Hoffnung

Patrick ist heute mittag zur zweiten Chemotherapie abgeholt worden. Es schneit wieder. Ich bin traurig.

So beginnt mein Tagebucheintrag von heute. Ich habe mich entschlossen zusätzlich zum Blog ein Tagebuch zu führen. Für alles, was stattfindet, was mir momentan erwähnenswert scheint, was aber für den Blog zu banal, zu intim oder auch zu problembeladen ist.

Ich habe schon immer Tagebuch geführt. Seit ich denken kann, schreibe ich kleine Kladden voll, in den letzten Jahren waren es die dicken französischen Schulhefte mit den feinen violetten Linien. Das Tagebuch schreiben hat seit dem Beginn meines Blogs ein wenig gelitten. Nur in Ausnahmesituationen, wie etwa bei meinem Aufenthalt in Deutschland im November, schleppe ich wieder mein Tagebuch mit mir rum. Als ich es aufschlug, musste ich feststellen, dass ich etwa ein Jahr vorher den letzten Eintrag gemacht hatte. Das erinnerte mich an ein Buch von Christa Wolf, die über Jahre hinweg an einem bestimmten Tag im Jahr ihr Leben dokumentierte. Ich habe mir das jetzt nicht so vorgenommen, auch wenn es ein schönes Projekt ist, ich hingegen will versuchen, ab sofort jeden Tag zu schreiben, was ist. Jetzt habe ich mir wieder ein sonnengelbes Heft gekauft, für unterwegs, gleichzeitig habe ich mich so an das stete Schreiben am PC gewöhnt, dass ich mein Haupttagebuch im PC führen werde.

Ich schrieb bislang meist ein „Befindlichkeitstagebuch“ also Stil, wie gehts mir und warum gehts mir so? Als ich nach Frankreich kam und auf dem Hof lebte, füllte ich erstmals die Hefte überwiegend mit dem Landwirtschaftsalltag und dem fremden Leben. Jetzt versuche ich eine Mischung aus beidem:
Wie war mein Schlaf und habe ich geträumt? Erinnere ich mich? Wie geht es Patrick? Was ist heute los? Haben wir Arbeitstag oder Freizeit? Gäste oder keine? Was machen wir? Alles zu dokumentieren, werde ich vermutlich nicht schaffen, es wird Tage geben, an denen ich keine Zeit finde, aber ich will unsere Tage sehr bewusst wahrnehmen.
Patrick notiert sich ebenso alle seine „Fakten“ in eine Agenda. Gewicht, Temperatur, Schlaf? Stuhlgang? Schmerzen? Energie oder Müdigkeit? Auch Besonderheiten, wie etwa ein halbes Glas Champagner, getrunken anlässlich eines Geburtstages, werden eingetragen.

Die zwölf Tage, die Patrick hier verbracht hat, waren jeder anders. Es ging auf und ab. Eine Achterbahnfahrt. Keine Rede davon, dass es ihm eine Woche schlecht, danach eine Woche gut gehen würde. Am hellsten und leichtesten war rückblickend erstaunlicherweise der Tag des Haarverlust, der auch als Schlappohrmützentag in die Geschichte eingehen wird. Am liebevollsten waren der gestrige Nachmittag nach der Abreise der Gäste und der heutige Vormittag bevor der Krankenwagen kam. Dazwischen lagen Arbeitstage mit mehr oder weniger Energie, Gereiztheiten, Müdigkeit, Schmerzen, Schlaflosigkeit. Unsere Normalität für die letzten zwölf Tage. Wie die kommenden zwölf Tage Normalität aussehen werden, sehen wir noch.
Patrick will tatsächlich so weiter leben wie bisher, und er will, dass wir stillschweigend den Krebs in unser Leben integrieren. Mir kommt das vor, als würde ein Monster brüllend im Raum stehen und wir tun so, als hörten und sähen wir nichts. Aber ich versuche, das Spiel mitzuspielen. Nur manchmal, wenn Patrick zum Beispiel vorschlägt, noch zusätzlich einen Garten auf dem brachliegenden Gelände einer Nachbarin anzulegen, lasse ich die Realität herein und sage, ich wüsste nicht, wie und wann wir das noch machen sollten, ich fände wir hätten schon genug Herausforderung, die Auberge weiter zu führen unter den gegebenen Umständen. „Ja“, sagt er, „ich weiß, Christjann, aber ich brauche Projekte, verstehst du?“
Die Gäste, die jetzt da waren, haben die Auberge erneut für eine Woche im Sommer komplett gebucht. Ich finde das sehr ermutigend für uns, vor allem für Patrick, denn Krebs war hörbar und sichtbar Thema und ich machte mir ein bisschen Sorgen, wollen Gäste im Urlaub mit so etwas konfrontiert werden? Ich hâtte gesagt, nein, das wollen sie nicht. Aber diese Gäste immerhin hat es nicht gestört, im Gegenteil, sie haben erneut gebucht.
An so etwas hält Patrick sich fest. Alles soll und wird wie gehabt weitergehen, wir planen, wir denken in die Zukunft, als gäbe es den Krebs nicht. Hoffnung.

Ich würde es anders wollen, ich würde unser Leben anders gestalten wollen, ich würde anders mit dem Krebs umgehen wollen. Aber ich bin nicht die, die den Krebs hat. Ich bin nicht die, die so viel Hoffnung und Normalität braucht. Wenn ich darüber nachdenke, in wie vielen grausamen Situationen im zweiten Weltkrieg Menschen überlebt haben, vielleicht auch, weil sie versucht haben, in absurden Situationen Normalität aufrecht zu erhalten und nie die Hoffnung aufgegeben haben, dass „alles wieder gut wird“… Hoffen wir also, dass wir das alles schaffen, den Krebs mundtot zu machen, die Auberge weiter zu führen, glücklich zu sein und weiter zu leben wie bisher…

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Normalität

Patrick hat am vierten Tag nach der ersten Chemotherapie seine Haare verloren, büschelweise blieben die grauen Löckchen gestern in der Bürste hängen, so dass wir zu einem Friseur gefahren sind und Patrick sich den Kopf rasieren ließ. Danach haben wir eine Mütze für seinen plötzlich enorm kälteempfindlichen Kopf gesucht, und Patrick hat sich – gegen meinen Wunsch – für das Modell „Schlappohr“ entschieden…

Ich finde, dass er damit so ähnlich wie Enno, der Hund aus dem Nachbarblog, aussieht. Trotz des Haarverlusts, war gestern ein guter Tag. Wir haben, da Patrick en forme war, einen kleinen Ausflug mit dem Auto gemacht, und wir sind ein bisschen in der Sonne gesessen. Wir machten Fotos vom neuen Patrick mit und ohne Mütze, und ich finde, er sieht verändert, aber gar nicht schlecht aus. Ohne Mütze zumindest.
Gestern abend machte Patrick wie gewohnt giftige Bemerkungen zu den Abendnachrichten und ich sagte „na, super, er ist wieder da, der alte Meckerer!“ Patrick lachte.
Heute ist alles anders.
Patrick hatte nachts mehrfach Durchfall, ist heute entsprechend schlapp und außerdem ist er traurig. Er fühle sich wie eine rausgerissene Pflanze, sagt er.
Ich selbst habe auch nicht gut geschlafen, hatte Alpträume, es war düster und finster in meinen Träumen, und ich hatte viel Angst. Und ich bin sofort traurig, wenn Patrick traurig ist, und habe leider auch ein bisschen leise vor mich hingeweint. Patrick ist heute schwacher Patient und ich bin schwache Krankenschwester. Das ist keine gute Kombination.

Patrick sagt, „deine Tränen machen mich nur traurig, ich will, dass du lebst, ich will dass du lachst. Ich hab dich schon so lang nicht mehr lachen hören, Christjann“.
Patrick will Normalität. Ich habe das oft gelesen, in euren Kommentaren aber auch in Büchern und Broschüren. Ich weiß, dass es das ist, was auch mir in der Krebsklinik gut tut. Der normale Umgangston der Ärzte, Schwestern, bis hin zu den Frauen, die nachmittags Tee, Kaffee und Kekse servieren. Patrick lag ja bis zur Verlegung in die Krebsklinik in einem anderen Krankenhaus. Das war und ist ein normales Krankenhaus, eine Poliklinik. Nicht, dass die Ärzte und Schwestern dort nicht nett gewesen wären, aber völlig überfordert von einem schwer kranken Krebspatienten und seinen schockierten Angehörigen. Allein gelassen wurde er und wurden wir mit der Information Krebs, die man uns quasi kurz zwischen Tür und Angel zurief. Mit Patrick sprach dann gleich gar niemand mehr „darüber“, und mit mir sprachen die Krankenschwestern so, dass mir klar wurde, es gibt keine Hoffnung mehr.
Als wir im Krebszentrum ankamen, war dort alles anders. Herzlich, freundlich, persönlich wurden wir erwartet. Ärzte, Schwestern, Pfleger von einer beeindruckenden Ruhe und, auch auf die Gefahr hin kitschig zu klingen, würde ich sagen voller Liebe, aber gleichzeitig von professioneller Sachlichkeit. Beeindruckend. Ich habe mich erleichtert und voller Hoffnung gefühlt. Außerdem wird gelacht, gescherzt, ganz normal gesprochen. Insbesondere die Pfleger haben einem rauen Witz, der mir anfangs den Mund offen stehen ließ. Aber der Effekt ist verblüffend. Lachen! Super! Angesichts all dieser Schwere und Traurigkeit kann und darf hier gelacht werden. Genial! Und dann wird normal mit uns gesprochen, und nicht so, als seien wir schon bei der Beerdigung. Und vor allem wird zuerst mit Patrick gesprochen. Er ist der Patient. In der Poliklinik passierte es mir, dass eine Schwester im Beisein von Patrick, der weder schlief noch im Koma lag, mich fragte, ob mein Mann gegen irgendwas allergisch sei. Ich sagte, „fragen Sie ihn doch einfach selbst, er ist doch da“. Ganz abgesehen davon, dass ich ihn tatsächlich noch gar nicht so lange kenne, als dass ich wüsste, ob er gegen Jod oder gegen wasweissichnoch allergisch ist. Die Situation Krankenhaus hatten wir bislang noch nicht unserer kurzen Beziehung.

Was ich sagen will, ist, mir tut sie auch gut, die Normalität. Ich will auch Normalität, aber wie geht das? Wie mach ich das? Und gehört zur Normalität nicht doch auch gerade meine Traurigkeit? Mir ist leider die meiste Zeit nicht zum Lachen zumute, außer vielleicht, wenn ich Patrick mit seiner Schlappohrmütze sehe.

Wir sahen neulich, einige Zeit bevor wir von Patricks Erkrankung wussten, zusammen einen Film, der übrigens der erneute Auslöser für Äußerungen der Kategorie Je me tire une balle war, allerdings in der Form „Wenn mir jemals so etwas passiert, musst du etwas für mich tun, so will ich nicht leben“.
Der Film heißt Le scaphandre et le papillon, „Schmetterling und Taucherglocke“ auf deutsch, wie ich gerade ergoogelt habe, ein Film der letztes Jahr in die deutschen Kinos kam. Vielleicht habt ihr ihn gesehen? Nur kurz den Inhalt für alle anderen: Es ist die ergreifende Geschichte eines Mode-Redakteurs, der nach einem Hirnschlag in ein Locked-In-Syndrom fällt, vollkommen gelähmt ist, alles sieht, versteht und erlebt, sich aber nicht äußern kann. Lediglich ein Auge bleibt ihm zur Verständigung mit der Außenwelt. Mit dem Klimpern eines Augenlids kann er anfangs nur „ja“ und „nein“ sagen, kommt aber mit Hilfe eines speziellen Alphabets so weit, sich richtig mitzuteilen (er klimpert mit dem Augenlied, wenn der ihm vorgelesene Buchstabe der ist, den er will), und so bildet er Worte, ganze Sätze, und hat so am Ende mit Hilfe einer persönlichen Assistentin seine Geschichte geschrieben, die als Buch veröffentlicht wird. Wirklich ein beeindruckender, ergreifender Film, gedreht überwiegend aus der Sicht des gelähmten Redakteurs, fühlte ich mich beim Anschauen des Films genauso eingeschlossen, wie er. Ich kam mir vor allem anfangs vor, als müsste ich ersticken.

Mich hat am meisten die Normalität der anderen beeindruckt, angesichts eines unbeweglichen Mannes, dem die Spucke aus dem Mundwinkel tropft, der angestrengt mit seinem Augenlid klimpert. Die Normalität der Freunde und Kollegen, die ihm vorlesen und ihm alles mögliche erzählen, zugegebenermaßen waren es nur sehr wenige Freunde, die meisten waren vermutlich zu abgeschreckt, so eine Erkrankung passt nicht richtig in die hochglänzende Modewelt. Aber da ist die Normalität der Familie, der Ehefrau, die ihm Briefe und Rechnungen vorliest, die ihm den Telefonhörer hinhält, damit er seinen Vater sprechen hört, die sogar den Hörer hält, während seine Geliebte anruft, die Normalität der drei Kinder, die singen und tanzen und Bilder malen, die um sein Bett und um seinen Rollstuhl herum spielen, als wäre all das normal. Wunderbar. Wie macht man das?
Ich hoffe, ich finde mich da hinein.

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Veränderungen

Je me tire une balle hatte Patrick immer gesagt, wenn es im Gespräch um schwere Krankheit und langes Leiden ging. Er wolle so etwas nicht ertragen. Er wolle sich auch so krank niemandem zumuten. Er würde sich erschießen. Basta. Ich hatte große Furcht, dass Patrick, sobald er von der Schwere seiner Erkrankung wüsste, in die Berge ginge und nicht mehr wiederkäme…

Nicht alles wissen wollen, schützt ihn vielleicht vor solchen Entscheidungen, aber tatsächlich glaube ich heute, dass Patrick doch nicht so gehen wird. Wie sehr man am Leben hängt, spürt man vermutlich erst in lebensbedrohlichen Situationen. Patrick will leben.

Am Freitag abend kam er nach Hause, nach fünf Tagen Krankenhaus, in denen ich ihn nicht gesehen hatte, nach weiteren Bestrahlungen und 48 Stunden Chemotherapie. Er darf sich jetzt zwölf Tage hier erholen, ausruhen, arbeiten soll er nicht. Eigentlich waren wir nur die letzten fünf Tage nicht zusammen gewesen, vorher war ich zwei Wochen „unten“, an der Küste, und ich bin zwischen Nizza, wo das Krebszentrum ist, und Cannes, der Wohnung meiner Schwiegermutter, hin- und hergependelt.

Nizza! Cannes! Magische Orte an der Côte d’Azur, die plötzlich angesichts von so viel Traurigkeit doch ganz belanglos werden. Ich hätte auch zwischen Köln und Bonn heulend hin und herfahren können. Tatsächlich dachte ich zwischenzeitlich zynisch, ich könnte meinen Blog ja umbenennen in „Über den Dächern von Nizza“, denn die Krebsklinik liegt etwas oberhalb im Osten von Nizza. Nizza. Cannes. Wen interessiert das noch? Krankenhausflure sind überall gleich.

Wir hatten uns so aufeinander gefreut. Und jetzt ist alles anders. Patrick ist verändert. Kein Wunder, weiß ich doch alles. Verstehe ich doch auch. Er ist nicht nur müde und erschöpft, er ist auch still und verschlossen, mein charmanter Schwätzer, mon baratineur, über den ich in meinem Buch noch einen augenzwinkernden Text verfasst habe, weil ich dieses Geschwätz manchmal einfach zu viel fand. Oder er ist euphorisch und aggressiv und duldet keine andere Sicht auf die Dinge, wie unsere nahe oder ferne Zukunft. Meine vorsichtigen Einwände fallen in ein tiefes Loch und versinken ohne Echo. Er hört mich nicht. Es ist zu früh für all das, mich plagen dennoch Sorgen.

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Dieses nicht wissen wollen und sein daran Festhalten, gesund zu werden, immerhin hat er die Chemotherapie doch so gut überstanden, verhindert realistische Gespräche zwischen uns. Das hatten wir bislang noch nie. Und es trennt uns. Wir sind uns fern. Es gibt keinen Grund so traurig zu sein, denn er wird gesund werden. Es gibt keinen Grund über die Zukunft der Auberge nachzudenken, wir müssen uns nur ein paar Monate anders organisieren. Gerade hatten wir ein ausgebuchtes Wochenende, bei dem ich wie eine Verrückte geschuftet habe, ich habe diesmal auch Essen gekocht und vor lauter Angst und Traurigkeit ununterbrochen in meinen Spätzleteig geweint. Der Spagat zwischen dem heiteren „so tun als ob“ und der Realität brachte mich fast zum Zusammenbruch, und  dabei war ich nicht mal allein, ich hatte aktive und auch moralisch unterstützende Hilfe. Und so soll ich weitermachen? Wo soll ich dann noch die Kraft für ihn und für mich hernehmen? Da finden wir zur Zeit keine Gesprächsebene. Also wurschteln wir vorerst so weiter und schauen, was die nahe Zukunft bringt.

Verändert hat sich meine Scheu zu telefonieren. Ich wachse geradezu über mich hinaus. Habe ich die ersten Telefonate mit der Sécurité sociale noch mit zitternder Stimme geführt und ließ mich von so Sätzen wie „Wieso fragen Sie uns zu seiner Krankenversicherung? Sie sind doch seine Ehefrau, das müssen Sie doch wissen!“ einschüchtern. So telefoniere ich jetzt mit Ärzten, Autoversicherungen, Bürgermeistern und der Industrie- und Handelskammer, als hätte ich nie etwas anderes gemacht.

Die Wärme und Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner hingegen hat sich nur insofern verändert, dass sie geradezu überbordend geworden ist. Alle sind betroffen, traurig und bieten Hilfe an. Vermutlich lässt das alles auch wieder nach, wenn die Krankheit Patricks alltäglicher geworden ist. Aber letzte Woche, als ich hier oben alleine war, um Papiere zu sichten und zu ordnen, Dinge zu organisieren, die Auberge aufzuräumen und bei allem auch ein bisschen zu mir zu finden, konnte ich mich nicht retten von Essens-, Nachmittagstee-, Apéro- und Geburtstagseinladungen, vor Telefonaten oder auch nur vor schnell mal reinschauenden Nachbarn, die dann lange blieben, damit ich nicht so viel alleine bin. Nicht nur, sich mehr als zwanzig mal am Tag zu wiederholen mit den unspektakulären Neuigkeiten von Patrick, wie etwa „Er hatte heute morgen Bestrahlung, am Telefon klang er ganz normal, aber er ist sehr müde“ ist anstrengend, auch die vielen gutgemeinten Ratschläge aller, was ich baldmöglichst für mich, für Patrick, gegen den Krebs und für die Auberge tun solle, anzuhören, den eifrigen „Tu comprends, Christjann? Tu comprends ça?“ hätte ich gern geantwortet, „Ja, verdammt, ich bin weder dumm noch taub, ich kapier’ alles, was du sagst, aber wir werden trotzdem selbst entscheiden, ob und wann wir was machen“. Aber ich hab es dann nur ansatzweise so formuliert, die betreffende Nachbarin ist nun dennoch beleidigt. Sie meint es doch nur gut, sie will doch nur helfen. Aber zu viel Hilfe geht manchmal auch an die Grenze meiner Belastbarkeit.

Ein bisschen Kindergarten-Spielchen finden natürlich auch statt in so einem kleinen Dorf, wo sich bei aller Einigkeit in der Betroffenheit noch lange nicht alle grün sind. Ich bat einen Nachbarn, ob er mir helfen könne, mich schnellstens meines alten Autowracks zu entledigen, das hier seit Monaten en panne rumsteht, damit ich mich ebenso schnellstens der Versicherungskosten dafür entledigen könnte. Geradezu eifersüchtig und empört klagte mit schriller Stimme eine andere Nachbarin, warum ich denn nicht sie gefragt hätte, das hätten sie doch genauso gut machen können. Bei nächster Gelegenheit werde ich eine Ausschreibung am schwarzen Brett der mairie machen…

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Als wenn das Leben den Atem anhält

Aufgrund der Neugestaltung der Brigitte-Seite und dem vorübergehenden Verschwinden der blogs ist es vielleicht gar nicht so doll aufgefallen, dass ich länger nicht geschrieben habe. Auch eben bin ich noch unsicher, soll ich überhaupt, und wenn ja, wie viel soll ich erzählen? Ich habe ein Bedürfnis mich mitzuteilen, gleichzeitig habe ich Angst vor zu viel Öffentlichkeit…

Die letzten Wochen war ich viel mit meinem Manuskript beschäftigt, das ich trotz Gästen in der Auberge rechtzeitig zum Abgabetermin fertig bekam, vor allem, weil ich mich zuletzt in eine unserer Ferienwohnungen einquartierte. Da gibt es kein Telefon, kein Internet, keine Gäste, keine „coucou“ sagenden Nachbarn und auch keine über die Tische hüpfenden Katzen.

Am Montagvormittag vor drei Wochen brachte ich das Manuskript-Paket zur Post, nachmittags hatten wir einen Termin bei einem Dermatologen in Nizza, der sich die Knoten auf Patricks Oberkörper ansehen bzw. rausschneiden sollte. Die Knoten waren schnell gewachsen, sahen aus, als würden unter der Haut getrocknete Erbsen stecken, sie waren hart, es wurden immer mehr, einer war schon bald so groß wie eine Walnuss. Weh taten sie nicht, aber Patrick war sehr müde und fühlte sich, als habe er eine Grippe, aber er hatte kein Fieber.

Der Hautarzt sagte nicht sehr viel, nur, dass er die Knoten nicht rausschneiden würde, und wir sollten schleunigst ins Krankenhaus. Ab da atmeten wir nur noch sehr flach. Drei Tage später dann wurden die Knoten in einer Klinik entfernt, und, nein, es waren dann doch keine Talgdrüsen, die das Cholesterin nicht mehr abbauen konnten. Patrick hat tatsächlich Krebs. Leider schon sehr weit fortgeschritten. Mir schnürte es den Hals zu. Und ich hatte das Gefühl, als würde das Leben den Atem anhalten. Ich konnte zwei Wochen lang fast nicht aufhören zu weinen. Denn ich habe die Ärzte befragt, ich wollte Klarheit, soweit Prognosen möglich sind.

Patrick ist jetzt in einem Krebszentrum in Nizza. Er wurde und wird nicht (mehr) operiert. Er bekommt eine sogenannte Palliativversorgung, also man versucht, sein Leben zu verlängern und seine Symptome zu lindern, die sich unter anderem in einer linksseitigen Körperlähmung zeigten, und die dank der Medikamente und der Bestrahlung der Hirnmetastasen wieder zurück gegangen ist. Heute bekommt er seine erste Chemotherapie. Ich hatte ihn vorhin am Telefon, es geht ihm soweit gut, aber er ist sehr müde und er schlief fast ein, während ich mit ihm sprach.

Patrick geht anders mit seiner Krankheit um. Er will nicht wissen. Er fragt nicht. Aber er kämpft. Er will gesund werden. Ich wünschte auch, dass er gesund wird, ich will auch die Hoffnung nicht verlieren, aber ich habe die Prognosen der Ärzte gehört.

Und dann ist da die Auberge. Zur Zeit ist noch ganz unklar, wie es weitergehen wird.

Und auch wenn das weniger existentiell ist, es gibt auch meinen blog, den ich nun mit weniger heiteren Texten füllen werde, oder ich höre auf. Wollt ihr ein trauriges Krebstagebuch lesen? Das ist vielleicht eher etwas für Internetseiten, die sich mit Krebs beschäftigen und passt nicht richtig zwischen Mode, Diäten, Psychotests und Kinotipps. Ich weiß es nicht. Sagt ihr es mir.

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Der Anfang…

French Connection heißt mein erster Blog, den ich von Februar 2008 bis Juli 2010 auf brigitte.de geschrieben habe. Das wissen Sie vielleicht alles schon, aber manchmal verirren sich ja auch Neu-LeserInnen hierher. Daher verzeihen Sie mir, wenn ich etwas aushole. Aus diesem ersten Blog ging mein Buch Zwischen Boule und Bettenmachen hervor, aber kaum war das Buch im Mai 2009 erschienen, ging es in meinem Leben drunter und drüber, weil mein damaliger Mann Patrick an Krebs erkrankte und drei Monate später schon verstarb. Ich habe über seine Krankheit, sein Sterben und mein Leben danach ebenfalls in diesem Blog geschrieben.

Das ruhte bislang immer unangetastet bei brigitte.de – ich hatte den Blog verlinkt, so dass man ihn jederzeit lesen konnte, wenn man wollte – ich selbst mochte gar nicht mehr reinschauen, nur wissen, dass er immer noch da ist. Und jetzt ist er weg. Brigitte.de hat die Blogs endgültig geschlossen, ich habe es verpasst, es ging irgendwie an mir vorbei. Zufällig habe ich es gemerkt, weil in einem Text, den ich las, der link nicht mehr dorthin führte, wo er hin sollte.

Alle früheren Texte weg?! Gut, es gibt mein Buch, das fast alle Blogtexte vereint, aber alles, was ich über Patrick geschrieben habe, soll weg sein?! Auch, wenn ich es nicht fertig gebracht habe, alles nochmal zu lesen, es machte mir das Herz schwer. Seit ein paar Tagen krieche ich jetzt durch die Eingeweide von typepad und kopiere die Texte rüber, einen nach dem anderen, anders gehts nicht mehr. Diese Texte stehen jetzt noch vor dem offiziellen Anfang dieses Blogs – Sie kommen hin, so Sie wollen, wenn Sie rechts in der Schlagwortliste French Connection anklicken. Um mit dem (traurigen) Anfang zu beginnen, klicken Sie hier.

Bislang habe ich nur die Texte ab Februar 2009 kopiert. Ob ich die früheren noch aufnehme, weiß ich noch nicht. Es ist ein bisschen mühsam, und wie gesagt, die früheren Texte sind in meinem Buch dokumentiert. Ich habe bei der Gelegenheit alles wieder gelesen, und ich bin gerade aufgewühlt und traurig. Ich konnte übrigens weder Fotos noch Kommentare kopieren, und vielleicht funktionieren links nicht mehr, ich habe die Texte nicht bearbeitet.

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