Corona Tagebuch – Tag 24

Jetzt wirds eng, der 24. Tag hat noch drei Stunden, ich machs daher kurz. Den ganzen Tag ein Gefühl von Samstag gehabt, das wurde noch verstärkt, weil der Gatte heute Nachmittag zum ersten Mal in unserer Geschichte und vielleicht zum ersten Mal in seinem ganzen Leben, spontan den Küchenboden nass gewischt hat. So richtig professionnel, mit Stühle und Tisch verrücken, den Boden freiräumen, zuerst mit dem Besen durch (Monsieur ist ein Anhänger des Besens und lehnt Staubsauger ab) wie sich das gehört. Ich sagte, während ich am PC saß, „du kannst dein Büro und den Eingang auch noch machen“. Ich meinte das ernst und glaubte genauso ernsthaft, er würde das machen, so viel zusätzliche Fläche ist es nicht. „Ich werde doch jetzt nicht die ganze Wohnung machen“ empörte er sich. „Ach nein?“, gab ich zugegeben etwas spitz zurück. „Wer soll es denn deiner Ansicht nach dann machen?“ Darauf wurde mir nicht mehr geantwortet, und ich gebe zu, ich war etwas unleidlich und hielt laut einen Vortrag darüber, was ich alles mache und überhaupt. Ich wischte dann demonstrativ das Büro und den Eingangsbereich, während Monsieur einen Freund anrief und sich mit dem Telefon ans andere Ende der Wohnung begab. Und statt froh zu sein, dass er die Küche wischte, war ich sauer, dass er nur die Küche gewischt hat.

Aber er war vermutlich schon körperlich ausgelastet, die Schlagzahl auf dem Rudergerät im Hinterhof wird täglich mehr, am Ende der Ausgangssperre wird er fit genug sein, den Atlantik rudernd zu überqueren.

Die Katze sprang heute auch erstmals seit Monaten wieder über die Mauer in den verlassenen Park, nachdem sie tagelang auf der Mauer saß und hineinstarrte. Ich fiel vor Schreck fast vom Stuhl, weil ich sie jetzt im Zweifelsfall nicht aus dem (verschlossenen) Park würde retten können, wenn sie von der anderen Seite der Mauer, wo ihr niemand freundlicherweise ein Höckerchen hingestellt hat, nicht mehr hinauf käme. Aber auch die Katze wird durch die Ausgangssperre fitter, sie kam Stunden später zufrieden zurück mit dem staubigsten Fell, dass man sich vorstellen kann, sie hat sich im Park vermutlich auf allen sandigen Wegen und dem Boulefeld gewälzt und warf sich dann hier erschöpft auf den Teppichboden. Nicht schlimm, der ist noch nicht gesaugt, das machen wir dann am richtigen Samstag. Also „wir“ ist eine façon de parler, nur so eine Art zu sprechen. Den Staubsauger nimmt Monsieur ganz bestimmt nicht in die Hand.

Derart spannende Sachen passieren hier, heute Vormittag aber habe ich ein Vorwort geschrieben und Seiten freigegeben, von was erfahren Sie alles bald, und mit mehreren Menschen privat und beruflich hin- und hergemailt und mich nach dem Verbleib von Büchern erkundigt, und mit einer Bank telefoniert und gewartet und etwas erklärt und erst die Drei und dann die Vier gedrückt und wieder gewartet. Ging dann aber gut aus. Deutschlands Bankbeamte sind noch verständig. Dann habe ich Mittagessen gemacht (violetter Spargel, Schweinekotelett, überbackene Polenta, Erdbeeren mit Ananas, ohne Foto) und wir haben draußen gegessen und mit der Familie von oben geplaudert, die auch draußen aßen, und ich habe noch ein bisschen so in die Sonne geblinzelt und nebenbei erschütternde Zahlen in einer Statistik angesehen und denke nicht, dass wir die Ausgangssperre lockern werden. Nochmal zwei Wochen hängen sie uns dran, befürchte ich. In Paris haben sie die Ausgangssperre für Sport verkürzt (drei Stunden morgens und drei abends), weil zu viele Menschen unterwegs waren, was aber nur zur Folge hat, dass umso mehr Menschen in diesen beiden Zeitfenstern draußen herumrennen. Seufz. Sieste bis 15 Uhr. Dann kam der Putz-Streit.

So ungefähr war der Tag, dann rief eine Freundin von ganz früher an und wir verplauderten uns am Telefon. Ich daddelte ein bisschen auf Facebook herum und klickte hier und da, die Bücher sind jetzt überall angekommen, nur nicht bei mir, und verteilte Herzchen, weil sooo viele Menschen mein Buch gekauft haben und es lesen! Danke Ihnen allen! Noch ein paar Mails hin- und hergeschickt, und dann machte ich schon wieder Abendessen. Und schon ist der Tag rum und ich habe noch nichts Interessantes für den Blog gefunden. Und bin dennoch schon sehr müde.

Sie bekommen Herrn Bonelli, den ich ausnahmsweise nur kurz angehört habe, ich vertraue darauf, dass das Thema passt und er es gut vermittelt.

Die Tulpen werden immer schöner!

Und die kleinen Kreidekerle wollte ich Ihnen schon lange zeigen.

Uh, es ist spät, guten Abend, gute Nacht, jetzt gehen Sie auch nicht mehr raus und das ist auch gut so. Schlafen Sie gut und wachen Sie gesund wieder auf!

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Corona Tagebuch – Tag 23


Es ist April in Cannes. Das Wetter ist wechselhaft. Duval erwartet über die nahen Osterfeiertage Familienbesuch, und seine Freundin Annie ist hochschwanger. Das würde schon reichen an Herausforderungen, doch dann stirbt eine Frau unter zunächst unklaren Umständen in einem Bistro in Cannes.  …. Heute ist Auslieferungstag meines neuen Kriminalromans und ich freue mich SO über alle Ihre Nachrichten auf allen Kanälen, dass Sie es schon haben, als E-Book vielleicht oder auch schon als Papierausgabe oder dass Sie es gleich, noch heute oder morgen geliefert bekommen, wie toll, dass das klappt! Und ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie mein Buch kaufen und lesen oder verschenken. Kleiner Wermutstropfen (oder heißt es Wehmutstropfen?): ich selbst habe es noch nicht, heul! Es ist unterwegs, das weiß ich, aber die Post kommt hier nur noch einmal die Woche … Dabei dachte ich mir, ich mache einen tollen Aufmacher mit dem Titel „Vollmond über der Côte d’Azur“ und zeige Ihnen die spektakulärsten Bilder vom wundervollen Vollmond, den wir gerade haben. Ist das nicht ganz großartig, wie wir diesen Termin gewählt haben? Nur von Corona wusste damals keiner was. Seufz.

Der Kriminalroman spielt eigentlich genau jetzt, kurz vor Ostern, an Ostern, nach Ostern, es wird hier auch, passend zum Text, am Osterwochenende wieder regnen, haha, wie hab ich das gemacht ;-) aber er spielt in einer anderen Zeit, in einem Frankreich vor Corona. Es gab an Ostern ein großes Familienessen bei Duval, etwas, was es dieses Jahr bei den meisten französischen Familien nicht geben wird. Es sei denn, sie kriegen ein virtuelles Essen via Zoom oder Skype hin. Wir definitiv nicht.

Herzlichen Dank für Ihre Kommentare, Nachrichten, die Fotos der Buchhandlung (habe ich gesehen), Solidaritätsbekundungen wegen der URSSAF, rassistisch würde ich es nicht nennen, ich denke das Verhalten vieler Beamter ist arrogant (auch, um ihre Inkompetenz zu überspielen) und wissend, dass man sie nicht belangen kann, erlauben sie sich alles.

Was gibts Neues? Ich hatte hier gerade einen langen Text über verstärkte Ausgangssperre und allerhand anderes geschrieben, der aber nicht abgespeichert wurde und jetzt ist es weg, das Internet ist fragil in diesen Zeiten und jetzt habe ich es satt. Verzeihung. 

In der Zeitung war heute eine Anleitung, zum Masken selbst schneidern; wir dürfen gleich nicht mehr ohne Maske raus, bis vor kurzem waren Maskenträger verpönt, man unterstellte den Trägern, krank zu sein, jetzt plötzlich sollen wir alle eine tragen. Ich bastele mir weiterhin eine aus einem mehrfach gefalteten Stück Stoff mit zwei Gummiringen solange bis es die Made-in-Cannes-Masken gibt. Man kann Masken auch aus einem Kaffeefilter, einer Boxershort, einem BH-Körbchen oder aus einem (frisch gewaschenen) Socken basteln, das Internet ist in der Zwischenzeit voll davon.

Ich wartete ja darauf, dass das von eingefleischten Element of Crime Fans gespostet würde, aber vielleicht habe ich es verpasst. Trostmusik in Corona Zeiten.

Um Tiere, die Trost und Freude geben, geht es heute auch bei Agnes trifft.

Und zu Bonellis Buchempfehlungen hatte ich auch ganz viel geschrieben, auch weg, tant pis.

Bei Sonnenuntergang beginnt heute Pessach. Der verlinkte Artikel stammt vom letzten Jahr, aber auch dieses Jahr liegt Pessach nah an Ostern. Frohes Pessach! Happy Passover! für dieLeserInnen, die es feiern. Die Musik stammt heute vom Israel Philharmonic Orchestra.

Haben Sie es so gut, wie Sie können in diesen Zeiten, bleiben Sie zuhause und gesund!

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Corona Tagebuch – Tag 22

Wir erhielten gerade einen Anruf der Mairie, ob wir in Not seien, nachdem wir das verneinten, fragten sie nach, ob wir jemanden kennen würden, der in Not sei. Nicht schlecht, bisschen spät vielleicht, aber immerhin. Wir werden immer mal wieder telefonisch von der Mairie mit Informationen versorgt, als es das Hochwasser gab zum Beispiel, gab es automatisierte Anrufe, mit der Nachricht zu Hause zu bleiben, sie riefen so lange an, bis man über eine Tastenkombination eingegeben hatte, dass man die Nachricht verstanden habe. Wir brauchten etwas länger, weil wir die Nachricht nie bis zum Ende anhörten ;) Monsieur ist als „Senior“ gelistet, weswegen wir auch immer wieder Einladungen zu Kaffeefahrten und für nachmittägliche Tanzveranstaltungen bekommen.

Aber wir sind nicht in Not, uns gehts gut, wir kriegen eingekauft und heute sogar gekocht, oder zumindest Essen  zubereitet und vor die Tür gestellt. Die Enkelin hat Ravioli selbst gemacht, gefüllt mit la Daube, einem Rindfleischragout. Hier ein Foto aus der Manufaktur. Wie Sie sehen, haben wir Mehl.

Wir aßen sie nur mit zerlassener Butter und etwas geriebenem Parmesan, und es war köstlich!

Alles aufgegessen. On a fait l’honneur aux raviolis, sagt man hier. Man hat den Ravioli(s) Ehre erwiesen.

Dass für uns eingekauft wird, aber nicht im üblichen Supermarkt, ist manchmal tückisch. Gerade habe ich eine knappe halbe Stunde nach einer adäquaten litière, einem Katzenstreu, gesucht. Pepita ist ja etwas kapriziös, wenn ihr das Streu nicht zusagt, dann macht sie ihr großes Geschäft entschieden neben das Häuschen oder ganz verschämt hinter den bodenlangen Vorhang. Nicht schön. Aber das verstehen Sie jetzt sicher, denn es ist so, wie wenn Sie ihr übliches dreilagiges weißes Klopapier nicht bekommen und jetzt irgendein kratziges graues nehmen müssen. Sehen Sie! Andere litière als üblich findet die Katze auch doof. Sie will ihre weißen Körnchen, die, die sie schon immer hatte. Die gibts aber nun nicht in dem Supermarkt, in dem man für uns einkauft, und nein, es ist nicht egal, ob das Zeug zusammenklebt oder eine andere Farbe hat oder biologisch abbaubar ist oder was auch immer. Ihr Klopapier ist auch nicht irgendein Klopapier. Und von wegen „nur“ für die Katze, es ist FÜR die Katze! Und wenn Sie x-mal stinkende Häufchen hinter dem Vorhang aufgeklaubt haben, dann wissen Sie das. Ich habe jetzt also genau Angaben einschließlich Foto weitergegeben und hoffe, wir erhalten das Gewünschte.

Heute früh habe ich die seit drei Tagen entworfenen Briefe beendet, immer mit Hilfe des Gatten versteht sich, ich allein scheitere ja im Schriftfranzösisch schon im Adressfeld oder beim Datum, alles anders hier, oder spätestens mit der förmlichen komplizierten Grußformel am Ende. Dans cette attente, veuillez, Madame, Monsieur, agréer l’expression de mes sentiments respectueux ist noch die einfachste Variante und entspricht etwa den „freundlichen Grüßen“. Mit dieser Grußformel kann man so viel ausdrücken, zumindest wenn man die Feinheiten beherrscht, man kann auch unhöflich sein, aber auf extrem höfliche Art. Ich versuche also die Wiederbelebung meiner Micro-Entreprise rückgängig zu machen, die ich, wie ich jetzt erfahren habe, nicht brauche, mit der ich aber komplett anders und unvorteilhaft besteuert würde, aber das wusste die Dame der URSSAF, die mich „beraten hat“, nicht, sie schlägt alles über einen Leisten, so ist es, wenn die Künstlersozialversicherung aufgelöst wird. Man hat es dann mit Menschen zu tun, die nicht verstehen, wie sich ihre Einkünfte ergeben und warum sie jedes Jahr anders ausfallen können und in Zeiten von Krisen wie dieser, wenn unsere Neuerscheinung, an der wir und andere ein Jahr lang sorgfältig gebastelt haben, irgendwo steckenbleibt und sich keiner dafür interessiert, weil alle nur Hefe wollen oder Mehl oder Klopapier oder Masken und keiner lesen will, wer kann sich schon darauf konzentrieren, und die Buchhandlungen sind sowieso geschlossen und der große böse Wolf liefert gerade auch nur Klopapier und keine Bücher, wenn also unsere Neuerscheinung irgendwo versandet und liegen bleibt, dann haben wir im nächsten Jahr kein Geld und das erklären Sie dann mal der Dame von der Sozialversicherung. Autoren? Künstler? Tant pis pour eux. Pech gehabt. Hätten halt was Ordentliches lernen sollen. Sozialversicherungsfachangestellte zum Beispiel. Ein krisensicherer Beruf. Und vermutlich Systemrelevant.

Die Briefe schicke ich vorsichtshalber per Einschreiben, in Zeiten wie diesen, weiß man nie. Die Post würde heute aber nicht abgeholt, bedauert die Dame der kleinen Poststelle, eigentlich eine Bar und ein Zigarettenladen und Rubbellose bekommt man auch, und jetzt ist es auch eine Poststelle, aber ich bin froh darum, die Dame ist viel netter als der ehemalige Postbeamte der richtigen Postfiliale und außerdem hat sie viel großzügigere Öffnungszeiten, sogar jetzt zu Krisenzeiten. Möglicherweise wird die Post morgen abgeholt, sicher ist es nicht. So ähnlich wird im kleinen Lebensmittelladen auch über die Lieferung von Mehl verhandelt. Ich mache ein Foto, weil das Glücksspielunternehmen darauf hinweist, dass Rubbellose keinen Ausgang rechtfertigen, sie seien nur als Zusatzkauf erlaubt. Die Gewinne aber würden, versichern sie uns, auch noch nach Ende der Ausgangssperre ausgezahlt. Auch das sei kein Grund aus dem Haus zu gehen. #restezchezvous

Ich aber gehe noch zum Bäcker und bin total gerührt, sie haben Schokoladenostereier gemacht und Lämmchen aus einer Art Biskuitteig gebacken. Ich habe die letzten Tage nicht gewagt, die schweigsamen Damen damit zu belästigen, ich dachte, sie springen mir vermutlich wütend ins Gesicht. Was sollen sie denn noch alles machen ohne Mehl?! Aber nein, die Stimmung in der Bäckerei ist auch freudiger. Ich bedanke mich für die Lämmchen und die Schokoeier, sage, wie sehr es mich rührt, dass sie das gemacht haben und die Bäckerin lächelt glücklich. Ich bestelle zwei Lämmchen für Sonntag und sie sagt mir, am Sonntag hätten sie auch noch ein größeres Schokoladensortiment. Ich erstehe dennoch bereits ein paar Schokoeier, sie sind teuer, aber das ist mir jetzt egal. Ich unterstütze den Handel in meinem Viertel. Am Eingang hängt seit ein paar Tagen ein Zettel, dass die Bäckerei nicht reich würde in der Krise mit all den Angestellten, die sie hätten und ohne Mehl.

Es wird Ostern. Wir sind in der Karwoche. Pessach steht auch bevor. Ich suchte gerade Informationen, ob wir Ostermessen virtuell ansehen können und erfuhr, es wird im kleinen Kreis eine Karfreitagsmesse im Inneren von Notre Dame geben. Die Kathedrale wurde gerade vor einem Jahr durch Feuer zerstört, es kommt mir vor, als sei das schon ewig her. Der Papst hat schon den Palmsonntag fast alleine im Petersdom gefeiert und er wird dort ebenso fast alleine die Ostermesse feiern und all das wird über Streaming (die Internetseite des Vaticans) übertragen.

Großes Thema heute: die Masken! Jetzt, wo es bald welche gibt, sagt man uns, wie wichtig sie sind und dass es jetzt eine Maskenpflicht geben wird, haha. Bürgermeister, die es geschafft haben, für ihre Stadt Masken aus China oder von anderswo zu bestellen, sehen sich mit der Tatsache konfrontiert, dass man diese Masken bei der Einfuhr sofort für den Staat beschlagnahmt hat und die Gemeinden gehen leer aus. Die Bürgermeister sind entsprechend wütend und schimpfen auf die französische Bürokratie, die nichts selbst hinkriegt. In Cannes aber machen wir unsere Masken selbst, kann noch einen Moment dauern, aber immerhin wird der Staat die wohl nicht beschlagnahmen.

Die Kurpfalz ohne Menschen. Via Friederike Kroitzsch.

Es gibt Momente, da bin ich froh, dass ich so weit weg bin und nicht mitkriege, wie anscheinend über Tagebuchblogs hergezogen wird. Es würde mich sofort einschüchtern. Wie mühsam muss man sich das Gefühl einer Zeit, über die man etwas wissen will, aus Dokumenten zusammensuchen, sei es der Erste oder der Zweite Weltkrieg, sei es die „Zwischenkriegszeit“, die „goldenen Zwanziger“, oder die Nachkriegszeit oder welche Zeit auch immer, die man selbst nicht miterlebt hat. Nicht umsonst hat man ein Feldpost-Archiv und (nicht nur) ein Tagebucharchiv gegründet. Briefe und Tagebücher seien „autobiographische Zeugnisse […] [und] wichtige Quellen für die Geschichts- und Kulturforschung, vor allem für die Erforschung der Alltags- und Mentalitätsgeschichte“ heißt es da. So wahr! Ich freue mich insofern über diesen Beitrag, der das Tagebuchbloggen als „gemeinsame Geschichtsschreibung“ unterstützt. Via Maximilian Buddenbohm.

Amerikanische Schulkinder grüßen ihre Schule und die Lehrer. Via Jessica Smith-Sirten


Und noch mehr Kids. 700 italienische Kinder singen Nessun dorma. Muss eine Wahsinnsarbeit gewesen sein, das zusammenzustellen. Chapeau!

So viel für heute! Bleiben Sie … Sie wissen schon!

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Corona-Tagebuch – Tag 21

Herrjeh, ich bin ein bisschen abgehetzt und bin ich nicht sicher, ob ich hier und heute noch etwas hinkriege. Heute morgen habe ich viel Zeit damit verbracht Briefe an die französische Verwaltung zu verfassen; wenn ich gewusst hätte, wie mühsam das alles immer ist, auch Jahre später, hätte ich versucht, einen pied à terre, ein Standbein in Deutschland zu behalten. Wenn ich eines Tages den Gatten nicht mehr habe, der im Zweifelsfall den Hörer übernimmt, um den ungeduldigen Finanzbeamten zum x-ten Mal meine eigenartige, weil aus der Norm fallende, Situation zu erklären, dann weiß ich nicht, wie es gehen soll. Sie hören mich seufzen. Kürzlich habe ich mich mit der Dame der URSSAF, der Sozialversicherung herumgestritten, weil ich, als ich meinen Namen buchstabierte, sagte „Christiane wie im Französischen“. Sie musste mich dann aber sofort korrigieren, weil es sich „natürlich nicht“ wie im Französischen schriebe, sie behauptete Christiane im Französischen schriebe sich ohne „h“, also „Cristiane“. Ich wagte kurz zu zu sagen, dass ich das nicht glaube (ich kenne mindestens drei französische Christianes), aber … ouhlà, großer Fehler. Tun Sie das nur nie. Als Ausländerin einer Dame der Sozialversicherung zu widersprechen. Leider klingt die deutsche Art zu sprechen in französischen Ohren per se als unfreundlich, mein Französisch mit der nicht perfekten Satzmelodie und nicht angereichert mit verbindlichem Vokabular klingt schnell etwas patzig, zumindest in den empfindlichen Ohren der Damen und Herren der französischen Verwaltung. Es eskaliert quasi jedes Mal, ohne dass ich verstehe warum. Aber so früh, schon beim Buchstabieren des Namens. eskalierte es bislang noch nicht.

Es wurde viel telefoniert heute, wir versichern uns gegenseitig, dass es uns gut geht. Jeder kennt aber jemanden, der einen Corona-Fall kennt. Aber noch ist es nicht ganz nah. Außer bei uns, wir haben Monsieurs Sohn, der aber wieder gesund und 20 Kilo leichter in Homeoffice-réunions sitzt.

Monsieurs Tochter hat heute einen Teil für uns eingekauft, darunter Schoko-Ostereier, die wir am Sonntag im Vorgarten verstecken werden. Die Kinder sind schon groß, aber gerade dankbar für jede Ablenkung. Und: Es gibt wieder nouilles! Hurrah!

Ich bekam Post (Schöne!!! Danke nach Mainz!!!) und elektronische und werde in der nächsten Zeit ein bisschen arbeiten, habe also weniger Zeit für den Blog. Sie merken es, wir sind schon mittendrin. Ich fürchte auch, ich komme in nächster Zeit nicht mehr dazu, Ihre Kommentare zu beantworten, so gern ich das möchte. Das verzeihen Sie mir bitte, kommentieren Sie gern trotzdem, ich und die anderen LeserInnen freuen mich/sich darüber und ich lese alles! 

Was gibts Neues? Wir lassen jetzt Masken „Made in Cannes“ anfertigen. Der Bürgermeister hat Stoff gekauft und sämtliche Nähbetriebe angehalten, mehrfach gefältete Stoffmasken (Viskose zwischen zwei Schichten Baumwolle) nach Norm AFNOR S76-001 zu fertigen, die bald (!) für alle Cannois verfügbar sein sollen. Also vermutlich noch während der Krise. Aber nur eine pro Person. Die kann man dann später mit Goldstickerei verziert auch zum Filmfestival tragen oder auch teuer weiterverkaufen, „Made in Cannes“ immerhin. Aber schon die Ankündigung beruhigt hier, ebenso wie das stete Desinfizieren der Straßen (60 km täglich) mit Chlorwasser.

Seit heute gibt es eine Möglichkeit seine Attestation de déplacement auf dem Mobiltelefon auszufüllen; danach schickt man sie ab und bekommt postwendend eine Code zugeschickt, der von der Polizei bei Kontrollen gescannt werden kann. Wir bleiben beim Papier. Der Gatte hat sowieso kein Mobiltelefon.

Bei Croco gelesen, dass die Tulpen geschreddert werden. Wie ist das traurig. Und hier gibt es keine zu kaufen.
Da muss ich gleich nochmal ein Tulpenvideo vom Keukenhof suchen.

Und Hilke nimmt uns unverdrossen für ein Wochenende mit nach Nizza. Man wird ja noch träumen dürfen.

Nochmal Lovely Day. Ich habs damals auch schon in Endlosschleife gehört.

Oh, gerade kamen schon Anfragen, ob alles in Ordnung sei, der heutige Beitrag fehle. Merci! Sehr lieb! Da kommt er.

Bleiben Sie so gesund wie Sie können und zu Hause!

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Corona Tagebuch – Tag 20 Sonntag

„Wie riecht das Meer?“, frage ich Monsieur, weil wir am Meer sind und mich Croco das neulich fragte und ich es nicht wusste. Ich rieche jetzt immer noch nichts. „Nach Jod“, sagt Monsieur ohne Nachzudenken. Mich macht es nicht schlauer, ich gebe es aber so weiter. Ich rieche das Meer nicht, aber ich höre es. Es plätschert ganz leise an den Strand heute, beinahe spiegelglatt ist es. Und rauscht nur leise hin und zurück. Das Meer atmet denke ich. Aus und ein. Die Stadt ist still. Wir sind am Meer. Es ist so schön.

Ich weiß ja nicht, ob wir uns alle gegenseitig beeinflussen, oder ob wir alle in derselben Energie sind, wie es immer heißt, aber ich habe tief und dennoch schlecht geschlafen und schwer geträumt. Ich irrte zwischen Florenz und Paris herum, es wurde Italienisch, Englisch und Deutsch gesprochen, kein Französisch bizarrerweise, heißt es nicht immer, wenn man in der Sprache des anderen Landes träume, sei man angekommen? Ich irrte herum, verstand aber alle Sprachen. Es ging um einen Prozess und ich hatte vergessen, mich einzuschreiben, um dem Prozess im Publikum beizuwohnen. „Zwei Schöne“, sagt die elegante kleine Dame mit Pagenkopf, die für uns zahlt, damit wir in einem Restaurant auf Toilette dürfen. „Zwei Schöne“, dabei waren wir in Florenz oder ist es jetzt doch wieder Paris? Ich wache auf, es war kein Alptraum, es war ja immerhin nicht mein Prozess, ich bin trotzdem erschöpft und denke an Kafka. Aber es ist früh! Halb Acht! Die Sonne scheint. Ich trinke Kaffee und überrede Monsieur mit mir ans Meer zu gehen. Um halb Neun (oder Halb Neun/halb neun/Halb neun?) sind wir fertig, haben die Ausgehdokumente unterschrieben und laufen los. Im Vorgarten riecht der Pittosporum süß und ich HÖRE Bienen herumsummen! Es ist so ruhig, dass ich die Bienen zuerst höre. Es beglückt mich, letztes Jahr dachte ich, keine einzige Biene im Vorgarten gesehen, geschweige denn gehört zu haben, weshalb ich zu Weihnachten Bienenfreundlichen Blumensamen verschenkte. Selbst habe ich aber keinen gesät.

Wir laufen los, nur wenige Menschen führen einen Hund spazieren, es ist so ruhig, sogar auf der Schnellstraße kein Auto. Blick von Weitem auf das Meer, neben der nun geschlossenen Épicerie. Dort nehme ich erstmals die Karosserie-Werkstatt auf. Hier befindet sich auch die protestantische Kirche, die ich für Wolfram aufnehme. Das kleine Rinnsal, le riou, hat vor ein paar Jahren das gesamte Viertel überschwemmt.

Auf der Uferstraße kein Auto weit und breit. Ich finde es himmlisch. Nur zwei angetrunkene Gestalten drehen mit dem Handy Videos und brüllen „Cest la merde ici, y a rien, la merde“. Nichts sei los und es sei Scheiße. Ich finde es vermutlich als Einzige wundervoll, dass „Nichts“ ist, kein Geräusch, keine Menschenseele, doch, in der Bucht ein Fischer! Ein grüner Papagei sitzt im Dattelbaum und bewirft uns mit Datteln. Wir promenieren am Meer entlang, dann am Hafen. Ein schöner alter Segler aus New York liegt hier, eine Art Hausboot aus Amsterdam neben einem großen weißen Plastikschiff. Und es ist so still. Ich liebe es.

Dann gehen wir zum Fischmarkt am Hafen: Nach dem Hände desinfizieren dürfen in einen vorgeschriebenen und abgesperrten Parcours immer nur ein bis drei Menschen hinein. Mehr Kunden sind wir auch gerade nicht. Drinnen vier Fischverkäuferinnen, ein Fischer. Sie sind gut gelaunt, die Cannois nehmen das Angebot an. Die Zutaten für die Fischsuppe sind so frisch, es zuckt noch auf dem Eis, das ist mir aber zu viel Arbeit. Es wird ein kleiner Barracuda für uns und eine Pelamide, eine Art Thunfisch, für die Familie über uns.

Wir gehen durch den Suquet wieder nach Hause. Exakt eine Stunde waren wir unterwegs und bewegten uns in unserem erlaubten Radius. Es war beglückend!


Bei Herrn B. fand ich heute früh ein ebenso wundervoll stilles Venedig und diese sanfte Musik: Dota vertonte Gedichte von Mascha Kaleko: „Die andern sind das weite Meer, du aber bist der Hafen …“

Ich war da schon sehr weichgespült. Und dann sang Joan Baez à la France, den L’Auvergnat von Brassens. Mehr geht nicht für einen Sonntag.

ps: der Barracuda wurde gegrillt, dazu gab es Reis und ebenso gegrillte allererste und regionale Zucchini, war alles köstlich! Und wir aßen draußen. In der Sonne diesmal. Die Katze bekam den Barracudakopf und macht jetzt eine erschöpfte Sieste. Monsieur ebenso und ich werde das jetzt auch tun.

Genießen Sie den Tag, den Frühling, die Sonne, wie Sie können. Wenige und erträgliche Schmerzen wünsche ich dorthin, wo Menschen Schmerzen haben und krank sind. Und bleiben Sie von diesem Virus verschont!

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Corona Tagebuch – Tag 19

Heute habe ich endlich eine App gefunden, die mir den einen Kilometer anzeigt, den ich in alle Richtungen gehen kann. Ungeahnte Freiheiten tun sich auf. Ich käme sogar bis ans Meer. Also in Sichtweite zum Meer, richtig hin darf man ja nicht mehr. Es sind aber dort so viele Menschen unterwegs, dass ich mir das überlege, ob ich das wirklich machen will. Vielleicht ganz früh, wenn ich es denn schaffe, mal wieder „früh“ aufzustehen.


Auf der Straße roch es wie Schwimmbad: unsere tägliche Portion Chlor gib uns heute … Zwar war ich Brot und Rosé und noch zwei, drei Kleinigkeiten einkaufen (bei uns gibt es Klopapier und Eier, jedoch immer noch kein Mehl) und habe bei der Apothekerin „coucou“ gesagt, aber ich war unentschlossen, was ich fotografieren könnte: Gullideckel? Briefkästen? Zäune? Ich konnte mich nicht entscheiden und nahm nur mal eben die Straße in beide Richtungen auf, es ist aber gefährlicher geworden, die Autos schießen jetzt heran, die Fahrer sind unaufmerksam(er), aber gestresst wie eh und je. Während ich beim Bäcker in der Schlange stehe, knäulen sich drei Autos in einem Ministau am Zebrastreifen und schon wird gehupt!

Wir aßen, Premiere!, im Innenhof, aber bis alles soweit war, war die Sonne schon fast verschwunden. Es gab weißen Spargel aus dem Ofen (superlecker), Schweinekotelett und Gnocchi und kleine Minidesserts vom Bäcker. Im Bild nur die Spargel.


Was gibts Neues? Das Abitur gibts dieses Jahr ohne Prüfungen. Man wird einen Mittelwert aus den bisherigen Noten errechnen und hat das Abi dann geschafft oder auch nicht. Der Enkel ist noch ein Jahr vor dem Abi, die Enkelin aber hat ihr brevet, eine Art Realschulabschluss, jetzt auch einfach so in der Tasche. Sie ist erleichtert, in der Probeprüfung, dem „brevet blanc“ (hier werden die Prüfungen zu Übungszwecken, immer mindestens einmal „blanc“ absolviert) hatte sie nämlich deutlich schlechter abgeschnitten als ihr Notendurchschnitt sonst ist.

Das Ausgangsformular gibt es jetzt in der Zeitung auch in der Version „light“ mit Bildchen für des Schreibens Unkundige. Das war bitter nötig, wir haben mehrfach für zwei der senegalesischen Straßenhändler das Formular ausgefüllt, das sie jetzt krakelig kopieren. „Fotokopieren“ sagen sie. Wir „fotokopieren“ es. Ich habe es erst nicht verstanden, aber sie kopieren, sie übertragen die Angaben in die leeren Formulare.

Wir erwarten das höchste Hoch der Krise für Montag. Die Zahlen für Frankreich sind aber schon jetzt ziemlich unschön, wir stehen in der weltweiten Statistik gleich hinter Italien und Spanien und ich fürchte, es ist alles noch viel schlimmer, denn da wir aus Mangel an Tests niemanden testen, wissen wir nicht, wieviele Infizierte es wirklich gibt. Außerdem werden die Toten in den Altersheimen nicht mitgezählt. Aus Rücksicht auf meine älteren LeserInnen, erzähle ich Ihnen nichts von der Situation in den Altersheimen der Region. Nicht lustig. Österreich immerhin steht ganz gut da. Bravo!

Á propos, Herr Bonelli ist wieder Vater geworden (wir gratulieren), liefert dessen ungeachtet immer noch Videos, ich sehe und höre sie mir auch an, fand aber keines so interessant, dass ich es hier hineinstellen wollte.

Bill Withers ist schon vor ein paar Tagen gestorben. Aber immerhin nicht an COVID19. Eine französische Hommage in sieben Songs. Ich habe ihn erst Ende der Achtziger mit diesem Remix entdeckt und dann komplett alles von ihm in der Endlosschleife gehört. Über ihn wusste ich aber (*schäm*) nichts, erfahre das eben erst aus den Nachrufen.

Eins noch kurz vor Schluss, das habe ich gerade via Herrn B. entdeckt, eine Schule in Hamburg macht für die Schüler zuhause eine „Late-Night-Show“, großartig und unglaublich! Ich habe mehrere dieser Videos angeschaut und habe mich jetzt doch wieder für das hier entschieden, weil mich die Seifenblasen des Hausmeisters (?) auf dem verlassenen Schulhof so gerührt haben und die gemalte Oster-Deko eines Schülers. Ich hatte sofort Lust auf Seifenblasen und überlege nochmal, ob ich nicht doch Osterdeko mache, was ich eben in einem Telefonat noch müde abgewehrt habe.

Late-Night-Show passt ja, ich werde jeden Tag später …

Bis morgen! Und Sie wissen schon … zuhause und gesund!

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(Kein) Corona Tagebuch – Tag 18 – Erinnerungen an eine Buchhandlung

Die Buchhandlung also. Ich freue mich, dass es bei Ihnen so viel auslöst. Danke für die Kommentare der unbekannten Kolleginnen und für den langen Kommentar von Wolfram aus seiner Zeit als „Laufbursche“ für schwergewichtige theologische Literatur. Das Bestellbuch! Die Auswahlsendungen! Die Büchertische! Die Remittenden! Die langen Samstage, die Inventur und das Weihnachtsgeschäft! So viele Erinnerungen drängen sich in meinem Kopf, seit ich angefangen habe, darüber zu schreiben.

Ich habe Fotos gesucht und leider nicht gefunden. Nur das hier. So sah ich damals aus. Unten links das Bewerbungsfoto aus der Zeit. Das andere hatte jemand von mir bei einer Friedensveranstaltung gemacht. Frieden schaffen ohne Waffen, war ein Slogan der Zeit. Schwerter zu Pflugscharen, ein anderer. Ich sammelte Unterschriften gegen die Aufrüstung, gegen die Stationierung der Pershing II Raketen und sang und diskutierte und demonstrierte für den Frieden. So war das zu Anfang der Achtziger Jahre. Jugend im Kalten Krieg. Ich bin eigentlich katholisch, zumindest wurde ich so getauft und erzogen, suchte damals aber eine „frischere“ und „freiere“ Alternative und landete in der evangelischen Gemeinde des Nachbardorfes, wo ich fürderhin (zum Verdruss und Unverständnis meiner katholischen Gemeinde) mithalf. Dass ich meine Ausbildung in der evangelischen Stadtmissionsbuchhandlung anfing, war also durchaus kohärent. Das nur zur Vorgeschichte. In der Buchhandlung war es aber leider nicht frischer und schon gar nicht freier, es war sehr viel konservativer, altbackener, man wünschte sich die Damen und Fräuleins wohlfrisiert und im Rock, brav und gesittet, man bekam keinen Urlaub genehmigt, wenn man dumm genug war zu sagen, dass man die freien Tage mit seinem Freund verbringen wollte, anstelle vage etwas von Familienurlaub zu faseln. Aber Lügen lag mir nicht. Meine freiheitlichen, rebellischen Flügel, die mir gerade wuchsen, wurden energisch zurückgestutzt. Abgesehen davon mochte ich es, umgeben von Büchern zu sein, es machte mir nichts aus, sie zu ordnen und die Regale abzustauben, etwas, das ich damals so oft tat und brav in mein Ausbildungsheft eintrug, dass meine Chefin wünschte, ich möge das ändern, wie sieht das denn aus! Als hätten Sie hier immer nur aufgeräumt und abgestaubt! Ich liebte es, wenn Neuerscheinungen im Laden ankamen, ich liebte das Auspacken der riesigen Buchpakete, es war wie Weihnachten, neue Bücher, ganz egal welche, ich fand alle spannend und las in alles hinein, ich mochte das Auszeichnen mit einer Maschine oder bei empfindlichen Dingen per Hand und mit Bleistift zart auf der Rückseite von Kärtchen oder Heftchen. Ich liebte es, dafür Platz zu schaffen und zu dekorieren. Schaufenster zu gestalten, liebte ich etwas weniger, weil sie entgegen dessen, was wir auf der Buchhändlerschule lernten, nicht „gestaltet“, sondern vollgestopft sein mussten. Wann immer ich einen Platz ließ, quetschte die Chefin noch Bücher hinein, ob sie vom Konzept passten oder nicht. Raum lassen war Platz verschwenden. Wir hatten nur zwei große Schaufenster, die Buchhandlung lag außerhalb der Stadt, es gab keine Laufkundschaft, man musste alles zeigen, was wir hatten.

Auch drinnen war mehr mehr, alle Regale, alle Tische, alle Wände und alle Schubladen des Ladens waren voll. Und auch der Platz um die Kasse füllte sich, obwohl wir noch ganz am Anfang waren von „Zusatzverkäufen“, all dem Schnickschnack, der jetzt in Buchhandlungen mitverkauft wird. Die ersten Buchzeichenkalender, die als „Mitnahmeartikel“ an der Kasse standen, fanden wir noch schrecklich. Unwürdig irgendwie. Meine Chefin, die sich sehr fortschrittlich schon in einer sogenannten ERFA-Gruppe mit anderen christlichen Buchhandlungen, darunter auch die von Wolfram erwähnte Buchhandlung Franck, jedoch die Filiale in Velbert (wenn ich es recht erinnere), austauschte, hatte ständig „neue Ideen“. Kalenderchen an der Kasse war nur eine. Die Tür sollte geöffnet sein und vor dem Laden standen immer Körbe und Regale, die wir morgens rausschleppten und zur Mittagspause (damals gab es noch eine feste anderthalbstündige Mittagspause) und abends wieder hinein, die zufällig vorbeigehende Kunden anziehen sollten. „Schwellenangst“, einen „elitären Ort“ wie eine Buchhandlung zu betreten, waren Themen, die später viel diskutiert wurden, weshalb es heute nur noch sich selbst öffnende Schiebetüren gibt oder gleich gar keine, und der Übergang von außen und innen mit vielen Büchertischen fließend gestaltet wird. Schwupp ist der Kunde drin, und merkt, es hat gar nicht weh getan und vielleicht kauft er auch etwas. Die Chefin hatte sicher Recht mit ihren Aktionen, denn man sah so von Weitem, „dort ist ein Laden“ und „dort ist geöffnet“, ich schämte mich aber immer ein bisschen, denn ich fand, es sah ärmlich aus.

Der Chefin aber war das egal. Regal war Regal. Man nutzte pragmatisch, was da war und Sparsamkeit war das oberste Gebot. Die Chefin, die den Krieg und vor allem den Mangel der Nachkriegszeit erlebt hatte, hob im Laden alles auf, was immer noch gebraucht werden konnte. Als ich an meinem ersten Arbeitstag im Lager (jede Ausbildung beginnt im Lager!) schändlicherweise eine Kordel, mit der ein Paket verschnürt war, mit der Schere durchschnitt, anstelle sie aufzudröseln, erlebte ich schon das erste Donnerwetter. ALLES wurde aufgehoben, alle Kartons, jede Schnur, jedes Stück Papier, jede Büroklammer wurde wiederverwendet.

Im Herbst hängten wir zusätzlich noch Kalender und Adventskalender an einer kompliziert vertäuten Schnur über unseren Köpfen auf und Herrnhuter Sterne ins Schaufenster und nutzten jeden Stauraum, um tausende von Losungen und christliche Tageskalender unterzubringen. Das Weihnachtsgeschäft war gefürchtet und geliebt gleichzeitig, wir hatten während der Adventszeit durchgehend auf und arbeiteten alle vier Samstage bis abends. Frei gabs in der Zeit kaum noch. In meinem ersten Weihnachtsgeschäft heulte ich ständig vor Erschöpfung, so viel Arbeit, so viel Gerenne, soviele Menschen und Wünsche und Sonderwünsche und Buchempfehlungen und Bestellungen und Päckcheneinpacken hatte ich bis dahin noch nie erlebt.

Dass ich gerne Buchhändlerin war, merkte ich, als ich zum ersten Berufschullehrgang in die Buchändlerschule nach Seckbach bei Frankfurt durfte. Es waren mehrere Wochen Internat und Berufsschule in einem. Hier merkte ich aber auch, was andere in anderen Buchhandlungen alles hatten, durften und konnten und vor allem lasen! Was für aufregende Romane es gab! Bei uns im Laden machte schon „Miriam“ von Luise Rinser einen Skandal oder „Der große Boss“, eine provokative Neuerzählung des Alten Testaments, vom Eichborn Verlag. Wir hätten das Buch stapelweise und mit Sonderrabatt einkaufen können, so viele verkauften wir davon, aber wir hatten es aus Prinzip nicht vorrätig, bestellten es immer nur auf Anfrage und fassten dieses unverschämte Skandalbuch mit spitzen Fingern an, als handele es sich um Pornographie. Ich bestellte während des Berufsschulkurses jede Menge Bücher, die ich in meiner Buchhandlung nicht gewagt hätte zu bestellen („Unser Körper unser Leben“). Ich strickte meine ersten Pullover, im Aufenthaltsraum dröhnte Relax von Frankie goes to Hollywood und wir tranken aromatisierten Tee. Die Kurse und die Lehrer dort waren großartig. Ich habe so viel gelernt und auch wieder so gerne, es war so viel freier und interessanter als in der Schule, es gab so viel zu entdecken; ich verbrachte Stunden in der Bibliothek und las und las. Abends gab es zusätzlich Lesungen, ich erinnere mich vor allem an Jurek Becker, der damals Stadtschreiber in Bergen war. Und am Wochenende erkundete ich Frankfurt.

Zurück im Laden wurde die Welt wieder enger und es war mir klar, dass ich, obwohl die Damen nichts mehr wünschten, als mich zu behalten, dort nicht bleiben konnte. Anders als meine Fräulein-Kolleginnen und der eine Kollege, der erste männliche Auszubildende, der nach mir kam, und an dem es nun war, Schimpfe einzustecken und Kisten zu tragen, musste ich weiter. Ich verließ alle religiösen Institutionen, ich hatte genug davon und war reichlich desillusioniert. Der Kontakt verlor sich. Erst zum hundertjährigen Jubiläum der Buchhandlung im April 2010 suchte und fand man mich mit einem Klick im Internet. Seitdem besteht wieder ein sehr herzlicher Kontakt, gehalten vor allem dank des Kollegen und dem „neuen“ Inhaber, der die meiste Zeit seines Arbeitslebens dort verbracht hat. Joachim Keidl und seine MitarbeiterInnen haben die Buchhandlung umgestaltet, aufgepeppt, Vorträge, Lesenächte und Lesungen organisiert, auch mit mir, und sie haben, so treu wie keine andere Buchhandlung, und obwohl Kriminalromane zu meiner Zeit dort ein no-go gewesen wären, meine Krimis immer vorrätig gehabt und auch gut verkauft! Von Herzen Dank dafür!

Hat sich die Buchhandlung wegen ihrer Spezialisierung auf religiöse und theologische Literatur länger gehalten als andere, so bedeutete die Tatsache, dass die christlichen Verlage den Weg in die allgemeinen Buchhandlungen gefunden haben, das langsame Aus. Ein Rückgang der Religiosität tut ein übriges. Es gibt so gut wie keine Konfirmanden mehr. Besondere Bücher oder andere Konfirmationsgeschenke, die von sämtlichen Gemeinden des Landkreises in riesiger Menge bestellt und abgenommen wurden, gibt es nicht mehr. Die Buchhandlung hat im oberen Stock, wo es zu meiner Zeit Schallplatten, Kinderbücher und Devotionalien gab (Kreuze, Kerzen, Krippe- und andere Figuren), zunächst noch ein Café eingerichtet, leckersten Cappuccino und selbstgebackenen Kuchen angeboten, zusätzlich mit einem Kinderzirkus kooperiert und sich letzten Ende verkleinert. Ich besuchte die Buchhandlung noch einmal während des letzten Weihnachtsgeschäfts. Noch immer wurden die Herrnhuter Sterne dort verkauft, noch immer erklärte man, wie man ihn zusammenstecken muss, noch immer fand ich dort schöne Karten, tolle Bücher und eine besondere Stimmung. Aber kaum noch Kunden. Am 10. Januar, 110 Jahre nach Gründung der Stadtmissions-Buchhandlung, wurde sie definitiv geschlossen. (Ich habe davon auch ein Foto, aber es will hier nicht so wie ich will.)

Für die beiden Fotos des letzten Sommer-Schaufensters danke ich meiner Freundin Sabine B. So leere Schaufenster hätte es früher nicht gegeben! ;)

Ein Tag ohne Corona. Ich hoffe, es ist für Sie in Ordnung. Bleiben Sie trotzdem zu Hause und bitte auch gesund!

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Corona Tagebuch – Tag 17

Ich komme immer schwerer aus dem Bett. Ich gehe auch spät zu Bett, nie vor Mitternacht, ein Uhr. Monsieur und ich, wir sind schon immer ein bisschen décalé, der Frühaufsteher und die Langschläferin, gerade wird es noch etwas extremer. Ich konnte lange nicht einschlafen, weil ich über die Zeit in der Buchhandlung nachdachte, Anfang der Achtziger Jahre war das, auch wenn das Ambiente dort so ein bisschen wie späte Fünfziger war. Ein andermal schreibe ich dazu weiter. Heute früh wollte ich laufen, naja laufen, Sie wissen schon, zügig marschieren im Naturschutzpark. Es wurde aber 11 Uhr, bis ich loskam. Zum ersten Mal stand die Police Municipale an der Ecke zur Nachbarstraße. Ich hatte mein Dokument dabei, in dem ich jetzt auch Geburtstag und Geburtsort eintragen muss und um wieviel Uhr ich das Haus verlassen habe.

Ich habe „Sport“ angekreuzt und mich vorsichtshalber auch in Sportklamotten geworfen, ich wollte aber auf dem Rückweg auch Brot und Pommes frites im kleinen Laden einkaufen und überlege mir nun eine Route, die für den Hin- und Rückweg passt, angesichts eventueller Kontrollen. Die Polizisten kontrollieren mich jetzt zumindest aber nicht. Ich war schon lange nicht mehr draußen. Monsieur ist bange, dass ich ihm einen Virus mitbringen könnte, weshalb ich aus Rücksicht auf ihn mein Ausgehbedürfnis zurückschraube. Heute fühle ich mich wie ein Fohlen, ich hopse die Straße entlang, die Sonne scheint, ich bin draußen! In der Kurve, wo man über einen kleinen Pfad zum ersten Mal in den Naturpark abbiegen kann, sehe ich mit Befremden, dass der Weg gesperrt ist.

Ich denke noch, dass sie den kleinen Weg, der so halb illegal ist, vielleicht zuwachsen lassen wollen. Der Zugang zu meiner Runde ist sowieso weiter oben, ich laufe weiter und wundere mich über all die Absperrgitter auf der Straße,

bis ich den daran festgeklebten Erlass lese: Der Zugang zu sämtlichen Waldgebieten im Département Alpes-Maritimes ist seit dem 20. März schon verboten. Das war mir komplett entgangen.

Richtig kommen mir die Tränen dann dort, wo ich eigentlich in den Naturschutzpark laufen wollte. Abgesperrt klar. Ich stehe ein bisschen dumm herum und schluchze kurz.

Die Straße weiterzulaufen ist nicht besonders attraktiv, überall rund um das Gelände stehen Absperrgitter; ich kehre um und versuche meine Enttäuschung nicht zu groß werden zu lassen und konzentriere mich auf das, was trotzden ist: der blaue Himmel, die frischen Blätter der Feigenbäume, die wilden Freesien, zum ersten Mal sehe ich blühenden Salbei! Ich mache auch Fotos von den ersten Lavendelsorten, aber ich zittere vor Aufgewühltheit, dass wir nicht mal mehr ins Grüne dürfen, so wird alles ein bisschen unscharf, aber nicht unscharf genug, als dass man es als künstlerisch durchgehen lassen kann.

Ich suche den Blick auf das Meer, habe aber nur einen auf den Friedhof. Zurück wähle ich eine Abkürzung über die Stufen, da oben, das weiß ich, ist mein Lieblingsblick und ich bleibe heute lange dort stehen und schaue. Sie haben Glück die Leute, die hier wohnen, mit Meerblick ist schon sehr besonders.

Dann pflücke ich etwas Rosmarin, der hier als Wegbegrünung überall wächst und stelle mich am Lädchen und anschließend in der Bäckerei an.

Ist die Inhaberin des Lädchens mit Maske und Handschuhen ungebrochen gutgelaunt, so sind die beiden Frauen in der Bäckerei, sonst überschwänglich herzlich (und etwas hypocrite), heute kaum zu einem Gruß fähig. Mutter und Tochter, die BesitzerInnen der Bäckerei, haben sichtlich Sorgen. Die Regale und Kühlschränke der Bäckerei, die sonst überquillt von Sandwiches, Pizza, pissaladière, Quiches, Kuchen, Torten, Flans, éclairs, mille feuilles, madeleines, zig Sorten Brot, selbstgemachtem Eis, macarons, Pralinen und Schokolade, in dieser Jahreszeit zusätzlich mit Schokolade für Ostern in Form von Glocken, Glucken, Hasen oder Eichhörnchen, ist so gut wie leer.

Ich kaufe heute auch nur ein Brot, aber immerhin das kaufe ich dort. Ich war etwas über eine Stunde unterwegs, das Schlangestehen hat mich eine Viertelstunde gekostet. Die Polizei steht dann aber nicht mehr an der Ecke.

Zuhause mache ich Moules frites. Moules marinières und frites aus dem Backofen. Ich habe noch nie Muscheln selbst gemacht, der Gatte freut sich schon darauf, seit seine Tochter sie kürzlich ungefragt für uns erworben hat. Eigentlich ist das Rezept super einfach, ich schaffe es aber trotzdem, den Sud zu versalzen, was mich ärgert. Es war trotzdem nicht schlecht.

Zur Lage: Wir erwarten die schlimmste Welle in Frankreich genau JETZT. Der Mann einer von Monsieurs Bridgepartnerinnen ist in seinem Altersheim an COVID19 verstorben. Er war schon 93 und liegt jetzt in einem Kühlfach in Nizza, bis er beerdigt werden kann. In einem anderen Altersheim sind 12 alte Menschen innerhalb kürzester Zeit gestorben. COVID19 auch hier, die Angehörigen sind außer sich. Und doch sind wir hier im Département und trotz der Nähe zu Italien, (bislang) noch glimpflich davongekommen, haben sogar in den Krankenhäusern Menschen aus anderen Départements aufgenommen, die per Hubschrauber und in einem extra bereitgestellten TGV transportiert werden.

Man hat eine Doppelblindstudie zu Chloroquine begonnen, um herauszufinden, ob das Medikament wirkt oder nicht. Mit Ergebnissen wird in etwa 3 Wochen gerechnet.

Man erzählt uns gute Nachrichten: Die Unterwäschefirmen Éminence (Herren) und Lejaby (Damen) nähen jetzt Masken, andere Firmen produzieren neuerdings Desinfektionsgel, und die Auto- und Eisenbahnindustrie bauen zusammen mit Air Liquide vorübergehend Beatmungsgeräte. Alle tun das natürlich aus Solidarität, aber auch, um überhaupt in gewissem Maß etwas zu produzieren und nicht alle Mitarbeiter in „chômage partiel“ oder „chômage technique“, Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit zu schicken. 

Die Stadt Nizza hat eine Kulturseite cultivez vous, restez chez vous aufgebaut, auf der kostenlos Kinofilme, Konzerte, Balletaufführungen, Vorträge und Museumsbesuche angeboten werden. Für die Filme schreibt man sich ganz unkompliziert in der Mediathek ein, dann hat man Zugriff. Alles ist bien evidemment in französischer Sprache. Sie könnten aber ein Konzert oder ein Ballet anklicken, das versteht man auch ohne französische Sprachkenntnisse. 

Manfred Hammes hat einen 

sehr schönen Dokumentarfilm

über Marseille, Sanary und Les Milles gedreht, auch wenn Manfred Hammes Deutscher ist, die Filmsprache ist (leider) französisch (und ich kann den Film nicht anders einfügen, als über den freistehenden Link oben), aber, wenn Sie in Manfred Hammes Reiseverführer gelesen haben, haben Sie eine Vorstellung, wie und von was der Film erzählt. Zu Marseille sagt er: „In dieser Stadt, die aufregend ist für ihre Bewohner wie die Besucher, sind Leidenschaft, Drogenhandel, Marienglaube, Fußball, Seifenproduktion, Rechtsextremismus, Bouillabaisse, Seelenheil und Einwanderer aus aller Herren Länder unentwirrbar miteinander verflochten. Doch in Wahrheit ist die Sache viel komplexer.“ ;-)

Es geht um all das und noch viel mehr. Man wird aber vom komplexen Leben in Marseille sowieso nicht alles verstehen, vielleicht reicht es daher, wenn Sie die Bilder betrachten, die Möwen kreischen hören oder sich vom Singsang der Südfranzosen einlullen und sich so ein bisschen in den Süden entführen lassen. (Es geht auch ein bisschen um die Exilschriftsteller in Sanary und um das Internierungslager Les Milles)

Und zum Ende eine Vogel-Oper.

So viel für heute. Bleiben Sie zu Hause! Ich wünsche Ihnen, dass Sie und Ihre Familien und Freunde alle gesund sind und es bleiben.

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Corona Tagebuch – Tag 16

Frühling

„Das Leben beginnt um Mitternacht.“ Das ist ein absoluter Insiderwitz, den kaum fünf Personen verstehen werden, nur die ehemaligen KollegInnen meiner im Januar verstorbenen Ausbildungsbuchhandlung. Darüber wollte ich auch geschrieben haben, aber damals schrieb ich an einem Manuskript und hatte dafür keine Zeit oder ich glaubte zumindest, dafür keine Zeit zu haben. Manches geht eben manchmal nicht. Grenzen ankzeptieren. Heute verweben sich die Energien auf wundersame Weise. Ich hörte heute morgen schon die zweite Folge des Podcast „Agnes trifft“: Agnes trifft … auf Zuversicht. Ein Seelsorger, der sagt, ich muss anerkennen, dass ich Grenzen habe, ich kann mir anhören, was du zu sagen und zu klagen hast, aber ich habe keine Lösungen. Keine Lösungen für Trauernde, deren Vater/Großvater gestorben ist (so wie auch gestern einem lieben Freund an einem anderen Ort der Vater gestorben ist), keine Lösung für Leute, die alleine sind oder sich alleine fühlen. Er bedauert, nicht mehr tun zu können. Ich denke, Lösungen braucht man doch auch gar nicht immer. Er hört zu und trägt das Schwere einen Moment mit. Das ist doch schon genug. Und für den anderen ist das Aussprechen des Leids auch oft schon genug. Ich finde tröstlich zu hören, dass auch ein Seelsorger zugibt, Sorgen zu haben. Danke dafür!

Zurück zu meiner Buchhandlung. Als ich mich kurz vor der endgültigen Unterzeichnung des Vertrages für die Ausbildung im gehobenen öffentlichen Dienst endlich dazu durchringen konnte, abzusagen und leise zu murmeln „ich will lieber was mit Büchern machen“, da gab es im Raum Darmstadt nur noch zwei Buchhandlungen, die einen Ausbildungsplatz anboten. Bei beiden arbeitete ich ein paar Tage zur Probe und entschied mich dann aus freien Stücken nicht für die literarische, sondern für die evangelische Missionsbuchhandlung der Stadtmission, weil mir deren Leiterin, eine unverheiratete Dame, damals sagte man zu unverheirateten Frauen noch Fräulein, aber zu Martha Stier sagte man Frau, weil also Frau Martha Stier, diese kleine, rotwangige und energiegeladene Frau, herzenswarm, tatkräftig, aufbrausend aber „echt“ war, anders als der selbstverliebte Leiter der literarischen Buchhandlung ein paar Schritte weiter. Es war dann keine so leichte Zeit im Laden, es gab autoritäre Strukturen, andere Fräuleins mit einem nicht so glücklichen Privatleben, die ihre Unzufriedenheit an uns „Lehrlingen“ ausließen; immer wurden Schuldige für Fehler gesucht, zusammengeschimpft und zum Tütenfalten oder Prospekte stempeln abkommandiert. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, nicht nur einmal habe ich im Lager geweint. Da war ich sowieso am liebsten, bei der kleinen, lieben Frau Wörtche, die dort den Versand stemmte. All diese Damen, Witwen und Fräuleins sind schon lange verstorben, ich denke aber immer noch an sie. Wir arbeiteten damals noch mit einer 40 Stundenwoche mit einem halben freien Tag in der Woche. Für mich war es der Donnerstag Nachmittag. Dafür arbeitete man dann am Samstag. Ich hatte ein Ausbildungsgehalt, das lag im ersten Jahr bei 90 DM pro Monat, irgendsowas in der Ecke. Wir rissen Türen auf für Pfarrer, Dekane und Kirchenobere, bedienten sie unterwürfig und wir Mädchen und Fräuleins schleppten Männern schwere Bücherkisten zu ihren Autos. Ich kann mich nicht an einen Mann erinnern, der sagte, das sei nicht nötig. Ich erinnere mich an einen sanften bärtigen Kunden mit dem Namen Butterbach, an einen anderen jungen Mann, der mir immer wieder von seiner „Bekehrung“ erzählte, an Auseinandersetzungen mit sehr frommen Menschen, die es unerhört fanden, dass wir auch Goethe verkauften, der doch Freimaurer gewesen war. Ich erinnere mich an eine Kollegin, die sämtliche Titel einer Taschenbuchreihe und die zugehörigen Nummern auswendig wusste. Ich erinnere mich, dass fromme Kunden in einer christlichen Buchhandlung Bibeln klauten und allerhand anderes. Ich erinnere mich, dass wir damals noch in den dicken blauen Bänden des Auslieferers KNOe [Koch, Neff und Oettinger] oder in den grünen Bänden des VLB [Verzeichnis lieferbarer Bücher] Bücher suchten und zusätzlich bei einer christlichen Verlagsauslieferung, Hänssler, die all die Heftchen, Traktate und erbauliche Literatur kleiner christlicher Verlage vereinte. Damals fand man religiöse Literatur, meditative Bildbände, Lebenshilfe-Ratgeber und christliche Kalender mit Tageslosungen oder Poster mit Sinnsprüchen nur in den wenigen christlichen Fachbuchhandlungen. Beim Auslieferer KNOe wurden die „allgemeinen“ Bestellungen damals schon „modern“ über ein Modem weitergegeben, etwas, was die christliche Verlagsauslieferung noch nicht besaß. Dort rief man abends an und bestellte für den nächsten Tag, in dem man einer Auslieferungs-Mitarbeiterin diktierte, was man brauchte: Einmal „Herr, da bin ich!“ in der kartonierten Ausgabe zum Beispiel, was sehr häufig zu einem heruntergeleierten „Herr da bin ich kartoniert“ wurde. „Das Leben beginnt um Mitternacht“ ist einer von den vielen Wünschen der Kunden, die sich Titel nur so ungefähr oder gar nicht merken konnten, und von denen BuchhändlerInnen immer wieder ein ebenso gequältes wie amüsiertes Lied singen können. Verballhornte Titel wie  „Oma kommt“ etwa. Nein, gesucht wurde kein Kinderbuch von Peter Härtling, sondern „Der Besuch der alten Dame“ von Dürrenmatt. Oder „Nazis in Dortmund“, hinter dem sich „Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse versteckte. Oder „Dieses blaue Buch, so groß etwa, Sie wissen schon …“. Bei uns in der Buchhandlung war es „Das Leben beginnt um Mitternacht“. Nicht so wahnsinnig spektakulär oder komisch, aber man muss schon darauf kommen, dass es „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages“ heißen sollte. Ein Buch von Jörg Zink, Gedanken zu den Grenzen unseres Lebens, heißt der Untertitel. Da sind wir wieder am Anfang: Grenzen annehmen. Wir können in diesen Zeiten nicht alles, wir sind vielleicht nicht kreativ und aktiv, stattdessen müde, ängstlich, überfordert. Wir sind Menschen. Keine Roboter. Wir sind nicht perfekt, weil wir eben Menschen sind. Seien wir liebevoll mit uns selbst. Machen wir, was wir können. Manches geht gerade nicht, dann ist es so.

Grenzen anzuerkennen. Dazu sagt, etwas kürzer, schneller und direkter, aber nicht weniger hilfreich, auch Andreas Huckele ein paar Worte.

Heute ist der erste April und ich weiß nicht, ob es jemand wagt, in dieser Zeit Scherze zu machen?! In Frankreich heißt der Aprilscherz „le poisson d’avril“, Aprilfisch, und in unserer Zeitung gab es Vorlagen, für den Fall, dass es uns an Kreativität mangelt. Aber heute dürfte es schwer sein, jemandem aus anderthalb Meter Distanz, unbemerkt einen Aprilfisch auf den Rücken zu kleben.

Es gab außerdem eine ganzseitige Anzeige des Supermarkts Intermarché, der darauf hinweist, dass wir die Fischer unterstützen sollen und darauf achten, regionale Erzeugnisse zu essen. Ich hoffe, Intermarché macht das, ohne die Erzeuger dabei zu ruinieren. Es gab mal eine Aktion der Landwirte, die Salat vor den Supermärkten verschenkten, weil sie sagten, wir bekommen so wenig Geld von den Supermärkten, da verschenken wir ihn lieber, als so zu tun, als ginge es um eine gelungene Kooperation. Nun, wir versuchen das. Heute gab es regionale Spargel zum Entrée und provenzalische Erdbeeren zum Dessert. Die Spargel gabs aus dem Ofen und mit Vinaigrette, so wie man das hier isst. Die Erdbeeren (la Gariguette, eine frühe Erdbeersorte) isst man hier traditionell mit etwas Zucker und Crème fraîche und nicht mit Schlagsahne. Crème fraîche ist natürlich nicht Crème fraîche, wie Sie sich denken können, unsere ist nicht schlecht, besser aber ist eine aus Rohmilch, meint der Gatte, der zusätzlich etwas Rosé über die Erdbeeren träufelt. Ich habe aber Jahre gebraucht, bis ich mich an den Sauerrahmgeschmack mit den Erdbeeren gewöhnt habe.

Das aufwändige Kochen und lange und langsame Essen, das mich so viele Jahre extrem genervt hat, wird gerade in dieser Zeit zu einem beruhigenden Ritual. Ich habe abends, neben wärmenden Suppen, viele Kinderessen von früher gemacht, Milchreis, Arme Ritter, Kartoffelpuffer und mittags gibts zum Nachtisch wieder Schokopudding. Balsam für die Seele.

Bleiben wir beim Balsam. Heute gebe ich Ihnen etwas Zärtlichkeit mit. La Tendresse ist ein „altes“ Lied von Bourvil, einem Schauspieler und Sänger, den Sie neulich schon an der Seite von Jean Gabin in „La traversé de Paris“ sahen; seine Hymne an die Zärtlichkeit wurde hier etwas modernisiert.

Und falls Sie abends nicht schlafen können, können Sie den Schafen zusehen oder sie meinetwegen auch zählen. Absolut beruhigend. Diese Live-Webcam habe ich über eine Liste bei Croco gefunden. Merci!


Bis morgen! Bleiben Sie zuhause, möglichst gesund und seien Sie liebevoll mit sich selbst!

Und über die Buchhandlung erzähle ich gern ein andermal weiter.

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Corona Tagebuch – Tag 15

Heute ist er da, der graue regnerische Tag, den sie uns seit Tagen ankündigen. Normalerweise mag ich diese Tage hier im Süden, weil sie mich nicht zwingen rauszugehen. Ich habe ja immer noch dieses deutsche Gefühl, „oh! die Sonne scheint, schnell, schnell raus und ausnutzen“. Hier scheint die Sonne ja aber so häufig, dass man, wäre man die ganze Zeit draußen, drinnen zu nichts käme. Draußen schreiben ist mir persönlich nicht möglich, ich versuche es immer mal wieder, aber auch bei hoch gestelltem Kontrast, sehe ich mit meinen schlechten Augen kaum etwas und ständig suche ich den Cursor, curseur auf Französisch, gesprochen etwa *kührsöhr*, den kleinen Pfeil oder das kleine Blinken im Text, dort wo es weitergeht. Viel zu anstrengend. Also sitze ich drin und denke sehnsüchtig, ach wie schön wäre es gerade jetzt draußen. Jedes Mal, wenn es windig, kühl oder regnerisch ist, bin ich erleichtert, denn ich darf drinbleiben, verpasse draußen nichts, niemand erwartet von mir, dass ich „bei diesem Wetter“ raus gehe, ich atme aus und schreibe entspannter. Jetzt, mit Ausgangssperre, sieht das plötzlich anders aus. Ich finde es bei schlechtem Wetter drin plötzlich irgendwie fad. Trist. Lichtlos. Grau. Ungemütlich. Französische Wohnungen sind ja oft nicht so gemütlich, warm sind sie auch selten. Man braucht es auch nicht, das Leben spielt sich in der Regel draußen ab.

Ich beschließe, dass wir an diesem kühlen grauen Tag Farbe brauchen und beziehe als Erstes das Bett mit orangefarbener Wäsche und mich selbst kleide ich in Grün (Kleid) und Fuchsia (Cardigan) und Himbeer (Strumpfhose). Das hebt meine Stimmung augenblicklich. Auf dem Foto fehlt der Lippenstift, der das Ensemble abrundet :D

Monsieurs Tochter wird über Mittag für uns einkaufen, ich verfasse die Einkaufsliste. Was übrigens neuerdings geht, ist, statt Mineral- und besonderem stillen Wasser, einfach Leitungswasser zu trinken. Niemand will jetzt auch noch schwere Wasserflaschenpakete herumschleppen. Dann lese ich im Internet herum. Aber es ist, passend zum faden Tag, nichts besonderes los. Also Corona wie üblich, das ist schon besonders genug, Infizierte, Kranke und Tote, schon klar, aber Sie wissen, wie ich es meine. Les Papys Médécins recruté, lautet die Überschrift in der Zeitung. Die Opa-Ärzte werden eingezogen, will sagen, die pensionierten Mediziner werden aus ihrem Ruhestand zurück in die Krankenhäuser gebeten. Die Polizei veröffentlicht die witzigsten Ausreden derer, die sich irgendwo draußen befanden. Ach je. Die Zeitung versucht ihr Bestes, um uns zu unterhalten.

Es gibt aber jede Menge neue Songs und virtuelle Chöre (Liste am Ende des Artikels), die ploppen jetzt auf wie verrückt. Autoren lesen ebenso öffentlich aus ihren Büchern, inszenieren sich in Betten, auf Balkonen, in Sesseln und an Schreibtischen. Und alles auf Facebook, so dass ich es hier nicht wirklich verlinken kann. Habe ich Autorenlesungen in den allerersten Tagen der Ausgangssperre auch noch vorgeschlagen, so finde ich das jetzt zunehmend anstrengend, alle Aktionen anzuhören, -sehen und wertzuschätzen. So viel Zeit habe ich gar nicht, all die Audios und Videos anzuhören. Alle machen was, ich ja auch. Zusätzlich zu all den Nachrichten, die auf uns einprasseln, erschöpft mich das zusehends. Abends bin ich immer sehr müde.

Ein paar Aktionen dennoch, weil so nett ist. Ganz real: In Paris beglückt ein Tenor jeden Abend seine Nachbarn.

Hier ein virtuelles klassisches Beispiel.

Oder hier sehr perfekt der Boléro.

Etwas poppiger: True Colours

Und vielleicht kennen Sie dieses Video schon. Es geht, bei uns zumindest, seit gestern um. Allen Familien mit Ausgangssperre gewidmet.


Bei uns sind die Einkäufe angekommen. Der Kühlschrank quillt über. Wir werden zumindest Esstechnisch überleben.

frischmut.de

Als ich das Wort „überleben“ schrieb, ploppte per Mail der Brief von Christine Frischmut, des kleinen und feinen Modelabels frischmut (ohne h) am Bodensee auf. „Während ich diese Zeilen schreibe, steigen mir oft die Tränen in die Augen“, beginnt sie und sie erzählt, wie mühsam sie seit 15 Jahren gegen die „Großen“ gekämpft hat, wie sie mit nachhaltig und fair hergestellter zeitloser Kleidung versucht hat, eine Alternative zu sein. Der Brief rührt mich sehr. Ich erhalte schon jahrelang die liebevollen Newsletter des Unternehmens, deren sanfte leise Art der Kommunikation kleine Lichtblicke sind im marktschreierischen Geblinke der lauten Welt. Gleichwohl habe noch nie etwas bei frischmut gekauft, auch wenn ich bereit bin, ein Kleid, eine Hose oder ein Shirt zu einem höheren Preis zu erwerben, die Mode, die sie machen, scheint nicht zu mir zu passen. Seit Jahren würde ich gerne an den Bodensee fahren, um die Mode direkt vor Ort zu sehen und anzuprobieren, vielleicht würde es ja doch passen. Der Bodensee liegt nicht auf meinen (wenigen) Reiserouten und passt nicht in meine kurzen Déplacements, die ohnehin schon immer vollgestopft sind mit Besuchen und Besorgungen. Ich war noch nie dort.

Ich erhalte ebenso Post von diversen Online-Modehäusern, ich gebe zu, ich bestelle meine Klamotten, weil ich, Sie kennen meine Geschichte, hier nichts zum Anziehen finde. Alle umgarnen mich, bei ihnen zu bestellen, mit bis zu 50% Reduktion und ohne Versandkosten, wenn ich nur bitte jetzt schnell etwas bestellen würde. Fast alle sind in (finanzieller) Not. Überall in der Welt werden Firmen kaputt gehen, überall arbeiten Menschen, deren Arbeitsplatz in Gefahr ist. Man kann nicht alle retten, das ist das Dilemma. Überleben werden sicher die Großen, auch weil große Unternehmen oft genug keine Steuern zahlen, weil sie ihren Firmensitz in irgendeiner Steueroase haben. Aber mir täte es leid um all die Kleinen, all die, die mit Herzblut entwerfen, weben, nähen und produzieren. „Ich fühle jeden Tag, wieviel Herz, Liebe, Mut und Hoffnung in unserem Label ist“, schreibt Christine Frischmut. „Wir kämpfen für unsere Mitarbeiter, für unsere Nähbetriebe, wir kämpfen für jeden Lieferanten. Wir möchten die Löhne weiterbezahlen und auch unsere Nähbetriebe weiter beschäftigen. Dafür brauchen wir Sie“. Sie werden in den nächsten Wochen eine besondere Art des Online-Shoppings vorbereiten: Home-Schaufenstergucken nämlich. Da das Fotoshooting der Frühjahrsmode derzeit nicht stattfinden kann, werden sie wöchentlich die Schaufenster umgestalten und fotografieren, und die Fotos via Newsletter zu uns bringen, in der Hoffnung, dass wir das eine oder andere Teil entdecken, das wir uns leisten mögen oder können. Glücklicherweise hat frischmut auch seit kurzem einen Online-Shop, so dass dem Versand nichts im Wege steht. Die Versandkosten sind vorübergehend ausgesetzt und viele Teile werden reduziert angeboten. Falls wir uns keines der Teile wünschen, können wir das Label unterstützen, in dem wir es im Internet anklicken, auf Facebook, Instagram oder Pinterest. Alles was wir auf ihrer Seite tun, verbessert das Ranking in den Suchmaschinen, sagt Christine Frischmut. Klicken Sie, liken Sie, schicken Sie Kommentare oder Smileys. Jede Interaktion macht das kleine Label sichtbarer.

Ich kenne Christine Frischmut nicht, sie hat mich nicht darum gebeten, für Sie zu sprechen. Es war mir aber heute ein Bedürfnis, das zu tun. Das Label von Christine Frischmut ist nur ein Beispiel. Ich wünsche mir sehr, dass wir regionale und individuelle Unternehmen, ob Mode, Buchhandel, Café, Gasthaus, Fischer oder landwirtschaftliche Erzeuger gerade jetzt und auch nach der Krise unterstützen. „Vergessen Sie uns nicht“, ruft Christine Frischmut uns am Ende ihres Briefes zu und „Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie uns durch diese Zeiten tragen.“

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Corona Tagebuch – Tag 14

Zwei Wochen heute. Andere zählen ja anders, und wenn ich den Beginn der Beschränkungen mitzählen würde, wären wir hier auch schon bei Tag 17 oder gar 18. Anyway, für mich hat sich gar nicht so viel geändert, weshalb ich vielleicht auch so gelassen bin. Ich bin zu Hause, Monsieur ist auch schon immer zu Hause; diese Zweisamkeit ist für mich normal geworden (anfangs war es ungewohnt, aber das ist nun auch schon zehn Jahre her). Ich sitze am Esstisch, schreibe und schaue, nein, nicht aufs Meer, ich schaue in den unaufgeräumten Nachbarhof, aber wenn ich den Blick hebe, sehe ich am Ende der Straße die Silhouette des Esterelgebirges, und ich weiß, auch wenn ich es nicht sehe, dort ist das Meer.

Archivbild

Vielleicht gibt das Wissen davon ja auch schon eine gewisse Beruhigung. Ich bin ja, selbst wenn ich das immer vorhabe, in all den Jahren auch nicht jeden Tag dort gewesen. Heute aber wird auch diese vage Andeutung von Meer von den Wolken verdeckt. Ob ich das Meer riechen könnte, wurde ich gefragt. Nicht von hier, mes chers ami(e)s, ich höre es auch nicht rauschen. Ich rieche Abgase und höre Autolärm. Auch jetzt, wo alle diese wundervolle oder bedrückende Stille in der Stadt erleben, werde ich weiterhin mit Autolärm verwöhnt. Ok, es sind deutlich weniger Autos und ich höre vermehrt auch das Vogelzwitschern und die Geräusche der Nachbarn in den umliegenden Häusern, die man selten sieht. Und nein, wir singen nicht auf den Balkons und wir klatschen auch nicht gemeinsam. Niemand klatscht. Ich habe es die ersten Abende versucht, aber ich war allein, weit und breit kein Mensch, weder an den Fenstern noch auf den Balkons und niemand klatschte, auch nicht entfernt. Also ging ich ungeklatscht wieder rein. Am nächsten Tag las ich in der Zeitung den Text eines wütenden Rettungsfahrers, der sinngemäß sagte, euren Applaus könnt ihr euch sonstwo hinstecken. Ihr seid mit Schuld, dass wir in so einer kaputtgesparten Misere sind und wir sind euch den Rest des Jahres egal. Jetzt brauchen wir euer geheucheltes Geklatsche auch nicht. Seitdem habe ich nicht mehr das Bedürfnis zu klatschen. Ich verlinke Ihnen mal das deutsche Pendant, gefunden bei Friederike vom Landlebenblog. Aber vielleicht schreie ich bald. Heute früh fand ich (via Annette D.) nämlich das hier: Die Italiener singen, die Deutschen klatschen und die Australier?! Die schreien! Klicken Sie auf die Bilder bzw. Filme. Ich muss sagen, ich finde das sehr befreiend und viel ehrlicher als alles andere. Ich behalte mir vor, demnächst abends auf dem Balkon zu schreien.

Am vergangenen Samstag habe ich versucht, bei einem der Erzeuger des geschlossenen Marché Forville eine Gemüsekiste zu bestellen, es war zusätzlich ein großer Artikel dazu in der Zeitung, aber ich sage es gleich, ich war nicht erfolgreich. Die meisten haben keine Lieferstruktur aufgebaut, wozu auch, sie waren immer auf dem Markt präsent. Die, die schon immer liefern (AMAP, Les Ruches), sind gerade schon ausgelastet und nehmen keine Kunden mehr an. Andere sind zu weit weg. Die Chambre d’Agriculture, auf die in der Zeitung verwiesen wurde, bietet auf ihrer Seite dazu NICHTS an, man kann klicken so viel man will. Zusätzliches Problem: niemand liefert mehr. Man muss nun selbst dorthin fahren, um die Kiste abzuholen. Die Gärten und Höfe liegen aber deutlich weiter als einen Kilometer entfernt (La Roquette sur Siagne im besten Fall 12km); Monsieurs Tochter, die schon auf ihren kurzen Wegen mehrfach kontrolliert wurde, meint, man würde uns nicht so weit fahren lassen. Sie selbst, die schon für drei Familien einkauft, hat außerdem keine Lust, sich noch eine zusätzliche Fahrt anzutun und findet, es gäbe ausreichend regionales Gemüse in den (mittleren) Supermärkten, in denen sie einkauft. Aber jetzt kommts, der Bürgermeister von Cannes, der sich dieser Situation wohl bewusst ist, zeigt gerade enormen Einsatz und erfinderische, lösungsorientierte Qualitäten, die ich ihm nicht zugetraut habe. Er wurde neulich mit über 80% der Wählerstimmen wiedergewählt und diese Stimmung für ihn wird gerade noch euphorischer. Er hat es nämlich nicht nur geschafft, den Fischmarkt wieder zu eröffnen, allerdings mit entsprechenden Hygienemaßnahmen direkt am Hafen, sondern hat gestern auch mit den Mitarbeitern der Stadt einen vorübergehenden Gemüselieferservice für die Erzeuger des Marktes entwickelt. Man ruft im Rathaus an und bestellt sein Gemüse, die Mitarbeiter der Stadt beauftragen die Erzeuger und es sind wiederum die Mitarbeiter der Stadt, die die Kisten liefern. Ich werde das testen. Außerdem sind die Bücher der einzigen inhabergeführten Buchhandlung Autour d’un livre, die vor wenigen Jahren von der rührigen Florence geöffnet wurde, auch im Lieferpaket. Großartig, oder?

Gleichzeitig wurde veranlasst, dass sämtliche dekorative Beleuchtung von Cannes für die Zeit der Ausgangssperre ausgeschaltet wird. Läuft ja eh keiner draußen rum, um es anzusehen. Ich mag erstaunlicherweise, dass er uns in seinen Communiqués „Liebe Freunde“ nennt. Außerdem beendet er alle seine Schreiben derzeit mit „Sursum Corda“. Hoch die Herzen!

Ein superkurzes Video und zwei gute Nachrichten aus Wien!


Heute ist es bei uns hellbau-grau, eher kühl und vielleicht wird es auch regnen. Ich habe Ihnen einige virtuelle Besichtigungen gefunden, die Sie in den Frühling entführen. Der Keukenhof in den Niederlanden, der dieses Jahr geschlossen bleibt, dreht alle paar Tage ein kleines Video und die dort arbeitenden Gärtner zeigen ihre Lieblingsplätze. Wenn Sie nicht zum Keukenhof kommen können, kommt der Keukenhof zu Ihnen, sagt der Direktor in seinem ersten Video. Voilà! Gefunden dank Luda L.

Oder wie wäre es mit einer Besichtigung des Gartens von Claude Monet in Giverny?! Hier mit dem englischen (französisch sprechenden) Gärtner. Es ist eine Ehre für ihn, den Garten wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen und die Blumen so zu pflanzen, wie sie auf Monets Gemälden zu sehen sind.

Hier geht es weiter mit einer Hausbesichtigung. Monet zog nach Giverny, weit weg von Paris, denn er wollte sein Privatleben ungestört genießen: er lebte mit einer verheirateten Frau und ihren und seinen Kindern zusammen. Ein Skandal. Seine Gemälde waren zu seiner Zeit auch noch ein Skandal. Die Leute spuckten verächtlich darauf, erzählt der Museumsleiter. Später führt uns eine entfernte Verwandte durch das Haus, das noch genau so aussieht wie zur Zeit des Malers.

Und hier könnten Sie das Haus virtuell und ganz allein von innen besichtigen. Sehr hübsch!

So viel für heute. Gehen Sie nur virtuell hinaus und bleiben Sie gesund!

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Corona Tagebuch – Tag 13 Sonntag

Pause. Ein Tag ohne. Ich wills nicht mal aussprechen. Die Überschrift missfällt mir auch zunehmend. Wir haben die Sommerzeitumstellung verpasst und sind noch im Schlafanzug, als wir die SMS bekommen, wir würden erwartet. Im Hinterhof nämlich. Gestern haben wir erfahren, dass die Enkelin heute das Workout-Programm auf der Terrasse anbietet (sie machen das reihum, jeden Tag macht es ein anderes Mitglied der Familie), an dem wir eine Etage tiefer auch teilnehmen können. Gestern sagten wir vollmundig zu. Heute morgen war es mir zu früh und Monsieur wollte lieber später in Ruhe rudern. Wir wünschen viel Spaß und verbleiben mit „ein andermal“.

Der Vormittag war davon geprägt, dass Pepita nachts ihren Vorrat an Brekkies, hier sagt man croquettes, stark  dezimiert hat. Sie hat die vermutlich nicht richtig geschlossene Tür zum Vorratsschrank geöffnet und den Sack mit Trockenfutter attackiert. Futterkörnchen überall und ganz viele im dicken Bauch der Katze, die jetzt verständlicherweise Durst hat wie verrückt.

Monsieur rudert dann doch nicht, sondern sieht frühmorgens schon Autorennen im Fernsehen an, das, was jetzt auf der Straße nicht zu hören ist, habe ich jetzt indoor. Nun ja. Man muss immer, und dieser Tage ganz besonders, Kompromisse schließen, nicht wahr. Ich aber will einen Sonntagsbeitrag schreiben und lese im Buch „Sonntag“ und höre mir diesen Hitparadenklassiker an (man beachte die Autogrammadresse mit der dreistelligen Postleitzahl!) und lese nach, was aus den beiden geworden ist.

Cindy singt noch und ist überhaupt kreativ, Bert ist verstorben. „Er starb an einem Samstag“ titelte schrecklich originell eine Gazette (ich hatte dann aber keine Lust das zu verlinken).

Ich lese über Sonntagskleidung und finde einen Hinweis auf dieses Projekt, das Sie vielleicht schon kennen, mir war es entgangen. Leider kann ich auf die Originalseite gerade nicht zugreifen, sie heißt:  www.daskleineblaue.de und dort gibt es auch die 365 Fotos, die Frau Winnemuth davon gemacht hat (jetzt gehts doch, hurrah, merci Reiner W. für die prompte Info!, nur bei mir macht sie Murks, warum auch immer, also müssten Sie sie doch bitte selbst in die Suchmaschine eingeben). Sie trug jeden Tag dasselbe blaue Kleid, aber mit anderem kombiniert, was mich, zugegebenermaßen erst etwas enttäuscht hat. Sie hat das Kleid nämlich auch mit anderen Kleidern kombiniert und mit Hosen, hat also nicht ausschließlich diese eine blaue Kleid (das sie immerhin dreimal besaß) getragen. Dennoch, sie trug das Kleid jeden Tag. Ich habe hier ein grünes Kleid, das ich auch ziemlich gerne trage; ich denke darüber nach ;-)

Über Herrn B. habe ich ein anderes digitales Konzert gefunden und auch den Artikel dazu, wie aufwändig es ist, das zu verfertigen. Sie dürfen es sich also gerne mehrfach anhören, um es zu würdigen. 

Und damit wir für jeden Geschmack etwas haben, bekommen Sie eine der „pépites“ der INA, ein Goldklümpchen des Institut National de l’Audiovisuel, die mir dieser Tage zugesandt wurden. Ich habe dort ein Abo, ich weiß nicht, ob klick –-> das Video, das ich hier schon nicht auf klassische Art einbetten kann, dann möglicherweise für Sie nicht freigeschaltet ist?! Das lassen Sie mich dann bitte wissen. Danke. Danke auch für Ihre zahlreichen Hinweise auf die zu großen Fotos, die sich über den Text legen. Bei mir sieht alles immer gut aus, aber es hat damit zu tun, dass es mein geliebtes Bildverkleinerungsprogramm Tinypic, über das ich meine Fotos immer zog, nicht mehr gibt und ich die Fotos nun zack einfach so reinstelle. Das ist wohl, je nach Medium, mit dem Sie meinen Blog anschauen, fatal. Ich werde daran denken, das zukünftig anders zu machen, wenn das Problem weiterhin besteht, sagen Sie mir es einfach nochmal, danke! Und falls Sie ein ebenso geniales wie einfaches und kostenloses Bildverkleinerungsprogramm kennen, nehme ich Ihre Tipps gerne entgegen.

Und hier noch zwei schnuckelige junge Männer mit klassischen Instrumenten in der Arena in Verona, im Publikum (fast) nur junge und sehr junge Frauen. Molto romantico, aber nicht nur. Müsste es nicht 2Celli heißen?

Und gerade bekam ich noch diese Einladung zu einem privaten virtuellen Rundgang durch das Depot des Künstlers Wilfried Georg Barber.

Einen schönen restlichen Sonntag! Bleiben Sie zuhause und bleiben Sie weiterhin gesund!

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Corona Tagebuch Tag 12

Samstag. Sonne, leichter Wind, 16°C. Der wenige Lärm auf der Straße hört sich nach Wochenende an. Sie wissen es sicher schon, gestern Abend hat unser Premierminister Edouard Philippe die Ausgangssperre bis zum 15. April verlängert. War zu erwarten. Auch wenn Trump die Kirchen an Ostern gern voll gehabt hätte, ich glaube, er hat eher die Krankenhäuser voll und die Kirchen weiterhin leer. So wie wir auch. In diesem Zusammenhang muss ich Ihnen leider sagen, dass der Priester, der sein Atemgerät an einen jüngeren Mann abgegeben hat, leider ohne diese heldenhafte Geste verstorben ist. Keine Seligsprechung in Sicht in nächster Zeit. Schade, war so eine nette Geschichte, so tröstlich und voller Liebe und vielleicht hat man sie deshalb erfunden. Wir sollten auch anscheinend gute Nachrichten dieser Tage hinterfragen, heißt es in einem Text, den ich aber nicht verlinke, es geht darin um noch nicht vorhandene Virus-/Brustkrebs-Tests und die Unsachlichkeit von Medien, die so tun, als gäbe es die schon. In Südfrankreich kursiert gerade ebenso eine Information, dass ein Arzt, Professeur Raoult in Marseille, mit Hydroxychloroquine und gleichzeitiger Gabe eines Antibiotikum in der Lage sei, den Corona-Virus innerhalb weniger Tage quasi zu heilen. Christian Estrosi, der Bürgermeister von Nizza, hat sich damit behandeln lassen und sei gesund geworden. Der Bürgermeister von Cannes hat durchgesetzt, dass das Krankenhaus in Cannes damit behandeln darf. Professeur Raoult hat seine Medikamententheorie an achtzig, zwischen 18 und 88 Jahren alten, an COVID19 erkrankten Menschen ausprobiert, 78 konnten schon relativ bald das Krankenhaus wieder verlassen, heißt es, einer verstarb und einer liege noch immer in der Réanimation. Die Umstände dieser Testserie werden hier sehr kritisiert. Nach Professeur Raoult, der mit seinen langen Haaren ein bisschen wie ein Guru aussieht, will man seine einfache Methode nur nicht wahrhaben, weil sie keinen Pfennig koste und bereits existiere. Zu billig, damit verdiene die Pharmaindustrie nichts, also kann es nichts taugen. Kann sein. Oder auch nicht. Professeur Raoult liebstes Medium ist das Tweet, das hat er gemeinsam mit Donald Trump, und so wundert es auch nicht, dass seine Medikamentierung nun auch in New York und bereits an 500 Patienten getestet wurde, angeblich mit großem Erfolg. In der deutschen Presse taucht der französische Arzt nur in eigenartigen Gazetten auf. Zeichen dafür, dass man ihn nicht als seriös einschätzt. Wir werden sehen. Wenn Menschen sehr krank sind, pilgern sie auch nach Lourdes und trinken heiliges Wasser und werden (manchmal) gesund. Aber auch diese Wunder werden überprüft.

Heute morgen habe ich ein bisschen den Staubsauger durch die Wohnung gejagt und mein Workout mit dem bisschen Haushalt absolviert. David Lisnard, der Bürgermeister von Cannes ist selbst sehr sportlich, deswegen wurde wohl bis eben der Trimmdich- und Laufpfad in La Croix des Gardes noch nicht gesperrt. Und deswegen bietet die Stadt Cannes auf ihrer FB-Seite jeden Tag um 10.30 Uhr ein kleines Sport-Video an, ausgearbeitet von verschiedenen Sporttrainern der Cannoiser Sportvereine. Heute mit Sabrina von As Cannes Karate. Gleichzeitig gibt es auf der FB-Seite ein Kultuprogramm. Vor allem für Kinder, aber nicht nur gibt es Tanzvideos, Museumsbesuche, Animationsfilme und vieles mehr.

Nach dem Workout eilte ich zum kleinen Lebensmittelladen, die Straßen waren nass, die Luft Chlorgeschwängert. Gerade war der Desinfektionswagen durchgefahren. Mehrere LeserInnen zweifelten die Sinnhaftigkeit dieser Aktion an, Aktionismus, heißt es. Sie sehen mich schulterzuckend. In Südkorea wurde das wohl gemacht, das Land sei auch aufgrund dieser Maßnahme relativ glimpflich durch die Krise gekommen, heißt es hier, in der deutschen Presse wurde es als sinnlos eingestuft.

Sie sehen in dem Video unseren Bürgermeister und mein Stadtviertel :) Das Desinfektionsmittel der Wahl ist eine verdünnte Mischung des Chlorreinigers Javel, das ein traditionnelles Reinigungsmittel ist. Es wird in Frankreich für alles und nichts eingesetzt und wird hier, ähnlich wie die Seife aus Marseille, wie ein Allheilmittel verehrt. Insofern kann es durchaus sein, dass es ein sinnloser Aktionismus ist, aber er beruhigt die Bevölkerung. Die Franzosen sind anders als die Deutschen, falls Sie es auch nach all den Jahren, in denen Sie meinen Blog lesen, noch immer nicht bemerkt haben. Mit Franzosen muss man anders reden, der nüchterne Ton von Angela Merkel würde hier niemanden beruhigen. Die sachliche Information, dass das Desinfizieren mit Javel nichts taugt, wird hier höchstens abgenickt und weiter desinfiziert. Vielleicht taugts ja doch. Die Alten haben es früher auch so gemacht. Selbst der Gatte, Ex-Apotheker, den ich dazu befragt habe, sagt schulterzuckend „warum nicht“. Dieser „Aktionismus“ beruhigt die dazu befragten Menschen überall. Schon deswegen hilft es. Wie das heilige Wasser von Lourdes.

Die Franzosen sind anders als die Deutschen, auch in ihrer Streikkultur. Gleich nach der Bekanntgabe der Verlängerung der Ausgangssperre bis zum 15. April, das heißt auch über Ostern, was eine zusätzliche Krise ausgelöst hat: Ostern OHNE Familienessen! Ich habe heute schon spaßeshalber ein virtuelles gemeinsames Essen vorgeschlagen, es wird vermutlich nur aufgrund der schwächelnden Internetverbindung nicht stattfinden; was ich aber eigentlich sagen wollte, ist, dass die Gewerkschaft CGT gleichmal zum Streik aufgerufen hat. Im öffentlichen Dienst, wo keine ausreichenden Sicherheitsmaßnahmen existieren, keine Masken etc. soll im gesamten Monat April gestreikt werden.

Im Lebensmittellädchen kaufe ich heute überteuerte Spargel und Erdbeeren und eine Flasche Rosé, nein wir haben keinen Rosé-Engpass, Gottseidank! Aber das mit den Spargeln könnte schwierig werden, ebenso mit den Erdbeeren. Die rumänischen Erntehelfer bleiben aus, eingesperrt mit oder ohne Corona in ihrem Land. Die Erdbeerlandwirtin aus der Dordogne, die gestern wegen eines Aufrufs nach Hilfsarbeitern im Fernsehen zu sehen war, ist aber entschieden: sie will nur qualifiziertes Personal, glauben Sie mal micht, dass jeder hergelaufene Typ korrekt Erdbeeren ernten kann. Der Spargellandwirt im hessischen Ried, dem ebenfalls die Erntehelfer fehlen, ist da optimistischer, auch wenn er meint, dass es ein Knochenjob ist, aber man kann es lernen. Er ist glücklich, dass er vermutlich Hilfe von jungem Küchenpersonal bekommt.

Küchenpersonal macht derzeit auch in Cannes anderes als üblich, auch wenn sie weiterhin hinter Kochtöpfen stehen. Die Köche der geschlossenen Restaurants bekochen reihum die etwas hundert Obdachlosen, die in einem Saal im Palais des Festivals untergebracht sind. Bei gutem Wetter gibts Essen auf der Terrasse mit Blick aufs Meer. Heute gabs Blanquette de veau, ein Kalbsfrikassee. Leider kann ich das Foto auf der FB Seite der Stadt nicht hierherkopieren.

Heute gibts Gartentore. Sie sehen die nasse, frisch desinfizierte Straße. Ich muss noch ein bisschen am einheitlichen Abstand arbeiten.

Hier noch zwei Nachträge zu gestern, es ist ja so eine derartige Informationsflut, ich komme kaum nach und bin abends immer schlagkaputt … Von mir ungesehen gab es in der Zeitung gestern (wie passend) diesen Hinweis, falls man sich zu sehr langweile, solle man die Fabeln von La Fontaine zu wiederholen!

Zum Maskenbasteln bekam ich heute diesen Hinweis (via Luda L.), den ich Ihnen gerne weiterleite. Falls Sie gerade ein Masken-Näh-Kleinunternehmen eröffnet haben, hüten Sie sich, diese Bastelei „Atem-SCHUTZ-Maske“ zu nennen. Da kriegen Sie möglicherweise eine Abmahnung auf den Tisch. Ich zitiere hier mal von einer Anwaltsseite auf FB :

„Designt, näht oder klebt! Ob aus Kaffeefiltern, Stoff oder Zellulose. Ihr habt keine Rechtsprobleme, solange ihr es nicht als AtemSCHUTZmaske vertreibt. Mundbedeckung, Gesichtsmaske, Mund-Shirt, Nasenstoff – all das geht in Ordnung. Wenn ihr in der Artikelbeschreibung Covid19 erwähnt, wäre ein Hinweis geboten, dass die Maske keinen wirksamen Schutz des Trägers darstellt. Fakt ist gleichwohl, dass die Flugbahn und Verbreitung von Tröpfchen selbst bei einem Taschentuch oder Ellenbogen verschlechtert wird, insofern hat alles, was man beim Husten vor den Mund aufbaut einen gewissen Nutzen.“

Und weil ich mich immer auch um ihre seelische Gesundheit sorge, bekommen Sie hier ein kleines hilfreiches Video. Andreas Huckele ist Ihnen vielleicht bekannt als einer der Jungen, der in der Odenwaldschule von seinem Schuldirektor über Jahre hinweg missbraucht wurde. Er hat diesen Skandal öffentlich gemacht und vor ein paar Jahren unter Pseudonym ein großartiges und sehr wütendes Buch darüber geschrieben. Heute arbeitet er als Autor und Therapeut in der Nähe von Frankfurt.

Und noch etwas Nettes zum Abschluss. Der Internationale Opern Chor singt gemeinsam und doch jede(r) für sich Va pensiero aus der Oper Nabucco von Verdi.

So viel für heute! Bleiben Sie zuhause und, klar, bleiben Sie gesund!


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Corona Tagebuch Tag 11

Es ist immer noch kalt. Der heutige Morgenblick aus dem Fenster mit der Zeitung, die in der Plastiktüte geliefert wurde, was ein deutliches Zeichen für eine gewisse Regen wahrscheinlichkeit ist. (Es hat aber den ganzen Tag nicht geregnet.) Kurz darauf ertönt eine Stimme über Lautsprecher, ich verstehe sie nicht, aber sie wiederholt ihren Satz und kommt außerdem näher. Wir sollen zuhause bleiben, die Stadt Cannes desinfiziere die Straßen, heißt es. Ein Wagen mit Blaulicht fährt dem Reinigungsfahrzeug voran, ein Mann in gelbem Ganzkörperanzug läuft nebenher und spritzt die Straße ab. (Ich habe jetzt vergeblich alle Varianten durchprobiert, um dieses „ab“ nicht so alleine stehen zu lassen, die Typographiekunst lässt grüßen, und habe jetzt einfach noch diesen Satz angefügt. Das verstehen vermutlich nur die, die den Beitrag sofort angeklickt haben. Anyway)


Ich glaube, das wird mein Bild des Jahres. Frühlingsblüten und Straßendesinfektion. Es ist ein arbre de judée, ein Judasbaum, der im Nachbarhof zu blühen beginnt.

Man kommt ja vom Hölzchen aufs Stöckchen. Bei Herrn B. gings gestern um Fabeln, ich habs aber erst heute früh gelesen. Er findet Fabeln doof. So verstehe ich es zumindest. Bei mir klappten sämtliche Gehirnfächer zu Fabeln gleichzeitig auf. Fabeln, zumindest die Fabeln von Jean de la Fontaine wurden in Frankreich jahrzehntelang, ach was jahrhundertelang, an allen Schulen gelehrt und alle Franzosen können, so wie sie Brassens auswendig singen können, die Fabeln von La Fontaine aufsagen. Maitre Corbeau sur un arbre perché … Alle Franzosen deklamieren sofort weiter.

Ok, die heutige Generation schwächelt etwas, man hat heute andere Schwerpunkte. Fabeln und Diktate werden in Frankreich aber immer noch geliebt. Diktate sind in Frankreich ein „Volkssport“, wie es in dem kleinen Video von arte Karambolage heißt. Monsieurs Großmutter war Grundschullehrerin und sie war dafür gefürchtet, dass sie in den Ferien nicht nur ihrem Enkel, sondern auch allen Dorfkindern, ob sie wollten oder nicht, jeden Tag ein Diktat aufbrummte.

Zurück zu den Fabeln. Mir fielen sofort englische Fabeln von James Thurber ein, die ich in einem Wahlpflichtkurs Englisch bei einer Lehrerin namens Mohr zu analysieren hatte. Frau Mohr hatte vermutlich als eine der wenigen deutschen Englischlehrerinnen meiner Schule eine halbwegs korrekte englische Aussprache, die ich damals natürlich total affig fand. Sie zwang uns diesen Satz „a bee buzzzzzzzzed up around the web“ so lange zu sagen, bis es sich für ihre Ohren englisch genug anhörte. Ist es nicht witzig, was in unseren Hirnwindungen jahrzehntelang abgespeichert ist? A bee buzzzzzzzed up around the web. Und die Moral der Thurber Fabeln war jedesmal shocking. Also für mich damals. Ich habe das gerade nachgelesen, es gibt ja alles im Web. Ich habe tatsächlich „a bee buzzed up around the web“ eingegeben und kam dahin: The fairly intelligent fly. Moral: Es gibt keine Sicherheit, nirgends (wie passend dieser Tage), oder weniger prosaisch, Der Augenschein kann ebenso trügerisch sein wie die Sicherheit, in der man sich wiegt. (Diese hübsche Übersetzung habe ich aus einem Lehrer-Arbeitsblatt). Nachdem ich so derart im Englischen war und die Überschrift dieses elften Corona-Blogeintrags schrieb, dachte ich, ich schreibe heute einfach ELEVEN. Aber es ist vermutlich ohne Erklärung doch zu Insidermäßig. Daher dieses hübsche Video zur Spracherkennung. Lustig, obwohl ich die englischen/schottischen Feinheiten nicht mal höre.

Über die Unfähigkeit der Franzosen Englisch richtig auszusprechen (und andere Sprachen) gibt es auch reizende Filmchen. Hier nur ein Beispiel.

Ok, ok, ich werde meinen deutschen Akzent auch nicht wirklich los. Babbel übrigens, das Sprachprogramm im Internet, bietet gerade krisenbedingt 60 Tage kostenfrei Kurse an. Nein ich werde dafür nicht bezahlt und verlinke daher auch nicht.

Noch was zum Basteln. Mein gestriger Post, dass wir hier keine Masken haben, hat mir diverse Nähanleitungen eingebracht. Herzlichen Dank! Sämtliche Landfrauen nähen derzeit, ich verlinke mal nur diesen Artikel. Eine sehr gründliche Anleitung steht in Ellis Kommentar unter dem Artikel von gestern. Ich kann jedoch nicht nähen und war schon beim Lesen erschöpft. Dennoch lieben Dank! Eine weniger aufwändige Nähanleitung des Hausärzterbands Niedersachsen bekam ich via Caro. Ich möchte auch auf diese Masken hinweisen (via Marianne), die ich möglicherweise trotz des hohen Preises erworben hätte, aber die Firma liefert nicht nach Frankreich. Der Renner aber ist diese wirklich kinderleichte Anleitung (via Luda L.), leider habe ich diese liebe Dame nicht außerhalb FB’s gefunden, für alle, die nicht dort sind, kommt die folgende Anleitung. Es geht auch mit Papierservietten, wenn man sich das Waschen der Stoffmasken bei 90°C jeden Abend ersparen will. (Das Internet ist voll von Maskenanleitungen, habe ich dabei gemerkt.) Alle diese Varianten sind kein supersicherer Schutz (ich lehne übrigens jede Verantwortung ab!), aber besser als gar nichts.


Systemrelevant wird wohl das deutsche Wort des Jahres, wenn es nicht Corona wird. Ich weiß nicht, ob es eine adäquate Variante für Frankreich gibt, ich habe da noch nichts aufgeschnappt. Aber ich stimme Kiki Thärigen zu, wir sind alle immer systemrelevant. Auch wir Künstler, Autoren, Musiker, Schauspieler, Zeichner … wir sind mehr als nur die Pausenclowns (und auch die sind systemrelevant), wir machen das Leben bunt und Krisen erträglich. Kleine Fabel gefällig?

So viel für heute. Bis morgen. Bleiben Sie zuhause und bleiben Sie gesund!

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Corona Tagebuch Tag 10

Heute ist Donnerstag. Es ist kalt, aber die Sonne scheint, obwohl Regen angesagt war, die Glyzinie am Zaun des Nachbarn blüht violett, die Vögel zwitschern, ich genieße die wenigen Autos, es sind noch genug, die durch diese Straße fahren. Die Katze maunzt vor der Tür. Sie kann, trotz Gewichtsabnahme, nicht mehr über die Mauer des Parks springen (das Alter), und klagt jetzt immer Ausgang im Vorgarten ein. Dazu begleite ich sie in der Regel, damit die Vögelchen beschützt werden, auch wenn Pepita freiwillig auf keinen Baum mehr klettert. Passt mir jetzt aber nicht, ich fange gerade erst an mit Schreiben, auch wenn ich gestern vollmundig behauptet habe, Pausen machen sei notwendig im Homeoffice, und in der Regel würden sie von der Katze eingefordert.

À propos, gestern wurde nach der von Monsieur rausgehauenen Kellertür gefragt, ich habe gestern Nachmittag pflichtschuldigst einen Ausgang in den Kellerhof gemacht, begleitet, natürlich, von der Katze. Heute in aller Frühe machte Monsieur seinen erlaubten Tagesausflug und ging zum Labor, um ein paar Blutanalysen machen zu lassen, nein kein Virustest, hier wird nicht großflächig getestet. Aber immerhin hatte er eine Maske, die ihm unsere Hausärztin gegeben hatte, und er sah damit aus wie ein Bankräuber. Er möge weitere Masken kaufen, hatte sie ihm geraten. Aber es gibt keine. Auch die Krankenhäuser haben keine. Alles fehlt hier. Gestern Abend in den Nachrichten wurde gezeigt, dass Viruskranke aus Frankreich ins nahe Freiburg geflogen werden, wo noch Kapazitäten in der Reanimation frei sind. Der interviewte deutsche Arzt war sehr vertrauenerweckend und wir wissen jetzt, dass Deutschland doppelt so viele Intensivbetten hat wie Frankreich. Die ganze Nachrichtensendung war ein Vergleich mit Deutschland: die Menschen dort, also Sie, meine lieben LeserInnen, haben keine Ausgangssperre, sondern nur Beschränkungen, das geht, weil Sie (abgesehen vom Run auf Klopapier) disziplinierter sind als wir hier; das Gesundheitssystem ist besser ausgestattet, es gibt Personal, Material, Masken und Tests. Christian Y. Schmidt, der sich wütend und heiser schreibt, über die miserablen Zustände in Deutschland, sollte mal hierher schauen, wir haben hier nichts! Keine Tests, keine Handschuhe, keine Masken. Die Bevölkerung nicht und so gut wie nirgends, weil es keine mehr gibt. Seit einer Woche sagt uns der neue Gesundheitsminister, dass Millionen von Masken bestellt sind, aber sie sind für die Krankenhäuser, die freien Krankenschwestern, die Kassiererinnen und alle, die im ständigen Kontakt mit Menschen sind. Wir produzieren weder Masken noch Tests in Frankreich, wir kaufen sie irgendwo in der Welt. Sie müssen erst wieder hergestellt werden. Wir, die „kleinen Leute“, werden dennoch keine bekommen. Ich jammere nicht, ich möchte Ihnen nur sagen, dass Sie (abgesehen vom derzeitigen Einbruch bei der Klopapierversorgung) in einem ziemlichen Luxusland leben. Sie sind sich dessen vermutlich nicht bewusst, aber ich sehe die Unterschiede jedes Mal, wenn ich von Frankreich nach Deutschland komme: Die großen, gut gepflegten Häuser in den alten und neuen Neubaugebieten, die großen, gut geheizten Wohnungen, die breiten sauberen Straßen und Gehwege, die großen, neuen Autos, diese gediegene Sicherheit, die das alles nicht nur ausstrahlt, sondern wirklich gibt. Und dieses fürsorgliche Gesundheitssystem! Ja, Frankreich hat ein großzügiges Gesundheitssystem, bei schweren Krankheiten wird man kostenfrei behandelt, im Krankenhaus zumindest. Die Situation in den französischen Krankenhäusern ist aber so, dass jeder, der es sich leisten kann, in eine Privatklinik geht, die sich den Standard, der dann annähernd, aber wirklich nur annähernd, einem deutschen Krankenhaus vergleichbar ist, bezahlen lässt. Meine Schwiegermutter lag seinerzeit lange in einer Privatklinik, in einem teuren, aber sehr schlichten Einzelzimmer, wo ein Teil der Decke aufgrund eines lange zurückliegenden Wasserschadens heruntergebrochen war. Stört hier niemanden wirklich. Man schaut halt nicht hin.

Ich suchte lange nach einem Zahnarzt, der eine Praxis hatte, die wie eine Praxis aussah und Freundlichkeit, Zugewandtheit und Kompetenz besaß, wie ich sie aus Deutschland gewohnt war. Ich habe in der Zwischenzeit zwei teure Inlays im Mund, die beide ein bisschen aussehen, als habe man mir Kaugummi als Ersatz hineingeklebt, weil zwei Zahnärzte, ein alter (ruppig und grob) und ein junger (telefonierend und cool), beide nicht in der Lage waren (selbst nach mehreren Versuchen) mir Füllungen zu machen, die meiner Zahnfarbe entsprechen. Ist doch nicht so wichtig, sagt man mir hier verständnislos, als ich versuche auch den zweiten Versuch zurückgehen zu lassen. Hier ist man pragmatisch. Füllung ist Füllung. Mein Großvater war Zahnarzt, vielleicht bin ich zu anspruchsvoll. Ich akzeptiere es letztlich, denn nein, es ist im Prinzip nicht wichtig. Nein, ich jammere nicht, ich sags nur. 

Letztes Jahr habe ich in Monaco aus meinem Buch gelesen. Es war eine schöne Veranstaltung in einem edlen Rahmen. Man war sehr großzügig und freundlich zu mir und dem Gatten. Allerdings sprachen viele der Damen und Herren nur wenig Französisch, obwohl sie schon lange dort ansässig sind. Wie machen Sie es denn, wenn Sie mal zum Arzt oder ins Krankenhaus müssen? fragte ich. Man gehe hier vielleicht zu einem deutschen Spezialisten, wenn es einen gäbe, ins Krankenhaus aber ginge man hier ganz sicher nicht, wurde mir geantwortet. Dabei gelten die Krankenhäuser und Kliniken in Monaco als die besten im Süden, und wer von den Franzosen es sich leisten kann, lässt sein krankes Herz dort operieren.

Wir haben in der Zwischenzeit auch eine deutsche Hausärztin, die sich zu unserem Glück hier niedergelassen hat. Sie ist sympathisch und kompetent und hat diese freundliche zugewandte Art, die ich hier nur selten bei Ärzten gefunden habe. Sogar Monsieur zieht sie in der Zwischenzeit seinem ehemaligen französischen Hausarzt vor. 

Ich habe heute lange an diesem Text geschrieben, ich fürchte, ich klinge insgesamt ein bisschen meckrig. Normalerweise würde ich so einen Text ruhen lassen und überlegen, ob er morgen noch so passt. Aber jetzt gibt es schon wieder die ersten bitteren Abendnachrichten …  Ich hoffe, dass das alles halbwegs gut für uns ausgeht und für uns alle in der Welt. Immerhin wird hier jetzt draußen desinfiziert. Aber ich nehme die Ausgangssperre mit Rücksicht auf Monsieur ernst. Der Gatte ist recht fragil, ich möchte ihn gerne noch ein Weilchen in einem gesunden Zustand um mich haben. Passen Sie bitte auf sich auf!

Gut, kommen wir zu etwas anderem. Die Menschen gingen deutlich freundlicher miteinander um, schrieb mir eine deutsche Freundin gestern. Es sei wieder so, wie sie es aus ihrer Kindheit noch kenne, man grüße sich und lächle und helfe sich gegenseitig. Das ist schön. Ich habe es hier auch so erlebt, in dem kleinen Lädchen zumindest, in dem ich einkaufe, und vor allem, als ich neulich draußen laufen war. Wir lächelten uns alle glückselig an „wir sind draußen!“ Dazu passt der wirklich großartige und sehr freundliche Blog von Smilla, die wieder angefangen hat, Menschen vorzustellen. Hier ihre neue Nachbarin.

Es gibt noch Liebe unter den Menschen, auch wenn manche nicht mal eine Rolle Klopapier hergeben wollen. Es gibt Menschen, die ihr Beatmungsgerät anderen überlassen, weil sie finden, dass der andere es besser gebrauchen kann. So geschehen in Italien, ein Priester überließ sein Beatmungsgerät einem jüngeren Menschen. Der Priester verstarb daraufhin.

Es gab aber auch viele „coups de gueule“, Kassiererinnen im Supermarkt schimpfen, sie finden, dass die Menschen nicht lieb und auch nicht freundlich seien, sondern egoistisch und aggressiv. Mein Supermarkt, zu dem ich derzeit nicht mehr gehe, weil ich Angst habe, dort im Menschengewimmel den Virus nach Hause zu bringen, schickte mir eine Nachricht aufs Handy und bittet darum, dass man die älteren Personen (70+) zuerst einkaufen lasse, nämlich zwischen 8 Uhr und 8.30 Uhr. Ältere Menschen sind ja dafür bekannt, dass sie Frühaufsteher sind (Ausnahmen gibt es immer ;-) ). Ansonsten möge man zu den späten, weniger vollen Zeiten zwischen 18 und 20 Uhr kommen. Nur ein Einkaufswagen pro Person sei erlaubt und es gebe eine Extrakasse für Pflegepersonal. Ich mag mir nicht vorstellen, was dort gerade los ist.

Über Andreas H. fand ich nicht nur diese schöne Heldin von Manara, sondern auch die Statistik, die besagt, dass die Leute, die uns gerade das Leben retten, Krankenschwestern,  Pflegepersonal, Lieferanten, Kassiererinnen, zu den am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen gehören. Andreas ist Arzt und rettet uns auch das Leben. Danke dafür.

Da ich die Statistik aus mir unerklärlichen Gründen nicht kopieren konnte, bekommen Sie diesen Artikel dazu. In Frankreich zahlen manche Supermarktchefs den Kassiererinnen jetzt immerhin eine Prämie. Die Pflegeberufe bekommen so etwas nicht.

Andreas H. erinnerte mich auch daran, dass Manu Dibango zeitgleich mit Uderzo gestorben sei, sie waren annähernd gleich alt, aber der Saxophonist, der auch als Vater der modernen afrikanischen Musik gilt, starb in der Nähe von Paris an Covid19. Manu Dibango ist Ihnen vielleicht weniger bekannt, ich habe heute Nachmittag viel Zeit damit verbracht, einen schönen Text und Musikvideos zu suchen, die Ihnen vielleicht gefallen könnten. Letzten Endes habe ich dieses groovige Video mit Yannick Noah ausgewählt und diesen eigentlich exzellenten deutschsprachigen (opens in a new tab)">Nachruf, und der sich ums Verrecken nicht einfügen lassen will, grrr,  in dem es auch nochmal ein sehr afrikanisches Video gibt :D

Damit belasse ich es für heute. Ich war nicht draußen. Ich bleibe zu Hause und Sie hoffentlich auch. Und bleiben Sie gesund!

ps: Es gibt auf FB eine Aktion der Holtzbrinckverlage, um Verlage, BuchhändlerInnen und AutorInnen zu unterstützen; unter den Hashtags #bleibtzuhause und #gemeinsamlesen stellen wir, so ist es geplant, alle zwei Tage Bücher von KollegInnen vor.


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Corona Tagebuch Tag 9

Heute Morgen habe ich mir eine Haarspange in den Haaren so verklemmt, dass ich sie nicht mehr entfernen kann. Die Haare sind jetzt, so wie ich das zum Gesicht waschen und eincremen mache, nach oben und stirnfrei verklemmt. Man sieht jetzt meinen dunklen Haaransatz und … aaah kreisch .. meine grauen Haare, die da jetzt auch sind. Neulich kursierte schon der Witz, dass wir in drei Wochen alle sehen werden, welche Haarfarbe wir eigentlich haben. Glücklicherweise treffen wir ja aber nur so wenige Menschen ;) Ich hatte leichtsinnigerweise den Friseurbesuch zu lange rausgezögert, dachte, ach das geht noch, ich gehe nächste Woche, und dann ging es eben nicht mehr. Es wird auch das Leben meiner Friseurin, ein Ein-Frau-Unternehmen, stark komplizieren. Wenn sie in sechs Wochen (so lange soll die Ausgangssperre vermutlich dauern) noch existiert, wird sie allerdings ziemlich viel zu tun bekommen. Vermutlich gibt es ganz neue Schnitte, Typ- und Farbveränderungen, vielleicht trage ich die Haare zukünftig lang und dunkel und mit reizenden grauen Strähnchen?!

Es wird langsam weniger lustig. Ständig neue Verordnungen. Der Ausgangsschein ist erweitert worden, man muss jetzt auch die Uhrzeit eintragen. Wir dürfen maximal eine Stunde unterwegs sein, uns nur einen Kilometer im Umkreis unseres Wohnortes bewegen und das nur einmal am Tag. Wie das mit (großen) Hunden zu machen sein soll, ist mir ein Rätsel. Aber, wir dürfen jetzt mit den Menschen, mit denen wir zusammenwohnen, rausgehen! Das ist toll!

Ein Freund, der mit seiner Frau und zwei bewegungshungrigen Kids am Wochenende auf einem leeren Parkplatz Boule spielte, wurde verwarnt und die Familie zurück in ihre kleine Balkonlose Wohnung geschickt. Das ist jetzt erlaubt, immerhin!

Gestern bekamen wir einen automatisierten Anruf der Stadt und ich bekam eine Nachricht aufs Handy geschickt. Ab heute wird Cannes großflächig desinfiziert: Straßen vor Apotheken und Läden, Plätze, Parks, Spielplätze, Sportgeräte, Sitzbänke, Ampeln, öffentliche Gebäude, Nahverkehr, Geländer, Barrieren und was man eben alles anfassen kann. Die Buslinien wurden so gut wie eingestellt, außer natürlich die Buslinie 2, die vor unserem Haus zirkuliert, die bleibt bestehen, weil sie zum Krankenhaus fährt. Medizinisches Personal darf kostenlos von Taxis gefahren werden, alle anderen sollen zuhause bleiben.

In Sanary darf man jetzt nicht mehr für ein einziges Baguette rausgehen, lese ich heute in Nice Matin, die tapfer neben all den tristen Nachrichten (Die Krankenhäuser bitten händeringend um Masken und Schutzkleidung!) eine Extra-Beilage Corona-Virus machen, mit ein paar Seiten für Kinder (Malwettbewerb, wir malen einen Arzt, haha), für Eltern, Paare (neuer Sex währen der Corona-Krise) und Hundebesitzer. Heute gibt es ein Interview mit den Mönchen auf der Ile de St. Honorat, Experten im „Eingeschlossen sein“.

Sie sagen im Prinzip das, was alle sagen: sich den Tag einteilen, sich nicht hängenlassen, Dinge tun, für die man sonst keine Zeit hat, Angstmachende Medien (Fernsehen, Internet) meiden, stattdessen lesen, meditieren, beten. Und Kontakt halten zu anderen Menschen, Freunden, Nachbarn, Familie. Gespräche suchen und sich vielleicht auch versöhnen, es sei nicht der Moment, zerstritten zu sein.

Eine (etwas ältere) Freundin schrieb mir, dieser Zustand erinnere sie an den Krieg. Da käme gerade wieder viel hoch. Ich dachte das gestern auch, obwohl ich den Krieg gar nicht selbst erlebt habe, aber ich erinnerte mich beim gestrigen Einkauf an den Film „La traversé de Paris“, der zu der Zeit spielt, als Frankreich von uns Deutschen besetzt war. Ich erlebe es ja zum ersten Mal, dass es Dinge im Supermarkt nicht gibt. Zwei Wochen lang keine Eier. Kein Mehl. Lücken in den Regalen. In diesem Film schleppen Bourvil und Jean Gabin trotz Ausgangssperre ein illegal geschlachtetes Schwein in vier Koffern durch Paris. Und man sieht, wie ein Lebensmittelhändler (Louis de Funés) in seinem Keller Lebensmittel, die es offiziell nicht mehr gibt, gehortet hat. Was mir beim letzten Ansehen des Films auch aufgefallen ist, ist diese laute und ruppige Art, wie sie damals miteinander gesprochen haben, und wieviel immer gepichelt wurde. Hier ein Calva, dort ein Weinchen und noch eines und noch eines. Allez, eins geht noch. Das fällt mir auch in Simenons Maigret Romanen immer auf. In „Maigret macht Urlaub“, ist Maigret morgens um halb Neun schon beim zweiten Glas Weißwein. Man könnte meinen, alle seien immer halb betrunken durch die Welt gelaufen. Vermutlich brüllen sie auch deswegen so viel.


Diese ruppige Art zu sprechen fällt mir ebenso auf wie die neue deutsche Art, wahnsinnig lieb zu sein. In den Videos junger Frauen, die ich jetzt verstärkt anklicke, und die einem von Achtsamkeit, Yoga und Meditation erzählen, geht es immer ganz sanft zu und richtig herzig. „Hallo Ihr Lieben“, werden wir sanft begrüßt. Oder „ooh, heute stelle ich Euch die liiiebe XY vor“. Alles ist ganz schön und ganz lieb und ganz sanft. So kuschelig-wuschig irgendwie. Das ist mir auch neu.

Hier eine achtsame und ernstgemeinte, aber etwas weniger wuschige Video-Umarmung. Ist auch ein Mann.

Was war noch? Uderzo ist gestorben, der Zeichner von Asterix, Obelix und Idefix. Sehr schöner Artikel mit Kultszenen in Le Monde. Französisch natürlich. Hier ein deutsches Filmchen bei Arte.

Nachtrag: Gerade erhielten wie einen Anruf, Cannes war in den Nachrichten zu sehen, und man sah, wie gerade die Straße vor unserer Boulangerie und dem Lädchen desinfiziert wurde!

Sie haben sich auch zahlreich nach Monsieurs Sohn erkundigt, herzlichen Dank dafür! Wir hatten ihn am Telefon, das Fieber ist erstmals weg, er hat rasend schnell 20 Kilo abgenommen (ich habe nachgefragt, weil mir das so unwahrscheinlich schien), weil er so wahnsinnig geschwitzt und weder getrunken (schlecht!) noch gegessen hat. Es geht ihm besser. Aber noch ist er schwach und liegt im Bett (und schaut jetzt immerhin Serien)

So viel für heute. Bleiben Sie zu Hause! Und bleiben Sie gesund!

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Corona Tagebuch Tag 8

Es ist kalt und grau heute. Also kalt ist relativ, 10 Grad sind es, nachdem wir im Februar schon bei 23°C draußen rumgehampelt haben. Ha! Heißt es „wir sind rumgehampelt“ oder „wir haben rumgehampelt“? Das sind so Sachen, die ich plötzlich nicht mehr weiß. Egal, bei dem Wetter will in Südfrankreich sowieso keiner draußen rumhampeln. Denkt man. Es sind täglich mehr Autos auf der Straße, ich vermute, dass der Boulevard Carnot zu sehr überwacht wird, weshalb alle die Alternativroute nehmen. Oder es sind alles Mediziner, die im Krankenhaus arbeiten, das an der Verlängerung dieser Straße liegt. Nehmen wir das an. Heute wird es kein sehr lustiger Beitrag. Auch wenn ich wie jeden Morgen von der Katze geweckt wurde.

Die erste Info, die ich bekomme, ist, dass die Gemüsemärkte mit sofortiger Wirkung, nach einer Regierungs-Anordnung von heute Nacht, geschlossen wurden. Das Communiqué des Bürgermeisters, den ich anfange zu schätzen, klingt bitter. Er fügt sich, findet aber, dass die Entscheidungen, die in Paris gefällt werden, dem Süden nicht gerecht werden. Er hält den hygienisch überwachten Freiluftmarkt für gesünder als die Supermärkte. Außerdem beklagt er den Verlust der Ware, die heute nicht verkauft werden kann und den Verlust des Einkommens für die regionalen Bauern. Er bittet uns, den lokalen Handel zu unterstützen. Jetzt, so gut es geht, und vor allem nach der Krise.

Ich finde das auch bitter, denn ich wollte just heute auf den Markt, frisches Obst, Gemüse und Salat einkaufen. Bleibt nur der kleine Lebensmittelladen neben dem Bäcker. Monsieurs Tochter bietet sich an, später für uns im großen Supermarkt miteinzukaufen. Ich gehe zunächst in den kleinen Laden und fülle dafür meinen Ausgangsschein aus. In der Tageszeitung gibt es jeden Tag einen Schein zum Ausschneiden, für die, die keinen PC und Drucker haben.

Was für ein Glück, das Lädchen wurde gerade mit Ware beliefert. Ich muss aber erst draußen warten, mit einem kleinen aufgeregten Hund, denn mehr als zwei Personen sollen nicht in dem Lädchen sein, zusätzlich zur Besitzerin an der Kasse, dem Ehemann und dem Großvater, die die Waren auspacken und einfüllen.

Zu meiner großen Freude räumt der Besitzer gerade Eier ins Regal. Die gab es lange nicht, ich nehme gleich 3 Pakete (à sechs Eier) 12 für die Familie über uns, 6 für uns, und komme mir trotzdem wie ein Hamsterer vor. Dafür gibt es kein Mehl. Ich brauche keines, aber es wird von der Kundin vor mir und der hinter mir beklagt. Ich nehme die letzte Flasche Rosé für Monsieur und hoffe, es gibt da zukünftig keinen Lieferengpass. Kein Wein in Frankreich, das wärs noch! Obst und Gemüse (unreife Bananen, Äpfel, Lauch, Chicoree) hat Supermarktqualität und ich bin nicht so wahnsinnig glücklich, nehme daher zusätzlich die ersten französischen Erdbeeren mit, komplett überteuert. Als ich wieder rauskomme, stehen acht Personen draußen Schlange. In der Bäckerei gibt es nur wenig Brot, sie wurden ebenfalls nicht mit Mehl beliefert, außerdem sind sie jetzt nur noch vormittags geöffnet. Mir fällt die Erzählung „Der dritte Nagel“ von Herrmann Kant ein, die ich gerade gerne wiederlesen würde. Hier eine Inhaltsangabe. Ich nehme auf dem Weg dieses Mal Fenster auf. Erdgeschossfenster, die wie durch Zufall, fast alle geschlossen sind. Mit dem wenigen Licht wirkt das heute alles sehr trist. Das ist Cannes? Das ist auch Cannes!

Sie wundern Sich vielleicht, warum ich Ihnen den Wiener Psychiater vorenthalten habe, er hat durchaus Videos produziert, ich musste aber erstmal verdauen, was er sagte, habe eine Nacht schlecht geschlafen und habe gezögert, ob ich das hier veröffentlichen will. Er stellt die Frage der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen, spricht über die Existenzängste vieler Menschen, denen diese Ausgangssperre das Einkommen nimmt, sie arbeitslos macht, die kleine Unternehmen ruiniert, und er spricht über den Tod. Retten wir Leben oder verlängern wir das Sterben? fragt er. Ich muss da erstmal schlucken. Finde seine Ausführungen hörenswert, und doch … In meiner französischen Familie gibt es durch Corona verschuldete Arbeitslosigkeit und verhinderte Projekte. Meine Friseurin, mein Fingernagelstudio, der Fischer, bei dem ich Fisch kaufe, die Buchhandlung, gerade erst in größere Räumlichkeiten umgezogen, mein Lieblingsrestaurant, werden die das alle überstehen? Die Hilfen, die vom Staat angeboten werden, die natürlich erst beantragt werden müssen, die kommen wann? Können die das auffangen? Monsieur gehört zur Risikogruppe. Er würde die Krankheit, die sein Sohn gerade durchlebt, vielleicht nicht überleben. Ich kann mich an den Gedanken, „er muss ja sowieso sterben“ nur schwer gewöhnen, auch wenn ich weiß, dass es so ist. Ich habe meinen Vater früh verloren, meinen ersten Mann, meinen langjährigen Freund. Ein Freund meines Mannes, gesund und sportlich, starb vor nicht allzulanger Zeit beim Wandern. Herzinfarkt. Zack, weg, tot. Wir alle müssen sterben. Ich weiß.

Lassen Sie uns gemeinsam nachdenken, sagt Bonelli. Ich lasse Sie nachdenken. A weng Zeit müssens aber schon mitbringen, nicht wahr.

Bis morgen! Bleiben Sie zuhause und bleiben Sie gesund!

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Nur für heute – Nachtrag zu Tag 7

Na, es wird auch weniger tief recherchiert, wenn man so schnell produziert, bin ich ja nicht gewohnt, mache ja keinen Journalismus, ich schreibe normalerweise langsam, oft lasse ich Texte über Nacht ruhen. Jetzt aber habe ich den Takt erhöht. Ist auch neu für mich. Danke für Ihre diversen Hinweise zu der 20-Punkte-Liste, die ich veröffentlicht habe. Die ich grundsätzlich nicht schlecht finde, die auch jeder andere hätte schreiben können; die, von denen ich sie habe, liegen aber doch nicht auf meiner Wellenlänge. Das nur zu Klarstellung.

Keinesfalls wollte ich mit dieser im letzten Beitrag veröffentlichten 20-Punkte-Liste irgendwie Druck ausüben, was man alles soll oder nicht soll an seinen gefühlt oder wirklich leeren Tagen.

Nicht alle sind gerade in positiver Entdeckungs- und Aufbruchsstimmung. Vielen schlägt die Situation, verlorene Jobs, keine Aufträge, abgesagte Lesungen und Konzerte, keine Rücklagen, um einen Laden, eine Firma über mehrere Monate aufrecht zu halten und die finanzielle Unsicherheit der (nahen) Zukunft aufs Gemüt.

Vor mehr als 15 Jahren hatte ich einen Burnout, eine Depression, wie auch immer, und ich landete in einer psychosomatischen Kur. Ich war überrascht und fast verärgert, wie durchgetaktet meine Tage dort waren. Ich wollte doch nur in Ruhe im Bett liegen, aber schon um Sieben sollte man zur Morgenvisite angezogen im Flur auf den Arzt warten, danach gab es Frühstück und danach eilte man zu seinen Veranstaltungen, seinen diversen Therapien (Gespräche, Gruppen, Malen, Töpfern, Singen, Gartenarbeit, einen Pferdestall ausmisten (!)), hatte seine „Haus-Dienste“ (Tisch decken, Essen servieren, Blumen gießen) oder „Hausaufgaben“ zu erledigen. Menschen mit Angststörungen sollten vielleicht einmal alleine um den Block gehen. Mir wurden zusätzlich für die Mittagspause eigenartige Spaziergänge aufgetragen, Rückwärts gehen, Hüpfen, Wahrnehmungsübungen und dergleichen. Wir sollten aktiv werden, nicht lethargisch bleiben. Ich fand das damals alles befremdlich, im Nachhinein aber sehr „erdend“ und „verlebendigend“. Vieles war damals nicht erlaubt: Fernsehen, Mobiltelefone, Internet (das war damals aber noch gar nicht so verbreitet, man mag es gar nicht glauben), stattdessen sollten wir stricken, lesen, malen, puzzeln, Gesellschaftsspiele spielen oder singen in unserer abendlichen Freizeit. Abgesehen vom Lesen fand ich das alles absurd. Aber als ich zum ersten Mal nach gefühlten Ewigkeiten ein Puzzle legte, fand ich es ungemein hilfreich, sich nur auf das eine blaue Teil zu konzentrieren, das man suchte, anstatt ununterbrochen den ratternden nervösen „wie soll das alles nur enden“-Gedanken im Kopf nachzuhängen. Singen half mir damals auch ungemein, meine Ängste zu besiegen. Damals gab es diesen schrecklichen Tsunami, den habe ich aufgrund der fehlenden Medien total verpasst, aber ich glaube, eine zusätzliche Katastrophe wäre seelisch nur schwer zu verkraften gewesen. Mir haben dieses Anregungen aus der Kur und der getaktete Tag (aufstehen, sich anziehen, essen am Tisch, singen, spazierengehen …) dann auch während meiner späteren Arbeitslosigkeit geholfen. 

Ich hatte gestern früh überlegt, ob ich den Dekalog der Gelassenheit posten möchte und habe mich für diese Liste entschieden, weil sie positiv und gleichzeitig aktiver klang. Ob man nun eine Stunde in der Bibel lesen mag oder nicht, sei dahingestellt, aber den Tag in Häppchen einzuteilen, sich Aufgaben zu geben und aktiv zu sein und nicht stundenlang vor dem Fernsehen zu sitzen und sich die Nachrichten reinzuziehen, erscheint mir absolut sinnvoll. Das hätte ich zu dieser Liste vielleicht noch dazuschreiben können, wenn ich nicht so schnell hätte sein wollen. Ich reiche es hiermit nach.

Den Dekalog der Gelassenheit, und dessen Botschaft, die indirekt in der besagten Liste steht „lebe heute nur diesen einen Tag“ gebe ich Ihnen aber dennoch. Ich habe mich für diese Variante entschieden, weil man hier ein bisschen Natur in seine vier Wände geliefert bekommt.

Bleiben Sie ruhig und gelassen und vor allem gesund!

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Corona Tagebuch Tag 7

-Immerhin muss ich mir keine Gedanken mehr über eine Überschrift machen, dafür habe ich sonst oft die meiste Zeit gebraucht. Ich habe ja noch nie wirklich jeden Tag geschrieben, wie es andere machen, Frau Brüllen, der wir die Aktion „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“ verdanken, oder die Kaltmamsell, oder Herr Buddenbohm, der einzige, den ich auch in Stresszeiten wenigstens überfliege, und der gerade weniger bloggt, weil er akute Schmerzen in den Armen und/oder Ellbogen hat; ich lege übrigens, seit meinem „Tennis-Schreib-Arm“ vor ein paar Jahren, immer den Arm auf beim Schreiben und schreibe nicht mehr im Bett oder auf dem Sofa, was man als stets im Homeoffice-Seiende manchmal macht. Es ist interessant, wie sich der Blick ändert, wenn ich den Blog täglich füllen will. Ich finde so viel, dass ich heute vielleicht sogar zwei Beiträge senden werde, weil die Themen so richtig nicht zusammenpassen. Vielleicht sollte mir das schnurz sein in diesen Tagen, ich denke das weiter, während ich schreibe.

Eine Woche heute. Montag ist es. Es sind erstaunlich viele Autos auf der Straße, Busse, Motorräder. Ich werde Schwierigkeiten haben, mich wieder an den üblichen Lärmpegel zu gewöhnen, wenn es wieder „normal“ wird. Es ist mild draußen, aber nicht sonnig. Ein etwas milchiges Licht. Um Acht morgens hat Monsieur schon voller Tatendrang unten im Keller auf eine Tür eingeschlagen, von der wir gestern entschieden haben, dass sie weg soll. Dahinter ist nur ein winziger Verschlag, der offen mit Regalen nützlicher sein kann. Ich reiße das Fenster auf und ermahne den Gatten, dass es erst in einer Stunde sozialverträglich ist, solchen Lärm zu machen. Also sägt er die Tür weg. Dann rudert er.

Punkt Neun schlägt er dann wieder zu. Ich schaue derweil das Internet durch und stoße auf Patrick Bruel, der jetzt auch, wie schon Calogero, einen Song gemacht hat, um all den Menschen zu danken, die „da draußen“ arbeiten. Ich mag beide Songs nicht so besonders, aber Calogero immerhin spendet die zukünftigen Einkünfte daraus dem medizinischen Personal. Patrick Bruel sieht ein bisschen verschlafen und unrasiert aus, ist auch in Jogginghose und T-Shirt, hat sich wohl ganz spontan zu dieser Aktion entschieden und scheint von sich selbst überrascht. Ich hingegen bin überrascht von dem riesigen Weinkühlschrank im Hintergrund (gefüllt, versteht sich). Monsieur, den ich dazu befrage, sagt, er fände einen gut gefüllten Weinkühlschrank durchaus nicht verkehrt, ich habe mit meiner Alkohol-Abstinenz (ist das ein Pleonasmus?) einen zu kritischen Blick. Ich gebe das so weiter, aber der Blick auf den Kühlschrank macht, das ich das Lied nicht so richtig in mich aufnehme. Ich will nicht zu böse sein, kein Künstler kann derzeit auftreten. Es ist kein Spaß. Auch für ihn nicht: Si vous etes en famille ne vous engueulez pas trop, sind seine letzten Worte auf dem kleinen Video. „Wenn Sie mit ihrer Familie zuhause sind, schreien Sie sich nicht zu sehr an“. Ich verlinke Ihnen aber lieber dieses neue Lied von Duffy, nicht nur weil sie ein bisschen klingt wie Amy Winehouse, sondern weil es mir besser gefällt und sie nicht irgendjemandem dankt, sondern nur allgemein positive Wellen für alle zu Hause, auch die Herden von neuen Arbeitslosen, sendet. Dazu später mehr.

Ich habe mich ein bisschen schwer getan, das „richtige“ Video auszuwählen, Sie hat den Song nämlich nicht offiziell veröffentlicht, ich will hier in den schwierigen Zeiten nicht auch noch Rechte verletzen.

Es gibt derzeit viele Tipps für die Quarantäne, damit einem nicht die Decke auf den Kopf fällt. Leider kann ich das Video des Gebetshauses Augsburg nicht einfügen, das ist vielleicht auch gut so, ich weiß nichts über sie und möchte ungern Seiten verlinken, deren Aktionen mir (bei all meiner Nähe zum Universum) bizarr vorkommen (Tag und Nacht beten). Die Liste aber kopiere ich dennoch: Anspruchsvolle Klassiker lesen, nicht zocken, keine Pornos. Ich sags nur.


20 Tipps für Quarantäne und Isolation 1. Gehe zu einer festen Zeit ins Bett und stehe rechtzeitig auf.2. Folge einem festen Tagesplan.3. Beginne jeden Tag mit einer festen Routine.4. Treibe täglich Sport (Es gibt jede Menge Fitness-Übungen für zu Hause).5. Nimm dir anspruchsvolle Lektüre vor und lies täglich zwei Stunden.6. Verbringe wenn möglich mindestens eine Stunde am Tag in der Natur.7. Beschränke die Zeit, in der du Videos schaust oder zockst. 8. Verzichte auf Pornos.9. Mach Skype-Termine mit guten Freunden aus. Sei nicht stark.10. Halte Ordnung und Sauberkeit in Wohnung und Kleidung.11. Plane eine „Stille Zeit“ ein (Gebet oder Meditation).12. Lies täglich eine Stunde in der Bibel. Beginne bei Genesis 1 oder Matthäus 1.13. Lebe genau einen (!) Tag. Plane deinen Tag. „Überlebe den Tag“.14. Mach eine Dankbarkeits-Liste.15. Traue deinen eigenen Gedanken nicht, wenn es in dir tobt. 16. Im Hier und Jetzt ist immer ein bisschen Frieden. „Ich bin im Hier und Jetzt“ (Finde deinen Frieden)17. Du bist für deine Emotionen verantwortlich.18. Mache oder lerne etwas kreatives. (YouTube-Tutorials für alles)19. Gott hält Wut, Enttäuschung, Einsamkeit aus. Bring sie Ihm. 20. Diese Zeit wird enden und die Zeit kann dir zum Nutzen werden.

Eine Bekannte hier, Sängerin, gibt quasi vom ersten Tag der Ausgangssperre via Skype ihren SchülerInnen Gesangsunterricht. Eine andere hat via Zoom eine weltweite Party organisiert. Ich habe keine Ahnung wie es geht, das ist der Nachteil der Älteren, die sich die neuen Techniken nicht mehr so zackig draufschaffen können. Dieses Tanzstudio gibt Ballett und Aufwärmtraining für Kids (via Uschi W.), die beiden Kleinen sind übrigens Groß-groß-groß-Cousinen von mir, ich kenne sie nicht persönlich, bin aber gerade sehr entzückt. Die Tonqualität ist nicht die beste, aber man sieht, was man tun soll.

Vielleicht haben Sie auch Lust Yoga anzufangen? Diese junge sehr elastische Frau finde ich recht sympathisch, ich suche allerdings noch nach einer realistischen Yoga-Anleitung für die rundliche Endfünfzigerin, falls Sie da etwas wissen, nur her damit.

So viel für eben. Bis später! Schön drinbleiben! Und bleiben Sie gesund!

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Corona Tagebuch Tag 6 Sonntag

Heute ist Sonntag und der Geburtstag meiner Freundin Tine und ich wollte heute einen Coronafreien Tag haben. Geht natürlich nicht so richtig, aber Tine sagte heute früh „heute ist MEIN Tag und ich gehe nachher raus in den Garten und feiere mit den Blumen eine Party“. Es ist nämlich auch Frühling.


Über den Frühling und den Sonntag und Nachbarschaft und Kirche, in die man jetzt auch nicht mehr gehen kann, geht es in dem wunderbaren nagelneuen Veedels-Podcast Agnes trifft. „Veedel“ meint Viertel für die Nicht-KölnerInnen unter Ihnen. Und es wird ums Leben rund um die Agneskirche im Kölner Agnesviertel gehen. Ist aber auch für Nicht-KölnerInnen hörenswert.

Im letzten Herbst habe ich in einer deutschen Telefonzelle, die zum Bücherschrank umgewandelt worden war, ein kleines Diogenes Büchlein mitgenommen, das vermutlich eine Jahresgabe der Buchhandlung war. Es enthält kurze Gedichte und Texte rund um die vier Jahreszeiten. Ich mag das Büchlein, es hat ein Lesebändchen und enthält zarte farbige Zeichnungen von Sempé. Ich bin schon beim ersten Lesen darin an einem kleinen Text zum Frühjahr von Robert Walser hängengeblieben: „Das junge Frühlingsgrün erschien mir wie ein grünes Feuer. Blau und Grün ergossen sich in einen zusammentönenden Klang“ … Ist das nicht schön? Ich bin verliebt in diesen kleinen Text. Ich habe noch nie etwas von Robert Walser gelesen. Ich habe auch, ich gestehe und schäme mich, noch nie etwas von Joseph Roth gelesen. Ich bin aber in seinen kleinen Text über den Herbst „Flüssiges Gold und Silber“ ebenso verliebt. Beide schaffen Stimmungen und Gemälde mit ihren Worten. Wie wundervoll kann Sprache sein. Ich spüre bei mir, wie mir das Deutsche entgleitet, mein Wortschatz wird kleiner und immer öfter weiß ich nicht mehr, wie man diese oder jenes „richtig“ sagt; ich mochte früher so gerne altmodische Worte in verschlungene Sätze flechten und es gelingt mir immer weniger, ich fürchte, meine Sprache wird prosaisch.

Wusste ich von Walser und Roth immerhin das eine oder andere (mehr von Roth zugegeben), Rainer Brambach kannte ich gar nicht. Seine Gedichte klingen frech und jung, dabei wäre er auch schon ein über Hundertjähriger, wenn er noch leben würde.

Und Monsieur hört und sieht Barbara. Gibt es noch bis zum 28. März auf arte. Einen guten Sonntag gehabt zu haben, wünsche ich Ihnen. Bleiben sie gesund!


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