You want it darker

cohenSie wissen es sicher schon. Als ich beim Müslilöffeln ins Internet klickte, war es schon voll damit. Leonard Cohen ist tot. Vielleicht liegt es daran, dass die schlechten Nachrichten sich gerade häufen, vielleicht liegt es an den trauigen Novembergedenktagen, den sich jährenden Attentaten, ich weiß es nicht, aber, als ich las, dass Leonard Cohen gestorben ist, der gerade noch ein Album mit dem sprechenden Titel You want it darker veröffentlicht hat, kamen mir die Tränen.

Im Sommerhaus höre ich jedes Jahr eine kratzige Vinylplatte mit seinen alten Songs. Wenn Monsieur fragt, was soll ich denn mal auflegen, sage ich immer: Cohen. Ich will Suzanne hören. Es ist ein Ritual. Diese Platte hat er aufgelegt, als wir zum ersten Mal zusammen und alleine im Sommerhaus in den Bergen waren. Dieses Zusammenspiel von innerer und äußerer Ruhe, Stille, diese großartige Natur und dieses eigenartige, altmodische Haus mit den hohen Fenstern bis zum Himmel … Wir auf dem durchgesessenen Ledersofa, Monsieur sitzt, ich liege und habe meinen Kopf auf seinen Knien, und Leonard Cohen singt. Dieses Bild habe ich im Kopf und im Herzen, diese Stimmung, wenn mich jemand fragt, warum bist du überhaupt mit Monsieur zusammen, diesem schweigsamen, grauen Mann. Es ist diese Ruhe. Die Geborgenheit. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich ausatmen und wusste, ich darf mich ausruhen. Ich wusste, Monsieur ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.

Als ich Monsieur vor zwei Jahren die vorletzte Platte Popular Problems von Cohen schenkte, mussten wir uns beide erst an diese dunkle Stimme gewöhnen. Diesen Sprechgesang. War das noch mein, unser Cohen? Aber je länger ich ihn hörte, desto mehr mochte ich ihn so. Erst kürzlich sah ich, dass er eine weitere Platte veröffentlich hat: You want it darker. 

I’m ready, my Lord, singt er in dem gleichlautenden Song.

Er war wohl soweit.

Heute ist der 11. November, in Frankreich großer Gedenktag für die Opfer des Ersten Weltkriegs. Trotz unglaublich blauem Himmel und Sonnenschein kommt mir die Welt ohne Leonard Cohen heute dunkler und düsterer vor.

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Ach …

etoiles disparusVor kurzem habe ich in Nizza zum ersten Mal die offiziell-inoffizielle Gedenkstätte zum Attentat vom 14. Juli gesehen. Das Blumenmeer entlang der Promenade wurde in der Zwischenzeit überwiegend in den Park gegenüber verlagert und dort, rund um den Musikpavillon, ist das Gelände nun übersät mit Stofftieren, Blumen und Kerzen.

Pavillon de MusiqueAber auch an der Promenade des Anglais finden sich noch immer Stofftiere, Kerzen, Blumen und Kieselsteine vom nahen Strand.

Promenade des AnglaisBlumenMan kann verblasste Botschaften in allen Sprachen lesen.

ti voglio beneVictoriaCoeurMamanAlles ist durch Sonne, Wind und Regen schon sehr mitgenommen, dennoch sind beide Orte sehr berührend.

fragil

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WMDEDGT im November

Oups, es ist der fünfte November! Facebook spült ja immer irgendwelche Erinnerungen nach oben und hat mich gerade mit meinem allerersten Beitrag für Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag, kurz WMDEDGT, konfrontiert. Das fragt Frau Brüllen allmonatlich am 5., und schon lange habe ich nicht mehr mitgemacht. Heute aber passt es, auch wenn ich nicht so viel gemacht habe, oder vielleicht passt es auch genau deswegen.

Aufstehen so gegen Acht. Heute ist Nathalie-Tag. Sie kommt um Neun. Bis dahin will ich in Ruhe gefrühstückt haben, im Bad gewesen sein und ein kurzes Vor-Aufräumen vorgenommen haben. Nathalie ist meine Hilfe seit ein paar Monaten. Eine alleinerziehende Mutter, deren gerade flügge gewordenes Mädchen auch schon alleinerziehende Mutter geworden ist. Alles schon nicht einfach, auch wenn die ganz Kleine ein Sonnenschein ist. Und dann wurde Nathalie arbeitslos. Und es wurde knapp mit dem Geld. Als ich Nathalie das erste Mal sah, war sie ziemlich deprimiert, grau im Gesicht und sie roch nach Alkohol. Das kann ich nicht mehr so gut aushalten seit ich selbst keinen Alkohol mehr trinke, aber ich wollte so gerne jemanden haben, der mir hilft, diese Wohnung halbwegs in Ordnung zu halten, und sagte „ja“. Nathalie sagte auch „ja“ – obwohl Hausarbeit nicht ihre liebste Tätigkeit ist, denn früher war sie Chefsekretärin einer kleinen Sicherheitsfirma, die in Konkurs gegangen ist. Aber Nathalie ist knapp über 50 und gilt als schwer vermittelbar. Fremdsprachen, die man heute für so einen Posten können muss, kann sie nicht. Einen Führerschein hat sie auch nicht. Jetzt macht sie einen vom Arbeitsamt verordneten Intensivkurs Englisch und kann nur noch samstags zu uns kommen.

Während ich frühstücke, will ich nur schnell den Silberbecher mit frischem Vogelsand auffüllen – feiner, weißer Sand, in den ich meine Räucherstäbchen stecke oder mein Papier d’Arménie abbrennen lasse und zerre an dem Sack mit Sand, der im Küchenunterschrank neben dem Katzenfutter steht. Pepita hat aber auch schon mal an diesem Sack gezerrt, vielleicht roch der Muschelsand für sie verführerisch, ich weiß es nicht, der Sack ist auf jeden Fall angefressen und es rieselt aus vielen kleinen Öffnungen, ich hinterlasse überall in der Küche Sand und werfe den Sack erschrocken ins Waschbecken. Es rieselt. Der Boden des Küchenunterschrank ist auch voll mit Sand. Ich weiß, was ich heute mit Nathalie machen werde.

Um 9 Uhr kommt Nathalie. Sie hat die langen Haare abgeschnitten und trägt sie jetzt lockig kinnlang, steht ihr gut. Sie sieht trotz des Regenwetters froh aus, der Englischkurs, den sie fürchtete, gefällt ihr gut, ist wirklich intensiv und keine Zeitverschwendung. Ich lasse sie in der Küche und mit dem Küchenschrank zunächst alleine und räume in den angrenzenden Zimmern in Windeseile, zumindest grob, auf. Nathalies Anwesenheit hilft mir bei dem Versuch, wenigstens einmal in der Woche all unsere Unordnung zu bändigen, all die herumliegenden Klamotten im Schlafzimmer wieder zusammenzufalten oder in Schränke zu hängen, die Briefe, Papiere, Zeitungen und Bücher im Wohnzimmer und all den Krempel auf den diversen Kommoden und Tischen zusammenzuschieben, zu ordnen und das eine oder andere vielleicht sogar wegzuwerfen.

Dann durchforste ich mit Nathalie vier große Kisten mit Putzmitteln aus grauer Vorzeit, inklusive Sattelfett und Kupferpoliermittel, trenne mich von verrosteten Dosen und dubiosen Flaschen, deren Inhalt ich nicht mehr bestimmen kann, dazu Schwämme, Bürsten, und wühle mich durch eine weitere Kiste mit Schuhputzzeug. Sie ist voller halbausgedrückter Tuben Schuhcreme, vorzugsweise in den Farben Blau und Braun. Und eine Kiste mit Katzenkram. Und Plastiktüten. Und Papiertüten. Hunderte. Und eine Plastiktüte voller zusammengeknüllter Plastiktüten. Tausende vermutlich. Wie es dieses Land und seine Bewohner je schaffen werden, ohne all diese Tüten zu leben, wie es für nächstes Jahr geplant ist, weiß ich nicht. Ich habe zwei riesige Basttaschen zum Einkaufen und jede Menge wiederverwendbare große Plastiktaschen und trotzdem sammeln sich in Windeseile wieder Tüten in allen Farben, Größen, Formen und Stärken an. Am Ende haben wir zwei große Müllsäcke voller Kram wegzuwerfen, der Küchenunterschrank ist aber immer noch voll. Man fragt sich, wie das alles vorher da reingepasst hat.

Das alles hat lange gedauert. Nathalie wirbelt nun mit dem Staubsauger in den anderen Räumen und ich überlege, was ich zu Mittag machen könnte. Kaum habe ich Fleisch aufgetaut, kommt Monsieur mit zwei neuen prallgefüllten Plastiktüten nach Hause. Er hat mit seiner Mutter Einkäufe gemacht und das eine oder andere, das ihn inspiriert hat, für uns mitgebracht. Das alles wird beguckt und verstaut. Kurzerhand wird das aufgetaute Fleisch in den Kühlschrank verfrachtet, wir essen jetzt frische Lammleber.

Eigentlich ist jetzt Wochenende. Die Wohnung ist sauber. Draußen regnet es. Ich lese ein bisschen im Internet herum, Monsieur spielt gegen den PC Bridge. Beide machen wir eine kleine Sieste. Pepita schleicht sich dazu. Um Viertel vor Drei stehe zumindest ich wieder auf, mache mir einen Kaffee und setze mich an den Schreibtisch. Das Manuskript von Christine ist gesetzt und die erste Umbruchkorrektur wird Korrektur gelesen. Ich finde nicht viel, grübele aber doch über den einen oder anderen Satz und schlage in vorigen Büchern nach. Wie haben wir französische Worte da behandelt? Klein oder groß? Kursiv oder nicht? Muss ich morgen noch einmal drüber nachdenken. Denn schwupps ist es Sechs Uhr und Monsieur schaltet zur täglichen Politiksendung den Fernseher an. Kleiner Klick in FB: Stelle fest, es ist der Fünfte. Siehe oben.

Neben mir köchelt ein Milchreis. Das richtige Essen für einen regnerischen Novemberabend. Nachher nehme ich ein Bad.

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Two to Toulouse*

Saint SerninGanz schnell noch Toulouse. Unsere letzte Station. Hier wohnt Monsieurs Sohn seit ein paar Jahren, die Stadt war also unumgänglich. Ich war nach Bordeaux schon etwas erschöpft und sah einem neuen Stadtbesuch eher lustlos entgegen. Ich konnte mir auch nichts mehr merken, von dem was man mir erzählte, aber ich mochte Toulouse trotzdem sofort. Toulouse ist wieder eine Backsteinstadt, aber der Backstein ist viel heller als in Albi. Toulouse heißt daher auch gern „la ville rose“, Albi hingegen „la Rouge“. Das Schöne aber sind die pastellblauen Fensterläden überall. Beides zusammen macht diese Stadt so hell und freundlich. Gerne noch einmal länger irgendwann.

Fassadenan der GaronnePastellorange und pastellGaronne Ufer

* „Two to Toulouse“, so beginnt ein Uralt-Witz, der bizarrerweise in meinem Hirn hängengeblieben ist. Witze kann ich mir in der Regel nämlich nicht merken und schon gar nicht erzählen. Abgesehen von ein paar Absurditäten à la „Was ist der Unterschied zwischen einer Elster?“ „Beide Beine sind gleichlang, besonders das rechte.“ Haha. „Two to Toulouse“ sagt ein englisches Paar am Fahrkartenschalter. Manchmal sagt noch ein zweites Paar „Two to Toulouse too“. Der Ticketverkäufer antwortet daraufhin „Tätäterätätä“. Haha.

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Blut an den Wänden oder Bouquinisten in Bordeaux

So, jetzt bringen wir aber mal den Bericht über den gefühlt schon soooo lang zurückliegenden Urlaub zu Ende, damit wir mit was anderem weitermachen können. Ich will ja eigentlich immer so viel schreiben und ich schulde auch noch Briefpost hier und da, falls Sie auf Post von mir warten, seien Sie gewiss, ich habe Sie nicht vergessen, aber der Arm tut beim Schreiben gleich wieder weh, so dass ich dachte, ein Päuschen könnte nicht schaden. Kam mir nicht ungelegen, denn, ehrlich gesagt, ich wollte auch mal „frei“ haben vom Schreiben und vom PC und vom Online-Sein. Dieses Bedürfnis können ja vermutlich nur noch andere schreibende Dinosaurier-Alte verstehen, die schon urzeitlich vor sich hinvegetierten, bevor es Computer und das Internet gab und die seinerzeit Uni-Hausarbeiten noch mit der Schreibmaschine getippt und dafür tatsächlich noch in verstaubten Bibliotheken in dicken Enzyklopädien Artikel gelesen und sie allenfalls fotokopiert haben. Ach, früher … nie hätte ich gedacht, dass ich auch mal so eine „früher war alles besser“-Litanei anstimmen würde. Nein, war es ja sicher nicht, und ich bin tatsächlich ein Internet-Junkie der anderthalbten Stunde. Trotzdem sperre ich mich ein bisschen gegen dieses ständig und überall präsent sein. Diese Tipperei stets und ständig und immer schneller. Whatsapp, Twitter, Snapchat. Twitter zum Beispiel ist gar nichts für mich. Da wird ja im Sekundentakt Originelles rausgehauen, dass ich immer nur staunen kann. Ehrlich, auch wenn ich hin und wieder irgendwo Lieblingstweets lese, da will ich gar nicht mitspielen, das ist mir zu anstrengend. Kinder habe ich ja auch nicht, deren originelle Aussagen sowieso den größten Teil der Twitterei ausmachen, wie mir scheint. Früher hieß sowas „Kindermund“ und man las es vielleicht hin und wieder in der Bäckerblume auf Seite 3. Die Bäckerblume habe ich gerade mal gegoogelt und wissen Sie was, dieses Heftchen meiner Kindheit gibts tatsächlich noch. Und schon wieder sind wir bei der guten alten Dinosaurierzeit. Die Überleitung zu Bordeaux ergibt sich so geradezu spielerisch, aber nein, nicht was Sie denken, Monsieur wollte dort nicht etwa lange gelagerten Wein erwerben, sondern die dortigen Dinosaurier-Bouquinisten aufsuchen, die, die noch nicht ausgestorben sind, zumindest, und er drängte schon kurz nach dem Austernessen zum Aufbruch. Ich hätte durchaus noch gerne ein, zwei Tage im Bassin d’Arcachon verbracht, selbst wenn das Publikum dort dem von Cannes sehr ähnelt: die grauhaarige Bel-Age-Generation wandert dort stramm durchs Watt oder radelt gemütlich die Küste entlang. Hätte ich trotzdem gerne gemacht, aber nein, wir waren schon zügig auf dem Weg nach Bordeaux.

Vor etwa zwanzig Jahren war ich dort schon mal, aber alles, was mir von Bordeaux in Erinnerung geblieben ist, war genervtes Autofahren und verzweifelte Parkplatzsuche. Das wird diesmal sicher anders, dachte ich, Autofahren in französischen Städten ängstigt mich ja nun nicht mehr. Wir suchten dann auch nicht verzweifelt Parkplatz, sondern abends ein freies Hotelzimmer, aber ich greife vor. Zunächst suchten wir Bouquinisten. Bei einem ersten (und nicht dokumentierten) Bouquinisten stolperte ich sofort über eine zweibändige BD/Graphic Novel über das Leben eines Werft-Arbeiters in Bordeaux während der deutschen Besatzung, mein stetes, düsteres Interessengebiet. Und Monsieur fand Ersatz für den einen oder anderen im letzten Jahr abgesoffenen Krimi. Nicht alle Bouquinisten, die Monsieur im Gedächtnis hatte, gab es noch, und mancher Laden sieht schon etwas abgewirtschaftet aus. Und innen etwas leer. Ich erstand immerhin L’Argot pour les Nuls. (Umgansgsprache für Dummies) Schon lange will ich einen Text über die Umgangssprache schreiben. Ein Anfang ist jetzt also gemacht, auch wenn ich das Layout dieser Buchserie grauenhaft finde und mir schon das Schmökern darin keinen richtigen Spaß macht.

Quai des livresEs gab aber auch Buchhandels-Neuentdeckungen. Ich nutzte erstmals mein Handy als Navigationssystem, das klappte prima, rödelte aber den Akku schnell leer. So kamen wir zu La Nuit des Rois (Die Nacht der Könige). Der Laden besteht aus mehreren hintereinander liegenden kleinen Räumen und bietet eher edlere Sammlungen an. Der junge und engagierte Besitzer konnte dann auch über den Verbleib eines anderen, großen Buchantiquariats Auskunft geben, das zumindest Monsieur verzweifelt suchte: Ausgestorben, natürlich. Das Dinosaurier-Schicksal.

La nuit des Roisauf der leiterNach dem Essen ließ ich Monsieur mit seinen Bücherschätzen in einem Straßencafé sitzen und suchte in der Innenstadt eine der drei französischen Filialen von OSKA. Sie kennen ja vermutlich mein Klamotten-Dilemma in Frankreich, das zieht sich ja in unregelmäßigen Abständen durch meinen Blog. OSKA ist deutsche Mode (in deutschen Schnitten und Größen!) in Frankreich. Hurrah! Ich war die einzige Kundin und probierte mit der supernetten Verkäuferin die ganze Winterkollektion durch. Was für eine Wohltat! Es gab letztlich zwei Hosen und ich war hochzufrieden.

Bordeaux fing gut an. Parkplatz hatten wir auch. Fürs Übernachten machte ich mir auch keine Sorgen, wir sollten bei einem Jugendfreund von Monsieur nächtigen. Der Jugendfreund war mir als Ex-Politiker und Teil der „gehobenen Bourgeoisie“ von Bordeaux angekündigt worden und ich schleppte für diese Begegnung zwei bessere Ausgehgarderoben mit mir herum, von denen ich hoffte, sie seien letztendlich nicht zu doll verknittert. Aber wir erreichten ihn telefonisch nicht. So versuchte ich am späten Nachmittag, mit dem kümmerlichen Rest meines Handy-Akkus, uns innenstadtnah ein bezahlbares Hotelzimmer zu suchen. Gab keins. Gar keins. Weder bezahlbar und auch sonst nicht. Wir setzten uns ins Auto und fuhren im Stop and Go-Feierabendverkehr durch Bordeaux und weder die ultramoderne Zugbrücke noch das wulstig aussehende neue Wein-Museum, La Cité du Vin, an denen wir vorbeischlichen, beeindruckten uns angesichts unserer dringlicher werdenden Suche bei einsetzender Dunkelheit. Wir tuckerten durch Bacalan, das Hafen- und Arbeiterviertel, von dem in meinem Bordeaux-BD die Rede war. Das ganze Gelände ist im Umbruch und wird in ein Wohngebiet umgewandelt, das immerhin schon 2025 fertig sein soll, aber noch ist alleOuvrier in Bordeauxs eine Riesenbaustelle voller gesperrter Straßen (Route barré) und Umleitungen (Déviation). Von einer dieser déviations erhaschten wir einen Blick auf die düsteren Reste der riesigen, bunkerähnlichen U-Boot-Basis aus viel Beton. Sie ahnen schon, wer das erbaut hat. Nirgendwo war bislang ein Hotel ausgeschildert und wir näherten uns schon dem Autobahnzubringer. In dieser lieblichen Gegend fanden wir dann endlich ein hässliches Betongebäude, vor dem, auf einem riesigen umzäunten Gelände, hunderte von LKWs parkten. Auf dem Dach des Gebäudes blinkte es Grün, über dem Eingang hingegen Rot. Restaurant stand da. Aha. Ein Fernfahrerhotel. Ich wartete auf dem Parkplatz und redete es mir schön und dachte, immerhin könnte ich so etwas erzählen, aber Monsieur kam schon mit resignierter Gesicht wieder heraus. Complet. Ganz in der Nähe solle es aber andere Hotels geben. Tatsächlich fanden wir einen neutralen weißen Kasten, hoch eingezäunt und umgeben von Ausfallstraßen. Die Situation erinnerte mich an eine Hotelsuche nachts in Bamako, seinerzeit mit meinem französischen Freund. Damals landeten wir weit außerhalb in einem Rot erleuchteten hotel de passe, einem Stundenhotel. Das einzige, was mitten in der Nacht überhaupt noch geöffnet hatte. Wir hatten dort eine eher schlaflose Nacht verbracht und uns in dem Zimmer mit vergittertem Fenster und Badezimmer ohne fließend Wasser vorsichtshalber eingeschlossen und den Stuhl, wie in vielen Filmen gesehen, mit der Lehne unter die Türklinke gestellt.

Ich sah den anonymen Kasten vor uns misstrauisch an. Es blinkte zumindest nirgends Rot. Und es gab ein freies Zimmer, das letzte, für 47 Euro mit kostenlosem Internetzugang. Drei Einzelbetten am Boden festgeschraubt mit exakt zehn Zentimetern Platz dazwischen. Ein kleines Duschbad. Ich suchte und schnüffelte kritisch herum, aber alles roch frisch und war sauber. Ich erwartete dennoch, nachts diverse Geräusche aus den Nebenzimmern zu hören. Was auch immer. Kam aber nichts. Es war ganz ruhig. Zum Essen fuhren wir jetzt aber nirgends mehr hin sondern futterten uns in einem Fastfood im benachbarten Gewerbegebiet satt. Am nächsten Morgen gabs Frühstück continental für 5 Euro. Gleichzeitig mit uns frühstückten dort drei Handwerker mit großen Kühltaschen, zwei junge Sportler, die sich ihr eigenes Müsli mitgebracht hatten, eine Familie mit drei Kindern und ein Ehepaar mit großem Hund.

870x489_cite-du-vin-a-bordeauxAuf dem Weg zurück in die Innenstadt ging es wieder vorbei am Wein-Museum. Ich mag moderne Architektur eigentlich, aber mit dem Gebäude des Wein-Museums hatte ich schon gestern beim Vorbeifahren so meine Schwierigkeiten. Aber ich trinke ja keinen Alkohol (mehr) und bin daher vermutlich Wein-Architektur-Banausin, denn, das habe ich nachgelesen, die unbekannte Form des Gebäudes soll die Seele des Weins darstellen: „Ce bâtiment ne ressemble à aucune forme connue parce qu’il se veut une évocation de l’âme du vin, entre le fleuve et la ville.“  Da ham Sie’s. Als Abstinenzlerin trank ich aber nirgends den wundervollen Bordeauxwein und das merkwürdig sich an der Gironde Garonne hinfläzende Museum hat mich ebenfalls nicht weiter interessiert.

Abcanneles-bordelaiser immerhin sind wir an einer dieser eher hässlichen Ausfallstraßen auf eine Cannelé-Bäckerei mit Direktverkauf gestoßen. Dort habe ich die berühmten Cannelés bordelais zum ersten Mal wirklich ganz frisch gegessen. Näherungsweise könnte man sie als „Gebackene Puddingküchlein mit Karamellkruste“ bezeichnen. Hmmm, die sind so was von lecker!

Dann gab es einen weiteren ergiebigen Buchhandelstag. Von außen eher schlicht, ist diese Librairie innen eher ein Disquaire. Ein Vinylplattenladen.

Librairie MicitaDer Besitzer kennt jedes Buch und jede Platte, die er hat. Ich kaufte eine der drei Carole King-Platten. Plattensammlung

Au Petit Coin heißt so viel wie bei uns das „stille Örtchen“ und ehrlich gesagt roch es in dem Viertel auch an jeder Straßenecke nach allen menschlichen Ausscheidungen. Das war bei der Namenssuche sicher nicht beabsichtigt. Innen drin aber roch es, wie in so vielen Antiquariaten, nur so ein bisschen Papier-muffig.  au petit coin

Die Bücher immerhin in edlen Weinkisten. Bordeaux, na klar.Bücher in WeinkistenIch entdeckte eine niedliche Handreichung aus den Sechziger Jahren für den Policier: Le Policier et les Jeunes. Wie soll man richtig mit Jugendlichen umgehen? Vor allem keine Vorurteile!, heißt es darin: Ein Hippie mit langen Haaren ist nicht unbedingt auch ein Krimineller oder Drogensüchtiger. Sieh an. Dies alles ist aber so amüsant illustriert, dass ich lange nicht glauben wollte, dass man das damals ernsthaft an Polizisten verteilt hat.

policier-et-les-jeunes kierkegaard

Wir aßen später in bzw. vor einer reinen und riesigen Comicbuchhandlung. Gibt ja alles.

Krazy Cat  Krazy Kat Kuchen

Ich lief dann noch ein bisschen durch die Stadt und fand einen schönen Park,

Park in Bordeauxund wieder meine geliebten Fußabkratzer, les décrottoirs. Die gab es zum Beispiel nicht in Arles und auch nicht in Nîmes. Vielleicht weil römische Städte schon so früh gepflastert waren?!

décrottoir weißdecrottoir blaudecrottoir KrautEs folgte tatsächlich ein zweiter Abend mit Hotelsuche (der Freund war noch immer verschollen). Ich war ja in der Zwischenzeit ganz begeistert von der nüchternen Ehrlichkeit „unseres“ Hotels, und wir fuhren zielstrebig ins Gewerbegebiet neben der Autobahn. Aber da wir nicht reserviert hatten, war diesmal sogar hier nichts zu machen. Ein große Medizinerkongress in Bordeaux hatte die Hotelzimmersituation zusammenschrumpfen lassen. Wir fuhren jetzt alle Hotels im nahe gelegenen Messegelände, euphemistisch Au Lac (am See) genannt, ab. Alles hässliche, funktionelle Kästen, ganz gleich in welcher Preisklasse. Aber alle ausgebucht. Complet. Complet. Complet. Wir bekamen das letzte Zimmer im Novotel, mit Seeblick immerhin. Angesichts des Zimmerpreises und überhaupt erschöpft, gingen wir wieder nicht aus, sondern picknickten mit unseren Vorräten auf dem Kingsize-Hotelbett und sahen fern.

Au LacNun, Bordeaux wird ja manchmal als Konkurrenz zu Paris gehandelt. Ich war auch dieses Mal nicht so wahnsinnig beeindruckt, trotz der Bouquinisten, trotz OSKA und obwohl wir die Quais entlang gefahren sind und ich dort allerhand von dem sah, was Hilke Maunder in ihrem Blog so schön zeigt.

Ich weiß nicht, woran es lag, dass mich diese Stadt erneut nicht in ihren Bann gezogen hat. Vermutlich standen wir einfach zu lange im Stop and Go-Feierabendverkehr in der Riesenbaustelle, und die Hotelsituation tat sicher ein übriges.

Der verschollene Freund hat sich übrigens, nachdem wir gerade eingecheckt hatten, überraschend gemeldet. Nein, sowas aber auch. Großes Missverständnis. Er sei untröstlich und lud uns am nächsten Tag natürlich zum Mittagessen ein. So kam meine Ausgehgarderobe doch noch zum Einsatz und zumindest Monsieur in den Genuss eines edlen Tropfens. Der Freund, ursprünglich kein Bordelais, erzählte von den Eigenheiten der diskreten Stadt, in der alles still und heimlich vonstatten geht. Personne ne dit rien, mais il y du sang sur les murs.

Ps: Falls Sie eher was Bordeaux-Begeistertes lesen wollen, mit Châteaux und lecker Essen und Weinprobe, möchte ich Sie gern zu Arthurs Tochter verlinken. Dort gibt es eine ganze Serie zu ihrer sehr aktuellen Reise durchs Bordeaux, und sie war auch im Wein-Museum! Voici Teil eins, zwei und drei. Danach sind Sie allein vom Ansehen der Bilder pappsatt

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Le Bassin d’Arcachon

Monsieur wollte frische Austern essen und es zog ihn mit Macht nach Arcachon. Wir fuhren also Richtung Norden. Noch einmal machten wir Halt am Atlantik. Vorher waren wir stundenlang durch die flachen Pinienwälder gefahren: Les Landes.

Pinien

Da man im Atlantik nicht so richtig schwimmen kann, zu flach einerseits, die Wellen aber gleichzeitig zu wild, hofften wir, im Bassin d’Arcachon eine gut gefüllte Bucht zum Schwimmen vorzufinden. Ich hatte uns ein einfaches Hotel irgendwo in der Mitte zwischen Arcachon und dem Cap Ferret gebucht und lief von dort gleichmal an den Strand. Nix wars mit Schwimmen. Ebbe. Ich lief also barfuß durchs Watt. Am nächsten Morgen eilte ich wieder an den Strand und fand das gleiche Bild vor. Wann ist denn mal Wasser im Meer, verdammtnochmal?

Ebbe am Abendauf dem TrockenenEbbe

Wir fuhren nach Cap Ferret, ich stieg auf einen hübschen Leuchtturm und danach gabs endlich die von Monsieur so ersehnten Austern in einem der vielen kleinen Cabanons, die dort überall Verkostung der sozusagen hauseigenen Austern anbieten. Was für ein traumhafter Ort: Füße im Sand. Frischeste Austern. Ein würdiges Essen für unseren 6. Hochzeitstag.

LeuchtturmBlicknoch ein BlickSelfieMenü du jourAustern mit BlickAustern

Danach musste zumindest ich nochmal an den Atlantik, da gibt es wenigstens Wasser, auch bei Ebbe. Und es gibt auch noch ein paar Bunker, die wir Deutschen dort mit unserer bekannten Gründlichkeit und viel Beton seinerzeit gebaut haben. Mich schockiert das immer, dass diese Bunker, „Blockhaus“ heißen sie bei den Franzosen, blokkos gesprochen, noch immer dort so wuchtig und obszön am Strand liegen. Immerhin mahnen sie jetzt auch gegen Plastik, denn, um das auch zu sagen, so wundervoll wie die Strände von Weitem aussehen, so schmutzig sind sie.

WellenschaumBunker am StrandBunker nahedifice de memoire

Oeanfrische. So ein Dreck liegt da überall herum.

Ozeanfrische

Zurück am Hotel, eile ich erneut zum Strand und schaffe es gerade, dort noch etwas Wasser vorzufinden, das sich langsam aber entschieden, schon wieder zurückzog.

EbbeSpazieren auf dem Seerot weissAbendstimmung

 

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San Sebastian

das Meer in San Sebastian

Die Buchhändlerin, der auf La Corrida spezialisierten Buchhandlung itineraire in Nîmes, eine Bekannte von Monsieur (früher hatte sie nämlich eine Krimi-Buchhandlung!), hatte uns von San Sebastian vorgeschwärmt. Ich wäre ja gerne spontan nach Bilbao gefahren, um das Guggenheim-Museum anzuschauen. Vorher war mir das nicht so klar, dass das dort in der Ecke liegt. Aber wir hatten ja immer wieder feste Termine auf unserer Reise und waren jetzt eigentlich eher Richtung Bordeaux festgelegt. Aber nach San Sebastian, kurzer Hüpfer über die Grenze, sind wir gefahren. Ich wollte eigentlich im Baskenland Schilder fotografiert haben, denn dort ist alles zweisprachig ausgeschildert: Französisch und Baskisch, und Baskisch erscheint mir unaussprechlich zu sein. Was macht man denn mit all den X’en in den Wörtern? In Spanien sind die Schilder, na klar, Spanisch und Baskisch. Da verstand ich sogar das Einfachste nicht mehr. Aber die Spanier sind ja nett und viele sprachen Französisch und die Jüngeren in den Pintxos, den Tapas-Bars, Englisch.

Ich hatte keine Vorstellung von San Sebastian, stellte mir irgendein Hafen-Kleinstädtchen vor, aber San Sebastian ist eine helle, große Stadt, modern und doch, ähnlich wie Nizza, voller Belle Epoque-Häuser. Und es warBademoden Filmfestival in San Sebastian, davon hatte ich zu meiner Schande noch nie gehört. Aber es ist wohl gar nicht so unbekannt und alles sieht ein bisschen aus wie in Cannes. Sogar die Art zu plakatieren. Ansonsten war viel abgesperrt, viel Security, roter Teppich und Luxuslimousinen. Wir gingen aber einfach ziellos spazieren Richtung Meer und dann stiegen wir einen Hügel hinauf, wo eine riesige Jesusstatue über San Sebastian wacht und dort oben im ehemaligen Fort ein modernes und kostenlos zugängliches Stadtmuseum eingerichtet ist. Wenn ich nicht so dringend mal wieder ein stilles Örtchen gebraucht hätte, wäre das Museum vermutlich richtig klasse gewesen. Ich bin eigentlich ursprünglich nur deswegen ins Museum gegangen, aber es gab keins. Kein stilles Örtchen. Kein WC im Museum! Wo gibts denn sowas? Da war dann alles nur noch halb so schön, selbst der Blick, obwohl der wirklich toll war und San Sebastian überrascht mit Stränden an der wilden Atlantikseite und in Inneren der Stadt. Sah zumindest von oben großartig aus. Ist es vermutlich auch.

San Sebastian StrandSan Sebastian Stadtstrand

Als wir uns der Stadt wieder näherten, war dort überall ein lautes Raunen und die Straßen waren voller Menschen. Ich dachte, es ist irgendein Fest, aber es war nur Samstagnachmittag und alle standen gutgelaunt in und vor den Tapas-Bars und redeten und lachten und tranken und aßen. Die Besitzerin eines klitzekleinen Schuhladens, wo ich handgenähte Espadrilles erstanden habe, empfahl uns eine der PintxoTapas-Bars, obwohl sie alle gut seien, wie sie betonte, und wir quetschten uns nach hinten durch, weil man dort auch sitzen konnte. „Sie können den Tisch aber nur eine Stunde haben“, sagte der junge Kellner entschuldigend. Fast hätte ich gelacht. Wie lange soll ich denn Häppchen essen? Aber natürlich haben wir gar nichts verstanden von der spanischen Art Essen zu gehen. Egal, wir haben es auf Touristen-Art gemacht: Ich habe miTapasr den Teller mit verführerischen Tapas vollgeladen und es gab selbstgemachte Zitronenlimonade, und sie war unfassbar gut! Monsieur wagte, warme Tapas zu bestellen und trank eine leichte und frische Sangria. Vor und hinter der Theke wirbelten viele junge Menschen herum, alles ging zackzack und alle waren supernett. Und alles schmeckte gar köstlich. KÖSTLICH. Ich hätte wirklich gerne alles durchprobiert, aber wir hatten ja nur eine Stunde und irgendwann muss es auch gut sein. Den einzig guten Kaffee auf der Reise gab es natürlich auch hier.

Ich habe leider keine aussagekräftigen Fotos gemacht, aber wenn ich Ihnen sage, dass Monsieur San Sebastian als das Highlight unserer Reise ansieht, dann will das was heißen.

Euskal HerriaFalls Sie noch etwas über San Sebastian lesen möchten, habe ich hier einen Artikel gefunden.

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Einmal quer rüber : Albi und Pau

AlbiSo, ich erzähle Ihnen noch ein bisschen von unserem Urlaub, einverstanden?!

Albi liegt irgendwie weit weg. Vor allem, wenn man von Nîmes kommt. Wir waren spät dort losgefahren und es gibt keine Autobahn, mit der man die 250 Kilometer zügig hätte zurücklegen können. Wir zuckelten also über eine Route Départementale, nicht besonders schnell und landschaftlich nicht besonders schön. Schade, nur wenige Kilometer weiter nördlich hätte es eine wirklich schöne touristische Route gegeben, den Tarn entlang, der sich an manchen Stellen durch Schluchten schlängelt. Es hätte da viel zu sehen gegeben. Auch die sehenswerte Templerstadt La Couvertoirade ließen wir schnöde rechts liegen. Für beides fehlte uns die Zeit, freitags morgens hatte ich einen Termin in Anglet bei Bayonne und davon waren wir zumindest örtlich noch weit entfernt. Aber Monsieur bestand auf Albi. Beziehungsweise auf die Kathedrale in Albi. Weltkulturerbe immerhin. Gegen 17 Uhr stellten wir das Auto auf den Hotelparkplatz und eilten durch die Altstadt und kaum, dass ich mich von dem Schock über den gigantischen burgähnlichen Backsteinbau erholt hatte, standen wir im Inneren und ich bekam den Mund vor Staunen nicht mehr zu. Die Kathedrale war seinerzeit von italienischen Rennaissancemalern komplett ausgemalt worden und obwohl die Wände und Decken bislang nie restauriert worden waren, strahlten sie in einer überraschenden Farbigkeit. Mich faszinierten vor allem die vielen geometrischen Muster, die mich stark an M. C. Escher erinnerten.

Cathedrale St. CécileMusterDeckengewölbe

Das benachbarte Toulouse-Lautrec-Museum war danach natürlich geschlossen und fiel anderntags wegen keine Zeit aus („außerdem kennt man das doch eh alles“ meinte Monsieur) und den Rest der nett aussehenden Altstadt, die, wie die Kathedrale in dunkelroten Backstein erbaut war, was der Stadt den Beinamen la Rouge,“die Rote“ gab, sahen wir auch nur im Vorübereilen.

Ballons über Albiroter Backstein

Der nächste Tag war wieder ein Fahrtag. Autobahn diesmal. Wir müssen ja mal weiterkommen. In Pau immerhin machten wir Pause, fielen schon in der Vorstadt über einen Bouqunisten, was für ein Glück, und aßen mittags unter Lindenbäumen. Da wir in Pau zufällig über eine Agence von Gîtes de France stolperten, organisierten wir uns ein Chambre d’Hôtes im Baskenland. Beruhigt, dass wir ein Dach über dem Kopf haben werden, konnten wir dann noch entspannt ein bisschen in Pau herumlaufen. Pau kommt wieder in hellen Tönen daher und manch alte Gebäude haben eine schöne Struktur aus Kieselsteinen. Ich war allerdings schon ein bisschen Stadtmüde und habe keine ansehnlichen Fotos gemacht.

Struktur

Das Chambre d’Hôtes lag nur zwei Minuten von der Autobahn, einen Steinwurf entfernt von einem Leclerc und dennoch ruhig und ländlich mit drei Eseln vor der Haustür. Das Haus selbst gebaut in traditionellem baskischen Stil. Großes Zimmer mit Balkon und noch größerem Bad. Die Deko litt ein bisschen unter der Orchideenleidenschaft der Besitzerin, aber wir wollten ja nur dort schlafen und nicht einziehen. Über eine wundervolle Küstenstraße, die Corniche kam man in kürzester Zeit nach Hendaye, das haben wir abends noch gemacht, denn ich wollte nach all dieser Stadtkultur unbedingt ans Meer. Die Fotos davon kennen Sie schon. Das Bett war gut und das Frühstück anderntags üppig. Wir verlängerten gleich mal unseren Aufenthalt um eine Nacht. Nach dem wichtigen Termin in Anglet fuhren wir dort an den Strand. Das haben sie auch schon gesehen. Daher hier ein Bild von den freundlichen Nachbarn.

Nachbarn

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Nîmes

Bushalte Nemausus

Next day Nîmes. Zufällig kamen wir über eine Nebenstraße nach Nîmes und ich sah mich unverhofft dem umstrittenen Sozialwohnungsbau aus den Achtziger Jahren von Jean Nouvel gegenüber: Nemausus.

NemaususNemaususNemaususFür Laien sieht die Anlage aus onduliertem Stahl vielleicht aus wie eine große Feuerwehrstation, die Falttüren des Gebäudes werden tatsächlich bei Feuerwehrstationen eingesetzt, aber nein, es handelt sich um Sozialwohnungen. Auch innen sind die Wohnungen industriell angehaucht, nüchtern, schnörkellos, und ich habe seinerzeit in Architekturzeitschriften provokante Fotos von verloren aussehenden Menschen gesehen, die nicht wussten, wie sie ihre wuchtigen Schrankwände in die kleinen, schick-unverputzten Betonräume integrieren sollten, denn Jean Nouvel wollte nicht, dass die Mieter ihre Wohnungen mit Tapeten, Vorhängen oder Kacheln veränderten. Ich fragte mich, wie und ob die Wohnungen heute  „funktionieren“ und habe diesen (englischsprachigen) Film gefunden, der ganz aufschlussreich ist. (Dauert 25 Minuten!)

Nun, Nîmes hat auch eine Arena. Eine Nummer größer als Arles.

Arena NimesNimestorrerosWenn Sie genau hinschauen, sehen Sie noch das (mit Sand bedeckte) Blut des Torros in der Arena vom Stierkampf mit dem jungen talentierten Torrero Alejandro Talavante, den wir am Vortag in Arles im Fernsehen erlebt hatten.

Nîmes ist insgesamt großstädtischer. Ich hab’s nicht mehr so sehr mit großen südfranzösischen Städafficheten. Sie sind für mich nur laut und ermüdend. Alles, was man als Tourist vielleicht spannend findet, das Autochaos mit seinen Kreisverkehren und den Toutes directions-Schildern, die Cafés, Restaurants, Märkte, Boulangerien und Läden kenne ich ja aus Cannes und Nizza. Das hat für mich weniger Charme, tut mir leid, klingt vielleicht snobistisch, ist aber so. Ausgelassene Menschenansammlungen mag ich auch nur noch bedingt, und dass wir exakt einen Tag nach der Vendange-Feria, dem Herbstspektakel mit Wein, Corrida und Musik und spanisch-gitano-angehauchtem Karneval in allen Straßen und Gassen, in Nîmes ankamen, war mir gerade recht. Aber klicken Sie in dem Link zur Vendange mal auf die Filmchen, dann kriegen Sie was vom Ambiente mit. Ist sicherlich ganz toll. Muss man aber mögen. Und erkennen Sie das Lied der Blaskapelle? Ist das nicht „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens? ;-)

So war es also recht ruhig in der großen Stadt, die noch ihren Kater ausschlief.

CoiffeuritineraireTalavanteIm Hotel hatte ich ein kleines Zimmer zum Sonderpreis gebucht, denn wer kommt schon direkt nach der Feria nach Nîmes? Da sind dann alle Zimmer wieder frei und ausnahmsweise spottbillig. Leider sind sie noch nicht wieder gemacht, das Zimmermädchen hatte vermutlich auch Kopfschmerzen, sodass wir kurzerhand in eine Suite upgegradet wurden. Zwei schicke große Zimmer voller Design, zwei bequeme breite Betten, zwei Bäder, zwei Fernseher, eine Kaffeemaschine und das alles weiterhin zum Schnäppchenpreis. Monsieur wollte gar nicht mehr raus und ich ging daher den Rest von Nîmes alleine anschauen.

Monsieur liest lieber Iris Apfel Dali Stones

La Maison Carré, der einzig vollständig erhaltene Tempel der Antike stand gleich um die Ecke.

la maison carréUnd direkt gegenüber die moderne Antwort von Sir Norman Foster: Le Carré d’Art, das eine Mediathek, ein Kunstmuseum, eine Buchhandlung und ein Café-Restaurant mit Dachterrasse umfasst.

SpiegelungIch stieg aber lieber die Treppen im Turm Magne in den schönen und ruhigen Jardins de la Fontaine hinauf.

Pokemon go zum Turm la tour Magne Blick über Nîmes Alles haben wir auch hier nicht geschafft, ich hätte gern noch die Jeans-Geschichte im Museum angesehen, der Stoff, der dafür aus Nîmes kam, de Nîmes, kurz Denim.

Lacoste, die Hemden mit dem Krokodil, kommen übrigens auch aus Nîmes. Das Krokodil kommt auch im Wappen von Nîmes vor. Weiterlesen über Nîmes können Sie vielleicht bei Hilke Maunder, bei der ich mich gerne informiert habe und der ich den Tipp für das Hotel verdanke.

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Arles

Arles

So. Wir sind zurück. Haben viel gesehen, viel erlebt, viele Kilometer zurückgelegt und hatten durchgängig Sonnenschein, obwohl mehrfach schlechtes Wetter und Gewitter angesagt waren. Ich versuche, unsere Reise nachträglich zu dokumentieren. Mehr Bild als Text vielleicht, denn mein rechter Arm ist noch immer etwas lahm, was sich beim Tippen sofort bemerkbar macht.

Meine Lieblingsstadt unserer Reise war und ist Arles. Vielleicht auch, weil es die erste Station war, möglich ist das. Arles ist überschaubar, hat dafür erstaunlich viel Kultur zu bieten, viel Römisches: eine Arena,

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ArenesArenesein Amphitheater,

Amphiteater Arles

unter dem Rathaus die unterirdischen (Lager-)Hallen des ehemaligen Forums, les Cryptoportiques

CryptoportiquesUnterirdisch

und Van Gogh natürlich (das Van Gogh Zentrum war aber leider geschlossen).

Vincent

und gleichzeitig gab es eine riesige Photoausstellung, weshalb überall in der Stadt wie zufällig an den Wänden Photokunst hing. Gefiel mir gut.

an der WandKunst an der Wand 2

Das ist keine Kunst, zumindest nicht offiziell, gefiel mir aber auch.

Wandbemalung

Es gibt zurzeit ein Projekt eines jungen Buchhändlers, der um die Welt reist und überall die wundervollsten Buchhandlungen dokumentiert. Wir haben so etwas ähnliches gemacht, weniger glamourös, wir haben nämlich überhaupt Buchhandlungen besucht. So viele gibt es ja nicht mehr. In Cannes zum Beispiel hat die letzte unabhängige Buchhandlung vor etwa zwei Jahren geschlossen. Es gibt nur noch eine fnac-Filiale und draußen auf der grünen Wiese gibt es Cultura, wo es aber neben Büchern auch immer mehr anderes gibt: Schreibwaren, Bastelkram und Spielsachen. Wir haben auf unserer Reise also Buchhandlungen und vor allem auch antiquarische Buchläden aufgesucht: des bouquinistes. Obwohl so geliebt am Seine-Ufer in Paris, sind sie in vielen anderen Städten nämlich ebenso weitestgehend verschwunden. Im kleinen Arles gibt es mehrere und vor allem die sehr literarische Buchhandlung, die dem Verlag Actes Sud angeschlossen ist.

Actes Sud

Zeit, um die Orte abzulaufen, die van Gogh gemalt hat, hatten wir leider nicht. Wir waren nur einen knappen Tag in Arles und der Schwerpunkt lag (dieses Mal, denn man wird wiederkommen müssen) auf dem römischen Kulturerbe. So haben wir das Nachtcafé in der Altstadt, auch nur zufällig auf dem Weg zum Forum gefunden, ich hätte es aber beinahe nicht mal erkannt, vermutlich weil es Tag war, und suchte dann in der ganzen Stadt vergeblich eine Postkarte des Gemäldes von Van Gogh.

Café de la nuit

vincent_willem_van_gogh_-_cafe_terrace_at_night_yorckHätten Sie es erkannt? Sehen Sie … Daher sind wir auch im benachbarten Café der Aficionados, einem Café für Stierkämpferfreunde, gelandet. Dort lief in der Wiederholung ein spannender Stierkampf im Fernsehen, der am Vortag in Nîmes in der römischen Arena während der Feria stattgefunden hat. Am nächsten Tag waren wir in Nîmes und man sah dort noch die Spuren eben dieses Spektakels im Sand. Wenn Sie das mit dem Stierkampf nicht mögen, dann müssen Sie jetzt wegklicken. Ich kann es auch nur schlecht aushalten, aber egal ob in Arles, in Nîmes oder in anderen Städten der Region, hier gehört Stierkampf zur Kultur, wird ausgeübt und stolz verteidigt.

k800_dsc00059 k800_dsc00065 Stierkampfliteratur

Mein Lieblingsort in Arles aber sind Les Alyscamps geworden. Die „Elysischen Felder“ sind eine Grabstätte aus römischer Zeit, die im Laufe der Jahrhunderte geplündert, wegen des Eisenbahn- und Kanalbaus verkleinert und deren steinerne Sarkopharge von den Bauern der Umgebung entwendet und pragmatisch als Viehtränke umgenutzt wurden. Van Gogh hat Les Alyscamps gemalt und heute findet man dort Kunststudenten, die an dem romantischen Ort, etwas außerhalb der Stadt, im Schatten der Bäume ihrerseits malen.

Les Alyscampsjeunes artistes k800_dsc00016ein Kunstwerk

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Mehr Meer

Mehr Meer geht nicht, oder? Meer, Strand, Weite und Himmel heute in der Nähe von Biscarosse-Plage.

Blick nach SüdenBlick nach Nordenschnell weg AtlantikHerz am Strand

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Blau

Voilà, wir können auch Blau im Westen. Strände von Anglet. Der Leuchtturm gehört schon zu Biarritz. Die Surfer sehen von Weitem aus wie eine Seehundekolonie im Wasser …

Blick auf BiarritzSurferkaputtBlick nach Norden k800_dsc00227

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Ferien

Wir machen Ferien! Nach Kultur in Arles, Nîmes, Albi und Pau sind wir jetzt tief im Westen am Meer angelangt: Hier Fotos von Hendaye heute Abend. Sieht düster aus, war aber ganz mild. Füße im Wasser und der Sand ist so fein! Und diese Weite! Sagenhaft. Das Mittelmeer kann sich eine Scheibe abschneiden, jawoll!

HendayeMonsieur am StrandHendaye 2

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Sonntagmorgen

Wir hier: kleiner Rad-Ausflug zum Cap d’Antibes. Und Sie so?

RadausflugPlages des Ondesk800_img_20160918_095151 k800_img_20160918_094759k800_img_20160918_095220

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Wieder da!

8.37 Uhr. Erst! Ich habe schon gefrühstückt, den zweiten Kaffee getrunken, alles Neue im Internet gelesen, schaue auf die Uhr und starre aus dem Fenster: 8.37 Uhr und es ist immer noch bedeckt. Bewölkt könnte man auch sagen. Obwohl France Météo euphemistisch von „éclaircis“ spricht, Aufhellungen, Aufklarungen. Ich meine, wenn es drei Monate durchgängig prallen Sonnenschein und stete 30+ Grade hatte, und es dann plötzlich bedeckt ist, ist das für mich eher eine Bewölkung. Aber vermutlich ist das noch der Touristen-Sprech, keine Sorge liebe Leute, es klart schon auf! Gehen Sie ruhig schon mal an den Strand, wird gleich wieder heller.

Ich wollte heute an den Strand. Am ersten Montagmorgen im September, wenn alle wieder zur Schule und zur Arbeit gehen, gehe ich an den Strand, und bin dort fast ganz alleine. Dachte ich. Jetzt sitze ich stattdessen wirklich ganz alleine zuhause am Küchentisch, der Ort, an dem die rauschenden Wellen des Straßenlärms nur wenig vernehmbar, die des Internets aber gerade noch anlanden wollen. Nebenan im Park plätschern die Springbrunnen. Sie sehen, ich suche die Wasser-Metaphern. HA! Ein Sonnenstrahl? Noch ist es nicht sicher.

Nun denn. Der Sommer war anstrengend, in jeder Hinsicht. Heiß, schwül, laut und arbeitsam. Je nachdem von welcher Warte man das betrachtet, liest sich das auch alles ganz positiv. Wer Regen hat und mittlere Temperaturen, der findet sonnig und heiß natürlich klasse. Wer kaum noch etwas hört, wie etwa meine Schwiegermutter, findet vermutlich sogar den Straßenlärm erfreulich. Es gibt ja Studien, die besagen, dass nicht etwa das „Nichts mehr sehen“-können, sondern das „Nichts mehr hören“-können, die Menschen am unglücklichsten macht, weil es sie isoliert. (Sie sehen, ich habe die Worte Blindheit und Taubheit geschickt umgangen, ich weiß ja nicht, ob man die politisch korrekt überhaupt noch anwenden darf.) Meine Schwiegermutter, die trotz zweier Hörgeräte nicht mehr alles, was am Tisch (und auch sonst) gesagt wird, mitbekommt und daher immer schrill „Pardon?“ dazwischenrufen muss, und dann ein ärgerliches „Redet doch lauter!“ hinterherschiebt, sich aber noch mehr ärgert, wenn sie merkt, dass wir quasi brüllen, damit sie uns versteht, die freut sich vermutlich über jedes Geräusch, das zu ihr vordringt, und sei es die Holzsäge des Nachbarn, gibt es ihr doch das Gefühl noch am Leben teilzunehmen.

Und wer keine Arbeit hat, hätte vermutlich gern welche. Also hören wir mal auf, uns über unser Luxusschicksal zu beschweren. Über den Druck, der monatelang komisch über einem hängt, der uns zu asozialen Wesen macht mit noch komischeren Be- und Empfindlichkeiten. Sehr schön und ehrlich erzählt das Katja Lange-Müller in diesem Interview: „Das sind dann Monate, in denen du wirklich asozial wirst. Man geht einmal die Woche runter und kauft ein, holt einen Kasten Mineralwasser und kommt ansonsten nicht aus dem Bademantel heraus. Man vernachlässigt auch persönliche Beziehungen.“

Das finde ich ja immer tröstlich, denn so ähnlich schreibe ich auch. Halb verwahrlost, ungekämmt und ungewaschen, im Nachthemd und ohne Sozialkontakte, aber mit Bergen von Schokolade (bei Katja Lange-Müller sind es Zigaretten, sagt sie aber nicht), was mir bei jedem neuen Band mit Commissaire Duval etwa drei Kilo Gewichtszunahme beschert, die ich dann versuche bis zum nächsten Band wieder halbwegs herunterzuhungern oder wenigstens mit Sport in Muskelmasse umzuwandeln. Denn auch wenn ich mir jetzt immer mal schicke dicke Frauen im Internet ansehe, bin ich selbst ungern so dick. Hat natürlich auch mit dem Alter zu tun. Jung und dick ist immer doch attraktiver als alt und dick. Ich blogge übrigens bei den Blogs 50+, und wissen Sie was? Ein Beitrittskriterium war, dass man (hin und wieder) das Alter zum Thema macht! Könnse haben. Machen Sie sich auf was gefasst!

Ich schweife ab, ich war bei Sonne und Lärm. Und eigentlich stimmt es auch gar nicht, ich war nämlich die meiste Zeit in den Bergen, und da war es gar nicht so heiß und auch nicht so laut, obwohl … Über die vermeintliche Stille auf dem Land hat Friederike vom Landlebenblog schon einmal geschrieben, das muss ich hier nicht wiederholen: Wiesemähen, Holzsägen, Hundegebell… alles sehr intensive Geräusche, die in der Bergwelt weithin hörbar sind.

Monsieur musste sich in all der Zeit daher auch in Stillarbeit beschäftigen, wie das früher in der Schule hieß: wenn man mit seiner Aufgabe fertig war, durfte man gern etwas anderes machen, sollte dabei aber vor allem die anderen nicht stören. Das ist ja alles nicht so leicht. Monsieur schlug als erstes mal auf die feuchte Wand im alten Sommerhaus ein. Er glaubte, nur weil er das im Treppenhaus alleine machte und ohne mit mir zu sprechen, würde es mich nicht stören, dass das ganze Haus unter den Schlägen des Vorschlaghammers wummerte, der Verputz bröckelte, das Treppenhaus voller Schutt lag und das Haus komplett eingestaubt war. Warum schreist du so? fragt er verwundert und ließ dann resigniert den Hammer fallen, weil ich ihm diese Tätigkeit strikt verbat! Nächste Baustelle: Fensterläden streichen. Klingt friedlich und still. Ist es natürlich nicht. Leitern müssen gehalten werden, während Monsieur am Klettergurt in mindestens fünf Metern Höhe schwingt, balanciert und werkelt. Manche Fensterläden mussten, weil sie trotz aller Akrobatik ungünstig zu erreichen sind, auch abgehängt werden. Abseilen ist das passendere Wort. Auch das ging nicht ohne meine Hilfe und Fluchen und gegenseitigem Anraunzen. Wenn Monsieur dann nachmittäglich entspannt ein paar alte Vinyplatten auflegte und dazu in Stillarbeit friedliche Patiencen legte, meckerte ich schon wieder. Wie jetzt? Nicht mal Musik? NEIN! Sie sehen, ich komme nicht weg vom Lärm, dabei wollte ich dieses Mal noch gar nicht darüber schreiben.

Geschrieben haben wir, Christine und ich, so gut es eben ging, so lange die Familie in den Bergen war, ging bekanntermaßen nicht viel und so fuhr ich wieder runter nach Cannes, aber ganz egal wo, wir haben die letzten Monate vor allem drinnen verbracht. Sitzend an unergonomischen Tischen, auf unergonomischen Stühlen, vor dem PC, die Hände auf der Tastatur und den Ellenbogen komisch in der Luft, was zumindest mir eine Art Tennisarm bescherte. Typewriter-Ellbow sagte Dr. D. in Ferndiagnose und bietet eine Kortisonspritze ins Zentrum des Schmerzes an. Noch hoffe ich, dass es auch von alleine wieder besser wird.

Natürlich versuchte ich, wie jedes Jahr, draußen zu schreiben. Ich erinnere mich, in einer frühen Werbung für WLAN oder WIFI, wie das hier heißt, Menschen gesehen zu haben, die mit ihrem Notebook stimmungsvoll und gut gelaunt unter Apfelbäumen saßen und vorgaben zu arbeiten. Werbung natürlich. Also, vielleicht können Sie das, ich kann es nicht. Denn selbst wenn ich Kontrast und Licht auf dem Notebook-Bildschirm auf Anschlag stelle, bleibt der Text blass und schwach sichtbar, es ist anstrengend für Augen und Hirn, und immer verschwindet der Curser im Nichts, das wird nach einer gewissen Zeit so nervig, dass ich es wieder aufgebe und mich seufzend ins Innere des kühlen Hauses begebe, ein Strickjäcken anziehe und den Sommer nur noch am geöffneten Fenster vorbeiziehen sehe. Gottseidank dauert er hier so lange wie es Rudi Carrell mal besang, nämlich von Juni bis September, so dass ich auch jetzt noch Sommer haben könnte, aber heute wie gesagt „éclaircis“, daran hat sich auch um 10 Uhr noch nichts geändert.

Ich habe das in der Sonne sitzen schon einmal probiert dieser Tage, in den Bergen, direkt nach Abgabe des Manuskripts, aber kaum saß ich erwartungsvoll im Gartenstuhl, ausnahmsweise mal wirklich nur umgeben von Geräuschen der Stille, dem Summen und Brummen und Sirren von fliegenden Insekten, dem Zirpen der Zikaden und dem schrillen Pfeifen der Murmeltiere, zogen dicke Wolken auf, Tropfen fielen und ich rannte, um die Wäsche abzuhängen.

So. Zwischenzeitlich habe ich gekocht, wir haben gegessen und kurz zuvor habe ich ein stinkendes Katzenhäufchen aus dem Treppenhaus entfernt. Sie scheint noch etwas verwirrt, die Katze. Eben noch in den Bergen und Aug‘ in Auge mit dem Fuchs, jetzt schon wieder in Cannes. Wie soll man sich da noch auskennen? Es ist viel zu heiß und vermutlich ist der Weg über die Mauer bei diesen Temperaturen zu beschwerlich und zum Katzenklo zu lang. Anders kann ich mir das nicht erklären. Das mit dem Fuchs war wirklich aufregend, zumindest für Pepita. Dass irgendetwas nicht stimmte, merkte ich, als Pepita auch nach wiederholter lieblicher Futterdosenschüttelei, ein Mittel, das eigentlich immer funktioniert, um 23 Uhr noch immer nicht zu Hause war (ja, ich weiß, Katzen sind eigentlich nachtaktiv und nachts draußen, aber meine sind dank meiner mütterlichen Fürsorge nachts eher Sesselaffin). Da kriegt mein Mutterherz immer gleich ein angstvolles Rasen, ich sehe in Gedanken Pepita schon tot, vom Wolf oder anderen wilden Tieren zerfetzt. Mit zwei Taschenlampen bewaffnet ging ich zu später Stunde durch das stockfinstere Dorf, die einzige Straßenlaterne wurde von einem Anwohner zerstört, weil sie ihn beim Sternegucken störte. Wir sehen jetzt also die Milchstraße und wundervolle Sternbilder wie Kassiopeia und was weiß ich noch alles, stolpern dabei aber über jeden Stein. Ich leuchtete also die Feldwege ab und rief meine Katze. Irgendwann kam sie angesaust, aber nur um sofort wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. Uff! Immerhin lebte sie noch, aber sie wollte einfach nicht mit mir nach Hause laufen. Ich begriff es erst, als ich beim Herumleuchten das rötliche Tier hinter dem Vorderreifen des Autos entdeckte: der Fuchs! Direkt vor dem Haus! Glücklicherweise hatte er vor mir mehr Angst als ich vor ihm und er verschwand alsbald lautlos und Pepita konnte jetzt auch endlich zisch ins Haus sausen. Ohne zu fressen, hoch ins Zimmer und auf den Sessel. Dort blieb sie zwei Tage, ohne sich zu rühren. Nach all diesen überstandenen Abenteuern ist Cannes ja gähnend langweilig. Deswegen wird hier auch nur noch geschlafen.

15.30 Uhr kleiner Ausflug auf den Antikmarkt, nur mal so, Monsieur ist dort Stammkunde für alte Bücher und fand natürlich zwei wunderbare alte Schätzchen. Ich hingegen habe mir nur die Füße in meinen Sommersandalen wundgelaufen, die ich vermutlich zum dritten Mal in diesem Jahr trug. Ich sollte aufhören, irgendwas für den Sommer zu kaufen, ich komme eh‘ nirgends hin und trage monatelang ganztägig nur Nachthemd. Es ist in der Zwischenzeit dann jetzt doch sonnig geworden und immer noch erschöpfende 29 Grad warm, aber mittags und abends gehe ich ungern an den Strand: zu heiß, zu voll, zu laut. Man ist ja dann doch etwas verwöhnt mit dem Meer vor der Haustür. Badeanzüge habe ich übrigens auch gekauft dieses Jahr. Zwei sogar. Nach diversen Versuchen, Sie erinnern sich vielleicht, bleibe ich bei Seafolly und dem Modell Goddess, dem ich allerdings jedes Mal die Polster aus dem Oberteil fummele. Ich hoffe, sie kommen dann auch noch zum Einsatz, die Badeanzüge, meine ich. Und nein, an dieser Stelle kein Kommentar zum Burkiniverbot in Cannes.

18.04 Uhr. Das komische Geräusch in der Küche ist eine riesige afrikanische Heuschrecke, die sich durch den Lorbeerblattvorrat auf dem Kühlschrank frisst. Ich staune. Ich kann eigentlich alles mögliche Gewürm und Getier anfassen seit meiner Bauernhofzeit, aber hier habe ich Hemmungen. Jetzt habe ich sie mit einem Teil des Lorbeerblattvorrats über die Mauer in den Park geworfen.

So: Die Pflanzen im Vorgarten und im Hof werden gegossen, dann vielleicht noch ein bisschen in halb-alten Zeitungen gelesen, mein gerade begonnenes Probe-Abo einer deutschen Sonntagszeitung stapelte sich nämlich seit drei Wochen hier in Cannes. Später gibt es dann meine montägliche Lieblings-trash-Sendung L’amour est dans le pré, auf die ich ja auch drei Wochen lang verzichtet habe, live streaming gibt es zwar, aber dafür ist unser Berg-Internet-Anschluss zu schwach.

So, jetzt wissen Sie in etwa, was ich im Sommer und heute so gemacht habe, und weil heute außerdem der 5. ist und weil Frau Brüllen mit ihrer allmonatlichen Frage WMDEDGT dran ist, verlinke ich dorthin!

 

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Sonntag

la paixHeute hat mich jemand erkannt. Vor der Kirche Sacre Coeur du Prado im Viertel um den Boulevard de la République, als wir ein bisschen benommen und unsicher herumstanden und uns fragten: Wie gehts jetzt weiter? Was passiert? Gehen wir wieder rein? Ich hörte deutsche Töne mit einem leichten österreichischen Akzent und konnte nicht umhin zu sagen, dass das vermutlich keiner so recht wüsste, kommt ja nicht so oft vor, dass sich Muslime, Juden, Buddhisten, katholische und evangelische Christen vor und in einer katholischen Kirche versammeln. Der Französische Rat der Muslime (CFCM) hatte dazu aufgerufen, aus „Solidarität und Mitgefühl“ zu den Sonntagsmessen zu kommen, in denen heute besonders dem am Dienstag ermordeten Priester Jacques Hamel gedacht wurde.

Ich bin heute bewusst in diese Kirche gegangen, denn das Quartier République ist ein Viertel mit hoher nordafrikanischer Bevölkerung. Ich kenne hier so manchen Tunesier oder Marokkaner, der nach dem Attentat auf die Redakteure von Charlie Hebdo gehässig sagte „bien fait pour leur gueule“, geschieht ihnen recht. Hier solidarisch ein Fähnchen mit der Trikolore zu zeigen, ist schon ein mutiger Akt. Ich war gespannt, ob sich überhaupt Muslime zeigen würden. Ich zählte während der Messe vermutlich Drei: zwei Männer und eine verschleierte Frau. Immerhin, dachte ich, und gab den beiden Männern, die in meiner Nähe saßen, beim Friedensgruß bewusst die Hand.

Dass in den Fürbitten gleichzeitig für den ermordeten Priester und für seine Täter gebetet wurde, ließ mich schlucken. Ich war überhaupt sehr gerührt und hatte immer wieder Tränen in den Augen. Der Pfarrer bat darum, dass wir nach der Messe nicht gleich nach Hause gingen, sondern uns draußen versammeln sollten, um danach mit den vermutlich anwesenden Muslimen ein Friedensgebet zu sprechen. Als ich aus der Kirche trat, musste ich unwillkürlich weinen. Der Hof war voll mit Menschen: Männer, Frauen, Kinder. Ich sah auch ein paar junge Männer, die sich nicht so ganz wohl fühlten, das sah man. Aber sie waren da. Ein Mann streckte mir weiße Blumen entgegen, eine verschleierte Frau umarmte mich und eine weitere verschleierte Frau drückte mich an sich und sagte „Nous sommes tous avec vous!“, wir sind alle mit Euch (solidarisch und traurig). Ich schluchzte und sagte immer wieder „Danke, dass Sie da sind!“ „C’est normal!“ hörte ich, oder „Wir sind auch traurig“. Dann standen wir gerührt herum mit den weißen Rosen und den anderen weißen Blumen in den Händen und wussten nicht, wie es weitergehen sollte. „Sind Sie Christiane Dreher?“ fragte mich in dem Moment die Dame mit dem leicht österreichischen Akzent. „Ja“, antwortete ich verblüfft, „kennen wir uns?“ „Nein, aber ich lese alle Ihre Bücher!“ sagte sie begeistert und strahlte mich an. Wahnsinn! Das war mir bis dahin noch nie passiert. Ich habe in der Aufregung den Namen, den ich zwar erfragte, leider schon wieder vergessen, aber falls Sie es hier lesen, dann winke ich Ihnen noch einmal zu!

„Das ist „mein“ Cannes, das Sie beschreiben“, sagte sie, die Epicerie aux deux Palmiers, l’Église Sacre Coeur du Prado, all das kenne sie gut. Seit dreißig Jahren komme sie nach Cannes, aus familiären Gründen, manchmal wäre sie lieber mal woanders, aber nein, man muss nach Cannes. Auch wenn die Hitze im Sommer kaum zu ertragen ist. Aber jetzt gibt es meine Bücher als Urlaubslektüre, und siehe da, jetzt hat man auch die Autorin kennengelernt, einfach so beim Kirchgang.

Wir gingen dann alle wieder zurück in die Kirche, mit allen Menschen, die sich eingefunden hatten: Muslime, Juden, Buddhisten, Protestanten und vielleicht auch noch Menschen anderen oder gar keinen Glaubens. Die Punkte der Charta des Vereins Vivre ensemble wurden verlesen, einer nach dem anderen, jeweils von einem anderen Glaubens-Kollegen, wie sie sich untereinander nennen. Der Verein Vivre ensemble versucht, ein friedliches Miteinander der Religionen zu leben und zu vermitteln und hatte speziell die Kirche in diesem Viertel zu der heutigen Solidaritätskundgebung ausgesucht. Das erklärt, warum sich so viele Menschen dort eingefunden hatten. Wir sangen zusammen, beteten, und hielten uns während einer Schweigeminute an den Händen.

Danach gab es einen Umtrunk, ich aber ging nach Hause, nicht ohne dem Aufgebot der Police Municipale, die solche Kundgebungen beschützen (müssen), zu danken. Genug Emotionen für einen Tag.

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Sainte Anne

Ste AnneAm vergangenen Samstag ist zum ersten Mal in der Geschichte des Dorfes das Patronatsfest der Sainte Anne, kurz Ste. Anne, buchstäblich ins Wasser gefallen. Der Pfarrer und auch sonst niemand konnte bei dem andauernden schlechten Wetter die völlig überflutete Geröllstrecke hier hinauf fahren. Dabei hatten wir seit Tagen das Dorf und das Kirchlein herausgeputzt. Im Kirchlein haben wir die Bänke, den Altar und die Gipsfigur der Ste. Anne abgestaubt, die anlässlich ihres Geburtstages immer in einer kleinen Prozession zu ihrem Oratoire, einem Kapellenbildstock, getragen wird. Wir haben gesaugt und gefegt und frische Luft hineingelassen in das etwas muffig riechende Kirchlein. Wir haben frische Kerzen aufgesteckt und Blumen gepflückt und den wackeligen Stuhl für den Pfarrer stabilisiert, und meine betagte Schwiegermutter hat es sich nicht nehmen lassen, die weiße, leinene Altardecke eigenhändig zu bügeln. Im Dorf haben wir die Wege vom wuchernden Unkraut befreit, das Gras entlang der Wege gemäht, die gepflanzten Blumen gegossen und das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs und das Oratoire der Ste. Anne mit Blumen geschmückt. Außerdem haben wir alles für einen festlichen Apéro nach der Messe vorbereitet. Normalerweise kommen auch die Leute aus den umliegenden Dörfern hier hinauf für das Fest, und nach der Messe und der Prozession redet und trinkt und isst man zusammen.

LichtBei uns im Haus polierte meine Schwiegermutter schon tagelang mit Eifer all die herumstehenden Kupfer- und Messingkessel. Alles muss glänzen für das Fest, und das Haus muss piccobello sauber sein. Wir alle wurden daher von meiner Schwiegermutter in strengem Ton angehalten, unsere Bücher, Zeitungen, Notebooks, Klamotten und Spiele aus dem großen Wohnzimmer, unserem Aufenthaltsraum, weg und in unsere Zimmer zu räumen. Und das Werkzeug, die Gartenhandschuhe, die Bergstiefel sollten aus dem Eingangsbereich in den Keller verschwinden. „Nichts will ich hier mehr herumliegen sehen!“, schimpfte sie laut und wir räumten, wienerten und schrubbten das alte Haus, so gut es ging, sauber. Sie müssen wissen, wir wohnen in einer ehemaligen Schule, die Ende des 19. Jahrhunderts hier gebaut wurde, und der alte Schulsaal, als solcher vor dem Ersten Weltkrieg zum letzten Mal genutzt, ist zum Wohnraum umgestaltet worden; man sieht ihm die Schule aber noch an, denn die Schulen Frankreichs wurden damals alle nach dem gleichen Schema gebaut und hatten vor allem einen sehr hohen Schulsaal und darüber lag die kleine Lehrerinnenwohnung. Das ist bis heute so. Wir leben also tagsüber im großen Saal, in dem auch noch immer zwei der niedrigen Holzbänke der Schulkinder stehen, und noch immer gibt es die Estrade, auf der früher das Pult der Lehrerin gestanden hat: Monsieurs Großmutter war die letzte Grundschullehrerin hier oben. Sie war noch ganz jung, als sie hier ihre erste Stelle antrat und sie hat sich in dieser Bergeinsamkeit in Monsieurs Großvater verliebt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Dorf komplett aufgegeben, nur drei Männer (allesamt aus Monsieurs Familie) waren aus dem Krieg zurück gekommen. Alle anderen Familien hatten ihre Männer, Brüder, Söhne oder Väter verloren.

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Monsieurs Großeltern aber waren dem Ort so verbunden, dass sie irgendwann die Schule kauften, bevor sie vollständig zusammenfiel und auch andere Menschen erstanden die umliegenden Höfe und Häuser und bauten sie wieder auf. Das nur am Rande, und um zu verstehen, dass wir zwar ein groß aussehendes Haus haben, aber nur wenige, winzige und außerdem nicht heizbare Zimmer über dem Schulsaal. Eigentlich passt dort jeweils nur ein Bett hinein, ein Schrank und ein Stuhl. So viel Kram wie heute hatte man früher einfach nicht. Wir stopfen also unsere persönliche Habe in die Ecken und unter das Bett, man weiß kaum noch, wo man seinen Fuß hinsetzen soll, egal, Hauptsache unten ist aufgeräumt.

Wir waren also festlich gestimmt und innerlich und äußerlich vorbereitet, aber dann gewitterte es einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang: Wasser, Hagel, Blitz und Donner, nur stundenweise unterbrochen, so dass wir es zumindest geschafft haben, das gemeinsame Essen aller Dorfbewohner etwas improvisiert im teilüberdachten Innenhof, dem ehemaligen Schulhof, le préau, abzuhalten.

DetailMesse und Fest waren nicht an ihrem richtigen Tag geplant, deshalb war Ste. Anne verärgert, wird hier ironisch gesagt. Aber es gibt hier mehrere Gemeinden, die die Heilige Anne als Namenspatronin haben und für den Pfarrer ist es eine richtige Herausforderung, alle die weit auseinanderliegenden Orte mit demselben Heiligen am selben Wochenende mit einer Messe zu versehen, und möglichst auch an allen sich anschließenden Festlichkeiten teilzunehmen. Das war in diesem Jahr unmöglich, so dass wir unsere Heilige Anne am Wochenende vor ihrem eigentlichen Namenstag feierten. Das würde in Deutschland ja nicht gehen, dieses Vor-Feiern von Namens- oder Geburtstagen. Niemand ist zwar aberläubisch, aber alle denken dennoch, das bringe Unglück … Tss, würde man da in Frankreich sagen, so ein Quatsch. In Frankreich ist man pragmatisch, das habe ich bestimmt schon einmal erzählt. Wir zum Beispiel feiern hier im Sommer mehrere Geburtstage zusammen, ganz gleich, ob sie noch stattfinden werden oder schon stattgefunden haben. Sie liegen zeitlich alle im Sommer, die Familie ist zusammen, das ist das Wichtigste und so wird einfach das Datum für ein gemeinsames Geburtstagsfest gewählt, das allen am besten passt. Hat der Heiligen Anne, unter anderem Schutzpatronin gegen Gewitter, dieses Jahr vielleicht doch nicht so gefallen, dieser Pragmatismus ;-)

Das Filmchen des Festes und der Prozession vom letzten Jahr, das ich Ihnen eigentlich zeigen wollte, existiert nicht mehr. Ich will versuchen, noch ein paar Fotos zu machen, die ich später einstelle.

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14. Juli

Voilà, ich bin nicht sicher, wie weit ich hier komme, es ist Familienferienzeit in den Bergen, das bedeutet, nicht viel Ferien und nicht viel Zeit für mich alleine, wie Sie sich vielleicht erinnern, das ist auch nicht vorgesehen: die Familie versammelt sich komplett im Ferienhaus in den Bergen, damit dort alle voneinander „profitieren“, wie das hier heißt, Ah, les vacances, profitez bien de la famille! wünscht man sich gern. Genießen solle man die gemeinsame Zeit mit der Familie. Das tun wir. Wir sind ununterbrochen zusammen. Kochen zusammen, essen zusammen, spülen Geschirr zusammen, diskutieren zusammen, spielen Gesellschaftsspiele zusammen, arbeiten zusammen im Garten, machen Ausflüge zusammen, um wieder irgendwo zusammen zu essen. Familie eben. Ganz schön. Nun ja, Sie wissen schon. Dazu später noch mehr. Wenn ich dazu komme, sagen wir so. An diesem Text schreibe ich schon seit etwa einer Woche.

VirgaWie Sie wissen, habe ich schon ein paar Tage alleine hier oben von der Stille und der Einsamkeit wirklich profitiert, immerhin, dann kam Monsieur hinzu und kurz darauf, genau am 14. Juli, auch die ersten Familienmitglieder. Es war ein wundervoller Sommertag. Wir trafen uns zum Flohmarkt und zum Essen in Guillaumes, sahen dort staunend eine Wolke in Regenbogenfarben vorübergleiten (Virga heißt diese meteorologische Besonderheit übrigens) und fuhren nachmittags eilig wieder hoch zum Sommerhaus, denn es zog sich über den Bergen gewaltig und düster zu. Abends gab es hier ein mehrere SHageltunden andauerndes Hagelgewitter; schon dreihundert Meter weiter oben verwandelte sich der Hagel in Schnee. Wir sahen staunend zu. Vor der Tür war es weiß. Hagel und Schnee am 14. Juli! Die Temperatur sank nachts rapide ab, wir legten noch eine Decke mehr auf, und ich machte mir mal wieder eine Wärmflasche. Am nächsten Morgen fotografierte ich die verschneite Bergwelt um uns herum, es schien strahlend sonniger Sommertag werden zu wollen, nur ein wenig frischer als sonst. Schnee am 15. Juli hat hier noch niemand erlebt.

Cime de PalManche gingen in aller Frühe los zum Wandern, durch Schnee und Blumen. Verrückt! Wir waren völlig aus dem Häuschen. Natürlich hatten wir, wie immer bei Gewitter, alles ausgestöpselt und als wir uns am 15. Juli vormittags wieder mit der Welt verbanden, fand ich 17 Mails und noch mehr Nachrichten auf FB vor, mit besorgten Fragen nach unserem Wohlergehen. „Mach‘ mal das Radio an“, sagte ich alarmiert zu Monsieur und klickte mich selbst nervös ins Internet ein. So erfuhren wir am Morgen des 15. Juli von dem Schrecklichen, das in Nizza, nach dem großen Feuerwerk anlässlich des Nationalfeiertags, passiert war. Schockiert und nervös begannen wir nun unsererseits Freunde und Bekannte in und um Nizza anzurufen. Waren Sie bei dem Feuerwerk gewesen? Ja, nein, aber allen geht’s gut, die meisten waren gar nicht in Nizza. Erleichterung. Ich konnte dann gerade noch hier und da sagen, dass es uns gut ging, dann machte die Livebox ein kurzes „pling“ und das Internet hatte sich verabschiedet. Zu viel Hagel, zu viel Schnee, zu viele aufgeregte Nutzer, was weiß ich. Vier Tage lang, bis Montag Nachmittag waren wir von der Welt abgeschnitten und lebten hier oben quasi heile Welt mit Schafen, Blumen, Bienen und Schmetterlingen. Der Schnee war nach knapp zwei Tagen wieder weggetaut. Für die Kinder war und ist die Informationsleere angenehm, sie spielen sorglos und bauen Hütten wie jedes Jahr, für uns Erwachsene blieb ein komisches Gefühl: Nur hin und wieder warfen wir uns Nachrichtenfetzen zu, die wir dem einzigen kratzigen Radiosender, den man hier empfangen kann, abgelauscht haben. Dennoch war ich gleichzeitig auch erleichtert, einmal nicht diesen ganzen Medienrummel „Keiner-weiß-was-genaues-Nice Matinaber-alle-senden-ununterbrochen-Aufregung“ mitzukriegen, und auch nicht in der emotionsgeladenen Facebookschleife hängenzubleiben oder vor BMFTV, in dem vermutlich zum x-ten Mal das private Video, das den Lastwagen gefilmt hat, gezeigt wurde. Zwischenzeitlich konnte ich ein paar Artikel lesen, die die Situation zusammenfassten, und heute, eine Woche danach, haben wir die Zeitungen der vergangenen Tage bekommen. Das ist allerdings ein Schock. Ich kann die Bilder nicht ansehen, ohne zu weinen. Eine Luftaufnahme zeigt ein Menschenmeer, das sich auf der Promenade des Anglais eingefunden hat, um die Schweigeminute zusammen abzuhalten.

indexIch vermeide es, Facebook anzuklicken, weil es dort schon wieder um alles andere geht. Es kränkt mich geradezu, wie schnell man sich dort wieder über jeden Kleinscheiß austauscht. Neulich habe ich mit einem Freund diskutiert, warum wir so wenig von den Attentaten in den anderen Ländern betroffen sind. Ich könnte auch fragen, warum man nur so kurze Zeit davon betroffen ist. Irgendwo habe ich diese Karikatur gesehen: Ein Männchen hält einen Karton hoch auf dem das plakative solidarische „Je suis … “ steht, gefolgt von dem Wort „habitué“: Ich bin … dran gewöhnt. Das ist wohl so. Ich bin allerdings von den Attentaten in meinem Land (das habe ich tatsächlich geschrieben, „mein“ Land, Frankreich, das Land, in dem ich lebe, ist wohl wirklich mein Land geworden) so erschüttert, wollte ich das für alle Attentate der Welt sein, würde ich vermutlich bald aus dem Fenster springen vor Gram und Schmerz. Mehr kann ich nicht an mich heranlassen.

Immerhin habe ich dieses gefühlvolle Video über Nizza auch auf Facebook entdeckt, das ich als liebevollen Ausklang zeigen möchte. Ach Nizza, diese liebliche, quirlige, wundervolle Stadt! Natürlich sollen und werden wir weiterleben, in Nizza und überall. Ja sicher, wir sollen auch wieder Feuerwerke ansehen, klar, und uns nicht einschüchtern lassen, nein. Weiterleben, es ist Sommer, es sind Ferien … Vordergründig leben wir Ferien in dieser „heilen“ Bergwelt, ja, auch wir essen und reden und spielen wie alle Tage, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, aber, um wieder einmal Hilde Domin zu zitieren, auch an blauen Tagen kann es einem das Herz brechen.

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alles gut

nur ganz schnell in die Welt gerufen, dass es uns allen gut geht – Vielen Dank für Eure Sorge, Eure Fragen, die mich auf allen Kanälen erreichen! Wir (die französische Familie) sind in den Bergen, zwei Stunden weg von Nizza, hatten hier gestern Abend ein großes Hagelgewitter und alles ausgestöpselt, insofern haben wir von dem Attentat erst heute morgen erfahren, als sämtliche Telefone wieder klingelten und piepsten … bislang sieht es so aus, als seien auch sämtliche Freunde von uns wohlauf – später mehr –

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Geheimtipp im Hinterland: Le Central

Le CentralSie wollen ja doch immer wieder Tipps von mir, meistens muss ich Sie ja enttäuschen, ich komme ja gar nicht so viel rum, wie Sie denken. Sie haben bestimmt schon viel mehr von Frankreich gesehen als ich. Ich kenne ja nur mein kleines Tal im Hinterland und dann diese laute Stadt am Meer. In Cannes kann ich Ihnen, wie schon mehrfach berichtet, nichts wirklich empfehlen. Hier im Tal aber sieht es anders aus, und eigentlich habe ich es Ihnen schon einmal ans Herz gelegt, in diesem Text übers Hinterland nämlich. Aber jetzt ist mein kleines Lieblingsrestaurant Le Central im verschlafenen Dörfchen Guillaumes in den regionalen Gastro-Führer Guide Gantie aufgenommen worden, deren Internetseite bedauerlicherweise noch nicht aktualisiert ist. Egal, wir wissen es trotzdem. Hurrah! In Nice Matin gab es außerdem eine supernette Besprechung! Ich freue mich mit Gaël und Alexandra und gratuliere! Sie haben es echt verdient!

im Guide Gantie

Bien souvent vous voulez que je vous donne des bonnes adresses, et je dois souvent vous décevoir. Je ne sors pas autant et je suis sûr que vous connaissez plus que moi la France. Moi, je connais que la petite vallée dans l’arrière pays et cette ville bruyante sur la Côte. Sur Cannes, comme je vous l’ai déjà dit, je ne peux pas vous renseigner. Par contre dans ma petite vallée oui. Je l’ai déjà fait une fois dans ce texte sur l’arrière pays, mais là il s’est passé quelque chose: mon petit restau préféré, Le Central à Guillaumes, un village un peu endormi, est rentré dans un guide gastronomique régional, le Guide Gantie, qui n’a malheureusement pas encore actualisé son site d’internet. Mais cela ne fait rien, on le sait quand même! Bravo! Et il y avait en plus une superbe critique dans Nice Matin. Je suis contente pour Gaël et Alexandra et je les félicite! Ils le méritent bien!

… et voilà ein Menü-Beispiel …

Speisekarteknuspriges Canneloni in Gazpachogefüllte EntenbrustDie gezeigten Speisen stimmen nur bedingt mit der abgebildeten Karte überein – ich habe mehrfach dort gegessen, aber nicht immer alles fotografiert – manchmal esse ich einfach zu schnell ;)

iles flottantesbaba au rhumhmmmm … c’est délicieux!

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