WMDEDGT 02/2017

Heute ist, wie jeden 5. des Monats, WMDEDGT dran. Tagebuchbloggen. Die reizende Frau Brüllen, die jeden, jeden Tag schreibt, ruft einmal im Monat dazu auf, es ihr gleichzutun.

7.59 Uhr: wach geworden, Pepita liegt schwer zwischen meinen Füßen. Darf sie eigentlich nicht, aber sie schleicht sich jede Nacht irgendwann aufs Bett, meistens spüre ich es, weil sie Tendenz hat, sich massiv anzukuscheln, heute Nacht habe ich es nicht gespürt. Monsieur schläft (wieder) tief und fest – er war, wie zur Zeit fast jede Nacht vermutlich gegen 3 Uhr wach, hat Geschirr gespült, gegen den PC ein paar Runden Bridge gespielt und legt sich gegen 5 oder 6 Uhr nochmal wieder hin. Da ich unter der Woche jetzt gegen kurz vor 5 Uhr aufstehe (!), treffen wir uns manchmal auf dem Weg vom/ins Bett.

Ich koche mir Kaffee, esse ein getoastetes Brot mit der flüssigen Orangenmarmelade, Pepita trinkt Wasser aus dem Wasserhahn. Danach macht sie mir „un gros câlin“ wie man hier sagt: eine Katzenliebeserklärung mit Schnurren, Reiben, auf dem Bauch herumtreten und sie lässt sich dann gemütlich auf meinen Knien nieder.

8.32 Uhr: Pepita hüpft von meinen Knien und ich stehe auf und setze mich am Esstisch an das Notebook. Blick auf den nass-hellgrauen Himmel. Ich habe Rücken und Arm, der Rücken lehnt an einer Wärmflasche, der Arm liegt beim Schreiben auf dem Tisch. Rücken ist auch ein Matratzenproblem, und hallo, falls ein Matratzenproduzent hier mitliest, ich würde auch gern eine Matratze testen! 160×200 bitteschön. Wobei ich auch mit unserer, noch nicht allzu betagten, oder besser benachteten, Matratze anfangs super zufrieden war. Was sind schon hundert Nächte im Leben einer Matratze (der Zeitraum, den ein Matratzenhersteller manch einer Dame in meinem Blogumfeld zum Testen der Matratze zugesteht). Aber wie sieht es nach zwei, drei oder mehreren Jahren aus? Oder was ist neuerdings der empfohlene Rhythmus für den Matratzenwechsel?

8.59 Uhr ich schreibe hier, dabei wollte ich zunächst anderes schreiben. Das tue ich jetzt. Dabei sehe ich ein Stück eines Filmchens.

11 Uhr. Monsieur reserviert für uns einen Tisch in unserem Lieblingsrestaurant in Théoule, Attention! Geheimtipp! Dort gibt es heute ein achtgängiges Menü rund um den Fisch. Ich schreibe noch ein bisschen am anderen Text, dann hübsche ich mich auf und wir fahren durch den Regen, an bewegtem Meer vorbei, bis nach Théoule.

12.30 Uhr sitzen wir an einem der quadratischen Tischchen und schon gehts los. Ein Dégustationsmenü, 8 Gänge, drei (kleine) Vorspeisen, drei (kleine) Hauptgänge und zwei (kleine) Desserts, Apéro, Wein, Wasser und Kaffee gehören dazu. Wir essen. Acht Gänge, aber es sind wirklich nur Häppchen, wenn man viel Hunger hätte, wäre man verloren; alles schön anzusehen, sehr fein vom Geschmack. Viel mehr passiert nicht mehr heute.

16.15 Uhr. Wir bezahlen und fahren wieder heim. Die Sonne kommt etwas raus und wir sehen ein Stück Regenbogen über dem Meer.

16.45 Uhr: Monsieur kann gerade noch die Schuhe ausziehen, dann fällt er schon in eine komatöse Sieste, denn er hat den Apéro und den Wein für zwei Personen ganz alleine getrunken (wir lassen nichts umkommen und der Wein war gut). Ich lege mich (mit Wärmflasche) auch kurz hin, vor allem, um mich aufzuwärmen, ich habe Eisbeine. Französische Bistrots und Restaurants sind im Winter eisekalt: schlecht isoliert, zugige Fenster und Türen, keine Heizung. Ich schlafe aber auch einen Moment ein.

18.00 Uhr: Monsieur holt seine Mutter bei einer Cousine ab und bringt sie nach Hause. Ich sehe Filmchen und schreibe meinen Text (s. o.) zu Ende.

Später am Abend schaut Monsieur fern und ich höre Marine Le Pen mit feierlicher Stimme sagen, sei sie die „Kandidatin des Volkes“. Sie hat heute ihr Programm vorgestellt, 144 Punkte umfasst es, aber weder Monsieur noch ich haben dafür heute Abend noch Aufnahmekapazität. Sie wird gerade, nur damit Sie das wissen, neben Macron als aussichtsreichste Kandidatin für die Präsidentschaft gesehen. Fillon krallt sich noch an sein „Amt“ als Kandidat fest („Ich bin gewählt worden!“) und das, obwohl ihn keiner mehr will, und Benoît Hamon wird nicht genug Stimmen bekommen. Es wird, so viel ist sicher, eine spannende Wahl. Nichts ist vorhersehbar.

22 Uhr. Monsieur schläft schon. Ich auch gleich. Dies war ein sehr französischer Sonntag.

Danke fürs Lesen, andere Tagebuchblogger, wie immer, am Ende von Frau Brüllens Beitrag.

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La La Langweilig

Kann es sein, dass ich der einzige Mensch bin, dem La La Land nicht gefallen hat? Oder wagt es nur kein anderer mehr zu sagen, nachdem dieser Film so viele Golden Globes abgeräumt hat? Er MUSS doch toll sein, er MUSS mir doch Lust gemacht haben, zu singen und zu tanzen, wenn alle das sagen, oder? Aber, oh Gott, NEIN, hat er nicht. Ich habe mich gelangweilt. Ich hatte sogar zwischendurch Lust, aufs Handy zu schauen for some interesting news, und das ist vielleicht für Sie normal, aber nicht für mich. Der Film hat mich nicht mitgerissen, auch wenn ich die erste Szene mit den über die Autodächern tanzenden Menschen vielversprechend fand, danach wurde es banal, fade und dünn, sehr sehr dünn: Die Handlung, die Stimmchen, der Tanz. Grmpf.

Und das alles im bonbonrosafarbenen Dekor Hollywoods. Natürlich verstehe ich, was der Film will, mit all seinen „Zitaten“ und Anspielungen, ich verstehe auch die Botschaft, jaaa sicher, aber es plätschert so vor sich hin und an mir vorbei. Das hat man alles schon gesehen. Und die Palmen, den Glamour von Hollywood, die Sonnenuntergänge, gähn, ich bin vermutlich zu alt und zu versnobt, denn weder das noch Paris auf Pappkarton und Geschichten von jemandem, der barfuß in die Seine springt, wirklich, das reißt vielleicht zwanzigjährige Amerikanerinnen vom Hocker, oh how’s that romantic, aber nicht mich müde, alte Europäerin. Dann sehe ich mir lieber nochmal Singing in the Rain oder Ein Amerikaner in Paris an.

Eine kritische Stimme habe ich gefunden, es irritiert mich, dass es schon wieder in dieser Zeitung ist, die ich früher nicht gelesen habe, ist es das Alter, das mich konservativer macht?! Die Kritik ist natürlich schrecklich film-intellektuell, als Filmkritiker hat man natürlich wirklich alles schon gesehen, und weiß genau, woher manche Ideen und Szenen eigentlich stammen, sieht Zusammenhänge und hat tiefere Einsichten, dem kann ich manchmal nicht ganz folgen, auf jeden Fall aber heißt es dort, dass der Film im Grunde ein Remake des französischen Films Les Demoiselles des Rochefort sei, den ich mir daraufhin natürlich angesehen habe. (Kriegen Sie auch hier, in der besten Qualität die ich finden konnte, immerhin der ganze Film, aber eben Französisch und leider mit spanischem Untertitel :D ).

Und ja, es gibt Ähnlichkeiten, es wird in bunten Farben gehüpft, getanzt, gesungen und geliebt, (und Gene Kelly spielt mit, neben Catherine Deneuve und Michel Piccoli), aber ein Remake, hm, ich weiß nicht, aber natürlich würde ich niemals einem Filmkritiker widersprechen. Von diesem Film aber kam ich zu Les Parapluies de Cherbourg, auch da wird gesungen, geliebt und sich verlassen (ALLES wird gesungen, das ist dann doch ein bisschen anstrengend!)

Diese Geschichte (ein Liebespaar, er muss „weit fort“, sie, von ihm schwanger und ohne Lebenszeichen von ihm, heiratet gezwungenermaßen einen anderen) erinnert mich allerdings ganz stark, nein, nicht an Singing in the Rain, wie man bei den Regenschirmen denken könnte, sondern an Marcel Pagnols Marius. Letzten Endes ist wohl alles schon mal da gewesen, und selbst mein absoluter Lieblingsfilm The Artist hat sich einen Teil seiner Geschichte ausgeliehen, diesmal aber von Singing in the Rain. Ich schwöre, ich habe den Titel meines Beitrags selbst ausgedacht! Anyway, das sind alles wunderbare Filme für einen verregneten Sonntagnachmittag auf der Couch!

ps: Der Inhalt (und Text) der Demoiselles de Rochefort ist übrigens recht freizügig, uneheliche Kinder, Sex und anderes wird offen ausgesprochen: „denkst du nicht, wie sehen in den Kostümen ein bisschen nuttig aus?“ fragt eine Schwester die andere.

Eine andere Szene in Les Demoiselles de Rochefort finde ich aus heutiger Sicht wirklich unglaublich: Yvonne, Cafébesitzerin, kann nicht weg aus dem Café, um ihren jüngsten Sohn (unehelich, wie auch schon die beiden Zwillingsschwestern) von der Schule abzuholen und bittet zwei unbekannte Männer des Zirkus‘, der gerade in die Stadt kam, und die bei ihr etwas essen, ihr Kind abzuholen. Vor der Schule wartet zwar schon brav die Halbschwester, Catherine Deneuve, auf den kleinen Bruder, sie gibt ihn aber, ohne mit der Wimper zu zucken, an die beiden unbekannten Männer ab, weil sie besseres vorhat. „Das ist auch bestimmt keine Entführung?“ fragt sie. „Wenn, dann würden wir es Ihnen nicht sagen“, antworten die Männer. „Das stimmt natürlich“, sagt sie und lässt den Bruder daher in der Obhut der beiden Männer, die ihm Bonbons kaufen! Ich fasse es nicht.

Wenn Sie wüssten, wie französische Schulen heute gesichert sind, mit Mauern und Toren und Sicherheitspersonal. Und sehr kleine Kinder müssen sogar persönlich abgeholt werden und dafür unterschreiben Sie auf einer Liste, auf der Sie natürlich stehen müssen. „Ich kenne Sie nicht“, sagt die Aufsicht führende Lehrerin streng zu mir und fragt das Kind vorsichtshalber, wer ich sei. Und das Kind, sonst lustig und frech, sagt eingeschüchtert „das ist Christjann“. Und auf die Frage, wer ich denn für sie sei, Tante, Großmutter, Nachbarin, sagt es verlegen: „Ich weiß nicht.“ Ha! Die Aufsicht führende Lehrerin sieht mich kritisch an. Ich versuche zu scherzen, sage, „ich bin die dritte Großmutter“, haha, aber die Lehrerin findet das nicht komisch. Ich erkläre, ich sei Stiefgroßmutter, die zweite Frau des Großvaters, verhaspele mich dabei und es klingt so, als habe Monsieur mehrere Frauen, aber, sage ich, „ich stehe auf der Liste“. „Aha“, sagt die Lehrerin, aber es stimmt, und ich habe auch meinen Personalausweis dabei und unterschreibe, dass ich das Kind entführen werde. Das glaubt zumindest die Lehrerin.
Vor fünfzig Jahren konnte man sein Kind in Frankreich einfach von zwei fremden Männern von der Schule abholen lassen. Und vor knapp fünfzig Jahren bin ich in Deutschland einfach alleine von der Schule nach Hause gegangen. Les temps changent.

pps: gerade noch das hier gefunden: alle Film“zitate“ von La La Land

La La Land – Movie References from Sara Preciado on Vimeo.

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… und Dalida

Jetzt habe ich doch tatsächlich Dalida vergessen, spricht für sich, möchte man meinen… Ich war gestern nämlich noch im Kino, ganz alleine. Ich wusste schon, dass mich niemand begleiten wollte, ich hatte auch keine Lust auf kritische Bemerkungen und genoss meine anderthalb Stunden Kitsch. Man braucht ja hin und wieder etwas Auszeit von der Wirklichkeit, n’est-ce pas?!

Dalida, der Film bekam hier fast nur freundliche Kritiken, niemand wollte Orlando, den Bruder Dalidas, Ex- und immer noch Manager der verstorbenen Sängerin, kränken. Alle lobten ausschließlich und zunehmend enthusiastisch „das Casting“, also die Schauspieler, die extrem gut gewählt seien, und ja, die Dalida-Darstellerin Sveva Alviti ist glaubwürdig, „émouvante“ wird auch gesagt, und man leidet wirklich mit, wenn sie „Je suis malade“ singt. Sie hat feinere Gesichtszüge als Dalida, was dem Bild Dalidas aber nicht abträglich ist. Ansonsten fand man wohl nicht viel zu diesem Film zu sagen.

Er ist nach einer Biographie, die Orlando über das Leben seiner Schwester verfasst hat, entstanden, und Orlando ist ebenso einer der Produzenten. Er hatte schon mehrere Filmprojekte, die ihm nicht angemessen erschienen, im Vorfeld abgelehnt. Der Film ist also keine kritische Aufarbeitung von was auch immer, sondern ein Hochglanzporträt, das zur Legendenbildung Dalidas beitragen soll und vermutlich auch wird: Für mich war es wie anderthalb Stunden Zeitschriftenblättern beim Friseur: Dalida, ihre Lieder, ihr Erfolg, ihre Männer (die sich, und das ist wirklich tragisch, fast alle umgebracht haben), ihre Einsamkeit und Komplexe, und ihre Selbstmordversuche. Dass sie neben dem Singen und der Liebe auch noch etwas anderes im Kopf hatte, wird mit einer etwas aufgesetzt wirkenden Szene, in der sie Heidegger liest, bewiesen; die philosophische Phase dauert aber nicht allzulang, dann gibt es schon den nächsten Liebhaber.

Ganz ehrlich, der Film ist leicht, um nicht zu sagen seicht, nicht aufregend erzählt und man muss Dalidas Lieder schon mögen, um ihn zu genießen. Ich war auf Kitsch à la Gala eingestellt und wurde nicht enttäuscht :) Es gab ein paar berührende Momente, aber auch Längen. Lust, ihre Lieder zu hören, habe ich aber immer noch. Kleine Auswahl gefällig?

ps: Danke für den Schlusspunkt und das wahrhaftige und traurige Lied, das im Film auch am Ende läuft. Dalida hat sich im Mai vor 30 Jahren in Paris das Leben genommen.

 

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Plaudereien: Politik, Orangen und Mangold

Bon. Nur wenige politische Details heute, aber es geht mit Herrn Fillon hart zur Sache. Manche sagen, er sei fini und im Hintergrund suchten sie schon einen Nachfolger. Möglich ist das. Juppé hat vorsichtshalber schon abgewinkt. Und letzte Meldung: Marine Le Pen hat so ein ähnliches Problem mit ihren Mitarbeitern, die sie über das Europa Parlament bezahlen ließ, sie schreit ebenso „Skandal“ aber ihre Wähler, sagte gestern eine Journalistin „seien ‚etwas autistisch‘ und sie stünden, anders als bei Fillon, dennoch geschlossen hinter ihr.“

Nein, heute gibt es etwas südfranzösische Leichtigkeit. Ich sehe nämlich, wie oft „Orangenwein“ angeklickt wird, nicht wahr – aber Orangenwein mache ich persönlich nicht mehr, ich mache nur noch Konfitüre aus Bitterorangen. Gestern habe ich sie gekocht, nach einem (klick) bewährten Rezept. Leider ist sie, wie schon letztes Jahr, nicht fest geworden. Ich werde sie also noch einmal kurz aufkochen und mit Agar Agar gelieren lassen. Das hat letztes Jahr dann gut geklappt, und das sehr Glatte, das die gelierten Speisen mit Agar Agar annehmen, finde ich bei Konfitüre gut (nicht so bei Panna cotta, so viel zu meiner unmaßgeblichen Food-Meinung). Ich weiß nicht, warum die Konfitüre nicht mehr fest wird, anfangs hatte ich diese Probleme nicht. Letztes Jahr dachte ich, es läge an der schwindenden Energie unserer Orangenbäume und ihrer Früchte. Die Bäume sind schon sehr alt, die Orangen wurden immer leerer, sprich, sie hatten kaum noch Fruchtfleisch und so gut wie keine Kerne mehr. Dieses Jahr trugen unsere drei Bäume zusammen gerade mal 5 (in Worten fünf) kleine Orangen. Damit kann man gar nichts mehr machen und ich musste mit erbettelten Fremdorangen, die größer sind und dunkleres Fruchtfleisch haben (und viele Kerne), experimentieren. Die Konfitüre wurde dunkler, geschmacklich prima, aber, trotz besserer Orangen, nicht fest. Ein Alternativrezept, gefunden bei Micha, das vielleicht nächstes Jahr ausprobiert wird, gebe ich Ihnen auch mal. (Lassen Sie sich nicht täuschen, nach der Minestrone (die Sie natürlich auch nachkochen können) gibts den Link zur Orangenmarmelade.)

Orangenmarmelade  kopfüber  auslöffeln  Orangenmarmelade

Ich habe außerdem eine niçoiser Spezialität gebacken: la tourte de blettes. Mangoldkuchen. Das ist, anders als man denken könnte, keine salzige Angelegenheit, sondern ein süßer Kuchen! Meine erste tourte de blettes habe ich in Nizza in der Altstadt in einer winzigen Bäckerei erstanden und ich erinnere mich immer noch, wie überrascht ich von dem fremden Geschmack war (ich wusste damals nicht mal, WAS ich aß, war nur von dem Blech mit dem Kuchen in der Auslage so angezogen). Etwas gewöhnungsbedürftig ist es vielleicht, aber ich bin dieser tourte verfallen.

Mangold ist ein altes Gemüse, das, wenn ich es richtig sehe, wieder im Trend liegt, hier im Süden Frankreichs aber nie vergessen war. Mangold wächst angeblich wie Unkraut, wenn man ihn einmal angepflanzt hat, und vermutlich hatten die Bauern davon einfach zu viel und die Nase voll von der salzigen Mangoldtarte, die man hier auch macht (bei Micha gibt es allein 28 salzige Mangoldrezepte!), und sie haben daher eine süße Tarte für den Mangold erfunden. Die sie dann aber mit einer zusätzlichen Teigschicht zudecken (und in diesem Fall zusätzlich mit Puderzucker bestreuen) und dann wird aus der tarte eine tourte (sprich: turt).

Leider sind meine Fotos von der Produktion unscharf geworden, ich sags Ihnen die Weitsichtigkeit im Alter macht mich ganz fertig, daher kriegen sie nur das Originalrezept des Patissiers vom Negresco abgebildet, an das ich mich weitgehend gehalten habe. Der große Klassiker ist vielleicht das Rezept von Jacques Medecin (ein umstrittener Niçoiser Bürgermeister, der ins südamerikanische Exil flüchten musste, um dem Gefängnis zu entgehen, Sie sehen, wir haben das öfter hier, aber ich wollte ja nicht so viel von französischer Politik erzählen). Richtig klasse war die Auflaufform nicht, die ich gewählt hatte, aber ich hatte ein wenig mit der Teigmenge und der Mangoldmenge jongliert und musste letztlich auf diese kleine, zu hohe Form ausweichen. Der Kuchen zerbröselte dann natürlich auch beim mühevollen Herausnehmen. Sie sehen, Sie sind quasi live dabei und hier wird nichts geschönt. Lecker wars aber!

Mangold  tourte de blettes  patissier  zerbröselte tourte

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zur französischen Aktualität

Wir haben hier viel zu viel mit unserem „Penelope-Gate“ und der Vorbereitung der sozialistische Stichwahl zu tun gehabt, als dass wir uns in der vergangenen Woche auch noch groß mit Trumps Politik befasst hätten. In Deutschland ist das anders, soweit ich sehe.

Es schüttelt mich, wenn ich sehe, was Trump macht. Beim Mittagessen sagte ich zu Monsieur, dass das einzig Gute daran hoffentlich ist, dass die Franzosen rechtzeitig sehen, was ihnen blüht, wenn sie die ebenso populistisch arbeitenden Kandidatin des FN zur Präsidentin wählten. Und sie daher vielleicht vernünftiger wählten. Monsieur zog nur die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel nach unten. Ich dachte, er verstehe mich nicht. „Die Franzosen“, wiederhole ich, „wählen vielleicht vernünftiger. Zukünftig. Ende April. Nein?“ „Träum weiter, Mädchen“, sagt Monsieur und schüttelt den Kopf. Ich seufze. Ich weiß es eigentlich. „Amerika?“ fragt der gemeine Franzose. „WTF hat Amerika mit uns zu tun?“ Der gemeine Franzose denkt nur bis zur Staatsgrenze.

Zum „Penelope-Gate“: Damit es klar wird,  es ist nicht illegal, seine Frau, seinen Sohn oder Tochter oder den Neffen auf einen Posten als attaché parlemantaire zu setzen. Das wird wohl auch häufig gemacht. Die Abgeordneten sind oft abwesend, sie brauchen jemanden, (oft auch mehrere Mitarbeiter) der sie im Parlament vertritt, und der sie umgekehrt über alles dort auf dem Laufenden hält. Jeder Abgeordnete hat für diese sogenannten attachés parlemantaires insgesamt 9500 Euro monatlich zur Verfügung. Normalerweise teilen sich diesen Betrag drei Mitarbeiter. Es ist selten, dass ein Mitarbeiter 5000 oder gar 7500 Euro erhält. Wäre aber legal. Nicht legal wird es, wenn der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin gar nicht arbeitet und das Geld trotzdem einstreicht. Was möglicherweise der Fall von Penelope Fillon ist.

Fillon zeigte sich die ganze Woche extrem angegriffen, verletzt, wütend und verteidigte wie ein Löwe seine Frau. Ihn ein bisschen aus der Reserve gelockt zu haben, zu sehen, dass dieser kalte Mann Gefühle hat, hat ihm sogar Sympathien eingebracht. Neben dem Ärger.

Die Franzosen sind nämlich ziemlich sauer und Fillons Position ist durch diese Affaire wirklich geschwächt. Diese Politiker, die schon genug Privilegien haben und zusätzlich in den Topf der öffentlichen Gelder greifen, um sich zu bereichern, und das ohne jedes Unrechtsbewusstsein, man hat sie satt. Und jetzt auch noch der „aufrichtige“ Fillon. Was für eine Enttäuschung.

Fillon hat jedoch nichts eingestanden, sondern den Gegenangriff gestartet: Man wolle ihm etwas anhängen, ihn bewusst als Präsidentschaftskandidaten in Misskredit bringen und das, indem man seine Frau angreife. DAS sei ein Skandal! Gerade eben vor 15000 versammelten rechten Politikern hat er zusätzlich laut gesagt, er liebe seine Frau! Wie schön. Aber daran hatten wir auch keinen Zweifel.

Nun ja, seine Erläuterungen, wie sehr er seine Frau liebt und wie sehr diese ihn unterstützt, wird er jetzt den Richtern erklären müssen.

Die Stichwahl zwischen Manuel Valls und Benoît Hamon hat wohl Benoît Hamon mit über 58% der abgegebenen Stimmen für sich entschieden. Es ist verrückt. Alles kann passieren.

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ps: eine treffende Analyse der gerade aktuellen Situation gibt es (schon seit gestern Abend) hier. (Für die Kommentare unter dem Artikel keine Gewähr) Aber bis zur Wahl kann noch viel passieren. Hoffentlich.

pps: Ich bin hier in Frankreich übrigens viel politischer als ich in Deutschland je war. Es liegt viel an Monsieur, der das einfordert, gebe ich zu. Ich bin aber ganz zufrieden damit, mich nicht mehr nur als „mitlaufendes“ Lamm einer Herde zu verstehen, mit viel Gefühl und wenig Wissen. Es ist anstrengend, auch wahr. Manchmal ist es mir auch alles zu viel. Ich darf hier ja nichtmal wählen. Ich habe aber das unbehagliche Gefühl, dass wir vielleicht in einer Vorkriegszeit leben, vergleichbar der Weimarer Republik, und wir uns später, genau wie unsere (Eltern und) Großeltern, fragen (lassen) müssen, „wie konnte das alles passieren?“ Ich mag daher, was Sibylle Berg gerade schrieb. Ich werde in Frankreich vermutlich nicht in eine Partei eintreten, höchstens vielleicht eines Tages auf Dorfebene. Aber mich dafür zu interessieren, was politisch passiert, ist mir wichtig geworden. Hier ist jemand, dem das (in Deutschland) ähnlich geht, und der sein Sabbatjahr dazu benutzen will, sich (und seine Leser) zu informieren. (Dank für beide Links, wie so oft, an Maximilian Buddenbohm.)

 

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am Meer – was schön war

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kleines Glück – was schön war

Wir waren heute bei einer Beerdigung. Ein betagter Herr, der nicht allzu lang gelitten hat, wurde verabschiedet, seine Lebenszeit war abgelaufen. Seine Tochter hat sehr schöne Abschiedsworte gefunden und liebevoll von ihrem Vater erzählt. Er habe seine Familie gerne um sich gehabt, und sei froh gewesen, dieses Familiengefühl an die Kinder und Enkelgeneration weitergegeben zu haben. Sie sagte noch viel mehr, treffendes wohl, alle nickten und lächelten, ich habe das meiste schon wieder vergessen, kannte ihn auch kaum. Aber einen Satz habe ich nicht vergessen, er habe das kleine Glück im Alltag gelebt.

Mir ging heute Nachmittag viel durch den Kopf: Thema Zeit. Thema Leben. Thema Glück. Alles hängt ja irgendwie zusammen, nicht wahr. Was würden andere von mir sagen, an meiner Beerdigung? Mal abgesehen davon, dass es vielleicht gar niemanden mehr geben wird, der etwas sagen könnte. Nach mir kommt ja niemand mehr. Aber gesetzt den Fall, irgendjemand würde etwas sagen, würde er oder sie am Ende sagen, ich habe das kleine Glück im Alltag gelebt? Würde man gar sagen, ich hatte ein glückliches Leben? Das mit dem Glück treibt mich ja immer mal wieder um und seit Tagen versuche ich einen Text zum Thema Zeit und Glück zu schreiben, habe aber das Gefühl, ich komme, selbst wenn ich dafür eigene Lebensbeispiele wähle, nicht von abgelutschten Platitüden weg. Insofern lasse ich zwei Textentwürfe verschimmeln und liste hier nur meine kleinen Alltagsglücksmomente auf. Kleines Glück diese Woche war (nach dem Montag, auch) am Dienstag.

Die Sonne schien (gerade scheint sie nicht so oft) und statt Sieste habe ich mir spontan die Zeit genommen (!) und bin spazierengegangen und habe Mimosen und Eukalyptus fotografiert. Es war mild und so grün und ruhig und die Vögel zwitscherten und die Mimosen rochen stark.

EukalyptusMimosengrünMimosen Gegelichtkleine MimosenbäumeMimosen HimmelJemand fragte mich, wie Mimosen riechen, ich kann es gar nicht beschreiben. Nicht sehr angenehm eigentlich. Intensiv, streng und ein bisschen muffig, finde ich.

Irgendwo habe ich heute gelesen, dass die Menschen „draußen“ nachweislich glücklicher sind, aber dessen ungeachtet nicht oft genug rausgehen. Stimmt. Viel öfter rausgehen will ich.

Ich kam froh gestimmt zurück und es gab auch noch Post. Und weil ja immer alles auf einmal kommt, gab es gleich zwei Päckchen. Völlig überraschend.

Päckchen K800_DSC01611Sehr, sehr schön. Viel Liebe und Macarons, Briefe, Texte, Glücksdrachen, Lesezeichen und Ingwertrinkschokolade. Und noch viel mehr. Ich habe immer noch Freunde in der Welt, auch wenn ich mich so selten melde. Danke!

 

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… zur Aktualität

Ich wollte eigentlich bis zur erfolgten Stichwahl nächsten Sonntag warten, bis ich noch einmal etwas zur aktuellen Politik Frankreichs sage, ich bin nicht sicher, ob Sie das wirklich so interessiert?! Aber ich kann nicht anders, es passiert einfach zu viel …

In der Nachbereitung der vergangenen Wahl wurden nicht nur die Zahlen der Wählerstimmen möglicherweise gefälscht, sondern auch gemunkelt, dass einer der Präsidentschaftskandidaten, Vincent Peillon, ein guter Freund des amtierenden Präsidenten, sich nur zu dem Zweck habe aufstellen lassen, um Manuel Valls (entscheidende) Wählerstimmen wegzunehmen. Kleiner Racheakt vom scheidenden Präsidenten an seinem Ex-Premier? Möglich ist das, aber es ist nur ein Gerücht. Kein Gerücht, sondern Tatsache ist, dass der bisher so wahnsinnig „aufrichtige“ Präsidentschaftskandidat François Fillon heute einen Wutanfall bekommen hat, weil die satirische  Zeitung le Canard enchainé aufgedeckt hat, dass er seiner Gattin Penelope jahrelang für eine eher fiktive Tätigkeit als attaché parlemantaire jeden Monat tausende von Euro hat zukommen lassen. Das ist keine unübliche Praktik der französischen Politiker und wäre vermutlich auch weniger skandalös, wenn Fillon nicht so sehr den aufrichtigen Katholiken hätte heraushängen lassen. Das schwächt die Position Fillons erheblich. Und schon reibt sich Marine erneut die Hände. Verzeihen Sie, aber es ist zum Kotzen!

Ich hatte ursprünglich geplant, letztes Jahr die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen (bzw. die doppelte Staatsbürgerschaft), vor allem, um bei dieser Präsidentschaftswahl wählen zu dürfen. Ich hatte dann aber keine Energie, mich für die diversen Sprach- und Staatsbürgerprüfungen vorzubereiten und mir all die Napoleons und die Lebensdaten von Victor Hugo einzubläuen. Insofern bin ich immer noch Ausländerin und darf zumindest den zukünftigen Präsidenten nicht mitwählen. Letzen Endes auch egal, ich hätte nämlich vermutlich „Blanc“ wählen müssen, bei all dem Gemauschel und all den eitlen Kinderspielchen dieser Herren und Damen, die im Prinzip alle aus dem gleichen Stall, sprich der ENA, der École nationale d’administration, einer Verwaltungshochschule, die die Elite der französischen Verwaltungsbeamten ausbildet, stammen.

… à suivre …

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Was schön war

Überraschend den Nachmittag bei Freunden verbracht, intensive Gespräche geführt, voll Wärme, Vertrauen und Liebe. Danke V. und J. Beim Heimfahren dieser Blick auf St. Paul de Vence. Wundervoll. Danke!

St Paul de Vence

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Zwischendurch … zur Aktualität

Es gibt da ein tolles und sich zu Lesen lohnendes lesenswertes (glauben Sie mir wäre das Wort neulich eingefallen?! tss, die deutsche Sprache geht mir peu à peu verloren, schlimm ist das!) Interview mit einem Zeitforscher in der ZEIT über Uhren, Zeitrechnung, Zeithaben und Langsamkeit (Dank dafür an Maximilian Buddenbohm, ein schneller und zuverlässiger Medien…äh Auswerter?!) Es ist ein bisschen lang, das Interview, man muss sich schon die Zeit dafür nehmen, verzeihen Sie das banale Wortspiel, aber informativ ist es. Wussten Sie etwa, dass es in Japan bis 1871 nicht mal ein Wort für Zeit gab und entsprechend auch keine Zeitmessung?! Ich merke, ich will unbedingt auch nochmal was zum Thema „Zeit“sagen. Die nächsten Tage vielleicht.

Eben will ich, der Aktualität geschuldet, und weil ich das auch bei der Primaire de la Droite gemacht habe, nur schnell das überraschende Ergebnis der Primaire de la Gauche verkünden. Man hat ja so seine Verpflichtungen, nicht wahr.

Heute hat in Frankreich die erste Vorwahl der Linken für den zukünftigen Präsidentschaftskandidaten stattgefunden und es gab, wie auch bei Wahl des rechten Präsidentschaftskandidaten Ende November, eine Überraschung: Benoît Hamon stellte den erwarteten Sieger Manuel Valls in den Schatten. Wer ist denn bitte Benoît Hamon?!  Ich musste erstmal nachlesen, wer er ist und was er eigentlich will, so wenig haben mich die sieben Kandidaten der Linken bislang begeistert. Außerdem waren noch in den letzten Sondagen Manuel Valls (der „Rechte“ unter den Linken) oder der eher charismatische, Europa ablehnende „linke“ Arnaud Montebourg „vorne“ gesehen worden.

Eben gerade hat Benoît Hamon gesprochen: ein unscheinbarer junger Mann (5 Jahre jünger als ich) mit kleinem Sprachfehler (leichtes Lispeln). Hamon will unter anderem bedingungsloses Grundeinkommen für alle, ein Visa für Flüchtlinge und die Legalisierung von Cannabis durchsetzen. Er hat sich in den USA mit Bernie Sanders getroffen und eben gerade seine Nähe zu Abbé Pierre betont, sprich, das Ökologische und das Soziale sind ihm wichtig. Ein echter Linker also. Manuel Valls antwortete ihm gerade „freundschaftlich“ und ließ durchblicken, dass Hamons Ideen unrealistisch seien. Valls rief die linken WählerInnen auf, nächsten Sonntag „vernünftig“ (und für ihn) zu stimmen, denn „Regieren sei nicht einfach“ und besser sei eine kompromissbereite, reformierende Linke (mit ihm) in der Regierung, als eine revolutionäre Linke in der Opposition. Nun ja, wir werden sehen. „Rien n’est écrit“ sagen hier manche Kommentatoren. Nichts ist sicher, alles kann passieren.

ps: die Wahlbeteiligung an dieser ersten Vorwahl für den linken Präsidentschaftskandidaten (nächsten Sonntag gibt es dann die Stichwahl zwischen Valls und Hamon) war vermutlich so gering, dass man die Zahlen nicht mal rausgeben will. Emmanuel Macron, linker aber parteiloser Präsidentschaftskandidat, sprach entsprechend von der „Déprimaire de la Gauche“.

pps: Um an diesen Vorwahlen teilzunehmen, muss man natürlich im Besitz einer gültigen carte éléctorale sein, in den Wahlbüros eine Charta unterzeichnen, dass man den Werten der Linken, respektive der Rechten, zustimmt und man muss einen bzw. zwei Euro bezahlen (zwei Euro bei den Rechten, einen bei den Linken) – dieses eingenommene Geld dient zur Finanzierung der zukünftigen Kampagne.

 

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Wer zu spät kommt …

Ich bin mal wieder zu spät. Mit allem, immer wieder. Dieses Erlebnis hatte ich vor ein paar Jahren schonmal, als ich eine kleine Karriere als Kolumnistin begonnen hatte. Ich hatte tolle Ideen im Kopf für meine kleine wöchentliche Kolumne, aber alles war gerade schon anderswo gesagt oder geschrieben worden. Ich war immer gerade einen Tick zu spät.

Gerade eben ist mir die Klappentexterin in gewisser Weise zuvorgekommen. Sie hat eine Lese-Auszeit geschenkt bekommen (wie genial!) und durfte drei Tage in einer hübschen Hütte im Schnee nur lesen. Und schon schreibt sie darüber. Das ist MEIN Thema, möchte ich schreien. ICH hatte die Idee! Auf Facebook kursierte jetzt schon mehrfach ein Aufruf, sich dort (dummer) Kommentare zu entheben und stattdessen ein ganzes Buch von vorne nach hinten durchzulesen. Hab‘ ich gemacht. Ich habe (so hoffe ich) keine dummen Kommentare geschrieben, hingegen mehrere Tage in jeder freien Minute und sogar halbe Nächte gleich zwei dicke Bücher durchgelesen, zum selben Thema allerdings: die Familie Mann. Schon lange habe ich nicht mehr so intensiv „nur zum Vergnügen“ gelesen, am Ende fieberte ich dem Aussterben der Familienmitglieder allerdings entgegen, so missvergnügt hat mich das Lesen um diese dsyfunktionale Familie, wie man sie heute vermutlich bezeichnen würde, dann doch, und auch so erschöpft. Thomas Manns Leben und Werk liegen mir ja noch aus Uni-Zeiten eher schwer im Magen, kritische Töne zu ihm waren damals noch so gut wie tabu und noch niemand hatte ihn, seine Rolle in der Familie und dieselbe einer kritischen Betrachtung unterzogen. Wie anders ist das heute. Wie offen spricht man heute von seiner „Homoerotik“, wie offen von Klaus und Golos Homosexualität und von Erikas Hin- und her zwischen den Geschlechtern. Um nur ein Thema zu nennen. Habe ich früher die Kinder Thomas Manns ausschließlich als Opfer ihres egozentrischen Vaters gesehen, so sehe ich sie nach der Lektüre der beiden Bände durchaus kritischer und meine Lust, Klaus Manns „Wendepunkt“ (und dann auch noch in der französischen Fassung) zu lesen, geht gerade gegen Null. Nur Golo Mann ist mir wirklich sympathisch geworden, und die von allen einmütig verachtete Monika Mann weckte bei mir zumindest eine Neugierde, und ich habe (ähnlich wie wohl ihre Biographin) das Bedürfnis, sie zu verteidigen gegen so viel Familienhass.

Über den Versuch wieder früh(er oder später) aufzustehen, um Zeit zum Schreiben zu finden, hat Herr Buddenbohm schon geschrieben, wie er sowieso über alles immer schon geschrieben hat und das trotz Kindern, darüber hat Smilla Dankert aber hier schon geschrieben. Ich kann also nur noch, wie früher in der Schule, „das hab ich auch gerade sagen wollen!“ hinterherrufen. Smilla schreibt im gleichen Post wiederum vom erholsamen „Nichtstun“ auf Helgoland (übrigens illustriert mit großartigen Fotos, die ihr Nichtstun widerlegen). Zu meinem Bedürfnis nach „Nichts“, nach Stille und nach Einsamkeit könnte ich auch was sagen, hallo! … aber ach, was solls. Zum Winter und zum (Winter-)Wald, was mir hier tatsächlich zumindest zeitweise fehlt, hat Friederike schon wiederholt geschrieben und ebenfalls wundervollst fotografiert und noch viel mehr Menschen haben sich bei Astrid geäußert. Und ich?

Ich hätte dazu auch gerne was gesagt, aber ich bin zu spät dran, alle sind schon wieder weitergezogen, während ich gerade ein paar Tage gelesen habe. Ich fange außerdem wieder an, „ernsthaft“ zu arbeiten und zu schreiben (weshalb ich wie gesagt versuche, wieder in aller Herrgottsfrühe aufzustehen), das Blogschreiben gerät dabei wie stets etwas ins Hintertreffen und alles, was ich Ihnen auch noch zu Anfang des Jahres hätte mitgeben und erzählen wollen, (haben Sie, wie in manchen Kreisen üblich, ein begleitendes, unterstützendes Wort für dieses Jahr gewählt? / Meine Suche nach einem geeigneten Taschenkalender und über das Stöbern in alten Kalendern, was wenig heiter wurde, weshalb ich das Thema dann gar nicht erst öffentlich anging. / Dass ich nichts für die Rubrik „Was schön war“ vermelden kann, was ich wiederum nicht schön finde und mich daher erneut mit dem Thema „was ist Glück?  Glücklichsein? Gibt es Glück überhaupt?“ auseinandersetze und anderes mehr), all das schwindet so dahin und sei hier wenigstens ansatzweise erwähnt, und falls es schon jemand anders auf seinem Blog erzählt hat, dann wissen Sie immerhin, dass ich es auch gerade hätte sagen wollen.

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Sonntagsspaziergang

GegenlichtEs war lange so mild, dass bei uns im Garten schon die Narzissen blühen UND der Mimosenbaum zeigt erste Ansätze seiner gelben Flaumbällchen. Wir gingen am Sonntagnachmittag daher bei schönstem Sonnenschein Richtung La Croix de Garde, um mal zu schauen, wie weit die Mimosen da so sind. Kaum angekommen, zog es sich zu und wurde gewittrig dunkel. Fiel aber kein Tropfen Regen, Schnee natürlich auch nicht. Wo denken Sie hin. Côte d’Azur verpflichtet.

La Croix de GardeUnd JA, es gibt schon knallgelbe Mimosenbäume, allerdings sind es „Kulturmimosenbäume“, die irgendwann extra angepflanzt wurden, und sie stehen in Gärten.

KulturmimosenIm Naturpark ist es bislang nur grün, die Mimöschen sind noch ganz klein. War aber trotzdem schön.

Grünk800_dsc01556MimöschenWir werden das natürlich weiterhin beobachten.

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WMDEDGT Januar 2017

Oh, oh, es ist der erste 5. im neuen Jahr und es hat sich nichts geändert, auch dieses Jahr will Frau Brüllen an jedem 5. wieder von uns wissen, was wir eigentlich so machen, den lieben langen Tag: WMDEDGT?! Auf gehts zum Tagebuchbloggen! Und ich war mal schnell gucken, es ist schon ganz schön voll da!

Mein Tag beginnt spät, gegen 9 Uhr, denn die letzten Tage und Nächte waren bewegt: la crise de foie, ich schrieb darüber. Heute Nacht hatte ich Angst, es könnte auch was Schlimmeres sein und deswegen schlief ich lange nicht ein und wache entsprechend spät auf. Immerhin habe ich nachts beschlossen, meine Verdauungsstörungen doch einem Arzt anzuvertrauen. Da gehe ich heute früh hin und warte gar nicht so lange im erstaunlich leeren Wartezimmer. Der Arzt drückt mir auf dem Bauch herum und es ist dann wohl doch nicht die Galle, sondern der in Cannes grassierende Magen-Darm-Virus. Um Viertel nach Elf bin ich wieder zuhause und sinke etwas erschöpft aufs Sofa. Monsieurs Frage, was wir heute essen, habe ich nur ein kurzes Rülpsen entgegenzusetzen. Er nickt resigniert. Noch ein Tag, an dem er, ganz autonom, ein Stück Fleisch in die Pfanne werfen muss. Ich esse später zerdrückte Banane und etwas Apfelkompott, dazu gibts ein leckeres Glas Stilles Wasser und ein aufgelöstes Citrat de Bétaïne. Monsieur will später einen „richtigen“ Krankenbesuch machen (wir haben viele Menschen in unserem Umfeld, die sich mit der bösen K-Krankheit herumschlagen) und ich weiß nicht warum, vermutlich ist meine Fähigkeit, mich in der französischen Sprache auszudrücken, angesichts meines eigenen Leidens heute eher grobmotorisch auf jeden Fall sage ich etwas, was Monsieur nicht gefällt und auch wie ich es sage, gefällt ihm nicht und wir fangen an, uns zu streiten und das dauert. Damit ist dann auch die Sieste eher wenig erholsam, denn keiner von uns kann wirklich schlafen.

Irgendwann nähern wir uns wieder an, Monsieur geht gegen 15 Uhr aus dem Haus, ich klicke ein bisschen im Internet herum.

Ich stoße in FB auf meiner Timeline auf das Bild eines braven kleinen Mannes aus den Bergen: Jean-Pierre Cotton, der überraschend gestorben ist, und heute in Guillaumes beerdigt wurde. Es rührt mich an. Ich mache mir einen Tee, setze mich aufs Sofa und lese die Kommentare und denke an Jean-Pierre. Button d’Or, Butterblume, war sein Spitzname und tatsächlich passte dieser Name zu ihm: klein, rundlich, sanft und mit sehr gelben Haaren. Er war ein so freundlicher und großzügiger Mann, er liebte seinen Garten und konnte einem stundenlang in voller Ernsthaftigkeit von seinen Tomaten oder Kartoffeln erzählen, viel mehr Austausch gab es zumindest mit mir nicht und manchmal war auch das etwas mühsam (für mich), weil alles mit ihm so lange dauerte, und er kaum zu bremsen war, wenn er einmal angefangen hatte. Aber er hatte nur seinen Garten, den saubersten und gepflegtesten und ergiebigsten Gemüsegarten im ganzen Tal, wage ich zu sagen. Und er gab allen von seiner Ernte ab, verschenkte großzügig Salat oder Tomaten, Zucchini oder Bohnen, und er gab immer mehr, als man erbat. Er lud auch großzügig in der Bar Tabac ein, allez, ein Gläschen Roten für alle oder was immer man wollte. Manche lächelten über ihn, er war ein bisschen einfältig und man sah ihm an, wenn er sich wieder in eine Frau verliebt hatte. Der kleine rotgesichtige Mann strahlte dann noch mehr als sonst. Aber nie ist es etwas geworden mit den Frauen, die sich gerne ein Glas bezahlen ließen und auch gerne mit einer Kiste Gemüse davongingen, aber mehr, mehr ist daraus nie geworden. Aber er war ihnen nie böse, er war überhaupt niemals jemandem böse, vielleicht ein bisschen traurig oder resigniert. Ich hätte ihm gern ein liebes Frauchen gewünscht, aber er verliebte sich natürlich immer in unerreichbare Stadtschönheiten. Ich bin froh, zu erfahren, dass viele, viele Menschen zu seiner Beerdigung gekommen sind, um ihm ein letztes Geleit zu geben. Er wird fehlen, da oben in den Bergen.

Dann beschließe ich, noch etwas „halbwegs Richtiges zu tun“ und mein Zeitungsabo für eine Wochenzeitung zu kündigen, die ich nicht lese. Es war eine Fehlentscheidung gewesen. Sie sollte eine andere Wochenzeitung ersetzen, die ich fast mein ganzes Leben lang gelesen hatte, und die ich plötzlich „über“ hatte,  jedes Mal dachte ich, die „besseren“ Beiträge stünden woanders. Seitdem ich sie gekündigt und durch eine andere ersetzt habe, geht es mir genau umgekehrt. Ich finde nun plötzlich, die besseren Beiträge stehen in der gerade gekündigten Zeitung. Ich konnte mich mit der „neuen“ Zeitung nicht anfreunden. Sie liegt ungelesen hier, Woche für Woche. Nur fürs Rumliegen ist sie ein bisschen zu teuer. Schluss jetzt. Ich wollte dann noch schnell die letzte Rechnung für eben dieses Abo überweisen und stelle fest, dass mir die Internetbank mein Konto blockiert hat, weil meine persönlichen Angaben „zweifelhaft“ wirkten und meine Kontobewegungen Anlass gäben, an Geldwäsche zu denken. Terrorismus ist ein weiteres Wort, das sie erwähnen. Na danke schön. Meine Situation: Ausländerin, die ihr Geld aus dem Ausland bezieht und zwar eine größere Summe, aber eben nur einmal im Jahr (so werden Autoren nunmal bezahlt) statt brav monatlich kleine Häppchen, das lässt sich schlecht erklären, dafür gibt es in keinem Formular irgendwelche Kästchen. Auch das Finanzamt sieht meine Einkünfte immer sehr misstrauisch an, und ich muss jedes Jahr erneut persönlich vorsprechen.  Gut, ich beschließe, im gleichen Aufwasch die Internetbank zu kündigen, die ich eigentlich nur gewählt habe, weil die Auslandsüberweisungen, Euro hin oder her, Europa hin oder her, mit der klassischen französischen Bank immer so aufwändig waren, und ich ums Verrecken keine Auslands-Online-Überweisungen machen konnte. Französische Briefe dauern bei mir lang, ich radebreche noch mühsam diese höfliche Abschlussformel, die mir stets unverständlich bleibt: Dans cette attente je vous prie, Madame, Monsieur blablabla. Voilà. Erledigt. Es bleibt kompliziert.

Monsieur ist zurück, die Nachrichten laufen im TV, ich werde mir etwas Reis kochen, dazu einen kleinen Thymiantee, Monsieur isst vielleicht die Reste seiner gestrigen Tütensuppe. Selbst ist der Mann. Später wird vielleicht noch ein bisschen gelesen. Ich habe von Monsieur die Klaus Mann Biographie geschenkt bekommen, auf Französisch. Gestern habe ich das Vorwort schon gelesen: Klaus Mann hatte seine Autobiographie (mit Mitte 40!) zunächst auf Englisch verfasst und in den USA veröffentlicht, später dann zurückübersetzt ins Deutsche und ich lese jetzt die französische Übersetzung eines cosmopoliten Mannes, der sich in Cannes im Mai 1949 das Leben genommen hat. Hm, kein sehr glücklicher Abschluss für den Text, vielleicht fällt mir nach dem Essen noch etwas ein.

Genau, ich sehe doch kurzfristig einen alten Depardieu-Film im Fernsehen :) Das war mein Tag. Danke, wenn Sie mir bis hierhin gefolgt sind. Bonne soirée!

Die anderen Tagebuchblogger finden Sie, wie gesagt: hier!

 

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Leberkrise

T’as une crise de foie, stellte Monsieur trocken fest. Eine Leberkrise? Das Wort erinnert mich stark an die Leber-Party, von der in meiner Kindheit immer wieder im Radio zu hören war. Ich stellte mir vor, dass im Britischen Parlament ständig Partys gegeben wurden, bei denen man besonders viel Leber aß. Weil ich das vermutlich so unerklärlich fand (ich mochte damals keine Leber) hat es sich mir so ins Gedächntis gebrannt, dass es das erste ist, was mir zu la crise de foie einfällt. Leberkrise, Leber-Party. Auch Georg Leber, bereits verstorbener SPD-Politiker, fällt mir wieder ein, schon komisch was das Hirn alles gespeichert hat und bei Gelegenheit wieder hochspült. Natürlich weiß ich heute, dass die Labour-Partei keine ausschweifenden Partys im Britischen Parlament geschmissen hat; meine Leberkrise aber hat ihre Ursache durchaus in den aufwändigen Menüs der diversen Réveillons, wie hier Weihnachts- und Silvesterabend heißen und von den Tagen dazwischen, wo man sich weiterhin einlädt und/oder die Reste vertilgt. Das letzte Bierchen war vermutlich schlecht, würde manch einer vielleicht sagen, aber ich trinke ja nicht mal Alkohol, bei mir war es vermutlich der letzte Schokotrüffel oder die Foie Gras mi-cuit oder der gefüllte Kapaun oder eine der unzähligen Marennes-Oléron Austern oder die Buttercreme-Bûche de Noël, oder die ewige Wiederholung derselben auschweifenden Luxus-Genüsse der Jahresendfeste der Franzosen. Zu viel, von allem viel zu viel. Und zu fett. Viel zu fett. Ich möchte nicht wissen, wie schlecht es mir gegangen wäre, hätte ich das alles noch, wie es sich gehört, mit Sauternes, diversen Grand Crus und Champagner weggespült.

Was wimmert man nicht alles, während man sich, von kaltem Schweiß bedeckt, abwechselnd im Bett herumwälzt oder über die Kloschüssel beugt und der Magen in konvulsische Zuckungen all die Leckereien in jetzt schon stark fermentierter Form wieder von sich gibt. Mir ist so schlecht, oh Gott ist mir schlecht. Bitte, bitte lass es bald vorbei sein, nie wieder will ich irgendwas essen, nie wieder Schokolade, ganz bestimmt nie wieder, und bei dem Gedanken an Schokolade krampft sich der Magen noch einmal zusammen. Selbst das Erbrechen bringt nur kurzzeitig Erleichterung, ich wälze mich eine Nacht und einen Tag wimmernd und stöhnend im Bett herum. Monsieur bringt mir Hepagrume, ein altmodisches Mittel in Ampullen für Verdauungsstörungen, es wirkt nur bedingt. Abends bekomme ich noch leichtes Fieber. Ich fröstele, gleichzeitig glühe ich. Crise de foie, Monsier ist ganz ungerührt, zu viel Schokolade, sagt er, das geht vorüber. Er brät sich sein Steak diesmal alleine und macht immerhin freundlicherweise die Küchentür zu, damit ich es nicht riechen muss. Die zweite Nacht schlafe ich zumindest durch, aber in meinem Bauch liegt noch immer ein schwerer Stein und ich spüre, ich bin nur einen Millimeter von erneutem Ekel entfernt. Heute morgen ging immerhin schon ein Tee.

schoum-flacon-540-ml_pIch suche Leberkrise im deutschen Kursbuch Gesundheit und stoße nur auf Leberkrebs oder Hepatitis. Von beidem bin ich hoffentlich noch weit entfernt, meine Gesichtsfarbe ist zwar fahl, aber nicht gelb. Das Internet beschert mir mehrere Artikel, die besagen, la crise de foie, Nationalkrankheit der Franzosen, gebe es gar nicht, zumindest nicht außerhalb Frankreichs. Von Schoum ist da die Rede, einer gelben Lösung auf Pflanzenbasis, die bei la crise de foie eingesetzt wird. Monsieur lacht, als ich ihm das sage. Schoum ist wohl das allerletzte Mittel für schwere Alkoholiker, um deren erschöpfte Leber noch ein wenig zu aktivieren, sagt er. Warum es dann mit 95%Alkohol versetzt ist, erschließt sich mir nicht so ganz, aber es geht wohl darum, das Übel mit dem Übel zu bekämpfen, wie so oft in der Pflanzenmedizin. Es ist peinlich, la solution Schoum in der Apotheke zu erfragen, wie ich diesem netten Text entnehme. Helfen soll aber auch Hepagrume, das Mittel unserer Wahl, das außerdem weniger schlecht beleumundet zu sein scheint. Und zusätzlich ein paar Tage Diät. Das kann ja sowieso nicht schaden. Es gäbe gar keine crise de foie, sagte ich gerade vorwurfsvoll zu Monsieur, nachdem ich mich im Bett liegend durch mehrere Texte auf meine Smartphone gearbeitet habe. Das sei eine rein französische Krankheit. Monsieur zuckt mit den Schultern. Das zeigt nur, dass du eine echte Französin geworden bist, ist sein ganzer Kommentar.

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Neujahrslinsen

linsenSo. Wir haben alles dafür getan, damit es im neuen Jahr mit dem Reichtum mal was wird: je mehr Linsen man isst, desto mehr Geld wird man haben, so heißt es. Nein, keinesfalls sind wir hier abergläubisch, was denken Sie, aber naja, versuchen kann man es ja. Meine ausgesäten Linsen sind fast zu einem Wald angewachsen, und heute Abend gab es die beste Winterlinsensuppe, die ich kenne: rote Linsen, leicht scharf und mit einem Schuss Zitrone. Sie ist außerdem vegan und überhaupt von allem frei, was man sich vorstellen kann, wie das heute in der modernen Küche gefordert ist, nicht wahr, dabei ist mir das ziemlich wurscht.

pink_lentil_soup
Ich konnte sie gar nicht so schnell fotografieren, wie sie aufgegessen war, Monsieur hat zweimal nachgefasst, was nicht so oft vorkommt (und nicht nur wegen des Brauchtums), deswegen bekommen Sie das Foto, das Clotilde auf ihrem Chocolate&Zucchini Blog veröffentlicht hat. Die Suppe ist wirklich wunderbar wärmend, das konnten wir heute gut brauchen, denn es ist kalt geworden, der kleine Zierteich im Park ist zugefroren, das passiert hier auch nicht alle Tage.

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Was schön war

Das Jahr geht zu Ende. Es war nicht leicht und alles andere als schön. Ich wollte gerade deswegen gerne einen „Was schön war“-Jahresrückblick schreiben. „Was schön war“ ist eine Rubrik in so manchem Blog, ich weiß nicht mehr, wer damit angefangen hat, um in all dem tristen Alltag das Schöne nicht zu vergessen, und es, im Gegenteil, mal explizit hervorzuheben. Nun, ich habe meinen Blog Revue passieren lassen und, oh malheur, so richtig groß und schön war da nur wenig. Das Schöne waren Momente in der Natur: in den Bergen oder am Meer. Aber immer stand da (für mich) spürbar groß und dunkel das Weltgeschehen dahinter.

Gerade eben noch einmal, an Weihnachten, ging es mir so. Es war mir dieses Jahr ein Bedürfnis zur Christmette zu gehen, das Bedürfnis wurde verstärkt, da man uns explizit dazu aufgerufen hat: die Kirchen seien gesichert, hieß es. Wenn es ein mutiger und politischer Akt wird, in die Kirche zu gehen, dann will ich das tun. Ich hatte nicht die Mitternachtsmesse, sondern die Familienweihnachtsfeier in der Eglise Sacre Coeur gewählt, ich war recht früh da, um noch einen Sitzplatz zu bekommen und wunderte mich daher über die Menschenmenge, die sich schon vor der Kirche eingefunden hatte, reihte mich dann aber in die lange Schlange ein. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es neben der schon üblich gewordenen, häufig nachlässigen, Taschenkontrolle auch eine weitere Überprüfung geben würde: Aber diesmal wurden unsere Taschen gründlich und wir alle, groß und klein und selbst die Allerkleinsten, einzeln von drei Polizisten ausführlich durchsucht und zusätzlich mit einem Metall- oder was auch immer für einem Detektor abgesucht. Je näher ich der Überprüfung kam, desto enger wurde mir die Kehle, und als ich endlich durch den Eingang der Kirche schritt, schluchzte ich los. Ich wurde dieses aufgewühlte Gefühl während der gesamten Messe auch nicht mehr los, obwohl es eine schöne und anrührende Messe war, mit einer symbolhaften Geschichte, von Kindern gespielt, und mit vielen wuseligen Kindern rundherum, und obwohl ich mich bemühte, laut und kraftvoll Gloria in Excelcis Deo zu singen.

Jedes Jahr zu Weihnachten erhalte ich von einem meiner Cousins einen Brief mit einem Jahresrückblick. Es ist ein ganz privater Jahresrückblick, all die Attentate, Katastrophen und politischen Ereignisse haben darin keinen Platz. Es geht nur um Familienaktivitäten, Ausflüge, Geburtstagsfeste, Ski-, Wander- und andere Urlaube und schwupps, schon ist es rum, das Jahr der Familie des Cousins, und es liest sich immer schwungvoll, aktiv und gut gelaunt: Mir tut es gut, das zu lesen, auch wenn ich mich jedes Mal frage, wie es sein kann, dass wir eigentlich der gleichen Familie angehören, und ich so komplett anders bin. So wenig heiter, leicht und aktiv. Zumindest komme ich mir so vor. Aber egal, so eine Art des frohen Jahresrückblicks wollte ich dieses Mal auch versuchen.

Da der Blog so wenig hergab, habe ich also unseren Kalender durchgesehen, aber auch im ganz Privaten war in unserem Jahr das Schwere vorherrschend: eingetragen sind Gerichts- und Arzttermine, schwere Krankheiten und Operationen, eigene und die von nahen Menschen, und ich habe kaum freudige Ereignisse gefunden und nur wenig Helles. Ich bin sicher, bei aller Schwere, hat es auch Frohes, Leichtes gegeben, aber es ist in all dem Dunklen untergegangen. In meinem Gedächtnis ist auch kein Lieblingsfilm, kein Lieblingsbuch, kein Lieblingssong aus diesem Jahr hängengeblieben, hingegen drängen sich all die Sänger, die in diesem Jahr gestorben sind, in den Vordergrund.

So kann das nicht weitergehen. Für das nächste Jahr will ich bewusst eine Agenda „Was schön war“ anfangen. Ich hatte seit 2015 zwar ein Schlagwort „oh, wie schön“ in meinem Blog, es damit aber jährlich nur auf einen und insgesamt nur auf zwei Einträge gebracht. Nicht so richtig viel. Ich will versuchen, das nun täglich in einem Kalender oder wöchentlich hier im Blog festzuhalten, so ganz genau weiß ich das noch nicht. Aber nächstes Jahr um diese Zeit blättern wir das dann mal durch. Das wird dann vielleicht ganz schön.

Und bis dahin hören wir uns Maurice Chevalier an, der die Freuden des Alltags besingt:
Y a de la joie

 

(eigentlich ein Chanson aus dem Jahre 1936 von Charles Trenet, der es selbst auch vorträgt, ich mochte aber dieses Video, trotz des starken Kratzens der Schellackplatte, lieber.)

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Frohe Weihnachten – Joyeux Noel

Noch ein paar Bilder aus Paris. Auch wenn es sich um einen Konsumtempel handelt, der Weihnachtsbaum und die Kuppel in den Galeries Lafayette in Paris sind beeindruckend.

Kuppel Galerie Lafaytte

Meine Weihnachtsbotschaft habe ich eigentlich schon im letzten Text verfasst, das war mir selbst gar nicht so klar, als ich es geschrieben hatte. Die Krippe steht, und heute Nachmittag war ich mit meiner atheistisch erzogenen „Enkeltochter“ auf einer Foire des Santons, und wir haben zusammen aus gefühlt hundert verschiedenen Ton-Krippefiguren-Serien in zig verschiedenen Größen und Farben mühsam die schönsten Drei Heiligen Könige ausgesucht; für meine Krippe versteht sich, denn in ihrer Familie gibt es zwar einen Weihnachtsbaum, aber eine Krippe gibt es natürlich nicht. Für meine Enkelin sind die Drei Heiligen Könige so etwas wie Märchenfiguren mit komischen Namen, und sie versteht nicht, warum sie dem Bébé Jesus so komische Sachen mitbringen. Was soll denn ein Baby mit Gold und Räucherstäbchen?! Das erklären Sie dann mal einem Kind, das keinen wie auch immer gearteten religiösen Hintergrund hat und schon hört sich das tatsächlich alles nach Märchen an.

Weihnachtsbaum Galerie Lafayette

Glauben, ph, macht das Kind, das ist doch alles erfunden. Sie hat zwar gerne mit mir drei Figuren ausgesucht, aber seit zwei Jahren will sie die Krippe bei der Urgroßmutter nicht mehr aufbauen. Meine Enkelin wünscht auch politisch korrekt alles Gute zu den fetes de fin d’année, den Jahresendfesten. Ich wünsche noch immer Frohe Weihnachten, habe aber doch gezögert, ob ich wirklich „frohe“ Weihnachten wünschen kann. Dann schaute ich, was ich letztes Jahr, geschrieben hatte, letztes Jahr, nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und dem Bataclan, und siehe da, letztes Jahr war ich, trotz alledem doch noch positiver gestimmt, denn ich schrieb, wie mir heute scheint, sehr entschieden folgendes: Obwohl oder auch gerade weil dieses Jahr so schrecklich düster begonnen und noch düsterer geendet hat, wünsche ich Ihnen und all denen, die es feiern Frohe Weihnachten! Mögen es sternenhelle, friedliche und liebevolle Festtage für Sie und alle, die Ihnen lieb sind, werden. Voilà, ich füge dieses Jahr hinzu, ob Sie nun diese Geschichte mit dem Jesuskind glauben, ob Sie etwas anderes glauben oder gar nichts, ich wünsche Ihnen allen: Licht. Frieden. Liebe. Viel, viel Liebe.

Ich habe diesmal nur ein klitzekleines Video für Sie, das schon seit ein paar Jahren im Netz kursiert und das Sie vielleicht auch schon kennen, aber selbst wenn, man kann es sich gut und gerne noch einmal ansehen. Es ist auf Englisch, aber Sie verstehen das auch so, es geht um die Weihnachtsgeschichte, was auch sonst. Hier der Text, für den Fall, dass Sie irgendwann wissen wollen, was dieses Kind so ausdrucksstark singt, oder plötzlich Lust haben sollten, selbst zu singen.
Ich zumindest muss jedes Mal wieder lachen, und ach, das tut gut.


Ansonsten werde ich mir in diesen Tagen mal wieder „Love actually“ ansehen, „Tatsächlich … Liebe“ lautet der deutsche Titel. Kein neuer Film, sicher schon hundertmal gesehen, aber tut immer wieder gut. Falls Sie den irgendwo zu sehen kriegen, nur zu. Anbei (nur) der Trailer.

Dieser Text wurde in mehreren, unter anderem nächtlichen,  Etappen verfasst, und schon drei Mal in verschiedenen Varianten veröffentlicht, für den Fall, dass Sie sich wundern, und zuguterletzt, ach je, habe ich dabei, wie mir scheint, die Kommentarfunktion gelöscht. Es wird wirklich Zeit, dass dieses Jahr zu Ende geht.

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Berlin

cl5_cqzwkaabseiIch wollte nichts zu Berlin sagen, weil ich dachte, das würden andere schneller und besser machen können. Ich lebe schon so lange nicht mehr in Deutschland, ich kann so vieles nicht mehr richtig einschätzen. Ich wollte nicht belächelt und mit einem abwinkenden, „ach du, du lebst hier doch gar nicht mehr, was weißt du schon, wie es hier ist“ bedacht werden. Nein, ich weiß nicht, wie es in Berlin und überall in Deutschland ist. Wie das Leben dort aktuell ist, mit allem, was Sie beschäftigt und umtreibt.

Berlin kenne ich noch aus Mauerzeiten, ich kenne es kurz nach der Maueröffnung, als man für einen kurzen Moment dachte, alles, wirklich alles sei möglich, und ich war immer wieder in Berlin. Ich habe liebe Freunde in Berlin. Ich mag Berlin. Ich habe mich dort immer sehr frei gefühlt.

Ich weiß nicht, wie das Leben in Deutschland und Berlin ist, aber ich weiß aus Frankreich, wie sich das Leben nach einem Attentat anfühlt. Fassungslos. Traurig. Angstvoll. Es bricht einem das Herz. Und die Angst kriecht einem den Nacken hoch. Und alles verklumpt sich zu einem komischen Gefühlsgemisch und man denkt und sagt so allerhand Unqualifiziertes. Ich wünsche uns allen (immer wieder) einen wachen Geist, um nicht in diesem Nebel aus unklaren Gefühlen, Angst, Traurigkeit und vielleicht auch Hass steckenzubleiben. Und den Mut weiterzuleben. Rauszugehen, auf Weihnachtsmärkten Glühwein zu trinken, laut Weihnachtslieder oder was auch immer zu singen und zu leben. Lassen wir uns nicht einschüchtern! Und lassen wir nicht dem Terrorismus das letzte Wort!

Und deswegen schreibe ich jetzt doch etwas.

Denn ich finde es unerträglich zu hören oder zu lesen,  es sei Merkels Schuld, ihre Flüchtlingspolitik sei Schuld oder es seien „die Toten Merkels“! Unerträglich! Es sind die Toten des Atten-Täters und des IS (hier sagt man Daesh). Es sind die Toten des Terrorismus! Voilà, das wollte ich wenigstens einmal laut gesagt haben.

Eigentlich wollte ich Ihnen geschrieben haben, dass Weihnachten dieses Jahr bei mir ausfällt. Endzeitstimmung mal wieder. Das war sogar noch vor Berlin. Nach allem, was passiert ist und mit diesen entsetzlichen Bildern aus Syrien im Kopf. Weihnachten kann ich dieses Jahr nicht. Dazu kam, selbst wenn Sie mich lächerlich finden wollen, dass es hier so warm war und die Sonne schien, das passt für mich nachwievor nicht zu einem weihnachtlichen Gefühl. Das Jahr war anstrengend, die Adventszeit zu kurz, ich bin zu spät für Geschenke, Ideen habe ich auch nicht und mir ist das Geschiebe und Gedränge in den Läden lästig. Geschenke, ach je. Ich hatte auch keine Weihnachtsdeko. Die angeheirateten Enkelkinder sind jetzt schon so groß, dass sie bei der sich im Kerzenschein drehenden Weihnachtspyramide nicht mehr in Verzückung geraten, das Weihnachtsessen findet nicht bei uns statt (ich habe mich dezent zurückgehalten), Monsieur ist es eh wurscht, muss also alles nicht sein, tant mieux. Umso besser. Mein Back-wahn hat sich mit den missratenen Christstollen erschöpft. Weihnachtskarten werde ich wohl erstmals auch nicht schreiben, was soll man auch wünschen in diesen Zeiten?! Weihnachten fällt aus. Basta.

Aber wissen Sie was? Gestern kam ein verspäteter Adventskalender und viele Texte darin rührten mein Herz, heute kam ein Päckchen mit deutschen Plätzchen und deutscher Weihnachtsdeko einschließlich echter Tannenzweige, so dass ich beschloss, nun doch die Weihnachtskrippe aufzubauen und ein bisschen zu dekorieren, nicht für die Kinder, nein, für mich, um mein verzagtes inneres Kind leicht im Arm zu wiegen. Und tatsächlich gab die sparsam verteilte Weihnachtsdeko den heute einzigen Anlass zum Lächeln: die schon so lethargisch gewordene Katze hat sich nämlich wie wild auf die Goldsterne gestürzt und einen nach dem anderen vom Tisch gefegt. Ha! Sie sah mich danach triumphierend an. „Die Goldsterne haben angefangen“, sagte sie leichthin und leckte sich ausgiebig die Pfoten. Natürlich. Die Aggressivität von Goldsternen ist ja bekannt. Früher lief die Katze auch gern durch die Krippenlandschaft und kickte abwechselnd die Plastikschafe oder den armen Josef vom Regal.

Ich hielt das Jesuskind in der Hand und zögerte – hier baut man die Krippenlandschaft früh auf, legt das Jesuskind aber erst in der Heiligen Nacht in die Krippe. Aber ich legte es entschlossen jetzt schon hinein. Das ist doch die Weihnachtsbotschaft: Jesus, das Kind in der Krippe, Liebe. Vielleicht glauben Sie das alles nicht, mit dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, und der unbefleckten Empfängnis undsoweiter, müssen Sie auch nicht, aber das, was das Christentum auszeichnet, ist doch die Liebe. Die Liebe, die mit Jesus Christus in die Welt kam. Und Liebe brauchen wir wohl mehr denn je. Viel viel Liebe. Davon kann man gar nicht genug bekommen. Das ist die Botschaft dieser Tage, würde ich meinen. Lieben gegen alle Widerstände, Jesus hat das gemacht, wir können das auch machen, Guerilla Loving sozusagen. Ich glaube, Weihnachten findet doch statt.

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Christine sieht das übrigens genauso!

 

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Der Himmel über Paris … la fin

im NebelIch hatte mir ja extra diesen „Wo mache ich Pipi in Paris?“-Führer gekauft, ihn aber nur einmal mitgeschleppt und dann brauchte ich ihn nichtmal, oder sagen wir, indirekt vielleicht schon, denn, einmal aufs Thema fixiert, fand ich öffentliche Toiletten erstaunlich oft. In Parks, an Metrohaltestellen, unter Brücken und hier und da. Einmal,

Parc Georges Brassens Katzenbücher Flohmarkt Brel Ferret Brassens

im 15. Arrondissement, ganz nahe am Parc Georges Brassens (das ehemalige Schlachthofgelände, dort war ein Bücherflohmarkt und ach, über Brassens sollte ich auch einmal schreiben!) habe ich dann auch ein vollautomatisches Häuschen benutzt. Gratis übrigens, ganz anders als in Cannes. So richtig weiß man ja nie, was einen darin erwartet, aber es war total sauber. Wird nach jedem Benutzer vollautomatisch gereinigt. Man muss aber immer abwarten, bis das Lichtchen neben der Eingangstür grün leuchtet. Und wenn man drin ist, verriegelt sich die Tür auch ganz von alleine. Man muss gar nichts tun, draußen leuchtet derweil das Besetztzeichen. (Das hat mir natürlich Monsieur bestätigt, ich war ja nicht gleichzeitig drinnen und draußen, logisch nicht wahr?!) Ich habe ja immer so ein bisschen Angst, dass die vollautomatische Reinigung einsetzt und man komplett durchnässt herauskommt (irgendwo habe ich das mal gelesen), aber so etwas passiert wohl nur, wenn man nicht auf die Lichtchen an der Eingangstür achtet. Also, anders als an Fußgängerampeln, geht der Franzose hier wirklich nur bei Grün los.

toilette publique Eingang Lichtchen Blick nach innen

Ich ließ mich diesmal, abgesehen von den touristischen Besuchen im Picassomuseum, dem Eiffelturm und der Fondation Louis Vuitton, zumindest, wenn ich alleine war, einfach treiben.

dsc01157 dsc01156 dsc01155 dsc01151allemand Bistro soupe de tears cafe gourmand

Lief in unspektakulären Wohnvierteln herum und freute mich über viele kleine Alltagsszenen, die ich dabei entdeckte. Einmal fragte mich eine junge Französin nach dem Weg. Eine Französin fragte MICH nach dem Weg!

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Ich habe zum ersten Mal auch Fahrradfahrer bewusst wahrgenommen. Es gibt sogar Fahrradwege in Paris. Die Fahrradkuriere sausen natürlich jenseits aller Fahrradwege in einem Affenzahn auf ihren Rennrädern quer über sämtliche Kreuzungen, sogar um den Arc de Triomphe hüpfte einer inmitten des mehrspurigen Autoverkehrs slalomartig herum. Zu schnell für meine Kamera waren sie fast alle. Es gab hin und wieder auch sportliche Trittrollerfahrer, neben den vielen rollernden Kindern, die ihre Roller vor der Ecole Maternelle geparkt hatten. Ich sah aber auch Mütter, die ihre Hollandfahrräder mit Kindersitzen in der Nähe von Metrostationen angeschlossen hatten, und sich abends mit Kind und Einkaufstaschen aufs Rad schwangen. Mutig. Alle.

KIndersitz Kurier Räder drei Rad

Das Berührendste erlebte ich am letzten Tag. Angezogen von bunten Herzen und Kerzen am Zaun eines Parks entdeckte ich einen Erinnerungsort für den dort vor kurzem verstorbenen Obdachlosen Georges H. Er, ein SDF (sans domicile fixe), hatte in diesem Park gelebt, war also kein SDF im wortwörtlichen Sinn, denn er hatte ja ein „domicile fixe“, einen festen Wohnsitz, nur war er unter freiem Himmel: in diesem Park eben. Die liebevollen Zeichen, dass an ihn gedacht wurde, haben mich sehr berührt.

k800_dsc01445 Ami stairway to heaven SDF 

Klammer auf: Man kann vor Weihnachten ja nicht ohne eine Botschaft und so, tut mir leid, aber da müssen Sie jetzt durch. Also, ich freute mich, dass man an diesen verstorbenen SDF so freundlich dachte, und vielleicht, es klingt auf den Zetteln zumindest so, war man auch freundlich zu ihm, als er noch lebte. Denn das ist ja das Wichtigere, nichtwahr. Es gibt viele SDF’s in Paris, und sicher auch in Ihrer Stadt, ich muss Ihnen da nichts erzählen. Manche schlafen in der Metro. Manche stehen vor einer Bäckerei, wenn sie Hunger haben. Deutliches Zeichen. „Hö“, machen Sie vielleicht, „mach erst mal selber was!“. Hab‘ ich. Mache ich. Ich kann nicht allen helfen und nicht die ganze Welt retten, aber ich unterstütze einen Mann und eine Frau hier in Cannes. Immer mal wieder, und auf jeden Fall immer, wenn ich an ihrem Standort vorbeikomme. Und die Frage, ob sie etwas (Besonderes) brauchen, oder ob sie sich was wünschen (zu Weihnachten) stelle ich auch mal. Geht ganz einfach. Kann man dann vielleicht nicht erfüllen (bei neuen Zähne musste ich passen, ich kenne keinen Zahnarzt, der so etwas übernehmen würde), aber er hatte sich gefreut, dass ich gefragt hatte. In Lille hat letztes Jahr ein Student eine schöne Aktion angeleiert. Und es gibt ganz viele andere dieser Art, gerade jetzt, wenn Sie sich alleine nicht trauen, möglicherweise. Wobei es nicht ehrenrührig ist, sich jemanden zu suchen, der einem sympathisch ist, denke ich. Ich bin nicht sicher, ob ich stark alkoholisierte Männer liebevoll unterstützen könnte. Ich schreibe das, weil ich gerade etwas gelesen habe. Aber das können vielleicht andere. Abschließend noch ein Kapitel der Geschichte eines deutschen Freundes, der auch ein paar Jahre als SDF unterwegs war, und den es nach Marseille verschlagen hat. So. Reicht schon. Klammer zu.

Zuguterletzt fotografierte ich schnell noch das kleine Häuschen, das unserem Pariser Domizil gegenüberstand. Eigentlich wollte ich nur diesen Kontrast des kleinen Häuschens neben den herrschaftlichen Häusern festhalten, und ging dann doch näher ran, um die verschiedenen Plakate an der Fassade zu lesen. Eine Fahne hatte sich über der Tür verhakt. Was war das? Ein Handwerksbetrieb vielleicht?

kleines Haus

Nein, zu meiner Überraschung war und ist es eine Grundschule. Ich überflog die Anschläge zu den Schulaktivitäten und Ferienzeiten und blieb dann an einer schwarzen Marmortafel hängen, die ebenfalls dort angebracht war. Mehr als 80 kleine jüdische Kinder aus dem Viertel wurden von hier zwischen 1942 und 1944 in Konzentrationslager verschleppt. Keines von ihnen hat überlebt.

gedächtnisltafel

Ach. Es trifft mich, dass sich das genau gegenüber des Hauses, in dem wir logierten, ereignet hat. Als hätte ich etwas ändern können. Wenn ich nur schon dagewesen wäre, vor mehr als siebzig Jahren. Ne les oublions jamais. Vergessen wir sie nie, lautet der letzte Satz auf der Gedächtnistafel.

Das war Paris. Sie merken schon, lauter fröhliche Geschichten, es geht in Riesenschritten Richtung Weihnachten, auch wenn die Welt da draußen schlecht ist. Ich will versuchen, meine unweihnachtliche Stimmung noch rechtzeitig in einen Text zu fassen. Anschließend will es ja sonst wieder keiner lesen. Also, bis dahin!

Und dann passierte Berlin. Der Text ist seit Sonntag Abend fertig und war auf „Dienstag früh veröffentlichen“ gesetzt. Ich wollte Sie nicht so zuknallen mit Paris und habe ihn daher nicht schon montags in die Welt geschickt. Heute Abend, nachdem ich andere Blogs gelesen habe, habe ich noch etwas ergänzt. Aber jetzt interessiert Sie das Geplänkel aus Paris natürlich nicht mehr. Ich frage mich, ob ich den Text gar nicht veröffentlichen soll?! Oder später? Wann? Ich schicke diesen Text jetzt raus. Still und leise, mitten in der Nacht. Damit das Paris-Thema fertig ist, und weil es darin auch um Themen geht, die mir wichtig sind. Dann werde ich mal einen Moment schweigen, vielleicht. Ich fühle mich nicht berufen, etwas zu Berlin zu sagen. Weder heute noch in den folgenden Tagen. Ist ja auch noch alles nicht klar. Ich bin erschüttert und triste. Ich bin ein Berliner. 

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Der Himmel über Paris … Teil 3

Arc de Triomphe

Es war grau und später regnete es, als ich mich zur Fondation Louis Vuitton in den Bois de Boulogne aufmachte. „Schau dir dort unbedingt die Ausstellung in der Fondation Vuitton an“, sagte mir eine Freundin, als ich erzählte, wir würden gleich nach Paris fahren. War mir peinlich, ich hatte nicht mal den Hauch einer Ahnung, was und wo die Fondation Louis Vuitton sein könnte. Sieh an, es ist ein Kunstort, den sie heimlich hinter meinem Rücken in Paris gebaut haben. Was habe ich eigentlich im Oktober 2014 gemacht, als das Gebäude, erbaut vom Architekten Frank Gehry, eingeweiht worden ist? Alle Feuilletonartikel in der Zeitung verschlafen? Mein erstes kulturelles Loch hatte ich ja, als ich fünf Jahre in meinem Bergdorf gelebt habe. Den Anschluss an verpasste Filme, Ausstellungen und Kunstevents habe ich nie mehr geschafft, es auch nicht gewollt, wenn ich ehrlich bin. Dass ich in den fünf Jahren ganz gut gelebt habe und die Erde sich auch weitergedreht hat, obwohl ich weder aktiv noch passiv am Welt-Kulturgeschehen teilgenommen habe, war überraschend. Monsieurs Kulturloch ist noch viel größer, fünfzehn Jahre lang hat er in einem korsischen Dorf gelebt. Was in den Achtzigern auf dem Kontinent passiert ist, davon hat er so gut wie keine Ahnung. Aber als er zurückkam, war es für ihn schwierig, den Anschluss zu finden. Ganz generell, an das Leben „auf dem Kontinent“. Ich schweife ab. Die Fondation Vuitton also. Die Sammlung Chtchoukine. Sollte toll sein. Ich hatte eine Karte (Monsieur hatte nur müde abgewinkt) vorab bestellt, damit ich mir das Schlangestehen am Ticketschalter ersparen konnte. Pustekuchen. Ich musste schon am Arc de Triomphe für den kleinen Shuttlebus Schlange stehen.

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Und dann stand ich, trotz Vorabticket, in einer der drei Schlangen (Schlange A: ohne Ticket, Schlange B: mit Ticket Einlass zur vollen Stunde, Schlange C: mit Ticket Einlass zur halben Stunde) an, und, ehrlich gesagt, waren die Besucher ohne Ticket diesmal schneller drin. Welche Schmach. In meiner Schlange schafften wir es aber gerade auch noch vor dem Regen. Überdacht ist da nämlich nix. Man steht vor diesem Luxusgebäude, das aussieht wie ein Schiff mit geblähten Segeln, im Freien herum und muss zunächst durch einen Sicherheitscontainer.

Schlange vor der FLV

Ich hatte tolle Fotos von dem Gebäude gesehen. Komischerweise waren die weißen „Segel“, die man auf allen Fotos sieht, jetzt bunt gefleckt und wirkten selbst an, oder auch wegen, dem grauen, sonnenlosen Wintertag gar nicht fröhlich, nur irgendwie plastikmäßig.

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Man konnte sich auch nicht wirklich so richtig vom Gebäude entfernen, um einen Eindruck von Weitem zu bekommen, denn drumherum ist ja überall Wald.

Bois de Boulogne

Der Bois de Boulogne ist ein richtiger Stadtwald, zerschnitten von Schneisen und Wegen und Straßen, aber eben Wald. Mit einem zweifelhaften Ruf, das wissen Sie vielleicht. Aber ich wollte ja auch keinen Waldspaziergang machen, sondern die Ausstellung ansehen.

von weitem

Drinnen im Schiffsgebäude war alles groß, hoch und leer. Wir wurden in engen, abgsperrten Wegen mit sehr viel Sicherheitspersonal über drei Etagen zur Kunst geleitet. Es ging nur vorwärts. Und es war voll. Man sah schon wieder nur Menschen vor der Kunst und nicht die Kunst selbst. Ich war in Nullkommanix schon wieder genervt und marschierte eher unwillig durch den ersten Saal mit Porträts und, wie nennt man von sich selbst gemalte Porträts?! Autoporträts?! Sagt man das? Wie dem auch sei: diverse (und ausschließlich) Herrenköpfe.

Picasso

Van Gogh

Menschen vor Bildern

Dann kamen die Impressionisten, ich habe die Hälfte schon wieder vergessen, so viele waren es: Mehrere Manets, Monets und Renoirs. Vor einem fast völlig die Wand einnehmenden Déjeuner sur l’Herbe geriet ich fast in Wut, weil eine Dame im roten Pullover, die sich etwa zehn Mal davor fotografieren ließ, so lange den Blick darauf versperrte. (Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich das nicht fotografiert habe. Heute fände ich es witzig, das zu zeigen, aber dort ärgerte ich mich nur maßlos.)

déjeuner sur l'herbe

Dann: Frauenporträts (immerhin!)

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Dann Gemälde von Cezanne und vom Zöllner Rousseau, und ein Saal fast ausschließlich mit großformatigen Gauguins.

Gauguin

Und dann ein Saal voller Matisse‘. Und etwas veränderte sich in mir. J’étais émue par les Matisses, erzählte ich später. Ich war so ge- und berührt von den Matisse-Gemälden. So groß, so leuchtend farbig, so wundervoll fand ich sie, ich hatte Tränen in den Augen und konnte mich kaum von ihnen lösen.

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Und ich wurde milder mit den Menschen, denn ich verstand jetzt das Raunen in den Sälen und die aufgeregte Nervosität der Besucher, die sich vor den Gemälden drängten. Ich schätze, es waren etwa 80 Prozent Franzosen, und sie waren die ganze Zeit, so wie ich bei den Matisses, gleichzeitig gerührt und aufgewühlt. Mit einem gewissen Besitzerstolz betrachteten sie jedes einzelne Gemälde lange und intensiv, so, als habe man ihnen endlich „ihre“ lang verschollene Kunst zurückgebracht.

Chtchoukine hatte die Kunst seinerzeit redlich erworben, hatte im großen Stil, mal eben hier dreißig Picassos und mal da zwanzig Matisses‘, gekauft. Matisse hatte sich selbst nach Russland begeben, um seine Gemälde in den rosa Salon des Chtchoukine-Palastes zu hängen. Nach der Russischen Revolution aber musste Chtchoukine mit seiner Familie fliehen und landete über Umwege in Paris, wo er 1948 im Alter von 82 Jahren starb. Der russische Staat beschlagnahmte seinen Besitz und teilte seine Gemäldesammlung in zwei Nationalmuseen auf. Vieles verschwand aber über Jahrzehnte in den Archiven, da es der Staatsführung als nicht genehm galt.

Die Ausstellung in der Fondation Vouitton ist gigantisch. Dabei sahen wir nur etwa die Hälfte (= 130 Gemälde) dessen, was Chtchoukine seinerzeit besaß. Was für ein unfassbar großer Besitz an (damals) moderner Kunst.

Gegen Ende wurde es moderner und damit ruhiger in den Sälen: des Raunen vor den abstrakter werdenden Picassos, Braques und ein paar russischen Künstlern wie Malewitsch wurde leiser, und die Menschen standen weniger gehäuft und weniger lange vor den Gemälden, die vielleicht schwerer zugänglich sind, aber man war vielleicht auch einfach schon gesättigt.

Violine

Ich hätte danach gerne einen Kaffee getrunken und mich mal einen Moment hingesetzt, um alles nachwirken lassen. Die nüchternen Bänke in der Mitte der Säle waren nämlich nicht nur wenig einladend, sondern man sah von dort auch gleich gar nichts mehr, zumindest keine Kunst. Aber es gab keine Sitzgelegenheit. Nirgends. Alles nur hoch und weit und leer. Und vor dem edlen Restaurant, das ab 16 Uhr immerhin einen Gouter anbot, stand schon wieder eine lange Schlange. Complet. Rein kam man nur, wenn andere Gäste rauskamen. 

Restau Schlange

Ich drückte mich also mit vielen anderen noch eine Weile in der Buchhandlung herum, blätterte noch einmal den Ausstellungskatalog durch (tonnenschwer, blieb daher ungekauft), und stand dort für ein paar Postkarten mal wieder in einer langen Schlange an der Kasse an, und dann warf ich mich, was sollte ich auch sonst tun, in den kalten Regen und wartete in einer weiteren langen Schlange wieder auf den Shuttlebus zurück zum Arc de Triomphe. Danach hatte ich Fuß und Rücken und ich frage mich, wie man das alles „durchsteht“, wenn man noch etwas älter ist.

Champs Elysee

Hier ein Nachtrag, daher auch in Rot, falls Sie sich noch einmal hierher verirren sollten: ich habe mich sehr beeilt, diese Texte zu schreiben und ich hätte vieles noch schöner machen können (manche Sätze vielleicht auch, ich habe auch ein „n“ getauscht), ich bin eben auf der Seite der Fondation Vuitton über zwei sehr anrührende kleine Filme gestolpert, die ich Ihnen hier verlinke: Sie können einen Tänzer in der Ausstellung verfolgen, so sehen Sie einen kleinen Teil der Ausstellung quasi alleine, UND er beginnt bei Matisse! Im zweiten kleinen Film wird erzählt, wie die Ausstellung zustande kam, auf Bitte der Familie Chtchoukine nämlich, und man sieht auch einen Enkel von Chtchoukine, der beglückt ist, zumindest einen Teil des „Familienerbes“ sehen zu können; ist auf Französisch, aber auch die Bilder sprechen für sich.

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