Je suis française oder Wahlen in Zeiten von Corona

Die Situation galoppiert hier davon. Sie wissen es sicher schon. Seit heute Nacht 00.00 Uhr sind alle Restaurants, Bars, Diskotheken und Läden, die nicht dringend geöffnet sein müssen, also alle, die nicht Lebensmittel verkaufen, in Frankreich geschlossen. Bäcker sind geöffnet, Metzger, der kleine Tante-Emma-Laden im Viertel und auch der Zigarettenkiosk (für einige ist das lebenswichtig, machen wir uns nichts vor) und die großen Supermärkte. Wie es mit den Lebensmittelmärkten aussieht, weiß ich nicht. Wir machten gestern dort einen Gemüsegroßeinkauf. Der kleine Fisch, ein loup de mer,war fast genauso teuer wie der Rest der Einkäufe. Aber ausgezeichnet. 

Apotheken sind ebenso weiterhin geöffnet und sie dürfen jetzt ihre eigenes Desinfektionsgel brauen und zu einem staatlich festgesetzten Preis verkaufen. Alles andere zu, geschlossen. Alle Einzelhandelsläden, seien es Optiker(in), Patissier(ière), Klamotten- und Schuhläden, Souvenirshops, Tättowierstudio, Buchhandlung oder Büroartikel und was es nicht alles gibt. Alles zu. Auch die Markt-Händler der typischen französischen Gemischtwarenmärkte, Straßenhändler, Künstler, professionelle Brocanteurs, also Leute die Flohmärkte und Antikmärkte machen, keine(r) darf arbeiten. Viele von ihnen, viele Einzelhändler und kleine Unternehmen werden das nicht überleben, fürchte ich. Ich bekam vor drei Tagen noch eine geradezu händeringende Mail meines Optikers, „zu kommen“, aber jetzt ist er zwangsläufig geschlossen. Die Tochter von Monsieur ist freie Dienstleisterin und wurde Freitag bereits von ihrer Firma „freigestellt“. Ihr zweites Standbein als Mitarbeiterin bei den Kongressen ist auch weggebrochen. Der Lebensgefährte des Sohnes ist unfreiwillig und bis auf weiteres in unbezahltem Urlaub. Die Kinder sind zu Hause, denn Schulen und Crèches, Universitäten sind sind sowieso geschlossen. Alle Veranstaltungen abgesagt, alle Kongresse, Theateraufführungen, Konzerte, Marathons, Flohmärkte, Sportfeste, und sogar das ehrwürdige Filmfestival findet dieses Jahr nicht statt. Kinos sind auch geschlossen.

Alle Vereine zu. Privat werden Hochzeiten und Geburtstagsfeste abgesagt und jede Menge Urlaube. Wir sollen stattdessen zu Hause bleiben. Nur wählen dürfen wir noch, die Kommunalwahlen finden bizarrerweise statt, immerhin unter Hygieneauflagen, und so machten wir heute vermutlich den letzten Ausflug für lange Zeit in die Berge, aber nur ein aller-retour, morgens hin, nachmittags zurück, denn ich wollte es dieses Mal nicht verpassen, bin ich doch vor kurzem Französin geworden und darf jetzt ganz offiziell wählen! Ok, bei Kommunalwahlen durfte ich schon immer wählen, stand aber bisher als Ausländerin in einem gesonderten Verzeichnis, und dieses Mal wählte ich „comme tout le monde“, wie alle, wie die Bürgermeisterin des Bergdorfs sagte.

Vor kurzem erhielt ich einen Anruf des Rathauses von Cannes und kurz darauf einen aus der Mairie des Bergdorfes: Félicitations! Glückwunsch! Die Kommission hat Ihrem Antrag zur naturalisation zugestimmt! Vous êtes française! Ich habe mich wirklich viel mehr gefreut, als ich selbst erwartet habe, ich sprang hier durch die Wohnung, als hätte ich im Lotto gewonnen. Monsieur war gerührt, dass ich mich so freute, und führte die neue kleine Französin standesgemäß zum Essen aus. Dann haben sich beide Gemeinden darum gerissen, mich als Wählerin zu bekommen und ich habe mich für das Bergdorf entschieden. Da bin ich jetzt die 102. Wählerin :-) Verstehen wir uns nicht falsch, da oben leben ganzjährig derzeit nur etwa 25 Menschen, aber einige mehr (Zweitwohnsitzler) sind dort auf der Wählerliste eingeschrieben: mit mir jetzt 102. Nicht wirklich viel, alle kennen alle, deswegen konnte ich auch wählen, obwohl ich bislang weder ein französisches Ausweisdokument noch die Wählerkarte rechtzeitig erhalten habe, weil „ich bekannt bin“, wie mir die Sekretärin der Mairie zusicherte.

Nun fuhren wir also in die Berge. Heute Morgen kaum ein Auto auf der Straße und nur hier und da ein Mensch mit einem Baguette unterm Arm. Die Autobahn fast so leer wie an den Autofreien Sonntagen in den Siebziger Jahren während der Erdölkrise, falls die Älteren unter uns sich daran noch erinnern. Ich bin damals Rollschuh gelaufen auf der Autobahn, es kann aber auch ein noch nicht fertig gestellter Abschnitt gewesen sein, so genau weiß ich das nicht mehr. Nur dieses tolle Gefühl von so viel freier und glattester Rollschuhpiste! Damals bin ich ja noch mit so eigenartigen Dingern gerollert, die man unter die Schuhe geschnallt hat, und mit denen dann über Stock und Stein. Die Autobahnpiste sonntags war wirklich genial! So leer war es also heute früh. Wir waren schon nach anderthalb Stunden im Bergdorf, das dort noch von schneebedeckten Bergen umringt ist.

Da oben schien die Sonne, der Himmel so blau und auf der Terrasse vor der Mairie standen weit gestreut Stühle, damit man in Ruhe warten konnte, denn es durfte immer nur ein(e) Wähler(in) in den Raum.

Madame le Maire

Wir haben im Dorf jetzt auch einen öffentlichen Bücherschrank und ich habe zwei nette zeitgeschichtliche Alben mitgenommen: Les Francais en vacances und Les métiers des Francais.

Wir gaben uns alle keine Küsschen, sondern winkten uns zu und schickten Luftküsse und setzten uns auf die weit entfernten Stühle und plauderten in der Sonne. Eine 100 jährige Einwohnerin und ihre kranke Tochter besuchten wir zu Hause, blieben aber winkend an der Eingangstür stehen. „Wir haben keinen Virus“, rief die Dorfälteste abwinkend, „ihr könnt ruhig reinkommen.“ „Naja“, sagen wir, mit Blick auf ihre schwer atmende Tochter, „wir aber vielleicht, und wir wollen ihn besser nicht mit euch teilen.“

In der Mairie wurden wahlweise Hände gewaschen oder Handschuhe gewählt, man bekam seine Liste (es gab nur eine Liste :D , man konnte also das Team wählen oder nicht, aber es gab keine Alternative) und einen kleinen Umschlag. Einen Stift hatte man selbst mitzubringen, für den Fall, dass man einen Kandidaten auf der Liste streichen wollte. So geht das hier. Ich hatte einen Stift, strich aber niemanden, ich finde das Team prima und bin auch mit der scheidenden Bürgermeisterin für weitere sechs Jahre einverstanden.

Zu Mittag aßen wir mit großem Sicherheitsabstand am großen Esstisch bei einer Freundin und gegen 16 Uhr fuhren wir wieder zurück. Jetzt waren die Straßen voller, an der Küste waren zwar alle Etablissements geschlossen, die Menschen aber liefen bei schönstem Wetter in Gruppen auf den Uferpromenaden spazieren oder saßen dort gruppiert herum, und da war nix mit Abstand. Der Franzose ist ja eher ungehorsam.

Gerade erhielt ich die Wahlergebnisse aus dem Dorf: Wahlbeteiligung 79; gültig 77, das Team ist im ersten Wahlgang fast einstimmig von allen und die Bürgermeisterin wieder gewählt worden. Super! Und abends waren sie dann alle im Haus der ältesten Dorfbewohnerin (und ihrer kranken Tochter!) und haben gefeiert. Abstand? Virus? Welcher Virus? So ist er der Franzose.

Die ersten Hochrechnungen für die großen Städte Frankreichs trudeln gerade ein, es ist unübersichtlich mit all den Arrondissements in Marseille und Paris, aber in Paris scheint Anne Hidalgo, wegen ihrer Umweltpolitik sehr umstrittene Bürgermeisterin, es doch wieder zu schaffen; es gibt bei mehreren KandidatInnen (in Paris gleich drei Frauen!) unter den beiden KandidatInnen, die am besten abgeschnitten haben, nächsten Sonntag eine weitere Wahl; man spricht insgesamt von einer geringen Wahlbeteiligung. We’ll keep you informed!


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12 von 12 im März 2020

Monsieur weckt sich und mich mit einem Aufschrei „Wir haben vergessen den Sperrmüll rauszustellen!“ Es ist Donnerstag und 6 Uhr morgens. Der Sperrmüll wird erst heute Abend rausgestellt, ich sinke zurück ins Kissen, döse, kann aber nicht mehr schlafen. Als ich endlich aufstehe und das Fenster öffne, sehe ich milchiges Wetter und den Sperrmüll. Gestern wäre fototechnisch ein spannenderer Tag gewesen, wir haben anderen Müll zur Mülldeponie gebracht.

Erstmal Frühstück. Warmes Porridge hat sich bewährt. Heute mit Apfel, Banane, Mango und Granatapfel. Kein Kaffee sondern Mutlivitaminsaft, bin etwas angeschlagen, versuche das mit Aspirin in Schach zu halten. Wir glauben erstmal nicht an den Virus, sind aber wachsam und ich gehe nirgendwohin heute und in den nächsten Tagen.

Ich verbringe den Tag auf dem Sofa und im Bett mit Filmen und Vorträgen. Ich hatte mich zur  „flow-summit 2020“ eingeschrieben und wurde elf Tage lang mit Vorträgen zugeworfen, mit denen ich kaum etwas anfangen konnte. Erst heute, am Zusatztag, finde ich einen Film und einen Vortrag, die mich ansprechen. Für Sie vielleicht schon ein alter Hut, für mich neu und erhellend.

Gerald Hüther, Neurobiologe, wurde für den Film awake2paradise zum Thema „Lernen“ interviewt; Teile des Interviews sind im Film zu sehen, aber er es gibt dazu auch einen längeren ausgekoppelten Vortrag. Großartig!

Ich bin so begeistert von dem Vortrag, dass ich Monsieur damit zusabbel und weder vom Kochen noch vom Essen Fotos anfertige. Es gab rohe Artischocke mit Vinaigrette zum Entrée, danach Buchweizen und Fenchel, und für Monsieur ein Stück Lammfleisch. Danach Käse, Obst, Kaffee (Monsieur) ein fertiger amerikanischer Cheesecake (zum Teil, für mich). Hier zwei Danach-Fotos.

Sieste, ohne Foto.

Dafür ein Foto von gestern (der interessantere Tag, wie so oft). Wir wissen seit gestern, dass wir im weiteren Bekanntenkreis einen Virusfall haben: Ein älteres Ehepaar (Mitte 80). Er wird mit Sauerstoffflasche vermutlich am Wochenende aus dem Krankenhaus entlassen. Die Informationslage war schlecht. Er konnte weder telefonieren noch SMS’en schicken, letzteres, weil er nicht wusste, wie es geht; das KH-Personal hatte schon genug zu tun, man wollte es nicht mit zusätzlichen Anrufen belästigen. Sie ist seit knapp vierzehn Tagen zu Hause in Quarantäne. Niemand darf zu ihr. Die Nachbarn stellen die Einkäufe vor die Tür. Das ist das Tragische, dass man die Personen, egal wie alt und krank sie sind, nicht besuchen darf. Zusätzliche Maßnahmen: Man darf grundsätzlich nicht mehr seine Angehörigen in den Alters- und Pflegeheimen besuchen, selbst die, die im Sterben liegen, bleiben jetzt allein. Tragisch. Ich nehme die Lage nun auch etwas ernster und war gestern noch einmal einkaufen. Ich habe ja die letzten Wochen, Monate gar, nur inhäusig und vor dem PC verbracht, insofern lebte ich wie in einer Seifenblase und das echte Leben mit Virus und ÖPNV und leergekauften Supermärkten bekam ich nicht mit. Von meinem Fenster sah die Welt ganz in Ordnung aus. Nur, wenn ich Nachrichten sehe, werde ich nervös. Ich fuhr gestern also mit gemischten Gefühlen einkaufen, aber die Situation im Supermarkt dann wieder total beruhigend. Alle Regale sind wieder voll. Klopapier, Nudeln, Mehl, alles da. Keine Hamsterkäufe. Ich finde sogar Desinfektionstüchlein. Selten liebte ich die überdimensionierten französischen Supermärkte mehr als gestern. 

Komische Stimmung, vor allem mit dem komplett geschlossenen Italien in 50 km Entfernung und dem Aufruf von Matteo Renzi, nicht leichtsinnig zu sein. Die Einstellung „wir haben keine Angst, wir gehen ins Theater“ sei im Falle eines Terrorangriffs angemessen, sagt er, aber nicht bei einer pandemischen Krise, deren Ausbreitung zu verlangsamen sei. Am Wochenende werden in Frankreich die Kommunalwahlen stattfinden, es gibt Hygieneregeln, aber man befürchtet dennoch eine sehr niedrige Wahlbeteiligung.

So, ich sollte auch einen Live-Blog machen, das ist anscheinend im Trend und der Lage angemessen. Gerade war unser Präsident im Fernsehen. Wir schließen Frankreich jetzt auch. Also zu großen Teilen jedenfalls. Er bittet uns, so gut es geht, zuhause zu bleiben, und von zu Hause zu arbeiten, um die Epidemie zu verlangsamen.
Personen über 70 Jahren, les plus fragiles, sollten grundsätzlich zu Hause bleiben. Der arme Monsieur: Pas de nouilles, pas de Bridge. Wir werden ausgiebig zum Lesen kommen. Schulen, Kinderkrippen, Universitäten sind ab Montag geschlossen. Gut dass unsere „Kleinen“, schon so groß sind. Busse und Bahnen fahren eingeschränkt, damit eine Möglichkeit gegeben ist, Ärzte und Krankenhäuser aufzusuchen. Die Wahlen finden am Sonntag unter strengen Hygieneauflagen statt. I’ll keep you informed.

Und jetzt also stellen wir den der Sperrmüll raus, der morgen in aller Frühe abgeholt wird.

Und zum Abschluss noch etwas Erfreuliches. Zum ausführlichen Bloglesen komme ich jetzt endlich auch mit dem erzwungenen Hausarrest, hurrah! Zum Beispiel den von Maria Al-Mana, Unruhewerk heißt er. Ich habe ihn schon einmal verlinkt. Es lohnt sich, nicht nur weil Maria die Krimis von Christine Cazon besprochen hat. Das ist zwar schon einen Moment her, aber ich war mit anderem beschäftigt und habe es dann leider aus den Augen verloren. Mea culpa. Aber jetzt! Schöne Besprechung! Herzlichen Dank Maria!

Passen Sie auf sich auf! Bleiben Sie gesund und zu Hause, nicht nur wegen Ihnen, sondern wegen all der anderen. Wir gehören alle zusammen in dieser Gesellschaft und sogar in dieser Welt!

Danke fürs Lesen! Die anderen 12 von 12er finden Sie wie immer bei Frau Kännchen

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Pas de nouilles pour Monsieur C.

So. Der Gatte legt Patiencen, die Katze liegt tiefenentspannt auf dem Balkon, ich gehe zum letzten Mal mein Manuskript durch. Jetzt wissen Sie auch, warum Sie so wenig von mir gehört haben, ich habe hier viel geschrieben. Nein, nicht am nächsten Krimi, an den setze ich mich sofort im Anschluss. Wir sind ja fleißig hier, aber daran haben Sie nicht gezweifelt, oder?! Diese Blättersammlung wird ein anderes Buch. Es wird im Herbst erscheinen und noch ist es geheim, aber wir sind ja unter uns und Sie sagen es nicht weiter, n’est-ce pas?!

Und sonst so? Da ich wenig rauskomme, habe ich die Corona-Hysterie staunend im Fernsehen und in der Zeitung verfolgt. Wir sind ja nah an Italien und haben jetzt auch ein paar Inifizierte im Departement, 14 oder 18, und auch ein bis drei davon in Cannes, so genau weiß ich es nicht, es ändert sich ja auch ständig. Gestorben ist hier noch niemand, also gestorben wird ständig, etwa 1700 Menschen sterben täglich in Frankreich, davon sind knapp 90% über 60 Jahre alt, das heißt die gesundheitlich Schwächeren sterben zuerst, aber am Virus selbst ist bis eben noch niemand gestorben. (Gestorben waren gestern doch schon ein paar Menschen, laut gerade aktuellem Stand sind es derzeit 25 Personen, tut mir leid für die ungenaue Berichterstattung!) Aber wir wollen uns dennoch alle nicht anstecken und geben uns keine Hand und schon gar keine Bises und meiden Veranstaltungen, bei denen sehr viele Menschen von überallher kommen könnten und deshalb wurden in Nizza die letzten Tage des Karnevals abgesagt und in Menton die letzten Tage des Zitronenfests, in Cannes wurde ein großer Immobilienkongress MIPIM annuliert, also im Prinzip wurde er abgesagt, weil die Teilnehmer nicht kommen wollten, zwei weitere Kongresse, MIPTV und Cannes Series, wurden ebenso abgesagt oder in den Herbst verschoben. Jetzt bibbern alle wegen des Filmfestivals. Es gilt bislang ein Versammlungsverbot, das vorsieht, dass nicht mehr als 5000 Personen irgendwo zusammenkommen dürfen. Sämtliche Hotels und ihr Servicepersonal, die Restaurants und Taxifahrer, alle, die mit dem Tourismus und den Festivals und Kongressen Geld verdienen, fürchten, dass sie dieses Jahr nichts verdienen und jammern und klagen bereits über die Verluste, die sie machen.

Ich bin letzte Woche pflichtschuldigst einkaufen gefahren, weil in der Zeitung stand, Auchan, ein Supermarkt, sei leergekauft worden und ich dachte, bevor es gleich nichts mehr gibt, sollte ich wenigstens den Kühlschrank auffüllen. Deswegen die Überschrift: Pas de nouilles pour Monsieur C.***  Es gab keine Nudeln mehr, also es gab noch ein paar Sorten, aber nouilles, die Lieblingssorte von Monsieur, eigentlich völlig unspektakuläre kurze und schmale Bandnudeln, also im Prinzip sehen sie aus wie Bandnudelbruch und ich finde sie ausgesprochen langweilig, aber diese Nudeln sind typisch französisch und so wie es aussieht nicht nur Monsieurs Lieblingssorte, sondern auch die anderer Franzosen. Und die waren weg. Ausverkauft. Überhaupt war ein ziemlicher Nudelnotstand in den Regalen, und ich musste an mich halten, dass ich nicht auch schwupps fünf Packungen Spaghetti kaufte statt einer, wenn es schon keine nouilles gab. Gab es wirklich keine mehr? Ich bückte mich. Doch! Ganz hinten unten gab es noch kürzere und noch dünnere nouilles einer anderen Marke, aber das weiß ich schon, mit denen brauche ich gar nicht ankommen, die können den echten nouilles nicht das Nudelwasser reichen. Das wissen auch die anderen Franzosen, deswegen sind diese Nudeln noch da. Mehl war auch knapp und Reis sowieso. In Australien soll es gar einen Klopapiernotstand gegeben haben. Oder war es in Deutschland? Ich habe vorsichtshalber welches eingekauft und auch Katzenstreu für die Katze. Sicher ist sicher. Ansonsten war aber noch alles da in meinem Supermarkt. Und die Leute wirkten auch entspannt. Die nervösen Nudelgroßeinkäufer waren ja schon weg.

Die Universitäten, Schulen und Crèches sind hier noch geöffnet. Anderswo, irgendwo im Norden Frankreichs, und in Italien sowieso, alle geschlossen. Es führt hier zu bizarren Szenarien, denn man hat einerseits untersagt, dass Kinder die „fragilen“ Senioren in den Altersheimen besuchen dürfen, Kinder gelten als potentielle Virenschleudern, allerdings ist es hier so üblich, dass die Senioren, nicht gerade die im Altersheim, aber alle anderen, die Kinderbetreuung übernehmen, im Falle von Schulschließungen wegen Streik oder eben auch Viren. Also was jetzt? Wir schließen die Schulen und schicken die kleinen Virenschleudern zu den besonders gefährdeten Großeltern? Super.

Ansonsten scheint die Sonne wieder, wir waren heute am Strand und auf dem Markt und es war wie immer, würde ich sagen. Wir haben nur indirekt gehamstert, weil Monsieur dieselben Sachen eingekauft hat wie ich: Artischocken, Radieschen, Orangen und Mandarinen, davon haben wir jetzt eben etwas mehr.

Im Kino waren wir letzte Woche noch, wir haben eine Vorpremiere von de Gaulle gesehen. Sehr eindrückliche Verfilmung einiger weniger Tage im Juni 1940, als die Deutschen begannen Frankreich zu erobern, die Franzosen Haus und Hof verließen und panisch in den Süden flüchteten, es war ein dramatischer Exodus auf den Landstraßen und sie wurden dort leichtes Ziel von Tieffliegern. Bis die französische Regierung unter Petain entschied, das Frankreich sich den Deutschen ergibt. Nicht alle Politiker trugen diese Entscheidung mit, de Gaulle ging nach London (während seine Familie sich unter die Flüchtenden in Frankreich mischte) und rief von dort über die BBC die Franzosen auf, dass noch „nicht alles verloren sei“, es ist der Appel du 18. Juin, dem in Frankreich jedes Jahr gedacht wird. Es war der Beginn der Resistance, der Widerstandsbewegung in Frankreich. De Gaulle selbst wurde daraufhin von der französischen Regierung der französischen Staatsangehörigkeit enthoben, ebenso aller militärischer Grade und Ehrungen, man verurteilte ihn wegen Verrat zum Tode und forderte ihn auf zurückzukommen. Tat er natürlich nicht.


***Das ist ein Insiderjoke, denn der Lieblingskriminalroman des Gatten heißt „Pas d’orchidées pour Miss Blandish“.

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Nieselregen

Cannes kann auch anders. Grau, Nebel und Niesel. Ich hab irgendwo auch noch blauen Himmel und die letzten Mimosen dokumentiert, aber wir wollen ja realistisch abbilden, wie es hier auch sein kann, nicht wahr. Gestern war es schon grau, weshalb ich dann nicht rausgegangen bin, ganz wie eine echte Südfranzösin. Heute ist es dann zusätzlich noch nieselig, bin aber doch los, ich habe auch noch deutsche Anteile ;-) und es war gut! Schönen Sonntag allerseits!

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hinter der Palme blühen die Magnolien
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… und Claire

Claire Bretécher ist gestorben. Vorgestern schon. Ich habe gar keine Zeit Ihnen zu erzählen, was Sie mir bedeutete, und das klingt auch so komisch, „was sie mir bedeutete“. Aber ich merke, dass sie mir viel bedeutete, als ich nämlich eben die deutschen Nachrufe durchlas, die ich Ihnen der Schnelle halber hier hineinstellen wollte, da merke ich, dass keiner das ausdrückt, was ich fühle. Zunächst sprechen alle immer von „Agrippina“, das ist ein Generationenproblem, die Menschen in den Medien werden immer jünger. Oder ich immer älter, vermutlich beides. Ich bin mit den „Frustrierten“ aufgewachsen. Ich habe kürzlich noch einmal einen Band der „Frustrierten“ auf einem Bücherflohmarkt erstanden, „Les Frustrés“ diesmal. Als Jugendliche habe ich die Comics in der deutschen Übersetzung gelesen. Jetzt lese ich die bandes dessinées auf Französisch. Ich habe die Frustrierten geliebt. Und ich liebe Les Frustrés immer noch. Vielleicht habe ich sie damals gar nicht wirklich verstanden, denke ich jetzt, also diese Anspielungen auf die französische Gesellschaft, bourgeois und bobo. Aber ich hatte das Gefühl, SIE verstand etwas in mir. Zumindest berührte sie etwas in mir. Mein Weg nach Frankreich war von ihr schon vorgezeichnet, haha. Agrippina habe ich dann gar nicht gelesen, Teenager-Probleme waren mir als vermeintlich schon Erwachsene egal. Später gab es Doktor med. Bobo und Mütter aber nichts hat mich mehr so gepackt wie die Frustrierten. Ich nehme mal diesen Text aus dem Tagesspiegel und den hier aus dem Deutschlandfunk und dann ein bisschen was Französisches zum Anschauen. Da kommt noch ein älteres Filmchen hinterher. Lohnt auch. Und gerade wurde mir noch ein schöner Beitrag von arte zugetragen. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Adieu Claire Bretécher!


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12 von 12 im Februar 2020

Der Blick aus dem Fenster: blauer Himmel // Die Katze hat Durst // Mein Frühstück // Ganz früh schon schöne Post aus Deutschland // Am PC // Monsieur hat mir Anemonen vom Markt mitgebracht // Unterwegs: Wir sind zum Essen in Golfe Juan eingeladen // Ende des Essens // Unterwegs: zurück. Immer noch blauer Himmel // Nochmal schöne Post, diesmal aus St. Tropez! // Sieste // Abendessen: Gemüsesuppe mit Huhn (Reste) //

Heute ein etwas pragmatischer Beitrag für 12 von 12 bei Frau Kännchen. Danke fürs Gucken! Und die anderen 12 von 12er wie immer hier!

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Sabine und Ciara

Bei uns hieß Sabine Ciara und sie wütete im Norden Frankreichs auch ganz gewaltig, im Süden wurde sie nur als „leichte Brise“ gehandelt, das ist so bis 35 Stundenkilometer Wind. Die Palmen hat es dennoch geschüttelt. Ich wollte Wellen fotografieren und ging los. Mit beißendem Sand im Gesicht und zwischen den Zähnen stemmte ich mich bis zu den Felsen in La Bocca gegen das bisschen Wind. Das Meer brauste, sah aber nach nix aus auf den Fotos, also wartete ich flatternd eine Stunde auf den Sonnenuntergang. Mit mir warteten andere und manch einer kletterte erwartungsvoll auf die Felsen. Und dann kam keiner. Nach Gelb kam sofort Schwarz.

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WMDEDGT 02/2020

War in der Nacht mehrfach wach, schlafe aber gegen Morgen tief ein. Werde wach, weil sich die Katze energisch zwischen meine Unterschenkel drängt. Ich mache mir Frühstück: warme Haferflocken mit Obst (köstlich!), dazu Kaffee, und frühstücke gegen halb neun,  jetzt mit der Katze auf den Knien, und Monsieur und ich besprechen den Tag. Unsere aggressive Miteigentümerin in dem Haus, in dem wir bereits einen (von ihr angezettelten) Prozess verloren haben, hat veranlasst, dass das Amt für Hygiene das Haus inspiziert. Es sei in einem unhygienischen Zustand. Außerdem haben wir eine Aufforderung der Stadt Cannes erhalten, unverzüglich die Fassade desselben Hauses zu renovieren. Madame C., im Stadtrat und gute Freundin des Bürgermeisters, macht von ihren Beziehungen Gebrauch. Ich schicke immer mal wieder Stoßgebete in den Himmel, dass uns das Universum von ihr erlösen möge. Monsieur bricht gegen 9 Uhr auf, um die Leute von der Hygiene zu empfangen, kommt unverzüglich zurück, weil er seine Sonnenbrille sucht. Es ist heute allerwunderbarstes Frühlingswetter. Wir suchen vergeblich die Jacke von gestern, in der die Sonnenbrille steckt. Schließlich geht er mit einer anderen Sonnenbrille los.

Ich gehe ins Bad. Stopfe Wäsche in die Waschmaschine. Setzte mich an den Schreibtisch, beantworte gefühlt nur zwei, drei Mails, schon ist Monsieur zurück (er hat Jacke und Sonnenbrille im Auto gefunden). RAS: Rien à signaler. Das Hygieneamt hat im und am Haus nichts zu beanstanden (noch sind nicht alle korrupt!), allerdings halten sie den synthetischen Rasen, den die Miteigentümerin in ihrem neuerdings „privaten“ Garten hinter dem Haus verlegt hat, für problematisch. Tant mieux. Synthetischer Rasen und synthetische Hecken sind hier der letzte Schrei: sie ziehen keine Schädlinge an, müssen nicht beschnitten und vor allem nicht (mit dem immer teurer werdenden Leitungswasser) gegossen werden, sind dennoch quasi immergrün. Super praktisch! Und super zum K***. Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich den Kahlschlag sah, den der Garten erlitten hat. Früher eine verwilderte Oase, jetzt kahl und 100% Synthetik.

„Die Mieter haben jetzt endlich eine Aussicht auf einen sauberen Garten“ hat sie uns wissen lassen. Es ist die trübsinnigste Aussicht, die man sich vorstellen kann. Der „Garten“ ist nun auch eingezäunt und abgesperrt. Dort hinein dürfen die Mieter jetzt nicht mehr. Wozu auch. Das Hygieneamt allerdings ist von dem Synthetikrasen nicht angetan. Das Wasser fließe nicht richtig ab und würde so zur Bruststätte für Stechmücken. Bleibt zu beobachten.

Monsieur hat auch eingekauft und geht jetzt noch Brot holen. Er bringt zusätzlich Schmalzgebäck mit, ganses oder bugnes heißen die hier. Wir nähern uns auch in Südfrankreich dem Karneval. In der Post war heute ein Buch, ich lese kurz hinein, nehme mir vor, es heute Abend beim #Lesemittwoch anzufangen. Ich antworte noch auf eine Mail, dann ist es schon Zeit für das Mittagessen. Hacksteak, Tagliatelle mit Pilzsoße, grüner Salat, Käse und zum Dessert Schmalzgebäck für Monsieur, Schokopudding für mich. Ich werfe die Wäsche in den Trockner. Es folgt die Sieste. Danach gehen wir eine halbe Stunde in la Croix des Gardes spazieren, noch immer blühen die Mimosen, von Ferne sieht man Schnee auf den Alpengipfeln, es ist heute frühlingswarm, sonnig und blauhimmelig. Es soll schlechter werden, also wollten wir das ausnutzen.

15.30 Uhr: Monsieur besucht eine Freundin seiner Mutter und sucht dort in alten Unterlagen nach einem Dokument, ich mache mir einen Tee, gehe an den Schreibtisch zurück und suche ebenso, allerdings etwas weniger alte Unterlagen und verliere mich zusätzlich in alten Texten. Wie gut, dass ich auch zehn Jahre alte Mails aufgehoben habe, sie erhellen den Sachverhalt, an den ich mich nicht mehr erinnere. Ich schreibe dazu eine Mail.

Schwupps ist es 18 Uhr. Monsieur ist zurück, mit dem Dokument, und schaut fern. Monsieurs Tochter kommt. Auch sie wühlte in alten Papieren und es wird diskutiert. Es geht immer noch um die Erbschaftsangelegenheiten der Schwiegermutter. Ich backe Rosenkohl mit Datteln und Mandeln im Backofen. Wir essen. Ich hole die Wäsche aus dem Trockner, werde heute aber nicht mehr bügeln. Ich schreibe diesen Text zu Ende. 20.30 Uhr: Feierabend. Jetzt wird gelesen.

Dieser Text gehört in die von mir unregelmäßig geführte Tagebuchbloggen-Serie „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“ kurz WMDEDGT, die sehr regelmäßig von Frau Brüllen geführt wird. Die anderen Teilnehmer dieser Blogparade finden Sie ebenfalls dort. Danke, wenn Sie meinem Tag bis hierhin gefolgt sind.




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Mandelblütenschnee

Zuerst dachte ich, es sei Schnee, der da auf dem Boden lag. Aber nein, es sind Mandelblüten! Heimlich, still und leise haben sie zu blühen begonnen und der Wind der letzten Tage wehte die Blüten von den Bäumen. Es wird Frühling!

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Erinnern – Commémorer

Hier wird ein bisschen gekränkelt und außerdem viel gearbeitet, aber das wollte ich heute doch auch hier (und nicht nur auf FB) geteilt haben. Heute, am 27. Januar, ist Internationaler Tag zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hat eine Rememberance-Wall, eine Erinnerungs-Wand, eingerichtet, man kann sich dort mit seinem Namen und seinem Land einschreiben und bekommt postwendend über einen Zufallsgenerator das Foto und die Informationen eines Holocaustopfers „zugeordnet“: ein Mann, eine Frau, ein Kind, den/die/das man somit vor dem Vergessen bewahrt. Man wird als „Erinnerungs-Patin“ zusammen mit diesem im Holocaust ermordeten Menschen auf besagter Erinnerungs-Wand genannt. Christiane Dreher aus Frankreich erinnert … steht bei mir nur. Mir wurde ein kleines Mädchen ohne Vornamen zugeordnet.

Erinnern


Ich erinnere an ein kleines Mädchen, dessen Vornamen wir nicht wissen. Sie wurde 1938 als Tochter von Shmuel und Ester Preisz (geb. Muler) in Miskolc in Ungarn geboren und in Auschwitz ermordet. Sie wäre heute so alt wie meine Mutter.

Je commémore une petite fille dont on ne sait même pas le prénom. Elle est née 1938, elle est la fille de Shmuel et Ester Preisz, avant la guerre elle vivait à Miskolc en Hongrie. Elle était assassinée à Auschwitz. Aujourd’hui elle aurait le même âge que ma mère.

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bleu blau blue

Die Fotos sind von gestern. Sieht heute aber genauso aus. Und heute war ich schwimmen! Leider ohne Beweisfoto. Es war recht frisch und lange bin ich auch nicht geschwommen, aber immerhin: 12. Januar Anschwimmen! Absoluter Rekord! Luft 14°C, in der Sonne gefühlt 19°C, Wasser 15°C.

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Leberkrise, die zweite

Fast auf den Tag genau erlebte ich meine zweite Leberkrise und mache, weil noch etwas flagada oder patraque wie man hier sagt, ich noch etwas schwach bin oder groggy auf gut deutsch, daher einfach ein Blogrecycling. Liest du –> hier! Es ist das zweite Mal, dass ich die Jahresendfeste – les reveillons –  komplett in Frankreich verbrachte. Diesmal habe ich die französische Familie innerhalb einer Woche zweimal bekocht, ich bemühte mich, trotz der vorgegebenen Traditionen, um eine „leichte“ Variante und habe zum Beispiel als siebten Gang des ersten Weihnachtsessens keine Buttercreme-Bûche de Noël,  sondern eine „bûche glacé“ aus Vanilleeis und Himbeersorbet aufgetragen. Dennoch, die gedrängte Aufeinanderfolge von all den kulinarischen Genüssen, ohne die es hier nun einmal nicht geht, war irgendwann wieder zu viel für meinen Magen, die Leber und die Galle. Meine Mutter reiste nach einer ebenso qualvollen Nacht ab, auch ihr Magen streikte, was zeigt, dass wir Deutschen einfach keine in jahrzehntelangem Esstraining erworbenen Magenresistenz haben, sie also nahm gestern Abend tapfer ihren Flieger nach Deutschland, während ich mich, zusätzlich fiebrig, noch kaum aufrecht halten konnte. Danke übrigens noch für all Ihre Anteilnahme und Wünsche! Meine Mutter kam letzten Ende noch gut hier an und wir verbrachten zwei intensive Wochen (esstechnisch, familienlastig und unternehmensfroh), wir hatten sonnigste Tage und blauesten Himmel, aßen und spazierten am Meer entlang und ebenso durch den bereits (teilweise) erblühten Mimosenwald. Sie reiste gestern Abend nach Hause, dieses Mal klappte alles so geschmeidig,  wie man es sich wünschte, und nun erholen wir uns von all den französischen Exzessen.

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Frohes Fest

Ein frohes Fest wünsche ich (jetzt schon, ich weiß nicht, ob ich später noch dazu komme) und außerdem happy Chanuka! Das jüdische Lichterfest beginnt dieses Jahr am 22. Dezember und wird bis zum 30. Dezember gefeiert. Der hineinfotografierte Text, der aus meinem anderen-advents-kalender stammt und dort eigentlich für den 23. Dezember vorgesehen ist, hat mich gerührt.

aus: der andere advent

Gerade bin ich noch einmal sehr gerührt: Meine Mutter sollte heute Abend mit dem Flugzeug nach Nizza kommen. Ich hatte alles geplant, Begleitservice reserviert, damit sie, die nicht mehr allzugut zu Fuß unterwegs ist, nicht alleine mit ihren Koffern durch diesen riesigen Flughafen in Frankfurt irren muss. Es gab einen Shuttle-Bus bis zum Flughafen, alles schon vor Monaten reserviert. Der Shuttle-Bus blieb wegen eines schlimmen Unfalls drei Stunden auf der Autobahn blockiert, meine Mutter kam am Flughafen an und der Flieger hob gerade ab in den dämmrigen Abendhimmel. Ohne sie. Der Fahrer des Shuttle-Busses begleitete meine Mutter immerhin bis zum Schalter und erklärte die Situation. Aber dort war man recht schnipppisch: der Begleitservice sei nicht mehr zuständig. Sie sei gecancelled, sagte man ihr. Sie war zu spät. Man kann nichts mehr für sie tun. Punkt aus. Basta. Das war der Moment, an dem ich meine Mutter zum ersten Mal am Telefon hatte. „Ich bin gecancelled„, sagt sie, und bemüht tapfer „Ich weiß jetzt nicht, wie es weitergeht“, dann unterbricht sie mitten im Satz das Gespräch. Ich rufe zurück. Sie nimmt nicht ab. Vermutlich hört sie es nicht, oder was weiß ich. Ich beginne die Fluggesellschaft zu verfluchen. Ich meine, das sieht man doch, dass meine Mutter eine ältere Dame ist und, zumindest in gewissem Maße, Hilfe braucht. Deswegen habe ich den Begleitservice doch gebucht, Himmel nochmal! Sie braucht schon im Normalfall Hilfe beim Koffer aufgeben und um sich nicht zu verlaufen und vor allem um diese endlos langen Wege bis zum Gate XY zu laufen, bzw. eben gerade nicht zu laufen, sondern zu fahren, in einem Rollstuhl oder Elektroauto. Man kann sie doch gerade dann, wenn es noch zusätzlich Schwierigkeiten gibt, bitte nicht einfach so stehen lassen. Gerade jetzt braucht sie Hilfe, um zu schauen, ob und wie man den Flug umbuchen kann, und wo sie dazu hinlaufen muss in diesem Flughafenlabyrinth! Meine Mutter ruft wieder an. Immerhin hat sie erfahren, dass sie „hoch“ und irgendwo „warten“ muss, „bis ihre Nummer aufgerufen wird“. Und da geht sie jetzt hin, aber sie ist immer noch allein mit den beiden Koffern. Ich seufze. Ich kann nur ahnen, um was es geht. Anscheinend versucht man sie umzubuchen. „Ich weiß noch nichts“, ruft sie zwischendurch an, „ich muss noch warten!“ Lange ist es nicht sicher, ob sie heute noch einen Platz im späteren Flieger bekommen kann und wenn ja, zu welchem Aufpreis, oder ob sie am Flughafen übernachten muss. Ich suche schon mal vorsorglich die Hotels am Flughafen, aber auch das wäre alles zusätzlich verwirrend und kompliziert. Gerade eben rief sie erneut an. Sie hat einen Platz im späteren Flieger, hurrah!, und sie unterbricht schon wieder das Gespräch, diesmal aber, weil schon „die junge Frau“ kommt, die sie dahin begleitet. Im Elektroauto. Uff. Später ruft sie noch einmal an: Die nette junge Frau habe mit ihr den Koffer aufgegeben, sie ist mit ihr durch die Kontrolle und eine andere hat sie zum Gate gefahren (das jetzt hoffentlich nicht mehr geändert wird), alles ist gut. Sie hat drei Stunden Zeit und trinkt jetzt erstmal einen Kaffee. Ich bin sehr erleichtert. „Musstest du etwas aufzahlen?“, frage ich. Aber nein! Ihr Flug wurde kostenlos umgebucht. „Es ist Weihnachten“, habe der junge Mann am Schalter zu ihr gesagt, als er ihr das neue Ticket ausgestellt hat. Oh Mann, ich heule hier. Danke! Danke Fluggesellschaft! Danke Universum! Es ist Weihnachten! Ja! Frohe Tage, egal ob Sie glauben oder nicht, und egal, an welchen Gott Sie glauben. Frohe Tage! Seien Sie gut zu sich und zu anderen! Haben Sie es gut und seien Sie froh miteinander! 

Dies ist kein Weihnachts- sondern ein Abendlied, aber ich finde es gerade so friedlich und wohltuend. Den Hinweis auf das wundervolle Vokalensemble Sjaella aus Leipzig verdanke ich Asja G. aus Biestow. Vielen Dank!

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Kolumnistin

Und fast vergessen: Ich freue mich Ihnen ankündigen zu dürfen, dass ich, unter dem Namen Christine Cazon, die zukünftige Kolumnistin des wunderbaren Frankreich Magazins sein werde! Schon im nächsten Heft finden Sie einen Beitrag von mir! :D

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Jacques Ferrandez

Letzten Samstag war ich bei einer Signierstunde. Jacques Ferrandez, mein Lieblings-BD-Zeichner und Autor war in Cannes in der wundervollen inhabergeführten (!!!) Buchhandlung autour d’un livre zu Gast.

autour d’un livre

Als ich in Frankreich ankam, ich sage es ja immer wieder, war es nicht so weit her mit meinem Französisch. Dass ich nach vier Wochen fließend spräche und selbstredend auch französische Literatur läse, glaubte ich vorher zwar, aber dem war nicht so. Ich starrte auf die Bücher in der klitzekleinen Gemeindebibliothek und blätterte lust- weil verständnislos durch die Seiten. Kleinkinderbücher, auch wenn sie sprachlich meinem Niveau entsprachen, wollte ich nun auch nicht gerade lesen. Und dann entdeckte ich die BD’s, des Bandes dessinées. Mit Comics wie Micky Maus, Donald oder Lucky Luke hatte das wenig zu tun. Erwachsenencomics, Graphic Novels heißen sie heute auch, erzählen richtig anspruchsvolle Geschichten, manchmal Literatur und/oder Geschichte. Nicht alle Zeichner sprechen mich an. Aber die Carnets d’Orient von Jacques Ferrandez (gezeichnet und geschrieben) haben mich sofort angezogen. Auch weil er in dieser zehnbändigen Serie von Algerien erzählte, und von Algerien als französischer Kolonie und dem nachfolgenden Unabhängigkeitskrieg wusste ich wirklich gar nichts. Ich begann also mit Jacques Ferrandez BD’s französisch zu lesen und etwas über französische Geschichte zu lernen. Danach las ich alles, was ich von ihm kriegen konnte.

„Richtige“ Bücher, also Literatur in französischer Sprache, lese ich immer noch sehr zögerlich. Als ich vor ein paar Jahren
Meursault, contre enquête von Kamel Daoud, einem algerischen Autor, in französischer Sprache lesen wollte, das sich auf Camus‘ Der Fremde bezieht, wusste ich, dass ich zunächst Camus lesen müsste, um Kamel Daoud zu verstehen. Uff. Glücklicherweise hatte Jacques Ferrandez gerade angefangen Camus Werke als BD zu zeichnen, das hat mir das Lesen (und das Leben ;-) ) ziemlich erleichtert.

Jetzt hat uns Jacques Ferrandez viel aus seinem Leben erzählt (seine Familie stammt ursprünglich auch aus Algerien, sie hatte ein Schuhgeschäft gegenüber des Hauses, in dem Camus gelebt hatte) und von seiner Art zu arbeiten. Und dann hat er mir vier neue Bücher ganz reizend signiert :)

ps: Kamel Daouds Meursault … ist in der Zwischenzeit bei Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ auch auf Deutsch erschienen.

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Was seither geschah …

Ich weiß es nicht mehr. Also, was seit meinem letzten Text alles geschehen ist, meine ich. Ich renne seit Wochen durch die Welt und summe beschwörend „EASE“, Sie erinnern sich, mein Wort des Jahres. Nein, dies ist noch kein Rückblick und kein Erfahrungsbericht wie es mir mit diesem Wort gegangen ist. Immerhin habe ich das Wort nicht vergessen und es hat mich das ganze Jahr beruhigt. Gerade sage ich es mir in Großbuchstaben: EASE. Noch eine Woche bis Weihnachten und ich weiß noch nicht, was ich am 25. kochen werde. EASE. Ich habe die Ehre meine französische Familie zu bekochen. EASE.

Also ich versuche mal ganz schnell die letzten Wochen zusammenzufassen, bevor alles, was ich Ihnen schon so lange erzählen will, aus meinem Hirn verschwindet. Bei allem war und ist auch einfach viel Müdigkeit und sehr viel Rücken, dem ich auch weder mit Yoga noch mit dem Ostheopathen langfristig beikomme. Ich war ja vor dem Defa-Festival noch in Deutschland und sah Familie und Freunde, und davor hatte ich Besuch von einem ehemaligen Kollegen, den ich seit etwa dreißig Jahren nicht gesehen hatte: das sind bei aller Freude immer auch sehr intensive Begegnungen, die mich irgendwie ermüden.

Martinstag

Deutschland also: Ich habe am Martinstag nicht Gans gegessen, sondern Sauerbraten. Irgendwie enttäuschend, ich nahm mir daher vor, den Sauerbraten jetzt doch mal selbst zu machen, dazu gleich mehr. Am gleichen Abend sah ich überraschend einen Laternenumzug mit vielen Kindern und Laternen und dem St. Martin zu Pferde und es wurde gesungen: Rabimmelrabammelrabumm und es rührte mich so, dass ich schluchzte und schniefte.

Rabimmelrabammelrabumm

Herrjeh Deutschland im Herbst. Nebel. Friedhöfe. Bunte Blätter. Und Rabimmel. 

Friedhof

Zurück gings sofort ins DEFA-Festival, es ist auch im Rückblick immer noch ganz großartig gewesen!, gerne hätte ich noch die Kommentare der Zuschauer eingefügt, aber wie es hier so ist, der Vereinspräsident kam damit nicht rechtzeitig rüber, ich hatte am gleichen Abend schon wieder Gäste und kochte noch ganz unter deutschem Einfluss Sauerbraten (dazu gleich mehr) und dann war das Zeitfenster dafür schon wieder zu. Wir fuhren für zwei Tage ins Bergdorf, dort gab es Dinge zu entscheiden und den Weihnachtsmarkt mitvorzubereiten. Sehr weit kamen wir zumindest mit letzterem nicht, es begann nämlich zu regnen und zwar ordentlich und so blieben wir im Warmen drinnen und tüteten immerhin mehrere Kilo Pätzchen ein und schrieben Etiketten und banden Schleifchen und all diese Dinge, die niemand sieht und die dennoch Zeit fressen.

Spritzgebäck

Es wurde auch entschieden, dass ich dieses Jahr für die Suppe, die wir während des Weihnachtsmarkts mittags immer gratis ausschenken, zuständig bin. Man drückte mir, der Suppenbeauftragten, einen drei Kilo schweren Kürbis in den Arm und ein vages Rezept (mit Maronen wurde gewünscht) und ich solle es mal ausprobieren. Und es regnete. Viel. Die erste dramatische Hochwassersituation war hier schon am 23. November. Sie haben vielleicht Bilder in den Nachrichten gesehen. Der Süden stand unter Wasser. Wir waren dieses Jahr persönlich nicht betroffen, glücklicherweise, aber anderen in Cannes und in Mandelieu und in Biot und auch im Nachbardepartement Var stand das Wasser schon wieder bis zum Hals. Wir persönlich wohnen ja nicht am Wasser sondern leicht am Hang, da denkt man immer, es könne einem nichts passieren, aber in einer Nachbarstraße rutschte aufgrund des vielen Wassers ein ganzer Hang und mit ihm eine Mauer ab und das darunter geparkte Auto war hin. Nicht unser Auto. Alles gut bei uns. Aber Cannes und der Süden haben schon wieder gelitten.

Schnell noch zum Sauerbraten. Das ist wie mit dem Käsekuchen. Ich esse in Deutschland dauernd beides und suche den Geschmack von früher. Und bin enttäuscht. Macht das keiner mehr so wie früher oder hat sich mein Geschmack so verändert? Der Gatte hatte mir für den Tag nach dem DEFA-Festival schon gleich Gäste eingeladen und ich beschloss mutig Sauerbraten zu machen. Kann ja nicht so schwer sein. Ich las hundertundein Sauerbratenrezept und vertraute den badischen Landfrauen (klar mache ich badischen Sauerbraten und nicht diese Rosinen-und Lebkuchenvariante aus dem Rheinland, die Rheinländer mögen mir verzeihen, aber ich bin im Süden aufgewachsen!). Ich fotografierte aus einem deutschen Kochbuch die Abbildung eines schematisch in Stücke gezeichneten Rindes und ging damit zum Metzger meines Vertrauens. Das Stück Fleisch da brauche ich!, erklärte ich ihm, hielt ihm mein Handy entgegen und tippte auf die Stelle. Er zog die Augenbrauen hoch. Was wollen Sie denn machen? fragt er zurück. Ich erkläre ihm Sauerbraten. Aha, sagt er und kratzt sich am Kopf. Wo ist das Problem? frage ich. Das Problem ist, dass die Franzosen das Rind anders zerlegen. Er zeigte mir ein französisches Rinderschema. Das Stück Fleisch, das ich ihm im deutschen Rind zeige, ergibt im französischen Rind vier verschiedene Stücke. Welches davon soll es sein? Keine Ahnung. Irgendeins, sage ich, wird schon werden. Aber so einfach ist es nicht für den Metzger. Er schleppt mich nach nebenan in einen Pizzaladen, der gerade umgebaut wird. Der neue wohlgenährte Besitzer kommt aus Lothringen, ist mit einer Deutschen verheiratet und spricht auch Deutsch. Saurbrohde, sagt er, klar kennt er den. Lecker! Welches Stück Fleisch? fragt der Metzger. „Ha! Na da muss isch mei Frau frohe“, sagt der Lothringer und ruft seine deutsche Frau in Pirmasens an. In süßem saarländischen Dialekt fragt er nun seine Frau nach dem Fleisch für Saurbrohde. „Du liewe Zeit! Da muss isch mei Mudder ahruffe“, höre ich die deutsche Frau des lothringer Pizzabäckers durchs Telefon rufen. Leider ist die wissende  Mudder dann nicht erreichbar, sie hätte es vermutlich sowieso nur wieder auf Deutsch gewusst: Bug oder Schulter oder so etwas. Wir stehen wieder vor dem Rinderschema. Wir beratschlagen jetzt zu dritt und ich gehe letzen Endes mit einem Stück Fleisch für Pot auf feu nach Hause. Dort lege ich es ein in Rotwein und etwas Rotweinessig mit Karotten und Lauch und Zwiebeln undsoweiter. So ganz schwach kommen da Erinnerungen hoch, so hat es früher ausgesehen und gerochen, ich bin guter Dinge. Drei Tage liegt der zukünftige Sauerbraten jetzt in seiner Beize und dann wird er in einem gusseisernen Topf gebraten. Glücklicherweise kommen die Gäste erst abends. Der Sauerbraten brät bei niedriger Temperatur nämlich nicht die angegebenen zwei Stunden, sondern etwa vier, ich kann ihn schon kaum noch riechen, aber er ist immer noch nicht so butterzart, wie ich das erwarte.  Aber die Gäste sind jetzt da. Ich habe noch einen deutschen Zwiebelkuchen als Entrée gemacht, die typischen Klöße als Beilage zum Sauerbraten dann aber doch gegen Kartoffelpürree ausgetauscht. Und Rotkraut gabs auch nicht. Allzu viel Fremdes, was ich außerdem selbst zum ersten Mal mache, wollte ich dann doch nicht anbieten. Der Braten ist, sagen wir, al dente. Sauer ist er schon. Die Soße ist auch sauer. Ich kann es kaum essen, so sehr habe ich den Geruch in der Nase. Die Gäste kauen angestrengt und sind höflich. „Originell“ sagt Monsieur hinterher. Es bleibt so viel übrig, dass wir am nächsten Tag noch einmal Gäste bewirten können. Das Fleisch ist auch nach dem erneuten Aufwärmen (ich zitiere: „Sauerbraten ist immer besser am nächsten Tag“) noch immer nicht wirklich weich. „Très original“ heißt es auch hier wieder. Ich bin jetzt nicht sicher, ob es doch ein anderes Stück Fleisch hätte sein sollen, aber fürs erste bin ich sowieso geheilt vom Sauerbraten.

Ok, nach dem Sauerbraten kam die Kürbissuppenphase. Monsieur und ich aßen in der verregneten Folgewoche abends ununterbrochen Kürbis-Maronensuppe in unterschiedlicher Zusammensetzung und mal mit Curry, mal mit Cumin und mal nur mit Sauerrahm verfeinert und letztlich bestellte ich 15 Kilo Kürbis für die zu erstellenden 25 Liter Suppe.

Die Suppenbeauftragte ist auch Christstollenbäckerin. Leider wollte sich das in jahrelanger Erfahrung zusammengeschriebene Rezept nirgends finden lassen. Leichte Verzweiflung. Ich suchte überall, aber es blieb verschwunden. Ich las also wieder tausenderlei traditionelle und weniger traditionelle Christstollenrezepte, versuchte mich an Mengenangaben zu erinnern und grübele wieder über die Anzahl der Eier und die Backtemperatur. Nur dass ich die frische Hefe vom Bäcker kaufe und nicht mehr die komischen Würfel aus dem Supermarkt nehme, das wusste ich noch vom letzten Mal. In der Bäckerei ist es jetzt so ähnlich wie beim Metzger. Was wollen Sie denn machen? fragt man mich. Ich versuche Christstollen zu erklären. „Ah, Chrieststohlen„, ruft die Chefbäckereifachverkäuferin wissend, „kenne ich aus dem Elsass!“ Ich möchte 80 Gramm Hefe, so steht es im Rezept. Die junge Bäckereifachverkäuferin, die in der Backstube verschwindet, kommt wieder und fragt nach der Menge Mehl, die ich verwenden werde. „Ein Kilo“ sage ich, „aber es wird ein schwerer Teig mit Früchten, Rosinen und Mandeln!“ „15 Gramm“ sagt der befragte Bäcker bräuchte ich. Ich sage im Rezept stünde was von 80 Gramm. Die Bäckereifachverkäuferin rennt wieder zurück in die Backstube, aber der Bäcker bleibt bei seinen 15 Gramm. Ich bin zugegeben skeptisch. Die junge Bäckereifachverkäuferin befragt jetzt den Patissier in einem anderen Teil der Backstube. Der erhöht auf 20 Gramm. Wir diskutieren, die Schlange hinter mir wird lang und länger und ich kaufe gegen den Rat der gesamtem Bäckereimannschaft vorsichtshalber 100 Gramm frische Hefe.

Ich machs kurz. Der Christstollen sieht toll aus, der Teig war auch wunderbar aufgegangen, der fertige Stollen aber ist etwas fest. Geschmacklich aber ist er gut. Immerhin.

Es regnete immer noch, aber wir gehen trotzdem ins Kino. Zwei der Säle sind abgesoffen und die Filme können nicht gezeigt werden, unser Film läuft, wir sinken ein in klatschnassen vollgesogenen Teppichboden. Die Sitze aber sind trocken. Wir sehen den deutschen Dokumentarfilm über Marthe Hoffnung: Chichinette – ma vie d’espionne (Wie ich zufällig Spionin wurde). Kennen Sie vielleicht schon. Wir fanden den Film ganz großartig.

Dann wurden hier mehrere Familiengeburtstage gefeiert, da gehen ja immer ganze Tage drauf. Sechs Stunden saßen wir für das Essen am Tisch. SECHS! In Deutschland war ich auch zu einem großen Geburtstag eingeladen, da waren wir nach zackigen zwei Stunden wieder raus aus dem Restaurant. Hier wurde es dann noch viel länger, denn es regnete so stark, dass wir über Lautsprecher und über automatisierte Anrufe aufgefordert wurden zu Hause zu bleiben, uns im Zweifelsfall in die höhere Etage zu retten und unter keinen Umständen in Keller und Tiefgarage zu gehen. Es war Katastrophenalarm. Die Sirenen heulten wieder und wieder. Schon sehr aufwühlend dieses Sirenengeheul. Beim letzten Hochwasser vor vier Jahren waren allein in Cannes elf Menschen ertrunken, viele davon, weil sie noch schnell ihr Auto aus der Tiefgarage retten wollten und dann, weil die Elektronik der Garagentore nicht mehr funktionierte, unterirdisch in der vollgelaufenen Garage in ihrem Auto ertranken. Dieses Szenario galt es dieses Mal unbedingt zu vermeiden. Daher die Durchsagen und die Anrufe und die Sirenen. Es sind aber trotzdem Menschen ums Leben gekommen. Aber nicht unsere Gäste aus Marseille und Nizza, die wir dann alle notbeherbergt haben. Keine Züge, keine Busse fuhren und kein Auto kam durch. Zu viel Wasser. Hier ein passender Artikel dazu. Auch wenn der darin genannte Baudirektor der Präfektur keine Einkaufszentren mehr genehmigen will, IKEA, und mit IKEA tausende von Parkplätzen, kommen in Nizza trotzdem. In zwei Jahren soll es (nach zwanzig Jahren Gerangel) dann endlich soweit sein, dass wir für ein Billyregal nicht mehr bis nach Toulon fahren müssen. Billy gibt es vermutlich schon gar nicht mehr, aber ich bin Ikeamäßig nicht mehr auf dem Laufenden, die Entfernung bis nach Toulon ist einfach zu groß. 

Schnee auf St. Honorat
Schafe

Dann war Weihnachtsmarkt in den Bergen. Wir sind schon vorab angereist, um mit den zwei aktivsten Helfern die letzten Dinge in Ruhe zu tun und um in Ruhe die Suppe zu kochen. 60 Liter Suppe! In zwei gigantischen, alleine nicht mehr zu stemmenden Töpfen. 15 Kilo Kürbis wurden aufopferungsvoll geschält und geschnitten.

Kürbissuppe

Die Suppe wurde gut, ich wurde von allen gelobt, und alle sechzig Liter haben wir ausgeschöpft, aber mir hat, wenn auch nicht die Suppe, aber der diesjährige Weihnachtsmarkt generell einen schalen Geschmack hinterlassen. Im Vorfeld war es schon ein „débrouillez-vous“-Ambiente. Schaut wie ihr klar kommt, heißt das. Irgendwie war es dieses Mal mühsamer, schon allein die Schlüssel für den Raum zu finden, in dem die Bänke und die Gasflaschen stehen. Beides brauchen wir. Den Schlüssel hat S. Der S., angerufen, hat ihn nicht. Er schwört, er hat ihn nicht, zumindest nicht als letzter gehabt, und er hat ihn an den Platz in der Mairie zurückgehängt. In der Mairie ist der Schlüssel aber nicht. Der Ersatzschlüssel unter dem Blumentopf ist auch weg. Wir rufen hier und dort an, laufen durchs Dorf, fahren zu einem Hof. Niemand hat den Schlüssel. Nach zwei Stunden sind wir genauso weit wie vorher. Und was machen wir jetzt? Bah, débrouillez vous! heißt es patzig. So war es mit allem. Wir haben uns so gut es ging débrouillé, aber dieses Jahr hatten wir zum Beispiel auch keine Lichterketten über dem Dorfeingang und auch nicht über den Platz gespannt, weil naja … entweder fehlte der Schlüssel zum Kämmerchen oder die Girlanden waren nicht da, wo sie sein sollten und am Ende war niemand da, der sie anbringen und anschließen wollte. Tant pis, dann eben nicht.

Lichterkette

Wir hatten bestes Wetter, Sonne, milde Temperaturen, kein Regen, kein Schnee. kein Glatteis, keinen Wind, keine Konkurrenzveranstaltung in Nachbardorf, eine super siebenköpfige Musikgruppe, die Stimmung machte, und es kamen nur wenige Menschen. Wenige Kinder auch. Der Nikolaus verteilte seine Mandarinen und Bonbons daher an alle.

Musik
Nikolaus

Die Menschen, die da waren kauften nichts. Oder nur sehr wenig, vor allem die Eier und den Käse des Bauern vom Hof aus St.Martin. Der ging daraufhin vergnügt in der Auberge einen trinken. Es gab kostenlose Mittagssuppe für alle, und plötzlich waren viele Menschen da. Danach war es leer auf dem Platz. Die anderen externen Aussteller packten missmutig ihre Sachen zusammen. Um halb zwei gab es nur noch unseren Stand. Der Käsebauer trank noch immer Weißwein in der Auberge. Plötzlich baute irgendjemand die verwaisten Zelte ab, stopfte die Weihnachtsdeko auch rund um unseren Stand in große Säcke, wir räumten dann auch zusammen und um 15 Uhr war alles vorbei. Wie jetzt? Das alles, so viel Einsatz und Arbeit für nur knapp sechs Stunden Weihnachtsmarkt?!

Kränze

Vielleicht hätte ich es rosiger gesehen, wenn ich mich mit Glühwein hätte betrinken können, davon war nämlich noch genug übrig, aber ich bleibe ja nun mal immer so nüchtern. Die Nikolausandacht war stimmungsvoll, wir sangen dieses Jahr „Donnez-moi“ von den Frangines. Der Diakon hat es ausgewählt, denn die beiden Schwestern, Les Frangines, singen im Prinzip einen Bibeltext. er stammt aus dem Hohelied der Liebe „und hätte ich die Liebe nicht“. Sehr schön! Das Essen im Gemeindesaal war lecker und die Stimmung ausgelassen. Aber ich war nach neun Jahren ähnlich enttäuscht wie beim ersten Mal. Vielleicht lag es auch nur daran, dass ich etwas müder war als sonst, wer weiß. Nächstes Jahr wieder? Nicht so sicher.

Und hier das Video, das Jean-Pierre Champoussin, der rasende Reporter des Tales, dieses Jahr gemacht hat:

Das Video von Jean-Pierre Champoussin
Bonne nuit la montagne
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Das DEFA-Festival in Cannes

war großartig! Wir kommen gerade vom fünften und letzten Film nach Hause und sind beglückt und erschöpft von der Intensität der letzten zweieinhalb Tage. Ich muss vielleicht vorausschicken, dass dieses DEFA-Festival auf Vorschlag von Franka Günther erfolgte, die manche von Ihnen vielleicht kennen: Franka Günther ist die Vereinsvorsitzende des Weimarer Vereins „Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte“. Sie ist außerdem perfekt zweisprachig (Französisch/Deutsch) und arbeitet als Übersetzerin und Dolmetscherin. „Sprachvermittlerin“ steht auf ihrer Visitenkarte (und wie ich gerade in einem Buch über die DDR gelesen habe, ist „Sprachmittlerin“ der DDR-Begriff dafür). Geschichts- und Kulturvermittlerin könnte da ebensogut stehen, und sie hat für Ihre Arbeit nicht nur das Bundesverdienstkreuz vom Bundespräsidenten Frank Steinmeier erhalten sondern auch das französische Pendant: Der ehemalige Präsident François Hollande hat ihr den Orden de La Légion d’Honneur angesteckt. Franka Günther war also Mitorganisatorin und sie hat uns Dagmar Wagenknecht „mitgebracht“. Dagmar Wagenknecht leitete (nicht nur) zu DDR-Zeiten ein kleines Kino in Erfurt, den Kinoklub nämlich; mehr als 30 Jahre hat sie sich dort mit viel Herzblut und Kampfgeist dem Film verschrieben. Das Kino und die Filme sind ihr Leben! Dagmar Wagenknecht wurde für ihr Engagement – sie fand Mittel und Wege während der DDR-Zeit auch unerwünschte und zensierte Filme zu zeigen (und sie hatte damit durchaus Ärger bekommen) –  ebenso mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ich stelle das mal voran, weil es beim Festival beinahe untergegangen wäre, weil die beiden Damen so bescheiden sind, sich damit nicht brüsten zu wollen. Muss man aber in Frankreich und vielleicht besonders im leicht versnobten Cannes. In Frankreich sind alle ein bisschen Titelverliebt (man spricht Ärzte, Juristen und, wie Sie vielleicht wissen, Kommissare immer mit dem Titel an!); an beinahe jedem Haus hängt eine Marmortafel, weil vielleicht einmal ein Monsieur X oder Madame Y dort gewohnt haben, aber die Auftraggeber, Spender und Anwesenden bei der Marmortafeleinweihung werden immer noch größer darauf geschrieben. Man schreit seine Verdienste gern ein bisschen heraus und die Cannois kann (und muss) man damit beeindrucken. So viel dazu und damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben.

Dagmar Wagenknecht ist eine wandelnde Film-Enzyklopädie: sie weiß alles! ALLES! Alle Daten und Informationen über das Leben und die Karriere sämtlicher Schauspieler, sie kennt alle Regisseure, jeden Film bis ins Detail und jede, die größte, aber auch die allerkleinste Auszeichnung, die ein Regisseur, Schauspieler und/oder ein Film erhalten hat. Sie hat 5000 DVDs zu Hause, sie hat Filmkopien, die manchmal nicht mal der Regisseur besitzt, sie hat ein Archiv mit sämtlichen Kinoprogrammheften, die es in der DDR gab und ihre große Liebe ist der DEFA-Film. Sie weiß so viele Details, dass es manchmal schwierig ist, sie zu stoppen, aber alles war so interessant, dass das Publikum, zumindest der größte Teil, auch für die Diskussion am Ende der Filme blieb und wir immer nur aufhörten, ihr Fragen zu stellen und ihr zuzuhören, weil wir den Saal für den nächsten Film freigeben mussten. Und dann standen wir vor dem Kino herum und sprachen immer noch weiter. Toll! Übersetzt und gedolmetscht in beide Richtungen, denn Dagmar spricht kein Französisch, hat das alles unermüdlich und kongenial Franka. Wir sahen am ersten Abend zunächst eine arte Dokumentation über den DEFA Film, um uns alle auf einen gewissen Informationstand zu bringen.

Die arte-Dokumentation habe ich gerade nicht gefunden, aber diese hier vom mdr ist ähnlich.

Danach sahen wir „Karbid und Sauerampfer“ – es wurde viel gelacht und mitgelitten im Publikum. Der Saal (ein einfacher Saal im Rathaus) war proppevoll, mehr als hundert Personen waren wir (mit 50-70 hatten wir maximal gerechnet), das Essen in der Pause, darunter Spezialitäten aus dem Osten, von Franka und Dagmar mitgebracht (Christstollen, Hallorenkugeln, Russisch Brot), reichte kaum aus, die Luft war leider schlecht und eine Person erlitt einen Schwächeanfall. Wir unterbrachen den Film, warteten auf den Notarzt und setzten viel später die Vorführung fort – und der Saal war immer noch recht voll – nur ein paar Menschen waren zwischenzeitlich gegangen. Diskutiert wurde an diesem späten Abend dann aber nicht mehr.

Am Samstag morgen um halb elf gab es, nun in einem nicht ganz kleinen Saal im richtigen Olympia-Kino, „Jakob der Lügner“ zu sehen. Und der Saal war wieder mit knapp hundert Personen gefüllt! Das Publikum war nach dem Film einen Moment ganz still und ergriffen, bevor es Beifall klatschte. Ich habe gerade die Abstimmungsergebnisse bekommen – „Jakob der Lügner“ hat dem Publikum am besten gefallen (9 von 10) – manche gaben sogar zwölf statt der möglichen zehn Punkte oder eine „zehn+“.

Weniger begeistert hat hier „Die Legende von Paul und Paula“ (6,8 von 10), den Film den wir gestern Nachmittag sahen, auch wenn Dagmar ihn in den historischen Kontext gesetzt und viel erklärt und die für uns „unsichtbare“ Kritik an der DDR in diesem Film gezeigt hat. Die Musik („Wenn ein Mensch lebt“ und „Geh zu ihr …“), die Dagmar und Franka einträchtig mitsangen, kam bei den Franzosen auch weniger an. Der Film lief in einem kleinen Vorstadtkino Cinétoile, der Saal fasst etwa 80 Personen und er war bis auf den letzten Platz besetzt. Darauf war ich so stolz! Das Kino ist nagelneu und der Saal ist schön, aber man muss sich wirklich dorthin aufmachen, ich habe dort schon „Festival“filme mit nur einer Handvoll Menschen gesehen, zur großen Betrübnis von manchem Regisseur, der extra anwesend war.

Heute morgen dann sahen wir erneut im Olympia „Das Kaninchen bin ich“. Der Saal war nicht ganz so voll wie am Vortag aber immer noch gut besetzt. Ich hatte ein bisschen Angst, dass dieser in den sechziger Jahren gedrehte und dann sofort verbotene Film, in dem es um Recht und Gerechtigkeit in der DDR geht, vielleicht nicht verstanden und gemocht würde, aber Dagmar hat viel Erklärendes vorab erzählt und es gab eine sehr angeregte erhellende Diskussion danach, so dass es dieser Film auf Platz zwei der Beliebtheitsskala geschafft hat: 8,7 von 10.

„Solo Sunny“, den wir heute Abend wieder in dem kleinen Vorstadtkino Cinétoile sahen, gefiel dem Publikum in seiner Melancholie und dem Blick auf das authentische graue und etwas triste DDR-Ambiente (7,0 von 10). Immer noch war der Saal voll, das Publikum blieb, bis wir aus dem Saal mussten und immer noch wurden viele Fragen gestellt und von Dagmar geduldig und ausführlich beantwortet. Danach stand ein kleines Grüppchen lange draußen herum und wollte nicht gehen. Wir waren uns einig: Wir hatten tolle Filme gesehen! Aber ohne Dagmar und Franka hätten wir sie nicht richtig „lesen“ können, hätten nicht gesehen bzw. verstanden, was zwischen den Zeilen steht. Ohne sie wäre dieses kleine Filmfestival nicht so erfolgreich geworden! Denn das war es! Ein absoluter Erfolg! Fünf Filme in Folge mit übervollen und vollen Sälen! Ein aufmerksames und interessiertes Publikum! Großartig! Wir werden das fortführen, das ist sicher!

Morgen kann ich vielleicht noch ein bisschen was ergänzen und Fotos einfügen.


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November

Kürzlich war ich auf dem Friedhof. Hier wird die Grabpflege zu den Feiertagen sehr ernst genommen und ich wollte sehen, was ich an Blumen kaufen könnte, um das Grab von Monsieurs Großeltern und Urgroßeltern rechtzeitig zu bepflanzen. Aber siehe da, es war bepflanzt. Die violettrosafarbenen Astern wachsen sogar beinahe in Form eines Herzens. Wie schön. Wir wissen nicht, wer hier tätig geworden ist und warum, aber wir danken von Herzen. Ich hatte daher ein Stündchen Zeit und spazierte ein bisschen auf dem Friedhof umher. Ich bin bis zum Grab von Klaus Mann gepilgert, es liegt ganz am unteren und äußersten Ende des Friedhofs, und ist ein unscheinbares Grab. Viele Steinchen, eine verblichene Plastikrose, vergessen ist Klaus Mann nicht.

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Le mur de Berlin

Sie haben in Deutschland vielleicht schon genug Erinnerungsfilme gesehen, hier gibt es ja nun nicht so viel dazu, insofern habe ich mir die Sendung „Le mur de Berlin“ gestern Abend wirklich gerne, fast gierig angesehen. Auch der Rest der Familie, und sogar die Kinder haben sie gesehen. Die Sendung wird komplett erst in einer Woche in der LCP Mediathèque freigeschaltet sein, dann kann ich sie hier verlinken, ich habe Ihnen aber den ersten kleinen Film gefunden, von dem ich im Kommentar des letzten Beitrags sprach. Das besondere ist, dass wir ausschließlich französisches Archivmaterial sehen; und ich begreife, dass die Bernauer Straße im oder am französischen Sektor lag. Ich habe vieles zum ersten Mal gesehen! Und alle befragten Deutschen sprechen zu meinem Erstaunen wirklich ausgezeichnet Französisch. Aber vieles verstehen Sie auch ohne meine Erläuterungen. Es ist die Zeit des Mauerbaus. Eine Mutter konnte nicht mehr ausreisen, obwohl alles gepackt und die Wohnung verkauft worden war. Sie hat ihrem Sohn einen verzweifelten Brief geschrieben, weiß nicht mehr wie es weitergehen wird. Menschen springen aus dem Fenster, ein Vopo klettert über einen Zaun, jemand flieht mir einem falschen Pass, nicht alle überleben diese Versuche, in den Westen zu kommen. Menschen winken sich über die Mauer zu. Der Journalist befragt dann mehrere Berliner, ob sie Angst hätten und ob sie glauben, dass es einen Krieg geben werde. Manche sind pessimistisch, andere optimistisch. "Ich bin nicht sicher, dass es keinen Krieg geben wird", antwortet ein Arzt diplomatisch aber mit schwerem Herzen. Eine Journalistin aber ist guten Mutes. Sie hat Berlin weder im Krieg noch beim Einmarsch der Russen verlassen. Sie macht auch keine Hamsterkäufe. Alles wird gut werden, sie hat Vertrauen in die Alliierten. Das letzte Bild zeigt einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad, der auf seinem Schulweg von einem Panzer der Alliierten begleitet wird. (opens in a new tab)">was hiermit getan ist ;-) ich habe Ihnen aber den ersten kleinen Film gefunden, von dem ich im Kommentar des letzten Beitrags sprach. Das besondere ist, dass wir ausschließlich französisches Archivmaterial sehen; und ich begreife, dass die Bernauer Straße im oder am französischen Sektor lag. Ich habe vieles zum ersten Mal gesehen! Und alle befragten Deutschen sprechen zu meinem Erstaunen wirklich ausgezeichnet Französisch. Aber vieles verstehen Sie auch ohne meine Erläuterungen. Es ist die Zeit des Mauerbaus. Eine Mutter konnte nicht mehr ausreisen, obwohl alles gepackt und die Wohnung verkauft worden war. Sie hat ihrem Sohn einen verzweifelten Brief geschrieben, weiß nicht mehr wie es weitergehen wird. Menschen springen aus dem Fenster, ein Vopo klettert über einen Zaun, jemand flieht mir einem falschen Pass, nicht alle überleben diese Versuche, in den Westen zu kommen. Menschen winken sich über die Mauer zu. Der Journalist befragt dann mehrere Berliner, ob sie Angst hätten und ob sie glauben, dass es einen Krieg geben werde. Manche sind pessimistisch, andere optimistisch. „Ich bin nicht sicher, dass es keinen Krieg geben wird“, antwortet ein Arzt diplomatisch aber mit schwerem Herzen. Eine Journalistin aber ist guten Mutes. Sie hat Berlin weder im Krieg noch beim Einmarsch der Russen verlassen. Sie macht auch keine Hamsterkäufe. Alles wird gut werden, sie hat Vertrauen in die Alliierten. Das letzte Bild zeigt einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad, der auf seinem Schulweg von einem Panzer der Alliierten begleitet wird.

Und dann dreißig Jahre später sehen wir noch einmal die ersten Szenen der Maueröffnung. Die französische Korrespondentin in Berlin (im Pelzjäckchen) berichtete den staunenden Kollegen im Studio, mal mit Bild, mal ohne, von dem, was sich ereignete: die Menschenmengen, die ausgelassene Stimmung, die ersten Menschen die von Westseite auf die Mauer kletterten, ohne, dass die Ost-Grenzbeamtenreagierten, die Trabis, die sich kilomterlang stauen …  Sie waren vollkommen überrascht von dieser Entwicklung, sagte der Nachrichtensprecher gestern, nichts hätte darauf hingewiesen, dass sie einen anderen Dienst als sonst machen würden.

Nicht in der Sendung, aber im gleichen Sinn: Claire Doutriaux, eine Begründerin von arte und der arte karambolage Serie erzählt ebenso, dass sie, DIE Expertin für Deutschland zu dieser Zeit, dieses Ereignis buchstäblich verschlafen hat.

Ein Historiker, Nicolas Offenstadt, der ein Buch über „Le Pays disparu“, also über die DDR, „das verschwundene Land“ geschrieben hat, fasste in aller Kürze sehr gut zusammen, wie es weiterging mit der DDR nach diesem ersten Glückstaumel. Damit wir aber in dieser Sendung nicht zu traurig gestimmt werden, gab es danach noch eine weitere Dokumentation: Berlin aller-retour heißt sie: Verschiedene kleine Filmteams begleiteten über 24 Stunden mehrere Personen in diesen ersten Tage nach dem Mauerfall. Für mich auch absolut neue Szenen, auch wenn man natürlich eigentlich alles schon kennt. Darunter ein Studentenpaar, Jana und Jim, ein ausgebürgerter Dissident, der illegal wieder in den Osten einreist und, zum ersten Mal in der Geschichte heißt es, begleiteten die französischen Journalisten einen Vopo auf seiner Dienstrunde und privat. Diese Art der Reportage, in der die Journalisten und die Kamera den Menschen folgen (und nicht entscheiden, was die Menschen machen sollen, damit die Kamera schöne Bilder bekommt!), ist in den achtziger Jahren, das sagte zumindest  der Verantwortliche der Reportage gestern, absolut neu.

Jana und Jim, sind gute Sozialisten, sie finden das aufgeregte Gerenne ihrer Mitbürger in den Westen ein bisschen albern. Aber sie werden, ein paar Tage nach der Maueröffnung, nun auch losgehen, schon um mal zu sehen, „nach was die Menschen dort so lechzen“. Sie können jetzt sogar mit der U-Bahn fahren, ab Jannowitzbrücke, die Linie in den Westen, die unterirdisch immer noch existierte, wurde wieder geöffnet. Jana und Jim sind aufgeregt, aber geben sich unbeeindruckt, sprechen freundlich mit dem erschöpften Vopo, der wie am Fließband Visa in Reisepässe stempelt. Dann sind sie im Westen. Die Häuser sind schon gut in Schuss finden sie. Und der Obst- und Gemüsestand beeindruckt sie fast wider Willen. Erstaunlicherweise kennt Jana Granatäpfel, Quitten aber sind ihr fremd. (Kakis auch, aber die kannte ich in den Achtziger Jahren auch noch nicht.) Sie tanzen in Kreuzberg in einer Disko, Ostbürger zahlen keinen Eintritt, später melden sie sich bei einer Familie an, die bereit ist, Leute aus dem Osten, die im Westen übernachten wollen, bei sich aufzunehmen. AirBnB vor AirBnB sozusagen und komplett gratis. In diesem Fall ist eine polnische Familie so großzügig, sie haben vor vierzehn Jahren selbst Polen Richtung Westen verlassen und können all die Aufregung um die Mauer und die Westbesuche gut nachvollziehen. Nach der Mondlandung sei die Maueröffnung das größte Ereignis für ihn, sagt der Vater. Am nächsten Tag sieht man Jana und Jim an der Mauer. Es missfällt ihnen, dass an der Mauer rumgehackt wird. „Ist doch ein historisches Bauwerk“, findet Jana, „am Eiffelturm würden sie doch auch nicht herumsägen.“ Aber es hört niemand auf sie. Und das Stück Mauer, das man ihr anbietet, will sie auch nicht. „Wie geht es Ihnen?“ ruft sie den Vopos freundlich zu, vermutlich eine der wenigen, die sich in die Haut der Grenzpolizisten versetzen mag in diesen Tagen. Aber sie antworten nicht. „Dürfen nicht“, vermutet Jana. Sie findet übrigens, dass die Menschen in Ost und West zu unterschiedlich seien, eine Wiedervereinigung kann sie sich daher nicht vorstellen, und wenn, dann, klar, nur unter sozialistischer Führung.

Schwenk zum Kudamm, den Champs Elysées allemands. Ein paar Frauen und Männer wagen sich dort in ein Pelzgeschäft. „Nur mal schauen.“ Andere schließen sich an, um „das wirklich mal zu sehen.“ Ein Mann erkennt fachmännisch Fuchs, aber es ist amerikanischer Fuchs wird er belehrt, 3000 Mark soll die Pelzjacke kosten. Gar nicht so teuer, wird befunden. „Ich kann es nicht bezahlen“, sagt hingegen mutig eine Dame ganz offen zu der Verkäuferin, „aber ich würde schon gern mal was anprobieren … NUR mal anprobieren!“ und die Verkäuferin reicht ihr flugs einen Pelzmantel an. Glücklich dreht sich die Dame vor dem Spiegel und es gibt viel bewunderndes „Ah“ und „Oh“ der Umstehenden. „Das können wir uns vielleicht auch bald leisten“, heißt es. Ich konstatiere, in den Achtzigern waren echte Pelze noch nicht verpönt.

Der ausgebürgerte Dissident tritt als einziger die Gegenbewegung an und sucht einen Moment im Grenzgedrängel, um unbemerkt und illegal wieder in den Osten zurückzukommen. Er sucht seine Freunde und geht als erstes zu einer Veranstaltungen des Neuen Forums, wo man noch darüber diskutiert, ob man wirklich politische Mitveranwortung anstrebt und sich mit Mandatsträgern zur Wahl stellen wird oder ob man „nur“ eine Organisation (sobald sie offiziell anerkannt ist!) außerhalb sein möchte. Was für eine Aufbruchsstimmung! „Wirst du hier bleiben?“, fragen die Freunde, und als er bejaht, liegen sich alle weinend in den Armen. Später, auf der Suche nach weiteren Freunden, klopft er häufig vergeblich an Türen. Die Freunde, erfährt er, wen wunderts, machen alle gerade einen Ausflug in den Westen. Erst ganz zum Schluss kommt einer der ersehnten Freunde mit dem Fahrrad aus dem Westen zurück und sie fallen sie sich in die Arme.

Am erstaunlichsten finde ich den Dreh mit einem Vopo in diesen Tagen. Die Journalisten und die Kamera begleiten ihn auf seiner Dienstrunde mit einem Kollegen; am ersten Tag hat er Dienst an einem neu geschaffenen Grenzübergang (die Mauer wurde an verschiedenen Stelle geöffnet, daran erinnerte ich mich gar nicht). Sie wundern sich, dass „die wirklich alle wieder zeitig zurückkommen“. Wie ist es wohl da drüben? Sie selbst waren noch nicht im Westen, aber sie haben ein Visum für die kommende Woche. Später fahren sie gemeinsam im Dienstauto hinter der Mauer entlang. Wir sind wirklich auf der Ostseite direkt hinter der Mauer, niemals vorher waren ausländische Journalisten dazu befugt! Sie kommen an einem Friedhof vorbei, und ein Journalist wagt tatsächlich nach den Todesopfern an der Mauer zu fragen. Der Schießbefehl sei aufgehoben worden, antwortet der Kollege des Vopo ganz freundlich, und auf dem Friedhof lägen die Kollegen, die im Dienst ums Leben gekommen seien, einer sei übrigens vom Westen aus erschossen worden! Am Ende begleiten wir den Vopo bis hinein ins Dienstgebäude, wo er nach Dienstschluss dem Vorgesetzten Bericht erstattet: „alles ruhig, die Menschen freundlich, keine aggressiven Störungen“. Abends zuhause bei ihm diskutieren er und seine Frau. Die Mauer muss stehenbleiben findet sie, damit man sie im Zweifelsfall wieder schließen kann: es passiert so viel Schlimmes im Westen, Drogen undsoweiter, sie will nicht, dass ihre Kinder dem ausgesetzt sind. Am nächsten Tag macht die kleine Familie einen Ausflug und sie sehen das Brandenburger Tor von weitem, „nächste Woche werden wir es von der anderen Seite sehen und dann wieder von hier“, erzählt die Mutter ihren Kindern. Ein bisschen sehnsüchtig nach dem Westen ist ihr Mann schon. „Und, möchtet ihr da drüben sein?“, fragt er stattdessen seine Kinder, aber sie sind noch zu klein, um irgendetwas zu antworten. „Du kennst meine Meinung“, versucht seine Frau abzuschwächen. „Ich habe hier meine Arbeit, die Kinder sind hier geboren und alles …“

So, und nachdem ich Ihnen alles so schön aufgeschrieben habe, habe ich die Sendung Le mur de Berlin (anklicken->) im replay gefunden … bonne séance („Rembob’ina“ ist ein Wortspiel: rembobiner heißt zurückspulen und heißt ebenso Filmmaterial wiederaufwickeln, Sie erinnern sich vielleicht an diese Filmspulen, die man damals in diesen Aluminiumdosen aufbewahrt hat; „INA“ ist das Institut National de l’Audiovisuel, das französische Ton- und Filmarchiv; in der Sendung werden also historische Filmausschnitte zu diversen Themen gezeigt)

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Erinnerungen einer mittelalten Westlerin an den Osten

Die letzten Tage und Nächte war mein Kopf mit dem Osten beschäftigt. Dank Ihrer Zuschriften und dem regen Hin- und Her in meiner Mailbox, habe ich viel erfahren. Viel mehr, als ich je gedacht habe. Danke, für Ihr Vertrauen und dass Sie mir ein Stück aus Ihrem Leben preisgegeben haben. Bei Vielem kamen mir die Tränen. Für manches Erlebte fehlen mir die Worte, um zu antworten. Ich werde hier nicht davon erzählen, das verstehen Sie sicherlich, Sie, die „anderen“ meine ich. Ich habe meinen französischen Text über die Mauer, die Wende und die Nachwendezeit für den Vereinsvorsitzenden des Kinoclubs geschrieben, und er hat ihn mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Tatsächlich dachte man hier an einen märchenhaften Schluss unserer deutschen Geschichte: „Und dann lebten sie glücklich vereint bis ans Ende Ihrer Tage.“ Pas tout à fait. Nicht ganz. Mein französischer Text ist sicher etwas emotional und aus der Ostperspektive geschrieben; unter dem Einfluss all der Zuschriften; eine Perspektive die ich aber durchaus selbst im Blick hatte, nur nicht ganz so tief und wissend. Ich habe einen Nachtrag gemacht, denn es kamen gestern dann noch sehr zufriedene Stimmen von jungen Menschen, die sagen, sie haben ein gutes Leben (auch im Osten), die außerdem zur Wendezeit zu jung waren, um in der DDR Repressalien ausgesetzt zu sein, da hatte ich den Text aber schon fertig. Je jünger, desto positiver sieht man die Wende, kann man vielleicht sagen. Ist ja durchaus logisch, der Bruch in der Biographie, den die Wende für ein ganzes Land verursacht hat, ist für ältere Menschen (aus dem Osten) ganz klar dramatischer/traumatischer.

„Hier hat jeder, der heute über 45 Jahre alt ist einen krassen Bruch in der Biographie. Immer wenn in der Geschichte Westdeutschlands ein Opelwerk schließen musste, der Bergbau im Ruhrgebiet oder ähnliches, und tausenden Familien ihr Leben neu ordnen mussten, gab es einen Bruch, so dass es Jahrzehnte später noch Reportagen darüber gibt – im Osten ging es jedem so. Ob man darüber spricht oder nicht, jeder musste sein Leben neu ordnen (zum Guten der Schlechten) und vieles passierte dabei schnell und fremdbestimmt und im Rückblick schmerzend.“

Für uns aus dem Westen waren der Mauerfall und die Wende vielleicht bewegend, aber (in der Regel) nur ein kurzer Moment in unserer Biographie und dann ging unser Leben unverändert weiter. Vielleicht haben wir auch überraschend mit nicht ganz so brillantem Examen Karriere im Osten gemacht, weil man dort gerade die gesamte Elite austauschte und „unbelastete“ Leute brauchte. Etwas, was nach dem 2. Weltkrieg in Westdeutschland nicht so ganz geklappt hat. Das aber nur am Rande.

Ich denke immer häufiger, dass man eigentlich erst im reifen Alter studieren sollte. Wenn man selbst etwas erlebt und verstanden hat von diesem verwickelten komischen Leben, das uns passiert. Und ich denke immer häufiger, dass jeder mal ein Jahr alleine und möglichst nur mit wenigen Sprachkenntnissen und einem begrenzten Budget in einem fremden Land leben sollte. Leben. Nicht reisen. Dieses Zurückgeworfen werden auf beobachtendes Kinderniveau, dieses Nichtverstehen von Sprache und Kultur, dieses sich Zurechtfinden müssen und abhängig sein von der Freundlichkeit und Zugewandtheit der Menschen in diesem Land, ich sage es immer wieder, es macht demütig. Ich denke, dass ich erst heute, wo ich selbst in einem anderen Land lebe, in dem man mich, ich schrieb es neulich schon mal im Kommentar, für dumm hielt (hält), nur weil ich die Sprache nicht ausreichend spreche oder eben nur auf einem gewissen umgangsprachlichen Niveau kommunizieren kann, mir nicht zuhört, was habe ich schon zu sagen oder mich als Deutsche ablehnt, in dem ich auch nie einen vergleichbaren Job finden würde, vielleicht wegen meines Deutschseins oder wegen des sehr einfachen Französischs, das ich spreche, erst heute VERSTEHE ich, was Ausländer in Deutschland erleben und was auch Ostdeutsche in Westdeutschland erleben (Uh, ein Ossi, uh, dieser schreckliche Dialekt). Erst heute spüre ich auch diese Fragiliät der Situation. Was, wenn sie morgen in diesem Land entscheiden, dass alle Ausländer raus sollen? Was nützt es mir da, dass ich einen französischen Mann geheiratet und einen französischen Namen habe? Vielleicht endlich die doppelte Staatsangehörigkeit besitze? Was nützt all das und all meine Anpassung, wenn mein Aussehen und mein Akzent mich schon verraten als Ausländerin? Und wenn man zusätzlich an der Grenze auch den Namen meiner Eltern erfragt? Ich hatte, als ich „Jakob der Lügner“ sah, erstmals das Gefühl, dass ich nicht nur einen Film über die dunkle deutsche Geschichte sehe, sondern dass es mich trifft, weil es mich möglicherweise eines Tages betrifft.

Erst heute verstehe ich, was es heißt, sich irgendwo fremd zu fühlen, finanziell ungesichert zu sein und (vielleicht) was es bedeutet, im Exil zu leben; Exilforschung übrigens einer meiner Studienschwerpunkte, den ich sicherlich nicht schlecht gemeistert habe, aber wirklich richtig verstanden habe ich damals wenig. Zu jung, zu unbeschwert und zu sprachbegabt, als das ich mir das erzwungene Leben der Juden in der Fremde wirklich als leidvolle Last vorstellen konnte. Ich wollte immer weg und ins Ausland. Und die Sprache wird man doch wohl lernen können, dachte ich ein bisschen herablassend.

„Es hat nie jemand gefragt. Es hat sich nie jemand dafür interessiert“, hörte ich oft von meinen „GesprächspartnerInnen“. Also niemand aus dem Westen hat gefragt. Es ist kränkend. Ich verstehe das. Seit fast 15 Jahren lebe ich in Frankreich und nur wenige Franzosen interessieren sich hier für meine Geschichte oder gar für die meines Herkunftslandes. Selbst in meiner neuen Familie ist man ziemlich uninteressiert, mal abgesehen von Monsieur. Für die meisten bleibe ich die stammelnde Deutsche, von der man nicht allzuviel weiß, auch nicht wissen will. Wo kommst du nochmal her? Achso ja. Wo ist das nochmal? Aha. Und Basta.

Ich hingegen frage zumindest heute viel, warum auch immer und ich bekomme viel erzählt, und ich kann gar nicht verstehen, dass es so viel Ungefragtes und Unerzähltes gibt zwischen den Menschen. Sich ihr Leben erzählen, um sich kennenzulernen, ist der Ansatz der Biographiegespräche auf Gut Gödelitz. Den Hinweis habe ich von einer meiner Gesprächspartnerinnen bekommen und füge ihn noch schnell hier ein. Das Gut in dieser Form und die Gespräche gibt es seit 1998, vielleicht sind die Gespräche dort nur ein Tropfen in ein noch ziemlich leeres Fass, aber immerhin ein Tropfen. Vielleicht ein Anreiz, mal in den Osten zu fahren?

Ich habe zu einer Zeit unter anderem „Volkskunde“ studiert, das heißt heute in der Regel etwas elitärer „Kulturanthropologie“ oder „Europäische Kulturwissenschaft“, und dort gibt es den Schwerpunkt Erzählforschung. Es geht ganz altmodisch um Märchen, Sagen, Legenden und um die neuen „Modernen Sagen“, die Urban Legends, die man sich so erzählt. Da geht es aber auch darum, was im Familienkreis oder beim Dorffest erzählt und was hingegen auch nicht erzählt wird. Sehr spannend alles, also für mich zuindest. Ich las damals viele gesammelte Berichte von Ostdeutschen, die angekommen im neuen Westalltag ein bisschen verloren waren, verständnislos vor Wasserhähnen, Durchlauferhitzern oder Fotokopierern standen. Das mit den Wasserhähnen kann ich aus Frankreich auch erzählen. Manchmal muss man mit dem Fuß eine Wasserpumpe bedienen, darauf muss man erstmal kommen.

Vermutlich gibts im deutschen Fernsehen jetzt Erinnerungen bis zum Abwinken. Wenn es nicht gerade um den 9. November herum ist, gehen die ostdeutschen Erinnerungen im gesamtdeutschen Alltag aber eher unter. Das sagten mir auch die GesprächspartnerInnen:

„Bei all den schönen Dokus: So war Deutschland in den 70igern, in den 80iger… ist immer der Westen der Standard. Wenn über die Emanzipation der Frauen geredet wird, über Umweltverschmutzung, Industrie usw. fehlt in der Regel die Geschichte der DDR, die eben anders war. Ich verstehe, dass das viele schmerzt. Und das auch im ganz kleinen privaten: Wenn sich „Wessis“ unterhalten, teilen sie Kindheitserinnerungen – Urmel aus dem Eis, die drei Fragezeichen, Unendliche Geschichte usw. sind Erinnerungen, die alle begeistern und sentimental verbinden (und die die meisten „Ossis“ in der Regel auch kennengelernt haben inzwischen oder schon früher durch Westfernsehen).  Dann erwähnt ein „Ossi“ Elli im Wunderland oder Detektiv Pinky oder Timur und seinen Trupp – und wird angeschaut wie ein Ufo, weil das so fremd und unbekannt ist. Weil das auch keinen mehr interessiert, weil diese Bücher/Filme/Geschichten nicht mehr präsent sind, weil diese – ganz persönliche Geschichte – verschwindet.“

Letztes Jahr war ich im Deutsch-Französischen Kulturzentrum in Nizza bei einer Lesung mit Jana Hensel. Tolle Veranstaltung übrigens, interessant, erhellend und in der Regel perfekt zweisprachig, so dass auch immer viele Franzosen anwesend sind. Selbst Monsieur, der abends nicht mehr so gerne vom Sofa aufsteht, begleitet mich gern zu den Veranstaltungen des CCFA. Die Leitung hatte bis vor kurzem Tobias Bütow, er kommt aus dem Osten und hat daher einen anderen und besonderen Blick. Jana Hensel erzählte, dass man sie immer wieder genervt frage, ob sie denn immer noch/nur über den Osten schreiben müsse. Ja, antwortet sie nicht minder genervt, denn wenn sie nicht explizit über den Osten schriebe, dann wäre er in der Presse nicht sichtbar. Es ging um Vieles an dem Abend, ich erinnere mich vor allem an den ersten ostdeutschen Kosmonauten Siegmund Jähn (in der Zwischenzeit verstorben), dem Angela Merkel nicht zum 80. Geburtstag gratuliert hat.

So. Und ob Sie wollen oder nicht, jetzt bekommen Sie auch noch meine Erinnerungen: Ich arbeitete damals, zur besten Wendezeit, in einer Universitätsbibliothek und auch wenn dort alles noch deutlich verschlafen war, die PC’s und das Internet kamen gerade erst in unser Leben, wir waren in unserer Bibliothek noch deutlich vor der elektronischen Ausleihe: alles ging noch von Hand und mit durchgestrichenen Namen auf grünen Karteikärtchen. Aber wir hatten einen Fotokopierer. Den man gegen das Einwerfen von damals noch Zehnpfennigstücken benutzen durfte. Einfach so. Ich weiß noch, was das für ein Staunen hervorrief bei den neuen jungen Studenten. Mitten im Semester aufgeregt und durcheinander und manchmal ein wenig hilflos waren sie plötzlich da. Mit einem von ihnen, einem Architekturstudenten aus Weimar, der aber etwas früher schon über Ungarn gekommen war, war ich befreundet. Ich war sehr verliebt, um ehrlich zu sein. Das erinnert mich an den Kommentar einer Leserin, die schrieb, „die Wende war für mich weit weg, denn ich war gerade so verliebt“. Mir ging das ähnlich, ich weiß, dass die Zeit der Wende mich nicht unberührt gelassen hat, ich lebte ja gerade mein persönliches Ost-West-Abenteuer, aber in meinen Tagebüchern finden sich keine Hinweise auf die historischen Umwälzungen, da geht es nur um die Frage, ob ich ihn sehen werde oder nicht. Er hat mir viel erzählt vom Osten. Einmal war er festgenommen worden, weil er auf der Leipziger Buchmesse ein Buch eines West-Verlages gestohlen hatte. Es folgten quälenden Befragungen. Er erzählte, dass er in der DDR zu jeder Ausstellung fahren und dort selbstverständlich jeden Ausstellungskatalog erwerben konnte, im Westen konnte er sich dann nicht mal das Zugticket und den Eintritt zu den Ausstellungen leisten, die er zu sehen hoffte. Er erzählte mir auch Amüsantes: dass sie sich mit den Freunden um sich schnell zu verabreden, mangels Telefon Telegramme geschickt haben. Und was für eine Enttäuschung, als sich das berühmte „Bauhaus“ im Westen, das Mitarbeiter suchte, als Baumarktkette herausstellte und er dort Regale auffüllen musste. Er war anders, frech und direkt und mit einem offenen Blick. Und er war wahnsinnig ehrgeizig. Und ich auf jeden Fall sehr verliebt. Er hingegen war verliebt in eine Französin, eine Pariserin, die als Studentin mit einer Gruppe durch die DDR gereist war. Sie hatten sich in einem Museum kennengelernt und sie schrieb ihm Karten aus Paris mit Mauergraffiti: „Je t’aime“. Die Karten fand er charmant, aber er wusste nichtmal was „je t’aime“ bedeutet. Auch das hatte er mir erzählt. Er musste also nach Paris, sobald er genügend Geld dafür hatte und hatte vorher extra noch eine Auslandsversicherung abgeschlossen, die ihm ein findiger Versicherungsfuzzi aufgeschwatzt hatte. Und er kam nach wenigen Tagen schon enttäuscht zurück. Paris war großartig, entsetzlich teuer und sie nicht mehr in ihn verliebt. Ich war sein Trostpreis, denke ich heute und nur eine Etappe auf seinem Weg, er ist heute supererfolgreich in Berlin. Kennen tut er mich heute nicht mehr.

Etwas später lebte ich in Göttingen und von dort bereiste ich mit einem anderen (West-)Freund, den nahen Osten hinter Göttingen längs und quer. Ich erinnere mich an die holprigen gepflasterten Straßen, dass man im Winter den Rauch der Kohleheizung roch, und man so auch roch, wenn man sich einem Ort näherte. Wir tranken Tee in einem Jugendclub irgendwo in der Provinz, alles war so anders und wir und die Jugendlichen sahen uns gegenseitig misstrauisch an, in der Ecke aber stand ein Fernseher und dort liefen schon Musikvideos von MTV.  Ich ließ einen Aluminumteelöffel mitgehen, weil ich so einen noch nie gesehen hatte. Ich habe ihn heute nicht mehr, aber ich habe ihn lange benutzt. In Magdeburg suchten wir lange das Stadtzentrum, bis man uns sagte, wir seien mittendrin. Aber es sah nicht so aus, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir liefen in Quedlinburg über mittelalterliche Steine und bei jedem Hoftor, an dem wir vorüberkamen, hatte ich den Eindruck, wenn man es zu fest zuknallte, würde das Haus darüber zusammenfallen. Dort aßen wir übrigens eine recht grauenvolle Soljanka, lustig, was mir alles wieder einfällt. Wir waren auf Rügen und auf Hiddensee. Bevor ich die abenteuerlichen Feldwege in Frankreich kennengelernt habe, waren die holprigen Betonstraßen und -wege, die zu weit abgelegenen Campingplätzen führten, das abenteuerlichste, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich war gerührt von der Schönheit der Landschaft und der idyllisch aussehenden Ländlichkeit. Alleen, Sandwege, Hühner, die in kleinen Dörfern frei und gackernd hin- und herliefen. Der alte Bäcker, der in einem niedrigen Häuschen wunderbaren Blechkuchen backte und ihn uns am nächsten Tag zum halben Preis beinahe aufdrängte, dabei war auch der frische Kuchen für uns schon so billig, dass wir uns schämten, nur den halben Preis zu bezahlen. Campingplätze mit noch sehr rudimentärer sanitärer Ausstattung, fließend Wasser nur morgens und abends, Wasser gäbs in der Ostsee genug, sagte uns der Platzwart ungerührt. Wir wählten dann einen anderen Platz, dort waren die sanitären Anlagen so neu, dass sie noch nicht mal in Männlein und Weiblein getrennt waren, wir hingegen dachten, dass sie cool seien, diese Ossis, und duschten gemeinsam in der gleichen Kabine. Am nächsten Tag dann klebten die entsprechenden Zeichen auf den Türen und man sah uns komisch an, als wir gemeinsam auftauchten. Doch nicht ganz so cool.

Dieser Film wird unsere Vorpremiere. Der Transport von 7 Fässern Karbid im Nachkriegs-Osten erinnert mich an „La Traversé de Paris“ wo zwei Männer ein geschlachtets Schwein durch das besetzte Paris schmuggeln. 

Ich war in Leipzig auf der Buchmesse, zu Zeiten, wo die Messe noch klein und fast unspektakulär in der Innenstadt in einem mehrstöckigen Gebäude, dem Messehaus am Markt, stattfand. Ich wohnte bei einer Familie, die sehr stolz auf ihr hübsches Haus und ihre biedermeierliche Gemütlichkeit waren und auf ihren japanisch angehauchten Garten und darin die Lampen in Form von kleinen Pagoden. Ausführlich erzählten sie, wie und wo sie abenteuerlich und mühevoll in der DDR alles zusammengesucht hatten, um sich die Lampenformen zu bauen und mit Beton selbst zu gießen. Sie sahen perfekt aus, aber ich gebe zu, ich konnte es nicht ansatzweise würdigen. 

Genauso wenig, wie ich als Kind die hölzerne Puppe aus dem Erzgebirge würdigen konnte, die man uns in einem Päckchen aus der DDR als Dank für Kinderkleidung geschickt hatte. Eine Barbiepuppe hatte ich mir gewünscht, nicht so etwas. Die Kinderbücher aber las ich später. An eines kann ich mich noch erinnern, es hieß „Die Rei-no-pi“, glaube ich zumindest, ich habe es gerade im Internet vergeblich gesucht; ein Anagramm der Pioniere natürlich. Und es ging um Kinderstreiche und das schlechte Gewissen und das heimliche Wiedergutmachen. Pioniere eben.

Kurz nach der Wende war ich auch in Dresden, ich besuchte eine Freundin, die es dort an die Uni verschlagen hatte, der das Zwischen-den-Stühlen-Sitzen als Wessi im Osten auf lange Sicht aber nicht behagte. Insbesondere nicht der arrogante West-Prof, für den sie arbeitete. Die Gartenstadt Hellerau konnte ich besuchen, mit ihren Reihenhäusern, die damals ein bisschen müde wirkten, aber noch vollkommen intakt waren. Eines konnte ich auch von innen sehen. Puppenstubenklein schien es mir. Im Festspielhaus der Gartenstadt, das lange Zeit von russischen Soldaten als Sportsaal genutzt worden und sehr heruntergekommen war, gab es riesige russische Wandgemälde vom großen Vaterländischen Krieg (die gibt es heute immer noch habe ich erfahren, restauriert sogar). Ich habe damals eine Semesterarbeit über diese Gartenstadt geschrieben. Getippt auf einem Atari und mit einem Nadeldrucker ausgedruckt, das weiß ich noch. Ich würde das heute gerne nochmal lesen, aber leider habe ich meine Uni-Unterlagen bei meinem Umzug Richtung Frankreich vernichtet. Brauch‘ ich nie wieder, dachte ich. Stimmt zwar, aber dennoch …

Ich las Jurek Becker und den damals schon umstrittenen Hermann Kant. Später Erwin Strittmatter und die Biographien von Manfred Krug und Armin Müller Stahl. Ich habe mich also bemüht, dieses Land, das es schon gab, als ich auf die Welt kam und dass mir fremder war als Österreich, Frankreich oder Italien, irgendwie kennenzulernen, aber … verstanden, richtig verstanden habe ich nichts vom Osten, vom Leben dort, von den Umständen. Ich glaube, ich war einfach zu jung und zu westdeutsch. Als wir bei dem obligatorischen Schulaufenthalt in Berlin auch einen Tag nach Ostberlin fuhren und dort in ein Café einfielen, wo es Saft und Torte gab, und wir dumm und unwissend nachfragten, was denn für Saft? Apfel? Pfirsich? Orange? Und was für eine Torte? Schoko? Nuss? Sacher? Schwarzwälder? hätte uns der Kellner vermutlich gern eine gescheuert oder uns gleich hinausgeworfen. Wir blieben da und aßen Torte bis wir platzten. Aber wir mussten ja unser Geld ausgeben und auf die Idee, eine Buchhandlung zu suchen, bin ich damals nicht gekommen. Ich war auch da mal wieder sehr verliebt und wollte eigentlich nur einem Jungen nah sein. Ich hatte mich auf die Studienfahrt nach Berlin auch nur eingetragen, weil er mitgefahren ist. Er hat mich nicht eines Blickes gewürdigt. Ich hätte besser nach Rom fahren sollen.

Zum Abschluss Ostmusik. Ich habe mich durch alle Versionen von „Am Fenster“ (Studio, Live, 1978 bis heute) durchgehört, mir gefällt diese hier am besten, weil die Stimmung des Publikums am euphorischsten ist. Trotz der offensichtlichen Kälte.

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