Weiß, Rosa, Blau: Mandelblüte und Himmel

Mandelblüte

Mandelblüte vor blauem Himmel

es blüht

Mandelblüte in Rosa

ohne Titel

alles ist vergänglich

Villa Côte d’Azur

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WMDEDGT 02/2018

Heute ist Tagebuchbloggen dran, und ich habe dran gedacht und mache mit!

Kurz nach Sechs aufgewacht, aber nicht den Dreh gekriegt, sofort aufzustehen. Da Pepita aber schon seit einer Weile maunzend ums Bett streicht („Monsieur ist nicht aufgestanden, was ist denn los? Ich will Futter! Hallo! HALLO!“) ergebe ich mich um halb Sieben und füttere die Katze, mache  für Monsieur und mich, wie eigentlich fast immer, Obstsalat, koche mir einen Milchkaffee, während die Katze nun maunzend durch die Küche läuft: „Und mein Calin? Streicheln! Jetzt!“

Es ist noch dunkel. Es regnet. Das höre ich am Geräusch der Autos auf der Straße, es klingt wuschiger. Ich setze mich zum Frühstücken an den Esstisch, Pepita hüpft auf meine Knie und schnurrt. Ich schreibe Morgenzeilen.

Monsieur erscheint gegen Acht. Wir plaudern ein bisschen über unser Befinden (Halsweh und leichter Schnupfen ich, gereizte Stimmbänder er) und den Banktermin den wir heute vormittag haben. Wir gehen nacheinander ins Bad, ich werfe eine Maschine Wäsche (blau) in die Waschmaschine und dann gehen wir auch schon los. Fahren, weil es zu sehr regnet. Das Auto stellen wir in eins der unsäglich eng konzipierten alten Parkhäuser – wir haben nur ein sehr kleines Auto, trotzdem muss Monsieur auf meiner Seite aussteigen, weil links die Tür nicht mehr aufgeht.

9.30 Uhr Banktermin. Zwei, drei letzte Fragen, dann signiere ich eine Menge Papier. Uff! Ich würde danach gerne mit und für Monsieur in den letzten Tagen des Ausverkaufs einen neuen Pullover und eine neue Hose erstehen, aber er hat, wie eigentlich immer, keine Lust. Dann nicht. Wir gehen zurück zum Parkhaus, auf dem Weg entdecke ich ein fettes Gebinde samtschwarze Anemonen (50 Anemonen für 12 Euro) bei einem Blumenhändler, denen ich nicht widerstehen kann. Es ist in allen Schulen in Cannes Praktikumswoche, zwei sehr, sehr junge Mädchen kümmern sich rührend um meine Anemonen („wir machen Ihnen einen schönen Strauß!“), aber es dauert ewig. Erhitzt reichen sie mir nach einer (nicht nur gefühlten) halben Stunde den Strauß, der eigentlich fast unverändert aussieht (50 Anemonen und vier Stängel Eukalyptus), sie haben nur das Zellophanpapier gegen ein anderes ausgetauscht und noch ein Kärtchen des Blumenladens drangetackert. Super.

Wir fahren mit dem Auto in ein anderes Parkhaus und machen gemeinsam eine Flohmarktrunde (Montags ist Antikmarkt in der Markthalle, Monsieur geht dort immer hin, ich nur hin- und wieder.). Es ist ziemlich leer (wenige Aussteller, noch weniger Besucher), weil wirklich sehr nass und sehr kalt. Monsieur findet wie immer alte Bücher und ich finde eine alte Postkarte von Cannes, die ich haben muss, obwohl sie teuer ist.

Cannes. Mit Schafen.

Dann treffen wir einen Freund von Monsieur und dann noch einen. Die Herren plaudern. Ich kaufe derweil ein paar Dinge im Bioladen (AgarAgar, Reiswaffeln, kandierter Ingwer, ein Tütchen Chai-Tee-Pulver, Gnocchi und Brot).

Halb zwölf sind wir zuhause. Ich nehme die fertig gewaschene Wäsche und trage sie in den Trockner einen Stock tiefer. Dort war noch Wäsche im Trockner, die nehme ich mit nach oben. Dann stelle ich die Blumen in die Vase, von denen etwa ein Drittel verfaulte Stiele hat (jetzt weiß ich auch, warum sie so günstig waren und verstehe die Langsamkeit der Schülerpraktikantinnen, die vermutlich versuchten,  die Misere zu vertuschen) und ich deshalb zwei Sträuße mache, einen langen und einen sehr kurzen.

Anemonen

Dann bereite ich Essen vor, später essen wir (Lauch und Blumenkohl, lauwarm, mit Vinaigrette, Hacksteak und Gnocchi, Dessert, Kaffee für Monsieur. Die Katze kriegt natürlich auch Futter. Ich stecke nach dem Essen nochmal Wäsche in die Waschmaschine. Die Maschine wäscht.

Monsieur macht Sieste, ich mache mir eine Nasenspülung mit Salzwasser und lege mich dann auch kurz hin. Um 13.40 klingelt das Telefon und weckt uns. Es war ein Werbeanruf. Monsieur geht um Viertel nach Zwei zum Bridge-Nachmittag. Ich will mir einen Chai machen und finde das Tütchen nicht, das ich morgens extra gekauft habe. Ich suche überall. Nachdem ich einmal, Tage später, verschollene Bananen in der Waschmaschine gefunden habe, traue ich mir jetzt allerhand zu mit verlorenen Dingen. Ich suche wirklich überall. Im Kühlschrank, im Bad, wo immer ich war. In der Waschmaschine wäscht noch Wäsche, da kann ich gerade nicht nachsehen. Aber ich finde es nicht, vermutlich habe ich vergessen, es einzupacken, und mache mir resigniert Ingwertee.

Ich schreibe zwei Mails, fotografiere die Anemonen und poste sie schonmal auf Instagram. Ich habe sehr kalte Füße und mache mir eine Wärmflasche, auf die ich die Füße stelle. Zu schlecht heizbaren Wohnungen in Südfrankreich im Winter habe ich mich vermutlich schon oft geäußert. Neulich las ich dasselbe über Tokyo bei Claudia. Es tröstet mich etwas. In Japan sitzt man zu allem kaltem Elend überwiegend auf dem Boden (das möchte ich mir hier nichtmal vorstellen), weshalb es beheizbare Tische gibt. Das wäre mal was.

Ich schreibe. Mache mir erneut Ingwertee, gehe gefühlt hundertmal aufs Klo und ziehe mir irgendwann, gegen die Fußbodenkälte, Stiefel an.

Das Telefon klingelt mehrfach. Es ist immer für Monsieur. Ich nehme Termine entgegen und einmal lasse ich auch den Anrufbeantworter laufen.

Die Katze maunzt. Sie will ihre Zwischendurchportion Futter. Klar, es ist 17 Uhr. Danach kann man die Uhr stellen.

17.11 Uhr ich höre via Internet bei hr2 Kulturcafé eine Sendung über Joan Baez. Jens Rosteck, den ich aus Nizza kenne, hat eine Biographie über die Sängerin geschrieben und spricht über sie. Schade, nur ein einziger Titel wird gespielt.

Ich schreibe weiter, halb konzentriert, bis Monsieur nach Hause kommt. 19.30 Uhr. Er hat schon gegessen. Es gibt nach dem Bridge immer einen üppigen Apéro.

Ich mache für mich chinesische Hühnersuppe (homemade) gegen kalte Füße und beginnende Erkältung. Wir essen, Monsieur isst dann doch noch einen Teller Suppe mit. Die Katze maunzt und klagt ihr Futter ein.

Jetzt koche ich die gestern angesetzte zukünftige Orangenmarmelade das erste Mal auf. Es riecht gerade köstlich nach Orangen.

Monsieur sieht mit der Katze auf den Knien fern, hat aber schon angekündigt, sich zum Lesen zurückziehen zu wollen. Gut so, denn in zehn Minuten jetzt möchte ich meine Lieblingskitschsendung L’amour est dans le pré anschauen. Heute gibts die zweite Staffel „Was ist aus ihnen geworden?!“ Dazu wird gebügelt.

Das wars von hier. Danke fürs Lesen. Und hier gibts die anderen Tagebuchblogger. 

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Michael Kohlhaas oder Über Gerechtigkeit

Wir hinken in der Kinostadt ja manchmal hinterher, was Filme angeht. Unglaublich eigentlich, aber so ist es. So haben wir die französische Verfilmung der Kleist-Novelle Michael Kohlhaas, immerhin aus dem Jahre 2013, gerade erst gestern gesehen. Dabei war der Film seinerzeit sogar ein Anwärter für die Goldene Palme. Die hat aber La Vie d’Adèle bekommen (das habe ich gerade nachgelesen). Das Gerechtigkeitsdrama Michael Kohlhaas ging damals komplett unbemerkt an mir vorbei. Es war wohl noch nicht mein Interessenschwerpunkt, sagen wir mal so.

Das Leben wollte, dass es mich Jahre später nun doch interessiert. Seit Monaten rumort es nämlich in meinem Hirn: „du musst Michael Kohlhaas lesen!“, denkt es wieder und wieder. Ich kaufte immerhin bei einem bouquinisten eine Novellensammlung Kleists (in Deutsch) aus dem 19. Jahrhundert und stieß bei weiteren Recherchen auch auf den schon erwähnten Film. Oh! Und es gibt ihn auch in französischer Sprache! Wie klasse, dachte ich, wir schauen den Film, dann muss ich Kleist für Monsieur nicht mal mühsam übersetzen. Gestern haben wir ihn in der Médiatheque ausgeliehen und angesehen.

Nun, ich fasse Ihnen Michael Kohlhaas für alle Fälle mal zusammen. Falls Sie noch wissen, um was es geht, können Sie den nächsten Abatzt komplett überspringen. Falls Sie auch den Film schon kennen, können Sie sogar zwei Absätze überspringen und setzen nach dem zweiten Trailer wieder ein. So sparen Sie wertvolle Sekunden, ist ja wichtig in Zeiten, in denen Texte mit ungefährer Lesezeit angegeben werden. Wir haben ja alle keine Zeit mehr. Ich fürchte übrigens, dass dieser Text heute sehr lang wird. Außerdem wird es kein heiterer Südfrankreich-ist-sooo-toll-Artikel. Es wird genauso düster wie der Film. Sie können sich das Weiterlesen noch überlegen und wegklicken. Zeit gespart. Keine Sorge. Alles gut. Ich bin niemandem böse. Vielleicht schauen Sie einfach in ein paar Tagen wieder rein.

Hier jetzt also erstmal die Zusammenfassung:

Dem frommen Pferdehändler Kohlhaas wird Unrecht getan: auf dem Weg zum Markt, auf dem er seine Pferde verkaufen will, wird ihm Wegezoll abverlangt, da er (noch) kein Geld hat, lässt er zwei seiner Pferde als Pfand da und einen Knecht, der sich um die Pferde kümmern soll. Als er wiederkommt, sind seine Pferde in einem elenden Zustand, da man sie als Arbeitspferde eingesetzt hat. Auf den Knecht hat man zuerst die Hunde gehetzt und ihn dann fortgejagt. Außerdem hat Kohlhaas erfahren, dass der Wegezoll zu Unrecht verlangt wurde. Er findet, dass das alles so nicht geht, erkennt die geschundenen Pferde nicht als seine an und erhebt Klage. Sie wird (mehrfach) abgelehnt, der Beklagte hat zu gute Beziehungen zum Gerichtshof. Kohlhaas‘ Frau begibt sich als Vermittlerin auf den Weg zum Hof einer Prinzessin, um dieser einen Bittbrief an den König zu übergeben. Sie kommt unverrichteter Dinge, dafür tödlich verletzt wieder, und sie stirbt kurz darauf. Jetzt sieht Kohlhaas keinen anderen Weg, als sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen. Mit einer Gruppe kampfbereiter Männer macht er sich auf und richtet im Haus des Täters ein Blutbad an, der Täter entkommt jedoch und versteckt sich in einem Kloster. Kohlhaas belagert das Kloster, der Mann entkommt auch von dort, und Kohlhaas zieht fortan mit seinen Helfern mordend und brandschatzend durch das Land, bis dass man ihm Gerechtigkeit widerfahren lässt. Am Ende bekommt er tatsächlich einen gerechten Prozess, erhält seine Pferde in einem guten Zustand zurück, bekommt zusätzlich finanzielle Entschädigung, wird danach aber wegen Landfriedensbruch und all der Gewalttätigkeiten verurteilt und hingerichtet. Er nimmt die (Todes-)Strafe aber geradezu gelassen an, er hat Gerechtigkeit erlangt. Schluss. So in etwa zumindest.

Falls Sie noch mehr Hintergrundwissen möchten, können Sie auch googlen (oder schreibt man googeln?), hier als Beispiel der Wikipedia-Text.

Warum also quäle ich Sie heute mit diesem Film, der kinotechnisch schon Schnee von gestern ist? Mit all der Düsternis? Der Film wurde anscheinend ganz authentisch ohne künstliches Licht gedreht, die Hälfte der Szenen liegt so im Dunkeln und auch viele Grausamkeiten sind nur zu erahnen. Einen guten Teil des wenigen Textes, den der durchaus hinreißend aussehende Mads Mikkelsen mit seinem niedlichen Dänisch-Französisch zu sagen hatte, habe ich auch nicht verstanden. Und jedes Mal, wenn ich Monsieur anstieß und fragte, was hat er gesagt?, schüttelte der nur den Kopf: chais pas. Hat er auch nicht verstanden. Dafür pfiff der Wind umso lauter übers karge Land, die Fliegen sirrten, und es ist immer nur Winter oder Herbst in den Cevennen. Warum also? Weil es bei der Geschichte, die uns gerade passiert, seit mehr als zwei Jahren um genau zu sein, ebenso um Gerechtigkeit geht. Und Monsieur ist im Begriff, sich in einen Mads-Mikkelsen-Michael-Kohlhaas zu verwandeln.

Sie erinnern sich vielleicht, im Herbst 2015 verwüstete das Hochwasser ganze Stadtteile von Cannes. Wir haben dabei große Teile von Monsieurs Kriminalromansammlung verloren. ich schrieb darüber hier oder hier. Die Dame, von der in einem der Texte die Rede ist, die im Hochwasser all ihr Hab und Gut verloren hatte, wollte gerne entschädigt werden. Das ist durchaus verständlich, aber sie war nicht versichert. Daher wandte sie sich an uns und drohte gleichmal, uns verklagen zu wollen, falls wir ihr nicht umgehend eine Summe X zukommen lassen würden, über deren genaue Höhe sie sich allerdings ausschwieg. „Angemessen“ müsse sie sein. Wir fanden ihre Situation zwar beklagenswert, so wie die Situation aller Menschen, die vom Hochwasser betroffen waren, nicht jedoch, dass wir sie mit der Summe X entschädigen müssten, denn immerhin handelte es sich bei dem Hochwasser um eine Naturkatastrophe, an der wir schuldlos waren, und wir haben ebenso Dinge verloren. Tatsächlich hatten wir erwogen, sie vorübergehend in meinem Büro zu beherbergen, hätten ihr weiterhin gerne mit einer neuen Matratze ausgeholfen, mit Möbeln, mit Bettwäsche oder Elektrogeräten. Und wir hätten die Wohnung, sobald sie wieder trocken wäre, auch renoviert. Genauso wie wir auch unsere Bibliotheks-Keller wieder hergerichtet haben. Ihre Aggressivität und ihre immer wüsteren Drohungen uns anklagen zu wollen, ließen uns davon absehen, sie bei uns aufzunehmen. Unsere Matratze wollte sie auch nicht, sie wollte die Summe X und forderte nun zusätzlich, dass wir sie in einer anderen Wohnung unterbringen müssten, und wenn wir keine hätten, dann müssten wir ihr eben eine anmieten und die Miete dafür zahlen. J’y connais mes droits!, schimpfte sie. J’y connais mes droits! Und die momentan unbewohnbare Wohnung müsste außerdem vollkommen neu konzipiert werden. So wie bisher könne sie da zukünftig nicht mehr leben! Das sei eine Zumutung. Mich erschütterte das alles sehr, denn in dieser kleinen Wohnung habe ich von April bis September 2010 gelebt und sie noch bis 2012 als Büro genutzt. Hier begann mein Cannoiser Leben, ein neues Leben nach dem Tode Patricks. Hier habe ich in dem verwunschenen Garten gesessen und gelesen, gepicknickt und in die Sonne geblinzelt. Einen kleinen Teil davon habe ich umgegraben und bearbeitet und einen Gemüse- und Blumengarten angelegt. Über meine fragwürdigen Ernteerfolge, den Kampf gegen die Nacktschnecken und gegen Blumen klauende Nachbarn habe ich launige Kolumnen geschrieben (unter Pseudonym, über das wir jetzt vielleicht sprechen dürfen; die Texte sind übrigens so zerknittert, weil sie auch mit dem Hochwasser in Kontakt gekommen sind; immerhin konnte ich sie retten und habe sie einzeln getrocknet und von Hand gebügelt).

Zurück zur Wohnung. Hier gab mir Monsieur irgendwann einen ersten Kuss. Ich war hier sehr glücklich und habe die Wohnung als Büro nur aufgegeben, weil das Finanzamt eine unverschämt hohe taxe professionnelle, eine Art Gewerbesteuer, dafür einforderte, die in keinem Verhältnis zu meinen geringen Einkünften stand. Ich verstand nicht, was an dieser Wohnung so unzumutbar sein sollte. Und so weit ich es mitverfolgt habe, hatte Madame B. auch drei Jahre lang dort normal gelebt, die Miete bezahlt und immer wieder davon gesprochen, auch einen Gemüsegarten anlegen zu wollen, aber gemacht hat sie es dann doch nie.

Ihre Vorstellungen, was wir ihr jetzt und zukünftig schuldeten, gingen ins Absurde. Der Ton war feindselig. Wir lehnten ab und schlugen ihr vor, sich besser nach einer anderen Wohnung umzusehen, schon weil die bisherige von nun an als überschwemmbar eingeschätzt wird und daher nicht mehr vermietet werden kann. Immerhin warf sie uns ja auch vor, ihr Leben in Gefahr gebracht zu haben. Nun, Sie denken es sich: Sie verklagte uns. Die Anklage war grotesk. Sie machte sich den Umstand des feuchten, schlammigen Zustands der überschwemmten Wohnung zunutze, um zu behaupten, die Wohnung sei schon vorher in diesem Zustand gewesen: feucht, mit einer Sickergrube, aus der widerwärtige Gerüche drangen. Das alles war so überzogen, dass wir lachten. Das würde jeder einsehen, dass es nicht stimmte. Sickergrube! In einer Stadtwohnung! Aber sie fand Menschen, die eidestattlich logen, dass es sich so verhielt. Und einen Anwalt, der eine Anklageschrift verfasste, die uns darstellte wie Halsabschneider, die eine arme unschuldige Frau in einem dunklen vergitterten Kellerloch eingesperrt hielten, in dem Schimmel an den Wänden wuchs und es widerwärtig stank. Er verlangte für seine Mandantin binnen 48 Stunden eine angemessene Wohnung oder ein Hotelzimmer, für das wir aufzukommen hätten, forderte für sie die Gesamtsumme der seit über drei Jahren gezahlten Miete zurück und klagte uns weiterhin an, Wohnungen in unzumutbarem Zustand zu vermieten, die für die Mieterin eine Gefahr an Leib und Leben darstellte. Die Prozesskosten gingen ebenso zu unseren Lasten. Undsoweiter. Wir lasen diese Anklageschrift mit zitternden Händen. Es war absurd. Aber klar war auch, dass wir einen Anwalt bräuchten.

Wir wandten uns vertrauensvoll an Maître C., der, so schien mir, uns nicht wirklich glaubte und vor seinem geistigen Auge eine Wohnung in mittelalterlichem Zustand sah und sagte „Sickergrube, hmhm“ und „so etwas ist heute nicht mehr zulässig“ und „einigen Sie sich besser gütlich“. „Aber hallo“, sagte ich, „ich habe in dieser Wohnung gelebt, das ist eine kleine Wohnung unter Straßenniveau, davon gibt es viele in Cannes, aber sie ist vollkommen korrekt und es gibt dort keine Sickergrube, das kann ich beschwören.“  „Ja“, lächelt der Anwalt milde, „Sie als Ehefrau können sagen, was Sie wollen, es hat vor Gericht keinen Bestand, und solche Wohnungen sollte man heute wirklich nicht mehr vermieten.“ „Nun“, wende ich ein, „alle Großstädte der Welt sind voll mit Wohnungen, die unter Straßenniveau liegen, ich kenne das aus London, Amsterdam, New York. Sie sind vielleicht weniger schick, aber billig und es hat einen Sinn, dass man diese Wohnungen vermietet, denn es gibt Leute, die können sich die teurere Wohnung im ersten Stock nicht leisten. (Madame B. hat die Wohnung immerhin aus freien Stücken angemietet.) Die Wohnung ist völlig korrekt, sie hat nach hinten hinaus zwei Fenster auf normaler Höhe (das Haus liegt, wie so viele in Cannes, am Hang) und die „Sickergrube“ ist eine Brauchwasserpumpe, die das Wasser auf Straßenniveau pumpt und an die Kanalisation angeschlossen ist.“ „Jaja“, sagt Maître C. genervt, „ich rate Ihnen dennoch zu einer gütlichen Einigung“ und er nennt eine Summe Y. Davon sind wir weit entfernt. Wo kommen wir denn da hin? Wenn wir der Dame eine Summe X oder Y zahlen, nur weil sie lügt und uns erpresst, was fordert sie denn dann zukünftig? Da er uns aber nur „so“ verteidigen würde, gehen wir zur ersten Verhandlung ohne Anwalt und verteidigen uns selbst. Es wird eine Gerichtsexpertise angeordnet, um den Zustand der Wohnung zu überprüfen. Unsere Mieterin „wohnt“ offiziell noch immer in dieser Wohnung, das heißt sie hatte die Schlüssel dazu, und wir haben gegen ihren Willen keinen Zugang (in Wirklichkeit logiert sie bei Bekannten, und zahlt, das ist allerdings selbstverständlich, nun keine Miete mehr), sie hält (entgegen unsere Bitte aber) alle Fenster und Türen geschlossen und sorgt so dafür, dass ein nettes Feuchtbiotop entsteht, indem sie vermutlich Pilze züchtet. Das Gericht wollte uns keinen Zugang zu der Wohnung gewähren, damit wir mit den Reparatur- und Aufräumarbeiten beginnen könnten. (Falls Sie sich den Zugang gegen ihren Willen verschaffen, kann man Sie wiederum wegen Hausfriedensbruch verklagen, was die Lage nur verschlimmert, also taten wir das nicht und sahen dem Expertentermin entgegen.)

Monate später. Expertentermin. Alle finden sich ein. Madame B., ihr Anwalt G., der Experte G. aus Toulon und Monsieur. Die Wohnung ist nun schwarz verschimmelt, riecht modrig und als man die berühmte „Sickergrube“ öffnet, stinkt es dort tatsächlich bestialisch. Anwalt G., der Experte G. aus Toulon und die Dame B. schauen dramatisch besorgt. Unausgesprochen sagen sie: das wird böse für euch enden.

Die Zeit vergeht. Madame B. wird in der Zwischenzeit von der Stadt Cannes eine andere Wohnung zugewiesen und sie gibt uns die Schlüssel zurück. Wir erhalten Kenntnis davon, dass das Hygieneamt der Stadt, auf Bitte von Madame B., die Wohnung ebenfalls inspiziert hatte, schon gleich nach der Hochwasserkatastrophe. Die Expertise der Stadt besagt, dass die Wohnung sich in einem korrekten Zustand befindet (Fenster, Deckenhöhe, Quadratmeterzahl, Heizung, sanitäre Einrichtungen), dass sie aufgrund des Hochwassers beschädigt wurde und erkennt eine Brauchwasserpumpe, die an die Kanalisation angeschlossen ist. Die „pestilenziellen“ Gerüche, die die Mieterin beklagt, waren an dem Tag nicht vorhanden.

Monate später erhalten wir den „Entwurf“ des Expertenberichts. Darin massakriert er uns. 50 Seiten voller Lügen. Es steht „Sickergrube“ quasi auf jeder Seite. Was eine „Sickergrube“ ist, wird seitenlang erörtert und dass sie, natürlich, nicht zulässig ist. Dazu eine ganze Serie schrecklicher Bilder, unter anderem von Sickergruben, die mit der Wohnung nichts zu tun haben. Er kommt zum Schluss, dass wir, wie vom Anwalt gefordert, zur kompletten Mietrückzahlung verurteilt werden sollten, einschließlich der Prozesskosten, die Kosten seiner Expertise etc.  Wir haben noch ein paar Tage Zeit, um Einspruch zu erheben, bevor er diesen Bericht „endgültig“ abschicken wird.

Maître C. blättert mit besorgter Miene den Bericht durch und sagt wieder „einigen Sie sich gütlich“ und schlägt erneut die Summe Y vor, damit wir nicht zu der Summe XYZ verurteilt würden. Das lehnen wir ab. Maître C. lehnt daraufhin ab, uns zu verteidigen. Wir beauftragen in Windeseile einen anderen Experten S., der uns von Maître C. immerhin noch genannt wird, und der, so hat es den Anschein, auf unserer Seite ist. Er liefert einen Bericht ab, der den des Gerichtsexperten in sämtlichen Punkten widerlegt (glauben wir, aber, um es gleich vorweg zu nehmen, ein Experte hackt dem anderen kein Auge aus und letztlich erweist sich sein Bericht für uns als unbrauchbar). Wir geben diesen Bericht, sowie den Bericht der Stadt in die Unterlagen aller Beteiligten (Experte, Richter, Gegenanwalt) und suchen Händeringend einen anderen Anwalt. Es ist nicht leicht. Maître B. ist, oh Wunder!, disponibel und möchte uns auch verteidigen. Bislang geht es noch darum, den Expertenbericht des Experten G. aus Toulon zu widerlegen. Wir finden Maître B.’s Brief, in dem er den Experten „zur Vernunft“ bringen möchte, ruhig, sachlich und vernünftig. Nützt aber nichts. Der Experte liefert den Bericht sogar noch dramatischer ab. Es gäbe keine Abflüsse behauptet er, weder im Bad noch in der Küche. Und er hat Fotos von eigenartigen Abwassersystemen eingebaut, die nicht aus der Wohnung stammen, von denen er aber eidestattlich und mit Brief und Sigel behauptet, sie stammten aus besagter Wohnung.

Wir lassen den Zustand der Wohnung nun von einem Gerichtsvollzieher dokumentieren, der Fotos der Brauchwasserpumpe und von den sehr wohl vorhandenen Abflüssen usw. macht, und der uns zertifiziert, dass einige in der Gerichtsexpertise vorkommende Fotos nicht aus der Wohnung stammen.

Vorsichtshalber haben wir auch den Staatsanwalt in Grasse angeschrieben, der uns rät bei der Hauptverhandlung eine gerichtlich angeordnete Gegenexpertise zu fordern.

Monate später, die Justiz arbeitet langsam, werden wir zur Hauptverhandlung vorgeladen. Hier wird plädiert und am Ende steht ein Urteil. In der Zwischenzeit gibt es am Gericht von Cannes sogar eine neue Richterin. Das lässt hoffen. Maître B.’s abschließende Verteidigungsschrift ist weiterhin sachlich und vernünftig, scheint uns aber etwas schwach angesichts der dreisten Lügen, die uns gegenüberstehen, und wir bitten darum, dass er die Expertise und alle Forderungen entschiedener zurückweist, mit Hinblick auf den Bericht des Gerichtsvollziehers. Maître B. möchte das anscheinend nicht, denn er ist von nun an nicht mehr erreichbar. Der Gerichtstermin naht, Maître B. ist noch immer „nicht erreichbar“ für uns, wir entziehen ihm kurzerhand den Fall und verfassen fieberhaft in den folgenden Tagen und Nächten unsere Verteidigungsschrift selbst. Es ist der Tag X. Zum Plädieren und Verteidigen  kommen wir gar nicht. Die Richterin, deren Unterlagenmappe leer ist, sieht den Stapel Papier, den wir ihr überreichen, kritisch an. Das kann sie jetzt nicht durcharbeiten. Sie will auch Monsieur nicht anhören. Sie schickt uns wie unfolgsame Kinder auf unseren Platz und nach einer kurzen Aussprache mit dem Gegenanwalt G. nimmt sie alles an sich und ordnet eine Entscheidung für Mitte Dezember an. Die Sitzung ist geschlossen.

Zwei Tage vor Weihnachten erhalten wir das Urteil. Wir haben verloren. Wir werden zum Zahlen der Summe XZ verurteilt, weil wir eine Wohnung in unzumutbarem Zustand mit unzulässiger Sickergrube etc. an Madame B. vermietet haben. Die Summe ist weniger hoch, als vom Experten gefordert, aber ungefähr doppelt so hoch wie das, was man uns die ganze Zeit als „gütliche Einigung“ geraten hat und entspricht in etwa einer Mietrückzahlung von zwei Jahren.

Sind Sie noch da? Die Geschichte ist lang und kompliziert, ich weiß. Alle Menschen aus unserem Umfeld können sie auch schon nicht mehr hören. Hättet Ihr Euch mal gütlich geeinigt sagen die einen. Hättet ihr mal gleich mit einem Anwalt gearbeitet, sagen die anderen oder auch: Hättet ihr mal eine guten Anwalt genommen. Haha. Genauso wie man Michael Kohlhaas geraten hatte, es gut sein zu lassen. Nimm deine halbverreckten Pferde zurück und lass es gut sein. Dass man die Hunde auf deinen Knecht gehetzt hat. Lass gut sein. Wegezoll zu Unrecht verlangt. Lass gut sein. Deine Frau getötet. Jetzt lass erst recht gut sein, wer weiß, was sonst passiert!

Die Geschichte ist eigentlich noch viel komplizierter, ich könnte auch noch weiter ins Detail gehen, aber lassen wir es dabei und sagen nur, dass diese Anklage von Madame B. nur ein weiterer Stein ist, den man uns seit Jahren in den Weg legt. Es geht wohl darum, uns mürbe zu machen, damit wir dieses Haus loswerden, sprich verkaufen wollen. Die Vorfälle in diesem alten Mietshaus, das Monsieur mit seinem Bruder geerbt hat, häufen sich, seitdem der Bruder zwei der Wohnungen an die ebenso an Geld- wie Einfluss-reiche Madame C. verkauft hat, die sich das Haus nun gerne komplett aneignen würde, einschließlich des für Innenstadtverhältnisse überraschend großen Gartengrundstücks, um das Haus abreißen zu lassen, und auf dem Grund etwas Rentableres zu bauen. Das können wir natürlich alles nicht beweisen. Aber das ärmliche Stadtviertel steht, so haben wir gehört, kurz vor seiner Gentrifizierung, und man könnte einen schönen Immobiliendeal damit machen. Wenn Monsieur nur nicht so stur wäre und an diesem Haus mit all seiner Liebe hinge (es wurde von den Urgroßeltern erbaut) und er es einfach gerne selbst behalten möchte, um es wiederum seinen Kindern und Enkelkindern zu vererben.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Ja? Nein? Christine Cazon hat in ihrem zweiten Krimi „Intrigen an der Côte d’Azur“ so ein ähnliches Szenario entwickelt. Es geht da um ein Hotel. Aha, sagen Sie jetzt vielleicht verdutzt und stellen mir die Frage, die mir auf der Buchmesse gestellt wurde: Wo bleibt denn da die Fiktion? Wer braucht denn Fiktion, wenn die Realität die Fiktion übersteigt, frage ich zurück. Und keine Sorge, das Hotel immerhin hatte ich frei erfunden.

Die Menschen in unserem Umfeld, die das alles nicht mehr hören können und nur in Frieden ihr kleines Leben leben wollen, sagen nun erneut zu Monsieur, lass gut sein, wenn es tatsächlich so ist, hast du es mit einer so mächtigen Person zu tun, dass du eh nichts ausrichten kannst. Und: verkauf ihr doch das alte Haus, was musst du dir in deinem Alter denn noch so einen Ärger zumuten? Du ruinierst deine Gesundheit, du ruinierst dich finanziell. Wozu? Lass gut sein.

Was würde Michael Kohlhaas tun? Sehen Sie!

Also überlegen wir, in Berufung zu gehen. Ein neuerlicher Prozess vor dem höheren Gericht in Aix en Provence würde Jahre dauern, uns weiterhin Sorgen machen und schlaflose Nächte bereiten und zudem Summen XZ oder sogar XYZ verschlingen, und es wäre nicht sicher, dass wir gewännen, sagt uns ein Anwalt in Nizza, dort wo mich neulich das Navigationssystem nicht hinführen wollte. Und er rät ab. Es war ein beinahe tröstlicher Termin. Er plauderte aus dem Nähkästchen, Richter seien auch nur Menschen, und man müsse Glück haben bei Justizangelegenheiten, sagt er. In acht von zehn Fällen habe man leider kein Glück. Er verbleibt mit dem Hinweis auf das Gottesgericht am Ende jeden Lebens. Das letzte Hemd hat keine Taschen, sagt man. Man stirbt allein, heißt es bei Michael Kohlhaas. Und vor Gott werden sich alle verantworten müssen. So lange müssen wir wohl warten. Auf Erden gibt es derzeit keine Gerechtigkeit. Zumindest nicht in Cannes.

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Nun wir sind verurteilt worden, zu Unrecht. Wir gehen nicht in Berufung, wir werden die Summe, zu der man uns verurteilt hat, zahlen, aber wir gehen auch an die Öffentlichkeit. Nice Matin hat uns angehört, einen Journalisten und einen Fotografen geschickt, die sich die Wohnung angesehen haben. Und es gab einen Artikel. Immerhin etwas.

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Im Land, wo die Mimosen blühn …

Mimose im Vorgarten

Auf FB wurde ich gefragt, ob ich Reisetipps hätte, um die Mimosenblüte zu entdecken. Habe ich natürlich nicht. So ist das, wenn man schon ganzjährig im Land, wo die Mimosen blühn, lebt. Man reist nirgendwo hin. Man fotografiert ein bisschen die Mimose im Vorgarten und läuft alljährlich durch denselben Naturpark (guckstu auch –> hier) und macht in der Regel diesselben Fotos, und jedes Jahr finde ich, dass ich entweder zu früh bin oder zu spät, ich schreibe in etwa diesselben Texte und dabei bleibt es. Einmal waren wir im Tanneron, in den Hügeln im Hinterland von Cannes, wo es auch die letzten mimosistes gibt, die Mimosen als Schnittblume züchten und verkaufen. Einer davon ist auch Apiculteur, Imker, der Mimosenhonig produziert. Irgendwo habe ich auch eine historische Postkarte, die die forcerien zeigt, die Hallen, in denen die Mimosen „vorgeblüht“ wurden, aber natürlich weiß ich nicht, wo ich sie hingepackt habe. Mehr habe ich zur Mimose eigentlich nicht zu bieten.

Blick aufs Meer mit Mimose

Denn nein, ich war tatsächlich noch nie bei dem Mimosenfest im Nachbarort, Mandelieu – La Napoule, der selbsternannten Mimosenhauptstadt (es gibt dort tatsächlich eine Kirche mit dem Namen Notre Dame des Mimosas, diese habe ich anlässlich einer Beerdigung einmal von innen gesehen, es war aber außerhalb der Mimosenblüte, und nichts erinnerte dort an die Mimosen) die gemeinhin als Endpunkt der Route des Mimosas gilt.

Mimose eher unscharf

Der Anfang dieser etwa 130 Kilometer lange Strecke, für die es sogar eine eigene Internetseite mit allen Infos zur Mimose gibt, liegt in Bormes les Mimosas. Die Internetseite über die Route des Mimosas bietet einen Gesamtüberblick über sämtliche Mimosen-Festivitäten in den einzelnen Orten, Tipps für Unterkunftsmöglichkeiten und dieses Video:

Nun, schrauben Sie die Erwartungen nicht so hoch, würde ich als einzigen Insidertipp dazu loswerden wollen. Ja, die Mimose blüht gelb und riecht stark (man muss es mögen, mir macht ihr Geruch zunehmend Atemprobleme), aber die 130 Kilometer könnten Sie locker und gemütlich auch an einem Vormittag abfahren, nicht wahr, und überhaupt ist alles sehr unaufgeregt. Die Festivitäten sind alle bonne enfant, man könnte es mit „brav“ übersetzen. Familienfreundlich. Die Orte sind klein, nett und sauber, aber auch in Südfrankreich ist jetzt Winter. Viele Geschäfte, auch viele Hotels und Restaurants sind im Winter geschlossen, und die die geöffnet haben, sind schlecht beheizt. Manchmal sind sie dort vielleicht der einzige Gast. Alles wirkt etwas verschlafen, insbesondere in den kleineren Orten fühlt man sich da leicht verloren. Was kann man denn hier tun? Nicht viel.

Mimose ganz nah

Man kann diese Reise durchaus auch als Frau alleine machen (das wurde ich gefragt) und man findet zu dieser Jahreszeit auch ohne Probleme Unterkünfte (selbst, wenn man nicht vorher gebucht hat). Mandelieu bietet unter anderem geführte Wanderungen (nach Voranmeldung) an. Ich habe aber auch diesen Anbieter gefunden, der eine viertägige Reise organisiert (keine Werbung, keine Gewähr). Hilke Maunder hat ein paar luxuriösere Unterkünfte entlang der Mimosenstraße getestet. Und Ute Gerhards erzählt auch noch ein bisschen über Grasse (bei Fragonard gibt es übrigens einen Mimosenduft!) und hat einen der (oben erwähnten) Mimosenzüchter im Tanneron besucht.

Mimosenpflücker

Ich kann Ihnen noch ein paar Reiseberichte verlinken, wo Mimosenreisen beschrieben werden. Ein Hauch von Frühling heißt dieser stimmungsvolle und informative Artikel, oder der hier mit vielen Fotos von Cannes im Regen: Wo die Mimosen blühn. Oder diesen besonders schönen Reisebericht zur Riviera im Winter (Achtung! Der Bericht ist schon etwas älter und es geht darin um Italien, aber es passt stimmungsmäßig auch gut nach Südfrankreich).

Blick aufs Esterelgebirge

Ich persönlich finde ja Südfrankreich im Winter am schönsten, gerade weil alles so ruhig und verschlafen ist. Ich mag diese Stimmung. Ich mag auch, dass es hin und wieder regnet, stürmt und auch, dass beides gleichzeitig vorkommen kann. Nie wirklich lange. Aber es kommt vor. Bedenken Sie das. Ich liebe das Licht im Winter. Es gibt diesige Tage mit zartem Licht, das den fahlblauen Himmel mit dem graublauen Meer zusammenfließen lässt und abends alles in ein sanftes Rosa taucht, und es gibt stürmische Tage mit knallblauem Himmel und dramatisch feurigen Sonnenuntergängen.

Auch wenn man um die Mimose neuerdings viel Aufhebens macht, es bleibt doch alles sehr winterlich und ruhig. Wenn Sie sich darauf einlassen und auch mit eventuell schlechtem Wetter umgehen können, dann, ja, dann kommen Sie im Winter. Am Strand darf jetzt auch ihr Hund frei herumtollen und die Möwen ankläffen. Und die Mimosen blühen.

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Lost in navigation

„Nach zweihundert Metern in die Err Uh Eh de Belgik abbiegen.“ Was? „Jetzt in die Err Uh Eh de Belgik abbiegen.“ Ich bin so irritiert, dass ich fast vergesse in die Rue de Belgique auch wirklich abzubiegen. Sie sagt tatsächlich Err Uh Eh de Belgik und betont Belgik auf der ersten Silbe, die neutrale weibliche Stimme meines Handy-Navigationssystems. Und nochmal Err Uh Eh. Err Uh Eh de Suhjse. Ich lache hysterisch. Suhjse. Das heißt Suisse, die Schweiz, möchte ich verbessern, aber ich biege dennoch ab. Ich bin so irritiert, nicht nur weil die Straßen rund um die Avenue Georges Clemenceau, die die Stimme zur Ävenjuh Dschordsch Klemenzau macht, alle verstopft sind und ich natürlich keinen Parkplatz finde und daher im engen Einbahnstraßenlabyrinth von Nizza herumeiere. Es regnet in Strömen, der Scheibenwischer schafft es fast nicht, die Fensterscheiben sind beschlagen. Ich lasse die Fensterscheibe runterfahren, um die Straßenschilder erkennen zu können. Glauben Sie nur nicht, dass man an jeder Straßenecke die Straßennamen angebracht hat. Ich fahre also im Stopp and Go diese unbekannte Straße entlang und schon mischt sich die Stimme wieder ein. Ich solle nach links fahren, schon wieder in eine Er Uh Eh. R.U.E. Das heißt Rue, möchte ich schreien. Rue, du Plunze, Rüh gesprochen! Und sie ist auch verstopft diese Straße, siehst du das nicht? Und parken kann ich auch nicht! Aber die Stimme wiederholt stoisch ihre Anweisungen und spricht alle französischen Straßennamen entweder deutsch oder englisch aus. Ävenjuh. Dschordsch. Klemenzau. Err Uh Eh de Belgik. Das ist so unglaublich verwirrend, dass ich im Stau stehend versuche, sie zum Schweigen zu bringen. Kann ich nicht einfach zur stummen Variante zurückkommen? Oder die Anwendung komplett schließen? Es hupt hinter mir. Ich werfe das Handy zurück auf den Beifahrersitz und fahre drei Meter weiter. „Jetzt in die Err Uh Eh … abbiegen.“ „Nein“, sage ich gehässig, „mache ich nicht, lern du erstmal Französisch!“ Ich klicke sie weg, aber sie redet auch mit weggeklicktem Bild immer weiter. Es fällt mir tatsächlich schwer, geradeaus zum Parkhaus Louvre zu fahren, entgegen ihren Anweisungen, JETZT in die Ävenjuh Auhber abzubiegen. Erst im Parkhaus hält sie den Mund. Im vierten Untergeschoss finde ich einen Parkplatz und schalte zitternd das Handy aus. Ich laufe im Regen durch alle diese Err Uh Ehs und finde die Ävenjuh Dschordsch Klemenzau, wo ich einen Termin habe, seit zwanzig Minuten. Hausnummern gibt es auch nur hin und wieder. Vor dem Haus, das ich als das richtige zu erkennen glaube und dazu wieder auf mein nun stummes Handy starre, spricht mich ein Papy, ein Opa, ein älterer Herr mit Gehwägelchen an. Hat er sich verlaufen? Sucht er auch eine Adresse? Es geht mir mit ihm wie mit der Navigationsstimme. Ich verstehe erst nicht, was er sagt. Spricht er auch Deutsch? „Ah, ma jolie poupée, tu ne veux pas de moi?“ Der macht mich an, dieser alte Sack, der nicht mal mehr richtig gehen kann! Non, mais! Er lacht mich zahnlos an. Oder aus? Vor Schreck laufe ich weg und verliere noch einmal gut fünf Minuten, bis ich endlich die Stufen des richtigen Hauses hinauflaufe.

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Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte

France Gall ist gestern morgen gestorben. Alle sind betroffen. Es gibt wohl niemanden, der France Gall nicht mochte. Sie bekommt natürlich ebenso Sondersendungen, wir hören ihre Chansons im Radio und im Fernsehen, alles wie bei Johnny, aber es bleibt deutlich ruhiger. France Gall war zwar nett, aber sie entfachte keine generationenübergreifende Leidenschaft wie Johnny.

Ich wollte erst nicht. Muss ich zu jedem verstorbenen französischen Sänger etwas sagen? Ich dachte, ich warte auf einen schönen Rückblick in der Presse. Aber wo ich auch reinklicke und lese, etwa hier oder hier, niemand sagte etwas zu ihrer deutschen Karriere. Hallo?! Dass die Franzosen das komplett ignorieren, mag sein, aber die Deutschen?! HALLO! Noch jemand da aus meiner Generation? Oder schämen Sie sich alle, dass Sie mit acht Jahren hingebungsvoll die Hitparade gesehen haben, samstag abends mit Dieter Thomas Heck, und dass Sie vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher Chris Roberts, Rex Gildo und Daniel Gérard angeschmachtet haben? Adamo trat auch immer mal auf. Den mochte ich aber nicht so, mit seiner komischen Stimme. Vermutlich waren mir auch seine Texte zu kompliziert. Zu poetisch. Was interessierten mich mit acht Jahren die alten Damen im Park, die Spatzen fütterten?! Da waren die Texte von France Gall eingängiger. „Ein bisschen Goethe, ein bisschen Bonaparte, so soll er aussehen, der Mann auf den ich warte …“ oder, aus heutiger Sicht genauso aktuell wie Orwells 1984, „Der Komputer Nummer 3 sucht mir den richtigen Boy …“ oder „Dann schon eher der Pianoplayer mit den schönen Händen drüben am Klavier …“ Die kann ich alle noch auswendig. Oder schreibt man jetzt auswändig? Gestern habe ich einen albernen Rechtschreibetest gemacht und bekam als Ergebnis „noch etwas üben!“ Die neue deutsche Rechtschreibung habe ich nicht mehr abgespeichert. Aber Schlager aus den Sechziger Jahren, die kann ich noch vor mich hinträllern. Falls ich eines Tages demenzkrank werden sollte, ist vermutlich die französische Sprache das, was mir als erstes abhanden kommt, unsere allererste Telefonnummer werde ich aber immer noch aufsagen können. Und die Texte von France Gall kann ich sicher auch immer noch singen. Allerdings nur die deutschen.

Nun über France Gall habe ich schon mal ein bisschen geschrieben, im Zusammenhang mit Serge Gainsbourg, der für sie die ersten Chansontexte geschrieben hat. Später lernte sie Michel Berger kennen, der zunächst auch nur Chansons für sie schrieb, die „besser zu ihr passten“, wie sie in einem Interview, das ich gestern sah, sagte. Kleiner Seitenhieb auf Serge Gainsbourg und den Skandalsong Les Sucettes. (Der Spiegel erwähnt ihre deutsche Karriere dann doch! Und darin gibt es noch einmal einen link und ausführlicher die Geschichte des Liedes Sucettes.) Michel Berger wurde dann auch ihr Ehemann, und France Gall hatte dank ihm und mit ihm viele Hits, von denen zumindest Ella elle l’a über die französischen Grenzen hinaus bekannt wurde. In den achtziger Jahren engagierten sich beide in Afrika und versuchten gegen Armut und Hungersnot anzugehen. Babacar ist ein Hit, der davon beeinflusst ist (in Afrika bot eine alleinerziehende junge Mutter France Gall an, ihr Kind zu adoptieren, damit es eine bessere Zukunft habe). Michel Berger starb früh und France Gall zog sich danach weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Als auch noch ihre Tochter starb, trat sie überhaupt nicht mehr auf. Erst vor ein paar Jahren wurde sie mit dem Musical Résiste wieder sichtbar und hörbar, das mit vielen Chansons von France Gall eine musikalische Coming.of-age-Geschichte erzählt.

Hier eine kleine Zusammenstellung der deutschen Hits, an die zumindest ich mich noch erinnere. Nebenbei kleiner Erinnerungsflash an Miniröcke, Tanzstil, Deko, Herrn Heck und Herrn Giller.

Und weil wir uns, zumindest in einigen deutschen Gegenden, dem Karneval nähern, hier noch brasilianische Klänge, in deutsch gesungen von einer Französin …

Ein paar der (bekanntesten) französischen Hits bekommen Sie aber auch. Mit Poupée de cire gewann sie den Grand Prix d’Eurovision

Der Skandalsong, den sie Serge Gainsbourgh verdankte:

Und hier Songs, die mit Michel Berger entstanden sind.

ps: Sorry, da habe ich vergessen, das Häkchen für die Kommentare anzuklicken! Jetzt gehts, wenn Sie noch wollen ;)

und pps: HIER noch ein etwas anderer Rückblick zu France Gall.

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insomnie in litteris

Ich weiß gar nicht, ob die Überschrift funktioniert, meine Lateinkenntnisse, mühsam an der Uni erworben, sind trotz alledem nicht sehr fundiert. Fakt ist, seit vier Uhr lag ich wach im Bett, der Wind tobt ums Haus, Wind sage ich, es ist hier ja lange Wind, bis es Sturm heißt, Küstenbewohner wissen das, aber Wind am Meer ist auch schon beeindruckend. Ich habe einen Text zum Wind angefangen, als hier eine der Eoliennes, ein Windkraftrad abgebrochen ist wie ein Streichholz, der Text kommt sicher auch irgendwann. Während also der Wind ums Haus tobt und pfeift und klischeemäßig an den Fensterläden rüttelt, habe ich in meinem Kopf einen langen Text geschrieben, bis ich um halb Sechs dann aufstand, um ihn aufzuschreiben. Wenn es mal so weit mit der künstlichen Intelligenz ist, dass meine Gedanken direkt zu Papier gebracht werden können oder aufs Display oder was immer es dann noch gibt, das wäre fein. Ich tippe ja nicht sehr schnell leider, immer mal wieder mache ich halbherzige Versuche, das Tastenschreiben wirklich lernen zu wollen, um nicht auf ewig nur dieses zwei-Finger-Herumgestocher zu praktizieren. Halbherzig. Meistens reicht mir mein langsames Schreiben. Meine Texte entstehen oft allmählich, es flutscht nicht so anfallsartig aus mir raus. Meistens zumindest nicht. Jetzt aber würde ich gern mal ganz schnell tippen, damit der im Bett ausgedachte Text nicht wie ein Traum verschwindet. Er war so schön, so spielerisch hüpfte ich von einem zum anderen Thema und nichts störte, alles floss ineinander.

So, jetzt ist Monsieur auch da und spült Geschirr, die Katze streicht auch immer um den PC, liegt mal auf meinen Knien, mal auf der Tastatur und ich werde jetzt gegen Radioklänge und Geschirrgeklapper die nur ungenügend wirksamen Ohrstöpsel einsetzen, bis der Besuch beim HNO-Arzt, für den ich noch nichtmal einen Termin habe, mir vielleicht neue Wege für meine empfindlichen Ohren aufzeigt.

Amnesie in litteris heißt ein Text von Patrick Süskind, der meiner Überschrift inspiriert hat. Ein Text über das, was bleibt und vor allem über das, was man vergisst, von all dem, was man einmal gelesen hat. Über mein zunehmend bizarrer reagierendes Gedächtnis will ich auch mal schreiben. Ohne, dass ich mich dabei über Demenz lustig machen will, nicht wahr, aber ich VERGESSE neuerdings Sachen und Begebenheiten. Ich! Ich habe NIE irgendetwas vergessen. Bislang zumindest. Aber jetzt habe ich plötzlich eigenartige Leerstellen. Sage zu Monsieur, was lügst du denn da so komische Sachen zusammen? Das habe ich NIE gesagt! Ich weiß auch nicht mehr, wo ich mein Auto gestern geparkt habe. Das ist vielleicht das Störendste im Alltag, weil es immer wieder vorkommt. Dass ich einmal die Bananen erst Tage später in der Waschmaschine fand, blieb immerhin ein Einzelfall. Dochdoch. Darüber schreibe ich eines Tages, bestimmt. Nageln Sie mich darauf fest, falls ich es vergessen sollte. Haha.

„Du musst dein Leben ändern!“ ist der Satz, daran kann ich mich noch erinnern, mit dem Süskinds Text endet. Ein Satz von Flaubert, glaube ich. Oder Beaudelaire? Ein Franzose auf jeden Fall. Glaube ich. Egal, Jahresanfang. Wir wollen da immer so vieles ändern. Immer wieder. Bei mir ist es der Umgang mit dem Essen. Dass Diäten nichts bringen außer Esstörungen und Cellulitis weiß ich zwar, und dass ich nicht die zwölfundreißigste Variante von Paleo-veganer Ernährung versuche oder doch noch einmal eine Fastenkur habe ich mir fest versprochen. Noch stecke ich in einem Wechselbad aus Wut über und Anfälligkeit für alle diese Entgiftungs-und-Entschlackungs-Abnehmrituale. Dabei habe ich sie alle schon probiert. Mir Essen oder bestimmtes Essen zu verbieten scheitert immer über kurz oder lang. Was für ein Quatsch auch. Ich will nicht und trotzdem, sollte ich nicht? Wenigstens die Kilos, die ich mir im Dezember noch zusätzlich angefuttert habe? Der Dezember ist ja ein ganz schrecklicher Monat. Die meisten scheuen ja den Februar, dieser doofe nasse, graue Monat, der so zäh den Frühling blockiert. Bei mir ist es der Dezember. Der Monat ist emotional so aufgeladen, dass ich ihn nur überstehen kann, wenn ich mich mit Dominosteinen und Lebkuchen vollstopfe. Danach fühle ich mich ungefähr so:

Schrecklich. Will ich alles nicht mehr, klappt aber noch nicht so richtig. Détox also. Oder nicht? Dass ich auf Clotilde Dusoliers Food-Blog, dem ich regelmäßig-unregelmäßig folge über Quoi faire au lieu d’une détox: démarrer l’année avec plus de douceur, also „Was man anstelle von Détox tun kann: das Jahr liebevoller beginnen“ klicke, ist geradezu unvermeidlich. Wow!

Klammer auf: Es gibt zwar eine französische und eine englische Version, aber leider keine deutsche, weshalb ich hier mal schnell die Zusammenfassung gebe: Frieden machen mit dem Essen, mit seinem Körper, mit sich: Selbst-Liebe ist die Lösung! „WIEWAS?“ schreien Sie jetzt vielleicht, wie soll ich mit DIESEM unförmigen Körper Frieden machen? Mit diesem Blähbauch? Mit all diesen Speckrollen? Diesen fetten Oberschenkeln? Dieser Cellulitis? DAS soll ich lieben? WIE denn? Ich weiß. Ich habe dasselbe im Sommer zu einer Freundin gesagt, die mir damit kam. Selbstliebe. Du hast gut reden, du bist ja dünn! Anyway, es ist der einzige Weg, sagt Clotilde und ich weiß, sie hat Recht. Und: es geht! Ich bin zumindest auf dem Weg. Klammer zu.

Clotilde also hat einen ausgesprochen liebevollen und tröstlichen Text geschrieben und noch viel mehr, sie gibt eine Menge hilfreicher Links, unter anderem zu ihrem (nur in französischer Sprache existierendem) Podcast. Podcast. Auch so ein Wort. Manchmal hinke ich in meiner komischen deutschen Blog-Enklave im französischen Ausland ja so hinterher. Krieg nix mit. Gerade wird überall übers Bloggen geredet. Wie war das früher so schön, als alles noch werbefrei und nicht SEO war. SEO? Musste ich erst nachschauen. Search-Engine-Optimization. Suchmaschinenoptomiert. Welches Wort muss ich als Schlagwort einsetzen, dass möglichst viele Leute meinen Beitrag finden? Welche Überschrift zieht am besten? Das wäre dann sicher nicht Insomnie in litteris sondern „Hallo ich mache zum siebenhundertvierzigsten Mal Détox“. Aber ich bin ja so hinterm Mond, dass ich davon gar nichts mitgekriegt habe in all den Jahren. Ich schreibe hier einfach so vor mich hin für mich und meine viereinhalb treuen Leser*innen. Manchmal kommen welche dazu, andere springen ab. Ich bin zwar als Bloggerin der anderthalbten Stunde immer noch da, aber nicht immer gutgelaunt und manchmal ein bisschen ruhiger, und gänzlich Werbe- und auch komplett SEO-frei, und deshalb auch kein Blog-Zugpferd, keine Influenzerin. Mir wird deshalb auch nicht angeboten Matratzen zu testen, wie etwa der Schreiberin des Frau Mutti-Blogs, die ich nicht mehr verlinken kann, weil es sie nicht mehr gibt. Hat das eigentlich schonmal jemand bedauert irgendwo? Es gibt sie noch so ein bisschen im inneren Gewinde des Internet, aber eben nicht mehr den Blog. Alles weg. Schade. Wie sehr muss man genervt sein, dass man so radikal verschwindet? Dabei gab es da sogar noch Kommentare, jede Menge sogar, wenn ich das recht erinnere. Das wird nämlich auch bedauert. Früher war mehr Lametta und früher waren mehr (freundliche) Kommentare. Stimmt schon. Aber heute gibt es so viele viele viele Blogs, wollte man da überall einen langen Kommentar hinterlassen, käme man zu nichts anderem mehr. Wobei es das immer noch gibt. Bei dem einen oder anderen Thema der Kaltmamsell zum Beispiel. Ich hatte das schon verlinkt neulich. Wo war ich? Podcast. Genau. Kostenlos im Internet abrufbare Hörsendungen könnte man das nennen. Clotilde macht eine Serie, die Change ma vie heißt und, na das will man doch! Oder vielleicht nicht Sie, aber ich war total angefixt. Change ma vie, wäre vielleicht auch ein guter Suchmaschinenbegriff. „Du musst dein Leben ändern“, sagte schon Beaudelaire, Flaubert oder sein Papagei. Vielleicht ändere ich die Überschrift dieses Beitrags noch. Und dann hätte ich nicht gedacht, dass eine junge Frau (37) mit netter Stimme mir so schlicht, amüsant und intelligent neue Erkenntnisse vermitteln könnte. Man hat ja schon das eine oder andere Jahr Therapie auf dem Buckel, nicht wahr, da soll erstmal eine(r) kommen und mir noch was Neues erzählen. Und zumindest intellektuell habe ich vieles schon begriffen, dochdoch. Clotilde aber erzählt Dinge, die so unerhört sind, dass mein Hirn sie sofort vergisst. Du sollst (es dir) nicht merken, sage ich hier mal, frei nach Alice Miller. Ich hoffe, es sickert dennoch etwas ins Unterbewusstsein durch. Auf jeden Fall höre ich Clotilde zu und nicke. Ja! So gehts mir auch. Und das kann man ändern? Licht am Ende des Tunnels? Je change ma vie?! Vraiment?! On verra.

Das war das Wichtigste aus meinem traumähnlichen Schreibzustand. Eigentlich wollte ich Ihnen noch von einem Film erzählt haben, und von Taschenkalendern und über Musik sollte es gehen und über neue deutsche Frauenzeitschriften, die ich in Deutschland entdeckt habe, und die zumindest für mich neu sind und darüber, dass es darin jetzt ständig um die Menopause geht, ich finde das ungerecht, zu meiner Zeit war es noch tabu und niemand wollte mit mir darüber reden. Mal bin ich meiner Zeit voraus, mal hinke ich hinterher. Das Leben im Ausland macht aus mir so eine Art Outlaw. Nun, vorhin passte das auch ganz ausgezeichnet zusammen. Jetzt aber finde ich, dass es mit Clotilde aufhören sollte. Alles andere kommt (hoffentlich) die Tage!

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Les vœux du Président

Sich les voeux, die Silvestergrüße oder Ansprache zum kommenden Jahr des Präsidenten anzuhören, gehört in Frankreich am Silvesterabend dazu. Ganz Frankreich sitzt vor dem Fernseher und hört zu, um den Präsidenten danach entweder zu beglückwünschen oder zu kritisieren. Außerdem wird genau gestoppt, wie lange er spricht. Gestern erlebten wir die ersten voeux von Emmanuel Macron. Seine Rede sei zu lang gewesen, hieß es sofort. 17 Minuten, damit habe er beinahe den langatmigen General de Gaulle eingeholt, dessen längste Rede zu diesem Anlass 18 Minuten gedauert habe. Insofern gibt Macron noch eine Zugabe in den Social Medias, eine nur zwei Minuten dauernde Rede, vielleicht für die Jüngeren, die schneller wegklicken. Die Quintessenz seiner Rede steht heute auf dem Titelblatt von Nice Matin. Der Künstler Ben hat es gezeichnet.

2018 le monde changera. grâce a vous.

„2018 wird sich die Welt ändern!“, sagt Macron. Kleingedruckt sagt er: „dank Ihnen“. Sprich, die Welt wird sich ändern, wenn wir sie ändern.

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Bonne Année

Bonne Année!

Das darf man eigentlich erst morgen wünschen, genau wie die Meilleurs Voeux, das sagt man den ganzen langen Januar ununterbrochen, aber keinesfalls vorher. „Frohes Neues Jahr!“ wünscht man bei uns ja auch erst, wenn es schon da ist. Heute, am 31. Dezember, sagt man noch „Guten Rutsch!“ oder „Kommen Sie gut rein!“ Hier also sagt man heute etwa Bonne Fête! oder Passez un bon réveillon!

Wir bleiben gemütlich zu Hause (nachdem wir uns nach Jahren endlich gegenseitig gestanden haben, dass wir die Silvesterfeierei gar nicht mögen) und es gibt, nein weder Foie gras noch Austern, es gibt schlicht nochmal Entenbrust mit Orangensauce, weil das neulich so lecker war, obgleich die Entenbrust nicht so richtig rosa, sondern schon sehr durchgebraten war, da muss ich also überlegen, ob ich sie heute bei hoher Temperatur kürzer oder bei niedriger Temperatur länger braten will, und außerdem gibt es die Reste vom Schwarzwälderkirschparfait, das ich bei Micha entdeckt habe. Das war absolut perfekt, ein parfait eben, und kam hier neulich gut an! Denn ich musste natürlich, kaum aus Deutschland zurück, doch nochmal die französische Familie einladen. Glauben Sie mal nicht, dass man den Gepflogenheiten hier entkommen kann. „Mach nicht so viel!“, stöhnen zwar alle, aber wehe, Sie machen dann wirklich nicht so viel. Wie ich schon mehrfach sagte, drückt sich die Wertschätzung ihres Gastes darin aus, wie Sie ihn „empfangen“, also bewirten. Und: Zwischen Weihnachten und Neujahr bleibt es festlich! Spaghetti oder Hacksteak kämen nicht gut an.

Was hier auch nicht gut ankommt an Silvester, neben zu einfachem Essen und Wunderkerzen, Sie erinnern sich, ist Bleigießen. Ich sage das nur, weil ich es gerade auf Arte Karambolage gesehen habe.

Glauben Sie nur nicht, dass Sie mit Ihren lustig gegossenen Formen und Assoziationen irgendeine amüsierte Stimmung herbeireden können. Ich habe das einmal mit Kindern und einmal im Freundeskreis gemacht. Nie wieder. Die Kinder erwarteten wohl Wunder,  während ihre Eltern das Experimentieren mit brennenden Kerzen und heißem Blei, oder was immer man heute über der Kerze verflüssigt, argwöhnisch betrachteten. „Das wars?“ fragten die Kinder dann enttäuscht. Vermutlich dachten sie, ich würde das Blei in Gold verwandeln oder sonst irgendetwas Magisches damit anstellen. „Was soll das?“, schienen sich hingegen die Erwachsenen zu fragen, denen ich Bleigießen letztes, oder war es vorletztes Jahr?, aufdrängte. Eigentlich haben die Franzosen eine niedrige Amüsier-Hemmschwelle und gleich wenn die ersten Takte von Macarena, Ententanz, Sardinensong oder fliegenden Servietten erklingen, geht es hier ab! (So ähnlich wie der Kölner, wenn er einen Karnevalsschlager hört!)

Bleigießen wird, glauben Sie es mir, und da kann Arte noch so viel davon reden, seinen Weg nicht nach Frankreich finden (Beachten Sie den Blick des blonden Herrn beim Bleigießen, er zeigt genau wie amüsant es für die Franzosen ist!) Genausowenig wie Dinner for one übrigens. Alles Erfahrungswerte. Es bleibt schwierig mit dem länderübergreifenden Humor, wir arbeiten hier dennoch weiter an der deutsch-französischen Verständigung.

Nun denn: Neues Jahr, neues Glück! Kommen Sie gut rein! Feiern Sie oder legen Sie gemütlich die Füße hoch und vielleicht einen netten Film in den DVD-Spieler, lesen Sie ein vergnügliches Buch oder legen Sie sich die (Tarot)Karten. Ich hoffe und wünsche mir, dass es überall friedlich bleiben möge. Und wir lesen uns, so Sie mögen, die Tage wieder!

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Le Moulin Forville – Le Musée Victor Tuby

Ich weiß, es ist kurz vor Ende des Jahres und da müsste man eigentlich das abgelaufene Jahr Revue passieren lassen. Vielleicht mache ich es noch, ich fürchte, ich habe nicht genug Zeit, heute auf jeden Fall wird es etwas anderes. Schnell noch in dieses Jahr gequetscht wurde die Besichtigung eine der ehemaligen Mühlen in Cannes, eine Ölmühle, die zu einem Museum umgewandelt wurde: Le Moulin Forville – Le Musée Victor Tuby. Das unscheinbare Haus befindet sich am Fuße der Altstadt, dem Suquet.

Le Moulin Forville – Le Musée Victor Tuby

Normalerweise ist die Besichtigung des Hauses an jedem ersten Samstagnachmittag im Monat möglich. Sie ist kostenlos. Das Museum wird von einem rührigen Verein, der Association Moulin Forville – Musée Victor Tuby, ehrenamtlich betrieben. Gerade gibt es dort zusätzlich eine Krippenausstellung – über achtzig Krippen, viele davon die typisch provenzalischen Landschaftskrippen der Region, aber auch große und kleine und allerkleinste Krippen aus aller Welt wurden liebevoll aufgebaut und sind zur Zeit an mehreren zusätzlichen Öffnungstagen zu besichtigen. Kostenlos. Das kann man nicht oft genug sagen.

Es ist rührend. Die Ausschilderung ist armselig, der Empfang umso herzlicher. Jeder Besucher wird in ein Buch eingetragen. „Aus Metz kommen Sie, um unser Museum zu besichtigen?“, freute sich stolz eine der Damen, die seit über 25 Jahren ehrenamtlich in diesem Verein mitwirkt, und sie trägt die Namen des elsässischen Ehepaars sorgfältig in das Besucherbuch ein.

Wegweiser zum Museum

Der Mahlstein

Klopfen und Eintreten

Als ich zum ersten Mal im Musée de la Castre ganz oben im Suquet war, hatte ich eigentlich erwartet, dort eine Art Heimatmuseum vorzufinden, wo ich etwas über die Geschichte Cannes‘ erfahren könnte. Aber nein, ich fand mich in einem Ethnologischen Museum wieder. Ein Heimatmuseum gibt es in dem Sinne nicht in Cannes, aber das Musée Moulin Forville  – Victor Tuby ist annähernd eines.

Victor Tuby entstammte einer alten Cannoiser Familie, er war Bildhauer, Erfinder, Chemiker, Künstler im weiteren Sinn und erwarb diese alte Ölmühle, die er einerseits als solche erhalten wollte, andererseits richtete er dort sein Atelier ein und gleichzeitig ließ er das Haus im provenzalischem Stil ausbauen. Er hatte eine umfangreiche Sammlung provenzalischer Möbel, Kleider, Bücher und Gegenstände, und begründete die Academie provençal, einen Verein, der bis heute die hiesigen Traditionen pflegt. Nun kann man Volkstanzgruppen und Brauchtum stirnrunzelnd gegenüberstehen. Ist das noch zeitgemäß? Ist es nicht peinlich in diesen Klamotten über die Croisette zu promenieren, und zu Flöten- und Tambourmusik zu hopsen? Sich von Touristen anstaunen und fotografieren zu lassen? Ist es nicht sowieso alles zur kitschig-spießigen Folklore verkommen?

Aber das ist der Blick von außen. Mich rührt es erstaunlicherweise sehr, wenn ich in der Altstadt um den Marché Forville zufällig in einen der Festumzüge, die es im Sommer immer wieder gibt, gerate. Und ich glaube, es liegt daran, dass die Vereinsmitglieder der verschiedenen traditionellen Gruppen, die, das kann man auch sagen, sich gegenseitig Konkurrenz machen, ihre Traditionen mit großem Ernst verteidigen, und sie stolz und gerne zeigen. C’est de chez nous! sagt in dem Film eine Dame. Sie meint, man sieht in dem Umzug „ihr“, das ursprüngliche Cannes. Man sieht vor allem, sage ich, Cannoiser Familien. Denn nur sie sind in den Heimatvereinen aktiv. Und es ist sicher eine Art sich zu zeigen, in dieser von Touristen und Zugezogenen aller Art überschwemmten Stadt. Es ist unsere Stadt! Wir sind noch da! Und unsere Traditionen und Werte sind uns wichtig, da können noch so viele goldfarbene Bentleys über die Croisette rollen.

Nun, nach seinem Tod vermachte Victor Tuby (1888-1945)** das Haus und die Sammlung einem anderen Heimatverein, und wünschte, dass man Haus und Mühle in ein Museum für Cannes umwandeln würde.

Victor Tuby umrahmt von Damen

Und so kam es. Wenn man das sehr heterogene kleine Museum heute besucht, bekommt man eine ins Detail gehende Führung und freut sich über den üppig und liebevoll ausgestatteten ersten Raum im provenzalischen Stil mit all den eigenartigen Möbeln (le pétrin, dem hölzernen Backtrog oder die panetière darüber) staunt vielleicht über die alten Holzpressen der Ölmühle, sowie die Engelskulpturen und den kleinen Lieferwagen im Atelier, und ist irritiert über die vernachlässigt wirkenden Räume des ehemaligen Wohnhauses. Warum ist das so?

Wohnraum

Küche (Ausschnitt)

Pétrin und Panetière (Backtrog und Brot“schrank“)

Atelier, Blick in den Garten

Lieferwagen

Ölpresse

Kostüme

Folgen des Wasserschadens

Wandfresken

Ehrenbanner

Polstermöbel

Auch nach vielerlei Erklärungen fällt es mir schwer, die Kulturpolitik Cannes‘ zu verstehen. Welchen Vereinen wieviele Subventionen zugeteilt werden ist, sagen wir, für mich zumindest, nicht nachvollziehbar. Die Association Moulin Forville – Musée Victor Tuby schlägt sich seit zig Jahren quasi ohne städtische Unterstützung durch. Das Haus wurde einmal (lieblos heißt es) von der Stadt renoviert, ein Wasserschaden in neuerer Zeit aber wurde nicht mehr repariert. Die Feuchtigkeit im Haus führt dazu, dass vieles allmählich verkommt. Polstermöbel, Vorhänge, originale Kostüme, die in anderen Museen wie etwa in Grasse, nur hinter Glas zu betrachten sind, und hier ungeschützt ausgestellt werden, haben Stockflecken. Dabei arbeiten viele fleißige Hände daran, alles vorsichtig zu säubern, auszubessern, und so gut es eben geht, zu erhalten.

eine provenzalische Krippenfigur wird augebessert

ein neues Kostüm entsteht in Handarbeit

Anprobe

ein Kleiderschrank im Nähstübchen

Hauben

Edle Kleinigkeiten

Der Verein bemüht sich um vielfältige Veranstaltungen im Rahmen seiner Möglichkeiten. Im Sommer gibt es hin und wieder bemerkenswerte Konzerte im kleinen Garten. Zur Eröffnung der Krippenausstellung gab es ebenso ein Konzert, das sie auf der Facebookseite des Vereins entdecken können (ich weiß nicht, wie ich es aus FB hierher stellen kann).

Hier noch ein paar (wenige) Bilder der vielen, liebevoll gestalteten Krippen. Wenn Sie gerade hier sind und Zeit haben, gehen Sie hin. Sie entdecken ein Stück des alten Cannes. Das Museum liegt übrigens ganz in der Nähe des Parkhauses Forville, in dem man die erste Stunde gratis parken kann.

eine provenzalische Krippe (Ausschnitt)

provenzalische Krippe „Cannes“ (Ausschnitt) rechts am Bildrand, der bärtige Herr mit dem Hut in der Hand, eine Figur, die Victor Tuby verkörpert

Krippe aus Vallauris (Keramik)

afrikanische Krippe (Ausschnitt)

Meine Hochachtung und ein großer Dank an die ehrenamtlich arbeitenden Damen und Herren der Association.

——

** Wie ich der heutigen Zeitung entnehme, verstarb Victor Tuby an einem 31. Dezember, und dementsprechende Ehrungen auf dem Friedhof Grand Jas wurden dazu abgehalten. Mehrere der provenzalischen Tradition verpflichtete Vereine waren (festlich provenzalisch gekleidet) anwesend, ebenso die Vereine Anciennes familles cannoises und Anciennes familles boccassiennes (aus dem Stadtteil La Bocca): Man las Gedichte (in provenzalischer Sprache) und sang die provenzalische Hymne Coupo Santo.

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Back in town

Nur damit Sie informiert sind, nicht wahr, ich bin zurück. Am ersten Tag, an dem es etwas blauen Himmel in Deutschland zu erhaschen gab, flog ich zurück ans Mittelmeer und sah das:

Bonjour Nice!

Hier bleibt es ja aber selten lange so düster. Mittags schien schon wieder die Sonne

Hallo Cannes!

und abends leuchtete die Sonne die alten Häuser im Suquet warm an.

Abendsonne im Suquet

Während ich (vergeblich) auf das Drama-Rot des Sonnenuntergangs wartete, verpasste ich leider den Einlass in die Kirche im Suquet, um die restaurierte historische Krippe zu bewundern. Um 18 Uhr wurde mir die Kirchentür energisch vor der Nase zugerummst! Zu spät Madame! Kommen Sie morgen wieder!  Das muss also nachgeholt werden. In der Zwischenzeit waren wir im Museum Moulin Forville am Fuße der Altstadt und dort gab es, neben dem Museum, 90 verschiedene Krippen aus allen Ländern und allen Zeiten zu bestaunen. Das wird aber ein anderer Eintrag. Stay tuned!

Drama-Himmel über Cannes

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Frohe Weihnachten – Joyeux Noel

Nun, ich bin in Deutschland, das sich seit meiner Ankunft auch in die berühmten fifty shades of grey gekleidet hat. Zusätzlich hat sich ein steter Nieselregen eingefunden. Es stört mich irgendwie gar nicht, es hat so was Vertrautes, so etwas von „ach ja, ich erinnere mich wieder, so war das immer“, und ich mache sogar davon Fotos.

Aber ich verstehe wieder, wie sehr man sich nach diesem blauen Himmel in Südfrankreich sehnen kann, wenn es wochenlang so grau und feucht ist.

Trotz Nieselregen war ich auf dem Weihnachtsmarkt dieses Jahr, hurrah! Es gab Bratwurst mit Ausblick. Ich habe auch ein Foto vom Bratwurststand und von der Bratwurst gemacht, für die Franzosen zu Hause (der „Enkel“ bereitet sich auf einen Schüleraustausch in Berlin vor, zu diesem Zwecke wurde hier auch brav Currywurst gegessen und dokumentiert), Sie verstehen schon, Ihnen erspare ich es.

Und gestern Abend war ich in einem wunderschönen Chorkonzert. Ich bin ja schnell gerührt, nicht wahr, hatte die ganze Zeit Tränchen in den Augen, aber dass ich bei dem eigentlich so abgenudelten „Oh du Fröhliche“ aufschluchzte, hat mich selbst überrascht.

Ich wünsche Ihnen Licht in diesen trüben Tagen. Licht und Liebe. Das wünsche ich vermutlich jedes Jahr. Passt aber auch immer wieder. Ich höre ja nur noch wenig Musik (stressbedingt, Sie erinnern sich, ich sprach darüber; ich war hier übrigens bei einem Hörgeräteakustiker, weil die Noice-Cancelling Kopfhörer keine Stille produzieren, wie ich irrtümlich annahm, die sind nur zum ungestörten Musikhören optimal, davon aber später) ich höre also wenig Musik, insofern habe ich Katie Meluas Album In Winter erst dieses Jahr entdeckt. Ich mag es sehr. Hier der Cradle Song, eine Variante einer rumänischen Volksweise, wenn ich es richtig verstanden habe Leganelul lui iisus.

 

Und für etwas Wintergefühl ein Video des gefrorenen Wasserfalls in den Gorges de Saucha Negra bei Châteauneuf d’Entraunes. Schnee liegt dort auch nicht, aber es ist bitterkalt, der Fluss Var ist sogar halb zugefroren!

Les Gorges de Saucha Nègra from Jean-Pierre Champoussin on Vimeo.

Haben Sie es gut, hoffentlich warm und friedlich. Alleine, mit Freunden oder in Familie. Ich denke auch an alle, die Sorgen haben, krank sind, oder arbeiten müssen … Licht und Liebe soll in diesen Tagen überall hinstrahlen und jeden erreichen! Frohe Weihnachten!

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***warum sagte mir eigentlich niemand, dass in der Überschrift ein t fehlte?! *schäm*

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J’ai tant rêvé

Das herzerwärmende Video einer Supermarktkette (nein, wir nennen nicht den Namen) gebe ich Ihnen noch, bevor ich in den Flieger steige … nach Honolulu ;-)                           Nein, kleiner Scherz, für mich gibts deutsche Weihnachten dieses Jahr.

Das Video muss man vielleicht mehrfach anschauen, um alle Details zu sehen. Es geht um Kinderglauben und richtige Ernährung: der kleine Bruder, der noch an den Weihnachtsmann glaubt, stellt mit Schrecken fest, dass dieser, dick und rund wie er ist, niemals durch den Kamin passen würde, um die Geschenke zu bringen, und er setzt den Weihnachtsmann kurzerhand auf Diät. Seine große Schwester, die schon nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt, hilft dennoch mit. Normalerweise stellt man dem Weihnachtsmann (als Dank für seine Mühe) am Vorabend des Weihnachtstags (hier bekommt man die Geschenke am 25. Dezember) Süßigkeiten an den Kamin. Hier wird es eine Artischocke mit Vinaigrette. Sehr süß. J’ai tant rêvé singt schmelzend Henri Salvador. Irgendwie machen sie es richtig bei dieser Supermarktkette. Es gibt kein schlechtes Gefühl, finde ich zumindest.

 Und hier noch etwas mehr douceur Henri Salvador pur

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Es leuchtet … in Cannes

Er sieht aus wie ein Arrangement von Ferrero Rocher, der begehbare Weihnachtsbaum vor dem Palais des Festivals in Cannes. Macht Spaß von innen und außen!

Einen schönen dritten Advent wünsche ich Ihnen!

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Fifty shades of grey

Cannes, Midi Plage, heute Nachmittag

 

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Johnny und anderes zum zweiten Advent

Falls Sie es nicht gesehen haben, hier ein kleiner Ausschnitt der unzähligen Live-Übertragungen der gestrigen „populären Ehrung“ für Monsieur Johnny Hallyday , wie Präsident Macron in einer kurzen Rede vor der Eglise de la Madeleine sagte und darin auch um einen letzten Applaus für ihn bat. Das wäre nicht mal nötig gewesen, denn
applaudiert und gerufen wurde Johnny auf dem gesamten Weg über die Champs Elysées bis zur Place de la Concorde. Seine Musik wurde, wie auch seit Tagen in Cannes und vermutlich in allen Städten, über Lautsprecher auf die Straßen übertragen. Die Fans sangen seine Songs mit, laut und manchmal falsch, immer inbrünstig, sie weinten, lachten, tanzten und lagen sich in den Armen. 700 Biker folgten Johnnys Sarg. Es war eine Rock n Roll Abschiedsfeier, ein letzter großer Auftritt, wie ihn Johnny sich vermutlich gewünscht hat. Hier aus allen Filmschnipseln zwei, die mir am berührendsten scheinen: Bilder von den Bikern und Fans,

… und seine Musiker, die in der Kirche Que je t’aime spielten. Johnnys Stimme fehlte.

Ich habe das alles auch erst heute früh gesehen. Gestern waren wir nämlich in den Bergen. Der Weihnachtsmarkt, zu dem wir neulich nicht gefahren sind, war nämlich erst gestern. Man wird älter, kann ich dazu nur sagen, ich vergesse Dinge und verschussele Termine. Nun, wenn ich meiner inneren Stimme gefolgt wäre, dann wäre ich auch gestern zu Hause geblieben. Sie sind wirklich zu selten die Tage, an denen „nichts“ ist. Aber nicht nur Johnny ist gestorben, auch ein Freund aus dem Dorf ist gerade, nach langer Krankheit und dann doch überraschend, verstorben. Seine Frau, eine liebe Freundin, hat in all den letzten Jahren den Weihnachtsmarkt dort oben hauptamtlich organisiert, und sie brach unter der Last ihrer Traurigkeit und all dessen, was es zu organisieren gab, beinahe zusammen. Ich fand meine Situation, gemessen an der ihren, dann doch weit weniger tragisch und produzierte am Freitag Abend kurzfristig eine Fuhre Christstollen, mein alljährlicher Beitrag für den Weihnachtsmarkt, und wir fuhren in die Berge. Dieses Mal habe ich mich auch wieder richtig beteiligt und blieb, anstelle mich irgendwo warm an einen Kachelofen zu kuscheln und dem neuesten Dorftratsch zu lauschen, den ganzen Tag draußen, sprach mit allen Besuchern und Ausstellern, schenkte mittags heiße Suppe aus und half abends beim Abbauen und Aufräumen (danach waren wir alle frigorifié, bis ins Mark ausgefroren, es war so kalt!). Später am Abend wurde die frisch restaurierte Dorfkirche, unter Anwesenheit lokaler Politikergrößen, eingeweiht, es gab eine kleine Nikolaus-Andacht und wir gedachten dem verstorbenen Freund, gedachten Johnny (sangen gar eines seiner Lieder karaokemäßig mit!) und ebenso Jean d’Ormesson , ein berühmter Schriftsteller, der der Academie Française angehört hat, und kurz vor Johnny Hallyday verstorben ist, und dessen Verschwinden, trotz nationalem Ehrenbegräbnis, gestern unter „ferner liefen“ stattfand. Ironie der Geschichte, er soll in einer Sendung einmal ironisch gesagt haben, „man solle besser nicht zeitgleich mit einer anderen Berühmtheit sterben, um nicht bei der Berichterstattung übersehen zu werden“ und er zitierte den Fall Jean Cocteaus, der zeitgleich mit Edith Piaf starb (Danke für diesen Hinweis an Martina!). Nun ist ihm genau dies doch passiert.

Ich möchte gern Abbitte leisten für meinen flapsigen Artikel über Johnny, und ich danke explizit Martina, die mich mir ihren Worten getroffen hat. Würde ich den Text heute schreiben, würde er sicher auch anders ausfallen, aber ich wollte, ohne Johnny und seine Beliebtheit wirklich zu verstehen, verstehen zu wollen, nur sehr schnell am Todestag präsent sein.

Ich glaube, Johnny Hallyday hat mit seinen Liedern, seinen Texten, seinem Rock n Roll-Leben, seiner Underdog-Herkunft und vor allem mit seiner Authentizität sehr, sehr vielen Menschen „etwas“ gegeben. Man fühlte sich mit ihm und seinen Liedern nicht mehr so allein, sagte Macron in seiner Rede. Ich verstehe es plötzlich. Ich habe auch Lieblingssänger und habe manche Lieder bei Liebeskummer schmerzvoll mitgebrüllt, habe mich in Texten oder Interpretation wiedergefunden und getröstet gefühlt. Ich selbst war zwar nie ein langjähriger oder „großer“ Fan irgendeines Stars, und bin befremdet, wenn erwachsene Menschen vor einer Posterwand mit Johnny-Bildern erzählen, dass sie ihre Kinder Sylvie und Johnny genannt haben und dass die Enkeltochter Laura heißt (wie Johnnys Tochter mit Nathalie Baye). Aber es rührt mich auch. Johnny ist/war/bleibt Teil ihres Lebens, das verstehe ich. Gestern waren Hunderttausende auf der Straße, Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, jeden Alters. Ich kann es nicht richtig nachempfinden, aber ich bin berührt und beeindruckt. Ich ziehe meinen Hut. Chapeau!

Meine Flapsigkeit tut mir umso mehr leid, als ich, seitdem ich selbst mit meinem Schreiben Kritik ausgesetzt bin, gar nicht mehr so schnell spöttisch und kritisch sein möchte. Überheblichkeit, Ignoranz und Vorurteile, die mir und meinen Büchern entgegen gebracht werden, schmerzen nämlich durchaus. Anyway. Anderes.

Etwas, was ich gerade gelesen habe und weil es gerade zweiter Advent ist, nicht wahr, Micha stellt Foodbloggerinnen die Sinnfrage zum Advent und Plätzchenrezepte gibt es auch.

Die Kaltmamsell fragt nach den Großeltern und erzählt von den ihren. Viele berührende Geschichten in den Kommentaren. Herr Buddenbohm erzählt von den seinen und ich las  gern auch diese Geschichte in der Blog-Serie „Was machen die da?“.

Deniz Yüzel, dem ich eigentlich auch schreiben wollte, aber schon bei der Auswahl der ersten passenden Postkarte scheiterte und nochmal mehr bei dem zu schreibenen Text, bekommt zu meiner großen Erleichterung doch Post (Frl. Read-on schreibt ihm meines Wissens täglich) und antwortet hier. 

Und zum Abschluss noch einmal Johnny: Toute la musique que j’aime, zusammen mit Florent Pagny und dem Eiffelturm!

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On a tous en nous quelque chose de Johnny

In sämtlichen französischen Medien, selbst in den intellektuellsten Sendungen, geht es heute nur um Johnny Hallyday. Kennen Sie vielleicht nicht, wundert mich nicht, man muss schon sehr frankophil sein, denke ich, um ihn zu kennen. Johnny Hallyday war Sänger, französischer Rocksänger, und das seit den Sechziger Jahren. Er hat seinerzeit Elvis-Lieder auf Französisch gesungen und Hey Joe von Jimi Hendrix, auf Französisch, versteht sich. So ist er der Franzose. Er amerikanisiert sich nicht wie wir Deutschen und hört die US-amerikanischen Sänger und deren Lieder im Original, nein hier wird selbst The House of the Rising Sun auf Französisch gebrüllt oder Black is Black. Johnny Hallyday hat also den US-Rock für die Franzosen auf Französisch eingesungen. Später dann aber auch eigene Songs. Anfangs hat Aznavour Texte für ihn geschrieben, da wars noch sanfter, später wurde es immer rockiger. Immer auf Französisch, versteht sich. Über 50 Jahre Karriere hat er hingelegt. Ungezählte Platten, Konzerte, jede Menge unvergessliche Songs. Heute Nacht ist er gestorben. Als ich Monsieur heute früh mit dieser Nachricht begrüßte, nickte er nur leicht, er wusste es schon, er hat mitten in der Nacht Geschirr gespült und schon um Drei Uhr morgens rauschte die Nachricht durch den Äther. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ganz Frankreich kollektiv derart um ihn trauert. es geht den ganzen Tag überall nur darum: Johnny. Seine Lieder. Seine Frauen (darunter Sylvie Vartan und Nathalie Baye). Seine Kinder. Und nochmal. Und nochmal. Heute Abend wird kurzfristig eine Sondersendung angesetzt und morgen ebenso. Ob ihm gar eine nationale Ehrung zuteil werden könnte, wird diskutiert. So etwas haben bislang höchstens Schriftsteller vom Rang Victor Hugos erhalten. Manche Fans fordern gar einen nationalen Feiertag. Selbst unser Präsident hat Johnny mit dem Satz geehrt On a tous en nous quelque chose de Johnny, eine Anspielung auf den Song  On a tous en nous quelque chose de Tennessee …

Ich habe Johnny erst spät „kennengelernt“, da sah er schon recht verlebt aus, trug wie immer Lederjacke, Permanent-Make-up, hatte seine fünfte Ehefrau und gerade zwei vietnamesische Kinder adoptiert. So richtig warm bin ich nicht mit ihm geworden, auch nicht mit seiner Musik oder seinen exzessiven Bühnenshows, zu denen er sich einmal vom  Hubschrauber abgeseilt hatte, habe aber begriffen, dass es quasi keinen Franzosen gibt, der ihn nicht liebt.  Arte Karambolage hat vor zwei Jahren einen kleinen Film (das ist der link zu Facebook, ich weiß nicht, ob das für Nicht-FBer funktioniert, hier wenigstens der Text) über ihn gemacht. So ähnlich wie Nikola Obermann geht es mir auch mit ihm. Johnny kriegt einen irgendwann weich und man kann ihn einfach nicht nicht mögen.

Seit etwas mehr als einem Jahr war bekannt, dass Johnny Hallyday Krebs hatte, er ist bis zum Schluss aufgetreten, hat ein neues Album eingespielt und gegen Ende seiner Karriere auch in Filmen (sich recht amüsant selbst) gespielt. „Wir glaubten, er sei unsterblich“, sagt gerade Michel Drucker berührt, der die heutige Sondersendung animiert. „Johnny ist eine Legende.“

Fürs erste das hier, ich suche noch ein paar andere Songs, muss mich mal durchören … vermutlich werde ich noch ein verspäteter Fan ;)

Johnny hat mit allen gesungen, stelle ich gerade fest, mit Sylvie Vartan, mit Patricia Kaas, mit Eddie Mitchell und Jacques Dutronc, Les vieilles Canailles nannten sie sich, das französische Pendant des Ratpacks sozusagen, er sang mit Kim Wilde, mit Celine Dione und 500.000 Choristen, mit seinem Sohn, der ihm ein ganzes Album geschrieben hat … und hier in dramatischer Szene mit Lara Fabian

Ich mag ja, wenn überhaupt, die Balladen lieber, muss ich sagen, aber Ma Gueule im Duo mit Laurent Gerra, einem Comédien, der Johnny gerne imitiert (hat), muss sein.

Voilà, wenn Sie noch weitere Johnny-Hits wollen, schauen Sie mal … —> HIER kommen Sie zur Auswahl von Paris Match „15 Hits für die Ewigkeit“

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Zu viel

„Licht in den Alltag“ wollte Marion. Ich bin nicht sicher, ob ich damit dienen kann. Schnee vielleicht. Schnee ist für heute und am Wochenende Frankreichweit angesagt, bis runter an die Côte d’Azur, und, gerade auf Facebook gesehen, kurz hinter Marseille in den Hügeln schneit es schon! Das gab es vor etwa zehn Jahren zum letzten Mal. Hier hatte es heute Nacht tatsächlich nur (plus) 2°C und auch jetzt, tagsüber, sind wir im unteren einstelligen Temperaturbereich. Wir passen uns also der Großwetterlage an. Bislang regnet und stürmt es an der Küste nur, aber es ist auf jeden Fall Schluss mit dem Schwimmen im Meer, vor zwei Wochen konnte man das noch gut tun.

Heute spülte Facebook einen Blogbeitrag vom ersten Dezember vor fünf Jahren nach oben und fragte an, ob ich den nicht nochmal teilen wolle. Ich las also meinen Text von 2012 erneut, in der Hoffnung, mit einfachem Blogrecycling das Schweigen auf dem Blog brechen und gleichzeitig „etwas Licht“ verbreiten zu können. Geht nur bedingt. Hätte ich mir denken können bei der Überschrift. Ich aber fand den alten Text tröstlich, denn ich fand darin nicht nur all die Dezember-Events (Schreibnöte, wenn auch andere als heute, Weihnachtsmarkt in den Bergen, Familiengeburtstagsfeier) sondern auch meine derzeitige Stimmung wieder. Ich spreche die Erschöpfung nicht so explizit an, aber ich war kurz vorher im Kloster gewesen, das ist immer meine letzte Zuflucht.

Erschöpft. Müde. Ausgelaugt. Mir ist alles zu viel. Alle wollen etwas von mir und ich will nichts mehr geben. Ich KANN nichts mehr geben, auch wenn es die frohlockende Adventszeit ist, wo man Geld, Geschenke, Liebe und Zuwendung geben soll. Ich habe kürzlich einen Bogen um den Ort gemacht, wo die halb-obdachlose Frau, der ich eigentlich immer und gerne etwas gebe, steht, weil ich ihr Gejammer nicht mehr hören kann. Nicht schön. Sie hat es weniger gemütlich als ich, aber es ist mir zu viel, ihre Situation auch noch einen Moment mitzutragen und liebevoll und zugewandt zu sein. Das ist ja mein Anspruch, menschlich sein, ich will ihr ja nicht nur einen Schein in die Hand drücken und sagen „erzählen Sie mir bloß nicht, wie es Ihnen geht!“ Aber ich will es gerade nicht wissen, es geht mir nämlich ungefiltert rein, was sie mir erzählt. Wie alles. Ich habe so gut wie keinen Schutz gegen das, was von außen kommt: Lärm, Stimmungen, Gefühle. Ich sehe die armen und manchmal absonderlichen Menschen in Cannes und überall, ich spüre ihre Not und ihre Einsamkeit, und sie können sicher sein, die wiederum spüren, dass ich spüre. Ich habe mich immer gefragt, warum man ausgerechnet mir im Zug vertrauensvoll Lebensgeschichten erzählt, warum man immer mich nach dem Weg fragt, oder warum man gerade mich bittet, zu erklären wie der Waschsalon funktioniert oder darum, im Supermarkt eine Packung Nudeln aus dem oberen Regal zu holen oder das Haltbarkeitsdatum vorzulesen. Warum ich? Es gibt zeitgleich zig andere am gleichen Ort. Irgendetwas ist da. Das Durchlässige, Weiche, Empathische vielleicht. Ich bin ansprechbar, erreichbar. Das ist sehr schön, aber es ist für mich sehr anstrengend. Ich laufe durch die Welt und spüre alles. Ich höre auch alles. Alles! Und alles gleichzeitig und gleich stark. Ich habe keinen Filter. Ich höre in der Küche wie sich die Waschmaschine dreht, den nicht enden wollenden Autolärm vor dem Fenster, kann die unterschiedlichen Autosorten (die Marken noch nicht ;) ) benennen: Pkws, den Bus, den Lkw, das Motorrad, den knatternden Scooter, ich höre den Hund zwei Grundstücke weiter bellen, die Haustür knallen, das Klappern des Briefkastens, den Staubsauger von oben über den Boden rumpeln, irgendwo im Haus rummst es, die Leute auf der Straße sprechen, die Tür von oben wird geöffnet, Flaschen klirren im Treppenhaus, schon wieder die Haustür, die Waschmaschine, der Autolärm. Den ganzen Tag geht das so. Man nennt es „einen ruhigen Tag zu Hause verbringen“. Für mich ist es laut. Ich könnte Musik über den Lärm legen, aber für mich macht das nur noch eine Schicht mehr Geräusch. Ich werde aggressiv, wenn Monsieur (wie gerade eben) im Wohnzimmer seine textlastigen Chansons aus den Sechzigern hört, in der Küche aber noch zusätzlich Radio Nostalgie trällert, ICH höre nämlich beides. (Hier ein Beispiel des Programms von heute Morgen)

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil, ach … schon lange wollte ich etwas zur Hochsensibilität schreiben.

Be a teacher forderte neulich Tim Minchin (ein mir bis vor kurzem nicht bekannter australischer Schauspieler) in Punkt 6 seiner neun Punkte umfassenden amüsanten Life Lesson eindringlich (btw., ich mochte Punkt Zwei besonders gerne: Don’t seek happiness. Happiness is like an orgasm. If you think about it too much, it goes away :D ); Punkt Sechs also lautet: Be a teacher! Please, please, please be a teacher! Selbst wenn man kein Lehrer sei, solle man sein Wissen weitergeben. Das tue ich hiermit.

Wie unendlich dankbar und erleichtert war ich, als jemand im Internet offen seine Hochsensibilität ansprach. KLICK. Es war wie eine Offenbarung. Nach über 50 Jahren wurde mir klar, dass ich anders bin als die meisten anderen. Ich verstand zum ersten Mal, dass ICH SO bin: hochsensibel nämlich. All dieses Überempfindliche, das Schreckhafte, das distanzslose Mitfühlen und -leiden, das Weinen wie ein Kleinkind bei Büchern, im Theater, im Kino. Ich kann nicht nicht weinen, wenn ich berührt bin und ich bin schnell berührt. Alles trifft mich tief im Inneren und bleibt dort lange spürbar. Ich erinnere mich, dass uns in der Buchhändlerschule ein Schauspieler Gedichte vortrug und ich in Tränen ausgebrochen bin. Der Schauspieler war geschmeichelt, dass er mich erreicht hatte, aber ich habe mich geschämt. Und wie sehr erst habe ich mich an der Uni geschämt, als wir den Stummfilm über Jeanne d’Arc sahen und ich haltlos weinte. Alle anderen analysierten danach cool die Lichteffekte und die Kameraführung und ich schniefte in mein Taschentuch. Der Prof hätte gerne gehabt, dass ich etwas sage, denn offensichtlich war ich der Beweis dafür, dass der Film aus den Zwanziger Jahren noch immer funktionierte, aber ich schämte mich zu sehr über meine unintellektuelle Distanzlosigkeit.

La Passion de Jeanne d’Arc, C.T. Dreyer, 1928 – Lamentate, Arvo Pärt, 2002 from trineor on Vimeo.

Seit ich weiß, dass es der Hochsensibilität geschuldet ist, schäme ich mich weniger. So ist es eben. So bin ich. Diese Sensibilität macht aus, dass ich mehr spüre als andere. Auch die Stimmungen der anderen. Wir hatten einmal einen jungen Mann zu Gast, der einen Vortrag vorbereitete und halten würde. Er war supernervös. Ich bat ihm ein Mittel dagegen an, was er empört ablehnte. Er sei nicht nervös, behauptete er. Schließlich musste ich es selbst nehmen, weil ich seine vibrierende Zappeligkeit nicht mehr ertrug und selbst lampenfiebrig, nervös und schlaflos wurde.

Seit ich das endlich weiß, passe ich besser auf mich auf und versuche nicht mehr, das Leben wie alle anderen zu leben und immer noch mehr Arbeit, Events und Begegnungen in den Tag zu quetschen, nur weil alle anderen das auch tun (können). Denn selbst wenn es für alle anderen der normale Rhythmus sein mag, mir ist das alles zu viel, es erschöpft mich. Mich unerbittlich zu fordern, und diese Schwäche (wie ich lange fand) zu übergehen, ließ mich vor dreizehn Jahren in einen fetten Burnout rutschen. So deutlich habe ich das hier noch nie ausgesprochen. Zwischen den Zeilen steht es immer mal. Vielleicht haben Sie es verstanden. Damals wusste ich nicht, warum mir das passierte. Diese totale Erschöpfung bis hin zur Lebensmüdigkeit. Vieles war zusammengekommen und man nannte es Depression. Heute würde ich sagen, es war keine wirkliche Depression, auch wenn die Symptome sich ähneln (was übrigens erklärt, warum die Antidepressiva nie angeschlagen haben). Es war aber sicher ein Burnout, ein Ausgebranntsein, da war keine Lebensenergie mehr, geschuldet einer jahrzehntelangen (Reiz-)Überforderung.

Nach sieben Wochen psychosomatischer Kur kam ich zumindest von der unendlichen Lebensmüdigkeit gerettet zurück ins Leben, aber man kommt nicht „geheilt“ zurück und man „funktioniert nicht wieder“ oder gar „besser“nach so einer Kur. Im Gegenteil, man ist noch immer empfindlich wie ein rohes Ei und sich dessen zusätzlich bewusst und weiterhin anfällig für die gleichen Verhaltensmuster, die zu erneuten Erschöpfungsphasen führen. Dass ich hochsensibel bin, wusste ich da, trotz allem, noch nicht. Ich dachte, es reicht, das Lebensumfeld zu ändern und ging nach Frankreich. Dass ich mich auch dort im lieblichen, ländlichen und langsamen (aber auch wahnsinnig lauten und geselligen) Südfrankreich immer wieder aufrieb und bis heute aufreibe, liegt daran, dass ich nicht verstand, dass ich ANDERS bin und entsprechend anders leben muss. Wobei ein ruhiges, zurückgezogenes und ungeselliges Leben in Südfrankreich noch weniger verstanden wird als anderswo, und vermutlich hätte ich mir besser Finnland als neuen Lebensort aussuchen sollen.

Nun, ich spüre in der Zwischenzeit, wann es mir zu viel wird und versuche rechtzeitig zu stoppen. Es gelingt nicht immer. Der Weg ins Kloster, kompromisslos weg von allem und hin zur Stille, ist dann mein letzter Ausweg. Immerhin WEISS ich nun, was mit mir los ist. Früher ging ich soweit, bis ich nicht mehr konnte, verkrachte mich mit einem „Lasst mich endlich alle in Ruhe, mir ist alles zu viel!“-Gebrüll mit allen Menschen und hatte zusätzlich ein schlechtes Gewissen. Die andere Variante war, mich schweigend in mich abzukapseln. Wie dem auch sei. Ich brauche Ruhe. Viel Ruhe.

Dieses Zitat wird Allan Ginsberg zugeschrieben. Vielleicht ist es auch nicht von ihm, egal, mir geht es aber GENAU SO! Ich schreibe alleine vor mich hin und spreche doch gleichzeitig mit Ihnen. So ist es mir am liebsten. Es ist ruhiger, als wenn ich mich gleichzeitig mit Ihnen allen treffen würde. Das wäre mir auch zu viel. Ich muss das mal sagen, weil so viele von Ihnen mich neuerdings kennenlernen wollen. Das freut mich, aber glauben Sie mir, privat bin ich eine Enttäuschung. Ich bin eigentlich kein sehr geselliger Mensch, oder sagen wir, ich bin es nur punktuell. Es täuscht ein bisschen, wenn man mich nur vom Blog kennt. Hin und wieder habe ich mich in den letzten Jahren mit Lesern oder Leserinnen getroffen, aber für alle bin ich dann in der Regel eine Enttäuschung, nicht, weil ich oder die Begegnung nicht nett wäre, sondern weil ich das einmal mache, den Kontakt aber nicht halte(n kann). Ich kenne schon viel zu viele Menschen, ich schaffe es kaum, die, die mir nah sind, regelmäßig zu sehen oder wenigstens hin und wieder Kontakt aufzunehmen. Ich komme nicht mal dazu, von mir aus, auf andere zuzugehen, weil ich immer schon auf irgendetwas reagieren muss. Mir ist das zu viel. Vielleicht können andere all ihre Freunde und Bekannte besser, häufiger und spielerischer in ihr Leben integrieren. Mehr ausgehen, mehr telefonieren, mehr chatten, whatsappen, was weiß ich. Ich kann es nicht. Ich erkläre es gerne mit der Chemie, ich bin wie ein Elektron, das auch nur eine bedingte Anzahl an Bindungen eingehen kann. Ich habe schon zu viele Bindungen und absolut keine Valenzen mehr frei.

Viele von Ihnen schreiben mir auch aus Ihrem Leben. Es rührt mich immer an, dass Sie mir so viel Vertrauen entgegenbringen. Ich erhalte nicht nur Mails, auch Briefpost, Päckchen, kleine Geschenke. Das ist sehr lieb, ich freue mich sehr! Wirklich. Bislang habe ich Ihnen allen immer geantwortet, etwas, worauf ich sehr stolz war, aber, der Fluch des Ruhms vielleicht, es wird immer mehr. Natürlich lese ich weiterhin alles. Es rührt mich auch immer noch an, aber zurückschreiben, das kann ich gerade nicht mehr oder nur noch punktuell. Ich weiß gar nicht, wie andere Autoren das handhaben?! Haben die eine vorgefertigte Antwort „Vielen Dank für Ihre Mail, über die ich mich sehr freue, aber bitte haben Sie Verständnis, dass ich Ihnen nicht persönlich zurückschreiben kann“ – so ewas in der Art? Haben die eine Sekretärin, schicken die zwei Smileys und ein Herzchen, eine signierte Autogrammkarte oder antworten die gar nicht?! Dann wird einem vermutlich auch nicht mehr geschrieben.

Ganz ursprünglich ist der Blog, den ich führe, aus dem Bedürfnis entstanden, meiner Familie und meinen Freunden aus meinem Leben zu erzählen, ohne jeden einzeln anzuschreiben, und ich lade meine deutschen Freunde immer ein, meinem Blog zu folgen (nicht alle tun das), damit sie das Wichtigste aus meinem Leben mitkriegen. Insofern ist der Blog das Medium, mit dem ich alle zu erreichen und „zufriedenzustellen“ suche. Ich liebe den Blog, das Schreiben, ich liebe das Internet. Ich lese eine Handvoll anderer Blogs gerne. Gerade habe ich Instagram entdeckt, ein bisschen spät, ich weiß, aber ich war im Prinzip schon mit dem Blog und Facebook ausgelastet. Instagram ist nett, unkompliziert und schnell, und man kann dort schnell mal was hochladen. Zack. Aber es geht auch gegen Unendlich die Bildchenguckerei und Kommentieren muss man ja auch. Ich schaffe das alles gar nicht. Gerade ist mein Real-life sehr fordernd und mir ist dieses Jahr vorzeitig die Puste ausgegangen. Ich komme nicht mehr zum Schreiben. Ich lese nicht mal mehr die anderen Blogs. Es macht mich wütend, dass andere so viel Energie haben, um täglich zu schreiben und ich nicht. Ich müsste schließen, so wie manche Ärzte, die ihr Kontingent an medizinischen Zuwendungen schon im Oktober aufgebraucht haben und nur noch akute Notfallpatienten, wenn überhaupt, behandeln. Ich reagiere auch nur noch da, wo es unumgänglich ist.

Und jetzt ist es auch noch Advent. Noch mehr Aktion. Ich will es dieses Jahr alles nicht machen. Keine Adventsdeko, weder Plätzchen noch Christstollen backen, keine Geschenke suchen. Ich will kein Klingelingeling und keine Kerzen und keinen Zimt, und ich will es nicht mal schön haben, ich will nur meine Ruhe. Dass ich hier und heute schreibe, verdanke ich dem Umstand, dass es in den Bergen heute schneit und wir wegen der schwierigen Straßenlage daher kurzfristig nicht zum Weihnachtsmarkt gefahren sind. Der erste freie Tag seit Monaten. Dem Himmel sei Dank.

 

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Glückstag in Grün und Gold

Immer kommt alles zusammen! Gleich zweimal Briefpost heute! Ein grün-blaues Gesamtkunstwerk und ein goldener Gingkobrief! Von Herzen Dank an Marianne und Jutta! Handgeschriebene Zeilen und von Hand umhäkelte Taschentücher sind einfach großartig! Und das Täschchen ist sogar abgefüttert! Was für eine Geduldsarbeit! Merci!

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Am Rand von Ostermundigen …

… haben wir übernachtet, auf dem Weg nach Deutschland. Und sofort wusste ich, dass ich den Anfang des Blogbeitrags damit beginnen würde. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern? „Der Rand von Ostermundigen“ heißt eine der skurrilen Kurzgeschichten von Franz Hohler aus den Achtziger Jahren, in der ein Mann einen Telefonhörer abnimmt und sagt „Dies ist der Rand von Ostermundigen“. So fängt sie zumindest an, die Geschichte. Ich habe sie nachgelesen, denn ich konnte mich nicht mehr erinnern, wie es weiterging mit dem Mann und dem Telefon am Rand von Ostermundigen. Ich hatte aber niemals in Erwägung gezogen, dass es Ostermundigen wirklich geben könnte. Jetzt aber nächtigten wir am Rand von Ostermundigen, das wiederum am Rand von Bern liegt. Es passierte aber nichts Groteskes. Weder klingelte das Hoteltelefon noch mein Handy, um mir die Nachricht zu überbringen, dass dies der Rand von Ostermundigen sei, und es schickte auch niemand eine SMS. Schade eigentlich. Das wäre doch mal ein schönes Literaturhappening gewesen. Aber vielleicht haben es die Ostermundiger auch satt, dass man sie ständig mit diesem Satz in Verbindung bringt und mit nichts anderem sonst. Oder vielleicht bräuchte man dafür WhatsApp, das in Deutschland wohl alle haben, nur ich nicht. Die Freundin einer Freundin erklärte mir in diesem Sommer ausführlich die Vorteile von WhatsApp, alles schneller und unkomplizierter undsoweiter. Mirdochwurscht, dachte ich. Immer schneller will ich nicht. Hier rächt sich vermutlich, dass ich keine Kinder habe, mit denen ich „auf Klick- und Augenhöhe“ in Kontakt bleiben will. Mails und SMS’en sind wohl definitiv out. So schreiben nur noch die Alten. Genau wie FB. Da sind auch nur noch die Alten. Das erklärte mir kürzlich Monieurs 13jähriger Enkel. Wenigstens Instagram sollte ich haben, wenn ich nicht ganz den Anschluss verlieren wolle. Ich komme mir wieder mal dinosauriermäßig alt vor und fühle mich sehr müde. Tatsächlich kann ich an den Messetagen auch nicht, wie alle, schnell mal eben noch zusätzlich ein Foto hochladen und veröffentlichen: Hier bin ich! Das mache ich! Noch jemand hier? Ob das jetzt am fehlenden WhatsApp liegt oder an meiner zunehmenden Landpomeranzenlangsamkeit oder der abnehmenden Multitaskingfähigkeit im Alter sei dahingestellt.

Wie dem auch sei, ich schleppte die Erinnerung an Franz Hohler und seine Kurzgeschichten („Die Rückeroberung“ hat mich auch sehr beeindruckt damals!) während meines Deutschlandaufenthalts mit mir herum und murmelte hin und wieder „Dies ist der Rand von Ostermundigen“, damit ich es ja nur nicht vergesse, womit ich anfangen will, wenn ich erst mal wieder Zeit zum Schreiben finde.  Macht Herr B. genauso. Bei ihm geht es zuweilen so weit, dass er vor lauter Memorieren glaubt, den Text wirklich geschrieben zu haben. Nun, ich weiß sehr wohl, dass ich den Text, der mit „Wir haben am Rand von Ostermundigen übernachtet“ gerade erst schreibe. Und eigentlich wollte ich Herrn B. nicht schon wieder zitieren, es könnte so aussehen, als wollte ich mich einschleimen. Aber was wollen Sie machen, mir geht’s oft ähnlich, nur er formuliert es eben öffentlich als erster. Bleibt mir die Rolle derer, die mit aufgerissenen Augen „Das wollte ich auch gerade sagen!“ ausruft. Herr B. schrieb außerdem ein, zwei Blogtexte mit kurzen Gesprächsfetzen, die er unterwegs aufgeschnappt hat. Nette Idee. Könnte mir in Frankreich nie passieren, denn, wenn ich mich nicht darauf konzentriere, läuft französisches Gespräch am Nebentisch oder im Bus oder wo auch immer nur als diffuses Geräusch an meinen Ohren vorbei. Ich lebe in Frankreich in einem steten Geräuschbrei. Wie sehr, merke ich in Deutschland, wo ich erschrecke, weil ich alles plötzlich verstehe, auch das banalste auf Deutsch geführte Gespräch anderer dringt in meine Ohren ein, und ich kann NICHTS dagegen tun! So war das doch früher nicht? Oder doch? War ich nur daran gewöhnt, die Ohren irgendwie zuzuklappen? Was auch immer, es geht nicht mehr. Ich bin in Deutschland den Gesprächen anderer geradezu ausgeliefert. Ich könnte in zwei Tagen ein ganzes Buch mit Gesprächsfetzen füllen, wenn ich die Zeit hätte, sie aufzuschreiben. Zwei junge Frauen sprechen im Frühstückssaal (eines anderen Hotels) gut hörbar und ausführlich über Verhütungsmittel. Pille oder Spirale? Muss ich das wissen so früh am Morgen noch vor dem ersten Kaffee? Ich kann nicht weghören. Später diskutieren zwei Studentinnen in der Straßenbahn ihre Hautprobleme. Ich will auch das nicht wissen, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich denke wieder ernsthaft darüber nach, mir diesen teuren Noise-ReductionCancelling-Kopfhörer zuzulegen. (Falls Sie so etwas haben und Ihre Erfahrungen mit mir teilen wollen, bitte gerne! Ich habe es schon mit banalen Baustellen-Ohrschützern probiert, einfach nur, um mich vor zu viel Lärm zu schützen, war nicht teuer, funktioniert aber auch nur bedingt.)

In Deutschland war zunächst eine große und sehr schöne Hochzeit in einem kleinen schnuckeligen Dorf, mit einer weniger schnuckeligen Hotelwirtin, die mich gleichmal angefahren hat „Hawwe Sie kei Navi?“, nur weil wir nicht pünktlich, wie ausgemacht, um Zwölf angereist waren (wir hatten uns natürlich verfahren!) Nein, Navi haben wir nicht in dem alten kleinen Auto, das meiner Schwiegermutter gehört. Dass mein Handy tatsächlich auch Navi kann, habe ich erst später festgestellt.

Während der Hochzeitsfeier (ein schönes, sehr entspanntes, fröhliches Fest) war für mich leider viel zu wenig Zeit, um mit allen Menschen, mit denen ich gerne noch gesprochen hätte, zu sprechen. Wir nämlich gingen früh schlafen und reisten am Folgetag noch früher ab, um, schwupps, am Rand von Gießen zu landen: Schöne Matinée Lesung hier, wir berichteten! Dann kurzes Eintauchen in Familie, am Rand von Heidelberg, und hier sahen wir dann auch den kleinen Film, den das ZDF gedreht hatte! Wow! Sich selbst im Fernsehen zu sehen und zu hören, ist zunächst befremdlich und auf jeden Fall aufregend (der Beitrag beginnt ab Minute 11,25).

Auf zur Buchmesse: Diesmal logierten wir am Rand von Frankfurt. Ein riesengroßes Dankeschön geht an A. und H.! Wir hätten keine bessere Unterkunft und vor allem keine besseren Gastgeber finden können. Unkompliziert, herzlich und hilfsbereit. Wow! Das Haus, ruhig (!) am Rande von Frankfurt liegend und doch prima angebunden. Genial. Von Herzen Dank! Ich hoffe, ich kann das irgendwann genauso zurückgeben. (Ich bin übrigens immer mal wieder stolz auf den funktionierenden Nahverkehr in Deutschland. An diesen grünen Herzen fuhr der Bus jeden Morgen vorbei.)

Und jetzt begann der Rausch: Auf dem Weg zum ersten mittäglichen Restaurant kamen wir an der Buchhändlerschule vorbei, MediaCampus heißt es heute. Ich bremse und fahre entschlossen dort auf den Parkplatz. Muss ich Monsieur zeigen, diesen Ausbildungsort meiner Jugend. Wie gerne war ich hier! Und es sieht immer noch so aus wie damals. Die Sekretärin im Eingangsgebäude und ich erinnern uns gegenseitig wehmütig an vergangene Zeiten und werfen uns die Namen der Lehrer wie Pingpongbälle zu.  Dann schiebt sie mir den Schlüssel über die Theke: „Sehen Sie sich ruhig um, Sie wissen ja noch wo die  Bibliothek ist, oder?“ Hach! Ich schwelge in Erinnerungen an Orte, Menschen und Begebenheiten.

Abends dann große, elegante Soirée im neu designten Sofitel in Frankfurt. Atout France hatte Journalisten, Reiseveranstalter und handverlesenes VIP Publikum eingeladen, um die Champagne und Cannes zu bewerben. Es gab feinste Häppchen, Champagnerverkostung, Livedrawing und Lesungen von Carole Martinez und Christine Cazon in Sälen, die Marais I und Marais II heißen. Lena Bopp von der FAZ moderierte und Carole Martinez las aus  „Das genähte Herz“.  Christine Cazon las von Herbststürmen auf der Insel vor Cannes, von deftigem Rindfleischeintopf und rotem Landwein, während die Zuhörer  am Jahrgangs-Champagner nippten. Danach gabs auch für die Autorinnen einen Salat, es wurde geplaudert, fotografiert und signiert (Das Foto stammt allerdings vom Buchmessestand).

Und dann war endgültig Buchmesse. Christine Cazon war mehrere Tage am Stand von Atout France und es kamen tatsächlich jede Menge Menschen von nah und fern, um sich Bücher signieren zu lassen und zu plaudern. Das eine oder andere kritische Gespräch mit Buchbloggern wurde auch geführt.

Lustig war die Begegnung mit einem französischstämmigen Iren, mit dem ich auf Deutsch über Cannes sprach und er sagte: „Ihr Deutsch ist ausgezeichnet!“ „Ich bin Deutsche“, gebe ich zurück. „Ich lebe in Frankreich und bin mit einem Franzosen verheiratet, aber ich bin Deutsche.“ Er wollte es mir nicht glauben. „Sie sind Französin!“ „Nein“, sage ich, „wir können gern Französisch miteinander sprechen, aber ich bin Deutsche.“ Das ging so ein bisschen hin und her und während ich ihm auf einen Stadtplan von Cannes „à bientôt à Cannes“ schreibe, sagt er: „Sie haben da eine schöne französische Persönlichkeit entwickelt!“ Da sehen Sie’s. Ich werde doch noch zu Docta Jeykill und Missis Hyde.

Abends lud Kiepenheuer & Witsch ein und es wurde ein absolut netter und gut gelaunter Abend, lecker war es sowieso (ich kann nicht alle Restaurantbesuche aufzählen, aber Monsieur aß während des Aufenthaltes abwechselnd Schnitzel oder Bratwurst und trank sich durch alle Biersorten, die angeboten wurden.). Wir plauderten mit alten und neuen Kollegen, mit Cora Stephan und Monika Peetz, ein bisschen auf Französisch mit Kamel Daoud (!) und später drückte ich noch Sven Regener die Hand und sagte den absolut originellen Satz, den er so vermutlich noch nie gehört hat: „Ich bin ein großer Fan!“ Er verdrehte aber nicht die Augen, was ich ihm hoch anrechne.

Ich bekam von Marion diesen arte Film aus der Serie „Durch die Nacht“ zugeschickt, den ich hier nachträglich einbaue: Kamel Daoud und Leila Slimani im Gespräch. Selten so ein offenes, großartiges Gespräch gehört und gesehen. Die Musik von Hindi Zarah ist für mich eine weitere Entdeckung. (Anschauzeit fast eine Stunde!)

Freitags hatte ich keine Messetermine und lief ein bisschen durch Frankfurt und war absolut überfordert von dem großen Buchkaufhaus, das aber immerhin meine Bücher (alle mehrfach) vorrätig hatte, so etwas überprüft man ja gerne mal.
Ich hätte den französischen Kindern gern ein bisschen schönen Schnickschnack mitgebracht, aber es gab so viel, dass ich letzten Endes gar nichts kaufen konnte. Und ich verstand zum ersten Mal meinen eigenen Beruf: „Der Sortimentsbuchhändler wählt aus einem großen Warenangebot für seine Kunden interessante Titel aus und hält sie bereit.“ (Und Non-books, würde man heutzutage wohl noch hinzufügen, damals gab es das noch kaum und ich erinnere mich wieder an Herrn Paulerberg, in der Zwischenzeit verstorbener, damals vielgehasster Lehrer, der uns drängte, Kleinkram (damals gab es gerade mal Kalenderchen und Lesezeichen, HA!) an der Kasse aufzustellen und überhaupt ins Sortiment zu nehmen!) So oder ähnlich lautet ein Satz, den ich zwar immer noch auswendig hersagen kann, ohne ihn bisher richtig verstanden zu haben. Jawohl! Es lebe der kleine Sortimentsbuchhandel! Wo immer er noch lebt, unterstützen Sie ihn! Später ging ich am Römer vorbei und über den Eisernen Steg und erinnerte mich an früher, an Flohmärkte und Caféhäuser mit Papageien und Äffchen, und an Spielzeugläden mit Vitrinen voller Puppenhausmöbel, und ich ließ das Städel dann doch links liegen und schlenderte stattdessen durch Sachsenhausen und kaufte in einem netten Schuhladen mit kompetenter und freundlicher Beratung meinen schon Messemüden Füßen ein Paar weiche petrolblaue Schuhe.

Es wurde noch einmal mit Freunden österreichisch gegessen, einen Abend später aber schleppte ich Monsieur in eine Apfelweinstube, er muss Apfelweinsecco probieren  und Apfelwein trinken und nach dem ersten halben Liter, den er mit verzogenem Gesicht mutig hinunterstürzte, hatte er sich dran gewöhnt. Hier gab es dann ausnahmsweise ein Kilo Schweinshaxe.

Dann wieder Messe as usual. Morgens am Stand von Atout France, später ein bisschen am Stand von Kiepenheuer & Witsch und dann ein Abstecher in den französischen Pavillon. Er hat irgendeinen Designpreis erhalten, sieht aber nur aus wie ein Haufen einfachster Ikea-Regale.

Wir hatten das Glück, gerade an einer (französischen) Podiumsdiskussion teilnehmen zu können, bei der auch Kamel Daoud sprach. Seine kritische Haltung zum Islam macht ihn nicht überall beliebt. In Algerien trachtet man ihm nach dem Leben. In Paris übersieht  man ihn hochnäsig.

Im Gewühl verlor ich Monsieur und wartete am Verlagsstand, unausgemachter Treffpunkt, auf ihn, er kam aber nicht, stattdessen lief ich in eine beste Freundin von früher, oder sie lief in mich, auf jeden Fall stehen wir uns kurz verdutzt und mit offenem Mund gegenüber. Seit zwölf Jahren haben wir keinen Kontakt mehr. Das Leben eben. In einer Stunde holen wir 12 Jahre auf und es ist sehr aufregend und aufwühlend.

Ich fühlte mich am Ende der Messe und des Deutschlandaufenthalts rundum satt und voll und gleichzeitig erschöpft von all den wundervollen Begegnungen mit LeserInnen, KollegInnen, AutorInnen, FreundInnen und Familie; und egal ob kurz oder lang, sie waren alle schön und sehr intensiv! Danke Euch/Ihnen allen!

Noch einmal geht es weiter, kurz an den Rand von Mainz, dort noch ein Abend mit Freunden (Bratwurst und Weihenstephaner Festbier und Kräuterlikör für Monsieur) und am nächsten Tag, bei wunderschönstem warmen Herbstwetter, fahren wir in einem Rutsch nach Hause. Ich wäre gern noch zwei, drei Tage irgendwo in Deutschland geblieben, um den unglaublich sonnigen, warmen Herbst zu genießen, mit Morgennebel und bunten Blättern (auf der Messe habe ich als Ersatz ein Herbstplakat fotografiert!) und um runterzukommen, ich konnte nämlich trotz erschöpfter Müdigkeit vor aller Aufgedrehtheit kaum noch schlafen, aber Monsieur zog es mit Macht gen Heimat.

Da sind wir also wieder. Ich habe mich gleichmal für einen Aquagymkurs eingeschrieben. Man muss ja was tun. Und der Ort an dem der Kurs stattfindet, ist so unglaublich schön, dass ich, trotz fehlendem Herbst, diesmal von Cannes ganz bezaubert war.

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