehen hat.

die Deutschen mit ihrer Pickelhaube

Die Frage, was nach den vier Jahren (in denen die Installation durch die ganze Welt reiste) mit den 781 Stricksoldaten passieren sollte, stellte sich. Fast alle, die mitgestrickt haben und die sich immer noch in einer FB-Gruppe austauschen, waren bereit einen kleinen Soldaten oder auch zwei zu adoptieren. Anna, der Künstlerin hinter dem Wool War I aber war das zu wenig. Sie beschloss, dass die kleinen Wollsoldaten verkauft werden und das damit eingenommene Geld dem Verein Médecins sans frontières zukommen solle. Als Preis wurden 30 Euro pro Soldat festgesetzt. Anna hatte Sorge, dass zwar alle die Soldaten niedlich finden, aber letztlich niemand sie kaufen würde. Aber klar, in nicht mal zwei zweiten Tagen waren alle Wollsoldaten weg! Ausverkauft! In zwei Tagen kamen so 23.430 Euro kamen zusammen! Ist das nicht ganz großartig? Anna wollte es nicht glauben und auch die Dame von Médecins sans frontières, die vorsichtig bei Anna anfragte, ob der Verkauf sich denn konkretisiere, war sprachlos, als Anna ihr die Summe nannte. Selbst so ein großer Verein bekommt nicht jeden Tag so eine Zuwendung. Tolles Ende dieses einzigartigen Kunstwerks, oder?!

da gehen sie hin …

Hier unveröffentlichtes Bildmaterial, das ich seinerzeit zurückziehen musste, weil der „Strickbausatz“ geheim war.

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Von Wölfen und Lämmern

Sonnenuntergang über dem Rougnous

Wie war sie denn nun diese Lesung?, wurde ich gefragt. Na, was für eine Frage: großartig natürlich! :D Auch wenn ich am Tag selbst die Befürchtung hatte, dass wir auf normalem Weg niemals nach Nizza kommen würden, und vermutlich auch keine(r) der  ZuhörerInnen, denn es schüttete und stürmte wie verrückt. Südfranzosen gehen bei so einem Wetter nicht raus, die würden schicksalsergeben mit den Schultern zucken und sagen, ich wäre gern gekommen, wirklich, aber bei dem Wetter, es ging nicht, was willst du machen …  insofern rechne ich es den anwesenden Damen und Herren hoch an, dass sie sich durchs Wetter gekämpft haben und nein, es waren nicht nur Deutsche, wie Sie vielleicht meinen würden und auch Deutsche sind nach mehreren Jahren Südfrankreich durchaus wetteranfällig. Danke also an dieser Stelle allen, die da waren! Dank auch an das CCFA, die mich in ihre schönen Räume mit Blick auf die Promenade des Anglais eingeladen haben und Dank an Jördis Kimpfler für Ihre Hilfe bei der Technik. Es gab nämlich ein paar Fotos vom Mercantour im Hintergrund und etwas Musik.

die Autorin bei der transhumance

Dann habe ich ein bisschen gelesen, wie man das so macht bei Lesungen und danach beantwortete ich Fragen, signierte Bücher und wir kamen noch angeregt ins Plaudern. Ich hatte mich zwar extra nochmal auf den aktuellen Stand in der Wolfsfrage gebracht und Bücher und Recherchematerial gesichtet und mitgebracht, aber es wurde viel weniger und auch viel weniger heftig als ich erwartet habe über den Wolf diskutiert, als über das Leben in den Bergen und in Südfrankreich generell.

die Autorin und das Lamm

Es war ein richtig schöner, harmonischer und runder Abend und ich bin immer noch ganz beglückt! Merci!

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Lesen und Lesen lassen

Vor kurzem war ich bei einem Vortrag im CCFA, dem Centre Culturel Franco-Allemand in Nizza – um korrekt zu sein, war ich in dieser Saison schon mehrfach bei Vorträgen im CCFA, einfach weil sie gerade super interessante Abendveranstaltungen anbieten – Jana Hensel war da und die Chefredakteurin von Arte Karambolage; es sind in gewisser Weise alles Vorträge zur deutsch-französischen oder auch zur europäischen Geschichte, genau wie der, von dem ich erzählen will, über Françoise Frenkel. Kennen Sie vielleicht auch schon, ist genau wie Vivian Maier, von der ich neulich sprach, gar nicht so unbekannt, wie ich in der Zwischenzeit festgestellt habe, nur ich kannte sie mal wieder nicht. Und mit mir vielleicht die etwa hundert Besucher im CCFA.

Voller Leidenschaft für die (französische) Literatur eröffnet die junge polnische Jüdin Françoise Frenkel (eigentlich
Frymeta Idesa Raichenstein-Frenkel) nach dem Studium in Paris 1921 die erste französische Buchhandlung in Berlin. Nach dem Ersten Weltkrieg! Das muss man sich vorstellen! Eine frühe Europäerin, zu einer Zeit, in der der überall der Nationalismus blühte (beinahe wie heute, könnte man sagen). 1939 flieht sie vor dem Nationalsozialismus, über Paris quer durch Frankreich bis in den „freien“ Süden nach Nizza. Als es 1942 auch hier zu Razzien kommt, findet sie Schutz bei dem Friseur-Ehepaar Marius, mit dessen Hilfe ihr 1943 die Flucht in die Schweiz gelingt.

Rien où poser sa tête heißt das Buch, das sie unmittelbar nach dem Krieg über ihre letzten Jahre in Berlin und die Zeit der Flucht und des Versteckens schrieb. Nichts, um sein Haupt zu betten heißt es auf Deutsch und es ist tatsächlich schon vor zwei Jahren bei Hanser erschienen.

Françoise Frenkel lebte nach dem Krieg verarmt und vergessen bis zu ihrem Tod 1975 in Nizza. Das Buch, von dem sie sich ein kleines Einkommen erhoffte, wurde kein Erfolg. Niemand wollte nach dem Krieg etwas von dem Elend der Verfolgten wissen. Das war in Deutschland so und in Frankreich nicht anders. Vor ein paar Jahren wurde in Nizza ein Exemplar ihres Buches auf einem Flohmarkt entdeckt und wieder aufgelegt. Patrick Modiano, der 2014 Literaturnobelpreis erhalten hat, hat das liebevolle Vorwort verfasst.

Ich habe die französische Version gelesen. Es ist eine sehr berührende Lektüre. Die Unmittelbarkeit der Entstehung (sie begann schon während ihrer Flucht darüber zu schreiben) macht, dass der Text detailreich und intensiv ist, fast als läse man einen (aktuellen) Tagebuchblog. Eine sehr ausführliche und fundierte Besprechung könnten Sie hier nachlesen, wenn Sie nicht sofort das Buch selbst zur Hand nehmen wollen.

Dass ich heute so dringend darüber schreiben wollte, hat damit zu tun, dass ich just heute gestern (ich habe den Text gestern schon begonnen) von einer deutschen Freundin handgeschriebene !!! Post bekam: Nicht nur, dass es jedes Mal eine Freude ist, von ihr und ihrer Familie zu lesen, auch die Art, wie es geschieht ist immer einzigartig und überbordend vor Phantasie. Innen und außen – denn schon der Umschlag ist ein Kunstwerk! Dieses Mal war dem Brief noch ein Zeitungsartikel (hier bedauerlicherweise hinter einer Paywall) beigefügt, über die seit 15 Jahren in Berlin existierende französische Buchhandlung Zadig in der Linienstraße (Zadig habe ich dabei erfahren, ist eine Romangestalt bei Voltaire und ich wüsste zu gern, wer bei der Modemarke Zadig & Voltaire so literarisch inspiriert war ;-) ). Patrick Suel, der Betreiber der französischen Buchhandlung könnte als Nachfolger von Françoise Frenkel gelten. Beide arbeite(te)n aus Leidenschaft für die französische Literatur, für die Kultur und für Europa. Reich wird man nämlich nicht mit dem Verkauf französischer Bücher in Berlin. Reich wird auch die Besitzerin der letzten deutschen Buchhandlung in Paris nicht, die bereits einmal geschlossen, immerhin an einem anderen Ort weitermachen konnte, andere haben endgültig den Schlüssel unter die Fußmatte gelegt. Reich wird aber sowieso kaum noch ein unabhängiger Buchhändler in diesen Zeiten. Weshalb es schön ist, dass es seit vier Jahren den Deutschen Buchhandlungspreis gibt, der das Engagement unabhäniger Buchhandlungen auszeichnet. Die Freundin arbeitet übrigens in einer der in diesem Jahr ausgezeichneten Buchhandlungen , der Büchergilde in Wiesbaden und wir gratulieren sehr herzlich! Ich bin leider ein kleines bisschen zu spät mit der Ankündigung für die kleine Feier, die gestern dort anlässlich dieser Auszeichnung stattgefunden hat. Wir gratulieren selbstverständlich auch allen anderen ausgezeichneten Buchhandlungen! Darunter auch der Buchladen Neusser Straße in Nippes, der den #lesemittwoch ins Leben gerufen hat! Ich finde das eine sehr nette Idee, sich mittwochs und halb Neun mit sich selbst (und virtuell mit vielen anderen) zum Lesen zu verabreden. Ein paar Mal habe ich schon mitgemacht!

Falls Sie nicht immer selbst lesen wollen, dann lassen Sie sich vorlesen! Von mir zum Beispiel. Jetzt folgt noch ein bisschen Eigenwerbung – überhaupt scheint man das nun stets dazuschreiben zu müssen, bei jeder Verlinkung, die irgendwohin führt – ich verstehe meinen Text und meine Links generell nicht als Werbung, ich wurde nicht beauftragt und auf jeden Fall für nichts bezahlt. Meine Links führen in der Regel nicht zu dem großen Internetriesen A. und auch nicht in die Irre (hoffe ich zumindest). Jetzt aber mache ich Werbung für mich: Denn Christine Cazon wird, wie kürzlich schon angekündigt, am kommenden Dienstag, 6. November um 19.30 Uhr im oben erwähnten CCFA aus „Wölfe an der Côte d’Azur“ lesen. Die Lesung ist auf Deutsch. Der Eintritt ist frei. Kommen Sie?!

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Ein Herbst und vier Beerdigungen

„Sehr gerne“ sollte eigentlich die Überschrift des letzten Textes über Berlin werden. „Sehr gerne“ sagen einem dort die Servicekräfte der Cafés und Restaurant, kaum hat man seinen Wunsch geäußert. „Einen Cappuccino bitte!“ „Sehr gerne.“ Ich habe das noch nirgends sonst gehört. „Sehr gerne.“ Es ist mir gerade eben erst wieder eingefallen. Als ich den Berlin-Text schrieb, grübelte ich lange wegen der Überschrift, weil ich kurz vorher einen Beitrag gelesen hatte, dass man dem Leser (der Leserin) Überschriften bieten solle, die ihn (sie) anziehen und ihm (ihr) etwas versprechen. Da mir nicht wirklich etwas Originelles eingefallen ist, wurde es „Cannes – Berlin“ klingt verheißungsvoll genug. Besser als „Sehr gerne“ vermutlich, obwohl mir „Sehr gerne“ besser gefallen hätte, wäre es mir nur rechtzeitig wieder eingefallen.

Cafè crème und Croissant – ich weiß nicht mehr, was der Kellner antwortete

Für den heutigen Text passt „sehr gerne“ weniger. Wir kommen gerade viel rum, weil hier gerade viel gestorben wird. Beerdigungstourismus könnte man das nennen, um dem Anwärter auf das Unwort des Jahres ein anderes hinzuzufügen. Es ist  übrigens schon älter das neue Unwort.  Das aber nur am Rande. Wir waren unter anderem drei Tage in Paris, aber nein, „drei Tage in Paris“ wird nicht die verheißungsvolle Überschrift, obwohl da bestimmt viel geklickt würde, in der Hoffnung, dass ich ihnen nagelneue Geheimtipps verspreche für einen Kurzbesuch in Paris.  Nun, wir waren zwar drei (eigentlich nur zwei) Tage in Paris, aber eine Beerdigung bietet nicht so richtig viele prickelnde Geheimtipps. Und nein, es wird auch kein Beitrag über die schönsten Friedhöfe in Paris, aber ich bin ja serviceorientiert und liefere Ihnen gern diese oder andere Informationen. 

Auch wenn zumindest Monsieurs Herz schwer war und ihm der Sinn nicht nach allzviel Zerstreuung stand, hatten wir am Tag unserer Ankunft tatsächlich etwas Zeit, um durch Paris zu laufen. Ich mag das angesagte jüdische Viertel Le Marais (da war ich auch letztes Mal schon unterwegs) und wir spazierten bei wunderschönem sonnigen Herbstwetter durch die engen Sträßchen im 3. und 4. Arrondissement.

Graffiti an Hauswand im Marais
L’amour court les rues
Ein Tiger in der Rue des Rosiers

In der Rue des Rosiers stießen wir auf einen versteckten Garten Le Jardin des Rosiers, der Joseph Migneret gewidmet ist, einem Schuldirektor, der zu einer Zeit jüdische Kinder rettete.

Neben Parkbänken in idyllisch-versteckten Ecken und einem Gedenkstein für (nicht gerettete) deportierte jüdische Kinder gibt es auch einen kleinen Kräuter- und Gemüsegarten. Und in diesem kleinen Paradies liegt dann überall Müll. Und das manchmal nur zwei Meter von der großen Mülltonne entfernt. Nun, Sie denken es sich, wir haben auch dort, wie es so unsere Art ist, den Müll aufgehoben und ordentlich entsorgt.

Müll aufsammeln mal nicht am Strand

Ich wollte dieses Mal etwas mehr wissen vom Viertel, in dem Schwule ausgehen (die erste Schwulenbuchhandlung in Paris gab und gibt es hier im Viertel) orthodoxe und weniger orthodoxe Juden leben, in dem es schicke Modeboutiquen en masse gibt und trotzdem auch viele kleine alternative …

erste Schwulenbuchhandlung Paris‘

… Läden, SecondHand-Boutiquen, Cafés, Bars und in dem die Leute bei einem Falaffelverkäufer eine halbe Stunde Schlange stehen.

Anstehen für Falaffel

Ich habe diesen Film gefunden – er ist natürlich in Französisch und dauert über eine Stunde – aber er zeigt Le Marais wie es ist. Jung, lebendig und quirlig, aber auch problematisch, wie so oft, wenn ein einfaches Arbeiterviertel schick wird: Stichwort Gentrifizierung. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man gar nichts versteht, aber vielleicht mögen Sie einfach die Bilder ansehen?! Und keine Angst, es geht nicht die ganze Zeit um schwule Subkultur.

Am nächsten Tag fand in Paris noch frühmorgens in einem Beerdigungsinstitut am Friedhof Père Lachaise
la levée du corps statt, und danach fuhren wir in die Normandie. Nachdem wir die Autobahn verlassen und dutzende von tristen Straßendörfern durchfahren hatten, landeten wir im überraschend niedlichen Kurststädtchen Bagnols de L’Orne. Nach einer sehr klassisch-katholischen Zeremonie ging es zum grausteinigen Friedhof und wir schwitzten sehr in unserer für den vermeintlich kalten „Nooorden“ gewählten warmen, schwarzen Kleidung, denn es war beinahe so warm wie an der Côte d’Azur.

Und trotz des amüsanten Filmausschnitts (ein alter Onkel erklärt dem in den Norden versetzten „petit“ wie es im Norden ist: miserabel und kalt!) weinten wir dort viel. Abends fuhren wir wieder zurück nach Paris. Am nächsten Vormittag besuchten wir betagte Freunde von Monsieur, denn wer weiß, wie oft man noch die Gelegenheit hat, sich (bei guter Gesundheit) zu sehen, n’est-ce pas. Wir aßen zusammen in einem kleinen Restaurant im Viertel, es war warm genug, um draußen zu essen, das war gut, denn Madame A. sitzt im Rollstuhl und wer französische Restaurants kennt weiß, wie beengt es dort ist. Monsieur und Madame A. sind beide an die Neunzig, aber selten habe ich eine lebendigere, wachere und interessiertere Dame getroffen, die außerdem mit ihrem Rollstuhl so schnell und unerschrocken durch die Straßen von Paris sauste, dass ich kaum nachkam. „Ist Ihnen dabei noch nichts passiert?“, fragte ich atemlos als wir an einer Ampel stehen blieben und ich die unregelmäßig abgeschrägten Bordsteine sehe und das holperige Kopfsteinpflaster über das sie so schwungvoll rumpelte. Doch, sie sei schon mehrfach mit dem Rollsuhl umgefallen, erzählte sie mir, sie sei auch schon bestohlen worden und einmal, als die Busfahrer plözlich wegen eines Streiks nicht mehr weiterfuhren, hat sie Paris im Regen fast komplett im Rollstuhl durchquert. Seitdem trägt sie einen kleinen selbst gehäkelten Daumenschutz, denn damals hat sie sich beim pausenlosen Drücken der Tasten für den elektrischen Rollstuhl den Daumen wundgescheuert. Madame A. hatte mir vorgeschlagen, während Monsieur sich bei den Bouquinisten am Seine-Ufer umsehen wollte, mich „schnell“ zum Musée d’Orsay mitzunehmen. In all den Jahren war ich noch nie im Musée d’Orsay gewesen, weil mich das lange Anstehen immer abschreckte. „So viel Zeit haben wir gar nicht“, wehrte ich ab, denn „schnell zum Musée d’Orsay“ konnte ich mir nicht so richtig vorstellen. „Mit mir stehen Sie nicht an“, sagte sie verschmitzt und fragte mit Blick auf meine Schuhe „Sie sind doch gut zu Fuß?“ Ich wechselte vorsichtshalber in flache Sneakers und schon sausten wir zu Fuß, per Rolli und mit Bussen durch halb Paris, und ich kam nicht nur ohne Anstehen hinein, ich zahlte als offizielle Begleitperson von Madame A. nicht mal Eintritt! Was für ein Luxus!

Im Vorübereilen einen Manet gesehen: Olympia

Die Zeit reichte natürlich nicht für das gesamte Museum, aber wir sahen doch „schnell“ die aktuelle Ausstellung Picasso Bleu et Rose!

Picasso Skizzen Selbstporträt
Les Pierreuses
Ein Mädchen entdeckt Picasso
Mit Madame A. vor einem blauen Picasso
Von Blau zu Rosa
Artisten in Blau und Rosa
Ist der Busen nicht zu tief angesetzt? fragte mich Madame A.

Später fuhren Monsieur und ich vom Gare de Lyon wieder in den Süden.

Gestern dann waren wir für eine weitere Beerdigung (dazwischen gab es zwei in Cannes) in dem (zumindest zu dieser Jahreszeit) etwas verschlafenen provenzalischen Städtchen Montélimar. Montélimar hat bestimmt sehr nette Ecken, aber in Erinnerung geblieben waren mir vom letzen Besuch nur zu viele Autos in zu kleinen Kreisverkehren, daran hat sich nichts geändert, nur, dass es jetzt zusätzlich eigenartige Kunstwerke auf den Kreisverkehrsinseln gab. Irgendjemand im Kulturbereich hat dort ein Faible für übergroße Plastiktiere. (Die ich leider nicht selbst fotografieren konnte, da ich die ganze Zeit fuhr)

Die Kunst in Montélimar ist eigenartig

Traditionell ist Montélimar aber für seinen Nougat bekannt. Die Dame, die beerdigt wurde, gehörte ebenso zu einer der alten Familien, die dort (im großen Stil und nicht so handwerklich wie im folgenden Link zu sehen)  Nougat herstell(t)en. Und es war kalt. Doch doch, der Süden kann sehr kalt sein. Ich trug zum ersten Mal Stiefel. (Seit dem letzten Wochenende heizen wir übrigens und haben wir wieder das Winterdeckbett aufgelegt) Immerhin hat es gestern nicht geregnet, obwohl es seit Tagen schüttet und stürmt – der gemütliche Landregen hat sich dann doch wieder in das klassische Unwetter-Szenario verwandelt, und es kommt näher … das Nachbardepartement Var ist schon wieder überschwemmt!). Auf dem Rückweg hatte der Fabrikverkauf der Nougatfabrik schon geschlossen, so dass ich meinen obligatorischen Nougat an der Raststätte kaufen musste (immerhin gab es die richtige Marke!). Wollen Sie selbst Nougat herstellen? Aurélie, die süße Französin, hat hier ein Rezept!

**Bizarrerweise konnte ich heute keine Bilder hochladen, ein paar Links zum Anschauen haben Sie immerhin. Ich versuche es morgen noch einmal. Jetzt gehts! Und wissen Sie warum? Weil ich gestern die ganze Zeit zwei Dokumente geöffnet hatte und  ich habe ins Falsche gearbeitet, geschrieben und vergeblich versucht Fotos hochzuladen. Erst beim Veröffentlichen habe ich gemerkt, dass ich den falschen und unfertigen Text abgespeichert habe. Hat aber in der Nacht außer ein paar chinesischen Suchmaschinen, die sich immer sofort auf meine Veröffentlichungen stürzen, vermutlich keiner gemerkt.

***Ich habe dieses Mal wahnsinnig lange nachgedacht – und finde die gewählte Überschrift zwar nicht super verheißungsvoll, aber doch passend, vor allem zum heutigen Feiertag.

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Cannes und Berlin

Es regnet! Endlich! Dieses Jahr können Sie die unendlich langen heißen und regenlosen Sommer, die wir hier haben, ja auch in Deutschland nachvollziehen. Der Rheinpegel ist so niedrig, dass allerorten der Fährverkehr eingestellt wurde und zum Binger Mäuseturm kann man derzeit zu Fuß laufen! Nein, bei uns ist das Mittelmeer immer noch da und wir laufen auch nicht zu Fuß zu den Iles des Lérins, aber der Regen wurde hier auch lechzend ersehnt. Jetzt ist er da, und glücklicherweise ist es ein mehrtägiger aber gemütlicher Landregen und sind es nicht diese sintflutartigen Wassermassen, wie wir sie vor drei Jahren hatten und wie sie dieses Jahr den Südwesten Frankreichs heimgesucht haben.

Regen! Endlich! Endlich ist dieses Draußen-Rumgerenne vorbei, dieses ewige Sonne-Ausnutzen, endlich darf man drin bleiben, sich ins Sofa kuscheln und lesen und schreiben! Uff. Ausatmen. Endlich komme ich dazu, Ihnen meinen Sommer zu erzählen.  Wo anfangen? Soll ich Ihnen Ende Oktober noch erzählen, dass ich Ende August für drei Tage in Berlin war? Ja? Nein? Doch! Klar, Berlin ist so klasse, vor allem wenn man aus einer südlichen Provinzstadt kommt. Kultur satt! Anlass für den Berlinbesuch war das Sommerfest von Kiepenheuer & Witsch in der Villa und auf dem Gelände des Literarischen Colloquiums. Toller Rahmen, tolles Fest! Ganz großartig war es!

Kiwi Sommerfest am Wannsee
die Wolken hängen tief
Kiwi und Galiani in der Villa des LCB
S-Bahn Wannsee

Berlin! Ich habe ebenso ganz großartig direkt an der Hufeisensiedlung gewohnt, und dort unterm Apfelbaum gesessen, der von der Hitze erschöpft schon alle seine Äpfelchen abwarf.

Blick auf die Hufeisensiedlung
Berliner Fußabkratzer

Die Großstadtfreundin nahm mich Landpomeranze zur Uraufführung eines Tanztheater-Spektakels mit: Exodos. Ich war schon so begeistert vom Ort und all diesen unterschiedlichen Menschen, jung, alt, und es gibt keinen Dresscode, oder wenn, dann ist er irgendwie hip und es ist nicht dieser bourgeoise Luxusmarkenschick, das ist so erholsam! Der erste Teil des Spektakels war außerordentlich – beklemmend und eindrucksvoll. Ich habe so etwas noch nie erlebt! Den zweiten Teil fand zumindest ich dann aber ziemlich lang und unverständlich, vielleicht war ich auch nur zu müde von der schlechten Luft, der Hitze, der superlauten Musik und der vielen Großstadtkultur. Aber die körperliche Leistung der Tänzer*Innen in diesem Spektakel verdient Hochachtung! Ich verlinke Ihnen mal diese Kritik, nur so, falls es Sie interessiert.

Die Spree am Radialsystem
die Tänzer’Innen und Sasha Waltz
Nachbereitung bei Cappuccino, Apfelsaft und Käsekuchen

Erstmals lief ich auch durch die (an mancher Stelle schon leicht abbröckelnden) grauen Steine des Holocaust-Memorials und war beeindruckt und verstört. Darf man wirklich picknicken auf den Gedenksteinen, wie es so viele tun? Darf man durch die langen dunklen Wege rennen und Fangen spielen? Darf man von Stein zu Stein springen, als sei es ein Parcours? Darf man das heute? Freizeitpark Holocaust Memorial? Spielerischer Umgang mit Geschichte? Sollte da nicht mehr Respekt sein? Bin nur ich mit meiner deutschen Ernsthaftigkeit so streng? Bin ich gar zu alt? (Nur am Rande, ich ertrage die Remix-Version des italienischen Partisanenliedes Bella Ciao, das ich früher inbrünstig und natürlich mit dem richtigen Bewusstsein an jedem Lagerfeuer zur Gitarre sang, auch nicht. Maître Gims, ein kongolesisch-französischer Rapper, gewandet in rote Ballonseide, blutrot vielleicht oder partisanenrot, was weiß denn ich, sang es in diesem Sommer beim Festival de la Musique oder war es anlässlich des Nationalfeiertags? Egal, es war in Nizza und tausende junge Menschen sangen auf der Place Massena begeistert mit: oh oh oh oh oh bella ciao … Darf man aus Partisanenliedern kommerzielles Geplärre machen? In meiner FB-Blase waren alle begeistert: So viele junge Menschen singen Bella Ciao! Aber wissen sie, was sie singen?!, frage ich mich. Oder ist das egal? Oder arrogant? Und morgen machen wir einen Remix aus den Moorsoldaten? Ich sei haha vermutlich zu alt, um die Jugendkultur zu verstehen wurde mir freundlich zugerufen. So siehts aus. Mit Mitte 50 schon reaktionär und verknöchert. Oh partigiano, portami via … )

Lichtstrahl
Freizeitpark Holocaust Memorial

Ganz kurz war ich auch in Potsdam, um die Gerhard Richter Ausstellung im Museum Barberini anzusehen. Wenn schon, denn schon! Ich liebe Gerhard Richter. Ich liebe genau diese abstrakte Kunst von ihm und auch auf die Gefahr, das Wort etwas zu exzessiv zu verwenden, ich fand alles großartig!

Karos
Fenster – Spiegelungen
Pink und Rot
erinnert mich an den Garten von Monet in Giverny

Zuguterletzt, das wissen Sie vielleicht alles schon, dann verzeihen Sie es mir, ich bin ja so weit weg (nicht nur) vom (deutschen) Kulturgeschehen, habe ich in diesen Sommer einen (setzen Sie ruhig das g-Wort ein, wenn Sie wollen) Film über die rätselhafte Vivian Maier gesehen: eine einsame, schrullige Frau, die ihren Lebensunterhalt als (nicht wirklich liebevolles) Kindermädchen verdiente, vor allem aber eine manische (und hier schon wieder das g-Wort!) Fotografin war. Zu Lebzeiten hat sie nicht eines ihrer über 150.000 Fotos veröffentlicht! Über ihr merkwürdiges Leben und ihre Fotografien gibt derzeit auch eine Ausstellung in Berlin!

Und wie ich gerade begriffen habe, ist es schon die zweite Ausstellung in Berlin über Vivian Maier. Ich erzähle Ihnen also vermutlich wirklich nichts Neues. So ist es, wenn man in der südfranzösischen Provinz zu Hause ist. „Wie ist das Wasser?“, fragt man hier mit Blick auf das Meer, und „Was gibts zu essen?“ und „Kann ich noch einen Apéro?“ Und danach macht man erstmal eine Sieste.

Zurück von der kleinen Kulturauszeit in Berlin habe ich noch ein paar Tage fleißig geschrieben, kaum war das Manuskript (wir berichteten) abgegeben, verbrachte ich eine Woche in Heidelberg. Davon (und von Paris, um die Kurve zu Frankreich zu kriegen) demnächst. Stay tuned.

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Rendezvous? Rendezvous!

Symbolbild

Wie war es denn jetzt dieses Rendezvous letzen Freitag? Hat es überhaupt stattgefunden?, fragen Sie sich vielleicht. Oder blieb sie alleine sitzen auf der Terrasse des Salon de Thé?! Mitnichten! Stellenweise war es so trubelig, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand. Aber nicht alle Gäste an diesem Nachmittag waren wegen mir gekommen ;-)

Wir aber haben, analoggeprägt, wie wir so sind, keine Selfies geschossen vom Rendezvous, nichtmal die Kaffee- und Teetassen haben wir fotografiert, so angeregt haben wir uns unterhalten, über die Krimis und über das Leben in Südfrankreich und anderswo.

Die Terminverlegung von Samstag auf Freitag hatte jedoch zunächst eine ganze Anzahl berufstätiger Menschen zu Absagen veranlasst – logisch eigentlich, nicht alle sind dauerhaft in Ferien an der Côte d’Azur, auch wenn man das gemeinhin gerne glaubt, n’est-ce pas?! Ich weiß das zwar, habe es aber nicht mitbedacht in meiner relativ spontanen Aktion, weshalb ich mich dann kurzfristig auch noch einmal samstags mit den jungen Menschen traf, die das offene Rendezvous überhaupt in Gang gebracht haben. Auch das war ganz reizend, selten hat man mich so ausdauernd zu den einzelnen Handlungen und Charakteren meiner Bücher befragt: Seit wann schreiben Sie? Wo wohnt denn eigentlich der Kommissar? Und das Hotel? Gibt es das wirklich? Und die Entzugsklinik? Und die Alice in Band 3, gab es da ein echtes Vorbild? Und die Straßenhändler? Die kennen Sie wirklich? Also wirklich wirklich? Und ich habe alles wahrheitsgemäß beantwortet, bei Café und Pastis am vom Meer schon weggefressenen Stadtstrand, wo die Wellen am späten Nachmittag ordentlich rollten, und zischend und schäumend immer näher kamen. Auch hier kein Selfie, aber einen spektakulären Sonnenuntergang!

Sonnenuntergang Midi Plage

Dank fürs Kommen geht an Katrin, Anne, Jürgen, Bogdan, Natalia, Klara und auch an den kleinen Macaron für seine Geduld, danke, dass Sie die Anreise und das Parkplatz-Suchen im städtischen Cannes auf sich genommen haben! Nächstes Mal bedenken wir das alles mit, versprochen! Nächstes Mal? Sie haben richtig gelesen. Die Rendezvous‘ waren so nett, dass ich das gerne wiederholen werde. Wann und wo … on verra!

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Rendezvous am Freitag!

Chez Fleur & Chloé

Haha, die Integration ist gelungen, ich bin schon eine richtige Französin geworden, wenn man meine Organisation so ansieht ;-)

In Frankreich ändert sich ja oft alles bis zur letzten Minute. Als ich letztes Jahr im Herbst zwei Austauschschülerinnen beherbergte und gerne le planning vorab bekommen hätte, um zu wissen, wann welcher Ausflug stattfindet, ist er nur für die Amerikanerinnen oder gehen die Französinnen mit, muss ich ein Picknickpaket vorbereiten oder zwei, fahre ich die eine zur Schule, die andere zum Bus usw. verzweifelte ich schon im Vorfeld, weil ich le planning erst mit Anreise der Amerikanerin erhielt. „Aber“, sagte mir die kleine Französin treuherzig vom Rücksitz, „es stimme eh schon nicht mehr, am nächsten Tag sei nicht Schule sondern gleich ein Ausflug geplant.“ „Für Euch beide?“, frage ich nach. „Ah, ça, j’ai pas“, kommt es flapsig zurück, nee, das wisse sie nicht, man muss erstmal whatsappen mit den Freundinnen und der betreuenden Lehrerin, um zu erfahren, was am nächsten Morgen verbindlich geplant ist. So bleibt es die ganze Woche. „Morgen fahrt ihr alle zusammen nach Antibes?“, frage ich am Vorabend nochmal nach. „Ah nein, morgen geht es auf die Insel, aber nur die Amerikanerinnen.“ Schön zu wissen. Es wird dann aber doch kurzfristig ggeändert, weil es zu schlechtes Wetter ist, um auf die Insel zu fahren. Klar. verstehe ich. So ist es hier. Niemand findet das schlimm übrigens. Und die Zeit, in der ich die Augen darüber rollte, über dieses unorganisierte planlose und spontane Vorgehen, ist vorbei. Ich weiß, dass es so ist, ich kann auch damit umgehen, ich plane nichts mehr, alles wird kurzfristig sowieso ganz anders. Was ich nicht gedacht hätte ist, dass das Französische schon derart auf meine Art zu planen abgefärbt hat. Sagte ich Samstag sei ein Jour fixe und man könne ihn nicht ändern? Ach was, Freitag wird es jetzt, weil naja, weil der Salon de Thé am Samstag geschlossen und außerdem schon privat gebucht ist. Hätte ich da nicht mal vorher fragen können, bevor ich das in die Welt hinaus rufe? Ja, hätte ich, habe ich aber nicht. Dachte, ach, das wird schon. Ganz wie Monsieur. Ganz Französin. :D

So viel dazu. Es wird also verbindlich (ich war eben da und habe mit einer der Schwestern gesprochen, jetzt dann doch!) das offene Rendezvous findet am FREITAG, 19. Oktober 2018, ab 16 Uhr statt. Gleicher Ort: Chez Fleur & Chloé. Je nach Wetter auf der Terrasse …

Terrasse chez Fleur & Chloé

… oder drinnen.

Bis Freitag also! Sehen wir uns?

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Lust auf ein Rendezvous?!

Nur auf einen Kaffee …

Haben Sie Lust auf ein Treffen? Mit mir und Christine, versteht sich. Ich bekomme ja immer wieder Anfragen, ob ich nicht mal auf einen Kaffee oder einen Apéro oder was auch immer … man sei gerade in der Nähe, man läse meinen Blog und/oder Christines Bücher so gern … anfangs habe ich das gemacht, habe mich sogar nach Nizza oder anderswo begeben, um mich mit Leser*Innen zu treffen, Essen zu gehen, einen Kaffee zu trinken und zu plaudern. Ich mache das nun nicht mehr, ich habe –> hier schon einmal darüber geschrieben, warum nicht. Lesen Sie es noch einmal. Ich bin da absolut offen und ehrlich: Es ist mir zu viel. Damit, so dachte ich damals herzpoppernd, damit habe ich „es“ ein für allemal gesagt und niemand würde mich zukünftig mit der Bitte um ein Treffen angehen. Mitnichten. Ich erhalte immer noch Anfragen: Nur auf einen Kaffee, och komm, ein halbes Stündchen, nur für uns … Ich fuchtele abwehrend mit den Armen. Nein? Na, dann ein anderes Mal …

Chez Fleur & Chloé

Gut, seufze ich, dann also, weil Sie so lieb und treu nachfragen. Weil ich gerade etwas Luft habe … und ich schlage hiermit ein offenes Treffen vor, am kommenden Samstag Freitag (Erklärung siehe unten!!!) nachmittags 16 Uhr, im von mir neu entdeckten Salon de Thé in Cannes, chez Fleur et Chloé. Es liegt etwas außerhalb, am Rande der Stadt Richtung Le Cannet. Nein, es gibt keinen Blick aufs Meer, aber es gibt eine nette kleine Terrasse, ein hübsches Interieur, und eine der Schwestern macht eine Patisserie zum Niederknien. Es ist vollkommen untouristisch. Ein Geheimtipp sozusagen.

Chez Fleur & Chloé
Chez Fleur & Chloé

Dort sitze ich bei Kaffee (es gibt auch Tee übrigens!) und Patisserie und mit  einem Buch und wenn Sie dazukommen möchten, dann freue ich mich, und wir plaudern ein bisschen. Und falls jetzt gar niemand kommt, denn, herrjeh, jetzt sind ausgerechnet SIE gar nicht da, höre ich Sie klagen, dann lese ich dort gemütlich und gehe gegen 17 Uhr wieder nach Hause.

Und nein, wir können es nicht an einem anderen Tag … es ist ein Jour fixe, wie das so schön in der Arbeitswelt heißt. Und er könnte tatsächlich wiederkehrend (wie für Jour fixe so üblich) eingeführt werden. Vielleicht gibt es zukünftig auch noch einen Termin im Frühjahr. On verra. Donc … sehen wir uns?

ATTENTION! ATTENTION! Gerade bemerkt – Fleur & Chloé sind am Wochenende nur auf Reservierung geöffnet – ich bin nicht sicher, ob sie für mich und eine unbekannte Zahl von Gästen öffnen wollen … ich verlege das Treffen auf FREITAG, den 19. OKTOBER, selbe Uhrzeit, selber Ort, selbes Prozedere – bestätige ich morgen, nach Rückfrage mit dem Salon de Thé!  Voilà, c’est fait: Freitag, 19. Oktober ab 16 Uhr! 

So, und falls der SamstagFreitagnachittag (ist bestätigt!) für Sie absolut nicht passt, dann kündige ich hier schon das nächste Event an: Am 6. November um 19.30 Uhr liest Christine Cazon im CCFA in Nizza aus „Wölfe an der Côte d’Azur“. Sobald es dort auf der Homepage steht, werde ich es noch einmal lauter rufen!

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12 von 12 im Oktober

12 von 12 also, das kennen Sie schon. Ich habe allerdings ein bisschen spät an 12/12 gedacht, erst als ich Frau Muttis Kaffee auf Instagram entdeckte nämlich, da war ich aber schon fertig mit Kaffee trinken und Katze streicheln, insofern gehts hier gleich rein in den Tag,

Bettenmachen

Freitag ist Nathalie-Tag und es wird geputzt (N.) gewaschen und aufgeräumt (ich). Wir waren viel unterwegs in der letzten Zeit, ich habe schon lange nicht mehr gewaschen, die Tonne im Bad ist mehr als voll und nachdem heute noch das Bett abgezogen und die Handtücher gewechselt wurden … weia …

Waschtag

Außerdem wird Musik gehört. Wir haben nach acht Jahren Gekratze einen neuen Verstärker erstanden (ohne Fernbedienung, Halleluja!) und hören, klar, George Brassens.

Zwischendurch laufe ich in die Stadt, zur Bank, um dieses Erinnerungsfoto meines Deutschlandaufenthalts zu bezahlen. Als ich in der Bank am Schalter anstehe, sehe ich, dass ich auch via Internet hätte bezahlen können.

Verwarnungsgeld

Auf dem Weg zurück ringelt sich wilder Wein in den Weg

Weinranken

Wieder zurück, hänge ich die erste Maschine Wäsche auf, lasse dann die zweite Maschine laufen und wärme das Essen auf. Es gibt Reste, aber was für Reste! Wir hatten Gäste gestern und es gab Ochsenbäckchen nach einem Rezept von Arthurs Tochter! Ich habe das noch nie vorher gemacht, ich weiß auch nicht, was mich reitet, neue Gerichte ausgerechnet bei Gästen auszuprobieren. Kurz vor der Soßenzubereitung wurde ich dann doch reichlich nervös. Soßen kann ich nämlich eigentlich gar nicht gut. Aber es war köstlich! Die Rosmarinsoße! Das Zitronenpüree! Eine geniale Mischung! Und die Bäckchen (nach nur etwa 7 Stunden bei 100 Grad im Backofen, das ganze Haus roch danach!) butterzart! Ich habe noch nie so viel Lob für ein Essen bekommen! Ich verneige mich, Astrid!

köstliches Reste-Essen: Ochsenbäckchen und Zitronenpüree

Die Katze bekommt natürlich auch Essen.

Pepita

Danach Sieste, Monsieur, der heute früh die Werkstatt-Abstellkammer ausgeräumt hat, um sie neu zu verputzen und zu streichen (ich liebe es, wenn wir eine neue Baustelle aufmachen!), schläft quasi sofort ein.

Baustelle

Danach hänge ich schon wieder Wäsche auf, ich habe langsam keinen Platz mehr: der Wäscheständer hinter dem Haus ist voll, der im Badezimmer auch, ich hänge Teile nach vorne auf den Balkon und setze mich dort etwas in die Sonne: Es ist laut und riecht nach Abgasen und wie immer nach dem Marihuana-Joint des Nachbarn, aber auch nach frischer Wäsche. Ich lese in Riad Sattoufs L’arabe du Future 4. Fesselnd. Berührend. Verstörend.

L’Arabe du Future

Von Herrn Skizzenblog habe ich ein Foto von der Buchmesse geschickt bekommen, das ich jetzt auf FB und Instagram setze. Ich freue mich so, auf der Messe präsentiert zu sein, auch wenn ich selbst nicht da bin!

Christine Cazon Buchmesse 2018

Später suche ich eine bestimmte Telefonnummer in der Anrufliste des Telefons und stoße auf eine fremde deutsche Mobiltelefonnummer, jemand hat gestern, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, bei uns angerufen. Ich rufe zurück, nur um zu sehen, was es damit auf sich hat und habe einen lieben Bekannten am anderen Ende, der mir erzählt, dass er einen Schlaganfall erlitten hat, nun halbseitig gelähmt ist, aber, oh Wunder, sein Sprachzentrum ist nicht betroffen. Wir haben ein kohärentes Gespräch, aber ich spüre seine Ermüdung. Es stimmt mich traurig. Und es nimmt kein Ende dieses Jahr. Wir haben seit Monaten einen sehr jungen und einen älteren Freund im Krankenhaus, und letzte Woche haben wir zwei Schulfreunde von Monsieur beerdigt.

schlechte Nachrichten

Wir essen schnell zu Abend und dann fahren wir den „Enkel“ zum Volleyballtraining. Monsieur sieht mit der Katze auf den Knie fern und ich schreibe hier. Zwei Stunden später, eben gerade, haben wir den jungen Mann wieder vom Training abgeholt.

Volleyball-Ado

Jetzt ist Feierabend. Danke fürs Anschauen und Lesen. Die anderen 12 von 12er wie immer –> hier! Und einen späten Geburtstagsglückwunsch an Caro-Kännchen!

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Charles Aznavour

Ach je, ich bin noch ganz im Barbara- und Dépardieu-Fieber und nun ist Charles Aznavour gestorben. 94 Jahre ist er alt geworden und er ist beinahe bis zum Schluss aufgetreten. Auf Welttournee wollte er sogar noch einmal gehen, und war dazu vor 14 Tagen noch interviewt worden, und wie so oft wurde ihm ein bisschen spöttisch die Frage gestellt, wie lange er eigentlich noch singen wolle. Ich erinnere mich, dass er dazu früher einmal erzählte, er habe, als er im klassischen Rentenalter war, eine Zeitlang mit der Bühnenarbeit aufgehört, sei zuhause aber so unausstehlich geworden, dass seine Frau ihn wieder Singen geschickt habe. Jetzt antwortete er auf diese Frage „wenn ich die Bühne verlasse, dann sterbe ich“.

Er wollte gern sehr alt werden. Sehr sehr alt! Gefragt, warum er so einen Lebenshunger habe (Lebensdurst heißt es eigentlich auf Französisch, la soif de vivre), antwortet er, er stamme aus einer armenischen Einwanderer-Familie, die den Genozid erlebt habe. Er habe selbst so wenig Familie, keine Großeltern, keine Cousinen und Cousins, er wolle für seine Kinder und Enkel so lange wie möglich da sein. Die Journalistin fragt allerhand, für französische Verhältnisse finde ich sie fast unhöflich direkt, es geht viel um sein Alter und um den Tod, aber auch um sein (Liebes-)Verhältnis zu Edith Piaf (sie war nicht „sein Typ“), zu Johnny Halliday, warum er nicht bei dessen Begräbnis gewesen sei und ob er nicht Angst habe, dass man sich nach seinem Tod um sein Erbe streiten würde (wie bei Johnny). Sie wagt auch zu fragen, was nach seinem Tod eigentlich von ihm bliebe. „Das ist mir egal“, sagt er, wünscht sich aber dann doch, dass „Vieles“ bleiben möge, damit seine Enkel an den Autorenrechten noch etwas verdienten. Ich habe daran keine Zweifel.

Monsieur suchte mir gerade seine ersten Vinylplatten aus den sechziger Jahren von Aznavour heraus, darunter einige kleine, die sich gerade mit 45er Umdrehung auf unserem Plattenspieler drehen: La Bohème höre ich gerade …

… und Trousse Chemise

und Les Petits Matins und Monsieur singt die Texte mit und schnippt ganz sechzigerjahremäßig mit den Fingern.

Aznavour ist ja auch in Deutschland bekannt, zumindest für die großen Klassiker. Tu te laisses aller gibt es sogar in Deutsch!


Habe ich ein Lieblingslied? Ich mag sehr gerne Je me voyais déjà, das durchaus mit dem Leben Aznavours verknüpft ist, wenn man weiß, wie lange er auf den großen Erfolg gewartet hat. Man hat sich über ihn lustig gemacht, ihn als „Behinderten“ beschimpft, zu klein sei er, nicht gut aussehend und seine Stimme gefiel lange nicht. Sogar seine Nase hat er sich operieren lassen, weil sie als zu groß galt.

Emmenez-moi mag ich auch.

Oder For me, formidable.

Und She. Im Video sieht man ganz viele der alten Plattencover :-)


Und Hier encore … ach, war es nicht erst gestern, dass er zwanzig Jahre alt war?! Er war schon über 90 als er dieses Konzert in Armenien gab. Ich kann es kaum ansehen, so sehr rührt mich dieser kleine Mann mit der brüchigen Stimme.

Adieu Charles!

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Depardieu singt Barbara – das Konzert

Magnifique! MA-GNI-FIQUE! war es. Magnifique! Ich will nie wieder ein anderes Konzert hören, weder von Depardieu noch sonst eines. Wenn es einmal so perfekt war, so absolut perfekt, so gefühlvoll, so stark und wundervoll harmonisch auch mit dem Publikum, dann soll man aufhören, oder?

Dépardieu singt wirklich. Ich hatte daran keine Zweifel, ich habe den Film „Quand j’étais chanteur“ gesehen und mir danach den Soundtrack gekauft, weil ich seine Version eines Gainsbourg-Klassikers viel lieber mochte. Allerdings gibt es auf der „Dépardieu singt Barbara-CD“ das eine oder andere Chanson, das Depardieu spricht und die Liedstimme vom Piano übernommen wird. Ich finde das ganz großartig, weil man damit Barbaras Stimme „mithört“ und die dunkle warme Stimme von Dépardieu den Höhen, die mir ja auf Dauer zu anstrengend sind, das (verzeihen Sie) Nervige nimmt. Jetzt sang er aber durchgehend.

Ich hatte also keine Zweifel daran, dass Dépardieu singt, ich hatte nur Angst, dass er irgendwie schwach sein würde. Ich hatte so viel begeistertes gehört und gelesen, das baut eine wahnsinnige Erwartungshaltung auf. Außerdem sind die Franzosen ja schnell von irgendetwas super begeistert, wo ich im Stillen denke „naja, war ganz ok“. Aber nein, Dépardieu war nicht schwach, nicht betrunken, nicht schlecht gelaunt. Er war da, großartig und laut und gleichzeitig leise, zart und liebevoll. Er war präsent und perfekt, obwohl es das ich-weiß-nicht-wieviel-hundertste Konzert war seit Februar 2017, wo sie, anlässlich des 20. Todestags von Barbara, begonnen haben. Die Bühne ist schwarz, es gibt nur wenig Licht, das auf den Sänger, den Pianisten und das Piano fällt. Das Zusammenspiel mit dem Pianisten Gérard Daguerre, Barbaras Pianisten an Barbaras Piano, ist perfettissimo.

Dépardieu spricht zunächst als Barbara „Je suis une femme qui chante“ und nein, niemand lacht, es ist Barbara, die spricht und singt. Später aber erzählt er aus ihrem Leben. Une petite cantate, die wir später als dritte und letzte Zugabe, zusammen singen (alle! sangen, ich krächzte mit dem Textbuch in der Hand) hatte sie für ihre erste Pianistin geschrieben, die eines Abends nicht, wie all die Abende, in der Écluse, dem Pariser Kleinkunsttheater, wo sie anfangs auftrat, erschien. Sie war bei einem furchtbaren Autounfall ums Leben gekommen.

Wir hören Drouot und nach der Geschichte, der um ihre Jugenderinnerungen weinenden Dame im Auktionshaus, beklagt Dépardieu, dass man Barbaras Nachlass, ihre Sonnenbrillen, ihre Schals, ihre Schuhe und selbst ihren Schaukelstuhl, genauso verschleudert habe und, das Schlimmste für ihn, dass man mit dem eingenommenen Geld nicht etwa, wie Barbara es getan hätte, die Schwachen unterstützt habe, sondern nein, die Erben haben das Geld einfach eingesteckt.

Alle Chansons, auf die ich mich vorbereitet habe, sind da. Aber noch viele andere zusätzlich, die ich nicht kannte und die nur halb verstanden an mir vorbeigleiten und außer den Jadeaugen eines Mannes in Marienbad, habe ich nichts davon behalten.

Das Theater ist voll. Das Publikum von Anfang an hingerissen. Anfangs war ich genervt, weil direkt hinter uns ein Mann saß, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, der erste beim Applaudieren zu sein. Gérard Dépardieu hatte den Mund noch nicht geschlossen, Gérard Daguerre streichelte noch hingebungsvoll die Tasten auf dem Piano, da klatschte er schon. Grrr. Er wurde aber weniger schlimm, weil nach kurzer Zeit alle im Saal ständig klatschten. Es war einfach so, die Begeisterung brach sich Bahn. Bravo! wurde gerufen. Merci! und Gérard! Und Menschen summten, schluchzten und lachten und weinten. Und klatschten. Zwei Stunden sang Dépardieu und spielte Daguerre. Zwei Stunden voller Hingabe und Liebe. Es war so großartig.

Das in meinen Augen schreckliche Betontheater entpuppte sich übrigens als ausgesprochen angenehm und funktional. Es gab etwas Zirkus und Akrobatie auf dem Betonplatz vor dem Theater, um das wartende Publikum zu unterhalten. Alle Türen waren offen, keine Taschenkontrolle, eine sich in unregelmäßigen Drehungen nach oben schwingende Rampe führt die Menschen sanft nach oben und später wieder nach unten (und wenn ich gelernt habe, Fotos richtig einzufügen, bekommen Sie die auch!)  – kein Gedrängel, alles ist entspannt, die Platzanweiserinnen nehmen (anders als in Paris, wo man ihnen Trinkgeld in die Hand drückt) kein Geld. Die Sitze sind hellgrau, breit, bequem und man hat viel Beinfreiheit. Wir hatten überraschend gute Plätze, hörten und sahen gut – wie die Akustik weiter oben oder an den Seiten ist, kann ich nicht sagen. Ok, es gab wegen Bauarbeiten keine Parkplätze in der Tiefgarage, die Ausschilderung zum alternativen Platz war etwas dürftig, aber naja, nicht alles kann perfekt sein.

Dépardieu ist nicht zu eitel, um auf die Teleprompter und auf das (unsichtbare) Mikro an seinem Ohr hinzuweisen und dankt einem Techniker, der ihm so das Leben auf der Bühne erleichtere.

Göttingen sei Barbaras engagiertestes Lied, sagt Dépardieu und ich bin stolz, es jetzt mitsummen zu können, brummen trifft es eher. Und ich weise hier gern auf einen Radiobeitrag des WDR hin, der Barbara und ihre Göttinger „Episode“ sehr liebevoll erhellt. Dank an Wibke Ladwig, die mich darauf aufmerksam gemacht hat. (Ich schaffe es nicht, den Beitrag anders hier reinzustellen, aber klicken Sie ihn an und hören Sie rein, es lohnt sich!)

Dépardieu endet (vor den Zugaben) mit Ma plus belle histoire d’amour c’est vous und ja, es ist ein Text von Barbara, aber er passt inhaltlich so sehr auf Dépardieus bewegtes Leben, und als er von dem Septemberabend singt, an dem sein Publikum endlich da ist und ihn voller Liebe erwartet und er je vous remercie de vous ins Publikum ruft, da hält es niemanden mehr im Saal, die Menschen springen auf, schluchzen und rufen Merci Gérard! zurück. Es folgen lange stehende Ovationen. Es war ma-gni-fique. Merci Barbara. Merci (les deux) Gérards.

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